Chapter 34
Nun öffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu gönnen, dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich.
Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen Kunstwerks strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr vor Staunen.
Von nun an dein Eigenthum, flüsterte die Kranke.
Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft werth, ach -- und für mich -- noch unendlich mehr -- o jener Tag -- ach, Ottoline!
Und wenn es zehn Grafschaften werth wäre, sprach die Gräfin: so wird es dir auch werth bleiben -- du wirst es nicht verschachern und verschleudern, wie meine herrliche Münzsammlung dereinst verschleift und verschleudert werden wird, über die ich bethörter Weise schon früher verfügte. Dir -- dir hätte ich sie geben und hinterlassen sollen!
Sie haben mich ja schon so überreich begabt, beste Großmutter! fiel Ludwig ein.
Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich -- die Andern sollen ihn nicht haben -- sie sollen nicht wieder daraus trinken -- du -- nur du -- und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn -- behalte ihn. Die Urkunde, daß ich dir den Falken schenke, steckt bereits im Innern des Vogels. Trinke dich gesund daraus, #drink all ut!#
Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch nicht, vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange.
Am folgenden Tage fühlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frühen Jugend an am Nächsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war, sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er ihr von seinen bisherigen Schicksalen erzählen möge. Dies that denn auch der Graf ausführlich; die Alte hörte schweigend zu und blieb ganz ruhig, dann sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir die Ehre ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird mir dies nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch gute Tage sah, viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist wichtig. Sie wird auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil ich ihren Angehörigen Gutes erzeigte.
Theuerste Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt der Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen, Ihnen das Kind zuzuführen.
Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin.
Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war Ludwig's Antwort.
Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter.
Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in einer katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung empfing. Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein Geheimniß zu bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die beiderseitigen Verhältnisse sie sicherer stellen, und es sollen die nächsten Angehörigen nicht mehr erfahren, als was sie bereits wissen, daß nämlich der Herzog und die Prinzessin einander in untrennbarer Liebe angehören. Ueber die holde Tochter soll noch, zu deren eigener Sicherheit, das tiefste Schweigen beobachtet werden.
Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so bitte ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen. Jedenfalls weilt sie hier doch incognito?
Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte Ludwig.
So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind, entferne dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der Genius mir die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte Großmutter, die dich so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr Sterbebette, dann bist du ganz frei und die weite reiche Welt ist dein.
Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet -- Liebe!
Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich sage dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen.
Der Graf ging und einige Stunden später befand sich die Prinzessin und das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen.
Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der Wand geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein schönes Bild! Das ist ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten wandte sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem Schlosse bin ich gewesen -- in diesem Thurm hier -- zur rechten Seite -- haben wir gewohnt, meine liebe Angés und ich -- dort von jener Zinne haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schloß versammelt waren, und die Prinzen dorthin kamen -- mein theurer -- Oncle!
Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoßenden Sälen noch andere schöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die Reichsgräfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu besprechen, was keine Zeugen litt.
Als diese später mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg die Prinzessin mit Mühe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit Sophie allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestüm die holde Tochter, küßte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne und erfülle, was in dieser Stunde über deine Zukunft beschlossen ward!
Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen.
Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernst, als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer Olympierin. --
Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er sprach: Wieder eine Seele weniger auf Erden, die für mich betet. Wäre ich Katholik, so würde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um droben für mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe und ehre, von hinnen ziehn?
Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und dich dennoch aufrecht halten müssen.
Das sagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft blickte. Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Völkern, unter den Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schooß der Familien. Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig, damit nicht der Haß gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll nicht wissen, daß er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, daß ein Bruder wider den anderen streiten wird. Lass' sie Alles an sich reißen, meine lachenden Erben, du hast genug, und ein Höheres ist dir noch beschieden, wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin, ohne erlebt zu haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen Opfern und Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden; aber nein, die wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der böse Feind die Saat des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von Jever, Varel und Kniphausen säete. Laß fahren dahin -- sie haben's nicht Gewinn!
Eine erhabene Seele, diese verklärte Großmutter! sprach Angés. Und was prophezeite sie sonst noch?
Daß ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust würde zu beweinen haben, erwiederte Ludwig; daß mir beschieden sei, arm an Freuden und dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein Sturm der Außenwelt berühre. Wachsamkeit empfahl sie mir, »darum« so sprach sie: »habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, daß er dir ein Bild der Wachsamkeit sein möge, neben einer werthen Erinnerung. Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geschrieben steht im achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!«
Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes köstliche Geräth in Falkengestalt, das sie mir schenkte -- fügte Ludwig hinzu.
Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres, herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin.
Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe -- ein überreicher Wunderhort der edelsten seelvollsten Weiblichkeit.
3. Das Gelübde.
Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen und umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das noch vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte. Zum zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine Wiederholung solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich sicher unter dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten Kirchenfürsten, der im Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester und letzter vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz aufgeschlagen hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten Zeiten schon das Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt hatte, Manchem eine gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte und Freunde bei sich sah.
In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer und Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige Landelin, der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem Tode Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben dem Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der Nachbarschaft waren früher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg, denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000 Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.
Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich mit anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er nahte Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen holden Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals wieder nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der Richtung nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden. Hier begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war; dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend einer drohenden Gefahr umher.
Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen schützte und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den Sohnessohn fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder -- sein Verhängniß, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens glücklichste Zeit, füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem Vergnügen der Jagd aus, die er leidenschaftlich liebte, gab sich der Lust am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reisen und Ausflüge, kehrte aber stets mit neuer Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein Denken und Empfinden geweiht war.
Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden gekommen, dessen Kurfürst nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte, die dessen unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des Herzogs besondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein noch größeres Jagdgebiet einräumte, als derselbe bisher schon inne gehabt hatte.
Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder. So sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so weniger fand Ludwig sich von seiner männlichen Umgebung angezogen. Dafür diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in verschwiegener Stille üben. Glückliche geben ja gerne, und der Herzog war so überaus glücklich, Ludwig nahm Philipp zu Hülfe, um verschämte Arme aufzufinden, und manche stillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde durch vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens umgewandelt. Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und wie gern verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthätigen Fürsten.
In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, schöner als er ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der tönende Memnonruf, der ihn für eine neue, beseligende Liebe weckte. Die kleine Sophie entfaltete sich frühreifend zur holdesten Jungfräulichkeit und Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne schuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinsten Freundschaft besaß, einem beglückenden Loose zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der wie in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti neigungweckende Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem Herzen zum andern. Im Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich dereinst zu sonnen, ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glücks, dieser Gedanke bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den äußeren Verhältnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen beruhigend, vielleicht hielt sie ihn für reicher als er war. Sophie konnte unter günstigen Verhältnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen werden, denn das Vermögen der Familie Condé-Bourbon, das man diesem Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermögen war unermeßlich.
Nach diesem Reichthum richtete sich indeß gar mancher Blick der Habgier und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem edlen und unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über's Meer herüber voll banger Besorgniß. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen des Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mißdeutung; sie nährten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der Tannhäuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart? Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein unsichtbares Netz -- sie hieß Verrath.
Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu Wanstead in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben.
Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten: hegt seltsamen Verdacht. Höre, was er schreibt, meine Charlotte: »Man behauptet hier in Wanstead, daß du eine Reise nach Paris gemacht habest, Andere sagen, du seist nicht in Straßburg gewesen. Es leuchtet wohl ein, daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das Spiel zu setzen.«
Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten hinterbracht hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen begann.
Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog.
Und thatest du wirklich keinen so gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder thatest du ihn? Vergaßest du mich und unser Kind? fragte mit liebevollster Besorgniß und voll Seelenangst Charlotte und schloß den Gemahl in ihre Arme, als fürchtete sie, ihn zu verlieren.
Der Herzog küßte sie und erwiederte halb zärtlich, halb schwermüthig: Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn gethan hätte, wer wollte mir ihn, außer den Feinden unseres Hauses, verargen? Diese hier ausgesprochenen Befürchtungen liegen so nahe, und es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten könnte, mich mit den Feinden unseres Hauses in Verträge einzulassen; Andere hingegen, daß ich Tag und Nacht darauf sänne, eine Lage, die mich niederdrückt und völlig lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand! Wann war England Frankreichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich unterstützt es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns, die wir unser geliebtes Vaterland so heiß, so innig lieben! Ist das nicht fürchterlich? Mein Vater -- fuhr der Herzog fort, kennt mich besser. Er schreibt über den ersterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht theile, aber daß die Gefahr mir sehr nahe liege. »Hüte dich,« schreibt er, »und vernachlässige keine Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern, im Fall der erste Consul beabsichtigten sollte, dich aufheben zu lassen.«
O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der Ufernähe des Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe!
Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch weiter von dem theuern Lande entfernen? -- Der Herzog blieb, aber die Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen. Eine Jugendfreundin, eine deutsche Fürstin, deren Residenzschloß in der romantischen Künzelsau im Jaxtkreis des Landes Würtemberg gelegen war, sollte ein neues Asyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurückziehen, und dort unter den Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut Pläne, damit das Schicksal sie vereitle.
An einem überaus schönen Morgen ergingen sich Sophie, Angés und Ludwig unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Bedienung in der Nähe von dem Münster und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer von uralten Bäumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie und der Jünger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte Martyrsäule. Trunknes Entzücken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens, die in lieblicher Jugendschöne ihm gegenübersaß, in ihren Blicken jene Verklärung, welche das erste Erwachen jungfräulicher Empfindungen begleitet, jenes süße Bewußtwerden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth und Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge dahin und dorthin, da schlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornröschen im deutschen Märchen ihre Augen aufschlug, als der Königssohn sie küßte.
Ludwig durchströmte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe, doch verschloß er tief in seiner Brust was er fühlte, denn noch dünkte ihm dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch schon ein hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in seinem Schutz dies Kleinod gern geborgen wissen.
Die Sommerluft hauchte erfrischende Kühle; aus der Vorhalle der nahen Kirche rieselte plätschernd Sanct Landelin's geheiligter Wunderquell, von dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen im stillen Gebete andächtige Waller und beteten leise und eifrig ihren Rosenkranz ab. Auf des Münsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte sich die Unterhaltung und Ludwig erzählte: Ein edler Schotte, Namens Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, sein Vaterland, in welchem früh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein Gedächtniß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der fromme Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfürst Gisock beherrschte. Landelin ließ sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als Einsiedler nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon kam zu Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die neue Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann zu ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut.