Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte
Part 15
Es erübrigt noch, der farbig bemalten Einbände zu gedenken, welche ungefähr gleichzeitig mit dem Aufkommen der Handvergoldung hauptsächlich in den sächsischen Landesteilen, namentlich in Wittenberg, aber auch am Niederrhein angefertigt wurden. Die von dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen 1502 gegründete Universität nahm zur Zeit der Reformation einen hohen Aufschwung und führte eine lebhafte litterarische Thätigkeit herbei, die zahlreiche Pressen beschäftigte. Wie schon erwähnt, übte der Maler Lucas Cranach d. Ä., ebenso wie sein gleichnamiger Sohn, keinen geringen Einfluß auf die innere Ausstattung der Wittenberger Drucke aus, indem er Titelblätter und Illustrationen für Holzschnitt und auch sonstiges typographisches Schmuckwerk zeichnete. Er war selbst Besitzer einer Druckerei und hielt vermutlich auch eine eigene Buchbinderwerkstatt. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß von ihm der Versuch herrührt, dem Lederbande durch farbige Bemalung ein schmuckeres Ansehen zu geben. Diese bunten Einbände, bei denen sowohl das Rahmenwerk als auch das von ihm eingeschlossene Bildnis ziemlich grellfarbig erscheint, sind indes schwerlich für den täglichen Bedarf, sondern nur zu besonderen Zwecken angefertigt worden, da sie nur sehr vereinzelt (zwei in der Bibliothek des Börsenvereins zu Leipzig, zwei in Darmstadt, zwei in der Lempertz’schen Sammlung) anzutreffen sind. Sie haben daher auch nur die Bedeutung einer Absonderlichkeit, die keinerlei Nachfolge erweckte und auf die fernere Entwickelung des Bucheinbandes ohne Einfluß blieb.
Technisch betrachtet, war der deutsche Lederband des 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine musterhafte Leistung, ausgezeichnet durch tüchtige Arbeit. Die Holzdecke mit dem farblosen Überzuge gab ihm einen gediegenen, aber schwerfälligen Charakter, die Blindpressung bot dem Auge meist kleinliche in schmalen Streifen sich aneinander reihende Formen von dürftiger Erfindung. Es darf daher nicht Wunder nehmen, daß die romanischen Völker, als sie sich nach und nach die Erfindung Gutenbergs zu eigen machten, das äußere Gewand des gedruckten Buches anders gestalteten. Immerhin lassen frühitalienische Lederbände doch einen vorbildlichen Einfluß der deutschen Blindpressung erkennen, der sich auf der zur Erneuerung der schönen Künste berufenen Halbinsel im 15. Jahrhundert mit der vom Orient ausgehenden dekorativen Strömung begegnete. Das viereckige Wesen der deutschen Deckenornamentierung, das Einsetzen der kleineren in die größeren Rahmen (Fig. 126, 127), die steife Füllung des übrigbleibenden Mittelfeldes treffen wir auch hier; aber grundverschieden sind die Einzelmotive des Ornaments. Die durch Bandverschlingungen hervorgebrachte Musterung in Fig. 127 weist auf orientalische Vorbilder, der Stempel mit der Lotosblume, mit dem der innere Rahmen bei Fig. 126 gebildet ist, mahnt an die Dekoration antiker Thongefäße, der Stempel mit der stilisierten (heraldischen) Lilie und der mit dem Rautenmuster in Fig. 127 mutet uns noch gotisch an.
Den Übergang von der Blindpressung zur Vergoldung bezeichnet eine Gruppe von venetianischen Einbänden mit gestrichenen äußeren Rahmen, innerhalb dessen ein Bandornament, mit der Rolle in Gold gedruckt, den inneren Rahmen bildet und die Gehrungsstellen mit einem Lilienstempel oder einem einfachen Blattmotiv ebenfalls goldig bedruckt sind. Das Mittelstück dieser ziemlich schlichten Decken, in deren Spiegel meist eine Raute in Blindpressung eingedruckt ist, bildet mitunter eine Nachahmung antiker Kameen durch Prägung und Malerei, weshalb man diese Gattung als +Kameenbände+ zu bezeichnen pflegt.
Noch an einer anderen, dem Osten näher liegenden Stelle begegnen sich Morgenland und Abendland auf dem Gebiete der Buchbinderkunst, in der uralten +Mönchskolonie+ im +Athosgebirge+ auf der chalkidischen Halbinsel. Die Klöster am Athos waren stets von Mönchen verschiedener nationaler Herkunft bevölkert, und es ist leicht möglich, daß zuerst deutsche Mönche die deutsche Technik und zugleich die Dekorationsweise der Lederdecke dort eingeführt haben. Charakteristisch für diese, von Dr. Bock zuerst aufgefundenen Einbände ist der Umstand, daß die Holzdecken nicht wie in Deutschland abgeschrägt, sondern auf der hohen Kante rinnenartig ausgehobelt sind. Dieselbe Eigentümlichkeit zeigen auch die vorerwähnten italienischen Einbände des 15. Jahrhunderts. Auf einzelne Verschiedenheiten in der Art, wie die Decke und der Buchkörper verbunden zu sein pflegen, auf die Behandlung des Kapitals und der aus drei geflochtenen Schnüren bestehenden ledernen Zuhaltung (Schließen) gehen wir nicht näher ein, da sie für die historische Entwickelung der Deckendekoration keine Bedeutung haben. Von Interesse in dieser Hinsicht sind dagegen die zur Bordenbildung verwendeten Stempel, in denen hin und wieder sich ein Nachklang der Antike und ein Anklang an morgenländische Bandmotive neben entschieden deutschen Motiven (wie z. B. der Kranzrolle auf S. 162) erkennen läßt. Von einer dritten besonders merkwürdigen Begegnung der abendländischen und morgenländischen Lederzierkunst, die sich auf ungarischem Boden vollzog, wird weiter unten die Rede sein, nachdem wir uns von der Deckenverzierung mohamedanischer (persisch-türkischer und arabisch-maurischer) Handschriften ein deutliches Bild verschafft haben.
ZWEITER ABSCHNITT.
Der Lederband mit Goldverzierung.
(Renaissance-Band.)
1. Der orientalische Einband.
Auf dem Gebiete der Flächendekoration ist der Orient in mehr als einer Hinsicht der Lehrmeister des Abendlandes gewesen. Das Wort Arabeske, mit welchem wir gewisse Schmuckformen bezeichnen, bei denen sich verschlingende und durchkreuzende Linien ein scheinbar regelloses und doch von einem festen geometrischen Gesetze beherrschtes Spiel treiben, deutet schon den Ursprung der eigentümlichen Art von Flächenmusterung an, die vor allem in der Weberei sich geltend machte und von den Webstoffen auf andere Materialien übertragen wurde. So auch auf das Leder und die Lederdecke des Buches.
Der auffälligste Unterschied zwischen der deutschen (blindgepreßten) Decke und der orientalischen ist die bei der letzteren die Regel bildende Vergoldung des Ornaments und die teppichartige allseitig symmetrische (zentralisierte) Anordnung des letzteren bei lebhafter Betonung der Umrahmung im Gegensatz zu der umrahmten Fläche, auf der wiederum die Mitte durch ein mandel- oder kreisförmiges Feld mit reicher Musterung, auch wohl durch ein rosetten- oder sternförmiges Motiv ausgezeichnet wird. In der Regel sind auch die vier Ecken des Spiegels mit einer Arabeske ausgefüllt, die in ihrer Bewegung der Grundform des Mittelzierstücks entspricht. Ist dieses länglich, so dehnen sich die Eckstücke an den Längsseiten weiter aus als an den Querseiten, so daß bei Verbindung der Endpunkte ein +ungleich+seitiges Rechteck entsteht; ist es rund oder ein regelmäßiges Vieleck, so wird das Eckornament in ein +gleich+seitiges Rechteck gespannt. (Vergl. Fig. 129 und 130.) Derselbe Sinn für einen harmonischen Gesamteindruck bekundet sich auch in den mit einer Blume gefüllten kleinen Feldern, die nur als Begleitung von mandelförmigen Mittelstücken vorkommen und mit der Spitze des blattförmigen Umrisses nach oben, bez. nach unten weisen (Fig. 129). Bisweilen ist der Spiegel in seiner ganzen Ausdehnung mit einem von der Mitte ausstrahlenden geometrischen Linienspiel, in welches wieder gebogene Linien eingreifen, überzogen und der Grund durchweg gepunzt hier mit größeren, dort mit kleineren Punzen, so daß die Mitte und die Ecken minder scharf hervortreten. Diese mosaikartige Musterung, der maurischen Wanddekoration entlehnt, zeigt unsere Abbildung (Fig. 131).
Die Bücher haben vorwiegend schlanke Formate, so daß die Spiegel dem Buchbinder für seinen Verzierungsentwurf nicht immer bequem gestaltet waren. Er verkürzt die Fläche dann ähnlich, wie wir es bei den deutschen Einbänden gesehen, durch Einschiebung eines Frieses zwischen den Querschenkeln des Rahmens und dem Spiegel (Fig. 132) oder trennt oben und unten einen schmalen Streifen mit einer Linie ab (Fig. 131).
Bemerkenswert ist bei der allseitig symmetrisch entwickelten Ornamentation der Grundsatz, die einzelnen Elemente der Musterung zu einem Ganzen zu verweben, aus dem keins derselben in scharfer Weise sich abhebt. Zwischen Mittelstück und Eckstücken herrscht stets ein gewisser Einklang. Erscheint dort die Pflanzenform in Ranken- und Blattwerk, so findet sie sich auch hier; bilden dort Bandverschlingungen (Geriemsel) die Füllung, so treten diese auch hier auf. Auch in der Borde klingt mitunter das Muster des Mittelstücks wieder an (Fig. 129). Gewöhnlich zeigt die Rahmung den Wechsel von Saum und Naht, diese als gedrehte oder geflochtene Schnur charakterisiert oder durch glatte Linien bezeichnet, jener als breitere Borde aus sich stetig wiederholenden, linearen Motiven zusammengesetzt oder zu einer Blattranke mit längeren Rapporten entwickelt.
Ehe wir uns den bei der Flächenmusterung beobachteten technischen Verfahren zuwenden, dürfte hier ein Wort über die äußere Gestalt des orientalischen Buches und Eigentümlichkeiten der Bindung desselben am Platze sein.
Von der im Orient beobachteten Heftung ist bereits die Rede gewesen (S. 32). Die Decke besteht aus Pappe (vergl. S. 88) und hat genau die Größe des Buchkörpers, steht also nicht mit den Kanten darüber hinaus, wie es im Abendlande von jeher üblich war. Da die Pappeinlage nicht sehr stark ist, so liegt auch kein Bedürfnis zur Abschrägung der Kantenränder vor, wie es bei der Holzeinlage des deutschen Einbandes der Fall ist. Um die Verbindung zwischen Buchkörper und Decke herzustellen, wird der Rücken des ersteren mit einem Stück Zeug (Baumwolle oder Leinwand) überklebt, das breit genug ist, um mit seinen überstehenden »fliegenden« Seitenteilen an die Decke festgeklebt werden zu können. Als Klebemittel wird ein Pflanzenstoff ähnlich dem Dextrin verwendet.
Der Schnitt ist in den meisten Fällen ungefärbt. Indes kommen auch farbige Schnitte vor, die mit dem Pinsel hergestellt sind und eine geflammte Musterung haben (Fig. 133).
Die Decke ist stets mit einer überschlagenden Klappe versehen, ähnlich wie bei Brieftaschen (Fig. 134). Diese Klappe ist beiderseits abgeschrägt, so daß sie nicht mit einer geraden Linie, sondern stumpfwinkelig abschneidet. Die Spitze der Klappe trifft immer genau auf die Mitte des Vorderdeckels und die Musterung derselben läuft bei reicheren Verzierungen häufig ununterbrochen in die Musterung des Deckels über. Unsere Abbildung (Fig. 135) zeigt etwas mehr als die Hälfte einer besonders reich verzierten Klappe, bei der der Grund des Spiegels ebenfalls vollständig ornamentiert ist.
Die Verzierungen wurden in den arabischen Teilen Nordafrikas aufgedruckt (blind und vergoldet) und zwar mit Streicheisen, Rolle und Stempeln oder Punzen, im übrigen osmanischen Orient und in Persien mit einer aus einem Stück Kamelshaut hergestellten Matrize als erhabene Zeichnung hervorgebracht. Das letztere, nur bei Eck- und Mittelstücken angewendete Verfahren ist aber in vielen Fällen auch mit Metallmatrizen ausgeführt worden. Die Lederteile, welche gepreßt werden sollten, wurden aus dem für den Einband zugerichteten Leder herausgeschnitten und erhielten nach der Ausschärfung dadurch eine erhabene Musterung, daß man das gefeuchtete Leder mit der Vorderseite auf die Matrize auflegte und von der Rückseite in die geschnittenen Verzierungen hineinarbeitete. Um den Grund, der in der Regel ganz fein punziert wurde, zu vergolden, überging man die Oberfläche der Matrize vor der Pressung mit einem Firnis, der beim Druck auf der Fläche haften blieb und den nachher darüber gepuderten Goldstaub festhielt, während die erhabene, vom Firnis nicht berührte Zeichnung die Farbe des Leders behielt. Umgekehrt vergoldete man das Ornament und ließ den Grund in Lederfarbe, oder die ganze Fläche, Grund und Ornament, wurde vergoldet, selbst mit mehrfarbigem Golde auf einer Fläche. Statt des vom Grunde abgelösten Lederstücks setzte man auch wohl anders gefärbtes, meist rotes Leder ein, um eine lebhaftere Farbenwirkung zu erzielen. Den Zusammenstoß des eingelegten Lederstücks mit dem Grundleder wußte man mit einer Goldlinie zu decken, die aus freier Hand mit dem Pinsel gezogen wurde. Der Umriß des auf diese Weise verzierten Feldes ist stets wellenförmig bewegt und jede Einbuchtung mit einem Zierstrich besetzt, so daß das Ornament wie mit einem Strahlenkranz umgeben erscheint (Fig. 136).
Das Aufstäuben und das Aufmalen des Goldes mit dem Pinsel findet sich stets gleichzeitig auf einer Platte angewendet, mit Matrize hergestellte Ornamente sind aufgestäubt, alle gepunzten oder gezogenen Borden mit dem Pinsel ausgemalt. Dagegen fand auch statt des Staubgoldes Blattgold hin und wieder Anwendung; so ist Fig. 135 in dieser Weise hergestellt. Das Auftragen des Goldes mit erwärmten Werkzeugen, wie es bei den Mauren und Sarazenen in Spanien und Sizilien üblich war, scheinen die Perser und die von ihnen zur Kunst erzogenen Türken nicht gekannt zu haben.
Der Stift spielt bei der Herstellung der Deckenverzierung eine Hauptrolle. Mit ihm werden die Linien vorgerissen und die Strahlen um die ornamentierten Felder hervorgebracht, er dient auch zum Nachvergolden und Glätten der Goldlinien. Auf manchen Einbanddecken ist nur mit Stift und Punzen gearbeitet. Es ist erstaunlich, mit welcher Kunstfertigkeit und Geduld die Orientalen mit ein paar Stempeln, einer geraden und einigen gebogenen Linien die mannigfaltigsten, in der verschiedensten Weise sich verschlingenden Ornamente hervorbringen, bei denen Anfang und Ende sich decken und keine Unregelmäßigkeit den Zug der Linien unterbricht (Fig. 130, Mittel- und Eckstück). Die gemusterte Rolle führt indeß auch bei ihnen ganz wie in Deutschland zu einer Mißbildung an den Ecken, wo Längs- mit Querborden unvermittelt zusammenstoßen.
Kaum geringere, ja oft größere Sorgfalt als auf die Außenseite verwandte man auf die +Innenseite+ des Deckels und der zugehörigen Klappe, insbesondere bei den zum gottesdienstlichen Gebrauche dienenden Handschriften. Das Lederornament ist dabei nicht geprägt, sondern aus ganz fein geschärftem Ziegenleder ausgeschnitten, eine bei den zierlichen Formen des Blattwerks unendlich mühsame Arbeit, die vermutlich mit Hilfe einer Metall- oder Fayencetafel ausgeführt wurde, auf die man das Leder mit der Fleischseite aufklebte. Das so gewonnene Netz wurde dann über die vorher blau oder rot gefärbte Stelle geklebt, für die es bestimmt war. (Fig. 137.) Sowohl Eck- und Mittelstücke als auch die Borde erhielten solche Einsätze, die in der Regel die schwarze Lederfarbe zeigen, aber auch mitunter vergoldet sind. Die Borde wurde aus einzelnen aneinander gestoßenen Stücken gebildet, wofern sie nicht gefeldert war. An Stelle der Färbung des Grundes gab man dem Ornament auch wohl eine Unterlage von farbiger Seide oder Goldpapier. Übrigens sind diese durchbrochenen Ornamente nicht immer mit der Hand geschnitten: bei Büchern jüngeren Datums ist bereits die Stanze benutzt worden, was sich an den gestauchten Schnittkanten deutlich wahrnehmen läßt.
Geringere Einbände erhielten statt des Lederspiegels gewöhnlich einen Vorsatz von orangegelbem, auch wohl marmorierten oder gesprenkelten Papier. Eine Ausnahme machen jedoch die maurischen Einbände, welche stets ein mit dem Model auf nasses Leder gepreßtes Vorsatz aufweisen; das gepreßte Ornament erscheint dadurch glänzend dunkel. In der Musterung desselben zeigt sich wiederum ein unendlicher Reichtum an ornamentalen Gedanken, wie schon aus den wenigen Proben zu ersehen ist, die wir in Abbildung beifügen. (Fig. 138-141.)
Die sorgfältige und mühsame Kunstarbeit begann im Orient mit dem Sinken der mohammedanischen Macht zu erlahmen. Man griff zu ärmlichen Ersatzmitteln für die frühere edle Technik. An Stelle des Ledervorsatzes trat gepreßtes Goldpapier, das noch dazu vom Golde nur den Namen geborgt hatte. Die gepreßten Einlagen beschränken sich oft auf das Mittelstück des äußeren Deckels und sind statt aus Leder aus Papier geschnitten. Gold- und Silberpapier, ja Zinnfolie bilden den Untergrund, der dann noch mit durchschimmerndem Lack in einer oder mehreren Farben überzogen wird. Besonders sind in Anatolien eine Menge solcher Einbände hergestellt worden.
Wie schon oben bemerkt, übte die Deckenverzierung orientalischer Bücher einen entscheidenden Einfluß auf die italienische Kunstarbeit aus. Es scheint indes, als ob die Berührung mit dem Kulturleben Italiens auf den Orient zurückgewirkt und in einzelnen Fällen eine Umbildung des ursprünglichen Dekorationsschemas herbeigeführt habe. Zeugnis dafür ist eine Gruppe von Decken, die, wie die hier abgebildete (Fig. 142), ein ungewöhnlich großes Mittelfeld mit einem lebhaft an die sog. Grolierbände erinnernden schraffierten Ornament aufweisen und deren Verzierung, von der gepunzten Borde abgesehen, ganz mit dem Stifte hergestellt ist.
2. Die Corvinen.
Ein höchst eigentümliches Intermezzo in der Geschichte der Buchdecke bilden die Einbände, welche aus der Bibliothek des Königs Matthias Corvinus von Ungarn herrühren und von denen sich noch eine kleine Anzahl in öffentlichen Bibliotheken erhalten hat. Die Echtheit einzelner Stücke dieser nach dem ursprünglichen Besitzer benannten Gruppe von Einbänden wird von Einzelnen angezweifelt. Unzweifelhaft echt sind indes die Bände, welche erst vor kurzem von dem Sultan Abdul Aziz der ungarischen Regierung zum Geschenk gemacht worden sind und vermutlich unter Soliman II. bei der Eroberung von Budapest (1627) als Kriegsbeute nach Konstantinopel gekommen waren. Matthias Corvinus (1458-1490) war ein vollkommener Renaissancemensch, groß als Heerführer wie als Freund und Förderer der Künste und Wissenschaften. Er suchte es den italienischen Fürsten damaliger Zeit, die ihre Gewaltherrschaft mit dem Nimbus des geistigen Adels zu umkleiden wußten, in dieser Hinsicht gleichzuthun, zog Gelehrte und Künstler an seinen Hof und legte eine großartige Bibliothek an, die an 50,000 Bände umfaßt haben soll.
Die Einbände, an dem ungarischen Wappen oder dem Wahrzeichen des Königs, einem Raben (corvus) im Mittelfelde, kenntlich, zeigen nun eine merkwürdige Mischung orientalischer und abendländischer Elemente. Die Bindung und äußere Gestaltung des Buches ist die in Deutschland und Italien zu damaliger Zeit übliche. Der Rücken zeigt breite Wülste entsprechend der Heftung über Doppelbunde, die Kanten der Deckel überragen die Buchkörper und sind am Vorderschnitt mit ledernen Riemen oder Bändern versehen; das Beschläge fehlt wie auch an den italienischen Bänden jener Zeit. Den Überzug bildet gefärbtes Kalbleder dessen Verzierung, teils blind, teils vergoldet, auch wohl unter Hinzutritt von Bemalung den Bänden in ihrem ursprünglichen Zustande ein prächtiges Aussehen verliehen haben muß.
Einer Beschreibung der Ornamentierung, welche Luthmer in der »Geschichte der technischen Künste« an einem Beispiele gibt, entlehnen wir die nachfolgenden Angaben. »Auf gelbrotes Kalbleder ist eine Mittelverzierung in Vergoldung und ein Randornament in blau gemalten Stempeln angewendet, welch letzteren einige Goldpunkte eingestreut sind. Man erkennt nur zwei Stempel, welche überhaupt bei diesen Bänden die Hauptrolle gespielt haben: ein gerades und ein im Halbkreise gebogenes Band zwischen zwei glatten Rändern, mit schräg aufsteigenden Strichelchen (wie eine gewundene Schnur) versehen. Die Länge des Stempels, ebenso wie der Durchmesser des gebogenen beträgt 5 mm. Mit diesen zwei Stempeln ist in erstaunlichem Reichtum der Phantasie ein Flachornament geschaffen, das den Rahmen der Deckel bildet. Der obere und untere Schenkel ist dabei erheblich breiter als die Seitenteile. Die Dekoration des in diesem Rahmen eingeschlossenen Feldes ist eine äußerst mannigfaltige. Immer bleibt sie jedoch dem Prinzip des orientalischen Einbandes treu: der schrägen Ausfüllung der Ecken und der Anordnung eines Mittelfeldes. Dies letztere ist von verschiedener Form, bald dem gotischen Vierpaß ähnlich, bald ein Kreis mit vier heraustretenden rechten Winkeln, bald aus einer Verbindung von Kreissegmenten und geraden Linien, bald aus dem maurischen zweimal geschwungenen Bogen gebildet. Die Mitte scheint immer das Wappen Ungarns, ausnahmsweise dasjenige des Königs (ein Rabe) einzunehmen. Die übrige Fläche ist ausgefüllt mit einem ziemlich dichten, aus Stempeln und Fileten gebildeten Rankenornament. Einen charakteristischen Eindruck bringen dann noch neben den genannten Stempeln kreisrunde Punzen verschiedener Größe hervor, sowohl einzelne Punkte als auch kleine Kreise, in deren Mitte sich ein Punkt befindet. Diese Punzenschläge durchsetzen sowohl das Flechtwerk an geeigneten Stellen, wie sie auch, zwischen Linien eingeschlossen, zur Bildung von Rändern und Einfassungen benutzt werden. Am meisten erinnern sie an die reichliche Verwendung der Silberperlen bei gewissen Filigranarbeiten.« (Fig. 143.)
Ein Vergleich mit der von uns unter Fig. 127 (Seite 184) vorgeführten italienischen Decke läßt eine gewisse Verwandtschaft derselben mit der eben beschriebenen wenigstens in Bezug auf die aus Flechtwerk gebildete Umrahmung des Mittelfeldes erkennen. Das Flechtwerk erscheint hier freilich nur wie eine schüchterne Nachahmung orientalischer Muster. Das Crefelder Museum besitzt einen in ähnlicher Weise ornamentierten Band.
3. Der Renaissanceband in Italien und Frankreich.
Der Umschwung, der im 14. und 15. Jahrhundert in dem gesamten Kulturleben des italienischen Volkes eintrat und den wir uns gewöhnt haben mit dem Worte Renaissance zu bezeichnen, führte bekanntlich die bildenden Künste zu einer glänzenden Entwickelung, deren Höhepunkt die Namen Raffael und Michelangelo bezeichnen. Auch die sog. technischen Künste blieben nicht unberührt von dem Geiste der Renaissance, der der Phantasie den freien Flug verlieh, die künstlerischen Kräfte entfesselte und im Volke selbst die Freude an der schönen Form weckte und wach erhielt.
Überall, wo die Zierkunst anknüpfen konnte an antike Vorbilder, die dem Schoße der Erde entrissen oder aus der Vergessenheit hervorgezogen worden waren, ließ sie sich den Vorteil nicht entgehen und suchte in freier Nachbildung der »klassischen« Formen etwas Neues zu schaffen, das den Anschauungen, dem Formgefühl und den Bedürfnissen des lebenden Geschlechtes entsprach.