Der Fremde: Ein Gleichniss

Part 11

Chapter 113,909 wordsPublic domain

Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte sich die Vorhänge fortzuziehen: „Sieh ihn Dir genau an und merke die Zeichen des Uebels, an dem er gestorben ist.“ Sie beschrieb sie genau. „Nun ist es zu spät. Wenn Du bei Zeiten gekommen wärst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist es auch nicht zu spät? Du weisst sehr Vieles, und es ist Dir Macht gegeben über Kunst der gewöhnlichen Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!“

Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte in ihrem Herzen: „Wenn es doch möglich wäre? Warum sollte es ganz unmöglich sein?“

Er sprach: „Lass mich allein mit ihm.“

So ging sie hinaus und schloss die Thür hinter sich.

Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem blühenden Zweig. Denn sie hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Fäulniss war mit im Zimmer zwischen dem frischen, kühlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte.

Er war an das Lager getreten und sah den Todten an.

„Er ist nicht todt,“ sagte er.

„Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schläft blos,“ sagte Maria. Sie fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt, sang sie, von der Spreu im Winde:

„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde.

„Wenn der Wind darüber geht, ist sie nimmer da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

„Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe.

„Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.

„Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein Gesicht in der Nacht verschwindet.

„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“

Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise.

„Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt,“ sagte der Fremde. „Er wurde nur geboren und nun ist er gestorben.“

„Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat,“ sagte Maria. „Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben.“

„Niemals,“ sagte der Fremde.

„Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt,“ sagte Maria. „Vielleicht ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und der Wind führt es fort. Oder Gräser wachsen aus ihm, die blühen und Samen tragen.“ Sie lächelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die Stube. Hunderte von glitzernden Stäubchen tanzten und webten. Sie stiessen sich und kreisten.

„Vielleicht,“ sagte der Fremde. „Nur er ist nicht todt.“

„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thöricht.“

„Und blind. Sie sehen nicht.“

„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind und Scheuklappen vor ihre Augen binden, um nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. Alles lebt.“

Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich neigte: „Sie denken, dass die Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und unverständig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird. Still ist die Nacht. Lieblich und gütig.“

– „Möchtest Du den wecken, der schläft? Er schläft sanft und seine Lippen lächeln. Möchtest Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig, was so still ward? Fühle, wie still es ist.“

Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf sein Herz. „Es schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, seine Wellen zu wälzen? Stört es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie klein sind!“

„Deine Mutter weint.“

„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel blutete. Das ganze Würzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie sie traurig ist!“

„Man könnte sie wieder einpflanzen.“

„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schönere Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar nicht wieder eine arme, kleine Blume sein.“

„Die draussen verstehen es nicht.“

„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder.“

„Und unglücklich.“

„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf dem Wasser liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich. _Gegen_ die Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt Dich. – Du kannst die Augen schliessen und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt es sich! – _Er_ schwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe nicht. Es ist Alles Eins – Alles ...“

Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. Alles löste sich auf, schien zu schwimmen, emporgetragen zu werden.

„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hörst, ist es Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht und blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit. Und alles Lebens Leben ist Gott.“

Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: „Leb wohl! Ich sehe Dich jetzt nicht. Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie ein kostbarer Schatz. – Den Winden – der Erde – dem Wasser“ – er schlug die Zeichen durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es fliesst und zurück fliesst. – Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und ein Ende machen.“

So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thür hinter sich, da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut, Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen Kelchen hingen die Blüthen. Die Fliegen schwirrten.

Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es wäre ein Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die Thür und Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“

Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir müssen ihn begraben, denn es ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend zu werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer.“

Martha sprach: „Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?“

Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zürnte, dass er ihren Bruder nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten Noth leiden forthin. Ihre Mutter würde ohne Stütze sein für ihr Alter. Er aber lächelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort.

Dies nahmen Viele ihm übel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die auf ein Zeichen gewartet hatten.

Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man sie fragte, ob sie nicht Leid trüge um ihren Bruder, sagte sie: „Ich warte auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in sehr kurzer Zeit vorüber – Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen, meine Pflanzen zu wässern, dass sie wachsen.“

Einige sagten: Es ist Gleichgültigkeit, Andre: Grösse. Aber es war nichts von Beiden. Sie wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum Weinen.

Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann.

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Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann berührt hatte.

So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Träume kam eine solche Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie hätte nackt vor Männern hergehen können, ohne dass sie sich geschämt hätte. Man würde vor ihren Augen alle Wollust und Sündhaftigkeit der Welt ausbreiten können, dass ihre Augen nichts gesehen hätten, die Röthe wäre in ihre weissen Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge geblickt, nur der Himmel in seiner Bläue über den Wolken, keusch wie die königliche Lilienblüthe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen könnte, Unreines, das stäubt und fliegt im Tage.

Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzüchtigen Gedanken ihr nur nahte, musste er sein Antlitz verhüllen und fliehen wie vom Blitz getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Nähe aushalten mit ihren bösen Zungen, täglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der Boden weiss friert. Es war ein armer Blödsinniger und Taubstummer, der mit ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat wie Sonnengefunkel im Mittag, bläuliches Gletschereis, wenn sie auf der Strasse ging, die Menschen und Vorübergehenden zur Seite schlichen wie scheue, geprügelte Hunde oder Wölfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fürsten hiessen, vor dem edlen Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei.

Es gab Leute, vornehme Herren und Lüstlinge, in derselben Stadt, die sich in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jungfrau nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend hinausstürzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwürgt in ihrer schäumenden Tollheit. Und Einen hatte der Blöde gepackt und er hatte ihm das Haupt aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit über die Strasse spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war für ihre Unreinheit, diese Jungfrau stärker war in ihrer Nacktheit wie ein starker Mann in siebenfacher Rüstung.

Alle Lüge und Verläumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters, der ihn verdammte.

Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die verachteten, gemiedenen Frauen und Mädchen des Orts, die unrein und hässlich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine so elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie gefallen wäre. Sie wussten, dass sie die Königin der Frauen war und priesen die Kunst in der Güte, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Männern.

Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezückten Schwertern, dass es aussah, als läge sie auf blauen, züngelnden Flammen des Eises. Nur ein Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie lösen und heimführen als ihr Gemahl.

Und Viele hatten es versucht sie zu lösen, die edelsten Jünglinge aus aller Herren Ländern, die Stärksten und die Schönsten. Und Alle waren schamroth und betrübt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der keine Lüge und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle Verstrickung und Verschönung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele, die Blumen ihrer Schönheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt.

So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben würde, es bestimmt war von Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um berührt zu werden mit unreinen Händen, zu klug für die Klugheit der Lüge und Arglist.

Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wünschte oder fragte sie wie andre Mädchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim, die um ihr Bett standen als strahlende Wächter, bis der Morgen kam, klar wie ihr Erwachen, die junge Sonne grüsste die weisse Jungfrau.

Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: „Erhebe Dich und wache auf, denn der Bräutigam ist gekommen!“

Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde berührt und vielfach gefiltert in thönernen Krügen. Oder Wasser, vom Schnee geschmolzen, wenn er jungfräulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit köstlichen Salben, von Knospen der Rosen, welche noch nicht das Licht gesehen hatten, die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Frühlings, wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee blühen und lieblicher duften denn andre.

Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Fäden. Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Fäden verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, die Königin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblättern, die zitterten, schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, dass die Fäden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von ihr.

Dieses nahm sie, legte es an und gürtete sich hoch unter den Brüsten mit goldnem Gürtel. Edel war das Gold dieses Gürtels, aus einem Stücke geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck geschmiedet gewesen. Ein ritterlicher Jüngling in seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Gürtel geschmiedet. Er zeigte alle heiligen Frauen der Welt, die sich darauf die Hände gaben. Und waren Diana, die Göttin, Jephta’s liebliche Tochter, die griechische Iphigenia und Antigone, und die edle Römerin Clölia in derselben Linie mit den Märtyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen nach derselben Richtung, als ob von da der Bräutigam käme, und bildeten einen Ring durch die Zeiten, von den ältesten bis zu den letzten, Jegliche eine Jungfrau und Fürstin, aus jungfräulichem Golde von diesem untadeligen Jüngling zu edelstem Brautschmuck verbunden. Welcher, als man ihn auf solchen vermeintlichen Fehler als heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur lächelte, sagte: „Die Keuschheit ist eine besondere Tugend. Diese führt auf dem geradesten Weg zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich selbst aller Engel Schwester. Diese Verehrung ist allen Völkern gemeinsam. – Vom Jungfrauensohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar am nächsten im Licht, hundertvierundvierzigtausend, die sich der Herr selbst erwählt aus Zion.“ So sprach dieser edle Jüngling, erstaunte Alle und Niemand vermochte ihm zu antworten. – Das Schloss aber des Gürtels stellte die Schlangen dar, wie sie sich aufrichteten mit züngelnden Häuptern. War also in ihm geheimnissvoll und symbolisch der Fall und die Erlösung verwoben, wie von dem Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und Verführung.

Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie das Licht gesehen haben und schloss sie um ihre Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, aus dem Wasser gewoben, das eher war denn die Erde, und das höhere Element ist, denn es dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind sie, dass ihr Schein wechselt mit der Laune und Stimmung des, der sie trägt, und wo ein Kranker sie um seinen Hals legt, werden sie trübe und schrumpfen ein wie die Haut unter ihnen. Silberne Sohlen band sie unter ihre Füsse und strählte ihr Haar und flocht ihre Zöpfe mit purpurner Binde. Denn ihr Haar war prachtvoll wie ein goldner Mantel, der sie bis in die Knie umwallte, jeder einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener Sonne. Wenn sie zusammenfielen, war keine Mähne der rothen Löwin so voll. Sie wogen schwerer in der Hand wie Erntelast des vielkörnigen Weizens.

Ihre Brauen waren wie Bögen der Nacht, darunter die lichte Sonne sich verbirgt. Ihre Wimpern standen in Strahlen. In der geraden Linie ihrer Nase mit athmenden Nüstern war Stärke und Feuer. Der Hauch von ihren Lippen ging wie von einem Blumenbeet, süsser denn Honig.

Es gab keine schönere Jungfrau weit und breit im Lande. Und keine untadligere, von edlerem Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt für sich allein mit dem stummen Diener.

Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer Hand, im Brautschmuck wie sie war. Und sprach: „Rege Dich und öffne die Thore! Der Bräutigam ist gekommen.“

So gross aber war das Licht ihrer Schönheit diesem blöden Auge selbst, dass die Leuchte in ihrer Hand davon erstarb, ihn dünkte, als ob es ganz dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher denn der Tag, der junge Mond selbst im Viertel seiner Geburt.

So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, die doppelt geschlossen waren, mit Riegeln versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, weil sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer grossen und gottlosen Stadt.

Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein herrlicher Prinz auf einem weissen Pferde. Alle seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, bläulichen Strahlen gleich denen des Wintermonds, wenn er in seiner Vollendung ist.

Der Prinz war mit einem weissen Leibrock angethan und hatte ein goldnes Schwert an seiner Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, darauf er sass, war purpurn. Ein scharlachnes Stirnband gürtete sein Pferd zwischen den Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf seine Schultern herab. So strahlend war der Glanz seines Auges, dass dieser arme Knecht in die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. Er dachte, sein letztes Stündlein wäre gekommen, und er könnte nicht ertragen so viel Klarheit und übergrosse Herrlichkeit.

Worauf der Andre: „Fürchte Dich nicht! Lass mich ein und heisse mein Braut den Tisch legen für mich und sie. Ich bin gekommen, heut’ Hochzeit hier zu halten.“

Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber klang. Alle Glöckchen der Pferde läuteten dazu. Seine Diener schlugen an ihre Schwerter und riefen: „Heil!“

Dieser arme Knecht schwur später, dass in solchem Augenblick der Himmel über ihren Häuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit herabgekommen wäre, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. – Denn das Merkwürdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht glaubten, für eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten.

So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor.

Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht in das Gemach, der ihm gebot: „Folge mir nicht!“ Aber durch eine Luke im untersten Keller, wohin er sich vor Angst geflüchtet und doch zitternd wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glänzten blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit.

Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwölf Spinnerinnen daran gewebt zwölf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem Rasen gebleicht, wenn die Märzsonne schien, – diese ist die früheste unter den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben – es selbst gewebt mit ihren Händen, ohne Eisen und Maschine, weil menschliche Hände feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet von ihren Gedanken, des Weibes Lust und Glorie. Die Aeltermutter Eva im ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren gesegneten Brüsten es nährend, das die Verheissung birgt, – die Lebensgebärerin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, frühgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael, Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther – aber auch sie, die die Raben scheuchte, die diese frommen und einfältigen Seelen würdig gehalten des ruhmvollen Reigens, – zwischen den Sieben die Mutter der Makkabäer, die Wölfin Juda’s, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes’ des Täufers, Hannah, die Greisin, vorahnend die Morgenschöne. Endlich die Lieblichste von Allen, die Erfüllung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst, Maria, die Königin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern berührten. Gleichsam als wären diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten.

Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glättend, sich freuend am Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein güldnes Gefäss aus reinstem Gold, das nie zuvor zu andrem gedient hatte. Dadrin war in kunstvoller Prägung zu sehen, wie Abraham den Besuch der Engel empfängt. Rechts hebt er freudig preisend die Hände, ihnen entgegenzueilen. Links sieht man schon rüstige Mägde das Federvieh rupfen, wie sie die Butter stampfen im Troge, während Sarah hinter der Thür verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. – Dieses füllte sie mit funkelndem, edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Süss war dieser Wein und stärker wie Stierblut in seiner Süsse.

Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette. Eine ländliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln tanzen schon lustige Mägde und Burschen. Sie legte das Brot hinein, köstliches, feines Brot, das sie selbst mit ihren Händen gebacken. Keine Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen den Steinen. Es gab kein edleres Brot.

Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte: „Ich weiss nicht, wann der Bräutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der Zeit.“

Solches stellte sie auf den Tisch, zündete die Lampen an, die zu beiden Seiten standen, gefüllt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und trugen Köpfe der heiligen Thiere, Adler, Löwen und verschlungne Leiber der Schlangen.