Chapter 41
Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlüberdachten Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den einfachen ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz abweichend war, so wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde gelangte, bis in's Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald war auch hier der Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und wiewohl der große Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm auszusetzen. Es erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der Mann sich so abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem Wege ging. Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er durch reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten erwies, erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie stand in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als in dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen Bewohner hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb. Kluge und alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame.
Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse. Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als fortlebender Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart jenes frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. -- Ebenso gaben die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig untersagte seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es, die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt, und so kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr -- ein Sonderling -- ein Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener Verbrecher -- an der Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen sprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen Eigenheiten hervortreten ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das Lächerlichste und Boshafteste verdreht und entstellt, wurde aufgetischt als Neuigkeit, wurde glossirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß, ohne jedoch dabei nur im Geringsten den vielen vortrefflichen Eigenschaften der beiden Verbundenen die geringste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
9. Ein alter Bekannter.
So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 herangekommen. Zahlreiche Truppendurchzüge fanden statt und auch das Schloß zu Eishausen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts wesentlich geändert, bis ein ebenso unerwartetes als erschütterndes Ereigniß eintrat, das wir hier erzählen wollen.
Eines Tages geschah es nämlich, daß neue Einquartirung anlangte, ein französischer Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten, die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Führer über den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmärschen dem Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die armen, durch wochenlange Eilmärsche entkräftete Soldaten durch Speise und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein großes Glas Bordeaux dar, dessen finstere Züge sich bei dem langentbehrten Genuß zu erheitern begannen. Plötzlich schrak Philipp heftig zusammen, so daß ihm fast die Flasche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte, einen Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerührt, dem französischen Kapitän in's Gesicht, faßte dabei krampfhaft des Verwalters Arm, ließ ihn dann schnell wieder los und eilte davon. Auch der Franzose zeigte sich plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp mit dem gleichen Schrecken angestarrt, stürzte das Glas Wein vollends hinunter und rief: #C'est impossible! Impossible!#
Während dessen war Philipp nach seiner Stube gerannt, versah sich hier mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das Werk weniger Minuten.
Der Hauptmann saß während dessen, den Kopf in die Hand gestützt, am Tische, wie in düsteres Hinbrüten versunken. Jetzt fuhr er mit glühenden Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit rauher Stimme auf Französisch schnell hintereinander mehrere Fragen an den Verwalter, die dieser, der französischen Sprache unkundig, nicht beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will zu ihm, ich muß ihn sprechen! -- Der hochbejahrte Verwalter gerieth in eine große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das Haus, ein Mann von rüstiger Kraft und herkulischem Körperbau; dieser befreite sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestüm des Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, daß wir euch zu essen und zu trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt ihr, es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat #anno# dreizehn geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben -- untersteht's euch nur! Hinauf geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr schießt euch todt wie einen tollen Hund, daß ihr's wißt. Denkt ihr Lumpenhunde, wir fürchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die Sturmglocke, schlagen euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn kräht mehr nach euch! -- Der französische Hauptmann gerieth bei dieser energischen Drohung in eine kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es war, konnte sein Gesicht nicht werden; grimmig schleuderte er das Glas, aus dem er getrunken, mit einem wilden Fluche zur Erde, knirschte in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen, rief seinen Leuten einige Worte auf Französisch zu und stürzte aus dem Hause. Philipp stand in der Stallthüre und hatte schon das gesattelte Pferd am Zügel, seine Absicht war, nach Hildburghausen zu jagen, Hülfsmannschaft für den bedrohten Ort herbeizuholen und den Hauptmann in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte ihn und jener hatte Philipp erkannt -- es war kein Anderer als Berthelmy, Angés' verruchter Meuchelmörder. Wie der treue Diener ihn aus dem Hause stürzen sah, ließ er das Pferd los und eilte Jenem nach. Berthelmy ging zwischen dem Dorf und dem Bach, welcher sich rasch und rauschend ergoß, auf die Wiesenfläche -- augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner kritischen Lage irgend einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in ohnmächtigem Grimme; es war, das sah er selbst wohl ein, kein Spaß mehr mit diesen deutschen Bauern zu machen, die Erinnerung des Landvolkes an den Druck, an den Uebermuth der Franzosen war noch zu neu und lebendig; überall mußten dies die Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine empfinden, das Landvolk besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen Flüchtlingen und Manchen derselben traf blutig die rächende Nemesis.
Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg überschritt und längs des mit hoher Planke umfriedeten Wiesengartens abwärts, dem Bache der Rodach nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm, hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn es sein müßte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen.
Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an einer Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte, kehrte er wieder um, -- da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde gewachsen und vertrat ihm den Weg.
Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit der Gier halbverhungerter Menschen über die Speisen und Getränke her, die man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein Bauernhaufe vor dem Schlosse, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und Dreschflegeln.
Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu, daß sie nun suchen sollten davonzukommen.
Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den sie erst jetzt vermißten. Bald sahen sie ein, daß sie dieser Uebermacht gegenüber den Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernschaar verstellte den Flüchtigen den Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte sie einen Feldweg einzuschlagen, der sich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden nach Streifdorf und südwärts zog, und gab ihnen unter deutschen Kernflüchen noch eine Strecke weit das Geleite.
Mittlerweile sank die Herbstnacht in das Thal herab; die laut plaudernde Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es wieder ganz still um das Schloß, ja recht todtenstill, nur die Wellen der Rodach unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum.
Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause geschlichen, der Verwalter erschrak über seinen Anblick, denn Jener war bleich wie der Tod, stöhnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd mit gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. -- Er mußte sogleich zu Bette gebracht werden.
Voll Bestürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp unter heftigem Schmerzgestöhn, was sich zwischen ihm und dem französischen Hauptmann auf der Wiese hinterm Schloß, dicht am Ufer der Rodach, begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den abscheulichen Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derselbe nicht lebend das Schloß wieder verlassen dürfe, stand sogleich sicher vor seiner Seele. So ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg, und warf sich mit einer wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein kräftiger Mann, wehrte sich verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die Rache Riesenstärke; bald war der verruchte Mörder der herrlichen Angés völlig in seiner Gewalt, Philipp's Faustschläge betäubten ihn und obwohl es Jenem noch gelang, seinen Angreifer mit einem Stilett tief in der rechten Seite zu verwunden, so achtete Philipp dessen doch nicht, und auf Berthelmy's Brust knieend, drückte er ihm so lange die Kehle zu, bis derselbe kein Glied mehr regte. Dann schleifte er den Leichnam an den Haaren nach der nahen Rodach und warf ihn in den dunkelschäumenden Bach.
Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere Betrachtung zurückdrängen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand des Kranken bereits so sehr verschlimmert, daß der Arzt an seinem Aufkommen zweifelte. Berthelmy's Stilett hatte noch einmal, zum Letztenmal den Weg zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter unsäglichen Schmerzen gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst einige Wochen nach seinem Tode fand man die Leiche des von ihm erdrosselten Berthelmy in den Weidengebüschen der Rodach auf.
10. Stillleben.
Wo bliebe ein irdisches Dasein von den Stürmen des Schicksals unberührt? Und wo blühte das Menschenleben, dem alle Hoffnungen sich erfüllten? Auch hinter Ludwig und Sophie hatte sich damals, als sie das Schloß von Eishausen bezogen, die Welt der Stürme und der herben Geschicke nicht völlig abgeschlossen, aber dennoch waren sie glücklich; der Himmel verlieh ihnen Mäßigung, jene kleinen Leiden als das Unabwendbare zu ertragen, und Tugend, großer Freuden würdig zu sein. So schwanden ihnen die Jahre dahin, nur ihre Herzen und deren treuer Liebesbund alterten nicht.
Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter ironischen Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath Wippermann, früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der so gütig ist, mir zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir als neueste Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen gefunden hat, über alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner mit Madame Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch das öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken.
Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrücke nicht, bester Ludwig?
Der Graf schlug den Brief auseinander und las: »Seine Erlaucht haben sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchstihrer Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.«
Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie.
Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt der Eingebung seines Gemüthes und verachtet die Formen des alten Herkommens.
Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des Hauses? Werden diese ihr volle Gültigkeit zugestehen? fragte Sophie weiter.
Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen, aber ein hoher Trost ist im Buche aller Bücher enthalten, welcher lautet: »Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfahen.« Mein Vetter ist treu und beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen durch trotz aller widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand hat ein Recht, ihn zu tadeln, daß er seinem Herzen folgt, daß er der Frau, die er wahrhaft liebt, daß er der Mutter seiner Söhne, und dadurch den letzteren selbst die Rechte gibt, die ihnen gebühren, die aber ganz sicherlich auf das Heftigste werden angefochten und bestritten werden.
Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen Ländern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du selbst hast mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in England ungleich vernünftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich herrscht für die Herzen mehr edle Freiheit.
Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren Zöpfe so lang und unförmlich sind, wie das weiland römische Reich selber. Da darfst du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen, sondern nur nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit und wird es ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein reformatorischer Titane von Gott berufen den ganzer Plunder des alten sogenannten römischen Rechts mit all' seinen Pandekten, Institutionen, Digesten, Glossen und wie das Zeug weiter heißt, aus Deutschland hinausfegt, und an die Stelle der Verdrehung, der wälschen Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und Fälschung den Altar des einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen Wahrheit errichtet. So lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe zu klagen:
Es erben sich Gesetz' und Rechte, Wie eine ew'ge Krankheit fort; Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte, Und rücken sacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage, Weh dir, daß du ein Enkel bist! Vom Rechte, das mit dir geboren ist, Von dem ist leider! nie die Frage.
so lange wird es auch mit unsern Rechtszuständen nicht besser werden. Und liegt nicht, um das nächste Beispiel aufzugreifen, selbst für mich in diesen Goethe'schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die Processe im reichsgräflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rücken sie nicht sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher im Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im Weiterschreiten rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung raubt, alle Liebe ertödtet. Ist es nicht naturgemäß und vernünftig, daß der Sohn des Vaters Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht wandelt diese Vernunft in Unsinn, sie knüpft an tausend Clauseln, Formeln und Bedingungen das Erbrecht an, und macht die Söhne der reinsten Liebe zu ausgestoßenen, ja durch die Geburt schon im Mutterschooße gebrandmarkten Bettlern. »Wohlthat wird Plage.« Weißt du, daß Hofrath Brünings mir einen Proceß an den Hals werfen wollte wegen des Falken von Kniphausen? Ich sollte mein Recht auf dieses Geschenk der Großmutter sonnenklar documentiren, sollte schwören, daß der Falke rechtlich mein sei, ich sollte mich vor Gericht stellen, sollte in meiner schönen Einsamkeit die ganze Plage der Verhandlungen mit Advocaten haben und durch diese Gabe der unvergeßlichen Frau das centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe's empfinden:
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen dänischen Spinne zu verstehen gegeben, daß sie ein giftiger Kanker ist, und mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht verzichte, »das mit mir geboren ist«.
Du wolltest mir längst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in deiner Familie erblich sind. Nicht, daß ich neugierig darnach fragen will, aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen »und doch einmal die bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.«