Der alten Sehnsucht Lied: Erzählungen

Part 1

Chapter 13,573 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Der alten Sehnsucht Lied

_Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger_

in Stuttgart und Berlin

_Rudolf Herzog_:

Der Graf von Gleichen

Ein Gegenwartsroman. 5. u. 6. Auflage

Geheftet M. 3.50 In Leinenband M. 4.50

Die vom Niederrhein

Roman. 9.--11. Auflage. Geheftet M. 4.-- In Leinenband M. 5.--

Das Lebenslied

Roman. 9.--11. Auflage

Geheftet M. 4.-- In Leinenband M. 5.--

Die Wiskottens

Roman. 19. u. 20. Auflage

Geheftet M. 4.-- In Leinenband M. 5.--

Der alten Sehnsucht Lied

Erzählungen. 1.--4. Auflage

_Inhalt_: Deutsch und Fremd -- Giuditta Africana -- Auf der Fahrt nach dem Glück -- Der Gruß des Lebens -- Zweiter Frühling -- Frühlingsabend

Geheftet M. 2.50 In Leinenband M. 3.50

Gedichte

Geheftet M. 2.50 In Leinenband M. 3.50

Die Condottieri

Schauspiel in vier Akten

Geheftet M. 2.-- In Leinenband M. 3.--

Der alten Sehnsucht Lied

Erzählungen

von

Rudolf Herzog

Vierte Auflage

Stuttgart und Berlin 1906

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Alle Rechte vorbehalten

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

Meinem lieben Vater Seiler

Inhalt

Seite

Deutsch und Fremd 9

Giuditta Africana 37

Auf der Fahrt nach dem Glück 75

Der Gruß des Lebens 105

Zweiter Frühling 127

Frühlingsabend 159

Deutsch und Fremd

Die frühe Dämmerung des Wintertages glitt über die weite Hochebene und griff spielerisch nach den verblassenden Sonnenlichtern, die sich langsam zurückzogen, sich noch einmal zusammenfanden und mit dem Hauch des gemeinsamen Abschiedsgrußes den Himmel in melancholische, rötlich-violette Töne spannten. Weißer leuchtete der gefrorene Schnee auf den breiten Ackerstrichen, die geradlinig, zu Würfeln zusammengezogen, dunkelgerändert sich am Horizont verloren.

Aus der schwarzen Masse des Tannenwäldchens, das die Felder umschlossen, zog das leise Singen des Frostes. Ein Zweig knallte dumpf in der Kälte. Und es war wie ein Aufhorchen in der meilenweiten Einsamkeit ...

Am Ausgang des Wäldchens zeigten sich zwei Reiter. Ohne sich verständigen zu müssen, hielten sie gleichzeitig ihre Tiere an, rückten sich aufrecht und schauten in die weiße Herrlichkeit, die sich vor ihnen aufgetan hatte. Wie ein Schleier zog sich ein feiner Dampf um die Pferdeleiber bei der kurzen Rast.

»Gräfin ...«

»Sprachen Sie, Oberst --?«

»Sagen Sie nichts mehr von Italien. Kein Wort mehr. Unsere Heimat ist die schönste.«

»Weil sie die stillste ist ...«

»Im Winter. Damit wir Muße haben, abzuschließen und -- neu zu erschließen. Das allein hält jung. Ah dieser Winter. Den kann uns Ihr gelobtes Italien nicht nachmachen. Nein, nein, nein, ich danke Gott, daß Sie wieder hier sind.«

»Wieder?« lachte sie kopfschüttelnd. »Das sind doch schon zehn Jahre.«

»Ich weiß es, Gräfin.«

»Sie sagen das so lyrisch, Oberst. Sie haben doch mit dem Dienst nicht etwa auch die Zeitrechnung quittiert?«

Er klopfte dem unruhig werdenden Braunen, vornübergeneigt, den dampfenden Hals. »Nur zurückgeschraubt, liebe Freundin.«

»~En avant!~«

»Wie Sie befehlen.«

Aber sie ließen die Tiere im Schritt gehen. Seite an Seite ritten sie über den knirschenden Schnee, und keiner sprach aus, was ihn bedrängte. Dann fiel der Pfad allmählich ab. Eine halbe Stunde war verronnen.

»Gleich werden wir im Tal das Städtchen sehen.«

Da griff sie in den Zügel seines Pferdes.

»Oberst, lieber Freund, das halte ich nicht aus. So nicht.«

»Was nicht -- und -- weshalb nicht?« Die Pferde beschnupperten sich müde.

»Also schnell. Weshalb haben Sie den Dienst quittiert, ein Mann, Mitte der Vierzig? Weshalb haben Sie das Gut übernommen? Weshalb gerade jetzt?«

»Weshalb ...?«

»Ja, weshalb!«

»Alles das wollte ich schon vor zehn Jahren.«

»Und heute -- wollen Sie mehr? Sie schütteln den Kopf? Also wirklich nicht? Oberst, Freund, weshalb schütteln Sie _nun_ den Kopf nicht mehr? Soll das heißen, daß Sie ja auch damals schon -- mit noch anderen Wünschen kamen ...«

Er wandte ihr mit einer energischen Bewegung sein Gesicht zu. Trotz der Dämmerung bemerkte sie, daß sich sein Haar an den Schläfen weiß gefärbt hatte.

»Frau Ella, wenn Sie mir zu reden gestatten -- jetzt endlich ...«

»Vom Sattel aus?« Sie gab seinem Braunen einen ermunternden Schlag und sprengte voraus. »Kommen Sie! Dazu sind wir zu alt. Die Jugend liegt hinter uns.«

»Die Jugend!« stieß er zornig hervor und warf den Gaul an ihre Seite. »Himmel, besteht denn das Leben nur aus dieser vergißmeinnichtblauen Jugend? Müssen wir denn absolut in Tränen und Seufzern schwimmen, wenn diese sentimentale Zeit --«

»Nicht schimpfen!«

»Soll ich mich etwa freuen, daß ich das zehn Jahre mit angesehen habe?«

»Was denn? Tränen und Seufzer? Von mir nicht!«

Frage und Antwort flogen hastig durch den aufgewirbelten Wind ... Ein kurzer Galopp über ein ebenes Wegstück, eine scharfe Biegung an einer buschbestandenen Stelle, und aus der Talmulde tief unter ihnen blitzten und blinzelten rot und gelb die Lichter des Städtleins.

Noch einmal parierte die Reiterin ihr Pferd. Mit einer Handbewegung umfaßte sie das Bild, mit einer ganz langsamen Bewegung der behandschuhten Rechten. Aber sie sprach nicht. Im Tal schlug die Kirchenuhr. Die Klänge schwangen sich in der Winterluft weit über Land.

»Der alte Pfarrer ist nun auch schon tot,« sagte der Oberst. »Das ist schon eine Reihe von Jahren.«

»Als sein Sohn starb.«

»Ja, als Sie zurückkehrten. Ich hatte Urlaub genommen, um Sie auf der gemeinsamen Heimatscholle zu begrüßen. Herr Gott, Gräfin, schlug mir das Herz auf der Herreise.«

»Sie haben mir damals ein Versprechen gegeben. Die Frage, die Sie hertrieb, nicht auszusprechen. Damit wir die alten Kindheitsfreunde blieben.«

»Kindheitsfreunde? Ich war Zeit meines Lebens zehn Jahre älter als Sie, das zählt in der Kindheit. Als ich Sie endlich gewahrte, waren Sie Gräfin. Ich habe Unglück mit Ihnen.«

»Ich werde Sie vor weiterem Unglück bewahren.«

Er achtete nicht auf den Einwurf. »Als der Graf am allzuraschen Leben starb, verschwanden Sie in der Freiheit. Als fahrender Ritter konnte ich Ihnen nicht folgen. Auch respektierte ich das Trauerjahr. Aber Sie kamen nicht wieder. Die Illusionskraft Italiens hielt Sie ganz und gar. Und als Sie endlich kamen, hatten Sie auch die Illusionen für immer hinter sich gelassen. Wenigstens sagten Sie damals so: für immer.«

»Bemitleiden Sie mich, Oberst.«

»Bemitleiden Sie mich etwa? Nein, dafür danke ich in unser beider Namen. Trotz meiner fünfundvierzig Jahre --«

»Und trotz meiner fünfunddreißig?«

»-- sage ich mir: das Leben fängt dann an, wenn man es packt.«

Sie sann einen Augenblick noch vor sich hin. »Und Sie -- Sie haben alle die Zeit so gedacht? Und darauf gewartet?«

»Ich habe darauf gewartet, daß Sie sprechen würden, nachdem Sie _mir_ das Sprechen verboten hatten. Und ich war fest überzeugt, daß Sie die ungleiche Verteilung der Karten, die Sie vorgenommen hatten, aus sich selbst heraus korrigieren würden. Dazu sind Sie ein zu stolzes und -- zu gerechtes Menschenkind.«

»Werden Sie den heutigen Abend auf Ihrem verschneiten Gutshof zubringen, Oberst?«

»Wissen Sie mir Besseres vorzuschlagen?«

»Ob es Besseres ist, wenn ich Sie bitte, mit zu mir zu kommen? Ihrem Braunen werden nach dem langen Marsch ein paar Stunden Stallruhe gut tun.«

Er beugte sich aus dem Sattel, ergriff ihre Hand und drückte seinen bereiften Schnurrbart auf den Handschuh.

»Mein Brauner dankt Ihnen, gnädige Frau.«

»Das nenn’ ich diplomatisch. Und nun querfeldein! Der Frost hat den Schnee wie einen Parkettboden über die Ackerschollen gelegt. In fünf Minuten sind wir daheim. Trab!«

»_Daheim?_ -- Trab!«

Und zum ersten Male lachten sie miteinander. Ganz jung und gesund. Unter den Hufen der Pferde stäubte der Schnee, aus der Ferne tönte das leise Singen des Frostes, die Mondscheibe gewann an Leuchtkraft, und das tiefverschneite Land, Meilen hinaus auf dem Rücken des Berges, lag wie ein Geheimnis. Vor ihnen bauten sich die Umrisse des Herrenhauses auf. Das Licht des frühen Mondes schimmerte in der grünen Patina der Turmdachkappe. Die mächtigen Schieferdächer des Hauptbaues reckten sich kantig hoch. Das war stark und heimlich. In der Verborgenheit eine Geborgenheit. Und Ackerland ringsum.

Ein Knecht lief ans Tor und nahm vor den Stallungen die Pferde ab. Aber sie gingen beide mit hinein, bis die Tiere versorgt waren. Und als ob es sich so von selbst verstände, ging die Gräfin weiter, von Box zu Box, von den Wagenpferden zu den Ackergäulen, Futter und Stroh prüfend, den Tieren den Hals klopfend. Mit einem eigentümlichen, frohen Blick verfolgte der Oberst ihr ruhiges Tun. Dann schritten sie über den gefegten Hof, an der strohumwundenen Brunnenpumpe vorbei, und betraten das Herrenhaus.

»Sie müssen mich zwei Minuten entschuldigen, lieber Freund. Nur aus der Fessel des Reitkleides heraus!«

»Und ich --? Darf ich in meinem winterlichen Reiterflaus ins Heiligtum?«

»Dort ist die Bibliothek. Nein, nein, ich will Sie nicht erschrecken! Das Zimmer hat den gemütlichsten Kamin. Nur deshalb.«

Er war allein in dem Raum. Die Längswand war mit dichtgefüllten Bücherregalen besetzt. Die Ecke zum Fenster schnitt ein geschnitzter Schreibtisch ab. Darüber hing ein Ölbild: Das griechische Theater zu Taormina. Die andere Wand füllte der weitbauchige Marmorkamin.

Der Oberst starrte auf die Bücherreihen, wandte sich zum Kamin, in dem die Buchenkloben prasselten, wärmte sich gedankenvoll die Hände, betrachtete eine Zeitlang aufmerksam das Gemälde über dem Schreibtisch und fühlte sich endlich doch, gegen seinen Willen, zu den Bücherreihen zurückgezogen. ›Diese Gelehrsamkeit!‹ dachte er staunend. ›Freilich, da kann ich nicht mit.‹

»Ach, Unsinn,« sagte er plötzlich laut, »die Bücher tun’s nicht!«

»Die Bücher nicht?« -- Die Gräfin stand in der Tür. Sie trug ein loses, weißes Wollkleid, das dicke, blonde Haar in einem griechischen Knoten. »Schauen Sie mich nicht so verwundert an. Ich bin die Gutsherrin von Schönhof. Also die Bücher tun’s nicht?«

»Nein, Gräfin, das Leben tut’s.«

»Das Leben, lieber Freund, steckt nirgends so schön wie in den Büchern.«

»Ja, wenn man achtzig ist -- und hat selbst ein Lebensbuch geschrieben -- und Punktum darunter gesetzt. Sonst -- sonst ...«

»Nun? Sonst?«

»Sich das Leben, das eigene Leben, aus fremden Büchern borgen -- halten Sie es meinem Soldatenjargon zu gut, aber das käme mir wie Drückebergerei vor. Ein Leben, sein eigenes, das muß man selber leben und gestalten. Gräfin! Vorhin, als Sie durch den Stall gingen, wie Ihnen da die Augen glänzten. Und vorher schon, als wir über das Land ritten, das so warm unter der Schneedecke liegt! Sehen Sie, da waren Sie: _Sie_! Alles andere ist ja nur ein fremdes Kostüm, das Ihnen nicht sitzt, in das Sie trotzdem Ihre Jugend, Ihre Bestimmung hineinzwängen, weil Sie sich vor Jahren einmal in den Maskenscherz verliebt haben.«

»Ja,« sagte sie, »ich hatte mich verliebt ... Und ob es ein Maskenscherz war, sollen Sie mir später sagen.« Sie sah ihn offen an. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, weshalb ich Sie bat, Ihre Werbung nicht vorzubringen. Vor zehn Jahren war alles noch zu frisch. Ich selbst war wohl wieder im lieben Deutschland, aber meine Gedanken -- nein, meine Gedanken nicht. Die irrten verstört in Sizilien.«

Sie saßen in den tiefen Juchtensesseln dicht vor dem Kamin, der Oberst mit gefurchter Stirn, die Herrin des Hauses mit weitem, rückschauendem Blick.

»Als der Graf, mein Gatte, seine Besitzungen in der Altmark erschöpft hatte, zogen wir uns hierher, auf Gut Schönhof zurück, das mir meine Eltern hinterlassen hatten. Nie in meiner Ehe war ich so froh, wie an jenem Tage. Ich war von Haus aus ein schwerer Schlag, ein echtes Gutskind, wie Sie sich vielleicht erinnern. Die Weltdame zu spielen, habe ich nie gelernt. Das war der ewige Zorn meines Mannes. Und sonst hatte ich auch nicht allzuviel gelernt. Was mir die Gouvernante und der gute Pastor im Städtchen beibringen konnten, wenn der Stall und die Felder mich freiließen. Der enge, kleine Horizont des Städtchens im Tal zog auch den geistigen Horizont aus den höher liegenden Gutshöfen in Mitleidenschaft. Wenigstens war das früher so. Kurz, ich war ein dummes, derbes Landkind und _wollte_ nichts anderes sein.

Damals begann das ›allzu rasche‹ Leben des Grafen -- wie Sie sich vorhin ausdrückten -- sich in seinen Folgen mit erschreckender Deutlichkeit bemerkbar zu machen. Die Gicht zog ihn, der längst nicht mehr der jüngste war, zusammen, und mit der Zunahme der Anfälle steigerte sich sein Zorn auf alles, was um ihn her gesund war. Ich wurde seine Gefangene, ich durfte das Zimmer nicht mehr verlassen. Dumpf und stumpf hockte ich neben seinem Krankenstuhl -- denn er hatte sich das Reden verbeten -- dumpf und stumpf, monatelang, ein Jahr lang. Was in der Natur vor sich ging, mir blieb es verborgen. Blieb mir doch fast verborgen, was auf dem Gute getrieben wurde. Aber ich will Sie mit der Schilderung meines Martyriums nicht quälen. Wenn mir damals jemand das Sterben versprochen hätte, ich hätte genickt.

Der Zustand meines Mannes verschlimmerte sich. Es war Vorfrühling, denn die Mägde trugen Büsche von Birkenkätzchen in die Zimmer. Da wurde mir ein gleichgültiger Besuch gemeldet, der Sohn des alten Pfarrers, mit dem ich zusammen unterrichtet worden war. Georg, der Spätgeborene. Sie werden sich seiner entsinnen.«

Der Oberst sah auf und blickte wieder in die tanzenden Funken des Kamins.

»Er kam, um mich zu bitten, ihn bei seinem Vater zu entschuldigen. Irgendwo solle er in den nächsten Tagen als Hauslehrer eintreten. Aber er zöge es vor, den Geist der Enge mit dem der Weite zu vertauschen. -- Ganz interesselos stellte ich eine Frage: ›Wohin wollen Sie?‹

›Nach _Italien_!‹ --

Nie vorher und nie nachher habe ich das Wort in solcher Betonung wiedergehört. Ich wurde aufmerksamer, ich sah ihn an. Und ich sah in ein unbekümmertes, strahlendes Jünglingsgesicht. So unbekümmert, so strahlend sein können! ... Da rief drinnen der Kranke nach mir.

›Und Ihr Vater weiß nichts von dem Plan?‹

›Er würde mich ja gar nicht verstehen. Eine Brotstelle im Stich lassen um eines seelischen Triebes willen! Frau Gräfin, das versteht hier ja überhaupt kein Mensch.‹ Und er lachte ganz glückselig.

›Was wollen Sie in Italien anfangen?‹

›Ein unsterbliches Werk schaffen. Oder besser: mein unsterbliches Werk.‹

Da rief der Kranke ungeduldig zum zweiten Male nach mir. Ich verabschiedete hastig den Besuch und versprach ihm, dem alten Pfarrherrn ein versöhnliches Wort zu sagen. Dann saß ich wieder in meiner Gefangenschaft. Aber seltsam: plötzlich roch ich den feinen Duft des Frühlings aus den Birkenkätzchen, sah ich durch die Gitterstäbe hindurch in sonnenbeschienenes Land, spürte ich eine mir fremde, uneingestandene Frühlingserwartung im Blut, und alles nur, weil ich den Klang im Ohr trug, aus Lachen und dem Jubelruf ›Italien!‹ gemischt, und ich wußte nicht: war es das Lachen, war es das Wort ...

Als die Frühlingsstürme über unsere Hochebene dahingebraust waren und die Burschen Maibäume schnitten, zog man bei uns die Flagge auf Halbmast. Wir kamen vom Grabe des Grafen, und mitten in die Tröstungen des alten Pfarrers hinein fragte ich ihn nach seinem Sohn. Ja, es wären Briefe da. Der Georg läge in Rom herum oder in der Campagna und stehle dem Herrgott den Tag. Er nenne das zwar in seinem unverbesserlichen Leichtsinn ›dem Herrgott den Tag abgewinnen!‹ Trotz des sorgenden, zitternden Tones, es klang doch eine geheime Bewunderung für den Spätling durch. Dem Herrgott den Tag abgewinnen! Ach, wer das auch vermöchte ... Für sich selbst, für die eigene, mißhandelte, stumpf gewordene Seele einen Tag gewinnen ...

Zum Herbst reiste ich nach Italien. Die Gutsgeschäfte übernahm unser langjähriger Verwalter, mein alter Onkel kam hin und wieder zum Inspizieren. In Florenz erkrankte meine Zofe an Heimweh. Ich mußte sie auf kürzestem Wege zurücksenden. Ich selbst fuhr nach Rom, lief einen, zwei Tage ziellos durch die Straßen, stand freudlos und noch viel verständnisloser vor den Denkmälern des Altertums und fand mich am Abend einsam, meine Zofe beneidend, ja in Tränen in meinem Hotelzimmer. Am anderen Morgen verhandelte ich mit dem Fremdenführer des Hotels. Ich versprach ihm für die Herbeischaffung von Georgs Adresse eine glänzende Belohnung, erklärte ihm, daß er sie wohl bei deutschen Künstlern in Erfahrung bringen könnte und blieb in ängstlicher Erwartung daheim. War der Helfer nicht herbeizuschaffen, so gedachte ich mit dem Abendexpreßzug heimzureisen.«

»Natürlich, der Halunke brachte die Adresse,« murmelte der Oberst grimmig.

»Nein,« lächelte sie, »er brachte sie nicht. Zwei Stunden darauf stand Georg selber vor mir.«

Der Oberst stieß mit dem Fuß einen vorwitzigen Buchenspan in den Kamin zurück, erhob sich und tat ein paar Schritte ins Zimmer. »Verzeihen Sie, die Lampe flackert.«

»Soll ich weiter erzählen?« fragte sie nach einer Weile.

Er wandte sich um. Männlich und straff stand er vor ihr.

»Darf ich mir eine Zwischenfrage erlauben, Gräfin?«

»Aber gewiß, lieber Freund.«

»Wird das, was folgt, keine -- verzeihen Sie -- keine reguläre Liebesgeschichte?«

»Wollen Sie also weiter hören?«

Er nahm seinen Platz vor dem Kamin wieder ein. Aber in seinem Gesicht war ein unruhiger Zug, den sie bemerkte und der ein sonderbares, mädchenhaftes Gefühl in ihr wachrief. Eine feine Röte lief über ihre Schläfen, als sie weitersprach.

»Er sah sonnenverbrannt und hager aus, der gute Georg, auch war sein Anzug nicht ganz tadelsohne. Aber seine strahlenden Knabenaugen machten alles wett. ›Frau Gräfin,‹ rief er, ›wahrhaftig, es gibt bei uns noch mehr Leute, die sich aus der Stickluft von dannen machen? Und Sie! Gerade Sie! Nun können wir einmal an der Quelle revidieren, was mein alter Herr uns beim Unterricht alles zu sagen vergessen hat.‹

›Ich finde mich in Rom nicht zurecht. Wollen Sie mein Führer sein? Oder besser: mein Lehrer?‹

›Lehrer?‹ wiederholte er. ›Lehren kann hier allein die Natur. Hier sprechen die Steine. Haben Sie das bei Ihren Wanderungen noch nicht vernommen?‹

›Ich bin schwerhörig geworden. Und ob ich überhaupt noch aufnahmefähig bin -- ich zweifle fast daran.‹

›Frau Gräfin,‹ sagte er respektvoll, ›ich weiß. Aber Sie sind doch immerhin erst fünfundzwanzig.‹

›Soll das ein Trost sein? Mit fünfundzwanzig schon so weit wie ich?‹

›Also Rom ist zunächst nichts für Sie,‹ fuhr er ruhig fort. ›Erst heißt es: sich akklimatisieren, Land und Leute kennen lernen, die Sonne lieb gewinnen, das blaue, sagenhafte Meer. Und später, wenn das Glück uns wohl will, rücken wir in langsamen Tagemärschen gegen Rom vor.‹

›Wir? -- Wollen Sie denn mit mir reisen?‹

›Aber natürlich! Soeben haben Sie mich doch als Führer engagiert. Das heißt -- halt -- Frau Gräfin, ich habe kein Geld.‹

Da war sie wieder, diese nie gekannte lachende Stimmung, der ich entgegenreisen wollte.

›Das hat nicht Ihre Sorge zu sein,‹ erwiderte ich hastig, um nicht schon wieder den Mut zu verlieren, ›ich nehme Sie ganz einfach zum Reisemarschall.‹

›Topp, dann können wir zum Bahnhof.‹

›Aber -- brauchen Sie nicht erst nach Hause?‹ fragte ich erschreckt. ›Ihre Reisevorbereitungen treffen?‹

›Menschen, die mit dem Glück segeln, sind immer reisefertig. Was ich brauche, erhalte ich überall.‹

Der Ton steckte an. Und der Mann, der ihn angeschlagen hatte, erschien meinen Augen, die so lange ins trübe Dunkel geblickt hatten, wie ein junger Sonnengott. Wir fuhren nach Neapel, wir fuhren im Wagen den Golf entlang nach Sorrent, nach Amalfi. Er lehrte mich sehen, Farben, Formen, Wunder über Wunder, und meine Seele erwachte zum Genießen. Das war das größte Wunder. Und alles dankte ich ihm, der sorglos und heiter an meiner Seite lachte und sprach, die Sagen des Altertums mit der Natur in Verbindung brachte, geschichtliche Ereignisse einfließen ließ, mich die Kunst lehrte, sich der Künste zu freuen, sich des Lebens zu freuen, und der dennoch überall der sorgende, taktvolle Reisemarschall blieb. So kamen wir nach Sizilien.

›Wenn es Ihnen recht ist, Frau Gräfin, schlagen wir in Taormina auf längere Zeit unsere Zelte auf. Dort können Sie sich auf Rom vorbereiten.‹

›Weshalb gerade dort?‹

›Entsinnen Sie sich, was ich Ihnen als das herrlichste an Rom rühmte? Die _Steine_ reden. Geben Sie acht, im alten Theater zu Taormina werden Sie es vernehmen.‹

›Wollen wir nicht Messina bewundern?‹

›Ach, Frau Gräfin, selbst das Meerungeheuer, die strudelköpfige Szylla, hat vor Langeweile diese Stadt verlassen.‹

Ich sah ihn an, verwundert über sein Drängen. Aber als ich die freudige Unruhe in seinen Augen bemerkte, trieb es auch mich. ›Kommen Sie, kommen Sie,‹ sagte er nur, ›wer zum Throne gelangen will, darf sich im Vorsaal nicht aufhalten.‹

Und am Abend standen wir hoch droben, an die Ringmauer des alten Theaters von Taormina gelehnt und blickten, staunten hinein in die erhabenste Schönheit Gottes. Phantastisch recken und strecken sich Felsen und Vorgebirge in die blaue See, die brandend an ihnen frißt. Blöcke schichten sich zu Bergen, und auf jeder Bergspitze ein Städtchen, ein Kastell, immer eins das andere an malerischer Form besiegend. Und immer weiter wanderte der Blick, die sagenhafte Küste des Odysseus, des Griechen verschlingenden Polyphem entlang. Die rote Abendsonne warf ihre Purpurgarben durch die geborstenen Mauern des Theaters, ließ die Säulen der Bühne wie roten Marmor flammen, ließ unter uns die Küste des alten Naxos zu neuem Reiz erschimmern wie vor Jahrtausenden, als die ersten Griechenfüße von Neuland suchenden Schiffen hier an Land sprangen. Die Sonne huldigte im Farbenrausch dem Herrscher Siziliens, dem grünumgürteten schneebedeckten Ätna und ließ in weiter, weiter Ferne, im letzten Sonnendunst, den Schatten der gestürzten Königin Syrakus uns ahnen ...

In dieser Stunde der Offenbarung empfand ich, daß die Schönheit nie wieder aus meinem Leben verschwinden dürfe, und ich sah mich nach meinem Helfer um. --

Auf die oberste Sitzreihe des Theaters gekauert, starrte der junge Freund auf die zertrümmerte, moosbewachsene Bühne, vor der wie ein der Auferstehung harrender Reichtum Marmorblöcke, Säulenschäfte und Kapitelle schlummerten. Seine Augen glühten. So mußten Künstleraugen glühen.

›Was schaffen Sie, Georg?‹

›Ja, ich schaffe ...‹

›Was arbeiten Sie eigentlich, Georg? Ich habe Sie nie gefragt.‹

›Weshalb einen Ausdruck dafür suchen? Ob man in Stein, Farben oder Worten dichtet -- die Schöpferfreude tut’s.‹

›Lassen Sie mich teilnehmen,‹ bat ich leise, und er rückte zur Seite.

›Sehen Sie,‹ sagte er und beschrieb mit der Hand einen Kreis über all die leuchtende Herrlichkeit, ›hier ist Gottes Geschichtsbuch. Hier liegen die Kulturen von Jahrtausenden in Schichten aufeinander. Wen die Götter lieben, der darf ein Lied aus dem Buche singen, unzähligen Liedern das Leben wiedergeben. Vorwärts!‹ rief er und klatschte in die Hände. ›Den Vorhang hoch!‹

Er beugte sich vornüber, mit großen lachenden Augen und schlug befehlshaberisch mit der Hand auf die Mauer. Und ich beugte mich mit vor, erregt und lachend. ›So lassen Sie doch beginnen, Dichter!‹