Chapter 25
O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du, so wie du gingst und standest, das Kastell verließest.
Um beim französischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt; und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen in meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmüde, und mußte mich im Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort für das Kastell um französischen Schutz zu betteln.
Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und vielgeprüften Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle Feuerproben der drangvollsten Erlebnisse bestanden.
Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist die alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet werden, wie es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser Zeit Schlösser am Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen, wie es gekommen ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird; ich bin eben immer der dumme gutmüthige Narr.
Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten, und brachte eine Flasche alten #Port à Port# daraus zum Vorschein.
Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie Lehmbrühe.
Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein zu wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär' ich ohne deine treue Hülfe! rief Windt, ließ sich willig einschenken, trank und begann zu lesen:
»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe, und daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe. Mir ist von den französischen Generalen und Commandanten mit einer Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner, Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten, während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als ich Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich. Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch sonst um Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der hiesigen Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben, brauchen nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden sie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande, in meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine Lage, die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte hier am siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden Excellenz aus den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich mit Bestimmtheit mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter, fröhlich und guten Muthes ist -- sehr gut für ihn. Sobald als möglich denke ich selbst ihn aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu erfahren, wie es um ihn steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die Emigranten es hier getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem derselben zu. Hätten diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre nicht so unglücklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wären es nicht.«
Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hättest du nicht schreiben sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?
Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz schrieb, ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie liebt und die sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend ihren »alten Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz recht, ich sage immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz meinen Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine Wahrheiten nicht übel aufzunehmen.
Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort: »Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu schreiben: #Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam.# Ueber Amsterdam ist und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum Pettschaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer Devise, sonst schmeißt die Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam von Seiten der Municipalität eine Commission ernannt, an welche Briefe nach Hamburg und Bremen offen eingeliefert werden müssen, ich schließe daher diesen meinen Brief an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf Ludwig hier gewesenen braven Holländers Leonardus van der Valck ein und ersuche Excellenz, Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen zu lassen, auch wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse dieses Briefes nicht wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen einer Herrlichkeit, #Seigneurie#, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer Excellenz Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine dänische Gräfin sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die Aeußerungen der französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es gibt für diese keinen Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie man im lieben deutschen Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche! zu sagen pflegt. Sehr lieb ist mir, daß der Wechsel auf die zwanzigtausend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen können Excellenz dieser Angelegenheit halber ruhig schlafen. Sie sind noch zur Zeit durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines vielleicht übertriebenen Diensteifers, ich machte in der Stille mit dem Erbherrn, mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mündlich auf Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil Sie dessen bedurften und Sie gleich mir Emigranten zu verköstigen hatten; fast scheint mir, und die Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies vermuthen, als seien Glauben und Treue zu den verrufenen Münzen gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als ächte in Hochdero berühmter Sammlung prangen, und über welche Ihnen der Herr Abbé Eckhel in Wien so vieles Aufklärende geschrieben hat.«
Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst es zu arg, du beleidigst!
Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: »Es war Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir schriftlich machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen fünfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen diese Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das liegt im Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und rechnen und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll Zahlen stehen, sie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht des gesunden Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft's -- die Zeit ist einmal aus den Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mißkennung mich bewegen könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer Excellenz hochweise Räthe meinem Diensteifer längst eine Schranke gesetzt, dann wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen, Blut und Leben, Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz Herrlichkeit, so weit nur in eines Menschen Kräften steht, zu schützen und zu schirmen. Wer auch hier war von fremden Offizieren, Engländer, Holländer, Kaiserliche und jetzt die Republikaner, keiner hat glauben wollen, daß ich nur ein Bedienter sei, sondern Jeder meinte, daß ich ganz bestimmt der Herr oder Erbe von Doorwerth selbst sein müsse. Alle Güter rings um die Herrlichkeit sind totaliter devastirt, Doorwerth allein ist noch im leidlichen Zustand. Der Strich von der hiesigen Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich; von Arnhem bis Zuitphen kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen Alleen sind über Bord, keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt steht mehr, die größten und schönsten Häuser sind Pferdeställe oder Lazarethe, das Holz der Thüren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder seit Kurzem fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müssen, habe augenblicklich sechs Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen Husaren. Im Dorfe liegt eine Compagnie Volontärs, in Helsum liegen zwei, und noch dreizehn Husaren für die Correspondenz, in allen andern Orten der Herrschaft liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem Hause. Nachdem ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen der Alliirten, dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen Andenkens, dann den schleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen zur Nachtzeit hier einfielen, darauf die heftige, fast unerträgliche Kälte, darauf wieder den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee, welcher die Sambre- und Maas-Armee auf dem Fuße folgte -- nachdem ich dies Alles vertragen und überstanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer Wassersnoth, wie sie seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in Helsum Brücken schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein Paar Scheuern abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, sonst hätte sie sich hier gestauet, wie ein überschwellender Krötendeich, und uns vollends mit Haut und Haar aufgefressen.«
»Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun, um meine alten Tage zu sichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen, die dem Gefühl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz nothwendig eine durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde gehen soll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen, denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht beschließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben bedeutende Allodialgüter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten wahrhaft treuen Diener lebenslänglich zu versorgen. Eine Pension in Geld wirft Doorwerth nicht ab, und für den hiesigen Rentmeisterdienst müßte ich danken.«
»Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglück, daß sie die ganze Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar angenommen, aber ihn zur Stärkung der Kranken und Verwundeten bestimmt. Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum, Deventer, und ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und überall sind Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur Zeit noch unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen Bäume, die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen kläglich zu Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso vergebliche als fruchtlose Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel. Unterthänigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes über unser hiesiges Befinden zu sagen, meine Frau grüßt dieselbe bestens. Meine Schwester soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg, schreiben, ihn von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal Nachricht von seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen entschuldigen Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich wieder Zeit finde, weitern Bericht zu erstatten, da es beständig um mich her von Fremden wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.«
Stets auf meinen Füßen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die wackere Hausfrau.
Das bin ich so schon, das brauch' ich nicht zu schreiben, das kann die alte Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt.
Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen Gestalt durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er sich, indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den Dammweg warf, der nach dem Schlosse führte; er gewahrte einen Reiter, welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gültiges Papier, das sein Einlaßgesuch rechtfertigte, darzureichen.
Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer schärfer hinblickend. Täuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich das deuten? Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger Rauchfleisch, westphälische Schinken, Edamer Käse, frische Butter. Vor Allem koche eine Suppe. -- Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner Verwunderung und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt voll Hast aus dem Thurmgemach, sprang die Treppe in schnellen Sätzen hinab, und schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben eingelassenen Reiter entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte, abstieg und in Windts Arme sank.
Sind Sie's denn? Sind Sie's denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus? Herr Leonardus van der Valck?
Wohl bin ich's, heute und morgen bin ich's noch, mein lieber, redlicher Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der meinen gleicht, so ist es mein Geist.
Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet sein? rief Windt erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr übel aus. Doch kommen Sie herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Für Ihr Pferd wird gesorgt, ich erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß Sie es seien, der da geritten kam.
Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der Unterstützung des Freundes, so matt und angegriffen fühlte er sich, und als ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau begrüßte, saß er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf einem Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob die Hände vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner jüngsten Vergangenheit wie einen bösen Traum verwischen.
In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in steter Kenntniß, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange keine Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geschrieben, dankerfüllt, und ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem Kinde glücklich das Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie sie schrieb, im angenehmsten und wünschenswerthesten Verhältniß, hatte Windt herzliche Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren Aufenthaltsort nicht genannt, »größerer Sicherheit halber«, schrieb sie, »da dieser Ort als Asyl nicht mein Geheimniß allein ist, da politische Rücksichten dazu nöthigen, den Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu verbergen.« Wer an sie schreiben wolle, möge die Firma ihres älterlichen Hauses benutzen und in diese Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun Leonardus wieder gekommen und konnte aus erster Hand die soeben anlangenden Briefe empfangen.
Er erholte sich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unendlichen Friedens ihn überkam, sprach er: O hätte ich doch diesen einsamen lieben Zufluchtsort nicht verlassen, mir wäre wohler, als mir jetzt ist! Mein ganzes Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war nichts als eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat mich mit raschen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht.
Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines Wesens.
Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden wollen, sprach Leonardus.
Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieses Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt.
Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager, schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus.
Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm Frau Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb ist, werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da läßt sich nur wenige Bürgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht, es ist seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch nicht anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchsten Zimmer dieses Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lärmen im untern Hause und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der Kanonaden nicht wieder.
Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet, und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu erholen. O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich erlebte! Jetzt kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erschüttert mich allzusehr. Lassen Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe, seine Freundschaft wird ein Balsam für mich sein. O, wie sehr sehnt sich mein Herz nach Nachricht von ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an meiner Seite gewesen und vielleicht der treue Philipp, Alles wäre besser geworden.
Beruhigen, erholen, pflegen Sie sich, betrachten Sie dies Haus als das Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den Geschäften sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie unser junger Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen Brief an Graf Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen, wenn ich über ihren Liebling eine günstig lautende Nachricht hinzufügen kann. Du, liebe Frau, besorge droben Alles nöthige, so gut du's hast. --
Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in demselben Gemach gesessen, wenn es draußen stürmte, so wie jetzt. Weithin standen die Wiesenflächen unter Wasser, das Dorf und Kastell gleich einer Insel, die Ströme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die Maas hatten ihre Betten überschritten, selbst die Dämme waren bedroht; ohne Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an einzelnen Stellen waren in der Allée schon beträchtliche Rinnen, die das mehr und mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende Stunde drohte sie noch größer zu machen.
Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth. Schon war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden, welche Fülle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier hatten sie beisammen gesessen, hatten Pläne geschmiedet für die Zukunft, deren schönster der war, daß Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit der Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in Rosendael wohnen in dem schönen Herrenhaus mit seinen herrlichen Gärten und Parken. Was ließ sich nicht Alles an diesem thun, wenn der Geschmack und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten Menschen hier schaffend thätig war? Da sollte Angés bei ihm wohnen, seine liebe, treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich naturgemäß entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen Wunderblume, welche die Kunstgärtner die Königin der Nacht nennen. Ach, das waren schöne Träume gewesen!
Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen worden von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das Schachspiel die Gedanken zu ernstem Nachsinnen hingelenkt, jenes bedeutsame »Spiel der Könige« mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war vorüber, und Leonardus van der Valck saß jetzt in ungleich anderer Lage und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind erschütterte mit heftigen Stößen den Thurm, und dumpf mischte sich mit seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend überfluthenden Gewässer, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen Dörfer, Gehöfte und Schlösser herausragten. Leonardus öffnete erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte.
Ludwig schrieb: »Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam habe ich so viel erlebt, daß ich das Meiste und Beste auf die mündliche Mittheilung versparen muß, denn ich kann unmöglich diesem armen Papiere anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hände geht, was mein Inneres voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb mit diesen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von Plymouth an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut unterzubringen und für den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich reiste tiefer in das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur geschmückt, Park an Park; ich fand überall schon vorbereitete gute Aufnahme, fand geistvolle Verwandte, fand mich in die höchsten Kreise gezogen, und fand endlich das Allerhöchste, was mein Herz mit nie gekannten Gefühlen erfüllte, es in Seligkeit schwelgen ließ, Alles auf Erden mich vergessen machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde, selbst meine Großmutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur mit leisem Flüsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare Geheimniß dir vertrauen, und selbst dir nur halb.«
Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken, nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen pflücken, die im irdischen Eden seiner Liebe blühen!
»Und doch, Leonardus! Bei dieser Fülle von Glück kann und darf ich nicht länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten Rücksichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer wankende Gesundheit die Rückkehr nach dem Festlande.«