Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte

Part 13

Chapter 133,328 wordsPublic domain

In Fig. 89 bis 94 geben wir sechs verschiedene Kantenvergoldungen und in Fig. 95 bis 100 sechs Entwürfe zu inneren Deckelvergoldungen, von denen sich Fig. 99 und Fig. 100 übrigens auch zur Verzierung der Außenseiten eignen.

Bevor die Vergoldung der äußeren Decke an die Reihe kommt, werden auch noch die sog. Stehkanten des Deckels, die schmalen äußeren Ränder mit einer feinen Linie, einer Doppellinie oder einer Tippellinie bedruckt. Will man ein übriges thun, so bedruckt man die den Ecken zunächst liegenden Stellen auf 3 bis 4 cm Länge mit einer Bundfilete und die übrigen Teile mit einer glatten oder punktierten Linie.

Für den Druck des äußeren Deckels gelten bezüglich des Übertragens der Zeichnung, des Auswaschens und Grundierens dieselben Vorschriften wie für den Druck der Innenseiten, bez. des Rückens.

Außer und neben der Goldverzierung wendet man zum Schmuck der äußeren Decke auch die Farbe an, entweder in der Gestalt der sog. Ledermosaik oder durch Auftragen mit dem Pinsel.

Die +Ledermosaik+ ist eine Musterung des Lederüberzugs mittelst anders gefärbter Lederstücke, die entweder eingelegt oder aufgelegt werden. Für +eingelegte+ Arbeit nach Art der Holzintarsia eignet sich aber das Material sehr wenig, da sich keine scharfen Konturen herstellen lassen, wie sie zur Hervorhebung der Zeichnung erforderlich sind. Dagegen lassen sich mit der Lederauflage reiche und gefällige, dem Stoff angemessene Wirkungen erzielen. Die Teile der Zeichnung -- vorzugsweise sind es die bandartigen Ornamente, indes auch Blätter, Rosetten und kleinere, durch Bandverschlingungen gebildete Felder -- welche, wie der Fachausdruck lautet, »ausgelegt« oder »unterlegt« werden sollen, müssen vorerst ausgeschnitten werden. Das dazu zu verwendende Leder wird zuvor in entsprechend großen Stücken so weit ausgeschärft, daß es nicht viel stärker ist als ein Blatt Seidenpapier. Die +Vorderseite+ wird danach auf kräftiges Schreibpapier oder Aktendeckel mit Kleister aufgeklebt und angepreßt. Auf das Papier wird nun die Form des aufzulegenden Stückes genau aufgezeichnet und danach mit einem scharfen, spitzen Messer ausgeschnitten.

Nachdem alle farbigen Lederteile auf diese Weise vorbereitet sind, wird die Zeichnung auf dem Leder vorgedruckt und diesem Vordruck gemäß Stück für Stück auf den Deckel aufgeklebt, natürlich mit der Fleischseite des Leders, so daß das aufgeklebte Papier oben aufliegt. Das Anschmieren wird dabei in der Weise bewerkstelligt, daß man die einzelnen Teilchen auf ein mit Kleister bestrichenes Blech legt und gut andrückt; man hebt sie danach mit der Messerspitze ab und klebt sie an der Stelle, für die sie bestimmt sind, auf. Ist die ganze Klebearbeit besorgt, so wird ein Blatt Papier über den Deckel gelegt und der Band einige Zeit zwischen Blechen oder Platten eingepreßt. Die Pressung bewirkt, daß die aufgelegten Teile sich in Papierstärke in den Grund eindrucken. Der aus der Presse kommende Band wird nunmehr mit Wasser überfahren, um das Papier loszuweichen. Nachdem dies abgelöst worden ist, legt man abermals ein Blatt Papier, besser noch ein Blatt Staniol auf den Deckel und preßt den Band von neuem ein. Vollendet wird die Arbeit zuletzt durch das Konturieren der eingelegten Teile mit Goldlinien. Der Kontur darf dabei die Auflage nur so weit treffen, daß sie gewissermaßen angeklemmt und die Verbindungsstelle zwischen Grund und Auflage gedeckt wird.

Die beigefügten Abbildungen Fig. 101 bis 104 geben einige Muster von Buchdecken mit Lederauflage und dienen der obigen Darlegung zur Erläuterung.

Eine ähnliche Verbindung von Farbe und Gold läßt sich auch, wie schon bemerkt, durch das Bemalen einzelner Teile der Zeichnung erzielen, ein Verfahren, das schon im 16. Jahrhundert geübt wurde. Man benutzt dazu nur Deckfarben, die mit Lack angerieben sind, auch wohl Ölfarben, die freilich den Fehler haben, daß sie nur langsam trocknen. Durch Beimischung von Sikkativ kann man dem Übelstande etwas abhelfen. Im vorigen Jahrhundert und auch noch im gegenwärtigen hat man namentlich gern Pergamentdecken mit gemalten Verzierungen versehen und in der That ist Pergament wohl der am meisten für die farbige Behandlung geeignete Deckelüberzug. Nach dem Vergolden werden die Deckel mit einem mäßig warmen Glättkolben abgeglättet, und der Band dann zwischen Blechen oder Platten, um welche vorher ein Staniolblatt zu schlagen ist, in die Presse gebracht. Nach dem Auspressen wird die ganze Decke mit einem Flanellläppchen und einigen Tropfen gutem Lack recht gleichmäßig überfahren. Bände mit Bemalung müssen vor dieser Arbeit eingepreßt werden.

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Eine verhältnismäßig einfache Art, eine Decke mit Linienornamenten in Gold zu verzieren, ist die +Stiftvergoldung+, die besonders in solchen Fällen gute Verwendung findet, wo rasch und ohne große Kosten eine Vergoldung in reicherer Zeichnung ausgeführt werden soll. Man kann die Stiftvergoldung nur auf glattem oder geglättetem Leder anwenden, das wie bei der Handvergoldung ausgewaschen, grundiert und mit Gold aufgetragen wird. Das Verfahren erfordert eine Vorzeichnung auf Pauspapier, welches über dem aufgetragenen Golde unverrückbar aufgespannt wird. Die gepausten Linien werden dann mit einem Messingstifte (Punktstifte) nachgefahren, der etwas heißer sein muß als bei der Handvergoldung, da das zwischenliegende Papier etwas von der Hitze wegnimmt. Nachdem die Arbeit beendet ist, nimmt man das Papier fort, wischt das Gold herunter und glättet die Fläche ab.

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Die Vergoldung der Decke erfordert mitunter die Zuhilfenahme der +Presse+. Abgesehen von umfangreichen, die ganze Deckenfläche einnehmenden Platten, die nur mit der Presse gedruckt werden können, ist die Anwendung derselben auch bei größeren Mittel- und Eckstücken sowie bei Inschriften erforderlich. Der +Pressendruck+ war schon im 16. Jahrhundert in Übung, und zwar für Blinddruck. Man kannte auch damals schon Vollplatten zum Bedrucken der ganzen Buchfläche. Die Platten sind meist auf beiden Seiten graviert; bei Eckstücken, die so behandelt sind, vereinigte man auf diese Weise das rechts- und das linksseitige Stück in einer Platte. Jede Plattenverzierung wurde einzeln gedruckt, nicht, wie in unserer Zeit, alle Teile, die die Deckenverzierung bilden, gleichzeitig mit einem Druck. Die Presse, die zum Drucken diente, war die sog. +Stockpresse+. Mit der Einbürgerung der Handvergoldung kam der Pressendruck mehr und mehr außer Gebrauch und beschränkte sich im 17. und 18. Jahrhundert fast ausnahmslos auf die die Mitte einnehmenden Wappen oder Bibliothekszeichen.

In der heutigen Buchbinderei ist die +Vergolderpresse+ eine für den Großbetrieb unumgängliche Maschine, die aber nicht bloß zum Golddruck, sondern auch zum Aufdruck von Farben dient, deren bis zu zwölf und mehr hintereinander gedruckt werden, um buntfarbige Bilder, figürliche wie landschaftliche, auf die Kalikodecke zu bringen. Es wird dem Buchdeckel damit eine Verzierung aufgenötigt, die seiner Natur und der Natur des ihn überziehenden spröden Stoffes wenig entspricht. Da aber über den Geschmack sich streiten läßt, würde es vergeblich sein, gegen diese Verirrung desselben sich aufzulehnen. Unsere Abbildung (Fig. 105) gibt die jetzt allgemein übliche Gestalt der Presse wieder. Der Druck wird von unten her mittelst eines Hebels ausgeübt. Der Kopf der Maschine ist unbeweglich; er hat unten eine glatte Fläche, den sog. +Tiegel+, mit drei Heizröhren darunter, die zur Aufnahme glühender Bolzen dienen. Diese geben die Hitze an die Druckplatte ab, die mit der Rückseite an den Tiegel befestigt wird. Zu dem Ende leimt man, da Metall auf Metall nicht festklebt, ein kräftiges Stück Papier auf die Druckplatte und diese mit dem Papier an den Tiegel an. Besteht die Verzierung aus einzelnen Stücken, so werden diese in der entsprechenden Zusammenstellung aufgeleimt. Unter dem Tiegel und von diesem durch einen Zwischenraum getrennt befindet sich der sog. +Schlitten+, eine Platte, die vorgezogen werden kann und zum Auflager für die zu pressende Decke dient. Beim Niederdrücken des Schwengels wird der Schlitten gegen den Tiegel gedrückt und auf diese Weise die Pressung bewirkt.

In der Regel kommt eine und dieselbe Decke mehrere Male in die Presse, zumal bei vielfarbiger Zeichnung. Um nun ohne weiteres jedes folgende Mal die Decke genau in dieselbe Lage zu bringen, wie die beim ersten Druck, ist eine +Punktur+ erforderlich. Man schafft dieselbe mit Hülfe von zwei Reißzwecken mit nicht zu kurzem Stift, die man auf dem Schlitten festklebt. Die Decke selbst wird nach einer aufgelegten Schablone mit zwei Punktierlöchern versehen, die der Stellung der beiden Stifte genau entsprechen. Bei jedem neuen Druck wird die Decke mit den Punktierlöchern auf die Stifte gebracht, so daß genau Druck auf Druck paßt. Für Blinddrucke und Pressungen, die nur einen Druck erfordern, bedient man sich zur Anlage eines angeschraubten Metall- oder angeklebten Pappwinkels; besser noch sind die Klötzchen, die auf den Schlitten aufgeleimt werden, zwei für die seitliche Führung und eins hinten zum Anstoßen.

Für jede Art der Pressung: Blinddruck, Golddruck, Farbendruck, ist je eine Platte notwendig. Bei mehrfarbigem Druck erfordert jede Farbe ihre Platte, ganz wie beim lithographischen Farbendruck. Bei sehr dichter Zeichnung, die vom Grunde des Überzugs nichts oder wenig mehr sehen läßt, wird die Fläche vorweg mit einer Platte ohne Gravierung glatt gepreßt.

Kommt Gold- und Farbendruck zusammen auf einer Decke zur Anwendung, so wird erst das Gold, dann die Farbe gedruckt. Die Farben werden kalt gedruckt, beim Golddruck wird der Tiegel in der schon oben erwähnten Weise heiß gemacht. Statt der Bolzen kann man auch Gas oder überhitzten Dampf zu diesem Zwecke benutzen.

Die Grundierung der Decke ist bei der Preßvergoldung wesentlich einfacher als bei der Handvergoldung. Sowohl für Kaliko wie für Leder überfährt man die ganze Fläche mit verdünntem Eiweiß (halb Eiweiß, halb Essig oder Lagerbier); nur bei feinen Lederbänden werden die zu vergoldenden Stellen ausgepinselt. Das Gold wird mit Öl aufgetragen.

Kaliko erfordert einen schärferen Druck als Leder; die Hebelpresse wird demgemäß mit einer daran befindlichen Vorrichtung schärfer eingestellt, ebenso verlangt Kaliko einen größeren Hitzegrad als Leder.

+Samt+, der freilich nur noch selten vergoldet wird, muß vorerst sehr heiß vorgedruckt werden, damit die Haare wie niedergebrannt erscheinen; dann wird mit der abgekühlten Presse das Gold aufgedruckt. Als Grundiermittel dient _Vergoldepulver_, das aus zwei Teilen Kopal und einem Teil Dammarharz oder aus ostindischem Kopal und weißem Schellack zu gleichen Teilen -- alles fein pulverisiert -- besteht. Das Pulver wird mit einer Büchse aufgestäubt, die an Stelle des Bodens mit dünnem Webstoff (Gaze) überspannt ist. Wenn Samt +mit der Hand+ vergoldet werden soll, wird das Gold mit den Stempeln, Fileten etc. aufgenommen; der Hitzegrad darf etwas höher sein, als bei der Eiweißvergoldung; es muß aber etwas langsamer gedruckt werden. Statt mit Pulver kann man auch mit Eiweiß grundieren, doch muß in diesem Falle der Vordruck erst mit gewöhnlichem Lack ausgepinselt werden und ganz trocken geworden sein, ehe man mit Eiweiß nachpinselt. Beim Pressendruck wird die oben ausziehbare Platte des Pressenkopfes mit der angeklebten Druckplatte über Gas oder Spiritus stark erwärmt. Während des Erwärmens wird Gold auf die Platte aufgetragen, dann die Ausziehplatte wieder in die Presse geschoben, die eingestäubte Decke auf den Schlitten aufgenadelt, dieser ebenfalls eingeschoben und nun die Presse zugedrückt. Die Decke wird nicht eher aus der Presse genommen, bis die Platte völlig erkaltet ist. Gewöhnlich bringt man auf den ersten Goldauftrag sofort einen zweiten aus Blattmetall (unechtes Gold), das dann beim Druck unter dem ersten Golde liegt. Auf diese Weise wird der Glanz der Vergoldung wesentlich erhöht.

Bei der Verzierung der Lederdecke spielt auch die Farbe derselben eine Rolle, zumal wenn das Ornament selbst farbig behandelt wird. Heutzutage ist das Leder in den verschiedensten Farben käuflich, ebenso wie der Kaliko. In früheren Zeiten färbte der Buchbinder das Leder (Kalb- oder Schafleder) selbst, das er in lohgarem Zustande vom Händler bezog. Außer der einfachen +Färbung+ gab man dem Leder auch wohl ein buntes Aussehen durch +Marmorierung+. Sämtliche Farben: Schwarz, Braun in verschiedenen Tönen, Rot, seltener Blau und Violett, wurden durch Beizen hervorgebracht. Für +Schwarz+ diente Eisenschwärze, auch Eisenfeile, die man längere Zeit in Bier stehen ließ und darin kochte, für +Braun+ Pottaschenwasser oder eine leichte Lösung von Ätzkali oder Ätznatron, für +Rot+ ein Auszug aus Fernambukholz oder Alkannawurzel, mit Kochenille zusammengekocht; durch einen Zusatz von Zinnsalzlösung erhielt die Farbe ein lebhafteres Aussehen. Zur +Blau+färbung nahm man Blauholz oder Indigokarmin. Die Beize wurde auf das ausgespannte Fell, nachdem es ausgewaschen, gekleistert und wieder getrocknet war, mit einem Schwamme oder Hasenfuß aufgetragen. Das Marmorieren wurde durch Aufsprengen von Beizen und Farben mittelst eines kleinen Reiswurzelbesens bewerkstelligt. Zuerst wurden die Farben auf das dunkel gefärbte Leder aufgesprengt, dann die zur Entfärbung einzelner Stellen dienenden stark verdünnten Beizen, aus Scheidewasser, Salz- oder Zitronensäure bestehend. Das Durcheinanderlaufen der Farben wurde auch dadurch bewirkt, daß das beim Aufsprengen flach liegende Fell hinterher nach einer Seite geneigt wurde, so daß die verschiedenen Flüssigkeiten in kleinen Rinnsalen ab- und zusammenliefen. Man erzielte dadurch eigentümlich abschattierte Adern; der Grund wurde vorher mit reinem Wasser oder einer Galläpfelabkochung besprengt. Auch das bereits fertig mit Leder überzogene Buch verstand man auf diese Weise zu marmorieren; indem man die Deckel ein wenig nach innen bog, das Buch dabei schräg nach unten neigte, liefen die Adern nach der Mitte zu zusammen und es entstand der sog. +Baummarmor+.

Das Marmorieren des Leders ist jetzt fast nur noch in England üblich. Zur Vergoldung auf marmoriertem Grunde bedient man sich nur weniger Linien und Stempel von kräftigen Formen, da zierliches und reiches Ornament auf buntem Grunde nicht gut wirkt.

Andere Arten der Ledermarmorierung seien hier noch kurz angemerkt. Der Marmor mit rotem Grunde hieß +Feuermarmor+, eine durch Tupfen mit dem Schwamme hergestellte Art +Schwammmarmor+; +Kalkmarmor+ wurde durch Aufsprengen von dünnem Kalkwasser statt reinen Wassers hergestellt.

Wie die ganze Decke marmorierte man auch wohl nur Teile derselben, indem man die übrige Fläche durch Überkleben zudeckte. Auch wurden mit der Reißfeder vollständige Liniaturen ausgeführt, zwischen denen sich Vergoldungen recht gut ausnahmen.

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Nachträglich sind noch einige Bemerkungen über die Behandlung des +Pergamentes+ (vergl. S. 124) und des +Samts+ (vergl. S. 151) zu machen.

Pergament, gleichviel ob Schaf- oder Kalbspergament, wird vor dem Überziehen mit reinem Papier gefüttert (zum Aufkleben ist Kleister zu verwenden) und zum Trocknen zwischen Pappen gelegt. Der so vorbereitete Überzug wird auf den Buchkörper aufgepaßt und an der Stelle, wohin die Fälze kommen, ein Bruch und in Falzbreite daneben, nach der Deckelseite zu, ein zweiter Bruch gemacht, ähnlich wie dies bei dem sog. gebrochenen Rücken (vergl. S. 92) zu geschehen pflegt. Das so vorbereitete Pergament wird dann mit Leim angeschmiert und über den Band gezogen.

+Samt+ kann man auf zweierlei Weise verarbeiten. Entweder wird der Pappdeckel mit Leim angeschmiert, der Samt darüber gezogen und der Einschlag besonders mit Leim angeschmiert, oder der zugeschnittene Samt wird mit nicht zu dünnem Kleister angeschmiert und in gewöhnlicher Weise behandelt. Die Behandlung des Buchkörpers ist die gleiche wie beim Halbfranzbande. Samtbände nehmen sich stets am besten aus, wenn sie, sofern nicht Stickerei in Frage kommt, nur durch silbernes oder vergoldetes Beschläge verziert werden.

NACHTRAG.

Die Wiederherstellung alter Einbände.

Schon bei einer früheren Gelegenheit (Seite 28) ist von der Behandlung alter Bücher die Rede gewesen, die mit einem neuen Einbande versehen und dabei womöglich in den Zustand versetzt werden sollen, in dem sie sich zur Zeit ihrer Entstehung befanden. Es wird nicht überflüssig sein, hier noch einige Bemerkungen über die Wiederherstellung, bez. Reinigung alter Einbände zu machen, da die Liebhaberei an alten Erzeugnissen des Kunstgewerbes immer mehr zunimmt und die Gemeinde der Sammler ebenso wie die Sammlungen täglich neuen Zuwachs erhalten.

Die Grundregel bei der Wiederherstellung beschädigter Einbände ist, daß man zu erhalten sucht, was eben noch zu erhalten ist. Es ist nicht gleichgültig, ob ein Stück des Einschlages einer alten Decke erhalten bleibt oder durch neues Leder ersetzt wird. Besonders wichtig ist es, etwaige sich vorfindende handschriftliche Bemerkungen zu erhalten, da sie mitunter Auskunft über die Geschichte des Bandes, seine Vorbesitzer u. s. w. geben. Wichtig ist auch die Bloßlegung der bei einer früher stattgefundenen Ausbesserung verklebten ersten Vorsätze, da sie häufig wertvolle alte Marmor- und Brokatpapiere zu Tage fördert.

Sind Bünde zu erneuern, so wählt man denselben Bundstoff, Leder, Pergament oder Schnur, der ursprünglich verwandt worden ist. Ist ein neuer Goldschnitt nicht zu umgehen, so wird dieser nach dem Trocknen nur +unter Papier+ angeglättet; er erscheint dadurch alt. Alte Goldschnitte preßt man fest ein, bestreicht ein Stück weiches Leder mit einer erbsegroß Vaseline und reibt damit die Fläche einige Male recht fest ab. Aufgemalte Schnitte lassen sich erforderlichen Falles mit Aquarellfarben aufmuntern. Kapitale, die zu erneuern sind, werden mit Faden von blasser Färbung frisch umstochen.

Sind Fälze unter einer Decke zu ergänzen, so muß man die alten Decken ablösen; beim Wiederüberziehen sind die Bünde gut einzureiben, nach dem Einschlagen aber recht straff in den Rücken hereinzuziehen.

Bei Pergamentbänden müssen die Bünde durch den Falz gezogen werden, ebenso das verlängerte Kapital.

Überraschenden Erfolg hat häufig das Abwaschen der Deckenvergoldung. Laues Wasser und Schmierseife genügen in den meisten Fällen, um Jahrhunderte alten Schmutz zu entfernen. Die Ergänzung einzelner Fehlstellen in der Vergoldung bewirkt man am besten durch Einmalen von Muschelgold. Mit Rollen und Fileten erhält man ein zu blankes Gold, das man erst trüben muß, um es in Übereinstimmung mit der alten Vergoldung zu bringen.

Beschläge dürfen nur mit Sodawasser oder Seife ausgewaschen, nicht aber geputzt oder gar blank gebeizt werden. Sind die Knöpfe an den Ecken vom Gebrauch durchgerissen, so müssen sie unter Einlage eines abgepaßten und nachgetriebenen Stückchens Messing ausgelötet werden. Neu einzunietende Stifte läßt man vorher ausglühen, damit sie dunkel anlaufen.

Die erneuerten alten Decken mit Lack zu überstreichen, ist nicht ratsam, da der Glanz des Lackes unangenehm ins Auge fällt. Am besten ist es, die Fläche mit ein wenig Olivenöl einzufetten und mit einer Wachsbürste abzubürsten.

II.

GESCHICHTE DER BUCHDECKE.

Vorbemerkung.

Im Verlaufe unserer Darstellung der Technik des Bucheinbandes haben wir bereits hin und wieder auf die geschichtliche Entwickelung derselben hingewiesen und auch die künstlerische Seite unseres Gegenstandes dabei berührt. Im nachfolgenden werden wir der letzteren ausschließlich unser Augenmerk zuwenden und der Geschichte des Geschmackes nachgehen, wie er sich zu verschiedenen Zeiten und bei den zumeist in Betracht kommenden Völkern in Bezug auf den Schmuck des Einbandes entwickelt hat. Wiederholungen werden dabei nicht ganz zu vermeiden sein, da der Zierat bei jedem Gebrauchsgegenstande abhängig ist von dem Material, aus dem dieser hergestellt, und von dem Zweck, zu dem er gebraucht wird.

Die Quellen, aus denen die Geschichte des Bucheinbandes zu schöpfen ist, sind leider nicht sehr ergiebig, und man ist häufig auf das Gebiet der Mutmaßung verwiesen, um für diese oder jene Erscheinung eine angemessene Erklärung zu finden. Dagegen sind uns eine große Anzahl Namen von Buchbindern, hauptsächlich deutschen, überliefert worden, da diese häufig das Werk ihrer Hände mit vollem Namen gekennzeichnet haben, und zwar sowohl im ausgehenden Mittelalter als auch zur Zeit der Renaissance. Diese Thatsache ist um so merkwürdiger, als wir bei den dem 16. Jahrhundert angehörigen Einbänden italienischen und französischen Ursprungs, die heutzutage die Augenlust der Sammler und Kenner sind, den nach Majoli, Grolier und anderen Bibliophilen benannten Bänden fast niemals auf den Namen des Binders stoßen.

Auch über die Lebensverhältnisse und die Werkstatteinrichtungen einzelner deutscher Buchbinder sind wir dank der archivalischen Forschungen Steches, Kirchhofs u. a. unterrichtet. So über den Leipziger Buchbinder +Christoph Birck+, der 1578 starb, über +Jakob Krauße+, den der Kurfürst August an seinen Hof berief, über +Jörg Bernhard+ aus Görlitz, der 1550 in die Dienste des Pfalzgrafen Otto Heinrich, des kunstsinnigen Erbauers des Heidelberger Schlosses, trat und im Dienste seines hohen Herrn nicht bloß für Einbände, sondern auch für die Hausverwaltung, für Vögel, Pferde und Kellerei zu sorgen hatte. So ließen sich noch viele Namen nennen, ohne daß sie viel mehr als Namen böten; auf einige mit bestimmten, noch vorhandenen Bänden in Beziehung stehende Meister werden wir später zurückkommen.

Aus den häufig vorkommenden Berufungen von Buchbindern an Fürstenhöfe, wo sie als »Hofhandwerker« nebenbei auch wohl noch mit anderen, außerhalb ihrer Berufsthätigkeit liegenden Diensten betraut wurden, läßt sich schließen, daß ihre bürgerliche Stellung im 15. und 16. Jahrhundert in gewissem Sinne eine bevorzugte war. Es läßt sich dies leicht aus dem Verhältnis erklären, in welchem die Buchbinder ursprünglich zur Kirche und zu der gelehrten Welt standen. Buchschreiber, Buchmaler und Buchbinder waren in den Klöstern oft eine und dieselbe Person. Dies läßt sich mit einzelnen urkundlich nachgewiesenen Beispielen belegen. Mit der Erfindung Gutenbergs tritt darin zwar eine Änderung ein, aber der Bucheinband blieb auch dann noch lange Zeit Mönchsarbeit und einzelne Mönchsorden, wie z. B. die »Brüder vom gemeinsamen Leben«, befaßten sich ebensowohl mit dem Einbinden wie mit dem Druck, also mit der vollständigen Herstellung von Büchern.

In dieser Hinsicht folgten ihnen die großen Drucker des 16. Jahrhunderts, die zugleich Verleger waren, wie die Koberger in Nürnberg, die Aldus in Venedig, die Elzevier in Leiden, die Stephanus in Paris u. s. w.; sie brachten ihre Ware gebunden auf den Markt und trafen daher auch die zur Herstellung der Einbände erforderlichen Einrichtungen.