Der Dunkelgraf

Chapter 28

Chapter 283,584 wordsPublic domain

Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der vom Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes. Ich nahm einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als ich aus diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach dem Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere, als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy? Kennst du deinen Mann nicht mehr?

Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig: Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!

Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!

Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!

Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von allen Bergwänden des Thales zurückhallte.

Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte -- plötzlich sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit brechendem Blick: Leonardus! Leonardus!

Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug, daß er nieder taumelte.

In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen -- ich hörte den lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig zu Boden geworfen -- ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha! das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener Hunde, die mich fingen und in's Wasser warfen! Sollst an mich denken, Hund! -- Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.

Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung Leonardus' die Freunde aus.

Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und drückte dem Freund bewegt die Hand.

Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er dann fort:

Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich in einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern, auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber dafür war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.

An meinem Schmerzenslager saß der alte Diener, den ich bei Angés erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so wie ich dies zu thun versuchte, kam Blut.

Nur langsam besserte sich's mit mir; nur langsam heilten die Wunden, am längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden mahnt und an meinen nahen -- Hingang. Dieser mag kommen, wann er will, ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.

Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte, kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen Thränen entquoll, der nicht enden wollte.

Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich zu preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese Seligkeit verdankte.

Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte Diener, welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes gehört, hatte er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite gestoßen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend, erfaßte er das Kind, hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem Dorfe zurück. Angés war ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen blutigen Kampf zwischen mir und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten unter den entsetzlichsten Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und Seelenangst auf sie zugleich ein, und der Schreck warf sie machtlos nieder, da sie einen Moment später sehen mußte, wie Berthelmy über und über im Gesicht blutend, taumelte, und mich der tückische Aboncourt zu Boden riß. Daß der Unmensch mich auf die Brust trat, gewahrte sie schon nicht mehr.

Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen. Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen Städtchen herbeirief. Gensd'armen mußten die ganze Gegend nach jenen Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich nicht in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten wir uns oft und wußten es nicht zu sagen.

Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy fesselte, war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein eigen sein mit Leib und Seele, aber nur -- was frommte es mir, und wie lange hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in Furcht und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und fort den Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und nicht um mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende göttliche Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt, ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und auch auf dich, mein Leonardus.

Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen in den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt sie zu versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute des Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen und lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging in jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen Stunden kehren nie zurück -- können nicht wiederkehren; ich darf und werde Angés niemals wiedersehen.

Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung und voll innigster Theilnahme Leonardus' Erzählung an. Endlich, nach langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig den Freund: Und du verließest Angés?

Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung, durch die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte. Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den Wäldern, theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu Tränken gepreßt Wunder an mir gethan.

Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf Angés' Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur Vestaflamme, die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie eine reine Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem gealterten Herzen wohlthut.

Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager stand. Es war Angés' Hand -- ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las:

»Mein ewiggeliebter Leonardus!«

»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene fordern es. -- Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll dein Name sein! In Ewigkeit und für die Ewigkeit deine, nur deine treuverbundene

Angés.«

Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste fort und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog, wußte mir Niemand Etwas zu sagen -- Angés, Sophie, der alte Diener -- auch ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt -- wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie -- alle waren fort, und keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein -- ich hatte mein Weh getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand sprach zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in einer fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich so schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke.

Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen -- könnt ihr euch denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner. So niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und unfreundliche Begegnung -- ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was konnte ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte?

Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus' Züge, und die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit seiner Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden.

Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor er eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen, von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen den Freunden folgen. --

Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das Schleunigste vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und hatten dort die Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend mit ihm heiter zu verbringen.

Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war keine erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen, er sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland war für den Kranken jetzt nicht zu denken.

Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft, ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog, steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt werden, um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem wieder an.

10. Der Abschied.

Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt's, entlud. Die Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach dem Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen hatte sie geöffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden geworfen.

Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll! brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter Mann, ist treu wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von Kaisern!

Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar nicht gelesen! rief Windt's Schwester unter Thränen.

Habe nicht -- will nicht -- werde nicht! War mir als stächen mich Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der ganze Mann erkannt!

Windt's Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.

#A la Citoyenne Varel# am Jungfernsteig #à Hambourg, franco Amsterdam.#

An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen? Können's nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel! Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens, und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die Umschrift? Lesen Sie!

#»Je suis libre!«# las die zitternde Kammerfrau.

#Je suis libre!# fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die Livrée will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen Bedienten! Ich will ihm sein #»je suis libre«# anstreichen, ich, sage ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Bürgerin Varel! Bürgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen!

Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief wurde mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt. Gleich im Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine hohen Verwandten zu schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein Citoyen -- wie ich eine Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe Windt! Vielleicht will er auch mit mir _theilen_? Ich soll nicht mit meinem angeborenen und angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde führte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über die närrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein vernünftiges Wort, aber nicht närrisch ist diese Aufschrift -- sie ist verrückt! Was die Herren französischen Generale über meine gräfliche Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Fürsten, Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden wird, diese -- doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder sich Lobreden! Das ist albern -- und was er mir über die Paduanischen nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie -- ich will nichts mehr hören -- ich ärgere mich zu sehr -- nur unter den Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!

Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt's Briefen und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den Freiheitsbäumen? Hat noch keinen setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. -- Durch diesen Gedanken versöhnlicher gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig's, wie der Frau Gräfin von Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Holländer wurde Meldung gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger in das Kastell gebracht würden. »Ich bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar unter dem Namen #le citoyen d'Autrefér# -- denn Doorwerth können sie nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich habe so viele Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so viel Zeit, um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum einigen Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! -- Vom Haag bekomme ich fast täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber hatten ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«

»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb krank ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend Mark Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung, noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin ein sehr empfindsames Gemüth, und fühlt sich nirgend recht heimisch, nirgend recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt glücklich zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen Lebens ganz sicher gestellt sind.«

Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich schon als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne unsers Calvin, aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je gegeben, deren Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist, über die das irdische Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt ihre Pilgerbahn vollenden. Aber sie sind selten, die auserwählt Glücklichen und glücklichen Auserwählten, ich und mein Haus gehören nicht zu ihnen! --