Der Berg der Läuterung

Part 4

Chapter 43,701 wordsPublic domain

Kaum hatte Bock der Aufforderung entsprochen und sich nun doch niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob, die Jugend komme unglaublich rasch über so etwas hinweg.

Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht, weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich rechtzeitig zu empfehlen.

»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er, »daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch länger mit all dem Elend gestraft bleiben?«

»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel, schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden.

»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein Ludwig sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum -- glaubst du, das störe seine Laune? Ich -- obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk', wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft --! Und er --? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran -- kannst du das für möglich halten? -- Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!«

Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen -- die Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken.

»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,« sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen.

»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so wird einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten -- wie? Ein Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ... Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,« wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!«

»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte.

»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder waren.«

»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.«

»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz widerrechtlich ...«

»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...«

»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt! Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht. Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...«

»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,« loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich ... mit dem ...«

Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt sich ja gleich. Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen, daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt nie ... Das heißt --« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.«

»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her, sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.«

»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,« bockte Bock dagegen.

Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar so nachtragend sei wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle recht bedauerlich.

Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne, die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden. Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei, erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben.

»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu Großvätern machen könnten!«

Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an. Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte, lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich, indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand, allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen.

Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft, die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft, wenn die alten Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu verschließen.

Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen, wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem Hochquell gefüllt hatte. Der Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete, schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben zu verwechseln -- mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust schwenkend.

Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte, handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu, und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden, wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.«

Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene Verlobung mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn gehört hätten, die der treue Kamerad -- ein Großindustrieller, der die Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt -- nach erfolgreich abgelegter Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des Familienglückes.

Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise lag -- was noch niemals vorgekommen -- auf eines jeden Tisch ein Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht zum Essen, habe auswärts zu tun!«

Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden.

»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein könntest du auch besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn- und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch, lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier, eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar soll sich einmal ausgiebig gütlich tun, schon aus dem hinterlistigen Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen. Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu' pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg, damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder, bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich, heimgekehrt sein.«

Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich sein zu dürfen; aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken. Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte, wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande. Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an seine hehre Aufgabe hingibt.

* * * * *

Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie rascher damit zustande kam, als sie gedacht hätte. Da sie an diesem Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend, daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen Gugelhupf zu backen.

Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war, Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so hatte sie sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu schreiten.

Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand, den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie, unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?«

Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte, so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie vorbrachte. Wohin sie wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er sich.

»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein Gitter, immer ein Käfig ...«

»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit einem Blick in die Ferne.

Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt, seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte, dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon, daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte, die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher Verklärung leuchtete.

»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!« bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!«

»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.«

»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix. »Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!«

Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben. Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete.

So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des armen kranken Knaben nachzugeben und ihm zu versprechen, daß sie ihr Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf.