Der Bruderhof

Part 1

Chapter 13,616 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1905 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen sowie Dialektausdrücke bleiben gegenüber der gedruckten Fassung unverändert.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Der Bruderhof.

Eine bäuerliche Liebes- und Leidens-Geschichte

von

Heinrich Sohnrey.

9.-11. Tausend.

Berlin. Martin Warneck. 1905.

Druck vom Christl. Verlagshaus, Stuttgart.

Drüben die laubholzreichen Siebenberge oder Sieben Brüder, wie die eigentümliche siebenköpfige Leinebergkette zwischen Alfeld und Gronau wohl auch genannt wird; hüben die südwestlichen Ausläufer des Hildesheimer Waldes, deren wohlgepflegten Forsten Axt und Pflugschar in den letzten Jahrzehnten vielfach breite dunkelgrüne Ackerstücke abzwang, strotzend im herrlichen Wachstum der Urkraft. Zwischen beiden Bergzügen eine flache, fruchtbare Talebene, die, vom Nordwestrande des Harzes ausgehend, beim jähen Abfall der Siebenberge in die breite Gronauer Ebene sich verliert, die schon in das norddeutsche Tiefland hineinlugt.

Einen besonderen Namen hat dies Talland nicht mehr. Von den alten niedersächsischen Gaunamen hat sich nur der Ambergau im Osten lebendig erhalten, während der Flenitigau und Auringo, wie der mittlere und westliche Teil ehemals genannt wurden, längst der Vergessenheit anheimgefallen sind. Nur hier und da zeugte noch ein dunkler Flurname von den uralten Stätten der Geschichte, aber seitdem der Geometer mit seinen Ketten und Stangen auf den Feldmarken erschien und hier seine schnurgeraden mathematischen Figuren abzirkelte, sind mit den alten krummen Wegen und Schluchten und mit den urwüchsigen Büschen und Bäumen auch die letzten Flurnamen verschwunden, abgefallen wie die Blätter an einem verdorrten Baume. Heute erinnert schon gar nichts mehr an die Zustände der Vergangenheit. Keine alte knorrige Feldlinde mehr, kein Anger und keine Allmende, die Zeugnis ablegen könnten von dem gemeinschaftlichen Leben der Vergangenheit; keine Haselhecke und kein Feldrosenstrauch, keine Drossel und kein Hänfling, die von Liebe und Leid früherer Zeiten zu reden vermöchten; kein Sagengrund, wo noch der zauberhafte Klang von altem Gold und Silber zu hören wäre; -- ja, nicht einmal ein brombeerumrankter Steinhaufen mehr, von dem aus man den Herrn Generalkommissar und seine Geometer, falls sie einmal zum Nachmessen kommen sollten, aus dem Tal hinaus bombardieren könnte, -- zur Strafe dafür, daß sie die alte Romantik des Tales so ganz und gar zu Tode gemessen haben.

Alles eine blanke, heckenlose baumleere Breite, ohne Rast und ohne Ruh.

Und der Bauer, der hier lebt und stirbt? Teilt er wohl diese unsere elegischen Empfindungen?

Ach behüte, nein! Sieh’ ihn nur an, mit welcher stolzen Selbstzufriedenheit er seinen Chili streut; mit welcher sichern Zuversicht er den reichen Ertrag seiner wogenden Breite erwartet! Ja, sieh’ ihn an, und von allem, was du empfindest, von dem Reiz der alten Romantik, der in deinen Sinnen liegt, merkst du an ihm nicht eine Spur.

Gar zu erbärmlich und trübselig auch ist das Bild, das er in seinen Erinnerungen bewahrt, das er in seiner ersten Jugendzeit lebenswirklich sah. Noch sitzt hie und da ein Weißhaariger hinterm Ofen, der mit seinen Jahren über jene Zeit hinausreicht, da das Gesetz den Bauernstand von dem schweren Joche befreite, das willkürliche Herrenmacht ihm aufgehalst hatte. Es sind noch nicht viel über fünfzig Jahre her, da der letzte „Kolon“ dieses Tales in demütigster Unterwürfigkeit beim Herrn Baron oder Grafen „Meierstatt halten“ mußte.

Unsere Sinnenwelt, unser Gemüt empfindet eine Verarmung an unberührter Ursprünglichkeit, an sinnfälliger Poesie. Aber wer darfs dem Bauern verdenken, wenn er für die alten Erscheinungen seiner Heimat, die doch Zeugen seiner traurigsten Vergangenheit sind und nur traurige Erinnerungen in ihm erwecken können, nichts, auch gar nichts mehr empfindet! Ja, wer darf ihn schmähen, hat er nun selbst für alte Linden und duftige Feldrosen keinen rechten Sinn mehr. --

Mitten durchs Tal zieht sich eine Kette von kleineren und größeren Dörfern, und durch die Kette schlingt sich das silberne Bändchen eines schmalen Flüßchens, in den Dörfern die Despe genannt. Einst standen Erlen und Weiden an ihren Ufern, und neckische Wasserjungfrauen spielten in den Fluten, oder tanzten nach den Weisen der Vögel, die in den Bäumen musizierten. Heute, wo die Despe ohne den Schatten einer Erle oder Weide ihren Weg durch die Talfluren laufen muß und der Sommersonnenbrand vom Morgen bis zum Abend auf ihrem flachen Bette liegt, hat sie oft hart mit dem Dasein zu ringen; im Hochsommer sind es zumeist nur noch einige Tränen, die zwischen den gebleichten Steinen auf dem Grunde hinsickern und von der schweren Lebensnot des ehemals so lebensfrohen Bächleins zeugen. Nur wenn es an dem merkwürdigen alten Gehöfte in Woldhausen, einem kleinen Dorfe des Tales, vorüberkommt, jenem alten Gehöfte, das in den alten Meierbriefen als „wüster Hof“ bezeichnet wird, im Volksmund später aber als der „Bruderhof“ getauft wurde, findet es immer noch eine kleine schattige Bucht, wo es sich ein wenig zu sammeln und zu erholen vermag, wo es noch einmal von den verflossenen Zeiten träumen kann. Das waren für die Bächlein wohl goldene Zeiten, für die gemeinen Menschenkinder aber, die an ihren Ufern wohnten und scharwerkten, müssen es gar bitterböse Zeiten gewesen sein.

Ich höre das Bächlein murmeln. Eine Welle hebt sich auf den runden Kieselstein und blickt hinauf nach dem schmalen, gedrückten Giebel des Hauses mit den bröckligen Fächern und der schief hängenden Bodenklappe. Und der Blick gleitet über das morsche Gebälk hinab auf die zwei kleinen Fenster, die in den verfallenen Wänden liegen wie die müden, trüben Augen im vergrämten Antlitze eines unglücklichen alten Mannes.

Aber das Auge des Bächleins sieht noch ein andres Bild: Ein großes, schweres Kreuz, das ein Stand dem andern und ein Bruder dem andern einst auf diesem Bauernhofe errichtete. Ein großes, schweres Kreuz -- und ein bleiches Bauernhaupt daran. Es ist, als wär’ es heute noch zu sehen auf dem winkligen Hofe, über den der alte Walnußbaum seinen Dämmerschatten breitet, oder als recke es noch immer die Arme aus drinnen in der stillen Stube vor dem kahlen kleinen Fenster. --

Während ringsum die Höfe sich sehr breit gemacht haben und glänzend geputzt dastehen, hat sich der Bruderhof in all den Jahren, die seit jenem Ereignisse verflossen, nur wenig geändert. Der Wickelbrunnen auf dem Hofe unter dem Walnußbaume war freilich vor fünfzig Jahren noch nicht; wer damals trinken wollte, so hören wir die Despe lispeln, kam zu mir, und ich gab ihm reichlich für ihn und sein Vieh.

Sonst aber ist es noch ganz und gar wie damals vor fünfzig Jahren! Ein verschrumpeltes, gedrücktes, gebücktes Bäuerlein, dem harte Fronarbeit, dem Sorge und Sünde ihren Stempel aufgedrückt haben.

Erstes Kapitel.

Der Wind stieß an den Walnußbaum. Und die Zweige stießen an das Dach. Klatsch -- fiel ein mürber Stein auf den Hof, daß die Scherben gegen das niedrige Fenster flogen.

„Das ist nun schon der dritte!“ rief Marten, der jüngste der beiden Söhne und ging eilends hinaus.

„Es wird bald eine Veränderung im Hause geben,“ sagte der alte Oelkers, der schon geraume Zeit kränkelte und mit gebücktem Nacken im alten Holzlehnstuhle neben dem Bette saß.

„Meinst du, daß es nicht der Wind ist, Vater?“ fragte Steffen, sein Ältester, der auf der Bank unterm Fenster saß und Fizebohnen krüllte, eine Arbeit, die sonst den Frauen zuzufallen pflegt.

„Es ist nicht der Wind, Junge, es ist ’ne Vorbedeutung, Junge. Es wird wohl die längste Zeit mit mir gedauert haben, glaube ich.“

„Ach was, Vater! Du stirbst noch nicht, noch lange nicht. Weißt du, was ich eher glaube?“

Der Alte sah den Jungen erwartungsvoll an, und dieser fuhr fort:

„Ich glaube, es ist ’n Unding im Hause, ich habe heute morgen so was hinterm Schornsteine liegen sehen. Wenn das man nicht so ’ne Art Leber gewesen ist. Du weißt doch, wenn einer die Leber von einer Fledermaus hinterm Schornsteine versteckt, so ziehen die Undinger durch den Schornstein und quälen die Leute. Ich will doch gleich noch mal danach sehen!“

Es dämmerte schon stark hinter den kurzscheibigen Schiebefenstern, und man konnte nicht recht mehr sehen, was für ein Gesicht Steffen machte, ob er wirklich an das „Unding“ glaubte, oder ob er nur davon sprach, um den Vater auf andre Gedanken zu bringen. Er stellte den Bohnenkorb unter die Fensterbank, stand auf und ging hinaus.

Der Vater schüttelte den Kopf und murmelte etwas.

Draußen gingen Leute vorüber und lachten.

„Die können noch lachen,“ seufzte der Alte und stöhnte vor Schmerz.

Der Abend webte immer mehr seiner dunklen Fäden in die Leinewand des Septembertages. Das Käuzchen erwachte und rief den Gänsen etwas zu, die noch vergessen auf dem Hofe standen.

Der alte Oelkers aber meinte, es gelte ihm, er verstand: „Herriut! Herriut!“[1], und er stöhnte noch lauter.

Marten kam herein. „Vater, wir müssen ’n Dachdecker kommen lassen, es ist alles morsch.“

„Ja, es ist alles morsch,“ wiederholte der Alte. „Aber --,“ setzte er hinzu, „erst ’n Sargmacher und dann ’n Dachdecker.“

„Was sagt Ihr, Vater?“

„Hörste das Leichhuhn, Junge?“

„Ach was, Vater!“

„Hörste ’s nicht, Junge? Hörste ’s nicht? Sieh doch mal, daß du’s vom Hause wegkriegst, daß es mir nicht die ganze Nacht wieder in den Ohren liegt. ’s hat’s bei eurer Mutter auch so gemacht.“

Marten schüttelte den Kopf, schob das Fenster auf und horchte hinaus.

Steffen trieb gerade die Gänse nach dem Stalle und fluchte dabei, weil der Gante vor der Tür immer wieder ausbog und dadurch die ganze Schar wirr machte, so daß etliche links, etliche rechts auseinander stoben.

Marten lachte, sah forschend nach den Obstbäumen drüben über der Despe und sah gleichmütig hinauf nach den feinen blassen Sternen, die eben im Himmelsgrunde auftauchten und ihre Silberfäden in das Gewebe des Abends wirkten.

Den Vater schüttelte ein Frostschauder. Er kauerte sich zusammen und sagte: „Jetzt geht der Tod über die Stelle, da ich liegen werde.“ --

Marten stand noch spähend am Fenster.

„Hörste ’s, Junge?“

Herriut! Herriut! --

Ja, jetzt hörte er’s.

„Ich will es schon weg kriegen, Vater!“ sagte er, ging rasch hinaus und sah nach dem kleinen dreieckigen Loche oben über den Strohdocken des Giebels, wo die Eule gern zu sitzen pflegte. Er konnte den dreieckigen Umriß noch recht gut erkennen, strengte die Augen an und gewahrte auf einmal einen seltsamen Feuerball, der vom Himmel jählings über den First hinsauste. Es zuckte und flimmerte ihm vor den Augen, und als er wieder hinaufsah, wirbelte es wie ein Feuerrad in dem Giebelloche herum. Ein rieselndes Grausen im Nacken, riß er einen Splitter aus der Holzfimme, die wie ein breiter Kegel vor der Giebelseite stand, und warf ihn mit voller Kraft nach dem Eulenloche.

Das Gepolter wurde von einem hellen Mädchenlachen übertönt, und als der Splitter zu Boden fiel, flogen dem Burschen ein paar rotbäckige Äpfel um die Füße.

Hätte sie sich nicht durch ihr Lachen verraten, würde er’s doch alsbald an den Äpfeln gemerkt haben, wer dort über der Despe hinter der Haselhecke sich verborgen hielt, denn solche Äpfel gab es nur in Drewes Garten.

Er las sie hurtig auf und lief an das Ufer: „Sollst auch recht bedankt sein, Fieke, und hättest du mir auch ’n Loch in ’n Kopf geworfen.“

Wieder erscholl das helle Lachen. Dann raschelte es in der Hecke, die nach der Despe hinabhängenden Weißellern und Erlenbüsche schlugen auseinander, und ein schlankes Mädchen stand da, mit der Linken die zusammengepreßten Zipfel der Schürze haltend, die schwer mit Äpfeln gefüllt war.

„Bei dir ist’s wohl nicht ganz richtig heute abend, daß du euer Haus mit Splittern wirfst?“ fragte sie in ihrem lachenden Tone.

„Ich wollte das Leichhuhn treffen,“ erklärte er.

Sie zuckte ein wenig zusammen. „I gitte! War denn eins da?“ rief sie in einem zwischen Angst und Lachen steckenden Tone.

„O gewiß war eins da, ich glaube gar, eins mit hundert Augen!“ versicherte er eifrig.

Sie schüttelte sich; aber ihr Grauen hatte einen komischen Anstrich. „Ein Leichhuhn mit hundert Augen? Hu, mir graut, ich mache, daß ich ins Haus komme!“ Die Büsche raschelten.

„Bleib noch ’n Augenblick, Fieke,“ bat er, „dir kann’s doch nichts anhaben.“

„Wer weiß!“ entgegnete sie und blieb unschlüssig in der Hecke stehen.

Horch, horch! Wieder kam durch die dämmerige Stille der klagende, seufzende Ruf.

„Es ist gerade wieder wie damals, als unsere Mutter starb,“ sagte Marten. „Das Leichhuhn hat gemerkt, daß es auch mit unserm Vater nicht mehr recht gehen will. Aber ich werde jetzt alle Nacht aufbleiben und es schon fortkriegen.“

Die Büsche schlugen wieder zusammen, das Mädchen stand wieder ganz vorn am Uferrande und fragte bestürzt: „Steht’s wirklich so arg mit eurem Vater?“

„Er wird alle Tage hinfälliger,“ sagte Marten traurig.

„Na, er wird sich schon wieder aufrappeln,“ meinte sie, merklich bemüht, einen beruhigenden und ermunternden Ton zu treffen. „Euer Vater ist eine zähe Natur, der hat schon viel ausgehalten; ich meine, da kann die alte Eule noch lange schreien.“

Da schrie sie auch schon wieder. Doch die Rufe kamen jetzt aus den Obsthöfen drüben überm Bach her, und es fragte sich nur, aus welchem Hofe und von welchem Baume?

„Vielleicht sitzt sie gar in unserm Rötchenbaume,“ rief Fieke ängstlich und sah sich mit Schaudern um.

„Warte, da soll sie sich aber verjagen!“ Und er wollte sogleich über den Bach, als sie warnend den Finger erhob und lachend mahnte: Er hätte ja nur Holzschuhe an und würde ganz nasse Füße kriegen.

„Besser nasse Füße als nasse Ohren!“ Da hatte er auch schon ein paar große Steine aufeinander gelegt und sich im Nu hinüber balanciert.

Die Büsche schlugen wieder zusammen, und bald sah man die beiden drüben unter dem Rötchenbaume, dessen breite Zweige unter der Fülle seiner rotbäckigen Äpfel tief niederhingen.

Da kam unter den Zwetschenbäumen her, zwischen deren dichtem Gezweige sich ein freundliches Haus erhob, ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit breiter Brust und einem gesunden, etwas vollbackigen Gesicht, das von einer tief ausrasierten Bartkrause umrahmt war. Barhäuptig und in bloßen Hemdärmeln, hatte er die eine Hand gemächlich hinter die blauleinene Handwerkerschürze gesteckt, während er mit der anderen die kurze, knorrige Pfeife hielt, der die paffenden Lippen einen urkräftigen Knasterduft entlockten.

„No, Junge, wie geht’s denn?“ rief er in einem anheimelnd tiefen Tone, „ist die Leber und alles andere noch frisch und gesund? He, ich denke doch?“

„Bei mir wohl, Meister Drewes, aber beim Vater nicht!“

„Ach, der läßt sich so leicht nicht unterkriegen, Junge, dein Vater! Der ist von Stahl, habe ich immer gesagt.“

„Aber, Drewes Vetter, wenn der Multworm[2] dicht am Hause wirft und ’s Leichhuhn ruft, muß das doch etwas zu bedeuten haben.“

„Du solltest doch mal hinüber gehen, Vater,“ mahnte die Tochter und berichtete voll Eifers, was sie von Marten gehört hatte.

Da ließ Drewes die beiden stehen und ging mit ordentlicher Hast nach dem Hause zurück, um durch die Pforte auf die Straße zu gelangen, die zwischen einer kleinen Gruppe alter Eichen hindurch über die hölzerne Despebrücke und an der verfallenen Kirchhofsmauer vorbei dem Oelkersschen Hofe zuführte.

Zweites Kapitel.

Steffen, Martens älterer Bruder, hatte inzwischen dem Vater das Bett zurechtgemacht, das in der Wohnstube an der getünchten Innenwand aufgeschlagen war; er hatte das Stroh hochgelockert und einen mit selbstgewirktem groben Leinen überzogenen Pfühl darauf gelegt, dann dem leise ächzenden Vater sorglich hinaufgeholfen. Nun tastete er auf dem Boden umher, um die hingefallenen Strohspiere aufzulesen.

Da die Mutter nicht mehr lebte und eine Magd nicht gehalten werden konnte, hatte Steffen sich gewöhnen müssen, das innere Hauswesen zu besorgen. Er war eine arbeitsame, ruhige und geduldige Natur, die sich bei aller Schwerfälligkeit doch in jede Arbeit zu schicken wußte und alle Mühe und Last als etwas durchaus Selbstverständliches auf sich nahm. Er kochte und wusch, fegte und räumte, melkte und butterte beinah so geschickt wie die Mutter selbst, der er schon in den letzten Jahren ihres Lebens in den häuslichen Dingen ein treuer Gehilfe gewesen war. Er verstand überdies tapfer zu flicken, sogar Schuhe mit neuen Riestern und Sohlen zu versehen, und da die Einkünfte des Hofes größtenteils für die Meiergefälle und für „sonstige Prästationen“ aufgewandt werden mußten, waren diese kleinen Künste nicht gering zu veranschlagen.

Ein eigentümlicher „Krauter“, dieser Steffen! In seiner Gestalt von gut hainbuchenartigem Gepräge, kurz, steif und steifhaarig, mit eigentümlich blöde blickenden grauen Augen, hellborstigen Backen und einer kurzen Sattelnase, machte er gewöhnlich auch in geistiger Hinsicht den Eindruck etwas zu kurzen Wachstums. Doch war es in Wirklichkeit gar nicht so kurz, was sich namentlich dann offenbarte, wenn er einmal „einen Kleinen sitzen hatte“. Und das war gewöhnlich bei den gesellschaftlichen Gemeindehantierungen der Fall, beim Streuen von Maulwurfshaufen auf dem Pfingstanger, beim Heckenhauen, Weidenköpfen, Angerhüten und dergleichen. Dann erwies sich stets, daß er manches wußte, was andre eben zum ersten Male hörten, daß er z. B. nicht nur den Wicken-Thies[3] gut kannte, sondern auch in der Bibel genau Bescheid wußte. Die Leute pflegten daher zu sagen: „Der Steffen ist ’n Kujon und hat mehr Witz in der kleinen Zehe, als mancher Amman in seinem großen Kopfe.“

Sobald aber der „Kleine“ verraucht war, schien es Steffen ähnlich zu ergehen wie jener eigenartigen Blume in Drewes Garten, die ihren Kopf zuschloß, sobald die Sonne hinter den Siebenbergen hinabrutschte. Er war sich der Unzulänglichkeit seiner Natur auch selbst wohl bewußt, pflegte sich darum am liebsten ganz abseits zu halten und die äußeren Angelegenheiten des Hofes von seinem jüngeren Bruder besorgen zu lassen, der weltsinniger als er geartet war, in seiner Gestalt auch mehr der schlanken, glatten Rotbuche als der kurzen, struppigen Hainbuche glich.

Solange der Vater noch rüstig auf den Beinen stand, war es ausschließlich seine Sorge gewesen, daß der Meierzins rechtzeitig zum Hofherrn nach Bodenburg kam. Dreißig Jahre lang hatte er ihn selber hingetragen; im letzten Jahre aber war ihm das Gehen bereits so schwer gefallen, daß er die Gamaschen wieder abknöpfte und seinen Ältesten mit dem Gange betraute. Es war ihm fast wie eine bittere Entsagung vorgekommen; man konnte ihn gar seufzen hören: „Ein Gang, den der Mensch seit dreißig Jahren ununterbrochen gemacht hat, wird einem schließlich zur Natur, auch wenn einer auf diesem Gange aller Mühe Preis von dannen tragen muß.“

Jetzt hatte Vater Oelkers sich darein gefunden und bereits angeordnet, daß Steffen auch am kommenden Martinstage den Zins nach Bodenburg tragen solle, um bei der Gelegenheit dann sogleich den Hof für sich zu meiern.

Steffen hatte eben das aufgeraffte Stroh bei den Füßen des Vaters unter den Unterpfühl gesteckt und ging mit sachtem, aber dennoch dröhnendem Schritt nach der Tür, die auf die Küchentreppe hinausführte.

„Junge,“ rief der Alte, „steck erst den Krüsel an und dann setze dich mal ’n Augenblick daher. Ich habe mit dir was zu reden; denn ich glaube, ich werde den nächsten Martinstag nicht mehr erleben.“

Steffen ging ohne ein Wort in die Stube zurück, griff nach dem Ölkrüsel an der Zahnstange, die in der Nähe des Lehmofens vom Balken herabhing, nahm Zunder, Stahl und Stein vom Wandbrette über dem Ofen und „pinkte“ so lange, bis der Zunder fing. Den brennenden Krüsel, der ein bräunliches Dämmerlicht in der Stube verbreitete, hing er wieder an die Stange; dann rückte er einen Holzschemel an das Bett und setzte sich darauf.

Die blassen Knochenhände griffen wie in krampfartigem Schmerz in den buntgestreiften Leinewandüberzug der Decke, und über das tief in den Kissen liegende hohläugige Gesicht, dessen untere Hälfte von weißen Haarstoppeln starrte, ging ein schmerzvolles Zerren und Ziehen.

„Es dauert nicht so lange mehr, als unser Heiland Jesus Christus in der Erde lag -- dann liege ich auf dem Stroh,“ stöhnte der Alte.

Steffen klopfte sorglich über die Decke, um die Federwülste, die sich hier und da unter den Windungen des Kranken gebildet hatten, auszugleichen. „Vater, ich will Euch noch ’n ordentlichen Topf voll Kamillentee kochen, der tut Euch gut für die Nacht,“ sagte er gutmütig, aber in etwas leierndem Tone.

„Och, Junge, gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. An mir hilft kein Kamillentee mehr. Immerhin -- man weiß ja doch nicht, wie lange der liebe Gott noch mit einem warten will. Da ist denn eine Hilfe weniger, aber eine große Last mehr im Hause ...“

„Och, Vater!“ beschwichtigte Steffen ihn.

„Doch, Junge. Und darum, wollt’ ich sagen, muß eine junge Frau ins Haus -- und zwar so bald wie möglich. Du mußt freien, Junge. Das mußt du.“

„Och, Vater!“ wehrte Steffen wieder und wickelte in seiner Verlegenheit das heraushängende Bettlaken auf. Ein solches Thema hatte er mit ihm niemals erörtert.

„Haste schon mal mit Nabers Fieke gesprochen?“ fragte der Alte und stemmte sich auf die Hände.

Da ging Steffen hastig ans Fenster, als ob er den Vater jetzt nicht gut ansehen könne.

„No?“

Steffen drückte mit den Fingern auf die Erde in dem Rosmarintopfe, der auf dem schmalen Fensterbrette stand, und guckte auf die grünlichen kleinen Fensterscheiben.

„Ja, versucht hab’ ich’s wohl schon,“ druckste er endlich heraus, „aber“ ... Da steckte er wieder fest.

„Aber,“ fuhr der Alte nun mit einem vorüberhuschenden Lächeln fort,

„Frieen hät Meue, Gift Bedden un Keue.“[4]

Steffen schob die flachen Hände auf den Knieen hin und her. „Ich habe ja schon mal so um die Brenne[5] geschlagen, aber ich weiß immer nicht recht, woran ich eigentlich bin,“ sagte er endlich, und ärgerlich fügte er hinzu: „Sie hat so ’ne verflucht übermütige und so ’ne ... so ’ne Art, -- sie kann einen ganz albern im Kopfe machen, und -- und -- ich komme mir auch immer ganz albern bei ihr vor.“

„Hm,“ machte der Vater, und ein Lächeln huschte wieder über seine schmerzhaften Züge, „dann ist’s aber Zeit, daß du ihr einmal gehörig zu Leibe gehst. Mädchen, die einen albern machen, sind hernach schwer zu kriegen. Die Fieke ist nun aber ’mal so ’n rechtes, so ’n festes Mädchen. Die hat Arme und bringt ordentlich was ins Haus. Das ist ’ne Art. Käp Nawers Rind, frigge Nawers Kind, sau werste nich bedragen.[6] Darum mußt du die Brust ’raus drücken und ihr jetzt ’n Mann zeigen, der stramm in der Hose steht. Verstehste, Junge?“

„Ja, Vater, die Fieke möchte ich auch gar zu gern,“ sagte Steffen und rieb immer noch die Hände auf den Knieen. „Und der Herr Baron würde gewiß auch einverstanden sein, daß ich sie nähme.“