Der deutsche Roman seit Goethe
Part 9
»Die Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens, ~durch Dortchens Augen gesehen~, ließ mir die Welt bald ebenso in einem stärkeren und tieferen Glanze erscheinen, wie es bei ihr der Fall war; -- ein sehnsüchtiges Glücksgefühl durchschauerte mich, wenn ich mir nur die Möglichkeit dachte, für das kurze Leben mit ihr in dieser schönen Welt zusammen zu sein.«
Vielleicht entspricht die Schilderung der Lebenswirklichkeit. Solche Einflüsse entscheiden zuweilen. Aber den denkenden Leser befriedigt solche Entscheidung darum doch nicht.
Endlich noch eins: ~die eigene Entwicklung des Helden behält etwas Unbefriedigendes~. Und das nicht etwa bloß mit Rücksicht auf die ~äußere~ Resultatlosigkeit der langen Malerzeit daheim und in München. Vielmehr: der Leser empfindet deutlich, wie diese äußere Resultatlosigkeit mit Mängeln des Charakters zusammenhängt. So wie Keller den »grünen Heinrich« schildert, ist er vom Verbummeln nicht mehr fern. Daß aus der Malerei nichts wird, ahnt der Leser längst, längst, ehe der »grüne Heinrich« zur gleichen Erkenntnis kommt. Ein bischen mehr Energie, ein bischen schärfere Selbstkritik, ein bischen mehr Zielklarheit wünschten wir ihm. Keller selbst kritisiert diese Entwicklung fast nur durch die Art, wie er sie beschreibt, während er an anderen Punkten deutliche Worte ausdrücklichen Urteils findet. Die endgültige Wendung im Charakter des Helden kommt etwas spät und -- im Verhältnis zum Ganzen -- etwas rasch. Nicht jeder Leser wird ~diese~ Schwäche des »Grünen Heinrich« völlig zu überwinden vermögen.
Vom »Grünen Heinrich« nehmen wir Abschied. Von Keller selbst aber können wir noch nicht scheiden. Allerdings ist es unmöglich, die Fülle der Gesichte hier erstehen zu lassen, die seine übrigen größeren Werke bieten: sein »~Martin Salander~«, der die politischen Fäden des »Grünen Heinrich« weiterführt, der aber noch breiter ausführt, ohne gleiche Kraft und Tiefe zu zeigen, und der nach meinem Empfinden in der Darstellung erheblich weniger ansprechend, in Zeichnung und Räsonnement erheblich trockener ist, wennschon ein Hauch von biederem Bürgersinn den, der dafür Verständnis hat, erfrischend anweht; so ferner seine »~Sieben Legenden~« und seine »~Züricher Novellen~«. Wohl aber gilts, einen Augenblick zu verweilen bei jener berühmt gewordenen Novellensammlung, welche den Titel führt: »~Die Leute von Seldwyla~« (zuerst 1856). Ein sonderbares Städtchen, dies Seldwyla. Leichtsinn haben seine Bewohner in gehöriger Portion. Sie leben gemütlich und ohne sich zu überanstrengen, sie tun überall mit, wo etwas los ist, aber sie fehlen, wo es rechter Ernst ist, sie verstehen das Geldausgeben vorzüglich, aber das Geldverdienen ist ihnen zu mühsam; sie machen Bankrott, wenn sie in den besten Jahren sind, und angeln als Ausgediente zum Nahrungserwerb und zum Zeitvertreib. Aus diesem guten Städtchen der Phrasenhelden und Maulgrößen, der politischen Windmühlen und der moralischen Unbesorgtheit zeichnet Keller mit scharfem Stift, mit bitterer Satire und mit derber Moral eine Reihe von Charaktertypen. Da ist ~Pankraz der Schmoller~, ein eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte, der aber dann in den Lehrjahren seines Lebens die Schmollerei verlernt. Er kommt ins Ausland; in Indien verliebt er sich in ein kokettes Mädchen, das nicht ruht, bis seine Liebe weißglühend geworden ist, um ihn dann ganz gehörig ablaufen zu lassen. In Afrika hat er ein Löwenabenteuer. Stundenlang muß er, der Waffe beraubt, dem Löwen unbeweglich fest ins Auge sehen, bis Hilfe kommt. So wird er vom Schmollen kuriert. -- Da sind »~die drei gerechten Kammmacher~«, wahre Ausbunde von Solidität und Tugend, die alle drei ein Kammmachergeschäft, in dem sie arbeiten, nach des Besitzers bevorstehendem Bankerott erwerben wollen und, um nur bleiben zu können, sich vom Meister drücken und schinden lassen. Sie wollen alle drei ein ebenso pedantisches Mädchen heiraten, das einen Batzen Geld hat und das keiner dem andern gönnt. Endlich kommt die Entscheidung; von dreien darf nur einer im Geschäft bleiben. Wer? darüber soll ein lächerlicher Wettlauf entscheiden. Zwei schießen, in einander verbissen, am Ziel vorüber, der dritte gibt das Laufen auf, sichert sich das Mädchen und bekommt mit dessen Geld das Geschäft. Da gehen die Unterlegenen hin: der eine hängt sich auf, der andere wird ein Liederjahn. -- Da ist ferner ~Frau Regel Amrain~, eine kluge Frau und noch klügere Mutter, die alle Schäden, an welchen Seldwyla krankt, wohl übersieht und darum ihren Jüngsten, in dem sie am meisten Hoffnungsgrund für zukünftige Entwicklung merkt, zu einem Mann heranzieht, der jenen Torheiten entwächst und, statt zu werden wie die andern, lieber fleißig, sittsam und tatkräftig sein und seiner Familie Wohl, auch nicht zuletzt das Wohl der Allgemeinheit fördern soll. -- Da begegnen wir »~Romeo und Julia auf dem Dorf~«, -- eine Geschichte vom Zwist zweier bäuerlicher Nachbarn, die sich um ein Nichts verfeindet haben und nun die Fehde bis zum völligen Ruin beider Familien fortführen. Der Sohn der einen und die Tochter der andern Familie aber haben sich lieb und gehen schließlich gemeinsam in den Tod, -- nicht ohne vorher in freiem Entschluß ohne den Segen der Eltern und ohne die Ordnung der Sitte Hochzeit gefeiert zu haben. -- Aber wozu von jeder einzelnen dieser Novellen erzählen? Sie sind allesamt echte Kinder der Kellerschen Muse. Jeder liest sie gern in einer Stunde, die dem Nachdenken nicht allzu abhold sein darf. Jeder spürt in ihnen die Feinheit der Beobachtung, die Anschaulichkeit der Darstellung, die Tiefe der Gedanken und den Ernst des Urteils. Jeder freut sich der klaren Art, ein begrenztes Bild oder Bildchen menschlichen Lebens und Treibens herauszuarbeiten und den Faden der Handlung, die nur manchmal etwas sehr in die Breite geht, festzuhalten. Es sind Novellen, die zugleich fesseln und zu denken geben; und eine große Summe Lebensweisheit steckt in ihnen. Etwas von den Leuten von Seldwyla findet sich ja schließlich auch sonst auf der Welt! Immerhin will ich mit einem Bekenntnis nicht zurückhalten. So gewiß es richtig ist, daß Keller mit den besten Stücken dieser Sammlung gleich alles, was seine Vorgänger und Zeitgenossen auf dem Gebiet der Novelle bisher geleistet haben, übertrifft, so wenig kann ich ohne Einschränkung ein Urteil unterschreiben wie das, nach welchem sie »große und freie Poesie« sind, »von einer bedeutenden, wenn auch eigen gewachsenen Persönlichkeit getragen, von reichster künstlerischer Durchbildung, ebenso wahr und tief wie fein.« Mag vieles in diesem Urteil zutreffen, eins ist darin vergessen: der moralisierende Ton, der zuweilen etwas geradezu Pedantisches hat. »Frau Regel Amrain und ihr Jüngster« kann geradezu eine pädagogische Novelle genannt werden. Aber auch die anderen Stücke haben diese erziehliche Art. Und Keller hat es ~nicht~ immer verstanden, seine Moral ins Gewand »großer und freier Poesie« zu kleiden; er wird zum Kritiker, zum Schulmeister, zum Erzieher und vergißt dabei doch manches Mal den Dichter. Etwas von dieser Art findet sich in allen Werken Kellers; es hat mit dazu beigetragen, sie zu Zeitromanen und Zeitnovellen zu machen; denn was er kritisiert, sind ja Zeitsünden, Zeitschwächen. Aber ihren dichterischen Wert hat es nicht gehoben.
Auch »Die Leute von Seldwyla« habe ich in die Gruppe der Zeitdichtung eingereiht: aus eben diesem jetzt angeführten Grund. Schweizer Bürgerleben in seinen Schwächen bildet überall den Hintergrund der Novellen. In die großen, flutenden Bewegungen der Zeit führen sie freilich nur gelegentlich ein. Aber muß ein Zeitroman wirklich das Ganze der Zeit umspannen? Wir warfen die Frage schon früher auf, aus Anlaß der Vorrede zu Gutzkows »Rittern vom Geist«; und wir beantworteten sie mit Nein. Muß ein Zeitroman auch nur die großen, weltbewegenden oder doch staatenerschütternden Strömungen skizzieren? Gibt er nicht auch ein Bild seiner Zeit, wenn er irgend ein konkretes Einzelgebiet herausgreift und zu intimer, lebendig-wahrer Darstellung bringt, selbst wenn es mit jenen politischen Strömungen nichts oder wenig zu tun hat? Den besten Beweis, daß auch ein solcher Zeitroman auf der Höhe stehen kann, gibt ~Gustav Freytags~ Buch »~Soll und Haben~«, das ein Jahr später als »Der grüne Heinrich« und ein Jahr früher als »Die Leute von Seldwyla« erschienen ist. Die Gestalten dieses Buchs stehen Ihnen allen vor Augen; Andeutungen werden daher zur Begründung meines Urteils ausreichen. Ins Weltgetriebe führt Freytag mit der polnischen Insurrektion, die der Kaufmann Schröter und Anton Wohlfart aus eigener Anschauung kennen lernen. Aber Freytags Interesse in diesem Roman ist nirgends politisch; auch jene polnischen Zustände kommen fast nur in ihrer Rückwirkung auf die Geschicke der Handlung T. O. Schröter, Kolonialwaren und Produkte, zur Geltung, daneben lediglich noch in ihrem Einfluß auf die persönliche Charakterbildung Anton Wohlfarts selbst. Die Firma T. O. Schröter in der Hauptstadt der Ostprovinz steht unbestritten im Mittelpunkt. Das Großkaufhaus in Breslau -- diese Stadt ist bekanntlich gemeint -- mit allen seinen Insassen und Angestellten macht uns zugleich mit Lebensart und -Haltung der Kreise bekannt, die in ihm ihren Mittelpunkt haben. -- Außerdem lernen wir in Veitel Itzig und Ehrenthal Typen unehrlicher Geschäftspraktiken kennen, in Hippus den Typus des abgefeimten Winkelkonsulenten, in der Familie von Rothsattel und in dem Tanzzirkel der Frau von Baldereck die Kreise des Landadels und des Offiziersstandes, in Fink den weiterblickenden, amerikanisierten Weltmann, der zugleich die strenge Lebenseinfachheit des deutschen Kaufmannsstandes aufgegeben hat. Sabine Schröter ist ein Bild zugleich deutscher Hausfrauenart und edler Weiblichkeit. Vielleicht ist das Gesichtsfeld des Romans nicht allzu weit; weit ~genug~ ists auf alle Fälle. Das solide Bürgertum der deutschen Stadt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, mit Konzentration aller Interessen auf Beruf und Arbeit, mit keiner anderen Poesie als derjenigen eben dieses Berufs und dieser Arbeit, aber darum nicht ohne Gemüt und nicht ohne Herz, wird dem unsoliden Wuchertum wie dem glänzenden, aber minder fest auf der Arbeit aufgebauten gesellschaftlichen Leben der aristokratischen Kreise gegenübergestellt. Ist das kein Gegenstand, der für das Leben einer bestimmten Zeit charakteristisch wäre? Sehen wir nicht ganzen Schichten des deutschen Volkes ins Herz?
Die Art, wie Freytag schildert, ist ganz und gar geeignet, ein wirkliches, klares und deutliches Bild eben dieser Schichten zu geben. Am meisten ausgeführt ist dasjenige der Firma T. O. Schröter. Hier ist er peinlich genau, bis ins Einzelne treu. Er erspart dem Leser nicht die gründlichste Beschreibung der Handelsbeziehungen und des Arbeitsbetriebs in dem großen Kaufhause. Er führt uns durch beinah sämtliche Räume desselben, durchs Kontor, den eigentlichen Herzpunkt, durch die Kellerräume, in denen die Waren lagern, durch die Wohn- und Prunkräume des ersten Stockwerks, wo die Angestellten mit der Familie des Prinzipals die Mittagsmahlzeit einnehmen, durch die Wohnzimmer des Hinterhauses, in denen Buchhalter und Kommis ihre bescheidenen Wohnstätten haben, durch Hof und Hausflur, wo Herr Pix die Auflader und Hausknechte regiert. Er zeichnet Charakterbilder von jedem Einzelnen der beteiligten Männer, von dem bescheidenen Liebold bis zum Aufladerobersten Sturm und dem Allerweltsfaktotum Karl. Er nötigt uns, die zeitraubenden Verhandlungen mit Schmeie Tinkeles anzuhören, und er vergönnt uns, die Tätigkeit des ersten Buchhalters mitzuempfinden. Wer wollte leugnen, daß ihm die Wahrheit den Pinsel geführt hat? Vielleicht ist Sturm, der Oberste der Auflader, ein bischen zu rühr- und redselig gezeichnet; vielleicht treten interne Psychologika, soweit sie nicht die Entwicklung der Menschen zu Geschäftsleuten betreffen, allzusehr zurück. Aber gerade das Geschäftsleben gewinnt durch diese Einseitigkeit; es ist ein prächtiges Bild, das Freytag von ihm gezeichnet hat.
Aber auch alles Andere an diesem Roman ist treu und wahr. Freytags Liebe gehört ja ohne Frage ~diesen~ Menschen, vor allem dem braven und treuen, fleißigen und sorgfältigen, warmherzigen und tieffühlenden Anton Wohlfart. Um so höher ist es ihm anzurechnen, daß er es völlig vermieden hat, um seiner Lieblinge willen die andern Kreise zu karikieren. Man vergleiche getrost die Adelskreise in Spielhagens »Problematischen Naturen« mit den Rothsattels bei Freytag, ja mit der Frau von Baldereck und der Gräfin Pontak, mit den Leutnants von Zernitz und von Tönnchen! Die jungen Herren aus dieser Umgebung kommen nicht gerade gut weg. Aber dem jungen Kaufmann imponiert »ihre Art zu sprechen und sich zu geberden, vor allem eine gewisse ritterliche Atmosphäre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas Stallluft und viel von dem Aroma der Weinstube.« Und als Wohlfart später nach ernsthaft bewiesener, mutvoller Unerschrockenheit in Polen wieder mit einem Kreis von Offizieren zusammenkommt, da freut er sich des freien Verkehrs mit anspruchsvollen Menschen und läßt sich gern in den Zauber eines Kreises ziehen, welcher ihm für frei, glänzend und schön gilt. Und selbst der Leutnant von Rothsattel, der ein bischen reichlich stolz gewesen, erhält nun noch das Prädikat: »im Grunde ein verzogener, leichtsinniger, gutmütiger Mensch.« Und die übrige Familie von Rothsattel, der edle Freiherr voran, die prächtige Mutter nicht hinter ihm, die reizende, mutige, frische Lenore mit ihnen, gibt ein treffliches Konterfei schlesischen Grundadels, wennschon uns Jetzigen die geringe Gewandtheit des Freiherrn in geschäftlichen Angelegenheiten recht sonderbar vorkommt. Kurz, Freytag hat den Fehler vermieden, zu gunsten einer Menschenklasse andere ins Unrecht zu setzen; und wenn es in der Welt seines Romans im allgemeinen bürgerlich ordentlich, ehrbar und anständig zugeht, so hat er doch das gute Recht, gerade solche ordentlichen Menschenschichten zum Gegenstand seines Bildes zu machen. Die Schwächen jener bürgerlich-kaufmännischen Lebensauffassung läßt er ja keineswegs zurücktreten: etwas Pedantisches, etwas Philisterhaftes klebt ihr an; frei, glänzend und schön gestaltet sie das Leben nicht; aber ernst ist sie und reizlos ist sie auch nicht. Hören wir unsern Anton Wohlfart:
»Ich weiß mir gar nichts, was so interessant ist, als das Geschäft. Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe von zahllosen Fäden, die sich von einem Menschen zu dem andern, über Land und Meer, aus einem Weltteil in den anderen spinnen. Sie hängen sich an jeden Einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen Welt. Alles, was wir am Leibe tragen, und alles, was uns umgibt, führt uns die merkwürdigsten Begebenheiten aller fremden Länder und jede menschliche Tätigkeit vor die Augen; dadurch wird alles anziehend. Und da ich das Gefühl habe, daß auch ich mit helfe, und, so wenig ich auch vermag, doch dazu beitrage, daß jeder Mensch mit jedem anderen Menschen in fortwährender Verbindung erhalten wird, so kann ich wohl vergnügt über meine Tätigkeit sein. Wenn ich einen Sack mit Kaffee auf die Wage setze, so knüpfe ich einen unsichtbaren Faden zwischen der Kolonistentochter in Brasilien, welche die Bohnen abgepflückt hat, und dem jungen Bauerburschen, der sie zum Frühstück trinkt, und wenn ich einen Zimtstengel in die Hand nehme, so sehe ich auf der einen Seite den Malayen kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der anderen Seite ein altes Mütterchen aus unserer Vorstadt, das ihn über den Reisbrei reibt.«
Und so wenig der ernste Mensch über diese Poesie der Kolonialwaren wird lächeln dürfen, so wenig kann er Antons weitere These bestreiten:
»Wer ein ehrliches Geschäft hat, kann von unserm Leben nicht schlecht denken, er wird immer Gelegenheit haben, Schönes und Großartiges darin zu finden.«
Was endlich an »Soll und Haben« rühmend hervorzuheben ist, das ist die Technik des Aufbaus. In dieser Hinsicht bezeichnet der Roman einen entschiedenen Fortschritt gegenüber Gutzkow und auch gegenüber Keller, vielleicht in mancher Hinsicht sogar gegenüber Spielhagens »Problematischen Naturen«. Gutzkow war breit und ließ die Handlung in zahllose lange Gespräche zerfließen; für lange Zeiten waren die Menschen für ihn nur dazu da, um ihre Ansichten einander möglichst offenherzig zu erzählen. Auch bei Freytag fehlen die Gespräche nicht; was ich eben an Urteilen über den Kaufmannsstand anführte, entstammt einem solchen. Aber sie treten zurück gegenüber dem Handeln. Das ist nicht immer ein Handeln im großen Stil; Ereignisse häufen sich nicht; es ist ein Geschehen im kleinen und kleinsten Maßstab; aber es charakterisiert und es fesselt. Bei Gutzkow Unwahrscheinlichkeiten und Abenteuerlichkeiten im äußeren Verlauf; bei Freytag ruhige, wenn auch nicht immer ganz folgerichtige Entwicklung auf solidem Unterbau. Und während Kellers »Grüner Heinrich« zeitweis den Charakter des Memoirenwerks trägt, gab Freytag seinem »Soll und Haben« auch in der Form mit aller Kunst ganz den Charakter des Romans. Ein einzelnes Menschenkind, Anton Wohlfart, eint in seiner Person die mannigfachen Fäden der Entwicklung: er ist mit Leib und Seele im Kontor bei T. O. Schröter, er beteiligt sich am Tanzkränzchen der Frau von Baldereck, er schwärmt für Lenore von Rothsattel, er verkehrt mit Bernhard Ehrenthal. Und so zersplittert sich das Interesse nicht; es begleitet die Entwicklung in Aufmerksamkeit und Spannung durch alle Stadien hindurch. Bald führt das eine Kapitel den Leser zu T. O. Schröter, bald das andere ins Geschäft zum Ehrenthal, bald das dritte ins Stammschloß der Rothsattel. Aber alle diese Einzelentwicklungen gestalten sich schließlich zu einem großen Ganzen und finden nach spannenden Akten ihren Abschluß, einen richtigen, Ruhe gebenden Abschluß. Verglichen mit den »Problematischen Naturen« Spielhagens ist Freytags »Soll und Haben« nach seiner Technik insofern im Vorteil, als hier nicht das geheimnisvolle Hineinwirken einer spät entdeckten vergangenen Tatsache zum Abschluß hilft, sondern einfache, klare, folgerichtige Durchführung der in der Anlage gegebenen Ansätze.
Somit kann es nur mit Freude begrüßt werden, daß »Soll und Haben« eins der Lieblingsbücher der deutschen Gebildeten geworden ist. Auch vom modernen Standpunkt des Naturalismus +sans phrase+ aus soll man uns das Buch nicht verleiden. Es bleibt des Dichters gutes Recht, sein Thema so zu begrenzen, daß gewisse Tiefen nicht aufgerührt werden. Er begibt sich damit der Möglichkeit, problematische Naturen mit ihren Sonderbarkeiten zu zeichnen, feinädrige psychologische Probleme zu behandeln, und auch des anderen, einen Beitrag zur Lösung von Fragen der Politik oder der Weltanschauung zu geben. Aber er bringt nichtsdestoweniger ein Zeitbild, ein Bild tüchtigen, fleißigen Strebens, und er bringts in annähernd objektiver Weise, ohne allzustarke Satire, ohne Geißelhiebe nach rechts oder links, aber nicht ohne einen gewissen Humor, mag derselbe auch etwas nach dem Kontor schmecken.
Ein Werk in der Art von »Soll und Haben« ist Freytag nicht wieder gelungen. »Die verlorene Handschrift« erreicht nicht entfernt die gleiche Höhe. Der Gelehrte, welcher die Handschrift sucht und darüber jeden praktischen Blick verliert, mag ja ein Produkt deutschen Wissensdranges sein. Aber wir fühlen es alle: er eignet sich weit mehr zum Objekt der witzigen Professorenanekdoten, wie sie ja von Mund zu Mund gehen, als zum Mittelpunkt eines großen Romans. Dazu ist er in seiner ganzen Art doch nicht genug Typus jener gründlichen Gelehrsamkeit, wie wir sie als eine Spezies unseres Vaterlandes schätzen und lieben. Der große Zyklus »Die Ahnen« aber wird an anderer Stelle zu würdigen sein.
Vom objektiveren Zeitroman wollte ich reden. Unter Preisgabe der Politik hat Freytag eine hohe Objektivität erreicht. Wie steht es mit dem Zeitroman in späteren Zeiten? Finden wir nicht auch unter seinen Schöpfungen noch manches, was die Tendenz zurücktreten läßt? Ich glaube, das sogar von einigen Werken ~Spielhagens~ behaupten zu dürfen. Nicht von dem 1887 erschienenen »~Was will das werden?~«, dem Anti-Bismarck, gilt das, -- auch nicht von »~Der neue Pharao~« von 1889, der die neue Zeit, die Zeit Bismarckschen Einflusses mit schwarzen Farben malt. Aber bis zu einem gewissen Grad ists ihm in der »~Sturmflut~« gelungen, einem Werk von wunderbar packender Kraft, einem der besten des Meisters, in dem Reichtum der Gedanken und Aktualität der Meinungsäußerung sich mit imposanter Kunst der Entwicklung und Durchführung einer vielgestaltigen Handlung vereinigen. Sturmflut bricht herein -- über das deutsche Volk: eine Flut von Gold im Milliardensegen nach dem französischen Krieg, eine Flut von Schwindel in Handel und Wandel, eine Flut von Verderbnis im sittlichen Leben der Familien und der Einzelnen. Sturmflut bricht herein -- über die Bewohner des Ostseestrandes und mit ihnen über ein Liebespaar, das die Schuld jener anderen Sturmflut auch auf sich geladen hat. Und wie die Bilder von dieser letzten, natürlichen Sturmflut zu dem Gewaltigsten gehören, was unsere Romanliteratur besitzt, so fehlt auch der Schilderung der Sturmflut roten Goldes und sittlichen Verfalls nicht die drastische Anschaulichkeit und nicht die innere Wahrheit. Obgleich Spielhagen sich und seine Tendenzen niemals ganz verleugnen kann, so hat er doch in diesem Buch auch den von ihm sonst mit Vorliebe befehdeten Adelskreisen ein wenig mehr ihr Recht gegeben. Auch in diesem Roman kann man, was Einzelzeichnung betrifft, manches finden, was mit der Wirklichkeit streitet; Spielhagen bringt es nicht fertig, einen Geistlichen anders zu zeichnen denn als einen gefühlsrohen und bornierten Fanatiker; und auch der Jesuit der »Sturmflut« ist allzu phantastisch herausstaffiert. Aber jedenfalls trifft die »Sturmflut« besser das Kolorit der Wirklichkeit als manches andere Produkt der Spielhagenschen Muse. Hier hat die unmittelbare Anschauung, die Gewalt seines Stoffs, die ernste sittliche Haltung gegenüber dem Schwindel und der Haltlosigkeit ihm die richtigen Farben in den Pinsel gegeben.