Chapter 12
In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort. Wenn es nicht deine Frau ist, so bin ich äußerst neugierig auf die schöne Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schöne junge Frau und ein so schönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber Vetter, du grollst vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der Leimruthe einer hübschen Larve gefangen nahm, und so gnädig ist, in diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck's die junge Gräfin zu spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird er schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das Feuer scheut. Jeder muß selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu tragen.
Jedenfalls aber muß dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu führen, so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren!
Nur erst prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erst noch einmal den alten Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jüngste Begleiter.
Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Lust, mich mit dir zu schlagen, daß deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so beleidigen! Als du wegfuhrst, verließest du sie doch leidend; so ätherisch sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt für einen Engel, einen Seraph erkläre, eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist sehr gut für dich, sie hat keine Flügel, folglich kann sie dir unmöglich unter den Händen weg voraus geflogen sein.
Was half all' dieses Reden! Der eifersüchtige Mensch ist stets sinnlos und handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste, beste Mensch wäre; die Leidenschaften sind Dämonen und werden es ewig bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Götter. Und fürwahr, es erscheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre der Reife erreichte, ein Pandämonium ist und bleibt bis zum Grabeshügel.
Ich hoffe, daß ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz verblendete Mann, aber möglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hübschen Laffen, dem Lebensretter, übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen vier oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser Vorsprung war ein Leichtes.
Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und deiner Rückreise wohlbekanntes Ziel.
Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das durch die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kündete seine innere Bewegung an. Jetzt war das Haus erreicht.
Noch ein Wort! sprach der Jüngste der drei Herren. Kein Feldherr unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die Vorpostengefechte beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf übermorgen sage ich das Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein günstiger Friedensschluß den Feind zur Unterwerfung nöthigt.
Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen.
Herr Adrianus hatte, während die Gesellschaft sich der Betrachtung der erwähnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines Dieners unbemerkt das Zimmer verlassen und empfing mit ehrfurchtvollem Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren.
Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen, Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine Marie?
Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da, aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hörte ich dasselbe Sophie rufen.
Da haben wir's! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal wieder ein starker #error calculi# meines hochgnädigen Herrn Vetters!
Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der Eifersüchtige.
Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklärung hinwegfällt, scherzte der jüngste der drei Offiziere, so dächte ich, wir bildeten heute blos ein Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als Bataillonschef selbst jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden befinden.
Die Gesellschaft im hohen geräumigen Besuchzimmer nahm wahr, daß am Ende der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Dienern nicht ohne Geräusch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kronleuchtern, auf deren jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in demselben Augenblick erklang von einem großen, in dem Durchgangszimmer aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flöten-, Trompeten und Fagottstimmen, mit türkischen Becken und halbem Mondgeklingel, mit Posaunen- und Paukentönen füllreich und harmonisch bewillkommend die Melodie der niederländischen Nationalhymne.
Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüsterte er, während die ganze Gesellschaft sich überrascht und feierlich erhob, diesen Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater? Se. Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei Generale!
Und einer derselben mein gestrenger Vetter, der souveräne Erbherr von Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und wahrhaftig, der Andere ist William, der englische Vice-Admiral, ebenfalls mein Vetter. O Leonardus!
Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen begrüßende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den Vice-Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und was sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde des Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuser van der Valck und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war.
Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die hohen Gäste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden: Diese Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus.
Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er sah in ihr ein schönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Gesicht, das machte ihn innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und Gereiztheit, trieb ihn zu einem raschen Entschluß. Während noch der Erbprinz zu Leonardus gütig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral mit wenig verschämter Neugier Angés betrachtete und in sich selbst hineinmurmelte: Schön, außerordentlich schön, kein übler Fisch, und darauf ein Gespräch mit Angés anzuknüpfen begann, winkte Graf Wilhelm Gustav Friedrich seinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und sprach zu ihm: Ludwig Carl, kannst du vergessen?
Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig offen zur Antwort.
Ich will es! entgegnete der Erbherr.
Ein gegenseitiger fester, männlicher Händedruck, und die Versöhnung war besiegelt.
Aber sprich, wer ist diese Dame?
Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und incognito! flüsterte er.
Zu Angés gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine Niederländerin, meine Gnädige? Französin ohne Zweifel?
Eine Deutsche! gab Angés zur Antwort.
Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath?
Die Pfalz.
Ah so, die Pfalz, ein schönes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz, schöne Pfalz-Gräfin --?
Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebührt vielleicht Personen Ihres hohen Geschlechtes, ich aber muß ihn bescheiden ablehnen.
Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war überrascht von dieser einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angés kenne genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren, wie Angés eine Pfalz-Gräfin war. Indem er sich so für abgefertigt hielt, gewann Angés in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder blosstellen, sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im scherzhaften Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen denn das Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unsere Verwandte sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! -- Diese Worte machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestürzt. -- Nicht? nicht? nicht? stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der junge Herr Graf selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern, wie konnt' ich zweifeln? -- Gewiß, lachte fast laut der zu Scherz und Spott stark geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie zweifeln? Die Verwandtschaft des jungen Herrn ist erstaunlich groß, er hat ganz sicher sehr viele Vettern und auch Mühmlein. Er ist ein Luft-, ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie auf Ihre goldenen Theelöffel Acht haben, Herr Adrianus, ich glaube, die Dame ist eine feine Spitzbübin, und daß sie des Goldes bedürftig, sehen Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht.
Es fiel dem Vice-Admiral nicht im Entferntesten ein, diese seine Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts lieber war als baare Münze, nahm auch diese Worte für solche, und sein Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld, wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der -- Landläuferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur Steigerung seines Aergers, so eben mit Angés im vertraulich flüsternden Gespräch erblickte, während der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt und der Erbprinz sich in ein Gespräch mit der würdigen Familie von Swammerdam eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmüthige Frau in den Weg und fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene beginnen? Mache daß die Täubchen endlich zusammenkommen, denn das Sprichwort sagt: #waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld is, daar wil het geld wezen.#
Ja ja, Mutter, ja ja -- wenn nur nicht -- nun gleich -- werde die Sache einstweilen ordnen -- doch sorge, daß die Herren zuvor gut bedient werden.
Du siehst ja, daß es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden die Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben höchstihren Zuckerkuchen in den Thee.
In Adrianus Innerem kämpften widerstrebende Gefühle und ein Zweifel jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter dieser Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter angedeutet, und brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte dahinter; aber Adrianus hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und jene Dame, die er eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den übrigen Gästen blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis paßte, wie war seine eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den Erbprinzen dazu eingeladen zu haben?
Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute Amsterdams bildeten eine höchst achtungswerthe Aristokratie, kein Fürst brauchte sich ihrer zu schämen, das hatten schon die deutschen Kaiser Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu Amsterdam seine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiser Sigismund's hinab erstreckte. -- Herr Adrianus war unglücklich in seinem Gemüth und mit sich selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgänge des heutigen Abends so schön ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nächsten Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut öffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen salbungsvollen Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander diese Verlobung in der St. Ottilien-Kirche öffentlich verkündigen. Die ehrbare Braut, fügsam und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau ziemt, war Alles zufrieden, was die Häuser van der Valck und Swammerdam über sie beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit Sehnsucht oder zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt herbeizusehnen, dessen doch in aller Gemüthsruhe gewärtig.
Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an, sein stets schalkhaft lächelndes Gesicht in ein ernsthaftes umzugestalten, was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu jugendlich munter, um schon seinen Zügen die stehende Type gottverhaßter Heuchelei fest einzuprägen, wozu entweder sehr frühe Uebung oder reifere Jahre gehören. Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange hagere Gestalt der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den Mittelpunkt vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsäule gleich, mit niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von Leben gab, als daß sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und noch feiner durchbrochenen Elfenbeinblätter ihres Bastille-Fächers aufschlug und wieder zusammen klappen ließ.
Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei es eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen Gäste in den Halbkreis, und nur Angés wandte sich zu dem Kinde, das jetzt einige Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte sich zu ihm nieder und flüsterte der Kleinen zu, daß sie sich bald nach Hause begeben wollten. Sophie zeigte mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder, die sich vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies nur leise flüsternd that, und Angés sich ebenso mit ihm unterhielt, so störte das nicht im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der Valck jetzt vor dem Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und deren Inhalt sich um die unsterblichen Sätze drehte: daß Gott im Anfang ein Männlein und ein Weiblein erschaffen und in eigener allerhöchster Person geäußert habe, es sei nicht gut, daß der Mensch allein sei, daß folglich jeder Mensch, nämlich Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn sei; daß ferner alles irdische Glück, wonach auch alles Streben hauptsächlich ziele, in Erfüllung göttlicher Weltordnung und der Gründung eines häuslichen Herdes gesucht und gefunden werde. Auch sei durchaus unzweifelhaft, daß Gott und seine heilige Kirche nur mit Wohlgefallen auf christliche Eheverlöbnisse blicke, die nach den Wünschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und Verwandten, und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung über das irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden.
Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van der Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van Swammerdam eine derartige Verabredung schon in früheren Jahren getroffen worden, so soll dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so verloben wir, ich, Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner ehrsamen Hausfrau Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen eheleiblichen Sohn Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr, Herr Nepomuck Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame Gemahlin, Frau Susanna Euphemia van Swammerdam, geborene van Neriske, als Tochtereltern, ihre eheleibliche einzige Tochter, die »adelyke« Jufferouw Sibylla Nikodema zu einem rechten christlichen Brautpaar vor diesen allseits achtbaren, hohen und höchsten Zeugen!
Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine vorher leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen, die er bereits in den Händen hielt, leise klingelte, fuhr Angés horchend auf und eiskaltes Entsetzen überrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr lauschte sie hin, beide Hände fest gepreßt auf die ungestüm wogende Brust, auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach Fassung. -- Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen -- zuckte es durch ihr Gehirn -- nicht den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés -- denn er ist nicht dein, wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht; du darfst nicht Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch auf dich laden! -- Und so stand die schöne, zitternde Gestalt im gewaltigen Kampfe zwischen Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer vom Pfeil des Todesgottes getroffenen Tochter Niobe's, bleich wie ein antikes Bildwerk aus cararischem Marmor.
Und Leonardus? -- In seinem Busen wogten und gährten Höllenangst, Zorn, Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer sich wollte er schon einen unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach Brauch und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch schon Vincentius Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in diesem Augenblicke aber fühlte er seine Hand fest erfaßt und gedrückt, und hinter ihm stand Ludwig und flüsterte: Sei Mann! Verstellung, keine Scene, stelle deine Eltern nicht blos -- wir helfen dir heraus!
Diese Worte hörte Angés nicht, denn sie hörte überhaupt nicht mehr, ihr ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter geführt, ganz ehrbar zu seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla's Hand in seine Hand legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz trotz der dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern, Kandelabern und Gueridons brannten, daß sie gar nichts mehr sah; lautlos sank sie in sich zusammen.
Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten Leonardus, er sank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief außer sich, Alles um sich und sich selbst vergessend:
Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache! -- Der Erbprinz bemühte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkosend das schöne Kind; zufällig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karminroth von der feinen Haut die Buchstaben entgegen: #S. C. B.# Er hob mit einem lauten jauchzenden Ausruf die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude!
Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angés schlug die Augen auf, und sah das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer Ohnmacht schneller geweckt, als die stärkenden Essenzen. Eure Hoheit -- wurden fragende Stimmen laut: Was ist's mit dem Kinde? Und Jener rief mit schöner Wallung des Gefühles: Dieses Kind -- ist mein --
10. Ein Tag in Paris.
Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare, unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter einem hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe und Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge folgte dem anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein, denn das Unerhörte fand statt, es feierte selbst -- die Guillotine.
Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?
Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit dem vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte, Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön, obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25. Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli (Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von Oekonomiewerkzeugen und Küchenkräutern, hinter denen man nur Dreschflegelführer und Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als sie sich zu Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer haben? Diese Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten sein, wie eine Nation, die sich die Große nannte, solchen Gallimathias gutheißen und anerkennen konnte?
Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten, kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel und Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken rothe Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau, roth, weiß. Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige Pistolengriffe schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des Kleeblatts heraus. Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen und Pulver in dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas furchtbar Wildes, und zeigte sie so recht vollständig #à la mode#, denn solcher Gestalten und Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren sogenannte Carmagnolen.
Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können. Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl durch, und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen Plätzen und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück, #Programmes de spectacle# feil.