Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte

Part 6

Chapter 63,469 wordsPublic domain

Je feiner die Farbentropfen auffallen, desto schöner der Schnitt. Damit nun nicht größere Tropfen oder gar Klexe auf den Schnitt kommen, ist es notwendig, daß schon in der Bürste die Farbe gleichmäßig verteilt ist. Dies geschieht, wenn man etwas Farbe auf einen Stein oder ein Brett schüttet und mit der Bürste verreibt; außerdem übt man die Vorsicht, die gröbsten Tropfen vorher noch über ein Stück Makulatur auszuspritzen. Als beste Farbe zum Sprenkeln empfiehlt sich Kasseler Braun oder Nußholzbeize, die in jeder Farbwarenhandlung käuflich ist, da sie nur mit Wasser angerührt wird und keines weiteren Bindemittels bedarf.

Außerdem verwendete man früher mit Vorliebe Rot, Blau und wohl auch Grün. Heute sind diese Farben seltener geworden, wie denn überhaupt gesprenkelte Schnitte allmählich außer Gebrauch kommen. Am meisten werden sie noch als sog. +Sand-+ oder +Kleienschnitte+ angewendet. Das Verfahren ist folgendes. Auf einen weißen Schnitt wird leicht gefeuchteter Sand, Sägemehl oder Kleie aufgestreut, diese Stoffe decken einzelne Teile des Schnittes zu, welche weiß bleiben, während die unbedeckten Teile von der Farbe getroffen werden. Auf diese Weise entsteht eine Art marmorierter Schnitt (Fig. 33): Um Gleichmäßigkeit zu erzielen, hat man dafür zu sorgen, daß die aufgestreute Menge recht gleichmäßig verteilt ist, was mitunter die Nachhilfe mit einer Messerspitze erfordert.

Früher kannte man eine noch größere Auswahl von Sprengschnitten, deren Herstellung aber meist sehr umständlich ist. Dazu gehören +Wachsschnitte+ (mit aufgetröpfeltem Wachs als Deckmittel), +Körnerschnitte+ (mit aufgestreuten Körnern verschiedener Hülsenfrüchte) und +Stärkeschnitte+. Die letztgenannten werden noch heute dann und wann in Anwendung gebracht. Mit Geschick hergestellt, kann ein derartiger Schnitt recht gut aussehen und läßt mancherlei Abwechselungen zu. Die Stärke wird dabei zu einem honigdicken Brei mit Wasser angerührt und mit einem Pinsel aus Wurzeln, wie solche bei den Bürstenbindern zu kaufen sind, in groben Tropfen aufgespritzt. Nachdem die Tropfen ihre Feuchtigkeit an den Schnitt abgegeben haben und oberflächlich trocken geworden sind, wird die Farbe aufgesprengt, die Stärke später abgeklopft. Damit dies Abtrocknen schneller geht, überführt man den Schnitt vor dem Aufspritzen der Stärke mit einem Schwämmchen, das mit Spiritus getränkt ist; der Spiritus entzieht der Stärke den Wassergehalt. Um einen bunten Schnitt herbeizuführen, stellt man mehrere Näpfchen mit Stärke auf und gibt jedem einen Zusatz von Farbe, dem einen Blau, dem anderen Rot u. s. w. Die Stärke gibt dann einen Teil der Farbe an den Schnitt ab. Natürlich muß man darauf achten, daß schließlich noch einige Stellen von Farbe frei bleiben. Über das Ganze wird die Farbe dann recht kräftig dunkel aufgesprengt (Fig. 34).

Außerdem bediente man sich ehedem auch noch ausgeschnittener Schablonen, über welche der Schnitt gesprengt wurde, oder an ihrer Stelle durchsichtiger gemusterter Webstoffe. Als die sogenannte +Spritzmalerei+ in den siebziger Jahren in Aufnahme kam, wurde dieselbe auch wohl auf Bücherschnitte mit Erfolg angewandt.

2. +Der Kleisterschnitt.+ Älter als der Sprengschnitt ist der Kleisterschnitt. Die Schnittfläche wird bei Herstellung desselben kräftig mit gefärbtem Kleister bestrichen. Bevor der Farbenauftrag trocknet, wird mit einem etwas zugespitzten Kork ein Bandornament gezogen, wodurch die Farbe an den betreffenden Stellen zum Teil entfernt wird und heller erscheint. Zwischen dieses Bandornament werden dann mit einem stumpfen Holz- oder Metallstift noch Blüten, Blattmotive, Ranken oder dergleichen eingezeichnet. Die Arbeit ist für Luxusbände, besonders für solche, die im Sinne früherer Zeiten gebunden und verziert werden sollen, durchaus passend, nur muß der Arbeiter etwas vom Zeichnen verstehen. Als Farbe dient am besten Indigokarmin für Blau, dem man jedoch etwas Braun zusetzt, damit die Farbe gedämpft werde, und das oben genannte Kasseler Braun. Helle und grelle Farben zur Anwendung zu bringen, ist nicht ratsam, da der Schnitt dadurch ein auffälliges, für das Auge unangenehmes, weil mit dem sonstigen Äußeren des Buches im Widerstreit stehendes Aussehen erhält. Nur bei marmorierten Schnitten bedient man sich ungebrochener und leuchtender Farben, weil diese in der Marmorierung nicht grell hervorstechen.

Der Kleisterschnitt wird stets am eingepreßten Buche gemacht; der Vorderschnitt kann sowohl in geradem, als auch, wenn der Band nicht zu dünn ist, in gerundetem Zustande auf diese Weise behandelt werden. Die Farbe soll dabei kräftig aufgetragen werden, jedoch nicht so dick, daß sie beim Aufblättern des Buches abspringt.

Es empfiehlt sich, ehe man die Verzierung ausführt, an beiden Seiten, gleichlaufend mit dem ersten Bogen, eine Linie zu ziehen und dadurch dem Ornamente einen Abschluß zu geben. Fig. 35-38 sind Beispiele solcher Kleisterschnitte.

3. +Der Farbschnitt.+ Der Farbschnitt, d. h. der mit dem Pinsel durch Aufstreichung der Farbe hergestellte einfarbige Schnitt, ist, nachdem er jahrzehntelang von dem Marmorschnitte verdrängt war, in neuerer Zeit wieder allgemein üblich geworden. Außer dem Goldschnitt und dem Kleisterschnitt ist kein Schnitt so dauerhaft. Seine Herstellungsweise ist verhältnismäßig einfach. Die Farbe, vorher aufs feinste gerieben, wird mit einem Bindemittel, am besten mit Fischleim, Gelatine oder Leim (weniger gut mit Kleister oder Eiweiß) angerührt unter Zusatz einer nicht zu reichlichen Menge Wasser. Die Farbe muß so kräftig sein, daß sie die Schnittfläche deckt, ohne daß ein zweiter Aufstrich notwendig wäre. Die Verwendung von Anilinfarben ist nicht ratsam, da diese unter dem Einfluß des Lichtes sehr bald verblassen.

Zum Aufstreichen der Farbe bedient man sich eines Haarpinsels. Der Band braucht dabei nicht eingepreßt zu werden; man hat nur nötig, ihn zwischen Spalten oder Brettern an die Tischkante zu legen und mit der linken Hand fest zusammenzudrücken. Schöner wird der Schnitt allerdings, wenn er in der Presse recht fest eingepreßt und mit einer Ziehklinge geschabt wird, ehe der Farbenauftrag erfolgt.

Besteht der Band aus ungeleimtem oder halbgeleimtem Papier, so muß der Schnitt vor dem Färben mit einer dünnen Leimlösung, der etwas Alaun zugesetzt wurde, überfahren werden; indes genügt schon das Überfahren mit Alaunwasser allein. Geschieht dies nicht, so saugt das Papier die Feuchtigkeit der Farbe allzurasch auf, während diese selbst sich sehr dick außen aufsetzt und später abblättert.

Als Farbstoffe dienen Karmin, Indigo, Berliner Blau, das oben genannte Kasseler Braun und grüner Zinnober. Früher wurde auch Chromgelb vielfach verwendet, während heute sich dessen Gebrauch sehr vermindert hat; wenn wirklich noch ein gelber Schnitt verlangt wird, so erreicht man seinen Zweck durch eine Beize mit Pikrinsäure.

Für schwarze Schnitte, die bisweilen auch vorkommen, dient am besten chinesische Tusche; dieselbe ist so ergiebig, daß der Preis kaum ins Gewicht fällt. Einen besonderen Reiz hat der Graphitschnitt, zumal wenn er -- wie wir weiterhin sehen werden -- mit Stempeln vergoldet wird; zu seiner Herstellung kann man sich der Ofenschwärze unter Zusatz eines Bindemittels bedienen.

Jeder Schnitt, der mittelst Farbe hergestellt wird, muß nach dem Trocknen geglättet werden. Der Vorderschnitt wird dabei zwischen Spalten, Ober- und Unterschnitt zwischen Längebretter so eingepreßt, daß Schnitte und Spalten oder Bretter genau eine Fläche bilden, aber hinter der Oberfläche der Preßbalken etwa einen Finger breit zurückstehen. Dies hat den Zweck, ein schärferes Pressen zu erzwingen; würden die Bände mit dem Preßbalken Linie halten oder diese gar überragen, so wäre der Druck wesentlich geringer. Bei mangelhaftem Druck aber glätten sich leicht Runzeln oder Falten in das Papier.

Nach dem Einpressen wird jeder Schnitt durch Abbürsten mit einer harten Bürste von etwa anhaftenden Unsauberkeiten befreit; damit der +Glättzahn+ gut gleitet, reibt man vorsichtig jeden Schnitt mit einem weichen, etwas gewachsten Lappen ab. Die Glättzähne sind entweder flach oder rund und bestehen aus Achat oder Blutstein. Der Zahn ist in eine Metallhülse gefasst und an einem hölzernen Stiele befestigt. (Fig. 39.)

Mit dem flachen Zahne allein läßt sich zur Not auskommen, da man auch den runden Vorderschnitt mit diesem, quer über den Schnitt gehend, glätten kann; nur muß man dann erst die eine und nach Drehung der Presse die andere Hälfte abglätten. Immerhin ist es besser, nachträglich noch mit dem runden Zahne der Länge nach zu glätten. Das Hin- und Herfahren mit dem Zahne darf nicht zu schnell geschehen, sonst erwärmt sich dessen Oberfläche und zieht Streifen. Langsame Bewegung unter kräftigem Druck bei stetigem Zuge gibt den besten Erfolg, namentlich, wenn nach jedesmaligem Durchglätten mit dem gewachsten Lappen die Fläche abgerieben wird. Beim Glätten stemmt man das obere Ende des Holzgriffes gegen die Schulter und neigt den Körper so weit nach vorn, daß der Zahn, dessen unteren Teil man an der Metallfassung fest mit beiden Händen umfaßt, schräg, und zwar in einem Winkel unter 45° zum Schnitt steht. Die Presse ruht während der Arbeit mit ihren Spindeln auf der Tischkante und ihr unterer Balken wird durch den Preßknecht unterstützt. Gegen diesen stemmt man das eine Knie, wodurch der vorgeneigte Körper einen festen Halt gewinnt.

Die Arbeit hat mit schwachem Druck zu beginnen und erst beim zweiten oder dritten Durchglätten wendet man die volle Kraft an. Es genügt, wenn ein matter Glanz in möglichster Gleichmäßigkeit erzielt wird; Spiegelglanz, wie beim Goldschnitt, ist nicht erforderlich.

Ober- und Unterschnitt wird ebenfalls quer geglättet, können jedoch schließlich der Länge nach fertig geglättet werden.

Farbschnitte lassen sich sehr schön verzieren durch Goldornamente, die man ihnen mit Rollen und Stempeln aufdruckt. Nach dem Glätten, und während noch der Schnitt in der Presse steht, wird Blattgold aufgetragen, nachdem man den Platz für das Ornament abgezirkelt oder leicht vorgedruckt hat. Mit einem ganz schwach gefetteten Läppchen überfährt man den Schnitt und bringt mit einem sogenannten Anschießer das Gold auf, welches dann mit Watte leicht angedrückt wird. Man sieht nun durch dasselbe hindurch den Vordruck oder die Vormerkung, nach der man sich beim Aufsetzen der Stempel oder Rollen, die leicht angewärmt sein müssen, zu richten hat. Nach dem Aufdruck wird der Schnitt mit einem sauberen Lappen abgewischt, alles überflüssige Gold völlig abgeputzt, und kann nochmals leicht abgeglättet werden. Im übrigen verweisen wir auf den Abschnitt »Handvergoldung«; genau dasselbe Verfahren, wie dort beschrieben, kommt hier zur Anwendung, nur ist ein ebener Schnitt mit dem Farbgrunde leichter zu behandeln.

4. +Der marmorierte Schnitt.+ Das Marmorieren des Papieres war ein schon im 16. Jahrhundert bekanntes Verfahren. Marmoriertes Papier wurde damals bereits zu Vorsätzen verwendet und als Nürnberger Papier in den Handel gebracht. Auf Buchschnitten findet sich die Marmorierung erst seit dem vorigen Jahrhundert, und zwar meist in großen, groben Mustern mit kräftigen Farbentropfen und groben Adern. Erst im 19. Jahrhundert, besonders in den sechziger Jahren, wurde das Verfahren zur höchsten Vollendung gebracht. Es wird seitdem nicht allein in den Buntpapierfabriken, sondern auch in fast allen Großbuchbindereien von besonders darauf eingeübten Arbeitern (Marmorierern) als Spezialität betrieben. Das Wesentliche an der Sache ist, daß die auf einer schleimigen Flüssigkeit schwimmende Farbenschicht durch leichtes Eintauchen der Schnittfläche abgehoben wird und nun auf dieser sich festsetzt. Der Schleimgrund wird hergestellt durch eine Abkochung von Caragheenmoos oder Tragantgummi; früher nahm man auch Flohsamen oder Leinsamen dazu.

Die zum Marmorieren gebräuchlichen Farbstoffe sind gegenwärtig fertig im Handel zu haben.

Man unterscheidet zwei Sorten: die nach älterer Weise hergestellten, wie sie von den Buntpapierfabriken benutzt werden, und die sogenannten Halferschen Farben, die zum Zwecke des Schnittmarmorierens besonders bereitet werden. Sie decken zwar nicht so kräftig wie jene, sind dafür aber ungemein feurig und leuchtend. Es empfiehlt sich nicht, beide Sorten durcheinander zu benutzen, da sie sich nicht gut miteinander vertragen. Die Halferschen Farben haben noch den Vorzug, daß sie sich leichter verarbeiten lassen als die anderen und dabei sehr haltbar sind, während einzelne der nach der älteren Bereitungsweise hergestellten Farben gern sauer werden und verderben, mitunter auch den Ton ändern.

Gute Farbe muß ganz fein verrieben sein und im aufgesprengten Tropfen klar und gleichmäßig aussehen, darf also keine grieseligen, scheinbar gerinnenden Teile oder gar Körnchen zeigen. Der Grund wird folgendermaßen hergestellt: 10 gr. Caragheenmoos werden in ein sauberes Gefäß gethan, das noch keinem anderen Zwecke diente, mit einem Liter kochenden Wassers übergossen und staubfrei zugedeckt. Die Flüssigkeit wird, ehe sie völlig erkaltet ist, d. h. solange sich der Topf noch angenehm warm anfühlt, durch ein Tuch, besser durch ein Haarsieb geschüttet, damit alle ungelösten Teile zurückbleiben. Da der größte Feind des Marmorierers die Staubteilchen sind, welche sich auf die Oberfläche des Grundes setzen, so muß das Gefäß mit der Schleimflüssigkeit stets fest zugedeckt gehalten werden.

Der so gewonnene Grund arbeitet am besten am dritten Tage für +dichten+ Farbenauftrag, nach dem fünften Tage für +leichtere+ Marmorarten mit feinen Adern. Benutzt man Gummitragant, so wird im gleichen Verhältnis wie vorhin +kaltes+ Wasser darübergegossen und bleibt bis zur Auflösung des Gummis stehen, doch muß die Flüssigkeit öfters, am besten durch Quirlen, durcheinander gerührt werden. Erst wenn alle Teile gelöst sind, kann man die Masse verwenden. Seiht man den Grund von den noch nicht ganz gelösten Teilen ab, so kann man ihn früher benutzen, während der Rückstand zur weiteren Lösung wieder zurückgeschüttet wird. Am besten ist der Tragantgrund nach dem fünften Tage, bis zu welchem er fortwährend nachdickt. Tragant bleibt länger brauchbar als Caragheenmoos, ist aber etwas teurer.

Das Wasser, welches den genannten Stoffen zugesetzt wird, muß weich sein; am besten ist Regen- oder destilliertes Wasser.

Zur Aufnahme des Grundes während der Arbeit dient ein etwa 4 cm tiefes Becken von Zinkblech, das so lang ist, daß man selbst das längste Buch noch bequem eintauchen kann, und so breit, daß man so viele Bücher eintauchen kann, als man mit der geöffneten Hand zu fassen im stande ist. Das Verhältnis von 20 zu 50 cm dürfte vollauf ausreichen. An einem der schmalen Enden lasse man eine kleine Abteilung anbringen, welche den Farbenrückstand von jeder einzelnen Farbenschicht aufnimmt, der nach jedesmaligem Gebrauch entfernt wird. Damit dieses Entfernen der Oberfläche bequem zu bewerkstelligen sei, wird die Scheidewand zwischen beiden Abteilungen schräg eingesetzt, wie aus unserer Abbildung (Fig. 40) eines vollständigen Marmorierapparates zu ersehen ist. Um die große Abteilung bequem entleeren zu können, empfiehlt es sich, eine kleine Abzugsröhre seitwärts anbringen zu lassen, welche während des Gebrauchs mit einem Korkstopfen verschlossen bleibt.

Man muß so viele Farbennäpfe zur Hand haben, als man Farben anwendet. Die Näpfe sollen einen oberen Durchmesser von 8 cm haben, innen recht rund sein, damit sich die Farbe nicht in Ecken einsetzen kann und stets nach der Mitte zu läuft. Zu jeder Farbe fertigt man sich einen Pinsel von Reiswurzel, welches Material bei jedem Bürstenmacher käuflich ist, indem man um einen runden, hölzernen Stiel in Länge und Dicke eines Bleistiftes so viel von dem Reisstroh mit festem Bindfaden anschnürt, daß ein kleiner Besen entsteht, der an der Bundstelle etwa fingerdick ist; die freistehenden Spitzen werden gleichlang abgeschnitten und müssen unterhalb der Bundstelle eine Länge von 5-8 cm haben. Die Pinsel sind stets sauber zu halten und nach jedem Gebrauch zu reinigen.

Einen besonders dicken Pinsel fertigt man, indem man ein kräftiges Bündel Wurzeln, so viel, als man deren mit Daumen und Zeigefinger umspannen kann, in zweidrittel der ganzen Länge zusammenbindet und unten glatt schneidet. Das Einsetzen eines hölzernen Stieles ist dabei nicht nötig, da der zusammengeschnürte obere Teil genügenden Widerstand leistet.

Wenn wir nun noch die Galle eines Ochsen zubereitet haben, so sind wir gerüstet, um marmorieren zu können.

Zu dem Ende läßt man von einem Metzger, von dem man überzeugt ist, daß er Ochsen schlachtet, eine Galle vorsichtig herausschneiden. Bevor man die Gallenblase öffnet, um die Flüssigkeit zu benutzen, wiegt man eine Halbliterflasche, bringt auf dieselbe einen gläsernen Trichter mit einem Einsatz von Filtrierpapier und öffnet über demselben die Gallenblase. Hat der Trichter alle Flüssigkeit aufgenommen, so wird Flasche, Trichter und Galle beiseite gesetzt, bis eine vollständige Filtration stattgefunden hat. Nun wird die Flasche abermals gewogen, um das Gewicht der erhaltenen reinen Galle festzustellen; den sechsten Teil dieses Gewichtes setzt man an reinem Weingeist zu, schüttelt die Masse durcheinander und kann am nächsten Tage schon die so zubereitete Galle benutzen. Der Gallenzusatz erfolgt tropfenweise. Aus diesem Grunde erscheint es zweckmäßig, etwas von der Galle in einem sogenannten Tropfgläschen zum Gebrauch bereit zu halten, während der Rest als Rückhalt und zum Nachfüllen dient.

Die Arbeit des Marmorierens wird nun an einem Tische vorgenommen, von dem man sich überzeugt hat, daß er durchaus feststeht. Im Umkreise von etwa einem Meter darf sich nichts befinden als das zur Arbeit erforderliche Material und Gerät. Das Marmorierbecken wird dicht an die Tischkante gestellt, mit der Schlammabteilung nach rechts. Hinter dem Becken stehen die Farbennäpfe, hinter diesen die Farbenflaschen, jede bei ihrem Napf.

Wir schütten nun von dem Marmoriergrunde so viel in das Becken, daß es beinahe gefüllt ist. In das erste Farbengefäß kommt etwas Farbe, nicht zu wenig, aber auch nicht mehr, als erforderlich, um den Pinsel bequem benetzen zu können. Die hellsten Farben beginnen den Reigen. Wie wir sehen werden, treibt jede Farbe die vorhergehende und schiebt sie zusammen. Sind nun die am meisten zusammengetriebenen Farben helle Farben, so werden sie sehr kräftig und leuchtend hervortreten. Jeder Farbe werden vor dem Gebrauch je nach der Menge 5 bis 10 Tropfen der präparierten Ochsengalle zugesetzt. Dieser Zusatz bewirkt, daß der Farbstoff nicht untersinkt, wenn er auf den Schleimgrund getröpfelt wird, und sich nicht mit diesem mischt. +Die Galle macht die Farben auf dem Grunde schwimmen und treibt sie nach Maßgabe der zugesetzten Menge auseinander.+

Wir nehmen nun mit einem sauberen Pinsel etwas Farbe auf und lassen einen Tropfen auf den Grund fallen; derselbe wird schwimmen, ein wenig auseinander treiben, sich aber alsbald wieder zusammenziehen, wenn der Schleimgrund nicht vorher abgezogen wurde. +Vor jedesmaligem Aufsprengen von Farbe muß die Oberfläche des Grundes abgezogen werden.+

Der Schleimgrund bildet nämlich auf seiner Oberfläche nach nur einer Minute schon ein kaum bemerkbares Häutchen, welches das Ausbreiten der Farben verhindert; dieses Häutchen wird abgezogen, indem man mit einem Streifchen Papier, nicht unter 3 cm breit, die ganze Oberfläche abzieht oder eigentlich in die Schlammabteilung schiebt. Man faßt dabei das Streifchen mit beiden Daumen und Zeigefingern an den Enden, setzt es etwas schräg gegen die Oberfläche auf, drückt es an beiden Enden leicht gegen die Längsseiten und zieht es dicht auf der Oberfläche her, so daß gerade die oberste Schicht abgestreift wird. Auch kleine Staubteilchen, die ja fortwährend in der Luft herumschweben und sich auf der Oberfläche des Beckens niederlassen, werden in dieser Weise mit hinweggenommen.

In ähnlicher Weise streicht man auch den Grund mit einem Brettchen ab, welches, in der Breite des Beckens zurechtgeschnitten, sich leicht zwischen den beiden Seiten herziehen läßt. Doch entfernt der Papierstreifen sicherer alle Farbenreste.

Jeder aufgeworfene Farbentropfen dehnt sich auf dem abgezogenen Grunde sofort aus und zieht sich dann um ein weniges wieder zusammen. +Geht die Farbe mehr als ein Sechstel des Durchmessers zusammen, so ist der Grund zu dick.+

Ebenso müssen die Ränder des Farbentropfens völlig glatt sein. +Sind die Ränder des Probetropfens nicht glatt, treiben sie vielmehr strahlenförmig in den Grund hinein, so ist dieser zu dick.+ Zu dicker Grund wird mit Regenwasser oder in Ermangelung dessen mit abgekochtem Wasser, welches stets Stubenwärme haben muß, verdünnt.

Treibt eine Farbe zu rasch, also etwa bis zu 8 cm Durchmesser, dann ist der Gallenzusatz zu stark; man gibt in diesem Falle etwas Farbe zu und versucht dann abermals.

+Sind Grund und Galle in rechtem Verhältnis, so treibt der erste Tropfen bis zur Größe eines Fünfmarkstückes.+ Zu wenig Galle in der Farbe bewirkt, daß der Farbstoff untersinkt, wenn auch nur teilweise.

Ist die Farbe zu dick, so sinken Teile davon zu Boden, auch wenn der Gallenzusatz richtig ist.

Breitet sich ein Tropfen ganz plötzlich und fast über das ganze Becken aus, so ist der Grund für dichten Farbenteppich zu dünn und nur für Adermarmor verwendbar; es muß dicker Grund zugesetzt werden.

Nehmen wir an, daß die erste Farbe, es sei Rot, unseren Ansprüchen durchaus genügt, nachdem wir wiederholt Proben gemacht, Grund und Farben in Übereinstimmung gebracht, das Mangelhafte mit Papierstreifen oder Streichbrett stets von der Oberfläche entfernt hatten. Nun wird die zweite Farbe gerichtet, sagen wir Blau. Ein Tropfen dieser Farbe, die ebenfalls mit Galle versetzt ist, fällt mitten in einen roten Fleck und soll denselben so auseinander treiben, daß es selbst sich fast über die ganze Fläche ausdehnt, die das Rot einnahm, das nun als Ring den blauen Fleck einfaßt. Um diese Wirkung zu erzielen, ist die Zurichtung zwar dieselbe wie bei der ersten Farbe, nur hat man noch einen Tropfen Galle zuzusetzen.

+Jede nachfolgende Farbe muß stärker treiben als die vorhergehende.+ Kommen viele Farben zugleich in Anwendung, so darf der Unterschied in der Triebkraft allerdings kein allzugroßer sein.

Diese Farbenproben müssen stets gemacht werden, ehe man die Arbeit beginnt, und selbst der erfahrenste Marmorierer läßt sie sich nicht verdrießen.

Beim Ausprobieren der Farben kommt es oft vor, daß eine oder die andere nicht stehen will, sondern abläuft, besonders Braun und Schwarz thun dies mit Vorliebe; man wechsele dann eine solche Farbe mit der vorhergehenden und probiere von neuem. Häufig wird es helfen, wenn man der zurückgesetzten einige Tropfen Galle zugibt.

Die Farben werden in der Reihenfolge der Treibfähigkeit hinter dem Becken geordnet, jedes Näpfchen erhält seinen Pinsel. Der Marmorierer, der beispielsweise nur mit zwei Farben, Rot und Blau, zu arbeiten hat, sprengt, nachdem er den Grund richtig abgezogen hat, der Länge nach auf die Mitte des Beckens eine Reihe großer, roter Tropfen, indem er den reichlich gefüllten Pinsel, der in der Nähe des hinteren Endes leicht gehalten wird, über den Zeigefinger der linken Hand schlägt. Statt des Zeigefingers kann man auch ein Stäbchen, einen Hammerstiel oder dergleichen benutzen, doch ist der Finger das Einfachste; vor Farbentropfen kann man die Hände doch nicht hüten.