Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte
Part 5
Auch für die Arbeit des Einsägens gibt es in großen Buchbindereien maschinelle Vorrichtungen, deren Beschreibung wir uns ebenfalls ersparen können.
Die nächste Behandlung, der der Buchkörper, wenn es sich um einen Halbfranzband oder einen anderen besseren Einband handelt, unterworfen wird, ist die +Rundung des Rückens+. Ehe diese vorgenommen wird, muß der Rücken trocken geworden sein; er darf sich nicht mehr klebrig anfühlen, aber auch noch nicht alle Feuchtigkeit verloren haben, damit die Lagen beim Runden nicht voneinander brechen. Im Notfalle muß der Rücken mit einem Schwamme wieder etwas gefeuchtet werden.
Zum +Rundklopfen+ des Buchrückens bedient man sich eines Hammers. Man legt dabei den Band quer vor sich, den Vorderrand nach dem Körper zu gerichtet, und klopft vorsichtig den Rücken herüber, während der Daumen der linken Hand sich gegen den Vorderschnitt stemmt und die übrigen Finger den oberen Teil des Rückens seitwärts herüberzerren. Man muß sich dabei hüten, den Falz des Buches zu stark mitzunehmen und den Rücken stärker zu klopfen, als gerade notwendig ist. Ist die eine Seite des Rückens genügend rund, so wird das Buch gewendet und von der anderen Seite in derselben Weise behandelt. Das Wenden geschieht so oft, wie zur Erreichung einer guten Rundung erforderlich ist, und dies ist der Fall, wenn die Rundung etwa dem dritten Teile eines Kreisbogens entspricht, dabei aber, und das ist die Hauptsache, weder Buckel noch Ecken zeigt und oben wie unten ganz gleichförmig ist. Hat der Band die richtige Form erlangt, so wird er zwischen zwei Brettern in die Presse gesetzt; die Bretter stehen so weit vom Rücken ab, daß ein schmaler, hinten wie vorn ganz gleichbreiter Falz entsteht. Die Breite dieses Falzes richtet sich nach Größe und Dicke des Buches, oder, richtiger gesagt, nach der Stärke der zur Verwendung kommenden Deckel, die ja von der Buchgröße abhängt. Der Falz darf eher etwas kleiner, als notwendig, sein, nie größer, da sonst das Buch plump ausfällt und weniger haltbar wird.
Diese Arbeit heißt das »Abpressen des Buches«, und durch ihre sorgfältige Ausführung ist die Güte und Dauerhaftigkeit des Einbandes hauptsächlich bedingt.
Zu gutem Abpressen gehört
1. daß die beiden Endbogen am Vorderschnitt genau parallel und in gleicher Höhe stehen,
2. daß die Preßbretter am Rücken an beiden Seiten in genau gleicher Höhe stehen,
3. daß der Oberschnitt am Rücken sowohl wie vorn mit den Seiten rechtwinkelig steht,
4. daß die Rundung des Buches oben wie unten die gleiche ist.
Um sich zu überzeugen, daß ein Band zum Abpressen gut eingestellt ist, wird die Presse mit beiden Balkenenden auf den Tisch gestellt, etwas gegen den Arbeiter zu geneigt und von diesem über die Rückenflächen hin verglichen und geprüft. (Fig. 14.) Dann richtet man die Presse auf und prüft die winkelige Lage der Oberschnitte, indem man das Auge in deren Höhe bringt und -- gewissermaßen zielend -- jedes einzelne Buch auf seine Lage prüft (Fig. 15.) Bei jedem Geraderücken hat man dann wieder zu prüfen, ob die anderen Bände nicht etwa verschoben wurden.
Das Abpressen der Bände hat nicht allein den Zweck, die Rundung des Rückens zu sichern, sondern auch, wie bereits oben bemerkt, den Raum für den anzusetzenden Deckel zu schaffen. Dazu dient der sog. +Falz+, d. h. die an beiden Längsseiten des Rückens durch das Herüberbiegen des letzteren entstehende Kante.
Um den Falz in der erwünschten Schärfe herüberzutreiben, bedient man sich wieder des Hammers, mit dessen spitzer Schlagfläche die äußeren Lagen seitlich über die Kanten der Preßbretter hinausgetrieben werden. Die Schläge sind dabei parallel der Rückenrichtung zu führen, da sich die Bogen sonst stauchen und in dem Buche Quetschfalten entstehen würden, die man nicht wieder beseitigen kann. Es handelt sich bei diesem Vornehmen nur um die ersten, bez. die letzten 5 bis 6 Bogen, da die mittleren von selbst folgen und deshalb nicht geklopft zu werden brauchen. Man macht das Papier fügsamer, wenn man den Rücken, bevor man ihn mit dem Hammer behandelt, etwas einkleistert; dadurch weicht der Leim auf, die Bogen geben besser nach, platzen nicht voneinander, und die etwa entstehenden Lücken werden sofort wieder mit Klebstoff ausgefüllt. Zum schärferen Herübertreiben des Falzes bedient man sich auch wohl besonders zugerichteter Bretter, die auf der hohen Kante mit einer in der Mitte ausgekehlten Eisenschiene versehen sind, so daß die Fälze sich stärker, als im rechten Winkel herüberlegen müssen. In England und Frankreich wird jedes Buch einzeln abgepresst, und zwar ohne vorheriges Einkleistern; haben Rücken und Falz ihre Form erhalten, so kommt das Buch sofort mit anderen in eine Presse zwischen Bretter, und der Rücken wird dann erst eingekleistert und mit der Spitze des Hammers abgerieben. In England reibt man den Rücken auch wohl mit einem ausgehöhlten Stück Buchsbaumholz ab, um die Rundung recht glatt und gleichmäßig zu machen. Eine ähnliche Vorrichtung findet sich bei uns noch in dem sog. +Cachiereisen+, einem kurzen, nach beiden Seiten breit abgeflachten Eisen, dessen eine Seite in der Form des Buchrückens ausgerundet ist und zum Abreiben dient, dessen anderes Ende dagegen gerade und mit stumpfen Zähnen versehen ist, mit denen man den Falz herüberklopft (Fig. 16). Dies Werkzeug kann in der Hand eines ungeschickten Arbeiters für den Einband leicht verhängnisvoll werden, da mit demselben sehr leicht der Zwirn zerstört und Löcher und Falten in das Buch geschlagen werden können.
Die abgepressten Bände werden zu Stößen vereinigt, wieder eingepresst und dann in der bereits angeführten Weise gekleistert und abgerieben.
Etwas abweichend ist das Verfahren des Abpressens bei Halbleinwandbänden, die namentlich für Schulbücher der Billigkeit halber verwendet werden. Die Art der Verbindung des Buchkörpers mit der Decke, von der später die Rede sein wird, macht das scharfe Hinübertreiben der seitlichen Rückenteile überflüssig und nicht einmal wünschenswert. Der Rücken wird deshalb nicht mit dem Hammer bearbeitet sondern nur so weit gerundet, als dies durch das Abpressen sich von selbst ergibt (Vergl. Fig. 17 u. 18).
Für den Großbetrieb empfiehlt es sich, sowohl zum Runden des Rückens wie zum Abpressen sich der Maschinen zu bedienen, die zu diesem Zwecke in Leipzig und an anderen Orten gebaut werden. (Fig. 19 u. 20.)
Seine fernere Zurichtung erhält der Buchkörper nun durch das +Beschneiden+, sofern nicht etwa die rauhen Ränder stehen bleiben sollen, wie es von manchem Bücherliebhaber, der auf breite Ränder hält, beliebt wird. In manchen privaten Bibliotheken, namentlich in England, findet man die Bände nur oben mit einem Goldschnitt versehen, während seitwärts und unten die Ränder unbeschnitten sind.
Die ursprünglich allgemein übliche, am nächsten liegende Art des Beschneidens geschah mittelst Messer und Lineal. Indes kam schon im 15. Jahrhundert der +Buchbinderhobel+ in Gebrauch in der Form des sog. +Scheibenhobels+. Bei diesem besteht das Messer aus einer runden, ringsherum geschliffenen, 8 cm im Durchmesser haltenden Scheibe, die den Vorteil bietet, daß man durch Drehung eine stumpf gewordene Stelle durch eine scharfe ersetzen kann. Zweckmäßiger ist der in dem laufenden Jahrhundert in Gebrauch gekommene +Zungenhobel+, der seinen Namen von der zungenförmigen Gestalt der einseitig spitzgeschliffenen, 1-2 cm breiten Klinge hat, weil er ein rasches Wechseln der Klinge, wenn diese stumpf geworden ist, ermöglicht.
Die Einrichtung des Hobels und seine Handhabung wird aus der beigegebenen Abbildung (Fig. 21) zur Genüge ersichtlich. An dem unteren Pressbalken ist eine Schiene angebracht, an welcher der hintere Backen des Hobels hergleitet. Der Vorderbacken trägt die Zunge und wird mittelst eines Schraubengewindes während des Hin- und Herfahrens langsam gegen den Hinterbacken hin bewegt, so daß das Messer immer tiefer in die Papierlage einschneidet, während die abgeschnittenen Späne unten herausfallen.
Jedes +gerundete+ Buch, muß vor dem Beschneiden »aufgebunden« und wieder gerade gerichtet werden. Man schlingt deshalb ein breites Band etwa 2 cm vom Rücken entfernt fest um das Buch herum, und stößt dieses am Rücken wieder gerade. An den Bünden muß man dabei durch Zurückziehen derselben, sowie durch Klopfen mit dem Hammer auf die Mitte des aufgestellten Buchrückens nachhelfen, bis der Band am Vorderschnitt wie am Rücken völlig gerade geworden ist. Ist dies der Fall, so wird das »aufgebundene« Buch zwischen die Pressbalken gebracht und geradegerichtet.
Am Vorderschnitt wird nun ermessen, wie weit man mit dem Abschneiden gehen will. Selbstverständlich nimmt man, um die Ränder so breit wie möglich zu lassen, nur so viel ab, wie eben erforderlich ist, um alle Blätter mit dem Messer zu treffen. Das abzuschneidende Stück wird mit dem Zirkel genau »abgestochen« und die Schnittseite genau abgerichtet. Statt des Zirkels benutzt man auch ein sog. +Punktiereisen+. Dasselbe, aus einer schmalen, mit stellbarem Stift versehenen Eisenschiene bestehend, ist jedoch nur noch wenig im Gebrauch. Zu demselben Zweck dient auch der sog. +Sattel+, dessen Einrichtung aus der beigefügten Abbildung (Fig. 22) ersichtlich ist und der, wie folgt, verwendet wird.
Das zuerst abgestochene, d. h. abgezirkelte Buch wird eingesetzt, die Presse festgedreht und auf der Rückseite der Sattel auf dem Rücken des Buches eingestellt und festgeschraubt. Man hat dann nur nötig, je einmal oben und unten am Rücken den Sattel aufzusetzen und das Buch gegen denselben anzustoßen, um ohne jedesmaliges Abstechen sämtliche Bände genau in derselben Breite zu beschneiden. Außerdem aber zeigt der Sattel noch, ob das Buch winkelig oder etwa nach einer Seite schräg verschoben ist. Diese Arbeit wird mit +Absatteln+ bezeichnet.
Der Hobel wird gegenwärtig, in Deutschland wenigstens, nur noch beim Kleinbetriebe gebraucht. Der Großbetrieb bedient sich dagegen der Beschneidemaschine, die eine ähnliche, als Sattel bezeichnete Vorrichtung hat. Derselbe wird dabei mittelst einer Kurbel eingestellt, der Pressbalken alsdann niedergelassen und das Messer entweder mittelst einer Hebelvorrichtung oder auch mittelst eines Schwungrades in Bewegung gesetzt. (Fig. 23 u. 24.)
Neuerdings sind an den Beschneidemaschinen noch Vorrichtungen angebracht worden, die das selbstthätige Ausrücken und die selbstthätige Pressung bewirken, mit Maß am Sattel u. s. w. Jeder Fabrikant sucht darin Neues zu leisten und die Konkurrenz zu überbieten; doch erhöhen die Zugaben den Wert des Werkzeuges nur wenig, verteuern es aber um so mehr.
Um den Band +oben+ und +unten+ zu beschneiden, wird derselbe mit dem Falz an die Kante eines Brettes angeschoben, zum Schutze des oberen Falzes aber ein genau rechtwinkeliges, kräftiges Stück Pappe aufgelegt, und zwar so, daß es genau mit der Stelle abgleicht, an welcher der Rand abzuschneiden ist. Es ist Gebrauch, den Unterschnitt vor dem Oberschnitt zu machen, und es genügt beim Maschinenschnitt, den oberen Rand am Sattel anzustoßen und diesen auf die Buchhöhe einzustellen. Auch kann die obere Pappe zum Schutze des Falzes an den Pressbalken angeklebt, oder eine ähnliche Vorrichtung angeschraubt oder mittelst Federn angeklemmt werden. Dieses Anstoßen am Sattel ist jedoch nur dann thunlich, wenn es sich entweder um ein Buch mit gefalzten Bogen handelt, oder um einen Band, der oben zuverlässig rechtwinkelig abgeschnitten wurde. Anderenfalls muß erst der rechte Winkel genau vorgezeichnet werden. Dieses kann geschehen an einem vorgelegten Winkel her mit Bleistift. Ein einfacheres Verfahren ist es, wenn man das erste Blatt des Buches in der Mitte leicht zusammenbiegt, den Vorderrand mit dem Falz geraderichtet und in der Nähe des Rückens mit dem Messer da einen Einstich macht, wo das Schneidemesser einsetzen soll; legt man das Blatt wieder flach, so hat man am Rücken und am Vorderschnitt je eine Marke; eine dieselben verbindende Linie muß mit dem Rücken und dem Vorderschnitt im genauen rechten Winkel stehen, vorausgesetzt, daß diese selbst genau parallel sind. Diesen Marken nach wird das Buch eingesetzt und beschnitten.
Der Oberschnitt wird in der Maschine in allen Fällen angestoßen, da er dem unteren parallel werden muß.
Beim Beschneiden mit dem Hobel ist das Verfahren dasselbe, nur fällt das Anstoßen am Sattel fort, und das genaue Abrichten des Buches muß genügen. Erleichtert wird hier das Einsetzen noch durch das Auflegen einer genau winkelig geschnittenen Pappe, insbesondere wenn auf diese Auflegepappe eine zweite so aufgeleimt ist, daß dieselbe hinter dem Pressbalken an diesen anstößt. Man hat dann nur nötig, Unterlagsbrett, Buch und Auflegepappe so einzusetzen, daß die letztere von hinten mit dem Absatz gegen den oberen Pressbalken anstößt.
Zur Herstellung glatter und guter Schnittflächen sind scharfe Schneidemesser die erste Vorbedingung. Neuerdings werden in Fachzeitschriften alle möglichen Vorrichtungen angepriesen, welche das Einreißen an Kapital und Vorderschnitt verhindern sollen. Sie leisten vielleicht, was man erwartet, sind aber meist überflüssig, wenn nur das Werkzeug gehörig scharf, der Rücken nicht überrundet und der Falz nicht allzugroß ist.
In bezug auf besondere Fälle ist noch einiges über das Beschneiden zu bemerken. Es kommt häufig vor, daß Tafeln, Karten, Fälze, Photographien im Buche selbst Lücken verursachen, die beim Beschneiden Unannehmlichkeiten im Gefolge haben können, da das beste Messer da einreißen kann, wo das zu Beschneidende nicht unter Druck steht. Es ist deshalb notwendig, solche Stellen durch Einlagen von Karton oder Makulatur auszufüllen; diese Einlagen müssen vor dem Beschneiden eingelegt und erforderlichen Falles leicht befestigt werden, damit sie während der ganzen Arbeit des Bindens im Buche bleiben; später werden sie selbstverständlich herausgenommen.
In jeder Buchbinderei kommt es vor, daß Karten oder schmale Streifen geschnitten werden müssen. Geschieht dies mit der Hand am Lineal mit dem Messer, so werden auf dem obersten Bogen alle Schnitte ausgezirkelt und in höchstens 8 mm dicken Stößen geschnitten, wobei man darauf zu achten hat, daß die Messerführung stets eine ganz senkrechte ist. Ist eine Maschine zur Verfügung, so dürfen die Stöße wesentlich dicker sein; doch wird bei sehr schmalen Streifen (weniger breit als der Preßbalken) das Abrichten mit dem Sattel seine Schwierigkeiten haben. Um diese zu heben, dient eine von der Firma +Leo+ in Stuttgart in den Handel gebrachte +Vorrichtung zum Schmalschneide+n. Mehrere bewegliche Platten geben die Parallele an, und da dieselben durch Federn stets wieder nach oben gedrückt werden, dagegen auch jedem Druck der Presse nachgeben, so können schmale Stöße jeder Breite parallel am Sattel angestoßen werden, wenn diese Vorrichtung zwischen diesen und das Papier eingelegt wird (Fig. 25).
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Zum Gelingen eines guten Einbandes tragen wesentlich gut bereitete Klebstoffe, +Leim+ und +Kleister+, bei. Der beste Leim ist der als +Kölner Leim+ in den Handel kommende; da er am ausgiebigsten ist, ist er auch der billigste -- trotz seines höheren Preises. Die Leimtafeln werden in so viel Wasser eingeweicht, daß sie damit völlig bedeckt sind. Nach vierundzwanzig Stunden wird der aufgeweichte, gallertartige Stoff bei mäßiger Wärme, am besten im Wasserbade unter fortwährendem Umrühren zerlassen, nicht aber gekocht. Gekochter Leim hat den besten Teil seines Klebstoffes eingebüßt. Guter Leim soll geruch- und geschmacklos sein; minderwertige Leime werden gesalzen, um sie haltbarer zu machen. Übelriechende Leime sind aus verdorbenem oder unreinem Rohstoff hergestellt. Vor dem Zergehenlassen kann man einen Teil des Wassers abgießen, wenn ein sehr kräftiger Leim erzeugt werden soll, jedoch nicht zu viel, da der Klebstoff allmählich nachdickt und das Wasser verdunstet. Während des Gebrauchs hält man den Leim am besten in einem Gefäß, das durch den Wasserdampf eines zweiten, darunter befindlichen heiß erhalten wird. Die hier (Fig. 26) abgebildete Wärmvorrichtung hat noch den Vorteil, daß in deren unterem Teile Platz ist zur Erwärmung von Vergoldewerkzeugen, Streicheisen oder Glättkolben, deren Gebrauch wir später kennen lernen werden.
Der Kleister, zu dem nur die beste Weizenstärke verwendet werden sollte, wird ebenfalls nicht gekocht, sondern mit siedend heißem Wasser angebrüht. Die Stärke, mit etwas kaltem Wasser besprengt, zerfällt rasch und läßt sich dann zu einem honigdicken Brei verrühren. Im Winter soll das Gefäß etwas erwärmt, das Wasser zum ersten Anrühren lauwarm sein. Auf ein Teil Stärke nimmt man etwa fünf Teile siedendes Wasser für kräftigen, bis zu zehn Teile für schwachen Kleister. Das Wasser wird unter tüchtigem Rühren erst langsam, gegen Ende rasch zugegossen, damit die Umwandlung in Klebstoff recht gleichmäßig vor sich gehe und Knoten vermieden werden. Ist so lange gerührt worden, bis das Ganze eine gleichmäßige Masse bildet, so setzt man auf jedes halbe Pfund Stärke etwa einen Theelöffel voll gewöhnliches Terpentin zu. Dieser Zusatz erhält den Klebstoff schimmelfrei und schützt die Bücher einigermaßen vor Wurmfraß, da die Milben den so zubereiteten Kleister scheuen.
Zur Aufbewahrung während des Gebrauchs dient eine glasierte Schüssel von Steingut, der Haltbarkeit wegen besser noch ein emaillierter eiserner Napf. Die oben genannte Fabrik bringt auch Kleistertöpfe in den Handel, die in der Mitte eine Vorrichtung zum Abstreichen und zum Auflegen des Kleisterpinsels haben.
Die Pinsel für Kleister dürfen nicht mit einer Eisenblechhülse, einem Eisenring oder Eisendraht versehen sein, da das Eisen leicht rostet und der Rost auf weißem Papier gelbe, auf Leder schwarze Flecke erzeugt. Bei Leimpinseln ist die eiserne Hülse unbedenklich, weil der Leim nicht ansäuert und keine Rostbildung veranlaßt.
ZWEITER ABSCHNITT.
Der Buchschnitt und die weitere Bearbeitung bis zur äusseren Verzierung.
1. Der Buchschnitt und seine Verzierung.
Älteste Schnitte. -- Neuere Schnitte. -- Sprengschnitte, Kleisterschnitte, Farbschnitte. -- Marmorschnitte. -- Der Goldschnitt. -- Doppelschnitte. -- Verzierte Goldschnitte, ziselierte und bemalte Schnitte. -- Das Kapital. -- Älteste Kapitale, neuere Kapitale, unser jetziges Kapital, orientalisches Kapital.
Von gewöhnlichen Schulbüchern geringen Umfangs abgesehen, wird bei fast allen Büchern der Schnitt ringsum gefärbt oder vergoldet, da weißer Schnitt leicht schmutzt.
Die frühesten Schnitte an gebundenen Büchern sind einfarbig, meist zinnoberrot oder auch gelb. Der Goldschnitt kommt zuerst im 16. Jahrhundert auf, in der Regel schon als Zierschnitt, d. h. die vergoldete Fläche wurde unter Anwendung der Punze mit einem meist linearen Ornament versehen. Man begnügte sich indes nicht immer mit dieser einfachen Ornamentierung, sondern nahm auch die Farbe zu Hilfe, schabte die farbig zu behandelnden Stellen aus und malte mit dem Pinsel die Verzierung hinein. Diese Behandlung der Schnittfläche steigerte sich bei besonders kostbaren, bez. zum Gottesdienst bestimmten Werken nicht selten bis zu den herrlichsten Kunstleistungen, mit denen der berufsmäßige Maler dem Buchbinder ebenso zu Hilfe kam, wie anderseits der Goldschmied bei der Verzierung des Deckels mit dem Silberbeschlag.
Die liebevolle Sorgfalt, welche das 16. Jahrhundert, die Zeit der Renaissance, auf den Schnitt verwendet, läßt im 17. Jahrhundert allmählich nach. Die Zeichnung des Ornaments vergröbert sich, immerhin werden die Schnitte aber wenigstens noch an den Ecken und am Kapital verziert. In Fig. 27-31 geben wir einige Zierschnitte des 16. und 17. Jahrhunderts in Abbildung.
Gegen Ende des 17. und im 18. Jahrhundert verschwindet nach und nach der gemalte Schnitt, die Punzierung wird nachlässiger und an deren Stelle tritt der Stempeldruck. Die Ornamentierung wird dabei von dem Geschmack der Zeit (Rokoko) beeinflußt, zeigt indes häufig noch klare, auf geometrischer Einteilung der Fläche beruhende Formen, wie aus der Abbildung (Fig. 32) zu ersehen ist.
Im Anfange des 18. Jahrhunderts findet sich bereits der +Spreng-+ oder +Sprenkelschnitt+ mit seinen Abänderungen als +Kleien-+, +Sand-+, +Körner-+, +Wachs-+ und +Stärkeschnitt+, mehr aber noch der +Kleisterschnitt+ und gegen Ende des Jahrhunderts der +marmorierte Schnitt+. -- Das laufende Jahrhundert brachte uns in seinen ersten Jahrzehnten den +untermalten+ und +unterfärbten Goldschnitt+, den Goldschnitt mit Marmorierung darunter und darüber, vor allem aber die vollkommenste Ausgestaltung des Marmorschnittes. In der neuesten Zeit kamen hierzu der +Zierschnitt mit Überdruck+, welcher sich aber für die Dauer nicht zu halten vermochte, und der +Goldschnitt+ mit mehrfarbigem Golde.
Über das zur Herstellung der verschiedenen Arten des farbigen Schnittes anzuwendende, bez. früher angewandte technische Verfahren geben wir im folgenden das Nähere an. Unter allen Umständen muß vor dem Beginn der Arbeit der Vorderschnitt sowohl wie der Oberschnitt mit dem Messer abgeputzt, d. h. die beim Beschneiden zurückgebliebenen Unebenheiten beseitigt, auch die ersten und letzten vorgeschossenen Blätter mit dem Lineal, besser noch aus freier Hand etwas schräg nach außen abgeschnitten werden.
1. +Der Sprengschnitt.+ Noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts stellte man die Bücherschnitte durch Spritzarbeit her, indem man eine +Bürste+ mit etwas Farbe befeuchtete, und, mit dem Finger über die Borsten streichend, die Farbentröpfchen gegen den Schnitt spritzen ließ. Jetzt bedient man sich eines +Gitters+, über das man mit der Farbenbürste streichend, einen Staubregen farbiger Tröpfchen auf die eingepreßten Schnitte fallen läßt. Zu diesem Ende werden die Bücher, sofern es sich um Vorderschnitte handelt, in handlichen Stößen übereinander geschichtet, und so in die Presse gesetzt, daß die Schnittränder den Balken gleichstehen. Oben und unten fügt man eine sog. +Spalte+ ein, d. h. ein schmales Brett, etwas länger als die zu bearbeitenden Bücher und ungefähr 6 cm breit. Das Brett ist aber der Breite nach nicht gleichdick, sondern verläuft keilförmig. Dies hat den Zweck, das Buch am vorderen Rande kräftiger zu pressen als an den übrigen Stellen. Solche Spalten sind überall da unentbehrlich, wo Schnitte unter scharfem Druck mit einem Zahn geglättet werden sollen. Bei der Färbung der Oberschnitte legt man die Bände verschränkt, so daß der Vorderrand im Falz des nächstfolgenden Bandes liegt; oben und unten wird je ein Längenbrett vorgelegt.