Der alten Sehnsucht Lied: Erzählungen
Part 2
›Schauen Sie hin! Der braune Kerl da ist ein Sikuler, ein Ureinwohner. Er fegt die Bühne sauber für die Gäste, die ihn aus dem Hause werfen. Hierher, armer, betrogener Bursche! Lagere dich zu den Füßen der Dame. Scheu bietet er Ihnen einen blühenden Orangenzweig aus seinen Wäldern, Frau Gräfin. Und jetzt! Hören Sie die feine Musik, die Flötenbläserinnen? Von der See herauf wallt ein Zug festlich gewandeter Griechen, über die Bühne schreitet der Chor, griechische Kultur in den feierlich erhobenen Händen, die Schar der lorbeergeschmückten Künstler inmitten. Götterbilder erheben sich, Tempel wölben sich über den Bildern, Städte wachsen um die Tempelhallen. Und die Menschen wachsen mit und ihre Gedanken wachsen über sie hinaus, schon greifen sie nach dem Sitz der Götter, die Griechenknaben, da -- da -- Vernehmen Sie den Schrei? Sehen Sie, wie der Chor angstverzerrt über die Bühne stiebt? Die Götter haben den Arm gereckt. Karthager über euch! Weinend schleppt sich ein Griechenflüchtling heran. Er nimmt den Lorbeerkranz vom Haupt und legt ihn Euch zu Füßen, Herrin. Und auf der Bühne frißt der erzene Moloch Karthagos das Griechentum, und in seinem feurigen Bauche verschwinden Helden und Künstler ...‹
›Wer naht dort?‹
›Kennen Sie nicht den »Schritt der Legionen«? Rom ist’s, das gestern hungrig war und heute. Es läßt die Völker sterben bis auf Nam’ und Art, ob es sich kaiserlich, ob es sich päpstlich nannte. Ah, wie es sich auf Aktschlüsse versteht! Es macht ganze Arbeit. Bildsäulen, Gold und Edelgestein packt es in seinen Räubersack. Keine Blume zur Huldigung? Verzeiht, Rom gibt nichts umsonst. Laßt den blutenden Karthager zufrieden! Er will zu meiner Herrin! Da bringt er Ihnen eine Aloe, die er aus der afrikanischen Heimat hierher verpflanzte. Wie sein letzter Blutstropfen glüht ihre Blüte ...‹
Der Freund sprang auf und wies auf die See. ›Eine Zauberblume ist’s. Sie zwingt von neuem afrikanisches Blut über das enge Meer, und die Flut, die heranwogt, ist die Sarazenenflut. Hei, wie sie die Felsen, wie sie die Bühne erklettern, die sehnigen, geschmeidigen Kerle. Da wirft Ihnen der Führer eine Rose zu. Fangen Sie auf, schöne Frau, diese moslemitische Bande versteht sich auf Frauenschönheit. Neue Dekorationen schleppen sie herbei. Wo weiße Griechentempel, wo semitische Götzen, wo römische Altäre standen, wölben sich die Kuppeln der Moscheen in bunter Mosaik und Mohammed wird gewaltiger als die Götter der Himmel. Noch einmal werden die Trümmer der Vergangenheit in Trümmer geschlagen, auf den Trümmern neu aufgebaut, Sarazenennamen verschlingen die Namen der Städte, das Halbmondbanner rauscht über Sizilien.‹
›Weiter, weiter!‹ drängte ich und griff nach seiner Hand. Er preßte sie, daß es schmerzte.
›Oho! Das Stück ist noch nicht zu Ende. Auf der Bühne drängen sie nach vorn, weichen taumelnd zurück. Blonde, blauäugige Männer erscheinen in der Kulisse. Sie stürmen vor, sie packen zu. Die Normannen sind da! Das Theater hallt wider vom Kampfgeschrei. Vom Jauchzen der blonden Sieger. Stille ringsum. Die Hohenstaufen reiten auf die Walstatt. Deutschlands Kaiser streckt das Schwert über das blutgedüngte Sizilien ...‹
›Bringt er mir keine Blume mit? Sie haben mich verwöhnt.‹
›Er trägt eine vorn ins Panzerhemd genestelt. Die blaue Blume der Romantik! Ich hole sie Ihnen. --‹
-- Wie es kam, lieber Freund?« sagte die Gräfin leise und berührte des Hörers Hand, der in sich versunken am Kamine saß. »Wir waren in Dichters Landen. Ein Prinz, so schien mir, hatte ein Gänsemädel hineingeführt. Und der Prinz kniete vor mir, mit lachendem Gesicht, mit Augen, in denen die Freude über meine Freude stand, und ich nahm dies Antlitz in beide Hände ...«
»Still,« sagte der Oberst, »ich fragte nicht danach.«
Die Gräfin hatte sich zurückgelehnt. Sie hielt die Augen geschlossen.
»Eine Frau muß eine Erinnerung haben. Ich hatte bis dahin keine. Nimmt es Sie wunder, daß da mein Herz aufsprang, staunend, hingerissen von der Natur und dem ersten Menschen, der sie mir kündete? Daß ich selig wie ein junges Mädchen war? ›Du ...‹ stammelte es vor mir, unter meinen Händen hervor, auf denen ich seine Lippen spürte, und ich erwiderte ihm, wie einen Dank: ›Morgen, morgen -- sollst du es wissen ...‹
Arm in Arm gingen wir durch den Abend heim, das ›morgen‹ erwartend. Die Sonne kam, aber nicht der Freund. Er lag in seinem Zimmer, fiebernd. Man holte einen italienischen Arzt herbei, ein Männchen aus der alten Schule, das sich nicht zu helfen wußte. Mit Mühe schafften wir den Erkrankten im Wagen zur Station. Wir saßen im reservierten Abteil, sein Kopf hing matt auf meiner Schulter, und ich hielt seine fieberheißen Hände. In einer Stunde waren wir in Messina, ein Wagen erwartete uns am Bahnhof und brachte uns zum Hospital. Die Sonne ging unter ...
Ich saß Tag und Nacht an seinem Lager und ließ mich nicht verscheuchen. ›Er hat zu wenig an seinen Körper gedacht‹, sagte der Arzt, ›da hilft auch Chinin nicht mehr.‹ Der Kranke phantasierte. Er schuf ein Bühnenwerk und sprach Verse, die mich erschütterten. Dann fuhr er auf und legte mir den Arm um den Hals. ›Soll ich es dir kaufen, das Theater von Taormina?‹ -- ›Ich habe es ja schon in Besitz genommen‹, und ich bettete ihn in die Kissen zurück. -- ›Und mich, mich nahmst du auch in Besitz.‹ -- ›Werde gesund,‹ bat ich, ›es wird Großes aus dir werden.‹ Und er antwortete sinnend: ›Wenn die Götter mich lieben -- und ich früh sterbe -- ein Dichter --! Ich weiß nicht, ob ich noch wünschen soll, gesund zu werden ...‹ -- ›_Mein_ Dichter,‹ sagte ich und drängte die Tränen zurück. -- ›Siehst du es,‹ meinte er, und in seinen Augen stand ein Licht, ›das bin ich geworden. Dein Dichter. Könnte ich noch mehr erreichen ...?‹
In der Frühe, als die Morgensonne kam, starb er in meinen Armen. Er trug ein heimlich Diadem. Kein Mensch sah es als ich.«
Der Oberst erhob sich und trat ans Fenster. Er schob den Vorhang beiseite und blickte lange in die mondhelle Winternacht, in die klare, deutsche Landschaft.
»Frau Ella, nun möchte ich Ihnen auch ein Bild zeigen.«
Sie trat zu ihm, und ihr Blick flog über den stillen Gutshof, über die stillen Felder.
»Hier wurzeln Sie, Frau Ella. Haben Ihnen das die zehn Jahre pietätvoller Schwärmerei noch immer nicht gesagt?«
»Sie verstehen mich nicht, lieber Freund.«
»Ob ich Sie verstehe! Und Ihr Freund, der Dichter, hat Sie auch verstanden.«
»Ich glaube es.«
»Nicht so. Sondern wie ich Sie verstehe. Die Todesstunde schärft die Augen. Und als er sich mit seinen letzten Worten ›Ihren Dichter‹ nannte, fügte er in klarer Erkenntnis hinzu: ›Könnte ich noch mehr erreichen?‹ Gräfin, deshalb wollte er nicht gesund werden.«
»Weshalb ...?«
»Weil er Ihres Wesens Kern kannte. Weil er wußte, daß bei Ihnen nach der Stunde poesievollen Schwärmens, nach der sich einmal jede Frauenseele sehnt, der Drang nach Betätigung, nach werktätiger Arbeit wiederkehren würde; daß die fröhliche Bohèmewirtschaft, zu der allein seine Natur veranlagt war, Sie trostloser gemacht haben würde, als die Gefangenschaft zuvor. Sie haben einen zu sehr auf Ordnung und Reinlichkeit gerichteten Sinn, liebe Gräfin. Der Farbenrausch des Südens hatte ihn nur benommen. Das klingt nüchtern. Aber es paßt zu unserer Landschaft. Und wir lieben diese Scholle in ihrer herben Schönheit, und wir lieben den geradblickenden, gesunden Schlag ihrer Menschen.«
»Oberst, Sie schätzen mich zu gering ein.«
»Nein, bei Gott nicht, und ich verehre Sie um Ihrer Treue willen nur noch mehr. Aber es ist die Treue, wie man sie einem schönen Gedicht aus der Mädchenzeit hält. Alle diese Bücher« -- er wies mit ruhigem Lächeln auf die Bücherreihen -- »sollten Ihnen das Gedicht und die Freude an dem Gedicht wiederbringen. Fanden Sie das Glück wirklich in der abgeschiedenen Stille Ihrer Bücherei? Oder spürten Sie es im Sausen und Brausen, wenn die deutsche Gutsherrin auf kräftigem Fuchs über ihre Äcker galoppierte? Gräfin, betrügen Sie sich nicht ein ganzes, köstliches Leben hindurch mit einer Episode des Lebens. Man schlüpft nicht in ein Kleid, das einem nicht gehört. Man sprengt doch eines Tages die Nähte. Hierher gehören Sie, zu Frauen und Männern unserer Art. Ein Tröpfchen romantischen Blutes haben wir alle, und mich treibt es jetzt dazu, Ihnen trotz des Schattens, den Sie gegen mich kämpfen lassen, gerade in dieser Stunde auszusprechen: Ich liebe Sie _mehr_! Und ich will Sie glücklicher machen, als die Erinnerungen. Ich biete Ihnen kein Gedicht, ich biete Ihnen ein Leben.«
»Das bot er mir auch ...«
»Nein, er bot Ihnen seinen Tod, ich Ihnen das Leben!«
»Kennen Sie das wehmütige Sprichwort, Oberst: ›Wen die Götter lieben, der stirbt jung‹?«
»So sollen die Götter mich mit ihrer Liebe ungeschoren lassen.«
»Nein, Oberst, Sie sind kein Dichter.«
»Gehört das zu den Forderungen, die Sie an Ihre Freunde stellen?«
»Sie verspotten mich.«
»Nur mich selber. Weil ich nur lernte, erst den Säbel, dann die Pflugschar führen. Denken Sie, ich hielt das bis heute auch für Poesie. Aber da ich Anwartschaft darauf habe, steinalt zu werden -- meine Vorfahren waren eine zähe Sorte und haben sich gewaltig ihres Lebens gefreut -- so werden die Götter Taorminas wohl anders über meine Poesie denken. Gute Nacht, Gräfin, ich hole mir meinen Gaul selber aus dem Stall.«
Straff und aufrecht stand er vor ihr. Dann beugte er sich, küßte ihre Hand und ging hinaus.
»So warten Sie doch. Ich begleite Sie in den Stall.«
»Es ist ein ganz gewöhnliches Pferd, Gräfin, ohne Flügel. Aber dafür umso zuverlässiger.«
Von der Freitreppe aus sah sie, wie er sich in den Sattel schwang. Roß und Reiter verwuchsen in eins. Ganz feine Flocken tanzten. »Prachtvoll!« rief er zurück. »Das wird ein Ritt.« --
Als sie ins Haus zurückkehrte, blickte sie sich um. War es hier immer so leer? Sie ging in die Bibliothek, nahm ein Buch und setzte sich vor den Kamin. Nein, nicht lesen. Es war eine lebendige Stimme im Zimmer.
Sie stand auf und stellte sich ans Fenster. In der heimischen Winternacht sollten die Erinnerungen südlicher Sonnenstunden um sie sein. »Georg,« sagte sie vor sich hin, um seine Gestalt zu beschwören. Aber sie kam nicht. Sie sah nicht seine Augen, hörte nicht sein Lachen. Sie strengte sich an, das Dunkel zu durchdringen, zehn Jahre rastloser Gutsarbeit zu verscheuchen. Er kam nicht. Und vor wenigen Augenblicken noch hatte sie von ihm erzählt, erzählt, wie man ein Gedicht erzählt, wie Mädchen erzählen. Nicht wie Frauen.
»Georg ...«
Und Stunden hindurch stand sie am Fenster und wartete auf ein Gesicht, das nicht kommen wollte, das nicht kommen konnte, da die schwärmerischen Mädchenaugen, die es einst erschaut, auch nicht mehr waren ...
Fernhin ein Klang, wie ein Liedklang ...
* * * * *
Glänzend weiß lagen die Felder in der Morgensonne. Der Gutsherrin, die vom Tore aus Umschau hielt, fielen ein paar Worte ein vom gestrigen Tage. »Unsere Heimat ist die schönste.« -- »Weil sie die stillste ist ...« -- »Im Winter. Damit wir Muße haben, abzuschließen und -- neu zu erschließen.«
Lohnte sich das wirklich noch? ›Das Leben fängt dann an, wenn man es packt,‹ tönte es in ihrem Ohr. Ein Manneswort.
»Hallo, Friedrich, so früh? Ihrem Herrn geht es doch gut?«
Der Mann verhielt sein Pferd. »Der Herr Oberst haben die ganze Nacht geschrieben,« sagte er bekümmert. »Kein Bett angerührt.«
»Geben Sie her, was Sie für mich haben.«
Sie nahm dem Alten den Brief aus der Hand, ließ ihn stehen und eilte ins Haus. Ein Abschied? Nun zitterten gar die Hände. Dann riß sie das Kuvert auf. Lesen mußte sie doch.
Als sie das Blatt sinken ließ, standen ihr die Augen voll Tränen. »Mein Gott,« lachte sie, »mein Gott, wie fürchterlich! Ein -- Liebesgedicht.« Und unter dem Gedichte stand in markigen Zügen: »Teuerste Gräfin, ist das schön? Oder ist das scheußlich? Und doch habe ich es, bevor ich das alles in diese vertrackten Worte zwang, wunderbar schön empfunden. Muß man Strophen drechseln können, um ein Dichter zu sein? Kommen Sie hinaus, auf die verschneiten Äcker. Dort liegt Gedicht an Gedicht. Und wer Augen hat, sie zu sehen, dem gehören sie, der ist ihr Dichter! Kommen Sie, Gräfin. Es ist ein Preiswettsingen. Ich stelle mich.«
Sie öffnete das Fenster, daß es klirrte.
»Johann, meinen Fuchs!«
Sie zog den Reitrock über und drückte den Hut auf die Flechten. Und noch einmal las sie die stolpernden Verse. »Nein,« lachte sie, »dafür lieben dich die Götter nicht. Aber die Menschen müssen dich lieben.«
Sie sprengte aus dem Tor und freute sich ihrer Kraft, mit der sie den Gaul in den Zügeln hielt. Der Schnee stiebte unter den eiligen Hufen. Fern an der Feldmark, die die Güter schied, gewahrte sie einen Reiter, der Ausschau hielt. Da setzte sich sein Pferd auch schon in langgestreckten Galopp. Und sie riß den Hut vom Kopf und winkte dem Reiter entgegen ...
Giuditta Africana
Regungslos lag die See ... Und regungslos das halbverfallene Städtchen, das hoch über ihr an der Felswand klebte, leeren Auges die Vergangenheit suchend. Unbewohnt stand die Hälfte der kastenartigen roten und weißen Häuser mit den abgeplatteten Dächern maurischer Bauart. Von der Sonne verblaßt, vom Regen zerfressen war die einst leuchtende Farbe. Die Geschlechter hatten sich nicht erneut zwischen den kahler werdenden steinernen Wänden, deren Quadern aus dem Felsenleib des einsam das Städtchen überragenden Sant’ Angelo gebrochen waren. Waren sie ausgestorben, so verfiel der Besitz. Wer wollte sich eine Last aufbürden! Sie hatten Platz genug in den eigenen Häusern, die immer weniger werdenden Einwohner von Positano.
Nur die Gärten kannten das Sterben nicht. Über saftgrün wucherndem Lorbeer und weißgesterntem wilden Myrtengebüsch hingen die Blüten des Granatbaums wie dunkelglühende Blutstropfen. Ein Zweigegewirr mischte sich träumerisch ein, niedergezogen von der Fülle reifender Zitronen, goldgelber Orangen. In schwärzlichem Grün zwischen ihnen strotzende Feigen und langgeschotet die Frucht des Brotbaums. Schon blühten die Rosen aus, aber wie grelle Teppichfetzen zogen sich Geranienbehänge über die lockeren Steine der Gartenmauern.
Tiefblau und regungslos, in gleichmütiger Schönheit, spannte sich der Sommerhimmel über Verfall und Leben, tiefblau und regungslos, in gleichmütiger Schönheit, lag die See. Nur in den verworrenen Felsschluchten des Strandes und drüben, zwischen den kleinen Inseln, die so schweigsam über das Meer lugten, seltsam grüne Flecke zeigend. Als hätte sie eine ausbrechende Unterströmung zurückgelassen.
Auf der Terrasse des Gasthauses stand ich als einziger Gast und blickte in die scheidende Sonne. Fern winkte in stolzem Linienschwung die Silhouette Capris, näher heran, in violettem Duft, das Gestade Sorrents, zu meinen Füßen, von der Abendglut purpurn geküßt, die kleinen, schweigsamen Eilande. Der Sarazenenturm auf der mittleren der Inseln schien in Flammen zu stehen.
Nicht ein Laut in der Luft. Totenstille. Aber ein Glühen in der Luft, das das Blut fieberhaft erregte und matt niedersinken ließ.
Über die Terrasse kam schlurfenden Schritts der Wirt. Lässig hob er die Arme über sich und pflückte Mispeln zur Abendmahlzeit.
»Schirokko, Herr.«
»Ich spür’ ihn. Wann wird er zu Ende sein?«
»Wenn der Regen fällt, Herr.«
»Und wann fällt der Regen?«
»In zwei, drei Monaten. Die Madonna sorgt.«
»Ihr haltet das aus?«
»O --« machte der Alte und hob die Achseln. »Man wird’s gewohnt. Und dann: es ist viel afrikanisch Blut an der Küste. Das hält’s schon aus.«
»Afrikanisch Blut? Woher?«
Der Alte trat an die Brüstung. Mit ausgestrecktem Finger wies er auf schattenhafte Punkte die felsige Küste entlang.
»Sehen Sie, Herr? Sarazenentürme! Wie der da vor uns, der in der Abendsonne loht, da -- auf den Galli-Inseln.«
»Es ist lange her, daß hier die Sarazenen als Herren hausten. Wer wird davon noch wissen?«
»Was macht die Zeit! In Positano wohnen Leute, die man heute noch die ›Afrikaner‹ nennt. Blut bleibt Blut. Das verläuft sich nicht.«
Er nahm sein Körbchen mit Mispeln auf, wischte sich noch einmal die glühende Stirn und schlurfte von dannen. Plötzlich blieb er stehen. Auch ich war aufgefahren. Beide horchten wir ...
Dann wandte sich der Alte um und deutete zur Höhe. Eine längst verlassene Kapelle verfiel auf einem Felsvorsprung. Die Fensterhöhlen starrten ohne Glas aufs Meer. Und durch die Fensterhöhlen drang eine Stimme, die Fistelstimme eines alten Weibes, in den langgezogenen, schluchzenden Tönen eines Kirchenliedes. Die Stimme wuchs an zu leidenschaftlichem Anruf, zu sehnsüchtigem Schrei, und wieder erstarb sie in lang ausklingendem wimmernden Laut. Totenstille wie vorher. Die Stadt ohne Leben. Felsen und Meer schweigsam.
»Die verrückte Francesca,« lachte der Wirt.
»Weshalb ist sie verrückt?«
»Ja, Herr, weshalb? Die Madonna mag’s wissen. Es sind an die zwanzig Jahr’ -- heut zählt die Francesca ihrer achtzig --, da kam das alte Weib und wollt’ einen Mord auf dem Gewissen haben. Und hat keiner Fliege was zuleide tun können. Sie war die Amme der schönen Giuditta gewesen, der ›Giuditta Africana‹, die den Männern von Positano ins Gesicht lachte, wenn sie ihr von Liebe sprachen, und die eines Tages mit einem blassen Deutschen auf und davon war. Herr, ein Weib! Sarazenenblut. Das verleugnet sich nicht. Sie können’s mir glauben, Herr.«
»Und die Francesca?«
»Die Francesca, ich sagte es schon, war ihre Amme gewesen und hatte auch nachher mit der Giuditta, die eine Waise war, zusammen gehaust. Erst dort oben, in dem alten maurischen Palast. Nachher im Sarazenenturm auf der Galli-Insel, weil die Giuditta keine Menschen wollte. Es war aber der Deutsche, Herr. An einem glühenden Sommertag -- der Schirokko drückte wie heute auf Mensch und Tier -- kam die alte Francesca in ihrer Barke herübergerudert. Dort unten, an der ehemaligen Marine, landete sie. Wie eine Wahnsinnige raste sie zum Pfarrer. Sie habe gemordet, die Giuditta, den Deutschen, was weiß ich, und die Leichen mit Steinen beschwert ins Wasser versenkt. Einen Brief trug sie bei sich, den las der Pfarrer. Und in dem Brief schrieb die Giuditta, daß sie mit ihrem Geliebten weit, weit nach Norden sei und nie zurückkehre. Die Francesca aber schrie und tobte und klagte sich an, und da der Pfarrer der Verrückten keine Absolution zu geben vermochte, ist sie für immer aus der Kirche gelaufen. Wenn Schirokko ist, flüchtet sie sich in die baufällige Kapelle und versucht Totenmessen zu singen. Das klagt die ganze Nacht. Hören Sie! Jetzt! --«
»Und man hat nicht sofort nachgeforscht? Nicht nach Leichen gefischt?«
»Herr, die verrückte Alte! Da war doch der Brief. Und dann, Herr, es war Schirokko. Da reißt sich keiner um unnütze Arbeit. Die Giuditta hätt’ sich ins Fäustchen gelacht. Ein Weib, Herr!«
Und er schlurfte, selbstgewiß vor sich hinnickend, ins Haus.
Kreischend, wie der Schrei eines Falkenweibchens, das sein Junges sucht, zog das Totenlied der alten Francesca über die stumpf dahindämmernde Stadt, über die zerklüfteten Felsen und das schweigende blaue Meer, das seitwärts der Inseln, dort, wo der Turm in der Abendsonne zu brennen schien, in seltsamen kristallgrünen Flecken schwamm.
Und schnell wie ein Vorhang senkte sich jäh die Nacht.
* * * * *
Kaum, daß ich einem Menschen begegnet war den ganzen langen Tag. Auf dem Sant’ Angelo wollt’ ich die Sonne sehen, wie sie fern aus Kalabriens Gründen heraufkam, von Zacke zu Zacke sich schwang und tief unten das Meer überschwemmte. Aber es war eine Erregung in mir, der ich keinen Namen zu geben verstand. Waren es die gigantischen Formationen, die bezwingenden Farben der süditalienischen Landschaft? War’s die Schirokkoluft, oder war’s die Vergangenheit, die aus Trümmern von Menschensiedlungen, aus Schluchten und Grüften groß und bannend die Augen aufschlug?
Niederzwingen, das erregte Blut bezwingen! An den Felsen klebend, mit Händen und Füßen das bröckelnde Gestein prüfend, tastend, kriechend, kletternd geht es mit hart klopfendem Herzen und perlender Stirn von Zacken zu Zacken, von Wand zu Wand. Starr blickt das Auge vorwärts auf den Stein, steif streckt sich das Knie, kein Zittern darf hindurch. Tiefer, tiefer hinab! Schon hör’ ich durch einen Steinkrater das Gurgeln der See, die sich verfangen hat. Ein Felsblock schiebt sich weit in das Wasser hinaus. Nun hab’ ich ihn! Ausgestreckt lieg’ ich auf der durchlöcherten Platte, auf der grüne Eidechsen, hin und her huschend, mit den Sonnenkringeln um die Wette spielen. Einsamkeit! -- Und in die Einsamkeit hineingesponnen, greifbar fast aus dem Wasser zu mir auftauchend, dunkel und geheimnisvoll die Galli-Inseln. Der Sarazenenturm schaut herüber. Wir starren uns an ...
Aber am Abend, schrill die lastende Stille der Versunkenheit durchschneidend, wieder das sehnsüchtige Geschrei der verrückten Francesca. --
Und der nächste Tag wie dieser. -- --
Da bin ich hinaufgestiegen durch den dunkelvioletten Abend zu der verlassenen Kapelle, und die Erregung lief mit. In wildem Gebüsch bluteten Granatzweige. Ich schnitt sie ab und trug sie in der Hand. Wie die kühlen Blütenblätter beruhigten ...
Die Totenmesse der Alten war beim leisen Wimmern angelangt. Durch das zusammengebrochene Portal sah ich den kauernden Körper. Die vorgestreckten Arme hielten eine schwere Kerze, deren Licht grell ein Gnadenbild beschien, halb von der schmutzigen Wand heruntergeblättert.
Noch einen tiefen Atemzug, und ich schritt hinein und sah mich nicht um nach dem aufschreckenden Weib und ging geradenwegs bis zu der Stelle, an der vor dem Freskobilde der Maria der Altar gestanden haben mochte. Es war Phantasterei, ich empfand es. Und doch mußte ich sprechen, als ob ich mit den lauten Worten ihrer ledig werden würde. Und die blühenden Granatzweige auf die Altarstelle legend, sagte ich laut in der Sprache des Volkes: »Zum Gedächtnis Giudittas und meines deutschen Bruders, die auf dem Meeresgrunde schlafen.«
Die Worte liefen an den Wänden und verhallten. Und dann brach ein Schrei hinterher, wie ich ihn nie vernommen, nicht vordem und nicht nachdem: Staunen, Glückseligkeit, Erlösung. Die Achtzigjährige war an mich herangekrochen und umklammerte meinen Arm.
»Sein Bruder seid Ihr? Herr, Herr, und Ihr glaubt es?«
»Sag es mir, Francesca.«
»Daß sie auf dem Meeresgrunde liegen? Daß sie tot und nicht geflohen sind?«
»Ich glaube es, Francesca, und nun sollst du ihnen Ruhe geben.«
»Ich habe sie gemordet. Ich bin nicht verrückt, wie der Pater sagt und der Bürgermeister und die Leute. Ich habe alles gewußt und nichts verhindert. Darum habe ich sie gemordet.«
»Du warst die Dienerin. Du mußtest gehorchen.«
»Ich -- war -- die Dienerin. Heilige Mutter, bitte für mich und meine süße Herrin, die in die Irre ging,« murmelten die welken Lippen.
»Du brauchst nicht mehr zu singen, Francesca. Deiner Herrin ist wohl.«
Verständnislos sahen mich die müden, entzündeten Augen an.
»Kennst du die Bibel, Francesca? In ihr steht ein Wort des Heilandes: ›Wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden!‹ Du kannst dich darauf verlassen.«
»Wißt Ihr denn,« flüsterte die Alte mit stockendem Atem, »wie sie starben? Wißt Ihr von der Giuditta Africana?«
»Du sollst erzählen, Francesca, damit ich alles weiß.«
Die Kerze, welche die Alte an eine Stufe gelehnt hatte, knisterte. Ihr Licht spielte in den Granatblüten, die wie Blutstropfen in den Zweigen hingen. Die Greisin sah hin. Ihre Augen weiteten sich.
»Da -- da -- da! -- Blut --«
»Sieh genauer hin, Francesca. Die Blutstropfen haben sich in Blumen verwandelt. Für jede Schuld gibt es eine Verzeihung.«
»Es sind -- Blumen,« sagte die Alte.
»Nun mußt du Ruhe geben. Dir -- und den Toten.«