Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte
Part 17
Das Schicksal des französischen Einbandes bestimmte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts der vielgenannte Meister +Le Gascon+, von dessen Lebensschicksalen keine sichere Kunde auf die Nachwelt gekommen ist. Es gibt auch keinen Einband, der mit dem Namen Le Gascon gezeichnet wäre, ein Umstand, der französischen Forschern zu der Vermutung Anlaß gegeben hat, Le Gascon sei nur der populäre Beiname eines unbekannten Meisters, vielleicht des +Florimond Badier+ gewesen, dessen Name sich auf einer Anzahl Einbänden findet, die dem Genre Le Gascon verwandt sind. Von andern wird diese Annahme wegen der spätern Lebenszeit Badiers bestritten, von dessen Arbeiten wir ein Beispiel (Fig. 164) mitteilen. Auf Le Gascon werden eine Reihe neuer Stempel zurückgeführt, deren Motive vorzugsweise den Spitzenmustern, zum Teil aber auch der Goldschmiedetechnik entlehnt sind. Seine punktierten Stempel (Fig. 165) für Spiralen z. B. lassen ihr Vorbild in Buchbeschlägen vom Anfang des 16. Jahrhunderts erkennen; ein derartiges Vorbild ist in dem Mittelstück eines im Museum zu Düsseldorf bewahrten Missale nachweisbar. Le Gascon war der erste, der seinen Einbänden ein doppeltes farbiges Vorsatz gab. Die Lederspiegel der Innenseite bestehen in den meisten Fällen aus grauem Leder, das mit denselben Stempeln, die für die Verzierung der Außenseite verwendet waren, vergoldet wurde.
Die Grundzüge der Musterung, welche Le Gascon beobachtete, sind nicht immer dieselben. Was allen seinen Arbeiten gemeinsam ist, sind die ungemein zarten, punktierten (pointillés) Stempel, die bald als Ansätze an das Bandwerk erscheinen, bald in Spiralwindungen mit feinen Auswüchsen die Zwischenräume, die das Bandwerk frei läßt, wie mit einem Filigrangewebe überspinnen. (Fig. 166.) Die zu Eckverzierungen oder zur Bezeichnung der Mitte eines umrahmten Feldes dienenden Stempel haben eine rautenähnliche Grundform (Fig. 167) mit mehr oder weniger deutlicher Betonung des Oben und Unten, der Wurzel und der Spitze.
In der Folgezeit kommt das Spitzenmotiv im Anschluß an die damalige Mode und Vorliebe für diesen Kleiderschmuck immer mehr zur Herrschaft. (Fig. 168-170.) Auf Rollen eingeschnitten, vergröbert es sich indes zusehends, wie denn überhaupt seit den Tagen Le Gascons, dessen Lebenszeit kaum einige Jahre über die Regierung Ludwigs XIII. hinausgeht, ein Rückgang in der Buchbinderei Frankreichs sich bemerkbar macht.
Die Verzierung mit feingliederigen Stempeln führte die Bezeichnung »à petits fers«, die zusammengesetzten Spitzenborden hießen »à dentelle«. Außerdem fand auch die Musterung à l’éventail, die fächerartige Verzierung, in Frankreich Eingang, die zu jener Zeit vorzugsweise in Deutschland zur Entwickelung kam und gern die ganze Buchfläche überwucherte. In Frankreich war man mit dieser Zierweise sparsamer und begnügte sich ebenso wie in Italien meistens nur Ecken und Mitte, jene mit einer Viertel-, diese mit einer vollen, fächerartig gebildeten Rosette zu bedrucken. Zur Verlängerung der Fächerstrahlen wurden dann noch kleine Spitzenstempel hier und da angesetzt. Einen im einzelnen wie in der Gesamtanordnung des Zierwerks besonders schönen Band der Art mit einem bischöflichen Wappen geben wir in Fig. 171 wieder.
Im 18. Jahrhundert begegnen wir noch einigen Berühmtheiten in der französischen Buchbinderei. +Dérome+ und +Padeloup+ sind vielgenannte Namen von Buchbinderfamilien, auch die Namen +Dubuisson+ und +Thouvenin+ haben noch guten Klang bei den Bücherliebhabern unserer Zeit. Es kommen neue Stempelformen auf und neue Zusammenstellungen der alten und neuen Zierstücke und Stückchen, aber es wird nichts von durchgreifender Bedeutung mehr geschaffen. Von den Versuchen Déromes, einen originellen Zug in das Spitzenornament zu bringen, mag unsere Abbildung (Fig. 172) einen Begriff geben; von den Mitteln, mit denen Padeloup die Brillantschmuckformen auf die Buchdecke zu übertragen und mit farbiger Mosaik zu wirken wußte, gibt Fig. 173 eine annähernde Vorstellung. Die an den Rändern als »Kante« hinlaufende Spitzenborde bildet im 18. Jahrhundert häufig den einzigen Schmuck der Decke, deren mittlere Fläche wie bei dem Spiegel der Innenseiten schmucklos sind.
Was das 18. Jahrhundert der Buchbinderei an neuen Dekorationsmitteln brachte, war eine Fülle von verschiedenartigen Vorsatzpapieren mit unbegrenzten (Tapeten-) Mustern. Sonderbarerweise findet sich das unbegrenzte Muster auch auf den Decken ein, und zwar als »Mosaik«, d. h. in aufgelegter Arbeit, ein Zeichen für die völlige Ermattung des Stilgefühls. (Fig. 174.) An Stelle des Leders wird mehr und mehr +Seide+ mit Stickerei und Flitterwerk als Überzug der Decke verwendet.
Das graziöse und kapriziöse Formenwesen des Rokoko, das vom Stuck sich auf alle Gebiete des Kunsthandwerks übertrug, ist an der Buchbinderei nahezu spurlos vorübergegangen. Nur bei dem mit Silber plattierten Einbänden macht es sich und zwar in sehr ausgesprochener Weise (Fig. 175) geltend.
4. Der Renaissanceband in Deutschland und England.
Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts fand in Deutschland die Handvergoldung Eingang und mit ihr die im Sinne des italienischen Renaissancebandes veränderte Anordnung des Zierats. Der althergebrachte »weiße« Einband mit Blindpressung auf Pergament oder Schweinsleder (vergl. S. 170) behauptet aber nebenher seine Geltung als bürgerlicher oder Buchhändlerband und verschwindet erst im 18. Jahrhundert aus dem litterarischen Verkehr.
Kaum minder zähe hielt die deutsche Sitte an dem Holzdeckel fest, der bei großen und schweren Bänden bis tief ins 18. Jahrhundert in Übung blieb, auch in Fällen, wo statt der Blindpressung eine reiche Verzierung in Golddruck beliebt wurde. Ja selbst im 19. Jahrhundert verwandte man noch sog. Spaltendeckel.
Ebenso galt das Beschläge lange noch für einen unerläßlichen Schmuck an Bänden vornehmer Art und fand sich auch auf den mit Pappeinlage versehenen Deckeln ein, obwohl an seine ursprüngliche Bedeutung als Schutzmittel gegen Stoß und Reibung kaum noch gedacht wurde.
Auch an den hohen Bünden und der durch die Bundwülste gegebenen Einteilung des Rückens hielt der deutsche Einband mit Ausdauer fest, als in Frankreich und Italien schon längst der glatte Rücken an der Tagesordnung war.
Unter den deutschen Renaissancebänden mit Handvergoldung lassen sich zwei Typen deutlich unterscheiden; der eine ist durch die aus einer Platte hergestellten Eckstücke und durch das ebenfalls als Platte erscheinende Mittelstück charakterisiert, der andere durch die nach italienisch-französischer Art aus kleinen Stempeln »komponierten« Muster für Mitte und Ecken oder auch für die ganze Fläche der Decke.
Die Platten- oder Stockdruckverzierung kommt meistens in Verbindung mit dem Rollendruck vor und nur ungern scheinen die deutschen Buchbinder das zur Bordenbildung bequeme Werkzeug beiseite gelegt zu haben. (Fig. 176.) Die gemusterte Borde, die bei der Blindpressung fortdauernd die Hauptrolle spielt, treffen wir daher noch oft auf deutschen Renaissancebänden, wenn auch nicht mehr in der Breite, die ihr ehedem eingeräumt war.
Bemerkenswert ist noch der Umstand, daß der Plattendruck mitunter ganz nach orientalischer Weise ausgeübt wurde, insofern das Ornament in Lederfarbe, der Grund aber golden erscheint.
Unsere Abbildung (Fig. 178) zeigt eine Decke, die mit drei Platten, zwei für die Ecken, eine für die Mitte, bedruckt ist. Die Eckstücke sind aber nicht nach einem Muster geschnitten und der Buchbinder hat aus der Not eine Tugend gemacht, indem er das ihm fehlende linksseitige Eckstück durch ein anderes, formverwandtes aus seinem Vorrat ersetzte. Der zwischen Eckstücken und Mittelstücken frei bleibende Grund ist mit Sternen besät. Diese Art der Musterung des unverzierten Grundes -- statt der Sterne kommen auch kleine Blüten, Blätter u. s. w. vor -- war allgemein beliebt; die Scheu vor leeren Stellen, der horror vacui, den der Blinddruckband erkennen läßt, übertrug sich auch auf den Golddruckeinband.
Die Kunst der Handvergoldung ist ohne Frage über die Alpen nach Deutschland gekommen, und zwar auf dem Wege des Handels und Meßverkehrs, namentlich der in Frankfurt blühenden Buchhändlermesse, die sowohl von italienischen wie auch von französischen Verlegern oder deren Agenten besucht zu werden pflegte. Auch sonst herrschte zwischen den Handelsstädten Norditaliens und denjenigen Süddeutschlands und Flanderns ein reger Warenaustausch, der zweifellos italienische Bände nach Augsburg, Nürnberg, Frankfurt sowohl wie auch nach Gent und Brügge brachte. Fürstliche und fürstlich gesinnte Bücherfreunde, die es freilich in Deutschland nicht in so großer Anzahl gab wie in Italien und Frankreich, von denen aber doch einige mit Auszeichnung zu nennen sind, so die Augsburger Fugger, die Grafen Mansfeld, vor allen aber der Kurfürst August von Sachsen, veranlaßten dann die Einbürgerung der neuen Art der Buchverzierung, und die deutschen Stempelschneider, deren Kunstfertigkeit auf hoher Stufe stand, sorgten dafür, daß es an den verschiedenartigsten Vergolderstempeln nicht fehlte. Die Formen dieser Stempel wurden in den Grundzügen den fremdländischen nachgebildet, dabei aber in selbständiger Weise gemodelt, so daß sie sich deutlich von jenen unterscheiden. (Vergl. Fig. 179.) Wie hätte es auch anders sein können bei der fruchtbaren Thätigkeit der zahlreichen Ornamentstecher, die unter dem Namen der Kleinmeister in der Kunstgeschichte des 16. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielen. Namentlich sind die Flachmuster von Peter Flötner (s. S. 186), aber auch die ornamentalen Erfindungen von Aldegrever, Hopfer, Virgil Solis häufig von den Stempelschneidern benutzt worden. Dem letztgenannten Meister wird eine in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig befindliche große Rolle mit Bildnissen von Königen zugeschrieben, eine der wenigen, die sich aus jener Zeit erhalten haben.
Unter den deutschen Fürsten haben vorzugsweise die sächsischen der Buchbinderei im Sinne der italienisch-französischen Deckenverzierung Vorschub geleistet. Die Hofbibliothek zu Dresden enthält eine große Anzahl von Bänden, die entweder durch die Inschrift A. H. Z. S. C. (August, Herzog zu Sachsen, Kurfürst) oder durch den Charakter der Verzierung als zu der Bibliothek des Kurfürsten August gehörig gekennzeichnet sind. Die von dem Kurfürsten († 1586) in dem alten Kanzleigebäude auf der Schloßterrasse errichtete Buchbinderei stand seit 1566 unter der Leitung des von Augsburg berufenen +Jakob Krauße+, dem 1578 +Kaspar Mauser+ im Amte nachfolgte. Von dem Letztgenannten dürfte daher der Einband herrühren, dessen Rückseite wir in Fig. 179 wiedergeben. Das Beschläge der Ecken ist mittelst Linie und Borde abgegrenzt, so daß die Mittelfläche aus einem Viereck mit einem oben und unten vorgelegten rechteckigen Felde besteht; auf der Vorderseite erscheint das kursächsische, auf der hier abgebildeten Rückseite das markgräflich-brandenburgische Wappen inmitten eines aus Bogen und schraffiertem Blattwerk gebildeten Ornaments, während die Ecken mittelst Stockdrucks verziert sind.
Den Dresdener Einbänden sehr ähnlich sind eine Anzahl von Bänden in der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, meistens bezeichnet F. D. H. Z. S., also für einen Herzog oder eine Herzogin von Sachsen gefertigt. Die schönsten darunter hat Stockbauer in seinen Mustereinbänden herausgegeben. Der Rahmen ist aus mehreren, meist gerollten Borden, seltener aus einer einzigen (vergl. S. 103) gebildet; in den Ecken desselben findet sich gewöhnlich das im orientalischen Sinne ausgeführte Zierstück, das dann, vierfach zusammengelegt, auch wohl zur Bildung des Mittelstückes dient. Die Spiegelfläche ist getüpfelt und trägt mitunter eine ganz im Sinne der deutschen Renaissance gedachte Kartusche, ein Wappen oder ein kreisförmig gestaltetes Zierstück. Die Einzelformen der Stempel decken sich nicht mit denen, die auf den Dresdener Einbänden vorkommen, wenn sie ihnen auch verwandt sind, weshalb man auf eine andere Werkstätte zu schließen berechtigt ist. (Vergl. Fig. 177.)
In auffälliger Weise abweichend erscheint eine Gruppe der mit der gleichen Bezeichnung versehenen Wolfenbütteler Bände. Bemerkenswert an diesen sind die kleinen, eng gewundenen, in einem Punkte endigenden Spiralen, die als Ansätze an großen, den Grundzug des Ornaments bildenden Spirallinien angebracht sind (vergl. Fig. 180). Unser Beispiel zeigt wieder den mit einem kleinen Stempel ganz überdruckten Grund und neben den sehr weit nach der Mitte vortretenden Eckfüllungen ein frei schwebendes Mittelornament, eine Anordnung, die sich der orientalischen Art nähert. Ein gewisser stilistischer Zusammenhang zwischen dieser deutschen Einbandgruppe und der französischen, die wir in Fig. 161 kennen lernten, läßt darauf schließen, daß eine lebhafte Wechselwirkung zwischen beiden Ländern auf dem Felde der Buchverzierung stattfand, ohne daß der deutsche Geschmack sich sklavisch an die französischen Muster gehalten hätte. Diese Beobachtung kann man auch in der Folgezeit machen, in der auch die deutsche Buchbinderei die +Spitzenmotive+ für Rollen sowohl wie für Stempel aufnimmt. Eigentümlich deutsch erscheint daneben aber das +Fächerornament+, das uns einerseits an die verwandten Zierformen des Balkenwerks norddeutscher Holzbauten erinnert, anderseits aber orientalisch anmutet. (Vergl. Fig. 181.) In den Ecken angewendet, füllt es diese in Viertelkreisform, in der Mitte wird es zur Rosette und erhält dann oben und unten Spitzenansätze, die zur besseren Füllung der Mittelfläche an die Rosette mehr angeschoben als mit ihr verbunden sind (vergl. Fig. 181.)
Dies feine Zierwerk, das sich auch in den Seitenfeldern zwischen der Borde und dem mittleren Sechseck auf unserem Beispiel findet, ist den französischen Zierstempeln, die wir oben kennen lernten (Fig. 167), aufs engste verwandt.
Sehr verschieden von dieser durch geradlinige Einteilung der Fläche auffallenden Decke sind die Rosettendecken, bei denen Bandverschlingungen ähnlicher Art, wie sie auf den Bänden Le Gascons vorkommen, die Fläche feldern und dabei die Rücksicht auf den symmetrischen Eindruck beiseite setzen. Die Führung dieser Bandornamente ist so getroffen, daß möglichst viel kreisrunde Felder, größere und kleinere, entstehen, deren Füllung dann die Rosette bildet. Die übrigen leeren Stellen des Grundes sind ganz klein gemustert mit Sternchen oder Punkten, jedoch nicht in so sparsamer Weise, wie bei dem französischen Streumuster, sondern dicht gedrängt, als ob die Fläche mit den Punzen behandelt worden wäre.
Noch einer besonderen Gruppe von Decken haben wir zu erwähnen, die vorzugsweise in Bayern angefertigt zu sein scheinen. Stockbauer hat in seinen Abbildungen von Mustereinbänden einen Einband dieser Art mit dem kurbayrischen Wappen veröffentlicht und dem Verfasser sind ebenfalls mehrere verwandte Arbeiten mit dem bayrischen Wappen zu Gesichte gekommen. Das Eigentümliche an diesen Bänden ist, daß einzelne Blättchen des mit der Punktschnecke durchsetzten Ornaments mit Silber ausgemalt sind; die Silberbronze ist zu diesem Zweck vermutlich mit weißer Farbe gemischt worden.
Der dreißigjährige Krieg, in welchem das gesamte deutsche Kulturleben nahezu verödete, führte auch den Niedergang der Buchdeckelverzierung herbei. Indes fehlte es in der nachfolgenden Zeit nicht an Bestrebungen, die alte Kunstübung wieder aufzufrischen. Zu den von früher her gebräuchlichen Stempeln mit feinem Spitzenwerk, zu der Rosette und Punktschnecke traten naturalistisch gezeichnete Blumen in großen Formen, wie sie auch auf Tapeten aus jener Zeit vorkommen (Fig. 182).
Auch die Art des Netzwerks, in welchem diese Blumen oft neben oder in Verbindung mit dem zarten Spitzenwerk erscheinen, erinnert an die Tapete mit ihrem nach allen Richtungen gleichmäßig wiederkehrenden Rapporte (Fig. 183).
Dieser niederdeutschen Decke stellen wir eine gleichzeitige aus Steiermark gegenüber (Fig. 184), bei der die Gesamtanordnung und die dichte und verschiedenartige Musterung der leeren Flächen einen der in Fig. 181 gegebenen Decke verwandten Zug offenbart. Die Rosette erscheint hier als Füllung des halbkreisförmigen Abschlusses der in den Rahmen gewissermaßen eingelegten Felder, deren übrige Fläche mit einem von einer kleinen Vase aufsteigenden Zweige mit dichtem, geflammtem Laubwerk gefüllt ist. Das schöne Beschläge an den Ecken und auf der Mitte erhöht noch die prachtvolle Gesamtwirkung dieser Decke, die eine Pergamenthandschrift aus dem 15. Jahrhundert umschließt.
Einen nicht minder prächtigen Einband mit Rosetten und zierlichem Füllwerk in den durch Bandverschlingungen gebildeten Feldern bewahrt das Leipziger Kunstgewerbemuseum. Den Inhalt bildet eine Bibel in Folio, Lüneburger Druck vom Jahre 1665.
Es verlohnt sich nicht, den deutschen, mit Handvergoldung verzierten Einband über das Ende des 17. Jahrhunderts zu verfolgen. Der frühere Lederband wird mehr und mehr von dem sog. Halbfranzbande verdrängt, bei dem nur noch der +Rücken+ der Handvergoldung den nötigen Spielraum bietet. Die Musterung des Rückens war bisher bedingt gewesen von den hoch liegenden Bünden, und die Verzierung der durch sie abgeteilten Felder bestand gewöhnlich in einem als laufendes Band sich darstellenden oder auch schuppenartig gebildeten Ornament (Fig. 185), das mit der Filete gedruckt wurde. Im 18. Jahrhundert kommt, wie schon früher in Frankreich und Italien, der glatte Rücken auf, ohne freilich die bisher üblichen hohen Bünde ganz zu verdrängen.
Zum Schluß bleibt uns noch ein Blick auf die +Pergamentbände+ übrig, die in der hergebrachten Weise mit Blindpressung auch noch im 18. Jahrhundert ihr Dasein fristen, dabei von dem Wechsel des Geschmacks in Bezug auf die Zierformen der Platten und Stempel mehr oder weniger berührt werden. (Vgl. das Schlußstück S. 155 und die Decke S. 156.) Im 17. Jahrhundert begegnen wir den Versuchen, mittelst farbiger Bemalung dem Pergamentbande einen besonderen Reiz zu verleihen. Die mit Leerstempeln gedruckten Zierformen wurden mit Beiz- oder Lackfarben ausgemalt, und es entstand so eine Art von bunten Einbänden, die meist als +Emailbände+ bezeichnet werden, obwohl sie mit Email nichts zu thun haben. Die großen naturalistischen Blumen erinnern dabei an die sog. Bauernmajolika. Diese bunten Pergamentbände kommen vorzugsweise bei den damals üblichen Brautbüchern vor.
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Außer dem deutschen, französischen und italienischen Einbande hat nur noch der englische ein geschichtliches Interesse für uns.
Der schlichte bürgerliche Einband mit Blindpressung war auch jenseits des Kanals in den ersten Zeiten des gedruckten Buches allgemein üblich. Daneben gab es aber auch sehr kostbare Einbände, die der Hauptsache nach für den Hof und den ihm nahe stehenden Adel angefertigt wurden. Eine Anzahl derselben bewahrt das Britische Museum. Sie sind zum größten Teile mit Samt, auch wohl mit anderen kostbaren Webstoffen, wie Damast und Goldbrokat, überzogen und mit einem reichen Gold- oder Silberbeschlag versehen. Heinrich VIII. und die Königin Elisabeth zeichneten sich durch ihre Liebhaberei für Bücher und Büchereinbände aus, wie aus den Rechnungsbüchern des königlichen Haushalts deutlich zu ersehen ist. Unter Elisabeth wurde es Gebrauch, für Buchüberzüge auch Stickereien zu verwenden, deren Mittelstück das königliche Wappen bildete; vorzugsweise wurden Bibeln und Erbauungsbücher in dieser Weise ausgestattet. Die Sitte ist vielleicht von Flandern nach England gekommen, da auch hier die gestickten Einbände zu Anfang des 17. Jahrhunderts nachweisbar sind und Flandern neben Italien das klassische Land der Stickerei- und Spitzenindustrie ist. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kommt in England ebenfalls der vergoldete Lederband in Aufnahme, und auch für die königliche Bibliothek bildet er seit Jakob I. die Regel, während nur noch ausnahmsweise der Samt und das kostbare Beschläge zur Verwendung kommen. Die Einwanderung des italienisch-französischen Lederbandes wird an eine ganz bestimmte Thatsache geknüpft, nämlich an die Gefangenschaft des französischen Bibliophilen +Louis de St. Maure+, Marquis de Nesles, welcher, 1559 als Geisel ausgeliefert, später in England verblieb und Stammvater des hochangesehenen Geschlechts der Seymour wurde. (Vergl. Fig. 149.)
Der Hofbuchbinder Jakobs I. hieß +John Gibson+, und aus einer Rechnung, die sich von ihm erhalten hat, ist zu entnehmen, wie hoch die Buchbinderarbeit damals im Preise stand; Gibson erhielt nämlich für einen vergoldeten Folioband 20, für einen ebenfalls vergoldeten Oktavband 10 Schillinge, und für einen gewöhnlichen Pergamentband 3 Schillinge.
Unter den Bücherliebhabern jener Zeit steht obenan Sir +Thomas Bodley+, der die Universität Oxford mit einer großen Büchersammlung (die Bodleiana) bereicherte, die ihm angeblich 200000 Pfd. St. gekostet haben soll, und derselben zur Vermehrung und Verwaltung ihrer Bücherschätze eine große Summe vermachte. Die Universitäten Oxford und Cambridge wetteiferten mit dem Hofe in Bezug auf schöne und haltbare Einbände. Die gediegene und sorgfältige Arbeit ist denn auch seit jener Zeit eine hervorstechende Eigentümlichkeit des englischen Einbandes geworden, und diesen Vorzug bewahrte sich die englische Buchbinderei auch im 18. Jahrhundert, das sonst fast in allen Ländern ein Nachlassen der früheren Tüchtigkeit mit sich brachte.
Die Ornamentierung der Lederbände des 16. und 17. Jahrhunderts richtete sich nach den von Frankreich und Deutschland herübergekommenen Mustern. Eine Zeitlang fand auch der sächsische Einband mit den gemalten Bildnissen der Reformatoren günstige Aufnahme und Nachahmung. Unter den ornamentalen Mittelstücken finden sich manche, die mit den deutschen, an Ätzarbeit erinnernden Prägestempeln formverwandt sind (vergl. Fig. 186).