Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte

Part 14

Chapter 143,095 wordsPublic domain

Immerhin wurde die Buchbinderei auch unabhängig von dem Buchhandel betrieben. Sie blieb lange Zeit wie der Buchdruck ein vornehmes Gewerbe. Nicht selten erscheinen die Buchbinder als Schutzverwandte der Universitäten und suchen sich, gestützt auf dieses Verhältnis, auch wohl den strengen Vorschriften der Zunftordnungen zu entziehen.

Die Geschichte des äußeren Bücherschmuckes hängt im Grunde genommen eng zusammen mit der Geschichte der Goldschmiedekunst und der Stempelschneiderei (Gravierkunst), welch letztere anfänglich auch von Goldschmieden ausgeübt wurde. Die ornamentalen Erfindungen, die Zeichnung für den Stempel oder die Prägeplatte sind wohl nur ausnahmsweise auf Rechnung eigentlicher Buchbinder zu stellen, ja die Verzierung der Lederbände selbst lag ursprünglich in der Hand von Goldschmieden und ist erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts zur Buchbinderarbeit geworden.

Es ist schwer, die Geschichte der Buchdecke in bestimmte Perioden zu fassen, noch schwerer, sie innerhalb derselben nach nationalen Rücksichten zu gliedern. Ein in der Natur der Sache liegender tiefer Einschnitt in dem Entwickelungsgange des Bucheinbandes, sollte man meinen, müßte sich aus der Erfindung des Buchdruckes oder, besser gesagt, des Druckes mit beweglichen Typen ergeben. Und doch ist ein solcher nicht in auffälliger Weise wahrnehmbar. Das handschriftliche Buch, das als Handelsware auf den Märkten und Messen schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts käuflich war, unterschied sich weder in der technischen Behandlung der Bindung noch in seinem äußeren Gewande von den sog. Wiegendrucken. Wohl aber unterschied es sich mit seinem schlichten Leder- oder Pergamentüberzuge von den lediglich zu gottesdienstlichen Zwecken bestimmten, aufs kostbarste ausgestatteten sog. +Mönchsbänden+[2] mit ihrer metallenen, emaillierten und von edlen Steinen durchsetzten Plattierung. Dieser Mönchsband verschwindet aber keineswegs mit dem Ausgange des Mittelalters, er behält lange noch seine Bedeutung als kirchliches Inventarstück ganz in derselben Weise wie die übrigen Altargerätschaften.

Die Geschichte des +bürgerlichen+ Einbandes hat einen deutlichen Markstein in dem Auftreten der +vergoldeten Lederdecke+, des sog. Renaissancebandes, der, persisch-maurischen Ursprungs, von Italien her den übrigen europäischen Kulturvölkern übermittelt wurde. Aber diese rasch um sich greifende Neuerung räumte keineswegs mit der alten Gewohnheit auf, und die +blindgepreßte+ Decke wich nur Schritt für Schritt, in Deutschland erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, dem Andrange des glänzenden Nebenbuhlers.

Diese eigentümlichen Umstände schließen eine streng historische Betrachtung der Buchdecke aus und machen es notwendig, jede Einbandgattung zunächst für sich ins Auge zu fassen und in ihrer ornamentalen Entwickelung zu verfolgen. Die Zierformen selbst wechseln, ändern und vermehren sich, sie zeigen nur ausnahmsweise einen nationalen Zug, der sich dann meistens rasch verallgemeinert d. h. Mode wird, sie behaupten auch oft auf Jahrzehnte hinaus ihren Platz der stilistischen Bewegung zum Trotz, die, von der Architektur ausgehend, zu allen Zeiten bald schneller, bald langsamer auf das Gebiet der Kleinkünste hinüberzugreifen pflegt.

ERSTER ABSCHNITT.

Der mittelalterliche Einband.

1. Der kirchliche Prachtband.

Schon auf den ersten Seiten dieses Buches ist der historischen Entwickelung des Einbandes im allgemeinen gedacht. Das Vorbild für den Schmuck der hölzernen Deckel der für den kirchlichen Gebrauch bestimmten Handschriften lieferten die römischen Schreibtafeln, Diptychen oder Pugillarien genannt, deren Außenseite mit erhabenem Elfenbein-Schnitzwerk verziert zu sein pflegte. Da es indes schwierig war, die große Fläche der Ritualbücher ganz mit dergleichen Zierat zu bedecken, so brachte man die Schnitzerei gewöhnlich nur auf der Mitte der Decke an und gab ihr eine mehr oder minder kostbare Umrahmung aus Gold- und Silberplättchen, Filigran, Bergkristallen und Edelsteinen. Indes wurden auch zur Umrahmung Elfenbeinplatten mit kleinerem Schnitzwerk verwendet. Die einzelnen Stücke dieses Schmuckwerks wurden unmittelbar auf dem Holz -- meist Buchenholz -- mit Nägeln befestigt, die Kristalle und edlen Steine vorzugsweise in den Ecken angebracht, wo sie, wie später die Knöpfe der Eckbeschläge, zum Auflager für das aufgeschlagene Buch dienten.

Die Schauseite der liturgischen Bücher, die schon ihrer Größe und Schwere wegen ihren festen Platz auf dem Lesepulte oder dem Altar, an dem sie nicht selten angekettet waren, unveränderlich behielten, wurden natürlicherweise am reichsten mit Juwelen- und Goldschmuck ausgestattet, während die Rückseite eine einfachere Ausstattung erhielt. Das geschriebene Buch selbst galt als eine große Kostbarkeit, zumal wenn es mit Miniaturen ausgemalt war, und demgemäß stattete man auch die zu seinem Schutze dienende Decke mit dem kostbarsten Schmuckwerk aus. Meistens waren diese Prachtwerke des Mittelalters Geschenke, die von fürstlichen Personen herrührten, wie das berühmte Evangeliar aus St. Emmeran in Regensburg (jetzt in der königl. Bibliothek zu +München+), das vom Kaiser Arnulf dem genannten Kloster geschenkt wurde und unter Otto II. seinen jetzigen, mit Smaragden und Perlen besetzten Einband erhielt. Ein Geschenk von Otto III. und seiner Mutter, der griechischen Prinzessin Theophano, an das Kloster Echternach war vermutlich das jetzt im Museum zu +Gotha+ befindliche Evangeliar, das wegen der diagonalen Teilung der mittleren Fläche, der wir später auf Lederbänden so häufig begegnen, von besonderem Interesse ist. Aus dem 11. Jahrhundert (zwischen 1039-54) stammt der in Abbildung wiedergegebene Deckel (Fig. 106) eines Evangelienbuches im Münster zu Essen mit einem sehr reichen Schnitzwerk, das von einem getriebenen Goldblechrahmen umgeben ist, dessen Gehrungsfugen mit Edelsteinen besetzt sind.

Mit dem 12. Jahrhundert beginnt der übertriebene Luxus, der diese kirchlichen Einbände auszeichnete, allmählich nachzulassen. Es hängt diese Erscheinung zum Teil wohl mit dem Umstande zusammen, daß die mittelalterliche Kultur den kirchlichen Charakter nach und nach abstreift oder doch mehr und mehr mit weltlichen Gedanken und rein menschlicher Empfindungsweise erfüllt wird. Erst sind es die höfischen Kreise, der Adel, dem sich mit den Minnesängern eine neue Gedankenwelt aufschließt; später ist es das in den aufblühenden Städten erstarkte Bürgertum, das dem gesamten Geistesleben der Nation einen höheren Aufschwung gibt. Die Bücher mehren sich unter der Hand berufsmäßiger Abschreiber gleichzeitig mit der Zahl derer, die lesen und schreiben lernen und bei denen sich naturgemäß ein gewisses litterarisches Bedürfnis herausbildet. Immerhin behalten die Einbände der liturgischen Bücher im wesentlichen ihr altes Gepräge, nur verschwindet allmählich das elfenbeinerne Mittelstück und wird durch eine getriebene Platte ersetzt, während die Edelsteine gleichzeitig auf kleine Stücke zusammenschrumpfen oder ganz fortfallen. In Fig. 107 geben wir einen derartigen Deckel aus dem 12. und in Fig. 108 einen solchen aus dem 14. Jahrhundert. Ärmlicher schon erscheinen die Decken, bei denen das Mittelfeld aus einem gemalten Bildchen besteht, das dann mit einer dünnen Horntafel überdeckt zu sein pflegt, die es gegen Beschädigung schützt.

Mit dem 14. Jahrhundert wird das Buch, die Abschrift, bereits vorhandener und neu entstehender Werke, immer mehr zur Ware, zum Handelsartikel, und demgemäß muß auch der Einband auf einfachere und billige Weise hergestellt werden, wobei jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß die kirchlichen Zwecken dienenden Evangeliarien und Sakramentarien nach wie vor mehr Metall- als Lederarbeit erfordern. Ganze in Silber getriebene Buchdeckelbekleidungen kommen noch im 16. Jahrhundert vor, ja im 17. Jahrhundert erwacht von neuem der Geschmack an der Belegung des Deckels mit Metallplatten, die sich von der einfachsten Messinggravierung bis zu den kostbarsten Ziselierungen von silbernen und vergoldeten Platten erheben. Eine der prachtvollsten Arbeiten dieser Art, die der Warburger Goldschmied Eisenhoit für den Fürstbischof von Paderborn, Theodor v. Fürstenberg, zu einem Evangeliarium fertigte, ist in Fig. 109 wiedergegeben. In der Regel beschränkt sich seit dem 15. Jahrhundert der Metallbeschlag auf den Schutz der Ecken, auf ein rosettenförmiges oder als Medaillon gestaltetes Mittelstück und auf die Schließen (Klausuren), die dazu dienten, die beiden Deckel über den Vorderschnitt zusammenzuhalten (Fig. 111). Die Schließen, als Spangen von Metall, häufiger in Form von Lederriemchen, kommen erst im 13. Jahrhundert auf. Mit ihrem Haftblech sind sie meist an dem untern Deckel befestigt und greifen mit einer Krampe oder Öse in den Beschlag an der oberen Deckelkante ein. Der Eckbeschlag ist in der Regel mit einem Knopf oder mit Buckeln versehen, die die Decke vor der Berührung mit der Tischfläche schützen, wenn das Buch aufgeschlagen wird. Es schiebt sich während der gotischen Stilperiode im spitzen Winkel nach der Mitte zu mit einem Dreiblattornament vor, wie aus Fig. 112, S. 171 zu ersehen ist. Der Beschlag bildet insbesondere, wenn er in kunstvoller Silberarbeit ausgeführt ist, auch in der Zeit der Renaissance oft den ganzen Zierat der sonst schlicht mit Leder oder Samt bezogenen Decke. Unsere Abbildung Fig. 110 zeigt einen solchen Prachtbeschlag von dem Nürnberger Goldschmiede Hans Kellner, bei welchem geflügelte Engelköpfe den Dienst der oben erwähnten Knöpfe oder Buckel versehen und der Eckbeschlag mehr im Sinne eines Schmuckstücks als einer Schutzvorrichtung erscheint.

Mit Erwähnung dieser Erzeugnisse der Renaissancezeit sind wir bereits weit über die Grenzen des Mittelalters hinausgegangen. Indes schien es uns der Sache angemessen, den mittelalterlichen Prachtband, an dem der Goldschmied das Beste gethan, hier gleich in seinen Ausläufern zu verfolgen, ehe wir uns zur Betrachtung des bürgerlichen Ledereinbandes anschicken.

2. Der bürgerliche Einband mit blinder Lederpressung.

Zweierlei Gattungen von schlichten bürgerlichen Einbänden kannte das 14. und 15. Jahrhundert in Deutschland und seinen Grenzländern. Die eine vornehmere Gattung, bei der die Lederdecke mit einer +Ritzarbeit+ geschmückt ist, lernten wir bereits bei einer früheren Gelegenheit kennen (S. 110). Die andere, viel zahlreichere Gattung, den +blindgepreßten+ Einband, haben wir an dieser Stelle einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Beide Behandlungsweisen der Lederdecke kommen übrigens auch vereint vor, wie z. B. auf der in Fig. 112 abgebildeten Vorderdecke eines Schwabenspiegels, dessen Mittelfeld geritzte Figuren von phantastisch gestalteten Vögeln in einem S-förmig gewundenen Rankenwerk zeigt, während der äußere wie der innere Rand mit Stempeln in blinder Pressung bedruckt ist. Die Ornamentierung dieser Decke ist besonders charakteristisch für den Geschmack des ausgehenden Mittelalters, der spätgotischen Periode. Der für die äußere Ränderung benutzte Stempel zeigt eine in ein Dreiblatt ausgehende Zacke, die an gotische Giebelblumen oder an gotisches Eisenwerk erinnert. Der innere Rahmen ist durch eine mannigfaltigere Musterung ausgezeichnet. Die seitlichen Schenkel zeigen ein mit der Spitze seitwärts gewandtes blattförmiges Ornament, das die Gestalt eines Vogels (Schwans?) einschließt, während die horizontalen Schenkel je vier auf die Spitze gestellte Quadrate aufweisen, deren Füllung eine Rosette (wiederum mit dem Dreiblatt-Motiv) bildet. Die durch Überschneidung der Einfassungslinien entstandenen vier Eckfelder des inneren Rahmens sind mit einem kreisrunden Stempel bedruckt, dessen Bild das Lamm Gottes mit der Siegesfahne darstellt. Das Beschläge fehlt; die Schließen sind demgemäß von Leder.

Den Grundformen der hier durch Aneinanderreihung zur Randverzierung dienenden kleinen Stempel begegnen wir auf allen gotischen Lederdecken. Außer den angegebenen geschlossenen Formen, Rosenblatt, auf der Spitze stehendem Quadrat, Ring, kommen auch noch andere vor, namentlich liegende Quadrate, Rechtecke, Rauten, meist mit einer Tierfigur von natürlicher oder phantastischer Bildung; auch Spruchbänder mit Inschriften, wie sie sich auf Gemälden und Kupferstichen des 15. Jahrhunderts finden, sind nicht selten mit Stempeln gedruckt. (Vergl. Fig. 113-118.)

Neben den mit einer Randlinie geschlossenen Stempeln waren auch solche mit freistehendem Ornament, wie die auf unserem Beispiel vorkommende Zacke, in Gebrauch; die Motive sind in diesem Falle pflanzlicher Natur, Blüten, Blätter, Ranken u. s. w.

Gotische Decken mit Blindpressung zeigen im wesentlichen dieselbe Art der Flächenteilung wie die geritzten Decken. Zuerst wird ein äußerer Rand durch parallele Linien gebildet, die, sich an den Enden überschneidend, bis an die Deckelkanten gehen. Die Linien zog man am Lineal hin mit einem Falzbeine, vielleicht auch schon mit einem Streicheisen oder einem demselben ähnlichen Werkzeug mit stumpfer Schneide. So erhielt man ein mittleres Feld, dem man mitunter eine innere Umrahmung ähnlicher Art gab. Das eingerahmte Mittelfeld erhielt dann eine Rautenteilung, sei es mit glatten und geraden, sei es mit gebogenen und durch kleine, angesetzte Knorren u. dergl. rankenartig gestalteten Linien, und jedes der rautenförmigen Felder wurde mit kleinen Füllungsstempeln bedruckt, auch die Kreuzungspunkte der Linien durch kleine gedruckte Rosetten hervorgehoben. Mit Vorliebe wird von der Innenfläche ein oberes Feld abgetrennt, das zur Anbringung einer Inschrift (Buchtitel, Name des Besitzers, des Buchbinders, häufiger ein frommer Spruch) dient. (Fig. 119.) Neben dem Blinddruck kommt auch der Schwarzdruck vor, der vorzugsweise bei größeren Stempeln angewendet wurde.

Die Schenkel des inneren Rahmens zeigen gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts statt der vorher erwähnten Ornamentierung mit kleinen Stempeln auch eine solche mit bandartigen Motiven, die gewöhnlich einen Stab darstellen, um den sich eine Blattranke windet, ähnlich den geschnitzten Balkenfriesen an gotischen Holzbauten, die sich auch in dem typographischen Zierat aus jener Zeit wiederfinden (Fig. 120 und 121). Es ist sehr begreiflich, daß die gedruckten Verzierungen des Textes einen starken Einfluß auf die Deckelornamentik übten. Vor allem zeigt sich dies im 16. Jahrhundert, wo große Meister, wie der jüngere Holbein in Basel und der ältere Cranach in Wittenberg, sich der Bücherornamentik annahmen und namentlich reiche Titelzeichnungen entwarfen, die dann den Stempelschneidern zum Vorbilde dienten.

Je mehr sich die Bücherproduktion hob und die Buchbinderei neuer Kräfte bedurfte, entwickelte sich auch eine lebhaftere Thätigkeit der Stempelschneider, die es nun nicht mehr bei dem Handstempel bewenden ließen, sondern auch größere Platten lieferten. Mit Hilfe dieser wurde das mühsame Nebeneinanderdrucken kleiner Ornamente zur Füllung der Mittelfläche überflüssig. Die frühesten dieser zweifellos mit einer hölzernen Presse (Stockpresse) eingedruckten »Stöcke« treffen wir vorzugsweise auf niederrheinischen Decken kleineren Formats von braunem Kalbleder, deren +Lempertz+ in seinen »Bilderheften zur Geschichte des Bücherhandels« mehrere veröffentlicht hat. Unser aus dem Werke von Techener entlehntes Beispiel (Fig. 122) gibt die sich mit einzelnen Abänderungen stets wiederholenden Grundzüge dieser Gruppe von Einbänden wieder. Zwei längliche Rechtecke mit einem als aufsteigende Füllung entwickelten Ornament sind nebeneinander angeordnet und bilden den Spiegel eines Rahmens, auf dem häufig eine umlaufende Inschrift angebracht ist, die in vielen Fällen den Namen des Binders mit den üblichen Zusätzen enthält. Sie lautet in unserem Beispiel:

_Ludovicus Bloc ob laudem Christi hunc librum recte ligavi_,

zu deutsch:

_Ich, Ludwig Bloc, habe dies Buch zur Ehre Christi ordnungsmäßig gebunden._

Das so umrahmte Stück erscheint auf einer und derselben Decke meist zwei-, mitunter auch dreimal übereinander, ja selbst viermal paarweise angebracht, je nach Maßgabe des Formats. Bei unserem Beispiel bleibt zwischen den beiden gleichartigen Stücken ein langes Rechteck frei, dem eine figürliche Komposition, ein Bauerntanz, wahrscheinlich die Nachbildung eines Kupferstichs, als Füllung dient. Das S-förmige Rankenornament mit den Tierfiguren in jedem Bogenfelde ist rein gotisch gedacht und stammt vermutlich aus den Miniaturen gotischer Handschriften her.

Gleichwohl dürfte der Einband selber, wie aus dem Charakter der Schrift zu schließen, erst dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts angehören. Die Stempel und Stöcke, die ein sehr wertvolles Inventar der Buchbindereien bildeten, wurden nicht so rasch von dem Wechsel des Geschmackes beseitigt, wie dies auf anderen kunstgewerblichen Gebieten im Anschluß an die Renaissancebewegung in der Architektur der Fall war. Besonders ansprechende Muster wurden zweifellos mehrfach nachgeschnitten und dienten den verschiedensten Buchbindern, die mit einem zu dem Werte der eigenen Arbeit kaum in richtigem Verhältnis stehenden Eifer ihre Namen inschriftlich zu verewigen bemüht waren.

Unter diesen kleinen Platten kommen im Laufe der Jahre auch größere in Gebrauch, die bei kleineren Formaten oft die ganze Deckelfläche einnehmen. Die heilige Jungfrau und andere Gestalten der biblischen Erzählung und der Heiligenlegende, dann Wappen verschiedener Herrscherhäuser, Bildnisse der Reformatoren u. s. w. erscheinen inmitten einer schmaleren oder breiteren Umrahmung. In einzelnen Fällen scheinen Kupferstichplatten ohne weiteres für die Pressung benutzt zu sein. So findet sich in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig ein Kölnischer Einband vom Jahre 1530, zu dessen Verzierung zwei Schrotplatten aus dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts verwendet sind; bei einem anderen bildet das Mittelstück ein Bildnis, das auf Goldgrund gedruckt ist und in der flachen Art der Zeichnung ganz deutlich eine gestochene Platte erkennen läßt.

Die gesamte deutsche Buchbinderei bekundete bis tief ins 16. Jahrhundert hinein eine merkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber den stilistischen Gesetzen der Flächendekoration. Ein gewisses Stilgefühl beherrscht noch die gotische Musterung der Innenfläche mit ihrem Rautennetzwerk. Mit dem Aufkommen der Rolle geht dasselbe aber mehr und mehr verloren. Die Verzierung der Innenfläche zeigt kein festes Gefüge, keine organische Gliederung. Man sucht mit den vorhandenen Stempeln, Stöcken und Rollen die Fläche zu mustern, wie es gerade paßt, unbekümmert darum, ob ein liegendes Ornament eine aufrechte, ein aufsteigendes eine horizontale Lage bekommt. Selbst bei figürlichen Motiven, wie auf unserem Beispiel, (Fig. 122) wird auf Kopf- und Fußende keine Rücksicht genommen.

Diese ästhetische Rücksichtslosigkeit hat zum großen Teile die gemusterte Rolle verschuldet. Sie gewährte der Druckarbeit eine wesentliche Erleichterung, indem sie für leisten- oder bandartige Ornamente (Borden) mit sich wiederholendem Motiv (Rapport) das Nebeneinanderdrucken einzelner Stempel überflüssig machte. Die Arbeit konnte also rascher gefördert werden, weshalb man sich so viel als möglich der Rolle bediente und damit auf das System der ineinander gesetzten rechteckigen Rahmen verfiel. Das Ornament bricht dabei nicht selten bei dem Zusammenstoß der seitlichen mit den oberen und unteren Schenkeln stumpf ab (läuft sich tot, wie der technische Ausdruck lautet); es fehlen die den Übergang vermittelnden Eckstücke, für welche die mit einem Blumenornament diagonal bedruckten Eckfelder (vergl. Fig. 123) nur einen mangelhaften Ersatz bieten.

Das System der ineinander gesetzten Rahmen führte dahin, daß die in der Mitte übrigbleibende Fläche sich als ein schmales rechteckiges Feld darstellte, das nun entweder der ganzen Länge nach mit einem Stock bedruckt oder ein- oder mehrfach der Breite nach geteilt wurde, um für den zu benutzenden Stock oder für ein aus Stempeln zusammengesetztes Ornament ein passendes Feld zu erhalten. Um diesem unschönen langen Mittelfelde aus dem Wege zu gehen, ordnete man die Querteilung auch wohl schon nach der ersten oder zweiten Rahmung an (Fig. 124), verwendete die Querleisten zur Anbringung von Inschriften und suchte die übriggebliebene Fläche mit kleinen Handstempeln zu beleben. Noch ein anderes Mittel gab es, um der übermäßigen Schlankheit des Mittelfeldes zu steuern: es bestand darin, daß man die Querschenkel des ersten oder zweiten Rahmens mit einem breiteren Ornamente füllte als die Längsschenkel. Man verdoppelte dabei gern das Ornament der ersteren, indem man es in umgekehrter Stellung wiederholte. Vorzugsweise wurde in dieser Weise die an Posamentierarbeit erinnernde Kranzrolle verwendet, die aus zwei sich durcheinander schlingenden Schnüren gebildet ist und nach oben zu eine büschelartige Blume treibt. (Ursprünglich ein romanisches Friesornament mit Palmetten und noch bis tief ins 18. Jahrhundert hinein im Gebrauch.) Eine solche Verdoppelung weist unsere Abbildung (Fig. 125) in dem zweiten Rahmen auf. Auf dieser Decke gibt sich, nebenbei bemerkt, bereits der Einfluß der italienischen Zierweise in der Anordnung des Mittelfeldes kund (Eckstücke und frei schwebendes Mittelstück), von der später die Rede sein wird.

Während die Renaissancebewegung so gut wie gar keinen Einfluß auf das für die Decke übliche Dekorationssystem ausübte und vorerst nur eine spärliche Verwendung des Goldstempeldrucks, der inzwischen in Italien zur Herrschaft gelangt war, herbeiführte, zeigt sich derselbe bisweilen sehr entschieden in dem abgerollten Rankenwerk der Borden, das durch seine feinere, flüssigere Zeichnung, seine klaren Formen und anmutig bewegten Linien auf italienische Vorbilder hinweist (Fig. 125, äußerer Rahmen). Im übrigen hielt man mit großer Zähigkeit an den überlieferten Motiven fest. Eine besondere Vorliebe bekundet der deutsche Geschmack für die mit Brustbildern, halben und ganzen Figuren durchsetzten Borden. Sie behielten noch bis ins 17. Jahrh. hinein ihre Geltung; die Renaissance änderte nichts an dem formalen Wesen derselben, sondern nur an dem Sinne der Figurenbilder, indem an die Stelle der Mutter Gottes und Heiligen die Helden des Altertums und der nordischen Sage, auch Bildnisse von Kaisern und Königen, von Reformatoren (auf Bibeln) u. s. w. traten. (Vergl. Fig. 123 u. 124.)