Part 3
Mutter Drewes, die in ihrem weiten Flausrock drall und rundlich aussah, legte bedauernd die Hände zusammen, während der Meister nachdenklich durchs Zimmer schritt. „Will’s Gott, Junge, so ist’s wohl nicht so schlimm,“ sagte die Frau und wischte sich mit der Schürze über die feuchtgewordenen Augen. „Wenn nur mal der alte Braunschweiger Schäfer wieder käme, der den wunderbaren Bötesegen kann, der schon so vielen geholfen haben soll,“ sagte sie und sah Drewes an, der an einer Pflugzunge hobelte. Er legte den Hobel hin und meinte, von dem hätte man schon so lange nichts mehr gehört, der würde wohl tot sein und den Bötesegen mit in die Erde genommen haben.
Frau Drewes riet noch dies und jenes und mahnte: „Seid nur recht um ihn herum und backt ihm öfters ’n Spiegelei, daß er nicht gleich zu sehr von Kräften kommt.“
„Mutter, unsere Fieke soll ihm mal was ordentliches zurecht machen,“ sagte Drewes, klinkte die Tür auf und rief nach der Küche hin: „Fieke! Fieke!“
„Wo brennt’s denn, Vater?“
„In der Kehle, dummes Ding! Steffen ist da. Mach geschwind und bring ’n Kraus Trinken rein!“
„Ho, hopsa, ja, gleich, gleich!“ erscholl’s von der Küche her.
Der Alte rieb sich die Hände und sagte: „Nun sollste mal sagen, wie dir unser Gebrautes schmeckt, Junge!“
Steffen hatte am Tische Platz genommen, die Meisterin wieder zu spinnen begonnen, während der Meister, wie er gern zu tun pflegte, sich auf die „Tögebank“ setzte.
„Der Kraus der kommt!“ ertönte es jetzt ganz nahe hinter der Tür.
„Was bringt er?“ rief Drewes, mit Lächeln den alten Spielspruch aufnehmend.
„’ne witten und ’ne greunen, eck will jöck drei Junggesellen neumen.“[14]
antwortete Sophie lustig hinter der Tür.
„Ach, dumme Deer, was willste mit einem Weißen und einem Grünen?“ lachte Drewes, „nimm du dir einen Fahlen und laß die Schreiber und die Jäger zum Teufel laufen.“
Nun ging die Tür auf, und Sophie trat mit dem Kruge herein. Er war von kunstfertiger Töpferhand mit verschlungenem Blumengerank geziert, über das ein leichter Schaum herabfloß.
„Gesundheit, Steffen!“ sagte sie und reichte ihm den Krug, worauf sie sich die Schürze und der schwarzen Katze, die alsbald die hellen Kanten ihres gewirkten Rockes umschmeichelte, den Rücken glatt strich.
Steffen hielt den Krug einen Augenblick ziemlich unbeholfen in der Hand; dann sagte er mit verlegenem Lächeln: „Du mußt mir aber doch zutrinken, Fieke.“ ...
„Ah, es ist kein Gift drin, Steffen!“ entgegnete sie und kniff die Katze in den Schwanz, daß sie laut miauend nach dem Ofen lief.
„Nicht wahr, Drewes Vetter?“ wandte sich Steffen gleichzeitig mit mühevoller Spaßhaftigkeit an den Alten.
„Natürlich muß sie das, aber natürlich!“ nickte der Alte gewichtig, und die Mutter stimmte ebenfalls zu.
Das Mädchen drehte sich ein paarmal auf dem Absatz herum, daß die weißen Kanten ihres Rockes wie schnurrende Reife um sie flogen, und da der Bursch immer noch auf seinem Verlangen bestand, sagte sie mit einer komisch-ernsten Miene: „Aber Kinder, solche Umständlichkeit!“ nahm den Krug zurück und hob ihn mit beiden Händen empor an ihre roten schelmisch zuckenden Lippen.
Steffens Augen hingen an ihrer Gestalt. Er sah, als sie den Krug an der Lippe hielt, wie sich die volle Brust in der leichten Kattunjacke spannte und formte, wie das gesunde rote Blut durch die frischen, runden Wangen schoß, -- und als er den Krug zurück erhielt und dabei von ihrer weichen, warmen Hand berührt wurde, überlief es ihn siedendheiß, und als er gar ihre lachenden Augen auf seinem Gesicht fühlte, wurde er ganz verwirrt, seine kräftigen Backen glühten auf einmal wie Eisen im Schmiedefeuer. Der Krug bebte in seiner Hand; es schien, als schämte er sich zu trinken.
„Na, Junge, nun mußte aber auch trinken,“ mahnte Drewes.
„Ja, ja!“ rief Steffen, schier zusammenzuckend und setzte an, verschluckte sich aber gleich beim ersten Zuge und mußte mit einem fürchterlichen Husten kämpfen, also daß ihm beide Augen überliefen.
„Oh, oh, Steffen!“ rief das Mädchen mit komischem Bedauern, „ist dir was in die Sonntagsstraße gekommen?“
„Ja, ja!“ stöhnte er, mit aller Kraft bemüht, den lächerlichen Hustenausbruch niederzuwürgen.
Die Katze strich sich mit der Pfote über die Nase und prustete. Da drohte ihr die Mutter und sagte: „Na, Kättchen, willste uns das Wetter verderben?“
Aus der Kirchstraße ertönte in diesem Augenblick ein starkes Wagengepolter. Meister Drewes trat ans Fenster, lachte und rief: „Der Marten fährt doch immer drauf los wie ein heiliges Ungewitter, als hätte er zwei Baronsfüchse vorm Wagen.“
Steffen wollte antworten, mußte aber immer noch husten.
Sophie stand ungeachtet der bannenden Miene des Vaters schon wieder an der Tür, um ihren häuslichen Obliegenheiten nachzugehen, und als Steffen sich endlich die Augen blank gewischt hatte, sah er das Mädchen nicht mehr. Ganz erbärmlich wurde ihm zu Mute; ja, es däuchte ihn, als wäre die Stube plötzlich ganz dunkel geworden. Er versuchte noch einmal, vorsichtig zu trinken, lobte darauf das Gebräu über die Maßen, legte dann beide Hände ausgestreckt auf die Knie, schielte alle Augenblicke nach der Tür und wurde, trotzdem Meister Drewes immer für neuen Gesprächsstoff sorgte, allmählich still und nachdenklich.
Der Alte warf der spinnenden Frau einen lächelnden Blick zu, stand auf und sagte: „Wie ist’s, Junge, willste dir nicht mal unsern Viehstand ansehen?“
„Ja, wenn’s Euch recht ist, Drewes Vetter!“ Da stand er auch schon bei der Tür.
Drewes meinte, er sähe nach der Inschrift, die das obere, von tulpenartigen Blumen umrahmte Fach der Tür enthielt, und sagte: „Die Schrift rührt noch von meines Vaters Bruder her, der dies Haus gebaut hat. Er hatte auch die Stellmacherei erlernt, konnte aber eigentlich ebenso gut zimmern und mauern und vielleicht noch besser malen. Die Tulpen, die du an der Tür siehst, hat er alle mit eigener Hand gemacht.“ Drewes legte den Zeigefinger auf die Inschrift und las laut: „Heinrich Friedrich Jürgen Drewes und Anna Katharina Dorothea Ossenkopp. Anno 1782.“
„Und die Inschrift hat er auch selber gemacht,“ fügte der Meister hinzu.
„Muß der aber ’n Kopf gehabt haben!“ bewunderte Steffen.
„Ja--a!“ machte Drewes in einem bedeutsamen Tone. „Das hat unser ehemaliger Vizekönig auch gesagt, als der mal im Woole auf der Jagd war.“ Hierauf schritt er voran nach der Küche, wo Sophie, beide Arme hochaufgekrämpelt, tief über einen schweren Eicheneimer gebückt stand, dessen Inhalt sie mit den Händen eifrig umrührte.
„Na, so fleißig, Fieke?“ fragte Steffen.
„Ein klein wenig,“ antwortete sie, und als sie sich erhob, waren die roten Arme rund herum mit Kleienhülsen und Milchtröpflein besprenkelt, während das hübsche Gesicht vom Eifer der Arbeit ganz feurig geworden war.
Sie nahm aus dem in der Herdecke stehenden Sacke noch eine Göpsche[15] voll Kleie, schüttete sie in den Eimer und bückte sich wieder, indem sie wie vorhin hantierte.
„Eiweih, ’n schönes Schweinefutter!“ lobte Steffen und schnalzte verständnisinnig mit der Zunge.
„Na, es geht an,“ meinte Drewes behäbig.
„Willste ’n bißchen?“ lachte Sophie und hielt ihm geschwind eine Hand voll des weißbraunen Gemisches dicht vor den Mund, strich ihm dann ein weniges an die Nase und hüpfte mit dem Eimer blitzschnell zur Hintertür hinaus.
„Fieke!“ mahnte Drewes, „kannste dich wieder nicht bergen!“
Steffen aber strahlte vor Freude und meinte, indem er sich mit dem Jackenärmel die Nase abwischte: „Da sollte man wahrhaftig Appetit auf kriegen.“
Drewes lachte breit auf und strich sich wohlgefällig übers Kinn.
Sie folgten dem Mädchen über die Diele nach dem kleinen Anbau, wo es grunzte und quiekte, sahen bewundernd zu, wie die saubern Borstentiere über das leckere Mahl herfielen und sich mit behaglichem Grunzen ganz lang streckten, als Sophie ihnen ein wenig den Rücken kraulte und ihnen dabei freundlich zusprach.
Da -- wie ein Donner aus heiterem Himmel -- tönte drüben von der Despe her Martens scharfe Stimme: „Schwerenot, Steffen, wo steckste denn so lange? Der Vater liegt im Bette und kann sich nicht helfen, und du gehst aus, als wenn’s Sonntag Nachmittag wäre!“
„I na, Marten!“ rief Drewes verwundert, während Sophie hastig ins Haus ging.
Über Steffens Gesicht zogen tiefe Schatten. „Was ist denn dir eingefallen? Was schreiste denn?“ rief er voll Verlegenheit und Zorn.
Marten antwortete nicht mehr, und Drewes ging mit Steffen nach der Küche zurück.
Sophie stand am Herde und blies ins Feuer.
„Ich hätte gern gesehen,“ ließ der Alte sich im Eintreten vernehmen, „daß du unsrer Tochter ’n bißchen beim Apfelabkriegen geholfen hättest, Junge! Du weißt, unsereiner kann so hoch nicht mehr steigen, und die Rötchen müssen sorgfältig gepflückt werden.“
„Aber Vater,“ fiel das Mädchen hastig ein, „das hat ja noch gar so ’ne Eile nicht. Und übrigens ist mir der Baum auch gar nicht zu hoch!“
„So!“ machte Drewes und warf ihr einen verweisenden Blick zu, während Steffen voll Eifers rief: „O, so ’n kleinen Gefallen tu ich euch herzlich gern! Muß nur geschwind mal nach Hause laufen und sehen, was der Gröhlhans will, dann bin ich gleich wieder da.“
Drewes trug dem Forthastenden noch einen Gruß für den Vater auf und wandte sich wieder zu seiner Tochter, die jetzt ganz übermäßig laut in der Küche herumwirtschaftete. „Du, Fieke,“ begann er in vorwurfsvollem Tone, „gestern ist dir aber der Apfelbaum noch zu hoch gewesen?“
Da sie nicht zu hören schien, zupfte er sie am kurzen Ärmel: „Hör’, Fieke, wenn Steffen zurückkommt, sei aber ’n bißchen anders gegen ihn, hörste?“
Sie kehrte sich beharrlich ab, brach plötzlich in ein helles Lachen aus und kehrte nun das lachende Gesicht dem Vater wieder zu. „Ja, Vater, wie soll ich denn nur anders gegen ihn sein? Ich kann ihm doch nicht auf n’ Rücken krauen, wie einem Ferkel.“
„Was ist das nur für ’n Vergleich, Kind!“
„No ja auch!“
„Fieke, sei verständig. Steffen ist ja ’n bißchen unbeholfen, aber du wirst ihn schon akkurat kriegen.“
Bautz!
Eine Milchbriwe[16], die Sophie gerade aus der Anrichte nahm, fiel zu Boden und zerplatzte in lauter Scherben.
„Wieder ’n Mariengroschen hin!“ rief Drewes fast ärgerlich und half die Scherben zusammenlesen.
Sophie war ganz still und bestürzt, ob infolge des Malheurs oder der unverhofften Wendung, die das Gespräch genommen hatte, das läßt sich genau nicht sagen.
„Na, die Pöttefrau wird wohl bald wiederkommen,“ tröstete Drewes und strahlte wieder in seiner behaglichen Gutmütigkeit.
„Drüben bei Oelkers wird sie auch nötig sein,“ meinte er hernach und setzte ihr eifrig auseinander, wie nötig bei „Oelkers Leuten“ überhaupt eine Frau täte. Dann hob er hervor, wie fleißig und brav der Steffen wäre, wie gut es ohne Zweifel ein Mädchen bei ihm kriege und was das noch für ein Hof werden könne, wenn erst einmal das alte abscheuliche Herrenrecht abgeschüttelt wäre und -- „wenn -- wenn -- he ja nun, wenn unsre Fieke erst einmal darauf schaltet und waltet!“
Unbekümmert um den Eindruck, den seine Worte auf das gebückt am Herde stehende Mädchen machten, sprach er sich noch in eine ordentliche Begeisterung hinein: „Mutter und ich werden dann alle Tage ’rüber kommen und nach dem Rechten sehen, aber nicht den umständlichen Weg durchs Dorf, -- nein, Fieke, ich werde die Stämme und Bohlen nehmen, die ich schon seit ’n paar Jahren zurecht gelegt habe, und werde uns ’n schönen Steg über die Despe bauen, so daß wir gleich aus unserm Hofe in euern ’rein kommen können. -- Nun denke dir ’mal, Kind, wenn ich so abends im Schummern mit meiner Pfeife über den Steg komme, und dein Kleiner jauchzt: ‚Großvater, Großvater!‘ und kommt mir dann schon entgegengewackelt ... Fieke, ’ne größere Freude kann ich mir ja gar nicht ausmalen! Und dann der zweite Junge! der muß natürlich Stellmacher werden und ...“
„Vater, nein aber, so’ne Anschläge!“ zürnte Sophie mit abgewandtem feuerroten Gesicht. „Ich mag ja noch gar keinen.“
„Ein Mädchen wie du, das keinen Schatz hat, ist wie ’n Hund ohne Schwanz,“ rief Drewes und fuhr mit lachendem Munde fort: „Was sollte denn sonst ’mal aus unserm Hause werden und aus meinem schönen Werkzeuge? Das muß doch in der Familie bleiben. Es hat mir Mühe genug gekostet, darüber weg zu denken, daß du kein Junge geworden bist, Fieke, dem ich meine Werkstelle ’mal hätte übergeben können.“
Nachdem er noch eine Weile in Scherz und Ernst auf sie eingeredet hatte, sah sie an ihrer Schürze herunter auf den Pantoffel, den sie mit dem Fuße hin und her stieß und sagte: „Freien muß ich ja am Ende wohl ’mal, aber, Vater, muß ich denn gerade Steffen nehmen?“
Sie betonte den Namen so stark und eigentümlich, daß der Vater sie forschend ansah.
„Marten wäre dir am Ende wohl lieber?“
„Ach, bewahre Vater! Den ich lieber habe, der hängt ja noch am Löffelbrett!“ entgegnete sie sehr schnell und machte erst eine lebhaft abwehrende Gebärde, worauf sie flink einen derben Holzlöffel von der Wand nahm und vor den Augen des Vaters schwenkte; aber das Lachen, das sie dabei anhob, klang ganz ungewöhnlich gepreßt, und auf dem schelmischen Gesicht brannte ein ganz neues Feuer.
„An Marten kann ja auch ganz und gar kein Gedanke sein,“ erklärte Vater Drewes mit aller Bestimmtheit, begründete diesen Entscheid aufs umständlichste und schloß: „Es ist nun ’mal so eingerichtet auf der Welt, der Älteste geht vor, und es kann eben nicht jeder ’n Hof haben.“
Damit betrachtete er die Sache für abgemacht. Ein Liedlein summend, begab er sich wohlgemut in die Werkstatt zurück.
Über Sophie aber war von dieser Stunde an eine ganz eigene Stille gekommen.
Fünftes Kapitel.
Als Steffen auf den väterlichen Hof zurückkam, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Bruder. Marten, der unterm Walnußbaume am Wagen hantierte, schien ordentlich zu rauchen vor Zorn und Unwillen; wie züngelnde Flammen schossen seine Blicke auf das Sonntagskaput des Bruders und die Sonntagsgamaschen des Vaters.
Steffen blieb erst ganz gelassen, warf nur hin und wieder einen Brocken hin, und als er endlich auch zu kochen begann, klopfte der Vater mit zitternder Hand ans Fenster.
Da wurden die Brüder still.
Steffen eilte in die Stube und sah den Vater ächzend auf der Erde liegen. Er half ihm wieder ins Bett und klagte: „Ich weiß gar nicht, was Marten in ’n Kopf gekommen ist.“
„Laß ’n, Junge!“ hauchte der Alte, „du mußt der Klügste sein: ein Brand brennt nicht lange. -- Also, laß ’n! Du weißt, er steigt immer rasch in ’n Turm, ist aber auch bald wieder unten. Vertragt euch! Was soll denn werden, wenn ich erst zwischen euch raus bin?“ Er atmete eine Weile tief und begann wieder: „Was haste denn drüben ausgerichtet, Junge?“
Steffen erzählte, wie es stand. Nun wollte er doch lieber zu Hause bleiben; sonst gäb’s hernach gewiß noch mehr Spektakel.
„Gleich gehste wieder rum!“ befahl der Alte und machte eine energische Bewegung. „Ich habe keine Zeit zu verlieren und will doch die Sache noch in Ordnung gebracht sehen. Rufe mir Marten herein, daß ich mit ihm sprechen kann. -- Und nun geh!“
Marten begegnete ihm bereits auf der kleinen Treppe, die zur Stube hinauf führte. Wie es schien, hatte er gehorcht.
Steffen ging in die Küche, sah nach der Eimerbank und holte noch geschwind eine „Reise“ Wasser vom Bache herein. Dabei kriegte er plötzlich das Grübeln. Eine eigentümliche Empfindung sagte ihm, daß er bei dem Besuche in Drewes Hause doch eine ziemlich klägliche Rolle gespielt hätte; eine heiße Welle schoß ihm ins Gesicht, und er duckte den Kopf, um die Empfindung zu verbergen. Er blieb im Wirrwar der Gedanken hängen und geriet allmählich in eine fiebernde Aufregung. Das fühlte er: So „stoffelig“ durfte er dem Mädchen nicht noch einmal kommen, sollte das Apfelpflücken ihm etwas anderes einbringen als einen freundlichen Dank. „Wenn ich nur nicht so einen abscheulichen Holzkopf hätte,“ seufzte er gar und machte zwei komische Fäuste gegen seine Stirne.
Plötzlich gab’s ihm einen Ruck, er machte einen hastigen Schritt nach dem schwarzen Schranke, der in der Herdecke stand, öffnete die schief hängende Tür mit einiger Behutsamkeit und nahm einen verkorkten schmalen Krug heraus, der bei der Bewegung ein eigentümliches „Schülpen“[17] hören ließ. Er tat einen raschen Zug, setzte den Krug hin, sah sich wieder um, trank abermals und flüsterte, während zwischen den fahlen Lidern ein heller Strahl herausschoß: „Du mußt mir ’s Herze kuragierter machen!“
Bald danach stand Steffen bei Sophie unter dem Rötchenbaume. Sie meinte etwas kleinlaut, er könne doch die Äpfel bald nicht mehr sehen.
„Oh, was ich nicht sehe, das fühle ich,“ erwiderte er eifrig, band sich ein weißes Laken um und stieg rasch hinauf. Sophie trat auf eine der unteren Sprossen und suchte von den nächsten Zweigen abzupflücken.
Meister Drewes ging eben mit einem Pflugrade am Zaune vorüber. „Na, das ist recht, Steffen!“ nickte er befriedigt und setzte seinen Weg fort, blieb jedoch nach einer kurzen Zeit wieder stehen und rief zurück: „Laßt aber ’n paar Äpfel sitzen, sonst trägt der Baum im nächsten Jahre nicht.“ --
Steffen pflückte behende Apfel um Apfel, wobei die Zungenspitze immer mitpflückte und um so länger herauskam, je schwieriger ein Zweig zu erreichen war.
Sophie kicherte, sagte aber nichts.
Ebensowenig sagte er etwas, denn er wußte nichts; er hoffte, daß ihm beim nächsten Apfel etwas Gescheites einfallen würde. Zu seinem nicht geringen Verdrusse fiel ihm jedoch gar nichts ein, und so hörte man außer dem Knicken und Knacken der Zweige und dem Rascheln der Blätter lange keinen Ton zwischen den beiden. Plötzlich klang es ihm im Ohr, so daß er im Pflücken innehielt, die Hand vor’s Ohr legte und das Mädchen witzig fragte, ob sie’s auch gehört hätte.
Lachend schüttelte sie den Kopf. Ob’s das linke oder das rechte Ohr wäre?
Das rechte wäre es.
Da zog sie die Brauen hoch und sagte:
„Recht Ohr, flecht Ohr; Link Ohr, klink Ohr!“
Es wäre also ein unglücklicher Klang gewesen.
Dann hoffe er, daß es ihm bald auch im linken Ohr klänge, erwiderte er und pflückte weiter.
Da tauchte bei der Grandkuhle drüben auf dem Felde die Spitze der Schafherde auf. Die Lämmer mä--ähten, die Mütter bläkten, der Hund bellte und zog plötzlich eine scharfe Schnur um sie her. Auf dem Rande der Grandkuhle stand der langbemäntelte Schäfer und schlickerte mit seinem langen Haken ein Grübchen Erde unter die Herde.
Steffen hielt inne, guckte nach der Grandkuhle hinüber und lachte.
Neugierig sah Fieke ebenfalls dorthin.
„Kennst du die Geschichte, Fieke?“ fragte er.
„Welche denn?“ fragte sie.
Er legte den Finger an die Nase, stieg einen Ast abwärts und erzählte: „Es war mal ’n Schäfer, der mochte sich nicht gern rühren. Und er lag am liebsten unterm Baume im Schatten. Und einmal lag er unter einem wilden Feldbirnbaume, der Schäfer, und hatte seinen Holster, der voll gestopft war mit Wurst und Schinken, an einen Zweig gehängt, seinen Holster, der Schäfer. Ja, und wie er so ’ne Weile dagelegen hatte, da fing er auf ’nmal an zu heulen und heulte immer zu, der Schäfer. Und sein Hund heulte zuletzt auch mit, dem Schäfer sein Hund. Ja. Und da kamen Leute vorbei und wunderten sich, die Leute, daß der Schäfer und sein Hund so heulten, der Schäfer und sein Hund. ‚Ach Gott,‘ riefen sie mitleidig und blieben stehen, ‚ach Gott, Schäfer, was heulst du denn so!‘ riefen sie, die Leute. ‚Ach,‘ antwortete er da und schnuckte ordentlich wie ’n Kind, der Schäfer, ‚och, ich habe ja so ’n großen Hunger.‘ ‚Och lieber Gott,‘ sagen da die Leute und legen die Taschen ab und nötigen: ‚Dann komm’ doch nur erst gleich her, wir wollen dir was zu essen geben,‘ sagen die Leute. Aber da räkelt sich der Schäfer auf der Birnbaumwurzel und antwortet: ‚Och, wenn ich erst aufstehen wollte, dann brauchte ich ja nur nach meinem Holster zu langen, da ist noch genug Brot und Schinken drinne, in meinem Holster,‘ sagt der Schäfer.“
Das Mädchen lachte hell auf. „Nein, Steffen, so ’ne Geschichte! Die paßt aber auf unsern Schäfer gar nicht. Nein, der räkelt sich nicht auf der Birnbaumwurzel. Vorige Woche hat er uns ’n wunderschönen Schöttelkranz[18] gemacht, gerade so, wie ich ’n schon lange haben wollte; und diese Woche schnitzt er uns ’ne neue Krüselstange, mit Sternen und Kränzen daran und einem Engel, der unterm Himmel hinfliegt! Nein, Steffen, der ist nicht so ’n Faullax wie dein Schäfer.“ Und hinterdrein sang sie:
„Ein Schäfer fährt morgens mit Sorgen schon früh Seine Schafe zur Weide, hat niemals keine Ruh. Des Abends spät schlafen, des Morgens früh auf, Die Sorgen am Morgen, die wecken ihn auf. Keine Rose ...“
Hier brach sie ab, als hätte sie sich auf die Zunge gebissen.
„Es geht aber noch weiter,“ drängte Steffen.
„Ach nein, das ist dumm, das gehört gar nicht dazu,“ lachte sie. Dann sang sie doch weiter:
„Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön, Als wenn zwei Verliebte beisammen tun stehn. Keine Distel, keine Dorn kann stechen so sehr, Als wenn zwei Verliebte von einander tun gehn. Setz du dir ’nen Spiegel ins Herz tief hinein, Dann kannst du ja sehen, wie gut ich es mein!“
Da Steffen sie mit leuchtenden Augen ansah, lachte sie wieder und sagte: „Das ist wirklich ganz albern.“ ...
In diesem Augenblicke machte der Hahn, der noch mit zwei Hühnern in der Nähe war, während die übrigen schon die kleine Leiter an Drewes Hause hinaufkletterten, einen hohen stracken Hals und schrie etwas, wobei er die Augen zudrückte.
„Weißt du, Fieke,“ fragte Steffen sogleich mit erneuter Pfiffigkeit, „warum euer Hahn beim Krähen immer die Augen zumacht?“
„Nein, das hat er mir noch nicht erklärt!“
„Nun, weil er seinen Text schon lange auswendig kann.“
„O, du Kujon!“
Eine Weile hörte man nun nichts als das Rascheln und Rupfen, Brechen und Knacken.
Steffen blinzelte aber immerfort zwischen den Zweigen hinab, und da er gewahrte, daß Sophie einen Apfel liebevoll betrachtete und plötzlich zwischen die prächtigen, weißen Zähne schob, rief er ganz entsetzt: „Fieke, Fieke, Mädchen, in aller Welt!“
Erschrocken sah sie zu ihm empor.
Da erhob er mahnend den Finger, über sein gerötetes Gesicht ging ein Strahlen und Zucken, und er sagte: „Weißt du nicht, was im ersten Buch Moses im zweiten Kapitel im sechzehnten und siebzehnten Verse steht? Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von dem Baume des Erkenntnisses Gutes und Böses sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.“
„Aber Steffen!“ rief sie nach kurzem Stocken, und dann kam ein helles Lachen; und dann biß sie erst recht in den Apfel und lachte mit kauendem Munde noch lange fort.
Steffen kicherte für sich hin. Auf einmal begann er wieder: „Weißte was, Fieke?“
Sie schielte hinauf und fragte mit einem Apfelstück in der Backe: „Na, Steffen, welche Bibelstelle kommt jetzt?“
„Jetzt kommt keine, aber jetzt kommt etwas anderes,“ antwortete er mit wichtigem Tone. „Ich wollte nur sagen, es wäre eigentlich schön, wollte ich sagen, ja, Fieke, mußt aber nicht lachen -- es wäre schön, wollte ich nur sagen: Könnten wir diese Äpfel nun alle Jahre mit’nander pflücken.“
„Aber das können wir ja, wenn dir’s so viel Vergnügen macht,“ erwiderte sie ruhig und ohne Lachen.
Jetzt ist’s Zeit, jetzt werde ich’s richtig machen; aber dazu muß ich festen Boden unter den Füßen haben, dachte er und sagte mit einem Ächzer: „Ho, ich muß ausschütten!“
Flugs sprang sie von der Sprosse ins Gras.
„Nicht wahr, so ein Rötchenapfel hat sein Gewicht?“ rief sie und rückte den Korb näher an die Leiter.
„Ei den Donner!“ stimmte er im Herabsteigen zu, und Sophie rückte den Korb zurecht und half ihm das Laken in korbgerechte Richtung bringen.
Als die letzten Äpfel hineinrollten, drängte er seinen Arm gegen ihr Mieder und sagte mit glühendem Gesicht: „Das sind wunderschöne Äpfel, Fieke, -- aber ich weiß was, was noch schöner ist ...“
„Du, Steffen,“ fiel sie anscheinend ganz arglos ein, „ihr könntet uns eigentlich ’n Gefallen tun und uns ’n Korb voll Rötchen mit nach Hilmesse nehmen!“