Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte
Part 16
Für den Bucheinband oder sagen wir für die Lederdecke des gedruckten Buches gab es selbstverständlich keine antiken Vorbilder, also auch keine Renaissance im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Indes war das Verlangen, das äußere Gewand des Buches mit Zierformen zu beleben, unabweisbar. Die unbehilfliche, für das Auge fast reizlose Technik des Blinddrucks jener Zeit genügte dem Schönheitssinne der Italiener nicht, und so griffen sie mit Begier nach den Mustern, die ihnen der Osten entgegenbrachte.
Das Verdienst, den vergoldeten Lederband mit Pappdeckelkern auf europäischen Boden verpflanzt zu haben, gebührt nachgewiesenermaßen dem großen Drucker und Verleger +Aldus Manutius+ in Venedig, der von 1449 bis 1515 lebte, sowie dessen Söhnen und Geschäftsnachfolgern. An seinen Namen knüpft sich der Aufschwung des Buchdrucks in Italien, ja seine mit Erfolg gekrönten Bemühungen, schöne Typen auch in mäßiger Größe herzustellen, haben weit über die Grenzen Italiens hinaus fruchtbringend gewirkt. Die »Aldinen«, die Drucke, die aus der Offizin der Aldi hervorgegangen sind, gehören bekanntermaßen zu den typographischen Kostbarkeiten, die heutzutage nicht selten mit Gold aufgewogen werden.
Persische und maurische Einbände waren in Venedig, das mit den Handelsplätzen an allen Küsten des Mittelmeers einen lebhaften Warenaustausch unterhielt, zweifellos schon vor der Einführung der Buchdruckerkunst bekannt und geschätzt. Ja die Vermutung, daß Arbeiter aus dem Orient, Mauren, vielleicht auch Griechen für Herstellung von Einbänden schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Venedig beschäftigt waren, hat vieles für sich und wird hauptsächlich gestützt durch vier venetianische Drucke vom Jahre 1477, die sich im Museum zu +Gotha+ befinden. Drei dieser Bände sind mit jenen fein gemusterten, durchbrochenen Ledereinsätzen ornamentiert, wie wir oben (S. 196) kennen gelernt haben; zur Blindpressung aber sind an den Ecken der Borde römische Kaisermünzen verwendet, was darauf schließen läßt, daß die Decken nicht in der Levante, sondern in Venedig, möglicherweise von griechischen, bei der Eroberung Konstantinopels durch die Türken ausgewanderten Handwerkern hergestellt wurden.
Wie dem auch sei, jedenfalls hat erst die Betriebsamkeit des Aldus und seiner Söhne die Reform in der Buchbinderei herbeigeführt, die, anknüpfend an die Grundzüge des orientalischen Geschmacks, der Handvergoldung mit Bogenlinien und kleinen Stempeln die Bahn brach. Die Anregung dazu mag ihnen wohl von Nicolaus Jenson, ihrem Vorgänger, überkommen sein, denn dieser ist der Drucker der vorerwähnten gothaischen Bände und nahm 1479 den Andrea Torresano d’Asola in sein Geschäft als Gesellschafter auf, dessen Tochter sich mit Aldus Manutius (d. ä.) 1500 verheiratete.
Der ältere Aldus sowohl wie seine Söhne unterhielten den regsten Verkehr mit der wissenschaftlichen Welt Italiens und standen in den engsten Beziehungen zu den fürstlichen und fürstlich gesinnten Bücherliebhabern ihrer Zeit. Es darf mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß auch die prachtvollen Lederbände, in denen einzelne Aldinische Drucke unter Nennung des Bestellers, bez. ersten Besitzers auf uns gekommen sind, der von den Verlegern unterhaltenen Werkstatt oder den von ihnen herangebildeten und beschäftigten Werkleuten ihren Ursprung verdanken.
Die frühesten noch erhaltenen Renaissancebände sind namenlos, sofern es sich um die Verfertiger handelt; dafür sind sie benannt worden nach den Namen der Bibliophilen, in deren Bücherei sie zuerst vereinigt waren: +Thomas Majoli+, +Demetrio Canevari+ und vor allen +Jean Grolier+. Von dem Erstgenannten ist kaum mehr als der Name bekannt, nicht einmal seine Lebenszeit läßt sich genau bestimmen; nur aus den Büchern, deren Decke seinen Namen in der kleinen Inschrift: THO. MAJOLI ET AMICORUM, trägt, läßt sich abnehmen, daß er in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelebt hat und ein älterer Zeitgenosse des Jean Grolier war. Der letzte unter den noch erhaltenen Majolibänden trägt die Jahreszahl 1553. Eine nicht unbegründete Vermutung bringt Thomas Majoli in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu einem Michele Majoli, einem bekannten Kunstsammler, der möglicherweise sein Vater oder Oheim gewesen ist. Sicherer ist die Annahme, daß Majoli mit Grolier in freundschaftlichem Verkehre stand. Jedenfalls beschäftigten beide ein und dieselbe Werkstatt, wie aus der dekorativen Verwandtschaft der Majoli- mit frühen Grolierbänden hervorgeht. Einen weiteren Beleg bietet ein Band in der +Brunet+’schen Sammlung, auf dessen Decke das Merkzeichen Majolis angebracht ist, während das Titelblatt den Eigentumsstempel Groliers zeigt.
Das Charakteristische an diesen frühen italienischen Einbanddecken ist das feine, in großen, meist zur Spirale gebogenen Zügen gehaltene Rankenwerk mit angesetzten Blättern und Blüten, welches den größten Teil der Fläche überspinnt, von der nur ein schmaler Rand der gewöhnlich ziemlich einfach gehaltenen Umrahmung vorbehalten ist. Der mittlere Teil der Fläche bleibt dabei frei für ein Wappen oder eine Inschrift (Titel). Zu dem Rankenwerk tritt später auch noch Band- oder Riemenwerk, das sich in regelmäßigen Zügen durcheinander schlingt und entweder mit Lackfarben bemalt oder durch aufgelegte Lederstreifen (Mosaik) hergestellt ist. Das Mittelfeld ist in der Regel nur linear eingefaßt, bez. aus dem Linien- und Bandnetz ausgespart. Indes kommt auch bereits die Kartusche vor, und zwar in einer schon auf plastische Wirkung ausgehenden Zeichnung. Ein solches fest umrissenes Mittelschild mit Rollwerk zeichnet z. B. den trefflich erhaltenen Majoliband (32: 21 cm groß) aus, der in dem Kunstgewerbemuseum zu Leipzig aufbewahrt wird und eins der frühesten mit Holzschnitten ausgestatteten Druckwerke italienischen Ursprungs, die Hypnerotomachia des Polyphilus (Venedig 1499) umschließt (Fig. 144). Das Leder hat einen bräunlichen Ton. Ranken, Blätter und die kleinen Arabesken in der Umrahmung sind mit Gold gedruckt, die hellen Flächen der Kartusche, des Bandwerks u. s. w. waren ursprünglich versilbert; außerdem ist noch rote und grüne Bemalung zur Erhöhung des reichen Eindrucks verwendet, so in den Feldern des Rahmens, wo Grün mit Rot wechselt, und an einigen anderen Stellen. Die Inschrift findet sich auf dem kleinen Schildchen des unteren Rollwerks. In dem Spiegel der Kartusche erscheint das französische Wappenschild, vermutlich eine spätere Zugabe, wenn nicht etwa Majoli den Band Heinrich II. von Frankreich verehrt hat, auf dessen Namen das zweifache H im Mittelfelde deutet. Der Rücken des Bandes zeigt fünf Bünde und sechs Felder, von denen das untere und obere ein silbernes Bandornament haben und das untere sich durch eine schlankere Form auszeichnet.[3]
Rückenschilder mit Titel waren zu jener Zeit, wie wir hier einschaltend bemerken, noch nicht üblich. Die Bücher wurden immer noch +liegend+ aufbewahrt und der Inhalt des Bandes gewöhnlich auf einem an dem nach vorn gerichteten Schnitt angebrachten losen Schildchen angegeben oder auf den Schnitt geschrieben.
Die flache (nicht modellierte) Zeichnung der Blätter und Blüten, die entweder mit Vollstempeln oder mit schraffierten Stempeln (+fers azurés+) gedruckt wurden, ist mit der natürlichen Erscheinung nur noch schwach verwandt: die stilisierte Form läßt die Urform nur selten mit Sicherheit erkennen. Einzelne Motive sind ohne weiteres von den orientalischen Vorbildern herübergenommen, so namentlich die schilfartig zugespitzten und die mit der Spitze in Hakenform sich biegenden Blätter, die in den sog. Mauresken (im maurischen Sinne entwickelten Füllungsmustern) von deutschen und italienischen Ornamentisten mit Vorliebe nachgebildet, auch mannigfach umgestaltet wurden. (Vergl. die Kopfleisten S. 204 und 186 sowie Fig. 145.)
Über den Lebenslauf Groliers sind wir ziemlich genau unterrichtet. Er wurde 1479 in Lyon geboren, lebte von 1510 bis gegen 1530 in Mailand als Schatzmeister des französischen Heeres in Italien. Später hielt er sich in Rom als französischer Gesandter beim päpstlichen Stuhle auf (1534), kehrte dann nach Frankreich zurück und ließ sich in Paris nieder, wo er in seinem Hause, dem sog. Hôtel de Lyon, eine reiche Büchersammlung, an 3000 Bände stark, anlegte, von der heutzutage noch etwa 350 Stück in verschiedenen Bibliotheken, öffentlichen wie privaten, nachweisbar sind. Er starb daselbst im Jahre 1565. Es ist zwar nicht mit Bestimmtheit nachgewiesen, aber doch sehr wahrscheinlich, daß Grolier aus Italien Buchbinder und Vergolder nach Paris zog, oder aber daß Franz I., der so viele Künstler und Kunsthandwerker aus Florenz, Mailand und anderen italienischen Städten nach Frankreich kommen ließ, diesen Zuzug auf Groliers Betreiben veranlaßte. Jedenfalls war Grolier in litterarischen Dingen der Ratgeber des Königs ebenso wie seiner nächsten Nachfolger, Heinrichs II. und Karls IX., deren Bücherbesitz durch die im Genre Grolier gehaltenen Einbände ausgezeichnet ist.
Dies Genre Grolier zeigt übrigens keineswegs eine uniforme Schablone, sondern vielfache Variationen. Die frühesten Bände, die die Bezeichnung JO. GROLIERII ET AMICORUM tragen und auf jeden Fall noch auf italienischem Boden entstanden sind, zeigen eine schlichte Linien-, auch wohl gemusterte Rollendruckumrahmung und einen nur dürftig mit wenigen Vollstempeln[4] und linearem Ornament bedeckten Spiegel (Fig. 146). Bei anderen Bänden schlingt sich aufgelegtes oder bemaltes, mit Gold gerändertes Riemenwerk in geraden und gebogenen Zügen durcheinander (entrelacs) und Bogenlinien mit angesetzten Blüten und Blättern dienen zur Lückenfüllung. Dieser Richtung gehören die in Abbildung wiedergegebenen Decken (Fig. 147 und 148) an, ebenso die in Fig. 149 wiedergegebene, nur daß bei Fig. 148 das Linien- und Blattwerk zur Deckung des Grundes fehlt. Wiederum andere haben eine lineare Zeichnung, die gegen die Mitte hin sich zu einer Kartusche mit punktiertem Grunde gestaltet (Fig. 150). Die Verzierung ist bis auf das Wappen in der Mitte mit dem Drachen darunter ganz durch Bogendruck hergestellt, eine Manier, die große Geschicklichkeit in dem Ansetzen der Bogenlinien erfordert, namentlich wenn der eine Bogen nach rechts, der andere nach links gezogen ist. Dieser Schwierigkeit suchte man durch die sog. +Leerstempel+ (fers à filet) abzuhelfen, bei denen der Umriß der Blattform nicht mehr aus einzelnen Stückchen gebildet zu werden brauchte (Fig. 151.) Mit Hilfe dieser Leerstempel konnte man auch eine weniger breit angelegte Ornamentierung erzielen, als es bei ausschließlicher Anwendung von Bogenlinien der Fall war.
In einem wesentlichen Punkte von den Majoli- und Grolier-Decken abweichend erscheint eine Gruppe von Einbänden, die sich an den Namen des Malers und Formschneiders +Geoffroy Tory+ von Bourges knüpft, eines ungemein vielseitigen Geschäftsmanns, der auch Drucker und Verleger war und wahrscheinlich die bei seinen Einbänden verwendeten Stempel selbst anfertigte, bez. in seinen Werkstätten anfertigen ließ. Die Tory-Einbände zeigen nämlich ein von unten aufsteigendes, von der Mittellinie sich nach den Seiten entwickelndes Ornament, in welchem ein Krug mit ausgebrochenem Rande das Merkzeichen des Ursprungs ist. Tory stand mit Grolier in geschäftlichen Beziehungen, ging aber, wie man sieht, bei der Deckenverzierung seine eigenen Wege (Fig. 152).
Die Anwendung der Leerstempel neben den schraffierten Stempeln, oft in Verbindung mit farbigem Bandwerk oder mit Linien auf getippeltem Grunde ist auch in der Folgezeit bei den für Heinrich II. angefertigten Bänden bemerkbar. Die in Fig. 153 wiedergegebene Decke, bei der die ineinander geschlungenen beiden C in den Ecken und die ebenso ineinander greifenden beiden M auf der Mitte der seitlichen Ränder auf die Besitzerin, Catharina von Medici, die Gemahlin Heinrichs II., deuten, zeigt ein sehr lockeres Gefüge in der Zusammensetzung der Ornamente und eine ungenügende Füllung der Fläche. Wesentlich geschmackvoller erscheint eine in Fig. 154 wiedergegebene Decke, welche in der Mitte und in den Eckfeldern ein auf Heinrich II. und seine Gattin bezügliches Monogramm hat und sich durch ein kreisrundes Mittelfeld mit einem von einem Spruchbande umzogenen Kranze von Rebenzweigen auszeichnet.
Verwandter Art ist die Verzierung eines Bandes in Querformat, die wir in Fig. 155 nach Techener wiedergeben. Die beiden Monogramme im Mittelfelde werden auf Heinrich II. und seine Geliebte, Diana von Poitiers, gedeutet; indes kann das D auch ebenso gut die Bedeutung von »Deux« haben. Der zum Teil auf der Abbildung sichtbare Rücken ist bereits ohne Bünde hergestellt, aber noch nach der Bundteilung gefeldert, während der Band unter Fig. 153 auf die Bünde gar keine Rücksicht nimmt; ein langes Schildornament, dem Mittelschilde der Decke in der Zeichnung verwandt, deckt die Fläche nicht völlig, Kopf- und Schwanzende lassen das Kapital in einem abschließenden Nahtornament anklingen.
Wir erwähnten oben des Demetrio +Canevari+, eines Bücherliebhabers, von welchem ebenso wie von Majoli wenig mehr als der Name bekannt ist. Er war nach einer unbestimmten Überlieferung Leibarzt des Papstes Urbans VIII., und wird vermutlich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts seine Büchersammlung angelegt haben. Die Verzierung der mit seinem Namen oder seinem Bibliothekszeichen bezeichneten Bände ist eine ziemlich einfache; die Ornamente sind mit Linien- und Vollstempeln gedruckt. Es scheint übrigens, als habe Canevari manche Bücher in bereits fertigen Einbänden gekauft -- die Bücher kamen zu seiner Zeit allgemein gebunden in den Handel -- und diese nur mit seinem Bibliothekszeichen versehen, welches einen Apollo mit dem Zweigespann am Fuße des Parnaß darstellt, augenscheinlich in Nachbildung einer antiken Kamee.[5] Diese Vermutung wird durch einen Canevari im Museum zu Frankfurt a./M. bestätigt, bei dem unter dem aufgepreßten Signet sich noch deutlich ein kleinerer Stempel mit orientalischen Motiven erkennen läßt. Eigentümlich ist allen Canevaribänden, die dem Verfasser dieses Buches zu Gesicht gekommen, ein fehlerhafter Stempel, wie sich aus dem Vergleich von a und b in Fig. 157 ergibt; bei b fehlt die Spirale des rechtsseitigen Gegenstücks am Rücken des nach oben gebogenen Teiles.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts traten in der +italienischen+ Buchbinderei eine Reihe neuer Stempelformen auf, die zwar die Arbeit bequemer machten, aber auch die Kunstfertigkeit verringern halfen, die vordem mit wenig Werkzeugen die verschiedenartigsten Flachmuster hervorzubringen im Stande war. Die Formen der Stempel werden krauser (Fig. 157a) oder nehmen die Gestalt von Vasen und Urnen an. Auch die Groteske, von der Wanddekoration herübergenommen, findet sich auf Buchdecken ein. Außer den in der gewöhnlichen Weise hergestellten Decken kommen zu jener Zeit auch Einbände mit durchbrochener Lederarbeit nach persischem Muster vor, andere wieder mit einem in die Mitte eingelegten Miniaturgemälde.
Im 17. Jahrhundert übernimmt Frankreich die Führung in der künstlerischen Behandlung der Buchdecke und die übrigen Länder Europas fügen sich mehr oder weniger den von Paris ausgehenden dekorativen Neuerungen. Das erklärt sich leicht aus der politischen Machtentfaltung des französischen Königtums und aus dem damit zusammenhängenden glänzenden Hofleben. Die Könige fühlen sich verpflichtet, jeden edlen Luxus zu fördern, und die Großen des Reiches folgen dem Beispiele der Herrscher.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts sehen wir in Frankreich wie in Deutschland und England das durch Plattendruck hergestellte Mittelstück nebst Eckstücken in Aufnahme kommen, das, in sich geschlossen, nicht mehr, wie bei den der Grolier-Richtung angehörigen Bänden, aus dem gesamten Zierwerk herauswächst, sondern, wie auch die Eckstücke, einen festen Umriß hat, mit dem es sich gegen die übrige Fläche abgrenzt. Die Art der Musterung erinnert an Metallätzung oder eingelegte Arbeit; in der Mitte ist gewöhnlich ein Schriftfeld von ovaler Form ausgespart (Fig. 158). Bisweilen nimmt dies Mittelstück auch die Gestalt der Kartusche an. Indes hält die alte Weise, mit Riemenverschlingungen und Rankenwerk die ganze Fläche zu mustern, noch lange stand. Eine Decke dieser Art, bei der die Mitte mit Vollstempeln bedruckt ist, während im übrigen ziemlich schwere schraffierte Stempel verwendet sind, zeigt Fig. 159. Charakteristisch an dieser und verwandten Decken ist die aus dem Riemenwerk nach oben und unten herauswachsende Palmette.
Als neue Ziermotive erscheinen im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts die +Lorbeerzweige+, die zur Füllung der von dem Riemenornament umzogenen oder freigelassenen Stellen dienen, und die +Spiralschnecke+, im Französischen »+fanfare+« genannt. Unsere Abbildung (Fig. 160) zeigt die Fanfare auf der Decke eines Einbandes, der für den Bibliothekar König Heinrichs III., Jacques Auguste +de Thou+, gefertigt wurde. An die Namen de Thous, dessen gleichnamiger Sohn die Bücherliebhaberei des Vaters erbte, und Nicolas +Eves+[6] der seit 1573 den Titel eines Relieur du roi führt, knüpft sich diese Art der Deckenverzierung, in der ein naturalistischer Zug, das unregelmäßig gestaltete, sich der Naturform nähernde Rankenfüllwerk, unverkennbar ist. (Fig. 161.) Noch mehr tritt derselbe hervor in der zierlichen Musterung von kleinen Einbänden, die, abgesehen von wenigen einfassenden Linien, ganz mit Laubkränzen, Blumenzweigen, Blümchen und Blättchen bedeckt sind und die, wie es scheint, von dem +jüngeren Eve+ zuerst angefertigt wurden (Fig. 162). Der hier abgebildete Band führt bereits den Titel auf dem Rücken, dessen breite Fläche ganz so wie die Decken gemustert ist. Der Grundsatz der geometrischen Teilung der Fläche und der allseitig symmetrischen Entwickelung des Ornaments, der bisher für die Verzierung der Decken maßgebend war, ist bei dieser neuen Art der Musterung vollständig verlassen.
Diese blumige Zierweise mit ihren niedlichen Formen erscheint in der verschiedensten Anordnung auf Einbänden, die für die Schwester Heinrichs III., spätere Gemahlin Heinrichs IV., Margarete von Valois, angefertigt sind, und nach ihr wird die Gattung als +Margaretenband+ bezeichnet. Zu derselben Zeit treten auch die mit kleinen Motiven, Blümchen, Lilien, Kronen und dergl., »überstreuten« (semés-) Decken auf.
Unser Beispiel (Fig. 163) zeigt eine schräge Füllung der Ecken, die ebenfalls sehr zierlich gemustert ist, und ein ebenso gehaltenes Mittelstück, das gewissermaßen in der überstreuten Fläche schwimmt. Die Anordnung greift, wie man sieht, wieder zurück auf das persisch-maurische Schema.
Von +italienischen+ Bänden aus jener Zeit geben wir (Fig. 160) ein Beispiel, in welchem die Art der Majolibände freilich in ziemlich steifer und harter Formbehandlung mit dem Eve’schen Zweigmotiv in eine nicht sonderlich organische Verbindung gebracht ist. Die Arbeit an diesem Einbande ist an sich eine vortreffliche. Die Felder sind in gelb, braun und schwarz auf rotem Grunde ausgelegt, die Blätter des Gezweigs, wie immer bei dieser Art der Verzierung, einzeln angedruckt.
Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts erreicht der französische Einband die Höhe der technischen Vollendung, welche den deutschen Einband schon vorher auszeichnete. Der äußere Schmuck des Buches dehnt sich fernerhin auch auf den Schnitt aus, dessen vergoldete Fläche mit den Punzen gemustert oder auch bemalt wird. Einen Schritt weiter that man noch mit der »Doublure«, der Verzierung der Innenseite beider Deckel durch Linien- und Stempelvergoldung, auch hier dem orientalischen Vorbilde folgend.