Der Ackermann aus Böhmen

Part 12

Chapter 123,625 wordsPublic domain

Ausser diesen Zeugnissen von der Schulgelehrsamkeit finden wir auch in dem Werke des Tkadleček einige Fabeln, theils ausgeführt, theils nur angedeutet, und einige böhmische Sprichwörter und Redensarten, besonders die Fabeln, weshalb der Affe einen verstümmelten Schweif (I. 22. 28. 32.), weshalb der Hase lange Ohren hat (I. 22. 32.), weshalb der Hund die Katzen hasse (I. 22. 32.), von dem Wolfe, der die Gänse an dem Pfahle liess, damit er nicht in die Grube falle, von dem Wolfe, der vor den Leuten die Kutte anzog, damit diese ihn ehren (I. 80. 82.), von dem Löwen, der von einer kleinen Maus aus seinem Neste vertrieben wurde (II. 44.), und von dem Wolfe, der in der Krankheit versprach zu fasten und dann einen Esel für einen Fisch (Fastenspeise) verzehrte (II. 72.). Von diesen Fabeln findet sich, so viel ich weiss, nur die vorletzte in dem mittelalterlichen Aesop (z. B. in der Ausgabe Milichthalers Olm. 1584, im I. B. Nr. 18.), die übrigen haben andern Ursprung (die dritte vom Ende erinnert an eine Stelle des deutsch-franz. Reineke) und zwar zum Theile gewiss heimischen tschechoslavischen Ursprung. Auf diese Weise würde dem Verfasser Tkadleček auch das Verdienst gebühren, dass er uns aus der alten stammeseigenen Fabelliteratur wenigstens Etwas bewahrt hat, was an sich wirklichen Werth besitzt. Selbst die Fabel vom Wolfe, der in einer schweren Krankheit ein Gelübde ablegte, dass, wenn er gesund würde, er bis zu seinem Tode kein Fleisch essen wolle, und dann, als er gesund geworden, einen Esel in einer Furth überfiel und als Fastenspeise verzehrte, ist ein sehr wichtiges Ueberbleibsel seiner Art, weil es sich kühnlich mit guten äsopischen Fabeln vergleichen lässt’.

Dies die wichtigsten Angaben Gebauers. Einiges Neue bringt Josef Jireček in dem Werke: ›_Rukovět k dějinám Literatury české do konce XVIII. věku. Svazek II. v Praze 1876_; d. h. Handbuch zur Geschichte der böhmischen Literatur bis zu Ende des XVIII. Jahrhunderts. 2. Band. Prag 1876‹. S. 289 sagt er: ›Tkadleček Ludwig, Höfling der Kaiserin Elisabeth, die als Wittwe nach Karl IV. von 1378 bis zu ihrem Tode 1393 mit ihrem Hofe in Königgrätz lebte. Ludwig entbrannte in Liebe zu der Hofdame Adelheid, und als diese sich an einen Andern verheirathete, tröstete er sich dadurch, dass er seinen Jammer niederschrieb. Er selbst sagt von sich, dass er ein Weber aus gelehrtem Stande sei, der ohne Holz, ohne Rahmen und ohne Eisen weben könne. Sein Schiffchen sei aus Vogelwolle (d. h. Feder), er sei mit dem Kopfe aus Böhmen, mit den Füssen von Allerwärts.

Daraus ist zuvörderst ersichtlich, dass der Beiname Tkadleček nur ein angenommener ist, anderseits wieder, dass dieser Ludwig ein gelehrter Mann war, wie auch sonst noch dies sein ganzes Werk beweist. Die Höflinge des kaiserlichen Hofes pflegten aus höheren Geschlechtern zu sein, und es ist kein Zweifel, dass auch Ludwig aus solchem Stande war. Unter den damaligen Personen kennen wir nur eine, auf die diese Merkmale passen und welche diesen Taufnamen führt, der zu jenen Zeiten in Böhmen unter dem Herrenstande ungewöhnlich war, d. i. Ludwig Berka, der im Herbste 1390 in Prag Baccalaureus wurde (Liber Dec. I. 269.).

Unter Adelheid ist vielleicht versteckt Adelheid, die Gemahlin Heinrich Berkas von Dub und Jestřeb, die im Jahre 1405 Wittwe wurde (Arch. č. III. 475.).

Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke. Hs. auf dem Strahov 1449. Herausgegeben von W. Hanka. Prag 1824 in 2 Theilen. Die altdeutsche Uebersetzung findet sich unter den ersten Drucken: _Hie nach volgend etliche tzumale kluger vnd subtiler rede wissen, wie eyner, der was genant der Ackerman von behem beschiltet den tode_ u. s. w. (Dobr. L. G. 158.)‹.

Kritik des Tkadleček.

Wie verschieden auch sonst die Ansichten der genannten Gelehrten unter einander sind, so stimmen sie doch alle darin überein, dass das deutsche Werk, betitelt ›der Ackermann aus Böhmen‹, aus dem tschechischen ›Tkadleček‹ entstanden sei. Ein Beweis findet sich nirgend, man müsste denn die Worte Dobrovskýs (Gesch. der böhm. Spr. und Lit. S. 158) ›das Original ist also viel wortreicher‹ als solchen gelten lassen wollen.

Eine Beeinflussung des einen Werkes durch das andere muss man jedenfalls annehmen; das bestätigen die zahlreichen, stellenweise wortgetreuen Uebereinstimmungen zur Genüge. Dass aber das Verhältnis der beiden Gegenstücke zu einander nicht so sei, wie die tschechischen Gelehrten es bisher darzustellen pflegten, sondern vielmehr umgekehrt, glaube ich im Folgenden beweisen zu können.

Eine Entstehung des deutschen Werkes aus dem tschechischen ist einmal aus zeitlichen Gründen unmöglich.

Im Tkadleček steht als Zeitangabe der Trennung beider Geliebten[92] Folgendes I, 13: ›Und das (nämlich diese Trennung) geschah von uns in dem Jahre vor der Verbrennung dieser Stadt (Gräz a. d. Elbe, d. i. Königgrätz) etwa im dritten Monate, und dann von Erschaffung der Welt, als man zählte fünf tausent Jahre und dann im einhundert und sieben und sechzigsten‹.

Zu dieser Angabe schreibt Hanka in einer Anmerkung: ›Im Jahre 1339 im Monate April brannte ganz Königgrätz ab. (Bienenberg in der Gesch. der Stadt Gräz S. 113)‹. Auf diese offenbar höchst unsichere Annahme, da Gräz nach Bienenberg öfter als einmal abbrannte, gründet er die Zeitbestimmung und nimmt an, der Verfasser hätte in der ersten Hälfte des XIV. Jh. gelebt, und zwar am Hofe der Königin Elisabeth. Unter dieser kann offenbar nur Elisabeth, die Grätzer Königin, Gemahlin K. Wenzel II., dann Rudolf I., Tochter Přemysls von Polen, gemeint sein. Da aber diese schon 1336 starb, so konnte Tkadleček =nach= dem Jahre 1339 sein Werk natürlich nicht mehr an ihrem Hofe verfasst haben. Eben diesen Angaben folgen Jungmann und Sabina.

Šembera beachtet die Zeitbestimmung in dem tschechischen Werke gar nicht, sondern versetzt die Abfassung des Werkes in die Zeit, als Elisabeth, Wittwe (von 1378 bis 1393) nach Karl IV., in Königgrätz lebte. Derselben Ansicht ist J. Jireček.

Gebauer stützt sich auf eine offenbar interpolierte Stelle[93] und lässt den Verfasser zur Zeit K. Karl IV. (1347-1378) leben. Dann aber sagt er weiter: ›er lebte im Hofdienste (nach Jungmanns Auslegung an dem Hofe der verwittweten Königin Elisabeth[94]: Literaturgesch. 1849. S. 32) in Gräz an der Elbe (I. 13, 85.). Hier erfreute er sich seit einigen Jahren (I. 13.) an der Liebe seiner Adelheid, bis sie das Unglück trennte im Jahre seit Erschaffung der Welt 5167, in demselben Jahre, als Gräz abbrannte und zwar den dritten Monat nach[95] diesem Feuer. Hanka verlegt darnach die Trennung der Liebenden in das Jahr 1339, in welchem nach Bienenberg Gräz abbrannte‹.

Nun lässt sich aber die Zeit der Trennung beider Geliebten genau und hiemit annähernd die der Abfassung des Werkes feststellen. In O. J. von B. (Bienenberg) Geschichte der Stadt Königgrätz, Prag 1780, S. 243 heisst es zu dem Jahre 1408: ›In einer alten Handschrift, die im städtischen Archiv verworfen liegt, habe ich angetrofen, dass die Stadt den 8. September ausgebrandt seie‹. Das Jahr vor der Verbrennung dieser Stadt wäre mithin 1407. Dieses Jahr erhält man aber auch aus der zweiten Zeitangabe seit Erschaffung der Welt; denn nach =jüdischer= Zeitrechnung, nach welcher im Jahre 1 der christl. Aera 3760 gezählt wurde, ergibt die Zahl 5167 seit Erschaffung der Welt das Jahr 1407 nach Ch. G. Dazu stimmt auch noch der Umstand, dass um diese Zeit in Gräz Hofhaltung der Königin Sophia war, wie dies aus einer Stelle, die Bienenberg anführt, erhellt. S. 236 sagt nämlich dieser zum Jahre 1405: ›Den Tag nach St. Blasius d. i. am 3. Februar 1405 hatte der Kanzler Magister Stephan und H. Mstidruch der Frauen Königin Unterkammerer zwischen dem Richter Rath und der Stadt Grecz, dann dem Prokob Rebil einen Vergleich wegen von ihme Rebil zurückgehaltenen Städtischen Steuern, zu Stand gebracht, und die Zahlungsleistung ausgesprochen wie folget: ... Hier erscheinet nun abermal der Königin Unterkammerer, der Mstidruch geheissen, deme sonst nirgend gefunden, und giebet dieses eine wiederholte Probe, dass die Königin Sophia der Zeit Frau des Orths gewesen, weilen ihren eigenem Unterkammerer das Recht eingeraumet war, in Grecz die Zwistigkeiten beizulegen und Urteil zu schöpfen‹.

Wie schon aus den Angaben der tschechischen Literarhistoriker deutlich hervorgeht, befand sich Tkadleček, als er eben sein Werk verfasste, an dem Hofe zu Königgrätz; es musste demnach damals ein Mitglied der königlichen Familie in dieser Stadt seinen Sitz aufgeschlagen haben. Gerade an eine verwittwete Königin Elisabeth zu denken, ist man durchaus nicht genöthigt, da in dem ganzen tschechischen Werke dieser Name nicht erwähnt wird. Ganz gut zu den früheren Zeitangaben aber stimmt es, wenn man sich der begründeten Annahme anschliesst, Königin Sophia habe damals die Stadt als Leibgeding besessen und dort residiert.

Auch die Anspielung auf historische Ereignisse der letzten Zeit, wie sie sich in dem tschechischen Werke findet, lässt sich mit dem gefundenen Jahre ganz gut in Einklang bringen. I, 24 heisst es nämlich: ›Schreibe nur die Unfälle auf, die die Könige im Ungarlande von uns hatten, und es wird kein Ende sein‹. Man kann in diesen Worten wol eine Anspielung auf die schwierige Lage Sigmunds, der damals Ungarkönig war, erblicken. Bekannt sind ja die fortwährenden Aufstände der ungarischen Grossen gegen Sigmund, der sogar 1398 in Vyssegrad gefangen gehalten wurde. Es mag auch nicht ganz ohne Absicht sein, dass der tschechische Verfasser gerade die Ereignisse aus Ungarn hereinbezog, wo damals ein =Lutzenburger= herrschte.

Wenn nun nach diesen untrüglichen Angaben als die Zeit der Trennung der beiden Geliebten das Jahr 1407 anzusehen ist, so wird wol das Werk nicht lange darnach, jedesfalls aber nach dem Brande im Jahre 1408 entstanden sein. Der Verfasser befand sich damals etwa in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre, wie sich dies aus dem Werke mit ziemlicher Bestimmtheit festsetzen lässt,[96] so dass er 1384 oder 85 geboren sein möchte. Hiemit fällt auch die Ansicht Jirečeks, Ludwig Tkadleček sei niemand anderer als Ludwig Berka, der im Herbste 1390 in Prag Baccalaureus wurde (s. oben S. 112); sie ist ebenso haltlos wie die Vermuthung, die Heizerin Adelheid sei nur eine Maske für eine bestimmte vornehme Dame. Nun entstand aber das deutsche Werk, wie oben gezeigt wurde, im Jahre 1399, daher nur eine Beeinflussung des tschechischen Werkes durch das deutsche möglich.

Für diese Annahme sprechen aber auch noch andere Gründe. Vorerst ist nicht ohne Bedeutung ein ganz äusserer Grund, nämlich das Verhältnis der in beiden Werken übereinstimmenden Stellen. Anfangs stehen die Texte einander ziemlich nah, der Sinn ist meist derselbe, die Worte des einen grösstentheils Uebersetzung des andern, nur dass in dem tschechischen Werke schon von allem Anfange an der Text durch Wiederholungen und gehaltlose Erweiterungen zerdehnt wird. Dies gilt besonders von C. I, das in beiden Werken auch noch ziemlich gleichen Umfang hat. Die folgenden Capitel beginnen ebenfalls mit denselben Worten;[97] doch ist es eben nur der Anfang, der diese Uebereinstimmung zeigt, denn sonst wird in dem tschechischen Werke der Raum durch Excurse der verschiedensten Art, die meist nicht im entferntesten zu dem eigentlichen Inhalte des Werkes passen, ausgefüllt. Und je weiter der tschechische Verfasser in der Ausführung seines Werkes vorschreitet, desto grösser und zahlreicher werden die Abschweifungen, desto umfangreicher die Capitel[98]; denn durch die Arbeit selbst erlangte er die Fertigkeit im Reden oder vielmehr Schwatzen. Und so kommt es denn, dass er mit fünfzehn Capiteln schon sehr viel geschrieben hat, während das deutsche Werk, bei dem Ebenmasse aller seiner Theile und der streng an das Thema sich anschliessenden Behandlung des Stoffes, erst zur Hälfte erschöpft ist. Der tschechische Verfasser schliesst daher plötzlich sein Werk mit dem sechzehnten Capitel, ohne dass auch nur einigermassen ein Schluss hergestellt wäre: das Werk ist kein abgeschlossenes Ganze, wie dies auch Sabina in seiner Literaturgeschichte anerkennt (s. o. S. 104), ganz im Gegensatz zum deutschen Werke, das durch die Berufung beider streitenden Theile auf Gott (C. XXXI und XXXII) durch die endgültige Entscheidung dieses höchsten Richters (C. XXXIII) und das Gebet des Wittwers für das Seelenheil seiner verstorbenen Gattin (C. XXXIV) einen würdigen Abschluss findet.

Zu diesen äussern Beweisen kommen aber noch viel gewichtigere innere Gründe.

In dem deutschen Werke finden wir eine Personificierung des Todes. Wie gang und gäbe diese im Mittelalter war, hat Wackernagel in seiner Abhandlung ›der Todtentanz‹ (Kl. Schr. I, 320) nachgewiesen. Im tschechischen Werke aber wird das Unglück personificiert, wofür sich sonst wol kaum Beispiele finden. Hier also finden wir Künstelei, dort Natürlichkeit, hier das Seltene, dort das Alltägliche; und die Entscheidung, ob wol dies aus jenem entstanden sein mag, oder das Umgekehrte wahrscheinlicher ist, ist leicht zu fällen. In dem deutschen Werke fordert ein Wittwer, ergriffen vom Schmerze über den Verlust seiner geliebten Gattin, den Tod zur Rechtfertigung heraus, sie streiten mit einander, der eine mit Worten, die der Schmerz ihm in den Mund legt, der andere mit den überlegenen Waffen der Weisheit und Gelehrsamkeit. Dem gegenüber aber klingt es wie eine Parodie, wenn im tschechischen Werke ein verliebter junger Mann, ein Höfling aus vornehmen Stande, voll Gram über die Untreue seiner Geliebten, einer Heizerin, mit den schärfsten Worten das Unglück heraufbeschwört, damit es ihm Rechenschaft gebe über diese ungerechte That. Der Verlassene jammert und klagt über das Unglück in allen nur möglichen Worten der Verwünschung, die ihm aber noch nicht zu genügen scheinen, so dass er in steten Wiederholungen des schon Gesagten seinem Schmerze Luft macht.[99] Anderseits zeigt sich wieder in den Worten, die dem Unglücke in den Mund gelegt werden, unverkennbar das Streben des Verfassers, seine Gelehrsamkeit leuchten zu lassen, die er allerdings mitunter grösser erscheinen lässt, als sie in der That ist.[100]

Von entscheidender Beweiskraft sind aber jene Stellen in dem tschechischen Werke, die ihren fremden Ursprung von selbst verrathen, sei es, dass sie förmlich aus dem Contexte gerissen dastehen, oder dass sie, auf geänderte Verhältnisse angewendet, durchweg unpassend, mitunter sogar unsinnig erscheinen.

Eine parallele Anführung dieser Stellen aus dem tschechischen Werke neben den entsprechenden aus dem deutschen wird dies Verhältnis klar machen. I, 39 im tschechischen Werke heisst es im Munde des Unglücks: ›Wenn wir vom Anfange der Welt oder vom Anfange des ersten Menschen, der aus Lehm zusammengeklebt ist, bis zu dieser Zeit nicht unsere Macht gezeigt hätten und die Leute nicht wie ein Gärtner gepfropft, übersetzt und andere mit der Wurzel aus ihrem Stande ausgerottet hätten, so hätte schon einer den andern verzehrt, einer würde über den andern schalten, wer von ihnen mehr Kraft hätte; denn keiner würde sich vor dem andern fürchten; denn keiner würde von Demuth und von niederem Stande etwas wissen, noch würde er erkennen können, was gut, was schlecht und was die Mitte zwischen beiden sei; keiner würde etwas thun, keiner würde den andern erhören. Diese alle wollten Herren sein, alles, was auf Erden, was jemand erreicht, was er sich erworben hätte, das sollte, wie der Mensch glaubt, ewig ihm gehören, und sollte er auf keine Weise darum kommen oder es irgendwie verlieren können. Alle Fische verschiedener und aller Art in der Tiefe des Meeres und in andern breiten, weiten, wogenden Gewässern die würden schon nicht mehr ausreichen, alle kleinen und grossen, wilden und nicht wilden Thiere des Waldes die wären schon zu Grunde gegangen, die Vögel, die in der hohen Luft unter den Wolken wohnen, die hätten schon nicht mehr ausgereicht‹.

Die entsprechende Stelle aus dem deutschen Werke findet sich C. VIII (11, 5 ff.) im Munde des Todes: ›_hetten wir seit des ersten von leim gelecket mans zeit leut auf erden, tiere unde würm in wüstung und in wilden heiden, schuppentragender und schupfriger visch in dem wage zuwachsung und merung nit auszgereutet: vor kleinen mucken mocht nu niemant beleiben, vor wolfen torste niemant aus, es wurde gefressen ein mensch das ander, ein tier das ander, ein ieglich lebendig beschaffung die ander, wann narung wurde in gebrechen, die erde wurde in zu enge_‹. Wie diese Stellen aus den beiden Gegenstücken sich zu einander verhalten, ist leicht zu ersehen. Was der tschechische Verfasser in seinem Werke selbst erfunden hat, das passt in den Zusammenhang; was aber mit dem deutschen Texte übereinstimmt, ist höchst gezwungen und schwer verständlich, während es im deutschen Werke einen sehr guten Sinn gibt. ›Wäre ich‹, sagt hier der Tod, ›nicht gewesen, so würde jetzt ein Mensch den andern, ein Thier das andere verzehren, da es überall an Nahrung gebrechen würde‹: kann dies wol auch das Unglück von sich sagen? Warum sollte denn da ein Mensch den andern verzehren? Ebenso schwer verständlich sind auch die darauf folgenden Worte des Unglückes: ›Alle Fische des Meeres, alle Thiere des Waldes, alle Vögel der Luft würden nicht mehr ausreichen‹. Warum sollten diese nicht mehr ausreichen? etwa wegen des Uebermuthes der Menschen? Zur Noth liesse sich dies noch annehmen; die Erklärung ist aber gewiss gezwungen.

I, 43 im Tkadleček heisst es: ›Und wenn wir Jemandem etwas Schlimmes gethan haben, so sage es uns; doch wir wissen, dass, wenn du in den Büchern des Aristoteles gelesen hast, er im ersten Buche von der Entstehung aller Dinge sagt, eines Dinges Ursprung sei des andern Untergang oder Verderben. Und weisst du dies etwa nicht, was die ganze Welt weiss, dass die Leute das, was sie vor einigen tausend Jahren erspart, verwahrt und zusammengehäuft haben, alles nach sich andern Leuten hinterlassen haben, die jetzt leben, während sie selbst davon hinweggestorben sind, und das, was ihr jetzt aufhäufet, das werdet ihr auch nicht mit euch nehmen, werdet es auch Jemandem zurücklassen, so dass immer Einer von dem Andern lebt‹.

Erst wollen wir die aus Aristoteles citierte Stelle näher betrachten. Sie findet sich in dem Werke: περὶ γενέσεως καὶ φθορᾶς l. I c. 3 §. 16 (In der Pariser Gesammtausgabe des Aristoteles Bd. II S. 439). Sie lautet: ›καὶ ἔστιν ἡ θατέρου γένεσις ἀεὶ ἐπὶ τῶν οὐσιῶν ἄλλου φθορὰ καὶ ἡ ἄλλου φθορὰ ἄλλου γένεσις‹.

Hier redet Aristoteles von wirklicher Vernichtung, von dem Untergange des einen Dinges, wodurch die Entstehung des andern veranlasst wird; im Munde des Unglückes geben mithin diese Worte gar keinen Sinn. Aber es lässt sich erklären, wie diese Stelle hereinkam. C. XXXI (50, 14) im Deutschen sagt der Wittwer: ›_So sprichet Plato und ander weissagen das in allen sachen eines zurrüttung des andern berung sei und wie alle sach auf ewer kunde sint gepauwet und wie des himels lauf aller und der erden von einem in das ander verwandelt werden_‹.

Der Verfasser dachte da wol an Platons Phaedon C. XVI,[101] er wusste aber auch, dass ähnliche Erklärungen vom Entstehen und Vergehen der Dinge noch in andern Werken zu finden seien und sagt daher ›_Plato und ander weissagen_‹; vielleicht schwebte ihm gerade die angeführte Aristotelische Stelle vor. Dies ist um so wahrscheinlicher, als Aristoteles selbst a. a. O. l. I C. 2, 42 den Plato erwähnt: ›Πλάτων μὲν οὖν μόνον περὶ γενέσεως ἐσκέψατο καὶ φθορᾶς, ὅπως ὑπάρχει τοῖς πράγμασι, καὶ περὶ γενέσεως οὐ πάσης ἀλλὰ τῆς τῶν στοιχείων‹. Nun mochte der tschechische Verfasser diese Stelle gerade gekannt haben und führt nun, um seine Gelehrsamkeit zeigen zu können, nicht die Worte, die im deutschen Werke stehen, an, sondern die erste Hälfte der erwähnten Aristotelischen Stelle gleichen Inhaltes. Noch einmal bringt er dieses Citat I, 44, wo das Unglück sagt: ›Sieh, was für ein sonderbares Amt uns übertragen ist. Aristoteles der hat gut, ganz gut gesagt: Eines Dinges Ursprung ist des andern Untergang oder Verderben; denn das pflegt nicht der Fall zu sein, dass ein Ding, wie immer es sei, wenn es zu Grunde geht, nicht zu etwas oder zu irgend einem Dinge gut wäre‹.

Dem Verfasser scheint aber diese Stelle im Munde des Unglückes doch nicht ganz passend zu sein, und so fügt er unmittelbar eine zweite Stelle aus Aristoteles bei, die in höchst auffallender Weise ohne jeden Zusammenhang dasteht. Das Unglück fährt nämlich fort: ›Und anderswo sagt Aristoteles in seinen Büchern, dass das Glück doch immer auf zwei Füssen laufe, und das Unglück auf einem; das Unglück jedoch mit einem Fusse so viel durchläuft, wie das Glück auf zwei Füssen, und dass dort, wo das Glück läuft, in der Nähe desselben das Unglück zu sein pflegt‹.

Einen eclatanten Beweis dafür, dass der tschechische Verfasser das deutsche Werk benutzt habe, liefert folgende Stelle:

C. IX (12, 6) im Ackermann klagt der Wittwer mit den Worten ›_Tot ist die henne, die do auszzog sollich hüner_‹ über den Verlust seines Weibes. Dieses nennt er die Henne, die Kinder Hühner: ein gewiss sehr passender Vergleich. Nun sehe man aber, was aus dieser Stelle im Tkadleček geworden ist. I, 49 heisst es: ›Ich bin das einzige Junge dieser überaus edlen Henne, bei der Brut verkühlt, aus mir wird schon nichts mehr, entfernt aus diesem Neste ist die überaus edle, unbezahlbare Henne, die mich zum Leben ausbrüten und zu einem ehrbaren Küchlein mich erziehen und leiten sollte zu jedem Range weltlichen Standes, wofür ich ihr Ehre und Lob gegeben hätte und ihr bis zu meinem fernen Tode mit wahrer Treue und ohne alles Zögern hätte dienen und ihren Willen vollbringen müssen‹. Das sind die Worte des verlassenen Verliebten, er das Küchlein, seine Geliebte die Henne, die ihn zum Leben ausbrüten sollte, ein Vergleich, der fast an das Lächerliche streift, und trotz der gewaltsamsten unnatürlichsten Verdrehungen als fremdes Eigenthum sich verräth. Oder wäre es etwa wahrscheinlicher, dass das Verschrobene und Unpassende in dem Originale (wenn man das tschechische Werk als solches annehmen wollte) gestanden wäre, woraus dann durch blosse Uebertragung das Natürliche und Treffende geworden wäre?

I, 62 des tschechischen Werkes erhalten wir ein Beispiel, wie durch Hereinziehung einer deutschen Stelle förmlich der Context unterbrochen wird. Der Kläger spricht:

›Du hast das nicht erkannt, noch erkennst du es, noch sollst, noch kannst du es erkennen, noch wird es dir jemals zu Theil, wie es mir zu Theil geworden ist. Zwar habe ich nicht die Liebe, die für die Ehe gehört, aber doch die wahre gute Treue und die Liebe zu ihr gehabt, die ein treuer Liebhaber in aller Ehrbarkeit zu seiner geliebten Jungfrau und seiner lieben Braut haben soll, ohne dass Eines das Andere an der Ehre verletzt. Gewiss und ganz gewiss rede du oder wer immer, was beliebt. Das ist ganz gewiss so, dass der, den Gott mit einer guten, ehrbaren und edlen Frau oder ehrbaren Geliebten beschenkt, schon gut und vollkommen beschenkt ist; und diese Gabe heisst eine ausgezeichnete Gabe, die alle irdischen Gaben überwiegt, die man weder mit Gold, noch Silber, noch Edelsteinen, noch Städten, noch Burgen, noch mit irgend einem irdischen Dinge bezahlen kann; denn sie ist eine Gottesgabe und von Gott stammend. Und es ist ganz würdig, dass ein mächtiger Herr mit mächtigen Gaben beschenke, die Niemand bezahlen kann‹.