Chapter 39
O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf freudig bewegt und führte ihre Hand an seine Lippen. Ich zitterte Ihrer Entscheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein Recht. Alles Glück, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz Ansprüche haben, wären Ihnen vom Kaiserhofe zu Theil geworden; Ihre Frau Mutter hätte das wohl am Liebsten gesehen.
Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit sanftem Erröthen: will mit Ihnen gehen, wohin Sie mich führen, in die Stille, nur in die Stille, auch Sie lieben ja die Stille, und ich sehne mich gleichfalls nach ihr.
Ludwig war selig in seinem Gefühl -- eine Vorahnung heiliger Stille, süßen Friedens kam über ihn und erfüllte sein ganzes Herz. Er sah nun, wie kein Gedanke in Sophie den Wünschen widerstrebte, die den holden Traum seiner Zukunft ausmachten.
Bei der Rückkehr in das Gasthaus trat ein stattlicher Herr dem Paare entgegen, kraftvoll gebaut, von militärischer Haltung, viele Ordensinsignien auf der Brust. Ludwig gab es einen Stich in's Herz, er wollte schnell mit seiner Begleiterin an ihm vorübergehen, aber Jener vertrat ihm den Weg, und rief erstaunt: Ludwig! Vetter! Du hier?
Wie du siehst, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Augenblick zu deinem Befehle, erlaube nur, daß ich diese Dame erst nach ihrem Zimmer begleite.
Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; Sophiens edle Haltung, ihre zarte Gestalt fielen ihm auf. Nicht übel, murmelte er: nicht übel! -- Ja, das muß wahr sein, schöne Mädchen gibt es in der Kaiserstadt, oder sollte das eine Fremde sein?
Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem zarten und innigen Verhältniß Ludwig's zu den hohen Frauen, die das Schicksal in jene Asyle am Rhein geführt. -- Da Windt Ludwig's nie gedacht hatte, zumal der Erbherr immer sichtlich vermied, nach ihm zu fragen, so konnte dieser auch Nichts erfahren, und wenn Ludwig's je einmal, wie es bei der Unterredung bezüglich des Falken der Fall gewesen war, Erwähnung geschah, so berührte der treue Intendant doch auf keine Weise jenes Verhältniß.
Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flüchtigen Worten mit, daß jener Herr derselbe Verwandte sei, von dem so eben Kaiser Alexander gesprochen habe; dann eilte er wieder zu diesem hinab, worauf die beiden Vetter sich mit einander in ein abgesondertes Zimmer begaben, um ihr Wiedersehen nach so langer Trennung bei einer Flasche Champagner zu feiern.
Das Gespräch lenkte sich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht gemüthlichen Stimmung; das drohende Gespenst der Mediatisation schien nicht auf dieselbe einzuwirken. Was ihm am Meisten am Herzen lag, der Wiedergewinn jenes kostbaren Trinkgeschirres, das er in Ludwig's Händen wußte, wurde auch bald Gegenstand der Unterhaltung. Als Graf Ludwig von dem Tod der Großmutter erzählte, daß er noch ihren letzten Segen erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit:
Und noch mehr, noch Besseres erhieltest du von ihr. Du empfingst auch noch den Falken!
Allerdings, und zwar mit verbriefter und besiegelter Urkunde rechtmäßigen Besitzes in Folge freier Schenkung, versetzte Ludwig.
Was gedenkst du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit schlecht verhehltem Aerger.
Nichts, antwortete Jener trocken.
Man sollte doch dies Geräth bei der Familie lassen, Vetter! sprach der Graf nach einer Pause.
Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zukünftigen? fragte mit scharfer Betonung Ludwig, und diese seine Frage verwirrte den regierenden Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, so hätte sie ihn aufgebracht; doch bezwang er sich und sprach ruhig weiter: Mit einem Wort, Vetter: wir, der Admiral und ich, hätten den Falken gern wieder, überlass' ihn uns, tritt ihn uns käuflich ab, stelle deine Forderung, wir schaffen die Summe!
Ludwig blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als wolle er sich die Sache überlegen, dann sprach er: Wirklich? Ihr schafft die Summe? Ach, da thut es mir in der That recht leid, daß ich nicht im Stande bin, euren so billigen Wunsch erfüllen zu können.
Warum nicht?
Weil ich nicht mehr im Besitz jenes seltenen Vogels bin.
Um des Himmels Willen, was muß ich hören! fuhr der Graf erschrocken auf. Wurde er dir entrissen? Gabst du ihn hin? An wen gabst du ihn und wie theuer?
Nie würde ich so unwürdig handeln, dieses werthvolle Familienstück zu verkaufen, Vetter! Das denkst du gewiß nicht von mir!
Nun denn, wo kam der Falke sonst hin? fragte der Erbherr in ungeduldiger Spannung.
Ich habe ihn verschenkt, war Ludwig's ruhige Antwort.
Verschenkt! Hör' ich recht, verschenkt! schrie Jener außer sich. Ich bitte dich, Ludwig! Wußtest du, was du thatest?
Ich wußte, was ich that, mein lieber Vetter, ich war bei vollem Bewußtsein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den Händen zu geben, schenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und sehr reichen Dame, die ich liebe.
Der Reichsgraf stieß sein Champagnerglas so heftig auf den Tisch, daß es klirrend zersplitterte.
Fahr hin, Glück von Edenhall! sprach dazu Ludwig ganz kaltblütig, mit einer Anspielung auf eine bekannte Sage.
Was ist's mit dem Glück von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und hastig, indem er seinen Grimm zu bemeistern suchte.
Als ich in England, in der Grafschaft Devonshire war, erzählte Ludwig, nachdem er ein frisches Glas und eine frische Flasche Champagner bestellt hatte: fand ich auf dem reizenden Schloß Chatsworth, in einem Zimmer, darin die unglückliche Maria Stuart sechzehn Jahre ihres Lebens vertrauerte und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte schottische Chronik, darin ich von einem schönen Krystallbecher las, welcher dem Grafenhause von Castle Edenhall in Cumberland als Geschenk einer Fee gehörte, und »das Glück von Edenhall« genannt ward. So lange es existirte, sollte des Hauses Glück unwandelbar blühen. Ein Sproß des Hauses von wildem Sinn wollte das Glück versuchen, stieß das Glas auf, und da zerbrach es unter schrillem Klang. Wie jener Becher zersprungen war, wich alles Glück vom Hause der Lords von Edenhall, es spaltete sich die Familie, ein Unfriede herrschte darin und Alles ging zu Grunde. Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke, wenn Jemand mit Absicht oder auch ohne Absicht ein Geräth zerbricht: Fahr hin, Glück von Edenhall!
Eine düstere Wolke des Mißmuths lagerte sich über die Stirne des Reichsgrafen.
Erst nach einer Pause fragte er, als könne er den Gedanken noch immer nicht fassen, mit erneutem Erstaunen: Du hast also wirklich den Falken verschenkt? Sage mir, Mensch, hast du den Stein der Weisen gefunden? Kannst du Gold machen?
Wer weiß, entgegnete Ludwig geheimnißvoll, dem es eine wahre Lust war, den Grafen durch Zweifel zu quälen. Als ich die Bäder von Buxton gebrauchte, besuchte ich auch die in jener Gegend gelegene berühmte Peakhöhle bei Castleton; ich stand in der gothischen Geisterkirche dieser majestätischen Stalaktitenhöhle, einer Kirche, welche die Hand der Natur für den Weltgeist wölbte; ich lauschte dort einem Chorgesang, der wunderbar erklang, tief schwermüthig, und was tönten diese fernen Stimmen unsichtbarer Sänger? Es waren Strophen einer altschottischen Ballade, davon lautete die letzte:
»O leide, leide, mein wackrer Falk, Die Federn fallen dir aus! O leide, leide, mein liebster Herr, Seht blaß und elend aus!«
Ja, es war schön und reizend im Castle Chatsworth. Und siehst du, Vetter, dort könnte ich wohl auch den Stein der Weisen gefunden haben.
Wie finde ich dich so ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du scheinst viel Glück gehabt zu haben! Bist wohl sehr reich?
Hm, es geht an! versetzte Jener mit leichtem Tone, so reich bin ich mindestens, daß mich nicht nach russischen Rubeln gelüstet!
Wie kommst du darauf, Mensch, der Grafschaften verschenkt? fragte betroffen der Reichsgraf.
Siehst du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Grafschaften verschenke, so befreie ich mich dadurch nur von einer großen Furcht und Sorge, und ich habe mir nun einmal fest vorgenommen, sorgenlos zu leben.
Welche Sorge meinst du? fragte Wilhelm gespannt.
Ich meine die Sorge, mediatisirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken.
Was, Mensch? Bist du ein Dämon! Welche Geheimnisse trägst du mit dir herum? Wer hat dir von russischen Rubeln gesagt? Wer von Mediatisirung? Niemand weiß etwas davon!
Willst du es durchaus wissen? -- Ja! -- Nun denn, der Kaiser von Rußland, vorhin, als ich bei ihm war.
Beim Kaiser von Rußland, rief Graf Wilhelm, dessen ganz verstörter Zustand nunmehr Ludwig's Mitleid rege machte. Er sprach daher mit vieler Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zürne mir nicht; ich war ein wenig böse auf dich und neidisch auf den Vice-Admiral.
Ha! glaub's wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm.
Nicht doch, versetzte Ludwig, sondern daß ihr mich so ganz vergessen und zur Seite geschoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir stehen und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht hätte ich deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die fünfzigtausend holländische Gulden, die ich dir in Doorwerth lieh und lasse dir davon einen andern Falken machen. Ich schenke sie dir, sammt den Zinsen von zwölf Jahren.
Redest du im Ernst, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der Reichsgraf.
Mir war selten so wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vetter so unvermuthet wiederfinde, versetzte Ludwig.
Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pause mit Wärme fort: du zeigtest mir damals selbst im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die ärgste Kränkung angethan; selbst von dir zuerst beleidigt, hätte ich dich nicht so wieder beleidigen dürfen, wie ich es that; du konntest mich fordern und todt schießen; du hast mein Leben aufgespart zu vielem herben Weh, aber auch zu unendlichen Wonnen, die mir entgegenblühen, darum nimm mich nun, wie ich bin, aufrichtig und ohne Falsch. Auch warst du es, der als der Aeltere mir zuerst die Hand zur Versöhnung bot; dein Edelmuth gewann dir meine ganze volle Liebe, und nun von allen diesen Geschichten kein Wort mehr. Laß uns anstoßen: Unsere lieben Todten sollen leben!
Theuere Namen klangen durch Ludwig's Erinnerung: Ottoline, Leonardus, Sophie Charlotte, Angés. Thränen entstürzten seinen Augen, er sprang auf, umarmte Wilhelm mit stürmischer Innigkeit und eilte fort.
Der Abend dieses Tages fand Sophie und Ludwig schon nicht mehr in Wien. Rasch, wie sie gekommen waren, verließen sie die Kaiserstadt wieder, aber sie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie rasteten in Pölten, und gönnten sich an den übrigen Tagen Zeit, von der schönsten Witterung begünstigt, die herrlichen Ufer des Donaustromes zu bewundern. Sie sahen Regensburgs alte versinkende Herrlichkeit, sahen das alte Nürnberg und sein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und Coburg reisten sie dann nach dem Dorf Eishausen; der Graf hatte Befehl gegeben, dort anzuhalten, und führte die junge Prinzessin durch die Hauptstraße des Ortes.
Erinnern Sie sich nicht, schon einmal hier gewesen zu sein? fragte er sie.
Allerdings ist es mir so, erwiederte sie: doch weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen, wann es war.
Es ist derselbe Ort, sprach der Graf, in welchem ich Sie und die selige Angés nach langer Trennung zum Erstenmale wiedersah, als Sie mit Ihren theueren Eltern nach Rußland reisten.
Ach ja, jetzt entsinne ich mich! rief Sophie gerührt: Dort stand eine schöne Kirche, dort ein ziemlich großes Schloß, hier vor dem Wirthshaus war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater fürchtete von ihnen erkannt zu werden, wir fuhren daher sehr schnell weiter.
Nach kurzer Rast wurde die Reise nach Hildburghausen fortgesetzt. Als der Weg sich von dem hohen Stadtberg thalwärts niedersenkte, als zur Rechten der Blick auf Wald, Wiesen und Dörfer frei ward, zur Linken auf grünende Berggärten und heitere Gelände, und unten im Thale die schöne Stadt so friedlich ruhte, das Abendsonnengold gerade wie damals über die ganze Flur ein magisches Zaubernetz warf und eine Glocke vom stattlichen Kirchthurme herab die Feierabendstunde verkündete, da überkam unsere Reisende ein unnennbar süßes Gefühl der Ruhe, der sanften traulichen Befriedigung. Es war als schließe hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll Unfriede, voll Haß und Verfolgung sich ab, und ein neues Leben, nur dem Frieden und der Liebe geweiht, thue sich vor ihnen auf.
Dasselbe Gasthaus, in dem damals die fürstlichen Reisenden während des Pferdewechsels eingetreten waren, der »Englische Hof« in Hildburghausen, nahm sie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu ungleich längerem Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft suchte der Graf um eine Audienz bei der regierenden Herzogin Charlotte nach. Diese gebildete Fürstin, deren Geist und edles Herz noch heute im treuen Andenken von Stadt und Land fortlebt, empfing den Grafen mit Güte und dankbarer Erinnerung.
Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang hier aufhalten zu dürfen, sagte Ludwig nach der ersten Begrüßung. Ich suche mit einer Gefährtin von hoher Geburt die Einsamkeit, die tiefste Stille. Ueber jener Dame Abkunft schließt mir ein theures Gelübde den Mund, das nur ein strenger Befehl lösen würde, der dann zugleich mein Verbannungsurtheil, meine Ausweisung wäre. Mein Ehrenwort leistet dafür Bürgschaft -- ich selbst darf nichts sagen, wie gerne ich auch einem so edlen Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen würde.
Ich verstehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin lächelnd. Wir sind hier am Hofe etwas schwatzhaft geartet, meinen Sie nicht? Nun, Sie mögen nicht so ganz unrecht haben! Uebrigens sollen Sie sehen, daß ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, Ihr Geheimniß jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, für deren Ritter Sie sich erklären, nach Kräften zu schützen. Je länger es Ihnen bei uns gefällt, um so mehr soll es mich freuen; aber von Einem seien Sie zum voraus fest überzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr Geheimniß zu kommen, so werden's andere Leute dafür um so eifriger sein. Mit einem Wort: Hüten Sie sich vor der delphischen Weisheit unserer guten Residenzbewohner.
7. Das große Räthsel.
Die Fürstin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheimnißvolle Paar sein möge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit vielem Aufwande im »Englischen Hof« wohnte, war schon nach wenigen Tagen das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Residenz, und die Nachbarn betrachteten das so wohl bekannte Hotel um seiner geheimnißvollen Gäste willen mit Blicken des Befremdens und der Neugierde.
So lange die unbekannte Herrschaft noch im Gasthaus wohnte, durfte nie ein Kellner die Zimmer derselben betreten. Man hatte eigenes Tafel-, Tisch- und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen der Fremden von auswärts an, ebenso waren Service angekauft worden. Später miethete der Graf die schönste Wohnung, welche in Hildburghausen zu haben war, in einem Eckhause am Markt, das nach jener Zeit als Regierungsgebäude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein Nachbar konnte ihm in die Fenster blicken. Täglich fuhr er, nur von einem einzigen Diener begleitet, mit der stets verschleierten Dame im eignen eleganten Wagen spazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie sich selbst im herzoglichen Marstall kein schöneres befand, erregte die allgemeinste Bewunderung.
Allmählig füllten sich alle Gesellschaftskreise der Stadt mit Nachrichten über den räthselhaften Fremden und seine Begleiterin. Daß die öffentliche Meinung den Grafen für einen französischen Emigranten hielt, war in den Verhältnissen und Ereignissen der Zeit begründet; darüber war man im Allgemeinen einig -- aber noch gar manches Andere blieb dafür um so räthselhafter und spottete aller Nachforschungen.
Zu ihrer großen Belustigung hörten sie bald, mit welcher Romantik die erfinderische Fantasie der guten Kleinstädter sie Beide umkleide; und es gewährte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, sich die Abenteuerlichkeiten erzählen zu lassen, die über sie im Mund der Leute umgingen.
Mit Hülfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im steten Verkehr mit der Außenwelt, während sie Ludwig zugleich ein Mittel boten, Sophien in mannichfaltiger Weise zu unterhalten und zu belehren. Beim Thee, den sie selbst mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor, oder er erzählte ihr aus seiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der Großmutter, aus der Geschichte seines Hauses, von seinem Aufenthalt in England, so daß keine Stunde der Langeweile die junge lebhafte Prinzessin beschlich. Graf Ludwig verstand es, den so häufig trocknen Ton der Zeitblätter zu würzen und sie mit vielem Humor zu erläutern. Die Zeit war schwer, viel Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf Deutschland drückte lähmend wie ein Alp Napoleons Herrschaft. Jede freie Aeußerung, welche deutschen Sinn athmete, wurde unterdrückt, und deutscher Vaterlandsliebe drohten Fesseln und Kerker. Da mußten die einsamen ganz auf sich beschränkten Fremden in der kleinen Stadt noch zu einem andern Mittel greifen, um die Stunden zu verkürzen und das Leben zu weihen, und dieses Mittel bot ihnen die Poesie. Mit Entzücken nahm Sophie den Geist deutscher Dichtung auf, mit Begeisterung führte sie der Freund in die schöne Literatur ein.
Mit den Zeitungen über die trübe Zeit brachte Philipp eines Tags auch einen Brief, der das Poststempel London trug. Ludwig erschrak beim Anblick des Trauersiegels, er ging hastig in ein Nebenzimmer, zitternd öffnete er -- ach, schon sagte sein Herz ihm Alles!
Meine Mutter! O meine schöne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in seinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er sich auf's Sopha.
Sophie eilte herbei, sein Anblick erschreckte sie auf's Heftigste und bestürzt rief sie aus: Was ist Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren Schmerz nicht theilen? O, sagen Sie mir, welche Schreckenskunde Sie so tief erschüttert?
Ach, meine Mutter! seufzte Ludwig: oder doch zum Mindesten geliebt von mir wie eine Mutter! Lesen Sie, theure Sophie, am dreißigsten März, neun und vierzig Jahre alt, und welche Frau!
Aus Ihrem Schmerz entnehme ich die Größe Ihres Verlustes! sprach Sophie bewegt. Lassen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einst die meine theilten! Erzählen Sie mir von der Verklärten, das wird Sie erleichtern und mich zugleich in den Stand setzen, Ihren herben Verlust zu theilen.
Ludwig fühlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieses jungen reinen Herzens war, und suchte sich zu fassen. Auf's Neue erkannte und segnete er den Engel, den das Schicksal ihm in Sophien zur Seite gestellt hatte. Auch dieser Kelch mußte geleert, auch dieses Leid ertragen werden.
Mitten in diesem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bückeburg; der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Januar erfolgte Ableben seines Bruders, des reichsgräflichen Haushofmeisters Windt. Er war in Stadthagen sanft verschieden und ruhte ohnweit des Grabes seiner treuen Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war.
In dem untern Stock des Hauses, welches der Graf bewohnte, befand sich die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in derselben Feuer aus, welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit gelöscht wurde. Dennoch trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen veranlaßte, die Miethe auf der Stelle zu kündigen. Bald fand sich ein anderes Haus, in der schönen neuen Vorstadt gelegen, welche auch von Emigranten angebaut war. Im Anfang war die Eigenthümerin dieses Hauses unschlüssig, ob sie den Fremden ihr Haus einräumen solle; denn das Geheimnißvolle ihrer Personen und die vielen über sie umlaufenden Gerüchte und Mährchen schreckten sie ab. Als betagte Wittwe eines hohen Staatsbeamten, und als eine Frau von Welt und Bildung, mochte sie sich keiner Gefahr aussetzen, und da sie vernommen hatte, daß die Herzogin den geheimnißvollen Fremden kenne, so ging sie zu dieser und fragte sie geradezu, ob sie ihr rathe, den Grafen und seine Umgebung in ihr Haus aufzunehmen? Leicht beseitigte diese jede Besorgniß bei ihr und der Graf mit seiner Begleiterin und seiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk ihres Hauses Besitz.
Stille, lautlose Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den Mitbewohnern fast peinlich vorkam, waltete um diese Wohnung und brachte den Grafen in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings, während er doch nur Sophiens Wunsch erfüllen wollte, die in dieser völligen Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt einen Genuß, einen Trost fand. Das Publikum hingegen, das die junge Dame selten und dann stets nur verschleiert erblickte, fing allmälig an zu argwöhnen, man halte sie mit Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgesperrt und der Graf sei eine Art Othello oder Ritter Blaubart.
Heute flog diese, morgen jene Neuigkeit über die geheimnißvollen Fremden durch die Stadt und bildete den Inhalt der Gespräche ebensowohl an der Gasttafel im »Englischen Hof,« als auf der Bank der äußersten Vorstadt-Kneipe. Einmal erzählte man sich, der Postillon habe sich auf dem Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzenden Etwas mitzutheilen, und in Folge davon habe der fremde Graf dem Postmeister ein Billet geschrieben, des Inhalts, daß er sich diesen Postillon wie jeden andern, der sich unterstünde, während des Fahrens zurück und in den Wagen zu sehen, ein für allemal verbitten müsse. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an das Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als gegangen, nachdem ihn der erzürnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht hatte. So ging es fort und fort, eine sonderbare Nachricht verdrängte die andere, der geheimnißvolle Graf, der sein Leben mit der Tarnkappe verschlossenster Zurückhaltung und mit dem Mantel der tiefsten Verschwiegenheit umkleidete, ließ die Leute zu keiner Ruhe kommen.
Um den Garten des Hauses lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frühen Morgenstunden spazieren gingen, dann lustwandelten sie gewöhnlich in der alten schattigen Allee, welche sich um die Hälfte der Stadt längs der Umfassungsmauer hinzog, zu andern Tagesstunden aber ergingen sie sich in dem geräumigen Gemüsegarten dicht am Hause. Nachbarskinder bohrten Löcher in die Bretter der Umzäunung und blickten neugierig hindurch, denn schon in die Kinderwelt herab war das Mährchen, das sich so gerne den Kindern, seinen Lieblingen, befreundet, herabgestiegen und hatte verkündet, daß da drinnen eine verwünschte Prinzessin umgehe, welche keinen Mund habe; während Andere behaupteten, die fremde verschleierte Dame habe einen Todtenkopf.
Darüber kam es zum Wortwechsel, von diesem zu Prügeln, und während die liebe Gassenjugend draußen vor dem Garten zu Rittern der Poesie des Volksmährchens wurden, standen Ludwig und Sophie an der bretternen Wand und belachten herzlich der großen und kleinen Kinder Abenteuersucht. Gewöhnlich mußte dann Philipp Brettstückchen sägen und die Löcher im Zaune wieder zunageln.
Nie gab es auffallendere Gegensätze, als das Leben dieses geheimnißvollen Paares, wie es nach Außen hin in seiner räthselhaften Abgeschlossenheit der alltäglichen Umgebung erschien, und Jenes, das Beide in Wirklichkeit führten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit, nach Außen die romantische und selbstersonnene Täuschung.