Der Dunkelgraf

Chapter 27

Chapter 273,623 wordsPublic domain

Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine Zeitungstirade von einem holländischen enragirten Parteimann, und darüber können Sie sich ärgern? Was hätten diese #Mannekins#, wenn sie nicht fort und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen absetzen könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und ganz Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris lieber geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel und Hagelschlag, daß es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch wieder gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieses Kerlchen von einem Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich entkommen wären, da es jetzt schon bei der bloßen falschen Nachricht solch ein Geschrei erhebt?

Das ist's nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt verstimmt; sondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht spreche, weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln wird.

In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch an demselben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem Haag abgeführt worden seien, und schon der folgende Morgen fand beide Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schöne und reiche Stadt ohnehin ihr Reiseziel war.

Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits angekommen und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und Leonardus ein Austausch der innigsten und zärtlichsten Gefühle, während Windt darauf gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war, sogleich Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf sein Ziel schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht, welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung, bei der Frau Gräfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer des Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in Briefen an die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn eine ziemliche Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen Schuldner so sanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu fassen und ihm das Versprechen abzunöthigen, baldigst zu zahlen. Auch Gräfin Lynden erhob große Klage darüber, daß Doorwerth so entsetzlich verwüstet sei; Windt lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame mit den Augen, und hütete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage den Herrn von der Park in seinen guten Vorsätzen wankend zu machen.

An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt's hauptsächlichste Frage.

Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken, ward ihm zur Antwort.

Ich muß ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete Windt mit Bestimmtheit.

Versuchen Sie's auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach Gräfin Lynden. Die Wächter sind unbestechlich.

Fällt mir auch gar nicht ein, diese braven Bürger der batavischen Republik in Versuchung zu führen, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit Geld zu Bestechungen versehen.

Ehe eine halbe Stunde verging, seit Windt vom Tische der Gräfin weg war, stand er schon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Diese Herren hatte doch noch das Bürgerregiment gelassen, obschon der Titel vielen tausend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im Auge war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem er seine Persönlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos über Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein muß, im Beisein von Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu sein, und möchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu reisen, wo dieselbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen.

Die hochmögenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissäre Bürger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müssen, eine gedruckte Erlaubnißkarte.

Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine schreckliche. Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von Oranien inne gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stückchen auf der Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu ihm eintrat, und war vor Erstaunen außer sich, als er den alten Bekannten erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anständig ausmöblirt, auf einem Tisch lagen Malergeräthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem anderen befanden sich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase köstlichen Kapweins.

Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt -- scherzte der Erbherr, und winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch große Tugenden besitzt.

Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren, weil Sie nicht mehr so wie früher gleich einem Seeraben umherschweben können, aber ich sehe schon aus Allem, daß Sie guten Muthes sind, und das ist sehr viel werth, denn ein alter Lateiner soll gesagt haben: Mit gutem Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt.

Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein alter Grieche, hieß Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Großes kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und wäre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Großmutter, von meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig?

Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir holen den Grafen ab, er fühlt sich leidend und sehnt sich nach Deutschland.

Zur Großmutter, kann mir's denken!

Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewußt ist, wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen genesen.

Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lächeln. Alles leidend -- Sympathie schöner Seelen!

Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rüstigkeit ihre Tage fortzuleben, sie schreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder meine Schwester schreiben, und kapitelt mich häufig sehr ungnädig ab, während ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Güter in gutem Stande zu erhalten.

Was wird es mit Doorwerth?

Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß so oder so ein Ende nehmen; längeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Für Doorwerth muß Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene unglückliche Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden.

Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller Gemüthlichkeit die Gläser wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann bin, daß ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann. Richten Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer besten Einsicht ein. Ich habe außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er betonend und mit einem Wink auf den Aufseher hinzu. Meine Lage, die jetzt leidlich scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht unmöglich, daß ich dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz erschossen zu werden. Meine Schriften liegen sämmtlich unter Siegel; aus ihnen würde man vielleicht mildere Urtheile über mich gewinnen, allein man untersucht sie zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der National-Convent organisirt ist, und dann -- nun, wie Gott will! Man wird mich als einen Mann finden!

Als einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, bestätigte tiefbewegt der Haushofmeister.

Ich muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen!

O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund schlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer deutscher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heillosen, wollte sagen, theillosen Republik. Müsset meiner Sprechart was zu Gute halten. Ich schwör es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten Respect!

So laß' ich's gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu verstehen, die in diesen Worten lag.

Windt drängte, was er zu sagen hatte, in geflügelte Worte zusammen; gute Wünsche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in der nächsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen könne, dorthin zu reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo die Reichsgräfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt bereits in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr ohne Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten.

Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen, abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert zu haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher Unterhaltung auf einem ihrer Zimmer.

Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzählung von Dem schuldig geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jüngst zu Doorwerth angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemüthlichen Plauderstunde für Windt und Leonardus die unvermeidlichen holländischen Thonpfeifen, und als der köstlichste Tabak das Zimmer durchduftete, begann Leonardus seine Erzählung.

9. Die Abenteuer des Leonardus.

Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege über sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich glaube jetzt, daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund Windt, mir deßhalb die Ehre nicht an, mich für einen neumodischen Philosophen zu halten, ich habe nie ein philosophisches Buch gelesen, ach, es bedarf der Bücher nicht, das Leben dictirt uns seine schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hinein. Ich stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rhein; ich war wieder Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in Amsterdam, bei dem ich mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender Compagnon, eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in kriegerischer Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr, besonders in Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen Zufuhren stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen sich die alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen; ich war daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen, und gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu können, bedeutende Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake zu einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann. Meine Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu Statten. Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den blutigsten und grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen, und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der Reaction unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es auch an den beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus. Den Rhein solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner Schönheit! Der schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist freilich dagegen nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize der Natur achten zur Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle Städte, alle Dörfer und Höfe mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz war Kriegsschauplatz geworden, die ich so ganz verändert und von Heeren überschwemmt wiedersah. Mein liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst Hand in Hand mit Angés das süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens genossen hatte, war im Spätherbst des vergangenen Jahres nach den Schlachten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen und Sachsen bei Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum Sammelplatz des geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend Mann verloren hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt, drängte es seine Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich erschien im Elternhause Angé's in Zweibrücken, welche Stadt französische Besatzung behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé's Unglück verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja Ihrer Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen eigenen Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so weit solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll Zärtlichkeit an ihr, und eine Fügung war's, gewiß eine wunderbare, daß ich ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage zu werden.

Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre gleich in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine so weite Irrfahrt gemacht.

Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder Berthelmy's Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu entgegen gefahren.

Ich will es glauben, versetzte Angé's Mutter, und ich fragte sie nun: Wo lebt jetzt Angés?

Ich weiß es nicht!

Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht, verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu viel weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter mein ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen.

Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie mir dies zu verbergen, und fragte auf's Neue: Was wollen Sie von Angés?

Ich komme von le Mans!

Haben Sie Berthelmy's Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit leuchtenden Augen.

Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr; der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen aller Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden, Niemand frage danach.

Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau. Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:

Eine feste Burg ist unser Gott, Eine gute Wehr und Waffen, Der hilft uns treu aus aller Noth, Die uns jetzt hat betroffen!

Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!

Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe nicht, seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal fragen, sie und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird mein Loos gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde, ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!

Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch, das Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.

Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds.

Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und Hagenau nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr und Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte und wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich aufgenommen hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer Bretterwand, und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in französischer Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt vor; ich verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres Gespräches zu erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich selbst berühren würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher tagte es in mir, diese eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich ihren rauhen Klang gehört, und doch hatte er sich tief in meine Erinnerung eingeprägt. O ich beklagenswerther Mann, die geliebte Angés suchte ich -- war ihr schon nahe -- und fand -- Berthelmy -- und Berthelmy war es, der nahe bei mir gegen seinen Gefährten zornvoll und erbittert über Angés sprach.

Ausgemittelt hab' ich's endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten, wenn sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand bietet, das Netz des Verderbens um die niederträchtigen Vaterlandsfeinde, die sich hier auf deutschem Boden verborgen halten, zu schlingen, und denen sie sich dienstbar gemacht hat noch obendrein!

Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein Schüler, mußt mir gehorchen.

Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle Parteiung und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht so gewesen, wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!

Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst, auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig sein.

Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? --

Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo diese willkommen war und erwartet wurde.

Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor, daß er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen, zufällig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine Angés ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand, auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde ich von meiner angestrengten Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mußte daran gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr möglich war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen war, und der mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen und in Haft zu nehmen.

Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht nahen; ich umkreis'te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde Unterricht in Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch, und der Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl that mir diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen Fluren am Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge Deutschlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag, -- daß ich die Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führten, stets im Auge behielt; dabei spähte ich fleißig umher, ob ich nicht etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und still. Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hause im sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; sie traten heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich schönen Sylphen, welche ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich im Tagesglanze umherzuschweben.