Der deutsche Roman seit Goethe

Part 6

Chapter 63,444 wordsPublic domain

3. Schwerer fällt zu Auerbachs Ungunsten ins Gewicht, daß er, selbst von der Neigung zu idealisieren abgesehen, in der Zeichnung seiner Bauern doch ~nicht ganz die rechten Farben getroffen hat~. Ein neuerer Beurteiler nennt seine Erzählungen »treuherzig und mit jenem gesättigten Humor im Ton, welcher dem Bauernverstand eine gewisse Überlegenheit gibt«. Das mag stimmen, aber es genügt nicht, um den Eindruck der Echtheit zu erwecken. Adolf ~Bartels~ konstatiert z. B. bei der Geschichte »Ivo, der Hairle«, daß die Entwickelung in den Hauptzügen richtig gegeben ist; »ein letztes Etwas fehlt einem aber doch«. Was ist dies letzte Etwas, das übrigens keineswegs allein bei dieser einen Erzählung fehlt? ~Bartels~ selbst erklärt: »In den letzten Gründen weiß er nicht immer Bescheid, er legt unter und deutelt hinein und erreicht nicht die absolute Echtheit, die Jeremias Gotthelf bis in die letzte Gebärde und den geheimsten Seelenvorgang aufweist.« Aber auch dies bedarf wieder der Begründung. Woran liegts, daß Auerbachs Dorfgestalten nicht absolut echt sind? Meiner Meinung nach an einem Dreifachen: Zunächst an der ~geringeren Bedeutung, welche Sitte und Brauch für seine Geschichten haben~. Theoretisch hat er die ganz richtige Einsicht gehabt: »Nicht die Sittlichkeit regiert die Welt, sondern eine verhärtete Form derselben: die Sitte. Wie die Welt nun einmal geworden ist, verzeiht sie eher eine Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte«. Hier liegt tatsächlich der Schlüssel für das Verständnis des Bauern. Mit diesem Satz hat Auerbach den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber in der Ausführung tritt die Sitte ganz zurück. Denken wir an eine einzige kleine Szene bei Gotthelf wie z. B. an die, wo Vreneli den Gang zum Pfarrer wieder und wieder aufschiebt. Jeder Satz zeigt die Verknüpfung von Sitte und Tun. Am Mittwoch geht sie nicht, weil das als Unglückstag gilt; kein Dienstbote zieht da an. Am Dienstag ist das Zeichen des Kalenders nicht recht: die Welt des Aberglaubens tut sich auf. Am Montag scheint der Mond zu hell; die Mädchen mögen bei diesem wichtigen Gang sich nicht gern anstaunen lassen. Und so gehts fort. Das ist ein Meisterstück in der engsten Gründung von Rede und Handlung auf Brauch und Sitte. Wo fände sich ähnliches bei Auerbach? Es ginge ja auch so, daß schlichte, ruhige Schilderung der Heimatsart des Bauern die Erzählung trüge. Im »Oberhof« hat sich Immermann gar nicht gescheut, ziemlich lange Episoden zu geben, die, mit der Handlung nur lose verbunden, eben die Welt beschreiben, in welcher der Bauer lebt. Auerbach hat auch das verschmäht, bis auf dürftige Ansätze, bei denen zudem der Bauer immer gleich mit dem Städter verglichen wird. Der Hintergrund ist bei den »Schwarzwälder Dorfgeschichten« nicht genügend ausgearbeitet. Warum nicht etwas mehr Brauch und Sitte bei der Hochzeit von Reinhard und Lorle? Was für eine schemenhafte Schilderung des Sonntagmorgens im Dorf am Anfang der »Sträflinge«! Es fehlt am Hintergrund. Wir sehen und hören die Bauern, aber wir erleben nicht ihren naturwüchsigen Zusammenhang mit ihrer Scholle, mit Arbeit und Erholung, mit Ordnung und Sitte. Damit hängt dann ein Anderes eng zusammen: auch ~die Denkweise der Schwarzwälder Bauern ist keineswegs echt~. In ihre eigensten Gebiete führt Auerbach überhaupt nicht ein. Was er sie sonst reden läßt, das hat einen Anstrich von liberalen Zeitideen, der ja dazumal, in den vierziger Jahren, sich auch beim Bauernstand gefunden haben mag, der aber jedenfalls Anstrich ist, auch durchaus nichts, was die ~Eigenart~ des Bauern zu bezeichnen geeignet wäre. Es sind gute Menschen, die er vorführt, und es mögen ganz schöne Ideen sein, die sie da vorbringen. Aber Bauerngedanken sinds nicht. Schließlich trägt auch die ~Sprache~ Schuld, welche Auerbachs Schwarzwäldler reden. Helmuth ~Mielke~ erklärt sie für eine »schlichte und warme Sprache, die den Mundatem des Volkes selbst bekundet!« Das Gegenteil ist richtig. Die Worte sollen getrost für echt gelten, die Sprache ist darum doch nicht echt. Was z. B. das Lorle in der Audienz beim Prinzen alles zusammenschwatzt, das ist ganz und gar nicht dörflich schlicht; das ist forciertes, gemachtes Bauerntum. Kurz, Auerbachs Dorfgestalten haben keinen Erdgeruch; es sind Salondörfler.

4. Zur Charakteristik seiner ganzen Erzählweise mag an vierter Stelle die Art erwähnt sein, ~wie er Stoffe wählt und Probleme gestaltet~. Auch diese Art ist nicht schlicht natürlich. Gerade »Die Frau Professorin« liefert dafür den glänzendsten Beweis. Ein Künstler, der in nächster Beziehung zur Hofgesellschaft steht, heiratet ein schlichtes Gastwirtskind vom Lande. Noch dazu ein Mann, der sich gar keine Mühe gibt, ein warmes Familienleben zu gründen, bei dem es dem verpflanzten Dorfkind wohl sein kann. Und das Dorfkind seinerseits bleibt so stocksteif auf der alten Art, die doch eigentlich nur in der Negation sich zeigt, daß man wirklich ein bißchen mehr Verständnis, ein klein wenig mehr Akkommodationsfähigkeit erwarten dürfte. Das ist kein typisches Sittenbild; das ist die Geschichte einer Torheit, welche durch die Narrheit der Hauptbeteiligten auf die Spitze getrieben wird! Aber auch in anderen Erzählungen bleibt Auerbach ungern beim rein, intim Dörflichen. Überall spielt das Städtische hinein. In »Die Frau Professorin« tritt das Dörfliche nirgends für sich auf, vielmehr durchweg nur in Verbindung mit den Erlebnissen des Malers und des Collaborators. Die »Sträflinge« bringen ein ganz fremdartiges Element ins Dorfleben hinein: die aus Barmherzigkeit aufgenommenen entlassenen Gefangenen.

Ich fasse mein Urteil über Auerbach kurz dahin zusammen: Er verherrlicht das Landleben, den Bauernstand. Er entnimmt dem bäuerlichen Leben seine Stoffe und seine Probleme. Aber ~er geht nicht genug in die Wurzeltiefe dörflicher Art hinein, er nimmt den Bauern nicht im Zusammenhang mit seiner Scholle. Und so lernt man den Bauernstand selbst durch ihn nicht kennen.~

* * * * *

Gehören die beiden, die ich nun nenne, auch noch zu den Dorfgeschichtenschreibern? ~Otto Ludwig~, meine ich, mit seiner »~Heiterethei~« und seinem »~Zwischen Himmel und Erde~« und dann der allbekannte, reichlich gelesene und vielgeliebte ~Fritz Reuter~? Otto Ludwig kann man den Titel des Dorfgeschichtenverfassers mit guten Gründen abstreiten. »Himmel und Erde« ist eine städtische Geschichte; das Dachdeckerhandwerk bildet ihren Mittelpunkt. Zudem liegt es ihrem Schöpfer gar nicht am Herzen, Sitte und Art zu zeichnen; keine Erzählung, die tiefer ins Psychologische ginge und weniger über das Psychologische hinausginge als diese. Ein Meisterstück an Feinheit, Geschlossenheit, Entwicklung, Spannung und Kraft! Wer sie noch nicht las, sollte sie eilig zur Hand nehmen! Aber eine Dorfgeschichte? -- Nein. Und auch die »Heiterethei« liegt ein Stück ab vom Oberhof und von Jeremias Gotthelf; am wenigsten vielleicht von Auerbach. Nicht das Dorf ist ihr Schauplatz; ein Städtchen ist der Tummelplatz ihrer Gestalten. Hier leben der hustende Weber, der Schneider, der trotz seiner dreißig Jahre von seiner baumlangen Stiefmutter als der »Jung« betrachtet und bis zu den handgreiflichsten Konsequenzen auch so behandelt wird, der Morzenschmied, der ein Schabernack ist, obwohl er immer so duchsig tut. Hier hausen und klatschen die wichtigen und die minder wichtigen Weiber, die Gringelwirts Valtinessin, die das Recht hat, von allen Frauen am vornehmsten zu träumen, und vor deren Übelnehmen die anderen alle sich fürchten, -- die Frau Tüncherin, die der Valtinessin gleich gern zugesteht, daß der Hahn, den sie im Traum hat krähen gehört, kein rechter Luckenbacher gewesen ist, weil er ander Wetter gekräht hat, was die Valtinessin doch nicht wahrhaben will, -- da ist die Weberin und die Schmiedin, die, während ihr Mann ihr halb wider Willen etwas Neues berichtet, schon immer im Geist beim Kaffeeklatsch ist und sich selber sieht, wie sie unter allgemeiner Spannung die Neuigkeit weitererzählt. Im Städtchen Luckenbach aber hausen vor allem auch die beiden Hauptpersonen, die Dorle mit dem blonden Zopf und den vollen Lippen, die so munter ist, daß man sie Heiterethei genannt hat: »Der Name tanzt ordentlich wie das Mädle selber.« Ein Prachtmädel, diese Heiterethei! Kein braver Mädel im ganzen Städtel; aber auch keins mit einem flinkeren Mund. Mit dem Schiebkarren fährt sie zum Markt; auf dem kräftigen Karren ruht ein tüchtiger Strick. Nun fragt der Schneider:

Aber was willst du dir nur holen damit?

Einen Mann, lachte der Schmied.

Einen Schmied, entgegnete das Mädchen ernsthaft. Die muß man mit Stricken binden, wenn sie vom Markt heim nicht in jedem Wirtshaus einkehren sollen.

Die Schneider nicht? fragte der Schneider fast neidisch.

Auch, sagte das Mädchen, nicht wegen der Wirtshäuser, nur, daß sie der Wind nicht vom Schiebkarren bläst.

Du mußt den Holder-Fritz frein, hustete der Weber. Wenn ihr einen Jungen kriegt, der jagt den Kirchturm von der Kirch' und zur Stadt hinaus.

Das käm' zu spät, sagte das Mädchen ruhig. Bis dahin habt ihr ihn hinausgehustet.

Wo stellt ihr ein auf dem Markt, Annedorle? fragte der Schmied. Heimwärts führen wir uns.

Ihr werdet wohl einen brauchen, der euch führt, sagte das Mädchen; ich nicht. --

Und neben der Heiterethei steht der Holder-Fritz, der flotte und lustige Holder-Fritz, der nachher mit einem Mal anders wird. Wie der Holder-Fritz und die Heiterethei, beide starke, trotzige Seelen, sich mögen und sich trotzen und endlich sich einigen, das beschreibt alles die »Heiterethei«.

Eine Dorfgeschichte ist das nicht, aber weit davon ists auch nicht. Das Städtchen ist ja eins von denen, in deren Tätigkeit Ackerbau und Gewerbe sich teilt. Und eine Volkserzählung ists ganz gewiß. Nur nicht so schlicht, wie die von J. Gotthelf; der kann einem hiergegen beinahe pedantisch vorkommen. Und auch nicht so gravitätisch wie der Oberhof. Nein, viel flotter, lustiger, leichter geschürzt. Und doch viel mehr Kompositionskunst, viel mehr Entwicklungsenergie, viel mehr psychologische Feinmalerei als nüchterne Beschreibung. Eine Volkserzählung, die den Titel »Novelle« vollauf verdient, weil sie ein sorgsam bedachtes Kunstwerk ist. Der Realismus ist freilich nicht mehr Alleinherrscher; er hat den Humor und die Satire zur Seite.

Ein prächtiges Gegenstück zu dieser Art bildet unser lieber ~Fritz Reuter~. Was brauche ich da Titel aufzuzählen? Ihn kennt ja ein jeder. Freilich, vor allem meine ich und denke ich an seine »Stromtid«, dies Buch, das dem deutschen Volk, wenigstens dem gebildeten Teil desselben, so ganz zu eigen geworden ist. Auch Fritz Reuter ist Volkserzähler. Seine Dichtung wurzelt mit tausend Wurzeln im mecklenburgischen Land, im norddeutschen, ja im ganzen deutschen Volk. Hawermann und seine Lowise, Unkel Bräsig, die lütte Fru Pastern, Jochen Nüßler und die Madam Nüßlern, die Druwäppel Mining und Lining, sind das nicht wundervolle ländliche Charaktergestalten? Giebts nicht desgleichen Pomuchelsköppe sowohl wie Rambows, Kandidaten wie Rudolf und Gottlieb, Eleven wie den famosen Triddelfitz überall im deutschen Land? Und blickt man nicht tief, tief hinein in des Landmanns Last und Lust, in der Fru Pastern Freud und Leid, in der Tagelöhner Arbeit und Sorgen? Ja, Reuter greift tief hinein ins Leben des Volks, ins Herz des Volks. Er ist zugleich in alledem klar, treu und wahr. Und darum gehört, was er geschrieben, zur Volkserzählung. Und es gehört unter ihren Schöpfungen nicht an den letzten Platz.

Nur bleibt dem, der die Eigenart der Erscheinungen gegen einander abwägt, doch die Pflicht, seiner Art innerhalb der Volkserzählung ihren ganz besonderen Platz anzuweisen. Reuter steht Otto Ludwig und seiner »Heiterethei« der Art nach am nächsten, wie er übrigens auch der Zeit nach mit ihm eng zusammengehört. Die »Heiterethei« erschien 1854, »Zwischen Himmel und Erde« 1856, während Reuters literarische Tätigkeit 1853 mit den »Läuschen un Rimels« begann und dann bis 1862-64, der Zeit der »Stromtid«, währte. Wie Ludwig führt auch er nur nebenbei in alle die Sitten und Zustände ein, in Volkes Sonderwesen und Eigenbräuche. All das spielt hinein, aber es klingt nur leise mit. Ein Milieudichter ist Reuter nicht, ein naturalistischer -- trotz ein paar derber Stellen -- erst recht nicht. Ihm hebt sich aus allem der Mensch heraus; der bleibt ihm die Krone, die alles andere zurücktreten läßt. Und das hat zur Folge, daß die Heimatsfarbe, der Erdgeruch minder deutlich wird. Sobald der Dichter den Menschen vor allem als Menschen nimmt und nicht als Schweizer oder Schwarzwälder oder Mecklenburger, sobald werden die Konturen der Zeichnung blasser. Reuter und Ludwig haben das getan. Und wie Ludwig hat auch Reuter mindestens in der »Stromtid« die einfach fortschreitende Form der Erzählung verlassen; ja, die »Stromtid« ist noch in anderem Sinn ein formgerechtes Kunstwerk als die »Heiterethei«. Sie steht in dieser Hinsicht am besten mit »Zwischen Himmel und Erde« zusammen. Nur daß dies durch und durch Novelle ist, während die »Stromtid« ebenso durch und durch Romancharakter hat. Wir mögen sie nur deshalb nicht gern so nennen, weil wir bei dem Wort Roman jenen fatalen Nebensinn mitzudenken gewohnt sind, der doch gar nicht dazu gehört und der zu dem Einfachen, Schlichten, Volkstümlichen in Reuter nicht stimmen will. Aber an der Tatsache ändert das nichts: die »Stromtid« ist in Anlage und Durchführung, in Vorbereitung, Konflikt und Lösung ein volles, rundes Meisterwerk der künstlerisch gestalteten Prosadichtung. Und auch das gibt ihr neben der schlichten Volkserzählung ihre besondere Stellung. Endlich aber, und das ist das Beste, merkt man es Reuter ganz deutlich an: ihm liegt am bloßen Malen überhaupt herzlich wenig. Ihm ist des Dichters Aufgabe anders gefaßt: nicht einen Spiegel hält er den Menschen vor, sondern er zieht sie mit all ihrem Denken, Wollen und Fühlen hinein in das Menschengeschick, das er vor den Lesern sich aufrollen läßt. Ihm darf der Leser nicht objektiv über dem Stoffe stehen bleiben, kein Beobachter sein, der sich freut, wie gut die lieben Menschenkinder von da und von dort abkonterfeit sind. Hier müssen sie miterleben, mitfühlen, mitjauchzen, mittrauern, ja unbedingt auch mitweinen! Wir wissen alle, wie trefflich ihm das gelungen ist; wer hat nicht selber mit durchgemacht, was die Leutlein alle dort im mecklenburgischen Dorf erlebt haben! Reuter hat es wie kein Zweiter verstanden, den Menschen bei ~der~ Seite zu fassen, bei der er am ehesten kühle Zurückhaltung, kritische Laune und objektiven Stolz verliert: beim ~Gemüt~. Lustig sein und traurig sein, beides mag das deutsche Gemüt gern. Reuter hat ihm beides gegönnt; so herzinnig lachen und so herzbrechend weinen, wie bei der Lektüre der »Stromtid«, kann man kaum bei einem anderen Buch. Vielleicht hat er die Gemütssaite ~zu~ oft angeschlagen? Ich will nicht streiten; aber rührselig ist er doch nicht geworden. Es dominieren doch der stille Ernst und der fröhliche, selige, goldene Humor. Fritz Reuter muß man lesen, wenn die Menschen, die sich lieb haben, um den Lampenschein traulich zusammengerückt sind; am allerbesten zur Weihnachtszeit, wenn das Herz ein bischen stärker klopft, als es sonst wohl tut.

Aber ich breche ab. Was hab' ich gewollt? Die Volkserzählung aus der Mitte des Jahrhunderts galt es zu charakterisieren. Von 1839, da Immermanns »Münchhausen« erschien, sind wir bis zum Anfang der sechziger Jahre gewandert, in denen Fritz Reuter die »Stromtid« schuf. Zwei reichliche Jahrzehnte, gerade die Mitte des Jahrhunderts ausfüllend! Für literarische Entwicklung doch eine kurze Spanne Zeit. Trotzdem ist gerade auf diesem Gebiet Reichliches in ihr geschehen. Wo blieb die träumende Romantik? Der Geruch der Scholle vertrieb sie. Die einfache, derbe, nüchterne Wirklichkeit heischte ihr Recht. Man packte sie, wo sie am wirklichsten war, im Bauernleben. Man wollte nichts haben als Wirklichkeit. Wer viel Süßes gegessen, hungert nach einem Bissen Brot! ~Was Kunstform und Problem? Was Konflikt und Lösung? Leben! war die Losung, nur Leben.~ Aber auch diese Forderung hatte ihre Zeit. Zwar ins schlichte Leben hineingreifen, nicht bloß ins wunderbare, das wollte man auch weiter. Aber der Mensch, die Seele, das Gemüt ward wichtiger als die Natur. Und die Kunstform stellte sich wieder ein. Sie hatte an Schlichtheit von ihrem Gegenstand gewonnen; und sie half so auch der Volkserzählung zur künstlerischen Vollendung. Aber Kunst und Natur vertragen sich schwer; auch hier trat die Natur ins zweite Glied. Immerhin, man hatte gelernt, zu sehen und Gesehenes zu zeigen. Man blieb wahr und man blieb nüchtern. ~Die Romantik war tot; die Wirklichkeit hatte gesiegt.~

Der tendenziöse Zeitroman.

Der Roman tritt in gewollte, neue, enge Verbindung mit der Wirklichkeit. Goethe wirkt, nicht die Romantik. Nicht in der Volkserzählung allein geschieht das: warum sollte man nur das »Volk« beachten und nicht die Welt in ihrer ganzen Breite und Weite nehmen? Lagen denn nicht tausend Anlässe vor, ihre Zustände zu ergründen, zu durchforschen, zu kritisieren? War denn nicht eine Zeit hereingebrochen, in der der Blick sich weitete und schärfte? Die Sturmesgewalten der Revolution waren im Anzug; und ihnen voraus gingen Windstöße, die alte, festgewurzelte Anschauungen aufwühlten und zu neuen Bildungen Anlaß gaben. Was Wunder, daß die öffentlichen Angelegenheiten, daß die Fragen der Politik und Gesellschaft, des Staats und der Kirche, der Aristokratie und der Demokratie in jenen Jahren vor den Stürmen von 1848 und ebenso in den folgenden Zeiten auch die Dichter nicht ruhen ließen? Auch ihr Interessengebiet wurde weit und groß: es erstreckte sich über alles das, was die Zeit bewegte. Der Roman war nicht die einzige Form der Dichtung, welche den Pulsschlag der Zeit spüren ließ. Wie hell klangen die Sturmlieder eines Herwegh und Freiligrath! Aber ~auch~ im Roman pulsierte die Zeit; er ward zum ~Zeitroman~.

Konnte es anders kommen, als daß die Betrachtung der Zeit in der Dichtung zunächst alles andere war, nur nicht ruhig, kalt, unparteiisch und objektiv? Wir verstünden es nicht, wäre es anders gewesen. Eher ist die Dorferzählung mit ihrer darstellenden Art ihrer Zeit fremd als der tendenziöse Roman. Genau betrachtet, zahlt übrigens auch die Dorfgeschichte der Zeit ihren Tribut. Der »~Oberhof~« ist ja ein Kompositum einzelner Kapitel aus einem Zeitroman; er gibt Wirklichkeit, aber eben mit dieser Schilderung der Wirklichkeit verfolgt sein Verfasser eine bestimmte Absicht. In ~Auerbachs~ Erzählungen wirkt eine ganz ähnliche Tendenz; das Land wird gegenüber dem städtischen, höfischen Wesen verherrlicht. Auch die politischen Ideen spielen hier hinein. Und die ruhigsten, objektivsten Dorfgeschichten, die überhaupt geschrieben worden sind, stammen nicht aus dem vielbewegten deutschen Land, sondern aus der Schweiz, wo der Kampf um Fürstenrecht und Volkesrecht nur mitgefühlt und so miterlebt, aber damals nicht ebenso mitgekämpft wurde!

~Der Zeitroman ward also zum Tendenzroman.~ Er hat Stadien erlebt, in denen die Tendenz darin fast die Zeit tötete, d. h. in welchen die Darstellung des Bestehenden gegenüber den Plänen zum Kommenden kaum zur Geltung kam. Hierher gehören die ~jungdeutschen Romane~ aus den dreißiger Jahren. Unter ihnen ragen die Werke Heinrich ~Laubes~ und Karl ~Gutzkows~ hervor. Heinrich ~Laube~ schuf damals (1833) den ersten Teil des Romans »~Das junge Europa~«, dessen später erschienene Teile viel abgeklärtere Art tragen. Die einzelnen Bände haben Sondertitel; Bd. +I+: Die Poeten; Bd. +II+: Die Krieger; Bd. +III+: Die Bürger. Nicht das, was erzählt wird, fesselt; in der Handlung fehlt jede Einheitlichkeit, Entwicklung und Geschlossenheit. Es dreht sich alles um Liebesabenteuer der jungen Poeten, und zwar um solche, die der theoretisch verfochtenen Freiheit in Religion und Sittlichkeit vollkommene praktische Folge geben. Aber die Hauptsache sind die Ansichten, die breit und gründlich zur Aussprache und zum Siege über andere Ansichten gelangen. Der Gegensatz gegen die Romantik kommt zum scharfen Ausdruck; die gesunde Natur wird gepriesen, zugleich aber auch ihre völlige Ungebundenheit. Keine Vorschrift der Religion und keine der Moral wird anerkannt; die Natur hat Recht, auch mit ihrer Sinnlichkeit. In der Politik aber gilt selbstverständlich allein das Volk, ja sogar das Volk in verschwommener Allgemeinheit; nicht als Einzelvolk, als Nation, sondern als Summe von Weltbürgern.

Es ist nicht meine Absicht, alle Romane jener jungdeutschen Epoche hier zu charakterisieren. In allen herrscht der gleiche, gärende Geist, die gleiche Auflehnung des Einzelnen gegen die hergebrachte Ordnung wie der Masse gegen das Gefüge des Staats und der Kirche. Im übrigen sind sie verschieden genug. Da ist Karl ~Gutzkows~ »~Maha Guru~« (1833), dessen Schauplatz weitab in Tibet liegt, dessen Angriffsobjekt aber doch das Christentum ist; da ist aus dem Jahre 1835 desselben ~Gutzkow~ »~Wally, die Zweiflerin~«, eine Fortsetzung dieses Kampfes gegen das Kirchentum. Die Heldin zweifelt an allem, insbesondere auch an jeder Religion. Religion ist ihr ein »Produkt der Verzweiflung«. Sie gibt sich schließlich selbst den Tod. Der Roman knüpft an an die wunderbare Tatsache, daß Karl Gutzkows Gattin Charlotte sich selbst den Tod gegeben hatte, um durch diese Tat ihren Garten mit neuer dichterischer Kraft zu erfüllen. Und wie diese Tat, welche das Werden des Romans mitbestimmte, so ist die gesamte Ideenwelt desselben outriert, überleidenschaftlich, schließlich unwahrscheinlich. Nicht vergessen soll werden, daß in »Wally, die Zweiflerin« zugleich die Frau als Frau neue Geltung beanspruchte. Die enge Verbindung, in welche hier Emanzipation der Frau und Emanzipation von aller Religion, überhaupt von allem Gewissen traten, ist für die Zukunft nicht ohne Einfluß geblieben.

Aber wir eilen vorwärts. Gutzkows »~Seraphine~« (1838), sein Erziehungsroman »~Blasedow und seine Söhne~« (1838), die anderen jungdeutschen Kraftromane können nur genannt werden. Aus der Sturm- und Drangperiode des Zeitromans, die man etwa bis zur Revolution datieren kann, retten wir uns in die Periode des ~abgeklärteren Zeitromans~. Auch hier Tendenz, überall Tendenz. Aber die Tendenz macht nicht mehr die Zeitdarstellung tot; sie läßt dieser größeren Raum und größere Ruhe. Der Grad dieser Ruhe ist freilich verschieden. Zwei Klassen des Zeitromans bilden sich, jenachdem die Tendenz stärker oder schwächer ist, jenachdem die Darstellung weniger oder mehr objektiv geraten ist. Wohl gehen beide Gattungen in einander über, wohl kann man schwanken, welcher von beiden der eine oder der andere Roman zuzuteilen ist. Aber es sei dennoch gewagt, die ~Unterscheidung~ festzuhalten ~zwischen dem tendenziösen und dem objektiven~, oder, um vorsichtiger zu sein, zwischen dem mehr tendenziösen und dem mehr objektiven ~Zeitroman~.