Chapter 6
Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das hintere Theil verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze die Pferde fort und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen, und auf die andern Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von dannen rannten. Wenn der junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen Augenblick der Rettung dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt, denn die Pferde hätten sich sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt, auf die sie unaufhaltsam zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei Gott beschwören! -- Todt! todt! rief schaudernd die junge, schöne, im vollen Leben reizend blühende Gräfin aus. Todt -- ich und meine kleine Marie! -- Stehe auf, Klas -- mir schaudert. Ich will dir glauben! -- Nicht todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit seinen Händchen nach der Hand der Mutter.
Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand.
Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline. Sie hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?
Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte -- zur Seeküste. Ein glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und ich danke diesem -- aber --
Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daß der Abend naht, und wie ich angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen? Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden -- und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie einen bessern Rath?
Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen, antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was da wolle.
Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem Schlosse, das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und dessen hohe zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache Gegend zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu schlichten, und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben, daß er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier eintreffen zu können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei Tage hier verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin -- was wissen Sie von meinem lieben Mann?
Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten, läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und Blässe sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin -- allerdings komme ich von Varel, aber um nie wieder dorthin zurückzukehren -- und der mich von dort wegtreibt, ist -- Ihr Gemahl!
Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick.
Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer -- das kam wie ein Blitz -- ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre! nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit -- auch in mir flammte nun Zorn auf -- es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich -- gehe -- denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr Gemahl, gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel -- wahrscheinlich um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die zwischen uns trat, nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich auf seine Jacht begeben, doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg über Bockhorn einschlug. Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau Gräfin, daß ich ganz unmöglich Ihr Schloß betreten kann und darf, das Haus eines Mannes, der mich haßt und mich, was mir noch schwerer fällt zu tragen, verachtet.
Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden, mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür kennen auch Sie ihn sicherlich -- und haben Sie ihn und wär' es tödtlich, beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich an ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.
5. Der Falk von Kniphausen.
Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, käme, und _mich_ in seinem Schlosse fände, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen -- was hätte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung, sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthänig, an des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das Glück meines künftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem Himmel dafür danken, daß mir vergönnt wurde -- was wir gewiß für eine Fügung Gottes halten dürfen -- Ihnen den heutigen Dienst mit Hülfe eines treuen Dieners zu leisten -- aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal nicht!
Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines Feindes Haupt gesammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber Cousin, Sie sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und Verweserin der Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie sind jetzt mein mir auf Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo wollten Sie denn nun auch noch hin -- da der Abend schon anbricht? Und Sie wissen ja, daß in unserm Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt! Wie befindet sich denn unsere noch lebende Ungnade, die Alte?
Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spöttische Weise verletzt, welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so kann ich berichten, daß hochdieselbe nach den Umständen, die deren hohes Alter mit manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden.
Ich höre das immer gern, lenkte die Gräfin ein. Wie schroff und wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch haben, sie zu lieben, achtungswürdig ist sie mir stets erschienen. Auch ist sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. -- Wir alle werden nicht besser mit den wachsenden Jahren, und ändern kann sich nun einmal eine Frau von neunundsiebenzig Jahren nicht mehr.
Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über diese würdige Greisin gefällt werde, hold oder abhold, günstig oder ungünstig -- versetzte Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und liebende Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden -- und das eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich nicht glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so furchtbar gegen mich in Harnisch brachte, daß er seiner selbst vergaß.
Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein lieber Cousin! erwiederte die Gräfin ernst und voll der mildesten Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich heiße Sie von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen.
Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen zu gehorchen -- die Herrin ließ ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog, gebot sie der Dienerschaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die größte Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und verwundert, die Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer Weile erst die Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und abgehetzten Pferden, von denen das eine sich im Stalle sogleich auf seine Streu legte und nach einigen Stunden todt war.
Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wünschte sich weit hinweg, so sehr ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam -- um keinen Preis hätte er doch hier ihm gegenüberstehen mögen, und deshalb war er von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenstände, die das Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, daß sie doch nichts in seiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände waren von flandrischen Tapisserien überkleidet, deren Gegenstände im großartigen Style Raphaelischer Kunstschöpfungen gehalten und meisterhaft gewirkt waren. Das Getäfel der Fensterwände war von Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertäfelungen der Zimmerwände. Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden Zimmer verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick ungehemmt über die Marschlandfläche auf den breiten Silberspiegel des Jahdestroms und jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine Bezeichnung sandiger Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen. Dahinter begrenzte das weit nordostwärts sich hinstreckende Geestland und die Hügelwellen der Dünen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser Aussicht, welche Graf Ludwig längst kannte, ließ die innere Unruhe, in der er sich befand, keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte sich wieder ab, ohne zu sehen, daß ein Reisewagen, von mehreren Männern zu Roß gefolgt, dem Schlosse sich rasch näherte.
Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden, heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten Stellen des Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der weißen Federn vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen überkleidet, und die schwarzen Klauen waren aus Labradorstein geschnitten und äußerst natürlich eingefügt[2].
[Fußnote 2: Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt gewesene bewunderungswürdige, Deutschland leider entzogene Kunstwerk ist in der Londoner illustrirten Zeitung #Vol. 19. Juli to Dec. 1851# S. 133 mit der Unterschrift: _#Jewelled Hawk, exhibed by the Duke of Devonshire#_ abgebildet und ausführlich beschrieben.]
Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen die holdeste Lieblichkeit offenbarte.
Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes Erbstück der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung in derselben nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von Kniphausen«.
Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend an sich drückte.
Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That, die ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie vergessen soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster Dankbarkeit und lebenslänglicher Freundschaft.
Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den Becher ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre himmelvollen Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im Vorsaal ein starker männlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen der Thür, und der Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen nicht trauend, wie von Eis übergossen.
Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr diese Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! -- indem er zurücktreten zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade betroffen setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf den Boden gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm gehalten sein, und sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!
Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich darstellte, auf ihn machen mußte -- sie faßte rasch alle ihre geistige Kraft zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du es dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter haben, daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank dargebracht nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst, muß ich deinem Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es deiner würdig ist. -- Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich, und trat einige Schritte näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der Herr Vetter hört hier ein Echo der letzten guten Lehre, welche mir die Frau Großmutter gab; hätte ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von Varel bis zu Schloß Kniphausen reiche. Bin ich in der That so hoch verpflichteter Schuldner geworden, so will ich jetzt nicht mit Worten danken, sondern später durch Thaten. Niemand soll sagen, Schloß Kniphausen sei ein ungastliches Haus geworden, also bis auf Weiteres einstweilen zwischen uns -- Waffenstillstand.
Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte Ottoline zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf's Neue, hob ihn gegen den Gemahl und sprach: _Ich_ habe den Pokal dem Retter meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche und wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus Künstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein konnte, als diese, die wir so eben feiern -- denn jene Versöhnung streitender Glieder einer getrennten Familie, die wieder zu einer einzigen werden wollten, galt doch nur dem Mein und Dein des irdischen Besitzthums, während wir ungleich inniger danken sollten für ein höheres neugeschenktes Besitzthum. Darum nicht Waffenstillstand, sondern -- Versöhnung!
Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beschämt mich zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, daß Sie mir mehr als verdient, ja überschwänglich gedankt!
Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October 1791 mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und wie tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre Aufforderung verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und die Großthat des jungen Verwandten würden schwer genug wiegen, um allen Groll aus ihres Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er ihr eine Bitte versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm schwer genug, durch die politischen Verhältnisse und die Verpflichtungen, die er übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr und seinen zarten Kindern getrennt zu sein. Mühsam rang der Graf nach Fassung, bewältigte sein inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr -- kennt meine Gesinnung. Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so stehe ich zu Diensten. Ich gehorche meiner romantischen Gemahlin und trinke aus diesem Falken von Kniphausen. Möge sein Wein nicht die Eigenschaft jenes Getränkes haben, das die Zauberjungfrau im berühmten Oldenburger Horn unserm Ahnherrn, dem Grafen Otto darbot. -- Der Erbherr trank und reichte den Pokal an Ludwig.
Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das köstliche Trinkgefäß und sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen und edeln Hauses!
#»Drink al ut!«# sprach mit dem sanften Lächeln der schuldlosesten Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schönen Spruch, den das Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und begeistert von so liebevollem Wort leerte der junge Graf den Goldpokal bis zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das Ottolinens, völlig die doppelsinnige Schärfe der Anspielung des Erbgrafen zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier Lieblichkeit und Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Güte eines jungen weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die Versöhnung für vollkommen.
Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer Blick sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er wahrzunehmen glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu umgarnen: der Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits Entdeckungen zu machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der heimathlichen Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des Abends beim Thee ruhig und kalt-höflich, und sah es nicht ungern, daß Ottoline, indem sie vom Schrecken der überstandenen Gefahr sich doch angegriffen fühlte, sich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünschend, sprach sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frühstück, hoffe ich, wollen wir uns alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der Falk von Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe Ottoline sehen. Träumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht!
Der Erbherr fand nicht für angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen -- er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und schied mit höflichem Wunsche.
Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühstück fand nicht Statt. Das von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb.
Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er sogleich schlafen können nach Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten werde, aber wie ungern schied er nun!
Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz über ihn. Rasch jagten sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden -- er hielt wieder den Falk von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline schmiegte sich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie küßte ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute der Traum die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm gegenüber mit der tödtlichen Waffe, und da stand auch wieder die Großmutter, als ob sie lebe, in der Glorie ihres starren Stolzes zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber nicht Jenem galt ihr zürnendes, strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres alten ahnenreichen Stammes sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete sie ernste Worte mit tiefer männlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig schon einmal vernommen hatte. »Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein von allen unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und Neigung und Sinne sich dagegen sträuben. Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung gehen -- o gehe rein aus ihnen hervor!« -- Diese Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an deren Stelle; lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der Heerlager, berghohe Meereswogen -- Stürme und ruhige See -- hohe Burgen und Schlösser -- stille Thäler -- eine Siedlerklause -- eine dunkelschattende Kastanienallee -- ein einsames Grab, und in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins -- all' sein Glück.
Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forschend an, ob sie den Blick vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage; aber sie sah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer Blick sie erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du nicht froh?