Chapter 19
Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so war Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren gehörten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen, eine jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeit verkündete. Diese beiden jungen Herren hatten sich ein wenig abgesondert, ohne daß es auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen -- es galt nur einem kleinen Kinde.
Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann, die Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon -- sprach der fremde Prinz.
Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir ungleich Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines theueren Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können.
Hier? Und mir? Wie so, Oranien?
Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz: jener schönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unserer Herzen schlossen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch nicht ganz ausgeträumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner angebeteten Louise, der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann -- zur unaussprechlichen Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter liebt. Du gestandest mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältnisse dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und der Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch die süßeste Frucht tragen.
Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der Prinz, hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen.
Höre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flüsterte Jener weiter. In Amsterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen Kaufmannes eine junge sehr hübsche Frau und bei dieser ein engelschönes Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen über gewisse Familienverhältnisse und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher jene hübsche Frau von einer Ohnmacht befallen wurde. Während man sich mit ihr beschäftigte, suchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben, das erschrockene Kind zu beschäftigen, die kleine Sophie Charlotte.
Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf.
Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm eingeätzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du gegen mich Erwähnung gethan hast.
Nicht möglich, nicht glaubhaft! Mein Kind -- und in Amsterdam! Es ist ja ganz undenkbar!
Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare Weise.
Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen!
Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schützen und vertheidigen, verbannt es uns und will nichts von uns wissen.
Das laß immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja wohl noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber sprich, Guillaume, sprich von meinem lieben Kinde!
Angés -- du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin -- hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich, wie ich später von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der Valck erfuhr, nach le Mans in der Vendée verheirathet; dort entwich sie den Mißhandlungen ihres eifersüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit seinem Vater; ein inniges Freundschaftsbündniß fesselte Leonardus an den jungen Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hängt mit voller Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses Kastells und der Letztere erschloß den Flüchtlingen Leonardus und Angé's Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angés' Heimath, welche Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umständen nicht zu denken ist.
Dem französischen Prinzen war, als ob er träume. Wundersameres konnte nicht geschehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere Pfand seiner schönen, zärtlichen Liebe wiederfinden sollte.
Ludwig und Leonardus saßen bei Angés und Sophie, Vieles gab es zu fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem Wiedersehen vielleicht nur vergönnt war, mußte genutzt werden zu rascher gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der französische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angés sich von ihren Stühlen.
Verzeihung, daß wir Sie stören! sprach der Erbprinz, und gegen seinen Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchsten Gnaden. Sie aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke bei der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß in keiner Weise hier etwas zu befürchten ist.
Leonardus war höchlich überrascht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner Züge eine Ahnung in ihr aufstieg, wußte sie doch kaum, ob sie dieser eine Bedeutung beilegen sollte.
Leonardus grüßte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich der Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verließ.
Sie sind Angés Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung.
Angés antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die Kleine mit dem holdseligsten Lächeln und ganz unbefangen ihre dunkeln Augen aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck des Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem Ausdruck der Gefühle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als daß ein irdischer Laut ihn hätte entweihen dürfen.
Angés beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des Kleidchens empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, küßte die Buchstaben und küßte Sophie, ja er überströmte sie mit Küssen und Freudenthränen und endlich rief er erschüttert und voll innigster Sehnsucht der Liebe aus: O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir wärst, mit mir diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie! Meine himmlische Sophie!
Sie sind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang seiner Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater sind.
Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind?
Weil der Vater sein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein Vater küssen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie sagte oft: einst wird Ihr Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küssend in seine Arme schließen, und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde jetzt diese Freude, und sie sagt mir, daß Sie mein Vater sind.
Der Prinz war entzückt über den Geist, mit dem sein Kind sich ausdrückte, wie darüber, dasselbe auch körperlich so schön ausgebildet zu finden, so daß Sophie in der That für ein Jahr älter angesehen werden konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zärtlichen Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte. Angés ließ Beide lange im ungestörten Genuß dieses überaus reinen und beseligenden Glückes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken mußte, wagte sie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel Nachricht von Ihrer Hoheit, der Prinzessin?
Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mächtige Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge für Alles; nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu Ihrer Verfügung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie sicher durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren unbedrohten Lande und in der Nähe der herrlichen Mutter dieses Kindes, nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schönes Asyl finden und allen Dank der Liebe ernten, den Ihre aufopfernde Treue verdient. Und ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend möglich ist. -- Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an Sophie und an Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler geharnischter Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amsterdam hervorgegangen, als angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das Erbieten des Prinzen zurückzuweisen, dasselbe kam ihren Wünschen ganz entgegen, denn nach der Heimath, der schönen, gemüthvollen, geliebten deutschen Heimath sehnte sich ihr ganzes Herz.
Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorläufig völlig unbrauchbar gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt bis zur Nagelprobe ausgeleert war, so daß es ganz unmöglich war, aus ihnen in dem Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch einmal Feuer zu geben. Windt hatte sich glänzend bewährt, auch in diesen Stücken, und allerseits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum Siege des heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen habe. Er empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller Chefs, die hier versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie auch an keinem sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an Ordres, lauten und geheimen, und er konnte seelenvergnügt und aufathmend seine drei Kreuze schlagen, als der letzte der fürstlichen und prinzlichen Gäste aus dem Thor des Kastells geritten und über die Zugbrücke hinüber war.
Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Gründen der Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die Befehle von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach dem, was vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja vielleicht auf immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten empfing, auf die sie hoffte, oder ihre Liebe zu Leonardus so mächtig war, daß sie jedes Hinderniß ohne Rücksicht brach.
Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war, sein Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des Krieges zu entfernen, führte für die drei in Liebe und Freundschaft verbundene Herzen die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei, und Alles, was den Freunden vergönnt blieb, war, die scheidende Angés auf ihrer Reise mit dem Kinde über den Rhein hinüber zu begleiten, welche Reise sich von Arnhem über Emmerich und Wesel nach Düsseldorf lenkte, und zwar so weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu drohen schien. Dann reiste Angés mit Sophie, auch für den Weiterweg in den Schutz erprobt tapferer Krieger aus der Legion Rohan gestellt, völlig ungefährdet weiter, bis endlich nach langer Fahrt ein stilles Gebirgsdörfchen des Schwarzwaldes sie in seinen Friedensschoos aufnahm, in dem jetzt keines Kriegers Waffe, sondern nur zur Sommerzeit der Mäher Sense über den duftausströmenden Waldeswiesen blinkte, und kein anderer Schuß fiel, als zu Zeiten der eines heiteren Weidgesellen, der auf nichts weniger ausging, als auf Menschenmord. Angés hatte mit festem Sinn die Gluth ihrer Liebe zu Leonardus in sich verschlossen; mit starkem Frauensinn hatte sie sich gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme des geliebten Mannes zog, zu bewältigen, und sie ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor, obschon nicht ohne eine tiefschmerzende Seelenwunde. Der Abschied zerriß ihr Herz, und trübe Ahnungen durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel wurde, als sich von selbst verstehend, verabredet; Leonardus Briefe sollten alle auf der Post zu Lahr liegen bleiben und von dort durch zuverlässige Boten abgeholt werden.
Frau Windt empfing neben manchem schönen Andenken die Zusicherung nie erlöschender Dankbarkeit. Sie vermißte schmerzlich die gute hülfreiche Angés, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort und fort in »Rep und Ruhr« befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets kampflustigen handfesten Gehülfen. Unterdessen dauerten die Kämpfe fort; an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der fortwährende Kanonendonner erschütterte den Erdboden so heftig, daß sich Windt's Tisch zitternd bewegte, an dem er saß, an seine Gebieterin schrieb und ihr Bericht erstattete.
Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen zwischen Lent und Pandeeren unter stetem fürchterlichen Feuern und in einem dichten Nebel über die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler Weerd zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege.
3. Der Spion.
Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz wußte und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge auf dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte; dann setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch die unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in die weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die Freunde mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da begegnende Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran, ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was sie finden -- und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen Fall nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig.
Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, sobald sie des Reitertrupps ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle gelangt, wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege kreuzten, als Windt's scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er schon einmal und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher Mensch eine blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte Beinkleider; ein breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser Mensch hatte scharf nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt hinter Erlen und Weiden nieder, die am Ufer eines Grabens standen.
Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. -- Er hatte es aber noch nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer geschickten Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem Menschen in dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am Ufer befestigten Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus mit lautem Anschrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser zurück, während er ein Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp ritt stracks auf ihn zu, und hätte ihn unfehlbar über den Haufen geritten, wenn er nicht in die Knie gesunken wäre und gerufen hätte: #Mille pardon! mille pardon!# während er die Waffe aus der Hand warf.
Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der #Ça ira#-Mann von der Balustrade!
Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu thun?
Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt' ihn gleich von Weitem an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll ich ihn in die Wahl schmeißen?
Da hätte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.
Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte. Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges Leben.
Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein armer von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen, was ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen Hals zu retten; ich scheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr war! Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen!
Pardon für ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die Hauptleute.
Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest, Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist wie ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines Pferdes. Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer dicht hinter ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu entwischen, haut ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon!
Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr General! flehte der Franzose.
Der Teufel ist dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nachdem seine Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg angetreten.
Nicht uninteressant waren die Aufschlüsse, welche der gefangene Franzose über seine eigene Person und über die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder Falsches sei, ließ sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach, bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernstliche Androhung, abgefragt wurde, ließ sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen.