Part 5
Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ...
In derselben Stunde, in der das stille, friedliche Leben der Schleifmühlgasse durch die leiseren Wellen und Wellchen solcher Herzensnöte gekräuselt wurde, rollte die große Donau ihre breiten grauen Wogen an anderen Herzensnöten vorüber, die vielleicht noch bitterer waren und sich im Busen eines auf der steinernen Uferböschung sitzenden Zuckerbäckers zusammendrängten. Ein ahnungsvolles Gemurmel wie das Flüstern und Locken von Nixen und fischgeschwänzten Weibern entstieg dem gewaltig hinziehenden Strome, der hier wohl an die vierhundert Schritt breit war. Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll, von Herrn Ziervogel aber hätte niemand behaupten können, daß er sich halb hingezogen, halb hinsinkend der kühlen Flut entgegensehne. Im Gegenteil, es war ihm ein grauenvoller Gedanke, in dieser noch recht herben Frühlingsluft, die die Sonne nur ganz oberflächlich mit dem goldenen Strahlenmantel wohltuender Wärme umhüllte, auch nur die große Zehe mit dem kalten Wasser in Berührung zu bringen, und er wäre am liebsten auf und davon gelaufen und landeinwärts entflohen, weit fort von dem nassen Element, hätte nicht mit strenger Miene der kleine Drechslermeister an seiner Seite gesessen, ihn mit hundertäugiger Wachsamkeit belauernd wie in der antiken Sage Argos die in eine Kuh verwandelte Jo.
»Es nützt kein Zögern,« sagte Bock. »Je länger man wartet, desto schwerer fällt's. Hier heißt es wie an der Drehbank: resolut den Stahl ansetzen! Die Zähne zusammengebissen und die Augen zu -- in einer halben Minute ist alles vorbei. Ich will einmal bis drei zählen, auf drei springen wir auf und stürzen uns kopfüber in die Flut. Also aufgepaßt! Eins ... zwei ...«
»Aushalten! Aushalten!« fiel Ziervogel ihm in den Arm. »Du stellst dir die Sache einfacher vor, als sie ist. Nahe dem Ufer scheint der Strom ganz seicht, man sieht es deutlich, so trüb und schmutzig das Wasser auch ist. Hier gibt es kein Sichhineinstürzen, lieber Freund, am allerwenigsten kopfüber, das Ergebnis wären Beulen und blaue Flecken. Höchstens hineinwaten könnte man, im Anfang bis über die Knöchel im Wasser, später vielleicht bis zu den Knien, aber auch dabei bleibt das Ersaufen noch immer ein Kunststück. Und wie lange es wohl so weitergeht? Niemand ahnt es. Vielleicht zehn Schritt, vielleicht zwanzig, vielleicht fängt gar erst bei fünfzig die Tiefe an. Bis dahin hat man sich zuverlässig einen Schnupfen zugezogen und wenn nicht, doch allerhand verdammtes Unbehagen ausgestanden. Wozu? Nicht einmal bei Schwerverbrechern gibt es eine Verschärfung der Todesstrafe. Warum soll gerade ich mir eine Verschärfung diktieren lassen? Fällt mir gar nicht ein! Wenn du willst, daß ich mittun soll, so mußt du dir schon was anderes ausdenken.«
»Du stellst dich rein an,« gab Bock ärgerlich zur Antwort, »als ob du mir einen Gefallen damit erwiesest, wenn du dich den unleidlichen Zuständen unseres Zeitalters durch einen raschen Entschluß entziehst. Haben wir die Tat nicht reiflich erwogen und gemeinsam beschlossen? Zwinge ich dich dazu? Liegt es nicht in deinem eigenen Vorteil, ein Ende zu machen? Von mir aus bleib' am Leben, frette dich weiter, werde hundert Jahre und darüber und laß dich bis ins wacklige Greisenalter hinein drangsalieren und mit Schikanen füttern, in diesem Lande, wo statt Milch und Honig Tränen fließen und das Wiener Schnitzel längst zur Legende geworden ist. Feiere, mit einem Wort, wenn es dir behagt, noch deine goldene Hochzeit mit der notigen Bettelhaftigkeit, so wie einst der heilige Franziskus sich mit der Armut vermählte -- ich habe nichts dagegen, du bist dein eigener Herr. Das eine aber laß dir sagen. Seit Jahren haben wir jeden Schritt gemeinsam unternommen, Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue, und mit kerndeutschem Handschlag auch diesmal das feierliche Gelöbnis besiegelt: Es bleibt dabei! Wenn du jetzt auskneifst, nenne ich dich nicht bloß einen Feigling, nein, einen Treulosen nenn' ich dich, denn im entscheidendsten Augenblicke unseres Lebens hast du die langbestandene Gemeinschaft gekündigt, das Tischtuch zwischen uns zerschnitten und mich schnöde im Stich gelassen! So, nun weißt du's wenigstens, wie ich über die Sache denke, und kennst meine Meinung. Und nun geh' heim und kehre zurück in die Knechtschaft der Entbehrungen und in die Tretmühle des Elends, wenn es dich danach gelüstet, oder tu' sonst, was dir gefällt, und was du nicht lassen kannst!«
Also sprach Bock. Wie Schwerter fuhren die Worte aus seinem Munde. Ja, als Drechsler hatte er's leicht, resolut zu sein, während das Einfüllen von Obersschaum in Indianerkrapfen oder das Komponieren eines Tortengusses eine so sanfte und zartbesaitete Tätigkeit ist, daß sich unter ihrem Einfluß nur die liebenswürdigeren Eigenschaften des Gemütes ausbilden, der Heldengeist dagegen verkümmert. Überdies gehörte Anselm schon von Natur zu den Unentwegten, die in jedem Falle nicht nur eine bestimmte Meinung haben, sondern diese Meinung (wenigstens vorübergehend) auch für die einzig richtige halten. Unseliger Zwiespalt dagegen, der du Ziervogels Seele in zwei fast gleiche Teile zerlegst, von denen niemand wissen kann, ob einer und welcher auf der Goldwage der Entschließung schwerer oder leichter wiegt als der andere! Welcher Wagschale ist es bestimmt zu steigen, und welcher zu sinken? Wird die süße Gewohnheit des Daseins die Oberhand gewinnen, die den Zuckerbäcker trotz alledem mit hundert Ketten an diese schlechteste aller Welten schmiedet? Oder der Drang nach Freiheit die Fesseln sprengen und ihm Schulter an Schulter mit dem Freunde die Pforte in ein besseres Jenseits auftun?
Ach, wie klar und lichtdurchflutet lachte der zartblaue Himmel, blankgescheuert von der langen Regenzeit, auf die frischbegrünten Überschwemmungsgebiete nieder, durch die der mächtige Strom rauschend seine Bahn hinzog. Wunderhold war solch ein Frühlingstag! Freudenau hieß dieses schier urländliche Auen- und Wiesenrevier des unteren Praters, in dem sie sich befanden, und wenn man die Lerchen trillern hörte, die wie glimmende Funken jenseits des Flusses, über dem »Schierlingsgrund« und den »Biberhaufen«, jenen Hutweiden und Erlenbüschen des geschichtlichen Schlachtfeldes von Aspern, hoch in den Lüften wirbelten, da fühlte man, man brauchte es nicht erst zu begreifen, daß Freude der Nerv und Herzschlag dieser Stadt und dieses Landes sei. Wie schwer fiel es doch, sich von all der trauten Schönheit loszureißen, trotz alledem und alledem!
Aber andrerseits bedeutete die Nibelungentreue, die sie einander bis dahin gehalten, und auf die Anselm sich ausdrücklich berief, dem Biedersinn des süßen Joachim nicht bloß eine leere Redensart. In einer altertümlichen Tischgesellschaft, welcher er einst angehörte, hatte er den Kneipnamen »Armin, der Cherusker« geführt, und seine Kundschaft, solange er in der Konditorei tätig gewesen, rekrutierte sich großenteils aus jenen volksbewußten Kreisen, welche gegenüber der starken slavischen Strömung im alten Österreich ihr Deutschtum kräftig zu betonen liebten. So kam's, daß er auf negerfarbige Schokoladetorten, mulattenbraune Kaffee- und rosenrote Biskuittorten mit Punschgeschmack (die berühmte Ziervogelsche Spezialität) unzähligemal die Inschrift: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!« in weißem Zuckerguß kunstvoll verschnörkelt hingemalt hatte. Und es galt ihm für das oberste Gebot völkischer Gesinnung, daß eines deutschen Mannes Treue ebenso unerschütterlich und ohne Wanken fest müsse stehen wie jene vielbesungene Wacht am Rhein.
Nein, wenn alle untreu wurden, Armin, der Cherusker, wurde es nie und nimmer! Ihm war es Ehrenpflicht, Schulter an Schulter mit dem Kameraden durch dick und dünn, wenn nötig sogar ins Wasser zu gehen. Nur ein wenig Zeit zu gewinnen, versuchte er noch.
»Zähl' auf mich, Anselm,« sagte er; »ich lasse dich keinesfalls im Stich, wie du mir's zumutest, ich sperre mich auch nicht gegen die Tat, nur gegen die Art ihrer Ausführung. Wir müssen trachten, gleich ins volle zu kommen, ins tiefe Wasser nämlich, von Anfang an in die Mitte des Flusses. Darum schlage ich vor: gehn wir zur Rudolfsbrücke hinauf, die auf hohen Pfeilern über den Strom setzt. Von ihr bin ich bereit, einen Kopfsprung zu tun, wie ich in meinen jungen Jahren in der Schwimmschule keinen schöneren verübte.«
Aber Bock durchschaute argwöhnisch die Absicht des Verzögerns und Hinausfristens, er gab zu bedenken, daß die Rudolfsbrücke eine gute Stunde entfernt und von Fuhrwerken und Fußgängern belebt sei, auch behauptete er, an Schwindel zu leiden und jede andere Todesart einem solchen Salto mortale aus der Höhe vorzuziehen. Damit hatte er sich erhoben und war die Futtermauer der Böschung hinuntergeklettert. Er stand jetzt knapp am Wasser und tauchte die Hand hinein, um zu prüfen, wie kalt es sei, zog sie aber rasch wieder zurück und verlor nun selbst ein wenig den Mut, weil er ebenfalls das Kalte nicht liebte und so wenig wie Ziervogel sich nach einer Verschärfung der Todesstrafe sehnte.
Indessen wollte er sich von dem jähen Umschlagen seiner Stimmung nichts merken lassen und blieb bis auf weiteres in scheinbar düsterer Versunkenheit am Rande des Wassers stehen, was bewirkte, daß dem süßen Joachim das Herz bis zum Halse herauf zu pochen begann, denn er meinte jeden Augenblick, der andere würde ernst machen und ein heldisches Beispiel geben. In seiner Angst, die mit jeder Sekunde größer wurde, und während er krampfhaft sein Gehirn anstrengte, irgend ein Lockmittel ausfindig zu machen, womit der vermeintlich tatentschlossene Bock sich ins Leben zurückködern ließe, kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß am Vorabend, als seine Tochter gerade eine Besorgung machte und er zufällig einen Augenblick allein in der Küche stand, etwas Papierenes durch den Briefspalt der Tür hereingesteckt worden war, und als er es auffing, so war's ein rosenrotes Briefchen gewesen, an Anna adressiert, und zwar von einer ihm wohlbekannten, nämlich von Ludwigs Hand. Das hätte zu denken geben müssen, an jenem Abend aber und dem folgenden Morgen war keine Zeit zum Denken gewesen, die »Tat« hing wie ein Schwert über seinem Haupt. Erst in diesem Augenblicke würdigte er die Bedeutung und den Wert seiner Entdeckung: ein Liebesbriefchen Ludwigs an Anna! Als ob ihm eine Rettungsleine zugeworfen worden wäre, so erlösend empfand er es, daß ein so kostbarer Umstand gerade in der höchsten Not ihm noch rechtzeitig eingefallen war.
Und er sagte: »Ich habe mich eines besseren besonnen, lieber Bock, und will nicht länger wählerisch sein, schließlich bin ich mit jeder Todesart einverstanden. Darum leuchte mir nur rühmlich mit gutem Beispiel voran, bester Freund, ich folge dir standhaft nach, und ging's in die Hölle, darauf kannst du dich verlassen. Denn im Grunde sterbe ich ja gern,« sagte er mit einem scheinheiligen Seufzer; »weiß ich doch mein süßes Zuckerkindchen, meinen teuren Liebling, meinen Augapfel, mein Herzblatt, die liebe gute Anna, glücklich und gottlob fürs Leben versorgt.«
Die Wirkung dieser Worte war, daß Bock sofort kehrtmachte und die Böschungsmauer wieder heraufkletterte. Der Verdacht, daß in der Schleifmühlgasse hinter seinem Rücken etwas ihm Unerwünschtes vorgehen mochte, weckte seinen Ärger, und leider knüpft Ärger die Menschen oft inniger ans Leben als Liebe. Außer der Leber regte sich aber auch noch die Neugier in ihm, denn wie alle Drechsler war er neu- und wißbegierig und hätte es nicht über sich gebracht, sich auszulöschen, solange der süße Joachim etwas wußte, das er selbst nicht wußte. Und schließlich war er im Grunde auch nicht böse darüber, daß er einen Anlaß fand, auf unauffällige Weise den Rückzug anzutreten. Denn seit dem Eintauchen der Hand ins kalte Wasser teilte er insgeheim Ziervogels ursprüngliche Meinung, daß in manchen Fällen ein bißchen Hinausschieben immer noch empfehlenswerter sei als ein vorschnelles Übereilen.
Der süße Joachim hatte ein bißchen geschwindelt, als er von Annas Glück und Versorgtsein fürs Leben faselte. Es war eine Rückkehr zur Wahrheit, als er nun aus dem Elefanten wieder die Mücke machte und dem stürmischen Fragen und Drängen Bocks die Beteuerung entgegensetzte, nichts weiter zu wissen, als daß Anna ein Briefchen empfangen habe, allerdings ein rosenrotes, und zwar von der Hand Ludwigs. Aber eine Rückkehr zur Ehrlichkeit war es noch immer nicht, denn absichtlich und mit Vorbedacht begleitete er seine Versicherung mit einem zweideutigen Lächeln, das in Bocks ohnedies schon mißtrauischer Seele die Überzeugung festigen mußte, es werde ihm etwas verheimlicht, und der andere wisse mehr, als er eingestehen wolle. Sonach bot sich dem Drechslermeister die schönste Gelegenheit, sich als den Gewissenhaften aufzuspielen, der noch nicht daran denken könne, ein besseres Jenseits aufzusuchen, weil er vorerst auf dieser Erde noch nicht entbehrlich sei.
»Es tut mir leid,« sagte er, »daß ich nun selbst derjenige sein muß, der eine Vertagung unsrer Tat beantragt. Aber es zieht mich jetzt nach Hause, nach dem Rechten zu sehn, ich kann nicht zugeben, daß der Ludwig eine Torheit begeht. An einem der nächsten Tage, sobald es mir gelungen sein wird, ihn zur Vernunft zu bringen, wollen wir dann um so entschlossener hierher zurückkehren und nachholen, was heute versäumt wurde. Für diesmal aber geh' ich heim, und zwar sofort und auf dem nächsten Wege. Denn mein Lebtag hab' ich mich an den Grundsatz gehalten: Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.«
Daß Ziervogel über eine solche Wendung der Dinge nicht gerade ungehalten war und den Entschlüssen des Freundes keine Hindernisse in den Weg legte, läßt sich denken. Während des ganzen Rückwegs über die Praterwiesen hüpfte ihm das Herz im Leibe, noch nie entzückte ihn in solchem Maße das junge Grün auf den Bäumen, das liebliche Gedränge von Schneeglöckchen und Veilchen im Grase, und am liebsten hätte er selbst von Zeit zu Zeit einen Luftsprung ausgeführt wie ein Osterböcklein, hätte er nicht gefürchtet, sich des alten Bocks Ungnade dadurch zuzuziehen.
Als sie sich, von der Sophienbrücke kommend, der Gegend des Hauptzollamts näherten, hörte man wüsten Lärm von der Ringstraße her, alles war schwarz von Menschen, Geschrei und Gejohle stieg auf, böswillig zertrümmerte Schaufenster klirrten. Aufrührerische Arbeiter, die eine Kundgebung gegen die Teuerung veranstalteten und sinnlos Millionen von Werten vernichteten, weil die Not ihnen noch immer nicht groß genug war. So wenigstens meinte Bock, indem er wütend die Faust ballte.
»Diese Falotten! Diese Tagediebe! Diese Patentrepublikaner! Löhne beziehn sie wie die Minister, versaufen sie und wundern sich dann, wenn das Brot teurer wird!«
Der Zuckerbäcker war im Grunde derselben Ansicht, hatte es aber mit der Angst. Versprengte Trupps entschlossen aussehender junger Burschen zogen tatendurstig an ihnen vorüber!
»Um Gottes willen, Anselm, schweig still! Du bringst uns noch an die Laterne!«
Aber der Drechslermeister war nicht gewohnt, mit kandierten Meinungen aufzuwarten. Die Leber spielte ihm wieder einmal einen Streich, die bittere Leber.
»Diese Falotten! Diese Falotten! So ein Mob soll reif für die Freiheit sein?«
Da hatten ein paar von den Demonstranten die erhobene Faust wahrgenommen. Drohende Blicke und drohende Worte scheuchten die beiden Freunde zur Seite, sogar ein paar Püffe und Rippenstöße setzte es, die sie völlig von ihrer Richtung abdrängten. Ein wahres Glück, daß sich schon ganz in der Nähe der Stadtpark befand. So gelang es dem besonneneren Ziervogel, der den sinnlos wild gewordenen Drechsler untergefaßt hatte und mit Gewalt von der Straße fortzog, ihn und sich in die stillen und menschenleeren Anlagen zu flüchten, die wie eine grüne Schonung abseits von dem Lärm unter der milden Frühlingssonne träumten. Hier durften sie sich als gerettet betrachten, während außerhalb das Getriebe des Verkehrs und der Leidenschaften weitertobte.
Als sie nun, der eine erlöst aufatmend, der andere beharrlich weiter grollend, die breiten Kieswege zwischen frischbegrünten Sträuchern und frühblütigen Blumenbeeten entlang schritten, stutzten sie plötzlich, beide zu gleicher Zeit, und blieben stehen, sahen sich an und staunten. Sie schüttelten den Kopf, wollten ihren Augen nicht trauen, mußten sich aber schließlich doch überzeugen, daß das junge Mädchen, welches ihnen soeben über den Weg gelaufen war und nun die gepflegte Rasenfläche durchquerte, um plötzlich im Gebüsch zu verschwinden, niemand anders war als Ziervogels Herzblatt Anna. Jawohl, das »süße Zuckerkindchen« war es, wie er sie in zärtlichen Wallungen seiner Konditorseele nannte, es blieb kein Zweifel übrig, daß sie es wirklich war. Denn gerade in diesem Augenblicke brach sie wieder aus dem Gebüsche vor, erblickte und erkannte das unerwartete Väterpaar und eilte jetzt schnurstracks ihnen entgegen.
Mit fliegendem Atem begann sie zu erzählen, und es war höchste Zeit, daß sie es tat, bereits schwankten die beiden Alten, wen sie wohl für verrückt halten sollten, ob sich selbst, oder das Mädchen. Nun fand Annas auffallendes Tun seine Erklärung. Das Rotkehlchen hatte sie ausgelassen, den Schnaberl! Hatte ihm wollen die Freiheit schenken und gemeint, er würde sich jubilierend in die Lüfte schwingen und wie ein Pfeil davonsausen. Statt dessen flatterte das armselige Vögelchen ängstlich am Boden hin, hatte das Fliegen offenbar verlernt, oder es nie gekonnt, und wußte von der köstlichen Gabe der Freiheit keinen Gebrauch zu machen. Jämmerlich piepste es voll Sehnsucht nach seinem Käfig, war aber doch wieder zu geschreckt und unvernünftig, um sich haschen zu lassen, und huschte aufkreischend und flügelschlagend davon, wenn man die Hand nach ihm ausstreckte. Ein kläglicher Anblick und eine gefährliche Sache! Denn schon hatte eine pürschende Katze sich gezeigt, die lauernd das Einfassungsgitter entlangschlich. Solle der gute Schnaberl nicht das Opfer eines Abenteuers werden, so mußte man ihn möglichst rasch wieder einfangen, der Käfig war ihm unentbehrlich, er gewährte ihm Schutz gegen seine eigene Dummheit und Unfähigkeit.
»Helft mir um Gottes willen seiner habhaft werden!« bat Anna. »Wenn wir ihn geschickt treiben, daß er das offenstehende Türchen nur überhaupt findet, so kehrt er mit Wonne von selbst in die gesicherte Hut zurück und dankt seinem Herrgott, daß er unbehelligt wieder auf den Sprösseln hin- und herhüpfen darf und sein Futter im Nürscherl hat.«
Hilfsbereit stellten die beiden alten Herren sich zur Verfügung. Man entwarf einen Kriegsplan, postierte das Vogelbauer mit weitgeöffnetem Türchen einladend in die Mitte dichteren Buschwerks und versuchte nun den Schnaberl vorsichtig zu umzingeln und einzukreisen. Aber er mißverstand die wohlwollende Absicht, glaubte sich verfolgt und bedroht und flatterte in Todesangst vor den gutmeinenden Gönnern her, immer wieder ein Loch im Dreieck erspähend, durch das er entwischen konnte. Lange blieb das Kesseltreiben erfolglos, und so wenig der blinde Eifer der Verbündeten die Rasenflächen, die Fliederbosketts und selbst die Tulpen- und Hyazinthenbeete schonte, es schien doch eine Zeitlang alle Strategie zu versagen. Bis endlich durch einen Zufall der gehetzte Schnaberl, von einem vorüberlaufenden Kinde gerade in jenes Gebüsch gescheucht, wo der Käfig seiner wartete, diesen erblickte, Heimatserinnerungen in sich erwachen fühlte und, plötzlich wieder Vernunft annehmend, gemächlich hineinspazierte, um sich am Futternäpfchen für die ausgestandene Mühsal zu entschädigen. Dies gewahren, herzustürzen, das Türchen schließen und das Bauer mit Siegesfreude vom Boden heben und in ausgestreckter Hand hochhalten, war für Ziervogel das Werk eines Augenblicks.
Fast gleichzeitig indessen erbebte er bis ins innerste Mark, wie aus dem Boden getaucht stand eine drohende Gestalt vor ihm, ein Schutzmann, der ihm und dem erschrocken herbeigeeilten Bock bekanntgab, daß sie wegen freventlicher Beschädigung der öffentlichen Anlagen strafbar seien und zur Verantwortung gezogen werden müßten. Er holte einen Schreibblock aus der Tasche hervor und erforschte, die Personaldaten aufnehmend, Herz und Nieren der Übeltäter: »Wie heißen Sie? -- Und Sie? -- Alter? Beruf? Wohnung? Ziervogel und Bock -- eine saubere Firma! Anlagenzertrampler, G. m. b. H.! Schön! Na, warten Sie, Ihnen vertreib' ich das Verwüsten von Rasen und Blumenbeeten! Den heutigen Tag werden Sie sich merken, Sie sollen mir nicht ohne eine gesalzene Strafe davonkommen!«
Aufs tiefste gedemütigt und zerknirscht, erteilten die armen Sünder im Bewußtsein ihrer Schuld der Mensch gewordenen Gerechtigkeit bereitwillig die gewünschten Auskünfte, während das Bauer mit dem wieder fröhlich umherhüpfenden Schnaberl zwischen ihnen auf dem Kiesweg stand. Nach beendigtem Verhör sich umsehend, wo die Anna inzwischen geblieben sei, mußten sie feststellen, daß diese es vorgezogen hatte, unauffällig zu verschwinden, was man ihr eigentlich nicht übelnehmen konnte, da es gelungen und der Erfolg auf ihrer Seite war. In einigermaßen gedrückter Stimmung traten sie den Heimweg an, wobei die saure Arbeit, das Vogelbauer zu tragen, ausschließlich dem süßen Joachim zufiel. Denn Bock betrachtete den Schnaberl als interne Ziervogelsche Familienangelegenheit und ärgerte sich im stillen gelb und grün, daß er wegen des verflogenen Rotkehlchens zu einer empfindlichen Strafe verknurrt zu werden die schönste Aussicht habe, und zwar infolge süßlicher Auffassung der Pflichten gegen Singvögel seitens der Zuckerbäckerstochter, der er ohnedies schon grollte und den Kopf zurechtzusetzen sich geschworen hatte, falls sie seinem Ludwig diesen Körperteil mit der sogenannten Liebe wirklich sollte verdreht haben.
Bockig, wie er bei solchen Gelegenheiten war, höhnte er, im Schleifmühlgassen-Hause angelangt, während sie die Treppe hinaufstiegen, ingrimmig schnödetuend zwischen den Zähnen: »Da wären wir ja alle drei wieder reumütig in unsern Käfig zurückgekehrt!« Und damit wollte er sich ungesäumt in seine muffige Höhle verkriechen, fand aber die Tür verschlossen, so daß ihm nichts übrig blieb, als Ziervogels Einladung anzunehmen und vorläufig bei diesem einzutreten. Kaum aber hatte er die Schwelle überschritten, so stutzte er und staunte, und der süße Joachim nicht minder. Das Wohnzimmer war mit Reisig festlich geschmückt (Ludwig hatte ein übriges getan), ein feingedeckter Tisch, mit Flaschen und leckeren Speisen besetzt, die ein Blumenstrauß überschattete, schien nur der fröhlichen Gäste zu harren. Inmitten der Stube aber standen Arm in Arm Ludwig und Anna in Feiertagskleidern und begrüßten die in der Türöffnung erscheinenden Heimkehrer mit einer ebenso anmutigen wie tadellosen Verbeugung, sich als Verlobte empfehlend und in kindlicher Ehrerbietung den väterlichen Segen erbittend.
Der Ziervogelvater stellte den Schnaberl auf den Schubladkasten und bekam so die Hände frei, seine Tochter zu umarmen, nachdem er sich vorher noch umständlich geschneuzt hatte. Der alte Bock dagegen legte (bildlich gesprochen) die Hörner ein und versuchte den (nach seiner Meinung übergeschnappten) Sohn mit der Frage vor den Kopf zu stoßen, was dieser ganze Blödsinn eigentlich zu bedeuten habe? Worauf Ludwig den etwas derben, aber nicht ganz unerwarteten Ausfall überzeugt lächelnd mit dem Hervorziehen zweier Schriftstücke aus der Brusttasche parierte: das eine bescheinigte die erfolgreich abgelegte Bankprüfung, während das andere als der Bescheid eines namhaften und weitbekannten Fabrikunternehmens sich entpuppte, welches den Hauptmann Ludwig Bock unter seine Mitarbeiter aufzunehmen sich bereit erklärte und ihm dafür eine recht stattliche Entlohnung in Aussicht stellte.