Part 9
Nach dieser Zählung also erhalten wir als Abfassungszeit unseres Werkes das Jahr 1399. Dass diese Art der Zeitbestimmung von Erschaffung der Welt im Mittelalter[78] auch wirklich im Gebrauche war, wird von mehreren Seiten bestätigt. Franz Pfeiffer theilt in Haupts Z. VIII, 274 ff. Mariengrüsse mit, und dort erscheint auch die Zahl 5200 als Jahresangabe bis Christi Geburt. In den Predigten Bruder Bertholds von Regensburg, von dem oben Genannten herausgegeben, findet sich 75, 13 und 381, 37 die Zahl der Jahre bis Christi Geburt auf 5199 angegeben. Eben diese Jahresrechnung wird wol gemeint sein in dem ›Leben Jesu mittelniederländisch‹ von Prof. J. Kelle in der Z. f. d. A. XIX, 96.[79]
Ueber den literarischen Werth unseres kleinen Prosastückes hat Gervinus[80] ein höchst lobendes Urtheil gefällt und gewiss nicht mit Unrecht. Und so nennt auch Wackernagel[81] den Ackermann ›eine der schönsten altdeutschen Prosaschriften.‹
Das Werk ist ein Streitgespräch zwischen dem Tode, der personificiert auftritt, und einem Ackermanne, dem seine Frau gestorben ist. Der Kläger (der Verfasser selbst) hebt an mit einer Verwünschung des Todes und fordert diesen zur Rechtfertigung heraus. Auf die Anklage des Einen folgt die Vertheidigung des Anderen. ›_Den zwinget leit zu klagen, diesen die anfertigung des clagers, die weiszheit zu sagen_‹ (C. XXXIII). In rührender Weise klagt der Beschädigte über den Verlust, den er durch den Tod seiner lieben Gattin erlitten, er sieht nur die schönen lichten Seiten des Ehestandes; während der Tod in den dunkelsten Farben die Mängel und Gebrechen nicht blos der Frauen, sondern der Menschheit überhaupt schildert (bes. C. XXIV und C. XXVIII). Keiner will dem Andern weichen, bis sie sich endlich entschliessen, Gott die Entscheidung zu übergeben. Der Kläger muss seine Klage zurückziehen; aber auch der Tod wird daran erinnert, dass die Macht, deren er sich rühmt, ihm nur übertragen sei. Der Wittwer, dem Urtheile sich fügend, richtet nun, im Bewusstsein, nur auf diese Weise seiner verstorbenen Gattin noch Gutes erweisen zu können, ein inniges Gebet an Gott, worin er für deren Seelenheil fleht.
Der Stil des Werkes ist einfach und schlicht; kein künstlicher Periodenbau, keine seltenen Wendungen oder kühnen Wortstellungen lassen sich nachweisen. Leicht verständlich und fliessend ist die Sprache, die der Verfasser in voller Gewalt besitzt: da gibt es kein Tasten und Haschen nach Ausdrücken, aber auch keinen Schwulst, keine monotone Wiederholung. Wie viele Vergleiche, allerdings etwas derber Art, hat er in C. XXIV für den Menschen, wie viel höchst poëtische Vergleiche C. XXXIV für Gott!
Uebrigens hat der Verfasser unverkennbar auch eine poëtische Ader, die sich in dem Gebrauche von Alliterationen offenbart; so _frut und fro_ (4, 18), _singen und sagen_ (46, 1), _stock, stein_ (52, 5), _witwen und weisen, landen und leuten_ (3, 7), _würm in wüstung und in wilden heiden, schuppentragender und schupfriger visch_ (11, 6 u. 7), selbst Reime und ganze Verse kommen vor; so _liebes entspent, leides gewent_ (17, 8), _snurret ir und wurret_ (25, 20), _wann sie ist die beste hut, die ir ein frumes weip selber tut_ (43, 12), _kroner und die kron, loner und der lon_ (55, 14). Ganz besonders poëtischen Schwung hat das Gebet in C. XXXIV. Der Verfasser wendet aber auch noch andere Schmuckmittel der Rede an. So finden wir Anaphoren (13, 20 f.; 17, 15 ff.; 18, 9 ff.; 25, 6 ff.; 37, 6 f.; 38, 18 ff.), Metaphern, wie in C. II und V in Menge und auch sonst sehr oft Parallelismen (so 14, 15; 15, 9; 18, 14 u. o.), Wortspiele, wie 17, 1 _lust—unlust_, _willen—unwillen_; Bilder und Vergleiche der schönsten Art in Menge.
Ueber die gelehrten Anspielungen in dem Werke wurde schon früher gesprochen.
Zu erwähnen wären noch die zahlreichen Sprichwörter und Sentenzen, die in dem Werke vorkommen und Zeugnis geben von der Welterfahrenheit des Verfassers, zugleich aber dem Werke einen didaktischen Charakter verleihen; so 9, 10; 17, 6; 19, 9; 29, 21 ff.; 30, 10; 30, 13; 34, 7; 40, 2; 42, 8.[82]
v. d. Hagen meint,[83] der Ackermann sei durch den Belial veranlasst und werde mit diesem von den Schreibern zusammen genannt ›ohne Zweifel wegen des ähnlichen Inhaltes‹. Die letzte Ansicht ist wol nicht stichhaltig; denn im Belial wird ein Prozess mit allen seinen Förmlichkeiten beschrieben, wie die Hölle, erbittert darüber, dass durch Christus so viele Seelen ihr entzogen worden, einen Abgeordneten, den Belial, wählt, um Jesum zu verklagen. Gott setzt als Richter den Salomo ein, als Anwalt Christi erscheint Moses. Was die erste Ansicht v. d. Hagens angeht, so lässt sie sich durch nichts beweisen. Vielmehr wird die Veranlassung zur Anwendung der Gesprächsform mit dem personificierten Tode in dem mittelalterlichen Gebrauche der Personification und bildlichen Darstellung des Todes liegen. Ich verweise hier nur auf die Abhandlung von W. Wackernagel ›Der Todtentanz‹ in den kl. Schr. I. S. 302-375. S. 305 sagt er: ›Immerfort und immer auf dem Grunde der ironisch-humoristischen Stimmung wurden neue Verbildlichungen und Personificierungen des Todes erfunden und gebraucht und aus der Poësie in die alltägliche Denk- und Sprechweise fortgepflanzt; manche derselben haben sich von da her bis auf den heutigen Tag erhalten‹.
Die Sprache des Werkes.
Die Sprache in dem Werke ist ihren Grundzügen nach dieselbe, deren Charakteristik Müllenhoff in der Einleitung zu den Denkmälern deutscher Poësie und Prosa aus dem VIII.-XII. Jh. v. Müllenhoff und Scherer (Berlin 1873) gegeben hat. S. XXVIII sagt er: ›in den urkunden der Lutzenburger, Johanns von Böhmen, Karls des vierten und Wenzels, weniger in denen Sigemunds, wohl aber in der in Wien aufbewahrten deutschen bibel Wenzels, soviel aus den mitteilungen des Lambecius und Denis zu ersehen ist, herscht eine sprache die eine mitte hält zwischen den beiden mundarten die sich schon im XIII jh. in Böhmen begegneten, als dort gleichzeitig der Meissner Heinrich von Freiberg und der Baier Ulrich von Eschenbach dichteten. sie hat von der baierisch-österreichischen gerade den bestand der diphthonge der ins neuhochdeutsche übergegangen ist, d. h. _ei_ für _î_, _eu_ für _iu_, _au_ für _û_ und _ou_, aber kein _üe_, auch behält sie das alte _ei_ bei und gestattet dem _ai_ selten eingang; aus dem mitteldeutschen aber hat sie _u_ für _uo_, das constante _e_ für _æ_, _i_ für _ie_ und umgekehrt häufig _ie_ für kurz _i_‹.
Ganz dieselben Merkmale finden sich, wie Herr Prof. Martin mir freundlichst mitteilte, wieder in dem Buche der Malerbruderschaft in Prag, einer Papierhandschrift vom Jahre 1348 mit Nachträgen aus späterer Zeit, die sich im Besitze der Gesellschaft der patriotischen Kunstfreunde in Prag befindet und jetzt von den Professoren Pangerl und Woltmann zur Herausgabe vorbereitet wird.
In eben dieser Sprache nun ist auch unser Werk abgefasst und die einzelnen charakteristischen Merkmale lassen sich auch hier nachweisen.
Für _î_ steht immer _ei_; so in _bei_ 1, 11; _zeit_ 2, 7; _gleich_ 3, 9; _dein_ 3, 10 u. a.
Für _iu_ steht immer _eu_; so in _leute_ 1, 8; _euch_ 1, 9; _ewr_ 1, 10; _new_ 2, 14 u. a.
Für _û_ steht ebenfalls immer _au_; so in _hausen_ 1, 11; _taur_ 2, 9; _grausam_ 2, 14 u. a.
Für _ou_ immer _au_; so in _awen_ 2, 3; _auch_ 2, 3; _raub_ 4, 14; _augenweide_ 6, 14 u. ö.
_ei_ ist meist unverändert; so in _leit_ 1, 13; _rein_ 3, 7; _weisen_ 3, 7; _freisamlich_ 4, 10; _beide_ 5, 2 u. ö. Daneben aber auch _ai_ in _fraissamer_ 1, 9; _laidige_ 1, 14; _schaiden_ 2, 9; _taiding_ 2, 15 u. a.
Für _uo_ steht _u_ immer; so in _zu_ 1, 11; _fluchen_ 2, 4; _tust_ 3, 8; _buchstaben_ 4, 9; _blumen_ 4, 11 u. a.
Für _æ_ steht _e_ in _unselden_ 1, 10; _lautmer_ 3, 3; _swerlich_ 3, 9; _wene_ 3, 15 u. ö.
Für _ie_ steht _i_ in _imer_ 1, 12; _iglicher_ 2, 7; _licht_ 4, 11; _nindert_ 5, 8; _zirung_ 10, 13; _geniessen_ 14, 5 u. ö.; aber es steht auch _ie_ unverändert in _nie_ 5, 12; _zurstieben_ 7, 17; _niemants_ 8, 9; _dienerin_ 14, 19; _verdienet_ 15, 9; _geziehen_ 16, 14; _niemant_ 18, 5 und 6 u. ö.
_ie_ für _i_ lässt sich nicht nachweisen.
Was den Consonantismus angeht, so zeigen sich auch da schon Abweichungen vom Mhd. Das mhd. Auslautgesetz ist nicht mehr beobachtet; so finden wir _tobend_, _wutend_ 3, 11; _clag_ 4, 15; _lieb_ 16, 18; auch Verdoppelung kommt vor; so in _gott_ immer, _dann_ 3, 14; _will_ 5, 8; _dritt_ 5, 17 u. a.
_h_ vor _t_ und _s_ und nach _r_ ist schon durchweg durch _ch_ ersetzt; so in _zuversicht_ 1, 14; _boszwicht_ 2, 8; _vechten_ 2, 15; _gewachsen_ 13, 17; _vorcht_ 2, 9 u. a.
_tw_ ist schon verdrängt durch _zw_ in _bezwinge_ 3, 9; 8, 14; _zwenglich_ 4, 2; und noch einigemal in Wörtern desselben Stammes.
Verhältniss zum tschechischen Gegenstücke.
Zu diesem deutschen Werke existiert ein Gegenstück in tschechischer Sprache unter dem Titel ›_Tkadleček_‹. Es ist ebenfalls ein Prosastück und wurde in zwei Theilen herausgegeben von Wenzel Hanka unter dem Titel: ›_Starobylá Skládanie. Památka XIV. wěku. Tkadleček. W Praze_ 1824‹; d. h. Alte Schriftwerke. Ein Denkmal des XIV. Jahrhunderts. Tkadleček. Prag 1824.
Hanka benutzte bei der Herausgabe dieses Werkes, wie er selbst sagt, zwei Hss.: Eine aus der Bibliothek des Strahover Prämonstratenserklosters und eine zweite, früher im Privatbesitze Dobrovskýs, jetzt in der Bibliothek des böhmischen Museums befindlich unter der Signatur 4. H. 16. Es sind beide Papierhandschriften. Die erstere konnte ich nicht einsehen, da sie sich gerade in den Händen eines hiesigen Gelehrten befand. Die zweite ist auf 134 Blättern in kl. 8^o geschrieben und sehr jung, in ganz modernem Einbande mit Lederrücken und Goldpressung; das Papier zeigt noch nicht die Spuren höheren Alters. Die Schrift ist anfangs sorgfältig, später flüchtiger.
Ueber die Ausgabe, die Hanka veranstaltet hat, will ich kein Urtheil fällen; ich mache nur aufmerksam auf die Aeusserung Gebauers über den kleinsten Fehler derselben. In seiner Abhandlung ›_Ludvik Tkadleček_‹ S. 115 in den ›_Listy filologické a paedagogické red. J. Kvíčala, J. Gebauer, J. Niederle. Ročník druhý. V Praze 1875_‹; d. h. philolog. und paedag. Blätter redig. v. J. Kvíčala, J. Gebauer, J. Niederle. II. Jahrgang. Prag 1875 sagt er: ›Nicht einmal die nachlässige und mitunter selbst unsinnige Interpunktion Hankas verdarb den Text so, dass die Elasticität des Stiles nicht ersichtlich wäre‹.
In seiner Vorrede sagt Hanka: ›Fünf Theile alter Schriftwerke, abgesehen von der Königinhofer Handschrift, in gebundener Rede sind glücklich veröffentlicht. Allerdings ist das nicht zum Lesen für Jedermann, wol aber für alle die, die ein gewichtiges Wort in der Beurtheilung der alten und neuen böhmischen Poësie zu ihrer Zeit mitreden wollen. Nicht umsonst sage ich auch der neuen, denn offenbar und augenscheinlich ist der Fortschritt der Poësie in dieser kurzen Zeit, seitdem fleissige und hoffnungsvolle Jünglinge an den Nachlässen des Geistes ihrer berühmten Vorfahren sich ergötzend deren Geniessbarkeit und Schönheit mit Vorsicht und Ueberlegung in ihren erfreulichen Werken zum Ausdrucke bringen. Unser ist es! so wollen wir sprechen, und so wollen wir es zu wahren suchen. Unser ist das, was uns Halbgelehrte nur deshalb absprechen, weil sie selbst es in ihrem Vaterlande nicht suchen können oder wollen, indem sie es den Russen, Polen, Kroaten und andern Blutsverwandten zuschreiben, deren Sprache sie nicht einmal kennen. Dieses Vorurtheil aus der Oeffentlichkeit auszurotten, erscheint mir gewiss von Wichtigkeit, und das ist der Sporn und Hauptgrund der Ausgabe dieser wertvollen Werke. Je mehr ihrer an das Licht wird gebracht werden können, um so mehr vergessener, uns jetzt fehlender, gut gebildeter Worte werden, ebenso wie Geschmeidigkeit, Anmuth und Stärke in unsere Sprache zurückkehren und sie mit der ihnen eigenen Kraft erfrischen.
Da ich mit herzlicher Freude sehe, wie die Poësie so gedeihlich sich erholt, so kann ich es nicht länger herausschieben, mit der alten Prosa hervorzutreten. Ich nehme zuerst den Tkadleček, nicht deshalb, als hätten wir keine ältern Handschriften, sondern weil er originell und weltlichen Inhaltes ist, und er eine grosse Belesenheit in griechischen und römischen Philosophen und Dichtern verräth. Lange schon hätte er wegen der Frische und grossen Gewandtheit seiner Sprache verdient gedruckt zu werden, was ihm auch, zwar nicht bei seinen Landsleuten im Originale, wol aber in deutscher Uebersetzung unter den ersten deutschen Drucken zu Theil wurde: _Hie nach volgend etliche tzumale kluger und subtiler rede wissen. Wie eyner der was genant der Ackerman von behem, dem ein schöne liebe fraw sein Gemahel gestorben was, beschicket den tode und wie der tode im wider antwurt, vnd seczet also ye ein capitel vmb das ander, der capitel seind XXXII vnd vahet der ackermann an also zu klagen: Grimmer tilger aller leute Schedlicher achter aller Werlte._ Es findet sich ein Abdruck davon in der kais. Wiener Hofbibliothek in Quart ohne Custoden und Signatur mit einem Holzschnitte.
Unser Schriftsteller Ludwig Tkadleček, so wie seine Geliebte Adelheid, lebten in der ersten Hälfte des 14. Jahrh. als Hofleute in Gräz an der Elbe bei der verwittweten Königin Elisabeth. Es war Adelheid eine Schönheit ihrer Zeit, eine Zierde des königlichen Hofes, um die Tkadleček, als sie sich mit einem andern vermählte, nicht zu stillende Klage erhob, und so verewigte er seine Geliebte, deren Schönheit und Tugend mit seiner Feder, die er nach seinem Namen Weberschiffchen nannte. Der Kläger und das Unglück sind die Hauptpersonen dieser Schrift. Handschriften sind mir nur zwei bekannt: eine alte auf Blättern von Papier, der Trojanerkronik, dem Tristram und Mandiwill beigebunden, befindet sich jetzt auf dem Strahove und war einst im Besitze der Minoriten; eine neue Abschrift einer andern Handschrift hat mir gütigst unser geehrter Dobrowský geboten. Beide habe ich eifrig benutzt, eine aus der andern ergänzend, wobei mich in der Anordnung Herr Anton Liška, Professor des Neuhauser Gymnasiums, sehr thätig unterstützt hat‹.
Ueber den tschechischen Tkadleček spricht auch Jos. Dobrowský in seiner ›_Geschichte der böhmischen Sprache und älteren Literatur Prag 1818_‹ (in deutscher Sprache abgefasst.) S. 157. Nr. 9.: ›_Tkadleček_, der kleine Weber oder _žalobnik a nesstěstj_,[84] ein langes Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke, in der Handschrift _A_ ehedem bei den P. P. Minoriten, der Geschichte von Troja beigebunden. Ich besitze auch eine neuere Abschrift nach einer andern Handschrift. _Jat sem Tkadlecz vczenym rzadem_, so fängt das 3. Kapitel dieses böhm. Originalwerkes an, _bez drziewce, bez ramu a bez železa tkati vmiegi_ (für _vmjm_).[85] Sein wahrer Name sei aus 8 Buchstaben zusammengesetzt; der erste ist der 11te des Alphabets, der 2. der 20te, der 3te der 4te u. s. w. Nach der Enträthslung kommt nun _Luduik_ heraus und seiner Geliebten Name _Adliczka_, mit dem Beinahmen _Pernikařka_. Sie war auf dem fürstlichen Hofe zu Grätz an der Elbe Einheitzerin (_topiczka_). Diese Beinahmen nimmt der Verfasser, der hier als Kläger auftritt, in figürlicher Bedeutung, und geht zu ihrem Lobe über. Ewig müsse er das Unglück hassen, weil es ihn von seiner Geliebten getrennt habe. Gegen seine Anklagen sucht das Unglück sich zu vertheidigen. Häufig werden die h. Schrift, Plato, Aristoteles, Cicero angeführt. Vor vielen andern albernen Faseleyen hätte diese Schrift, der guten originellen Ausdrücke wegen, wol verdient, gedruckt zu werden. Dies geschah in Böhmen nicht, wol aber ausserhalb. Mein sel. Freund Durich entdeckte einen alten Druck einer freyen deutschen Uebersetzung in der k. Hofbibliothek zu Wien. Das Werk ist in 4. ohne Custos und Signatur, mit einem Holzstiche geziert, der einen Bauer vorstellt, mit der Ueberschrift: _Hie nach volgend_ u. s. w.[86] Dieser Anfang lautet nun im Böhmischen: _Ach ach nastogte, Ach ach bieda, ach nasyle, Ach na tie ukrutny a wrucy shladiteli vssech zemi, sskodlivy sskuodce vsseho swieta smiely morderzi vssech dobrych lidij._[87] Das Original ist also viel wortreicher. Wie und warum man in die deutsche Bearbeitung für den Weber einen Ackersmann als Kläger aufnahm, kann ich nicht errathen‹.
Ganz dieselben Angaben über das tschechische Werk, die Hanka gegeben, hat auch Josef Jungmann in seinem Werke: ›_Historie literatury české. Druhé wydání. w Praze 1849_‹; d. h. Geschichte der böhmischen Literatur, 2. Aufl. Prag 1849 S. 32. N. 71 wiederholt.
Umfangreicher als die bisher erwähnten tschechischen Literarhistoriker behandelt Karl Sabina in ›_Dějepis literatury československé staré a střední doby od Karla Sabiny v Praze 1866_‹. D. h. Geschichte der čechoslavischen Literatur der alten Zeit und des Mittelalters. Prag 1866. Er bespricht das vorliegende Werk an 2 Stellen.
S. 104 sagt er: ›Gewiss hat die slavische Nationalität sich besonders dadurch (nämlich durch sittliche und geistige Stärke des Volkes) geschützt, dass die deutsche Sprache damals nicht zugleich auch Literatursprache in Böhmen wurde und mit ihrer äussern Macht sich zufriedenstellte; denn die Lieder der Minnesänger fanden keinen Eingang beim Volke, noch wurde irgend eine Gattung der Wissenschaft in deutscher Sprache gepflegt und wir haben keine Spur von irgend einer Literatur der in Böhmen ansässigen Deutschen, ausgenommen die Uebersetzung des böhmischen Dalimil und des Tkadleček, nach welchen Arbeiten, wie es scheint, die Hauptentwickelung der deutschen Literatur in Böhmen im XIII. und XIV. Jahrh. aufhörte‹.
S. 187 ff. geht er auf den Tkadleček näher ein: ›Das Sujet der Abhandlung war immer ein und dasselbe, nämlich die Liebe und das zarte Verhältnis beider Geschlechter zu einander. Da wurde alles benutzt, was sich nur in diesen Kreis einbeziehen liess, und wo schon weder Verstand noch Einbildungskraft ausreichte, da wurde die Allegorie eingemischt mit ihrem gewaltigen mythischen und symbolischen Apparate. Aus solchen dialectischen Versuchen entwickelte sich sogar ein eigener Stil, eine Art wunderbarer Beredtsamkeit von ein und derselben Sache, ja mitunter, so zu sagen, von Nichts. Es ist uns ein Beispiel solcher Art erhalten, ein ganz eigenes Büchlein, das man eigentlich schwer zu irgend einer schon bestehenden Gattung der Literatur zählen kann, und das wir nur deshalb in dem Kreis der Romane zählen, weil es eine romanhafte Grundlage hat und der Hauptgedanke durch romanhafte Beschaffenheit sich kennzeichnet. Dieses Büchlein ist unser böhmischer Tkadleček, bei dem nur am meisten zu beklagen ist, dass der Verfasser sich nicht an eine mehr objective Arbeit gewagt hat und sein hervorragendes Talent nicht anderen Seiten zugewendet hat. Der Tkadleček ist nur eine Episode eines Romanes, dessen Geschichte nicht niedergeschrieben wurde, sondern gerade im Leben sich zutrug, von dem dann in dieser Schrift nur raisonniert und Betrachtungen angestellt werden. Als originelles und selbständiges Beispiel literarischer Production, allerdings dem Zeitgeiste entsprechend abgefasst, aber ganz aus eigenen Kräften des Verfassers hervorgegangen und darauf beruhend, gehört es zu den interessantesten Erscheinungen unsrer mittelalterlichen Literatur.
Es enthält ein originelles Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke um den Verlust der Geliebten, und lässt sich als erster uns bekannter böhmischer Originalroman betrachten. Die Literaturgeschichte belehrt uns nur, dass Ludwig Tkadleček und seine Geliebte Adelheid in der 1. Hälfte des 14. Jahrhundertes am Hofe der verwittweten Königin Elisabeth in Königgrätz lebten. Es war Adelheid eine Schönheit ihrer Zeit, und als sie sich an einen andern verheirathete, begann Tkadleček sein nicht zu stillendes Wehklagen, und verewigte seine Geliebte, ihre Schönheit und Tugend mit seiner Feder, die er, seinem Namen entsprechend, Weberschiffchen nennt. Dieses Buch ist ausgezeichnet durch die Gewandtheit und Frische seiner Sprache. Dieses Gespräch stellt sich eigentlich nur als Epilog eines Romanes heraus, dessen Haupthandlung in die Vergangenheit fällt und im Hintergrunde steht; denn die Liebe des Tkadleček und deren Geschicke erfahren wir nur aus den Klagen, die deren unglücklicher Ausgang hervorgerufen hat, und in denen nur wie auf eine vergangene Thatsache hingewiesen wird.
Tkadleček war unzweifelhaft ein ungeheuer verliebter Schüler! Die Unterredung zeigt, dass er aus »gelehrtem, gebildetem Stande, von hervorragendem Range«, und für seine Gelehrsamkeit und Verstand gibt das Buch ein vollgültiges Zeugnis.
Inhalt und Tendenz dieses Gespräches ist folgender: Der Kläger, Tkadleček, »klagt, jammert und ruft offen und laut über das Unglück, schreit über dasselbe und schmäht es, und verflucht es mit manigfachen Verwünschungen.«—Er verflucht das Unglück nicht allein seinetwegen, sondern überhaupt, dass es viele ausgezeichnete Leute vernichtet hat.—Das Unglück antwortet dann dem Kläger, indem es ihm zu wissen gibt, weshalb es ihm mit einer Rede antworten will und fragt dann den Kläger, wer er sei, und weshalb er ihm so unverschämt zurede. Es hält ihm auch sein unmännliches Klagen vor. »Wie willst du denn mit deinem Sinne jemanden wohin leiten, wenn du ihn selbst nicht gebrauchen kannst!—Weshalb du lästerst, wissen wir nicht,« sagt das Unglück, »ausser dass wir jetzt unlängst in Graz an der Elbe, in dieser umwallten Stadt in Böhmen, mit unserer Macht und unserem Amte zwei junge Leute, einander an Jahren fast gleich, die mit einander seit einigen Jahren gut und ehrbar gelebt haben, getrennt und entfernt haben mit unserer Macht und nicht blos getrennt haben, sondern wir gedenken, sie von beiden Theilen bis zu ihrem beiderseitigen Tode nicht mehr zu vereinigen. Das geschah vor der Verbrennung dieser Stadt etwa im dritten Monate.«[88] Auf diese Weise wird uns bekannt der Ort und die Zeit, ja sogar schon die ganze Begebenheit. Nach dem Anzeichen wäre dies beiläufig das Jahr 1339, im welchem im April ganz Gräz abbrannte. Der Kläger nennt sich dann mit verstecktem Namen und bildlich, und gibt dem Unglück damit seinen Rang und Stand an, und weshalb er es schmäht; dass er nämlich der sei, der so unbarmherzig und so schmählich von seinem Troste getrennt und alles weltlichen Trostes damit beraubt sei.