Part 6
Unterdessen ging Steffen und holte die Annekathrine aus dem Armenhause herbei, deren Amtes es war, die Toten zu waschen und „anzuziehen“. Als sie ihr Werk an dem Verblichenen getan und Hemd und Bettlaken für sich zum Mitnehmen eingewickelt hatte, wurde der Leichnam von den Söhnen mit Unterstützung der Nachbarn auf die Bodenkammer getragen, zu der man durch eine zweite Tür in der Stubenwand und eine hinter ihr aufwärts führende kurze Treppe gelangte.
Man trank einen Krug Branntewein, und Mutter Drewes schnitt die Namenszeichen aus der Wäsche des Verstorbenen, denn man glaubte, daß er sonst im Grabe nicht ruhen könne, bis er einen Verwandten nachgezogen hätte.
Als die Nachbarn von dannen gegangen waren, trugen die Brüder das Bettstroh hinaus auf den Hof und schlugen die Bettstatt ab. Marten war wortkarg und tief verbittert; Steffen, durch den Branntweingenuß angeregt, allerlei Worte machend, die bei dem Bruder keinen Widerhall fanden.
Nachdem die Fenster einen Tag und eine Nacht offen gestanden, trug Steffen einen großen Backtrog, den er aus Drewes Hause geholt hatte, an die Stelle der abgeschlagenen Bettstatt, und Sophie buck nun den Begräbniskuchen. --
Achtes Kapitel.
Am ersten Tage nach dem Begräbnis befand sich Steffen schon früh auf dem Wege nach Bodenburg, um dem Hofherrn in aller Förmlichkeit den Todesfall anzuzeigen und sich ihm zugleich als Nachfolger seines Vaters zu präsentieren.
Er überlegte auf dem Gange, ob er auch zugleich um die Heiratserlaubnis anhalten solle, kam aber nach langem Bedenken zu der Ansicht, daß er damit besser warte, bis er den Meierbrief sicher in Händen habe, bis überhaupt Martini mit all seinen Lasten und Schwierigkeiten erst vorüber sei. Sonst könne es ihm passieren, wie voriges Jahr dem kleinen Wolter in Westfeld, dem der Herr geantwortet hatte: „Erst beweise mir mal, daß du ’n ordentliches Zinskorn und ’n ordentliches Mahlschwein liefern kannst; dann hast du auch den Rottlandszins noch nicht bezahlt.“
Als Steffen am Mittag zurückkam, ging er sogleich bei Drewes vor und erzählte, daß der Herr bei recht guter Laune gewesen sei, ihm den Hof bis Martini so belassen und ihn dann gegen die hergebrachten Meiergefälle als neuen Meier einsetzen wolle.
„Und die Bedemund?“ fragte Drewes und meinte damit die Abgabe, die für die Erteilung der Heiratserlaubnis an den Hofherrn zu entrichten sei.
Davon hätte er dem Herrn noch nichts sagen mögen, erklärte Steffen und freute sich, daß nicht nur Vater und Mutter ihm zunickten, sondern auch Sophie seine Gründe dafür völlig billigte. Daß Sophie ordentlich erleichtert aufatmete, bemerkte er in seiner Arglosigkeit nicht.
Der Haushalt der Brüder sollte aber darunter nicht leiden; denn Sophie, die morgens und abends herüber kam, sorgte mit redlichem Eifer, daß es ihnen an nichts mehr mangelte und Steffen sich nun auch wieder mehr auf eigentliche Mannesarbeit legen konnte. Auch Vater und Mutter Drewes verfehlten keinen Tag, mindestens einmal hinüberzugehen und den Hausstand mit Rat und Tat zu fördern.
Sophie machte ihren Besuch in der Regel, wenn sie Marten fern vom Hause wußte, wie auch er sich den Anschein gab, als ginge er dem Mädchen mit Fleiß aus dem Wege. Trafen sie dennoch einmal zusammen, sprachen sie kaum ein Wort miteinander.
Gegen seinen Bruder zeigte Marten sich andauernd kühl und hart und von unbrüderlicher Verschlossenheit, er sprach nicht mehr, als unumgänglich nötig war, und wenn er sprach, war der Ton nie ohne auffällige Gereiztheit.
Steffen ahnte allmählich, daß Marten ihm das Mädchen nicht gönnte, es wohl selber gern genommen hätte. Herrje ja! Er zuckte die Achseln und guckte in solchen Fällen gern in den Küchenschrank, -- wo der schülpende Butt stand.
Du lieber Gott, darein müsse er sich schon geben, der stolze Marten, dachte er für sich. Der Vater habe doch nur den einen Hof hinterlassen, und wer einmal keinen Hof hätte, könne doch auch nicht daran denken, solch ein Mädchen wie die Fieke zu bekommen. Wäre er vom lieben Gott zum Zweitgeborenen bestimmt gewesen, würde er eben auch zusehen müssen. Eine Ziege könne keinen Schwanz haben wie eine Kuh, und der Sperling könne in kein Gänsenest legen wollen. Das wäre nun einmal wider Gottes Ordnung. Dann aber begann er zu fürchten, daß Marten sich mit der Absicht trage, in die Stadt zu gehen und Kutscher zu werden oder sonst was, hatte doch sein Sinn immer nach höhern Dingen gestanden.
Steffen grübelte darüber nach und zog schließlich die Stirn kraus: Denn er betrachtete diese Möglichkeit nicht als ein eifersüchtiger Liebhaber, wozu er wohl allen Grund gehabt hätte, sondern erwog sie als Bauer, der auf seinen Vorteil bedacht sein muß. Jedes Buchenblatt und jedes Strohspier, das wußte er von klein auf nicht anders, mußte man achten und nützen; von wie großem Gewicht mußte ihm darum der Verlust der Arbeitskraft erscheinen, der mit Martens Weggange eintreten würde.
Es kam aber hinzu, daß Marten dann auch seine Abfindung zu haben wünsche, und das waren bare 80 Taler. Achtzig Taler aber war für den Hof ein ganzes Kapital, wenn es auf einmal gegeben werden sollte, zumal in diesem Jahre mit den neuen Meierkosten. Dann könne man nicht umhin, einen Knecht zu mieten, erwog Steffen weiter, und ein Knecht, solle er einigermaßen sein, koste doch gut und gern seine sechzehn oder achtzehn Taler, und die habe man doch auch nicht gleich in der Hand. Nun noch, was dazu gehöre an Trinkgeld und Deputat.
„Meinst du nicht auch, Fieke?“ fragte er sein Mädchen, als es gerade damit beschäftigt war, die Milchbriwen von den hohen Wandbrettern in der Stube zu nehmen.
Sophie probierte ein wenig mit dem Finger, ob der „Smand“ (Rahmen) schon wäre, und überhörte dabei seine Frage ganz und gar.
„Meinst du nicht auch, Fieke?“ wandte er sich nocheinmal an sie, indem er den wackelnden Stuhl hielt, auf dem sie stand, um an die Milchbretter zu reichen.
Sie sprang auf den Boden und begann die erste der Briwen, die sie auf den Tisch gestellt hatte, mit einem hölzernen Löffel abzurahmen.
„Meinst du nicht auch, Fieke?“
Fast ungehalten sah sie nun den Frager an und antwortete -- aber da guckte sie schon wieder auf ihre Arbeit: „Dazu kann ich dir eigentlich nichts sagen, Steffen, das mußt du als Bauer selbst am besten wissen. Doch wenn du einmal meine ehrliche Meinung hören willst“ -- nun sah sie ihn wieder mit offenen und ehrlichen Augen an -- „dann laß deinen Bruder getrost gehen, wohin er will, wenn es ihm einmal zu Hause nicht mehr behagt. Das wird doch nichts Rechtes zwischen euch beiden, und wir müssen sehen, daß wir auch ohne ihn fertig werden. So, Steffen, das ist meine Meinung.“
Steffen kratzte sich den Kopf, wiegte ihn zwischen den Schultern, ging hinaus und kam wieder herein, sah Sophie wieder an, sah durchs Fenster den scharrenden Hühnern zu und dachte wie sie immerfort und immer nur an das, was ihm nützte.
„Ein Knecht kostet aber achtzehn Taler und ist doch nicht so auf die Arbeit wie einer von den eigenen Leuten,“ gab er ihr noch einmal zu bedenken. Er wolle darum doch lieber trachten, wieder in ein ordentliches brüderliches Verhältnis mit ihm zu kommen. „Meinst du nicht auch, Fieke?“
Sie zuckte jetzt nur die Achseln.
Er nahm ihr eine Briwe ab, stellte sie auf den Tisch und fragte nochmals: „Fieke, meinst du nicht auch, daß es so ’s beste ist?“
Aber sie meinte nichts mehr.
Das beunruhigte ihn nun wieder, und er überlegte aufs neue, „druckste“ um sie herum und stand ihr im Wege, so daß sie ihn mehrmals beiseite schieben mußte.
Auf einmal lachte sie und lachte ganz lustig und ganz herzlich.
Das gefiel ihm, denn im Lachen war sie nochmal so schön, dann kam ein wundersamer Tau in ihre Augen und eine süße Musik in ihre Stimme.
„Was lachste denn, Fieke?“ fragte er und lachte auch.
Sie rollte den dicken gelben „Smand“ mit dem Löffel über die runde weiße Briwenfläche zurück, füllte den kostbaren Ballen in das Smandbecken, sah Steffen darauf lustig lachend an und sagte: „Ich denke eben daran, wie viel Katzenschwänze wohl dazu gehören, um den Mond an die Erde zu binden. Weißt du’s, Steffen?“
Steffen lachte. „O, das müssen wohl so viele, viele sein, daß man sie gar nicht zählen kann.“
„Nein,“ kicherte sie, „es braucht nur ein einziger zu sein, aber er muß lang genug sein.“
Steffen deutete den Scherz zu seinen Gunsten, machte ein pfiffiges Gesicht und sagte: „Weißt du, wie viel Sorten Frauensleute es gibt?“
Nein, das wußte sie nicht. Sie sollte raten. Das wollte sie aber gar nicht.
Da sagte er’s. Es gäbe nämlich drei Sorten: „De Swineart, de Göseart un de Häunerart.“ Und da sie ihn nun neugierig ansah, legte er den Finger an die Nase und gab die Erklärung, wie er sie von seinem Vater gehört hatte: „Die Gänse schnattern, das ist nicht die rechte Art; die Hühner kratzen, das ist auch nicht die rechte Art; aber die Schweine wühlen zusammen, das ist die rechte Art.“
Sie sah ihn mit großen Augen an, in denen das Lachen verhalten war, und fragte gespannt: „Zu welcher Sorte rechnest du denn mich?“
„No,“ entgegnete Steffen und guckte mit großer Befriedigung an ihr herauf, „no, du bist doch wohl von der -- Swineart.“
Sie stand einen Augenblick ganz starr und still; dann lachte sie hell auf, unterdrückte aber das Lachen sofort, als sie Marten mit den Pferden am Fenster vorüber kommen sah.
Steffen ging sogleich hinaus, um dem Bruder beim Ausspannen zu helfen.
Marten sprang vom Pferde, sah seinen Bruder finster an und murmelte etwas vor sich hin.
„Ist’s gut gegangen, Marten?“ fragte Steffen, indem er die Stränge abhängte.
„So gut wie im Heu liegen nicht,“ knurrte der und stieß mit dem Fuße zwischen die Hühner, die eben wie in heller Freude über die Ankunft der Pferde herbei gelaufen kamen.
Da gröhlte der Hahn: „Wat is dat für ’ne Sak?“
Alsbald reckte auch ein kleines Huhn den Hals und strengte sich seltsamer Weise gar sehr an, um etwas ähnliches wie der Hahn heraus zu bringen.
Nun ließ Steffen die Ringkoppel fallen, die er eben lösen wollte, scheuchte das Huhn weg und rief: „Ich dreh’ dir ’n Hals um, wenn du nicht still bist.“
Marten aber nickte dem Huhne, das sogleich wieder umkehrte, befriedigt zu und sagte: „Krähe nur, krähe nur!“
Die Brüder wußten alle beide: Wenn ein Huhn wie ein Hahn kräht, so gibt’s ein Unglück. Man soll ihm lieber den Hals umdrehen. --
Steffen überwand aber seinen Unmut, führte die Pferde in den Stall, rief nach dem Bruder zurück, ob sie die Weidenbreite als Dreisch liegen lassen oder doch lieber umpflügen sollten und fragte noch nach diesem und jenem, ob er auch keine oder höchstens eine „quere“ Antwort erhielt.
So ging es nun die folgenden Tage ständig fort. Je unzugänglicher Marten sich erwies, desto größer wurde Steffens Hingebung gegen ihn. Er übersah und überhörte vieles und alles, was Martens immer größer werdende Anmaßung ihm Ärgerliches bot, ertrug seine üblen Launen ohne Mucken, ließ sogar Martens Willen in allen Dingen den Ausschlag geben. Und da Marten sich diese Gutwilligkeit nicht nur gefallen ließ, sondern sie als etwas durchaus Selbstverständliches anzusehen begann und das Übergewicht seiner Stellung mit Fleiß zur Schau trug, so schien es in der Tat, als wäre er der Herr und Steffen der Knecht.
Eines Morgens, als Sophie auf den Hof kam, sah sie zu ihrer Verwunderung, daß Marten, den sie längst im Felde glaubte, gerade erst die Gäule an den Pflug spannte. Er fuhr seinen Bruder, der den Pflug erst hilfsbereit auf den „Stert“ stellte, mit herrischer Stimme an und ließ ihn laufen wie einen kleinen Buben. Und Steffen lief ohne Unterlaß.
Das heiße Blut schoß ihr ins Gesicht, und es war ein zorniger, ja ein fast böser Blick, den sie Steffen zuwarf.
Marten, dem ihre Erregung nicht entgangen war, sah sie herausfordernd an. Die Blicke begegneten sich über Steffen, senkten sich ineinander; es sprühte, es leuchtete -- und Marten ging mit hellem Pfeifen davon.
Ein großer Rabe kam mit schwerem Flügelschlage über das Haus hergeflogen, setzte sich in den Wipfel des Walnußbaumes, zwischen dessen vergilbten Blättern nur noch wenige Nüsse hingen, stieß einzelne tieftönige, schaurige Rufe aus und flog in seinem schweren Fluge wieder über das Haus zurück. Zu gleicher Zeit strich ein heftig krächzender Rabe von den Ulmen am Bache her und kreuzte den Flug des ersten Raben über dem Hofe.
Die schwarzen Gesellen flogen noch lange lärmend über dem Dorfe her und hin, und manchmal hörte sich’s an, als schrieen sie um die Wette: „Ein Kreuz! Kreuz! Kreuz!“
Neuntes Kapitel.
Steffens Gedankenraum war sehr klein, und die Gedankendinge konnten hier nicht nebeneinander, sondern nur nacheinander Platz finden. Da nun Martini immer näher rückte und seine Gedanken fort und fort mit dem Meierzins zu tun hatten, mußte Sophie immer mehr in den Winkel gedrängt werden, bis zuletzt gar kein Platz mehr für sie blieb.
Marten aber guckte mit blitzenden Augen in die Welt und sorgte dafür, daß Sophie unter dieser Zurücksetzung nicht zu leiden hatte. Sein bisher so trotziges Verhalten gegen sie schlug plötzlich um: er war lustig, lachte sie an und ging ihr, wenn sie zu der verabredeten Dienstleistung herüber kam, eifrig zur Hand.
Die Despe schwoll und rauschte, als hätte sie etwas besonderes zu sagen, vielleicht gar zu mahnen -- und Sophie richtete es bald immer mehr so ein, daß sie gerade zu der Zeit auf den wüsten Hof kam, wenn sie Marten zu Hause wußte.
Der geschwollene Bach riß ein Stück vom Ufer mit sich fort und murmelte, daß man es deutlich auf dem wüsten Hofe vernehmen konnte. Steffen hatte kein Arg daraus; er grübelte und rechnete, wie er den Meierzins auf den Tag zusammenbringen sollte. Mindestens dreimal am Tage lief er auf die Bodenkammer, um den Beutel mit dem Gelde aus der alten Eichentruhe zu ziehen und den Inhalt zu überzählen.
Das Begräbnis des Vaters hatte einen guten Teil der Barschaft verschlungen, der Sarg nicht einen, sondern drei Taler gekostet, weil Marten es so wollte. Es waren auch nicht vier, sondern sieben Kuchen gebacken, weil Marten es so wollte. Dann die Kosten für den Leichenschmaus, den Branntwein und für so manches andere! Ja, er hatte gehörig in die Beilade hineingreifen müssen, ganz gehörig, um nur seinen Bruder zufrieden zu stellen. Manches hätte gewiß erspart werden können, doch Marten hatte beharrlich gesagt: „Unserm Vater soll die Ehre angetan werden, die ihm zukommt!“ --
Der Vater läge deshalb um nichts besser, er aber, des Vaters Nachfolger, um so schlechter, dachte Steffen und rieb sich die Stirne, auf der sich in dieser Zeit die ersten Falten bildeten. Er holte ein frisches Brot aus dem Keller, schnitt es an und sah, daß es stark verschimmelt war. Da freute er sich und aß so viel von dem Schimmligen als er konnte; denn wer schimmliges Brot ißt, findet Geld.
Die Spätkartoffeln waren gerodet, die Rüben gezogen, und jetzt hatte man nur noch eine halbe Woche bis zum Martinitage.
Steffen lief wieder einmal auf die Bodenkammer und überzählte, wie er schon alle Tage getan, die vorhandene Barschaft; fand aber immer nur elf Taler und vierundzwanzig Mariengroschen. Es war ein hartnäckiges Geld und wollte sich von selbst durchaus nicht vermehren. Und gefunden hatte er noch immer nichts, so viel schimmliges Brot er auch essen mochte.
Sollte er am Ende doch dem Rate des Vaters folgen und einen von den beiden „Läufern“ verkaufen?
Ja, wäre nur gleich ein Käufer zur Stelle gewesen, der ihm ein annehmbares Gebot gemacht hätte. Er klappte in seinen „Holschen“ die Treppe abwärts, ging in der Stube herum, holscherte die Küchentreppe herab und ging bedachtsam über den Hof nach dem neuen Anbau, um die kleine Tür aufzuriegeln. Zwei prächtige junge Schweine lagen da mollig im Kaff und hoben bei seiner Annäherung gemütlich die Köpfe.
In einem zweiten Abteil, das von dem ersten durch eine Bretterwand geschieden war, lag ein älteres, schon halbfettes Tier, das Steffen mit einem höchst mißliebigen Blick ansah. „Das Aas frißt einen noch ratzekahl,“ knurrte er.
Es war das Mahlschwein, das für den Meierherrn gefüttert werden mußte.
Mit Wohlgefallen hafteten dagegen seine Blicke auf den beiden Läufern. Er sah sie wohl eine halbe Stunde lang an, krauete ihnen und sich selbst den Kopf und seufzte: Es wäre doch schade, jetzt ein so junges Vieh aus der Hand zu lassen. Wie wacker hatten sie sich nicht in der letzten Zeit herausgemacht, seitdem Sophie sie regelmäßig fütterte.
Ja, es ginge doch nichts über eine Frauenhand, zumal wenn sie immer ein wenig im Schroteimer rühren könnte. Ihm stand das prachtvolle Fressen wieder vor Augen, das sie an jenem Tage, als er sich auf dem ersten Freierbesuche befand, zurecht machte. Er schnalzte wieder mit der Zunge wie damals und sagte zu den Läufern: „Ei weih, wenn die euch erst mal als ordentliche Frau vom Hause besorgt, ei weih, dann werdet ihr ein Leben kriegen ... Freilich wird dann auch mehr Schrot und Milch drauf gehen,“ unterbrach er sich etwas bedenklich.
Marten trug in diesem Augenblicke zwei Eimer von der Despe her. Da packte Steffen der Gedanke, ihn wegen des erwogenen Verkaufs um Rat anzugehen. Sicher würde auch er dagegen sein, dann aber doch nicht umhin können, ihm, ohne daß er darum bäte, das fehlende Geld zu leihen.
Marten setzte seinen Weg nach dem Pferdestalle gemächlich fort und antwortete über die linke Schulter: Der Vater würde in seinen gesunden Tagen einen solchen Rat nicht gegeben, sondern sich gewiß in anderer Weise zu helfen gewußt haben. Er riegelte die Tür auf, wobei die Eimer überschwankten, und rief nur noch in seiner unbrüderlichen Weise: „Mich geht’s aber gar nichts an; du willst ja der Bauer sein. Und ich kann, wenn ich will, auch anderswo in der Welt Wurst und Schinken zu essen kriegen.“ --
Steffen wußte nun, woran er war. Sollte er den Bruder dennoch um Geld bitten?
Nein! Er machte eine energische Gebärde. Hernach würde er ihm noch vorhalten, er hätte den Hof mit seinem Gelde gemeiert. Wie sollte er dann vor Fieke dastehen!
Er sah in den Baum und ging nach dem Herde, um nach der Petersiliensuppe zu sehen, die er vorhin aufs Feuer gesetzt hatte. Sollte er, so fuhr er fort mit sich zu ratschlagen, vielleicht doch Vater Drewes um Hilfe angehen?
Nein, auch dagegen sträubte sich alles in ihm. Das sähe gerade aus, als könne er die Zeit nicht abwarten, als wär’s ihm durchaus um das Geld zu tun; hatte doch auch der Vater nicht unbedingt dazu geraten.
Steffen ging umher und grübelte. Er hatte einmal sagen hören: Wer einen Ackerschachtelhalm mit der ganzen Wurzel herausziehen könne, fände darunter einen Goldklumpen. Es mußte aber wohl sehr schwer sein, denn es hatte noch keiner einen Goldklumpen gefunden, soviel Schachtelhalme auch in der Feldmark wuchsen.
Leider war’s jetzt aus der Zeit, sonst würde er sich schon zutrauen, das Kraut mit der Wurzel heraus zu kriegen und damit der Sage auf den Grund zu kommen. Ach, so ein Goldklumpen! Ach!
Steffen guckte ums Haus und grübelte. Er hatte den Vater auch sagen hören: „Ja, wenn wir nur einen Alraun hätten, dann brauchten wir uns nicht so zu plagen.“
Was mochte es nur damit für eine Bewandtnis haben? Der Vater hatte wohl näheres darüber erzählt, wie er sich erinnerte, aber er hatte nicht darauf zugeschlagen.
Da sah er die alte Annekathrine mit einer schweren Tracht Buchenreisig auf dem Rücken um den Kirchhof herum kommen.
In seinen Augen leuchtete es auf. Die würde gewiß etwas genaueres wissen, ihm vielleicht auch sagen können, wie sich’s mit dem Goldschatze verhielte, der nach dem Leutesagen im Rotenkampe verborgen sein solle.
Er sah sich um, ob ihn jemand beobachte, und ging der Annekathrine nach.
Die Alte ließ sich mit der Tracht auf den kleinen Reisighaufen fallen und hockte nun tief atmend da, die Arme noch in den Strippen und das quer über die Stirn gebundene graue Tuch fast ganz auf den Augen.
Steffen machte indes wieder kehrt und lief, als ob er etwas vergessen hätte, auf den Hof zurück, guckte, wo Marten war, ging dann ins Haus, öffnete rasch den Küchenschrank und ergriff den kleinen, noch halbgefüllten Branntweinsbuddel, der in die Tasche gesteckt wurde, wenn’s zum Pflügen hinausging. Er hielt den Buddel gegen das Licht, zog den Papierpfropf ab und nahm einen Zug. Nun steckte er den Buddel geschwind in die Hosentasche und ging wieder hinaus, erst ruhig und gemächlich, dann, als er sich unbemerkt wußte, raschen Schrittes dem Armenhause zu.
Die Annekathrine saß noch so, wie er sie vorhin gesehen hatte; nur den rechten Arm hatte sie schon halb herausgezogen.
„Du hast aber ’ne mächtige Tracht gehabt, Annekathrine.“
„Ja,“ sagte sie und bückte den Kopf, damit der gefesselte Arm das Tuch heraufschieben konnte.
„’ne mächtige Tracht,“ bewunderte Steffen noch.
„Eh’ de Esel tweimal geiht, dröchte, dat ne’t Lief weih deit,“[27] antwortete sie mit einer eigentümlich groben Mannesstimme.
Steffen lachte und zog den Buddel aus der Hosentasche. „Prost, Annekathrine!“ Er tat aber erst selber noch einen Zug.
Rasch hatte sie die Arme aus den Strippen. Ihre etwas verschwärten Augen funkelten. „Das hat dir der liebe Gott eingegeben,“ meinte sie, indem sie das Fläschchen hinnahm. „Denn grade, wie ich so dalag, dachte ich: Wenn dir nur jemand ’n kleinen Schluck brächte.“ Mit langen, röhrenartig zusammengepreßten Lippen tat sie einen ordentlichen Zug.
„Trink’n nur aus, Annekathrine,“ nötigte er.
Nicht zweimal ließ sie sich das sagen.
„Ja, wenn man so ’n Alraun im Hause hätte, wie manche Leute, dann brauchte man sich so nicht zu plagen,“ sagte und seufzte Annekathrine, indem sie mit knackenden Knochen mühsam aufstand und Steffen den leeren Buddel zurück gab.
Steffen horchte freudig auf. Grade so hatte ja der Vater in der Geplagtheit gesagt. Es bedurfte also keiner besonderen Einleitung mehr, um von ihr näheres zu erfahren, ohne daß sie den Grund seiner Frage merkte.
„Da war mal,“ begann sie schon ganz von selbst zu erzählen, „da war mal in Hildesheim eine Frau, die hatte einen Alraun, den ließ sie ’n Jahr lang in ihrer Lade liegen, da guckte sie nach, und da hatte er ’n Hecketaler bei sich. Den konnte sie nun nehmen und sie nahm ihn auch und bezahlte alles, was sie kaufte, mit dem Hecketaler. Wenn sie aber nach Hause kam, war der Hecketaler auch schon wieder da. Das ging denn auch ’ne ganze Zeit gut; kein Mensch merkte, daß der Taler wieder mit ihr wegging. Sie aß den schönsten Kuchen, den fettesten Braten, trank den süßesten Wein, den stärksten Kaffee, konnte beim wärmsten Ofen sitzen und wurde kugelrund. Kein Mensch merkte was. Aber einem Schlächter kam es doch mit der Zeit kurios vor, denn er wollte reich werden und merkte, daß er immer ärmer wurde, wenn diese Frau bei ihm eingekauft hatte. Sollst doch mal ordentlich aufpassen, nahm er sich vor. Und als die Frau wieder mal so ’n schönen Happen kaufte und wieder mit dem schönen blanken Taler bezahlte, dachte er sich gleich, es müsse wohl etwas mit dem Taler sein. Aber er ließ sich nichts aus, gab der runden Frau auf den Taler heraus, legte ihn in den Kasten und paßte mit beiden Augen auf. Und siehe dich da! Kaum ist die Frau zur Ladentür ’raus, wird auch der Taler im Kasten unruhig und will sich wieder auf die Reise machen. Aber mein Schlächter nicht faul, packt dich den Taler mit seiner dicken Faust, hält ihn mit seiner ganzen Schlächterkraft fest umklammert, holt geschwind ’n Klopfhammer und nagelt dich den Taler auf den Hackeklotz ...“
„Och, den Düwel!“ rief Steffen und schabte sich das Hosenbein, als wäre da der Nagel durchgegangen.