Chapter 23
Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich noch viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines französischen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das ausdrückt, was wir alle fühlen, die wir im Unglück und aus unserem Vaterlande verbannt sind; es ist Corneille, den ich meine. »Ein großes Herz kann einem Thron entsagen, und kann dies mit Ehren thun; die That der Tugend wird gekrönt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig verzichtet, was sein Herz mit flammender Liebe umfaßt, der ist ein Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was unser aller Herzen mit flammender Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist unser Frankreich, unser Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere Vaterlandsliebe ist unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und Verbannung, wie Anchises aus Troja's Flammen die sichtbaren Bilder seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzosen diese Liebe, diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann sind wir ganz vernichtet. Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, daß unsere Namen ausgetilgt würden von den Tafeln der Geschichte.
Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen ausgedrückt wurde -- noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig entsagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich nicht ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es geschehen lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog, zufrieden und beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich bewahrt blieb, daß Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor ihrer Vermählung schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne gar nichts schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes mütterliches Erbtheil sein?
Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen.
Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen: Was Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die ich meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem, was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben! Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu übertreffen.«
Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß, Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu verlassen!
Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte: Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer. Bleibe Jedem das Seine!
Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein Eintritt.
Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer Angelegenheiten gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artois begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur Armee an den Rhein. Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort suchten ihr Asyl in Baden wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen Freundin noch einige sehr wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglück Ludwigs zum Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte weibliche Hände den Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines Lebensganges bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher schwaches Mühen! Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts läßt im Voraus sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand des Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand, diesen Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher Lebensfaden blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche völlig nachtschwarz.
Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise ziehen, ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine glückliche Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady zu Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten treten, und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der englischen Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm ein Landgut kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne. Glücklich sollte er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glück und Lebensfreuden in Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt. Auch noch ein Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf daß er ein neues Geschlecht begründe, das mit ihm beginne.
Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte oft in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschäftigungen; denn ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt, deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.
Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte viel darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geschäftsführer der Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend; sie kalkulierten und spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz ausgegrübelt hatten, zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben durch beider Rathgeber überwiegende Gründe sich bewogen fand.
#Additamentum# zur #Interims#-Quittung
in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten gewesenen ersten #Termins# von Fünfzig Tausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis reservandis#, und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang genommen worden, daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen nichts #praejudic#irliches eingeräumet sein soll, die gedachte #Cession# Unsrer Herrlichkeit #Doorwerth# und übriger in der Provinz #Geldern# belegenen Güter auch von selbst wegfallen würde, falls gedachter Unser Herr Enkel die eingegangenen Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem völligen Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir Uns jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen ausgezahlte #Summe# der Zwanzig Tausend Mark Hamburger #Banco#, nach desfalls zu nehmender Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an Unseren aus den Gräflich #Aldenburg#ischen in Deutschland belegenen Gütern zu beziehenden #Aliment-# und Jahresgeldern #successive# kürzen zu lassen.
Hamburg den 1. Februar 1795.
In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser Sache ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden saß.
Jetzt besaß der Erbherr Doorwerth und besaß es auch nicht.
6. Der Freunde Trennung.
Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in Scheveningen eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee verlassen; Pichegru war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter Soldaten, von denen ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in Strohsocken leise schritt, in Amsterdam eingezogen. Aber diese erbärmlich aussehenden Soldaten waren Helden, die mit Muth für die Sache der Freiheit kämpften, für die sie nun einmal begeistert waren, die mit eiserner Ausdauer Kälte und Ungemach und jede Beschwerde eines Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit solchen Truppen wären Welttheile zu erobern gewesen, warum nicht ein Land, in welchem die Mehrzahl der Bevölkerung den Feind als Freund begrüßte und ihm entgegenjubelte? Und was einzig dasteht in der Weltgeschichte, war geschehen; einige Geschwader, nicht Schiffe, sondern leichte Reiter hatten Hollands stolze Flotte erobert. Denn die Flotte saß im Eise fest und ließ sich nicht träumen, daß Cavallerie den Kampf mit Schiffen unternehmen werde.
Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschäfte trat der einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und sank mit dem, was dahinsank. Dasselbe Jahr, das die holländisch-ostindische Compagnie zu ihrer Auflösung führte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben wollte, raffte ihn dahin.
Mit bekümmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der Hand trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist gestorben -- der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir -- meine Mutter ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin, werden lachen. Ich reise nach Amsterdam, um die Mutter zu trösten, deren Liebe mir geblieben ist, und die Hälfte meines Pflichttheils mir zu sichern. Bei der Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war, und die vielleicht binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich -- am Ende auch du, Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen.
Sollte ich es wagen dürfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurück, auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an Frische verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm das Wort meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unversöhnt mit dir von hinnen ging!
Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite nur Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des Hauses Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des Geschäfts; ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er entließ den ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhältniß. Jetzt liegt mir ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe immer noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinson auf seiner Insel.
Gewiß bist du nicht arm, bestätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war nur das größte Verhältniß gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe.
Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr.
Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glück! Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad -- ich irre im Dunkel -- oh -- mein Schatten!
So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit mir. Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann gehst du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird. Ludwig, du neigst dich zu düsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so jungen Jahren; doch ich kenne diese innern Kämpfe.
»Wir müssen Alle ringen, Des Kampfs bleibt keiner frei; Doch soll ein Sieg gelingen, Frag' nicht, ob schwer er sei?«
Sieh' mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich nicht über Trümmern schöner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene große und edle Seele meiner Angés riß sich los von mir, auf daß unsere Liebe eine reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in späten Tagen zurückblicken sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefühle -- ich ließ sie ziehen, und nur schwach ist meine Hoffnung, daß ich sie wiedersehe. Aber darum doch kein unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie der rastlose Schiffer, immer auf's Neue hinaus in den Sturm und Drang der Lebenswogen, mitten durch die Brandung, denn im Sturme läutern sich die Gefühle, und immer muß der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine Selbständigkeit und seine sittliche Freiheit.
Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu und deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit überwinden, die, wie ich fühle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel soll meine Kraft sich aufrichten.
Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das Wort. Wir müssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der Unverwundbarkeit zu rüsten; das Herz darf nicht brechen unter den Keulenschlägen des Schicksals, es muß hoffen und dauern. Wir wissen nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben; so lange uns dies aber noch vergönnt ist, muß Einer im Andern und Einer für den Andern leben.
Und wie hast du schon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innigkeit. Welchen großen Theil deines Vermögens gabst du in meine Hand, auf kein anderes Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von dessen Abfall in einer kleinen deutschen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann schon leidlich gut als unabhängiger Rentner leben könnte.
Leonardus konnte sich, so sehr Trauer sein Gemüth füllte, bei diesen Worten Ludwig's eines Lächelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit Freude wahr, daß mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir sagte: werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht gut rechnen!
Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den ungleich größern Theil hat er für sich verwendet. Noch haben wir keine Quittung, noch keine rechtsgültige Verschreibung in Händen.
Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn Leonardus.
Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt.
Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlörest du es, und das und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich kenne vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Höre mich an, liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und mehr rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Künste; ich brauche dir ohnehin nicht zu sagen, daß die Mathematik, in welcher auch die Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schließt, die Gestirnkunde und die Meßkunst des Himmels und der Erde. Aber auch die vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher, der nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beispiel dein Herr Vetter. Er besitzt schöne Güter, aber sein Herr Vater überlud diese mit Schulden, und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete dies furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wußte, daß sie ihren Söhnen ein Heer von Processen und achtzigtausend Reichsthaler Schulden hinterließ; die fressen viele Zinsen, lieber Ludwig. Es soll kläglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den letzten Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat dies Alles auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erschütternden Eindruck gemacht. Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der Seinen und anderer Leute Vermögen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine Kirchenmaus, hülflos und gefangen -- ist gegenwärtig ihm ebensowenig zu helfen, als Etwas von ihm zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber kommt, daß man für gewiß sagt, daß die einhundert Millionen Gulden, welche Holland an Frankreich bezahlen soll, aus den Gütern und Besitzungen des Statthalters und seiner Anhänger genommen werden sollen; wir müssen daher Gott danken, daß in des Erbherrn Papieren, welche durchzusehen man nicht ermangelt haben wird, sich noch keine Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet, denn dann wäre die Herrlichkeit zum Kukuk, während sie als Besitzthum einer deutschen und dänischen Gräfin Niemand antasten wird -- und so lange Doorwerth im Besitz deiner Frau Großmutter Excellenz, wäre es auch nur scheinbar, bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem ist noch Sorge getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als totaliter verwüstet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verschreien, so daß sie als ein völlig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum einer Abschätzung unterworfen werden wird.
Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig.
Ich! erwiderte Leonardus.
Du? fragte Ludwig mit großen Augen.
Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in England geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame Sache zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß verköstigt; er wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren helfen, und von dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine solche vielleicht wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst müssen bezeugen, daß sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren; vielleicht aber erlangt er sie auch nicht.
Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein unseliger Fluch! rief Ludwig.
Nun, ich muß bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu quälen, schloß Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.
Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren Eigensinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen benahm jenes Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das Vermögen seiner Mutter gegen das seines Vaters festzustellen, und die Erben in diejenigen Rechte einzusetzen, die sie nach dem Gesetze beanspruchen konnten. Als er mit Ludwig und Vincentius Martinus, der auch einigermaßen bedacht worden war, sich gemeinschaftlich über seine Angelegenheiten unterhielt und der Letztere äußerte: Du wirst doch, lieber Leonardus, nun bei uns bleiben, wirst dein eigenes Geschäft beginnen und uns die Freude machen, dich in unserer Verwandtschaft zu behalten und deine alte Mutter pflegen? -- da antwortete Leonardus: Ich werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr bedürft meiner nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der seinen Mantel theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll mindestens keiner von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte bekommt -- ich will es machen wie mein Vater, will die nächsten Verwandten hintansetzen und mir selbst einen Erben suchen, der mein Mantelkind sein soll. Hier steht er, es ist mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus.
O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und gefreit wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du schon für mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen konnte; mir zu Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen!
Was thut's? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.
Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht, Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen, welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu fertigen?
Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost briet. Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus, nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr mich gern ins Haus schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen, glaub' ich euch gern, werdet's aber nicht an mir erleben -- ich will mir erst noch ein und das andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf ein recht langes Leben gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn ich denke es noch eine hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du sollst auch stets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht mehr schreibe, so denke, daß ich gestorben bin, und lies dann für meine arme Seele so viele heilige Messen, als dir für mein unsterbliches Theil heilsam dünkt.
Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!