Der Ackermann aus Böhmen

Part 11

Chapter 113,583 wordsPublic domain

Sehr interessant ist dann folgende Stelle, wo das Unglück den Tkadleček an seine eigene Ansicht von der Liebe erinnert, die er in irgend einem Buche niedergelegt hätte. Es scheint mithin, dass Tkadleček vor dieser Unterredung noch irgend eine andere Schrift verfasst, von der wir allerdings nichts Anderes wissen, als was hier erwähnt wird. Das Unglück sagt: »Sage uns, Tkadlec, wohin ist es mit deinem Werke und deinen Büchern gekommen, die du verfasst und zusammengestellt hast, von der Liebe (und zwar von der Verschiedenheit der Liebe, und du hast die Liebe in zwei Theile getheilt und sagst, dass sie heimlich und öffentlich, innerlich und äusserlich sei,) und von allen ihren Theilen ... darin hast du, in diesen deinen Büchern nicht nur die Lehre niedergelegt, wie ein Liebhaber aus feindlichen Unfällen sich ausreden soll, sondern auch noch viele andere Stücke, wovon wir wissen, wem zu Liebe du dies ausgesagt und niedergeschrieben hast u. s. w.... Aber, Tkadleček, weil du so klug und so viel von dieser Liebe gesagt hast, so sage uns doch, mit welcher Liebe liebtest du diese deine Gewisse, von der du immer schwatzest und so viele Reden machst?« Dann begibt sich das Unglück an die Betrachtung der »Complexe« oder »Temperamente«, von denen es ziemlich verkehrte Ansichten entwickelt. Die Physiologie allerdings trat diesmal sehr in den Hintergrund. Die Melancholiker wären nämlich von Allen die gröbsten und an Geist unter allen andern Leuten auch die dümmsten und am meisten vergesslichen! Dann verfolgt er, zwar etwas weitschweifig, aber nicht uninteressant, die Abhandlung über die Liebe, welche endet: »Keine Liebe ist ohne schweren Sinn und kein schwerer Sinn ohne Schmerz, und wo Schmerz, dort ist Noth, wo Noth, dort Trauer, wo Trauer, dort Wehklagen.... Die Liebe ist nur eine Fessel und Trauer und Leid!... So viele Beispiele haben wir dir schon gegeben, dass du es schon gleichsam mit der Hand fühlen könntest ... wir aber müssen diese deine feindliche Rede hören, und wir können nicht allen Hunden, wenn sie unnöthiger Weise bellen, ihren Mund zubinden, und es kann auch nicht immer jeder Hund, der viel bellt, wie er will, viel beissen!« ... »Wir sind ein Bote aus Gottes Hand«, sagt dann das Unglück von sich selbst; »aller feindlichen Handlungen flinker Vollstrecker, wir sind die biegsame Peitsche und der Stock und die Ruthe aller Schöpfung, wir sind der Mäher aller Wiesen und Rasenplätze, der verwelkten und jungen, mit der stumpfen und abgefeilten Sense. Unsere Botschaft ist nicht umsonst. Wir sind die Peitsche, deren Streich heftig geisselt, und nach dem es heftig brennt, und wir übergehen mit der Zeit keinen!... Wir sind der Stock, der sich nie und an keinem bricht, nicht krümmt, nicht zerknickt ... wir sind der Meister alles Handwerkes, aller Leute.... Nicht fragen wir nach Farben: ... da entflieht vor uns nicht die Lilie mit ihrer Schönheit und weissen Farbe, mit ihrer guten Hoffnung, da entfaltet sich uns die rothe Rose mit ihrer Scharlachfarbe brennender Liebe, da versteckt sich nicht vor uns weder der Klee, noch die Wolfsmilch, noch das Immergrün, das jeder begonnenen Liebe Führer ist. Da kann die Feldrose mit ihrer röthlichen Farbe aller Heimlichkeit uns nicht entlaufen. Da erhebt sich die ausgedachte und gestohlene graue Farbe, aus vielen zusammengesetzt, mit ihrem hohen Sinne nicht über uns, da widersetzt sich uns nicht die himmelblaue Kornblume oder der Wegewart mit seiner schlimmen Vorbedeutung, oder mit seiner Vollkommenheit u. s. w.« So ist hier eingeführt die Bedeutung der Farben und Blumen und dem Leser wird ihr allegorischer Sinn bekannt, wie er zu jenen Zeiten anerkannt wurde. »Wir sind ein tiefer Schacht, ohne Luft, mit verfaulten Säulen gestützt ... aus dem Niemand, der einmal hereinfällt, so leicht von selbst wieder herauskommt ... und je höher ein Mensch in seiner Ehre auf der Welt war, desto roher drücken wir ihn herunter ... was wir aber anfangen, das vollendet der Tod!« ... Auf des Tkadleček neuerlichen Angriff nimmt das Unglück abermals das Wort und beginnt seine Rede mit einer Fabel.—»Der Wolf war einmal sehr schwer krank«, sagt es, »und da er gesund werden wollte, versprach er in der Krankheit, kein Fleisch zu essen bis zu seinem Tode. Als er heil und gesund war, konnte er sich einst nichts zu seinem Frasse bei dem grossen Wasser erjagen und begab sich zu einem Bache, um Fische zu suchen, und es begegnete ihm ein Esel, der durch den Bach watete und von der Mühle einen Sack Mehl auf seinem Rücken trug. Der Wolf sagte zu ihm: Helfe dir Gott, lieber Hausen! was habe ich dich heute den ganzen Tag gesucht, bis ich dich getroffen habe. Der Esel antwortet: Lieber Wolf, ich bin ein Esel, ein dummes, dienstbares Thier und bin kein Hausen. Der Wolf antwortet: Hast du vielleicht nicht gehört, dass der Wolf in den Wäldern, die Maus im Loche und der Fisch gern im Wasser zu sein pflegt? Sieh, ich esse kein Fleisch, ausser nur das, was im Wasser ist; du bist jedenfalls ein Hausen oder ein Wels. Der Esel sagt ihm: Du irrst dich und hast dich schlecht unterrichtet. Der Wolf sagt: Sage du diese Rede dem, der keinen Fisch kennt, du bist immerhin Fischfleisch und ich verzehre dich; rede, was du willst, was ich kenne, das kenne ich.... So sei du, Tkadleček, kein Wolf und richte nicht nach deinem Vortheile.... Du thust uns, wie einem bösen Menschen.... Wer nicht darnach trachtet, dass ein Guter ihn liebt, der kann auch wieder keinen Guten lieben.... Viel Gutes haben wir dir gesagt, und du widersetzest dich uns immer.... Ist es nicht besser, dass wir dich von dieser deiner Lieben befreit haben?... Du bist auch befreit von aller ihrer Klugheit und ihrer List, durch die du von ihr gleichsam gebunden und ihr Gefangener warst.... Viele haben viele Anfechtungen, aber dennoch trachten sie, dass sie frei bleiben. Du aber, als du frei warst, hast dich freiwillig in das Gefängnis begeben, und jetzt, da du dich befreien kannst, klagst du über das, wovon du ledig bist. Gönne das einem Anderen und bleibe allein.... Wen gab es je, der mehr beunruhigt wäre, als ein Liebhaber? Und wer magert jemals mehr ab und welkt dahin durch irgend welchen Kummer und Arbeit und weltliche Mühe und altert und geht darin auf manigfaltige Weise zu Grunde, als ein junger, verliebter Mensch, der nicht weiss, woher die Liebe kommt, oder was sie ist, oder was mit ihm vorgeht?.... Du klagst, Tkadleček, dass du sie verloren hast, und klagst nicht über dich selbst, dass du ihretwegen deinen Verstand verloren hast.... Glückliche Stunde, die dich von ihr getrennt hat! Denn beraubt all deines Verstandes bist du zurückgekehrt, ... du hast gesehen dein Irren, dass du der Liebe wegen Jahre lang nicht sehen konntest. Du bist zurückgekehrt zur Freude, ... du bist befreit von Kummer, ... leicht schläfst du, reissest dich nicht aus dem Traume, du bist ohne Unruhe, Kummer hast du nicht. Es ist besser, dass du sie jetzt verloren hast, als wenn der Fall eingetreten wäre, dass du sie mit der Zeit hättest verlieren wollen und nicht können.... Sind wir etwa Schuld daran? Haben wir dich von ihr ohne ihren Willen oder mit demselben befreit? Wenn mit ihrem Willen—so freue dich. Wenn sie dir treulos geworden ist, dann erinnere dich, Tkadleček, wie viel guten und edlen Jungfrauen und Frauen du treulos geworden bist. Daher schweig!... Du hast ja nur ein Fieber verloren, sei froh, dass du davon befreit bist.... Die Freiheit ist nicht mit Gold zu bezahlen.... Du machst aus dir einen Thoren und Verblendeten, während du dich, je länger, desto mehr vervollkommnen sollst.... Schweig mithin und schäme dich! Gedenke, dass wer alte Liebe und vergangene Minne aus seinem Herzen und Sinne nicht lassen will, der ihrer nie satt, noch von Trauer befreit wird ... dem wird keine Speise angenehm sein, der hat schon alles Gute und Schlimme, Gesundheit und Krankheit, Weisheit und Unverstand, Witz und Thorheit, wovon du, Tkadleček, weisst, wie du früher ein Buch von der Liebe verfasst hast.« Es räth ihm dann weiter, er möchte lieber diese Liebe und Klage lassen und sich lieber auf die Grammatik und Mathematik u. s. w., überhaupt auf Wissenschaft und Kunst werfen. Sehr interessant sind da die Definitionen verschiedener Wissenschaften, wie auch einige im Tkadleček angeführten Kenntnisse überhaupt sehr wunderbarer Art sind und in die Wissenschaftslehre jener Zeiten einen überraschenden Einblick gewähren.—»Die Philosophie ist der Acker aller Weisheit«,—heisst es dort—»aus dem hervorgeht und entstammt jedes Talent. Und dieses Talent theilt sich in zwei Theile, in Weisheit angeborener Sinne, die man von Natur erkennen kann, und in die Bereicherung vieler angeborener Sitten und Gewohnheiten« u. s. w.... Es wird dort auch unter den Wissenschaften angeführt Geomancia, Pyromancia, Chyromancia, Astrologia, Alchymia und eine ganze Reihe wahnwitziger Afterwissenschaften bis »zur Kunst, deren Name ist Neroka, die mit ihren süssen und gottesfürchtigen Gebeten, mit ihrem gewaltigen Beschwören und verschiedenen Dingen wahres Wissen sich erwirbt« u. s. w. Das Buch endet dann mit einer Mahnung des Unglückes, und wir erfahren nicht, ob Tkadleček etwas darauf gibt, oder nichts und ob er sein Jammern lässt. Diese Schrift also, die unvollendet geblieben ist, befriedigt nicht ganz; denn nicht blos, dass keine Handlung in derselben enthalten ist, sondern auch, dass es keine abschliessenden Gedanken am Schlusse, noch eine Darlegung eines vollkommenen Ausganges der angeführten gibt. Die Handlung liegt ganz im Hintergrunde, und diese Handlung ist sehr einfach, gewöhnlich, durch Nebenumstände nicht beleuchtet. Die Treulosigkeit der Geliebten, dass ist wahrlich ein Stoff, der alle Tage im Leben und im Romane vorkommt, der erst irgend eine Neuheit und Reiz erhält durch Vorführung begleitender Verhältnisse. Davon aber erfahren wir im Tkadleček nichts. Die Gespräche bewegen sich dort fast ausschliesslich nur auf dem Gebiete der Betrachtung, ohne Abschweifungen. Aber der Punkt, um den sich diese Gespräche bewegen, ist die Liebe, die Seele romanhafter Dichtung und des Romanes. Der Mangel an Handlung und unmittelbarer Entwicklung derselben ist allerdings der Hauptfehler dieses Werkes, der aber durch den Reichthum gehaltvoller Reflexionen und anmuthiger Bildlichkeit reichlich aufgewogen wird. Es zeigt sich uns gewiss in diesen Gesprächen ein genug buntes und lebendiges Bild der Zeit, in der sie entstanden, der vorherrschenden Meinungen in derselben, deren Vorurtheile, des Zeitgeistes und der herschenden Sitten, was alles aus dem Privatkreise hervorgeht, aus der einen und einzigen Hauptsituation, der freien Entwickelung, wie gerade der Augenblick es verlangt und keineswegs aus der rein objectiven Darstellung, worauf der Charakteristiker und Beobachter der Cultur achtet. Für den Forscher vergangener Cultur in Böhmen wird es nöthig sein, fleissig in dem Tkadleček nachzusehen, aus dem er gewiss manches lernt, das er in andern gerade belehrenden Schriften von den Sitten der Zeit des Tkadleček kaum zu lesen bekäme, auch manche Sprichwörter findet er dort, die Tkadleček »bäuerisch« nennt, wie: nach Geschmack Missgeschmack, nach Lachen Trauer u. a., auch schöne Sprachformen, die wir durch fremden Einfluss schon ganz verloren haben. Es wäre hier nicht am Platze, in alle Einzelheiten der Charakteristik dieses Buches sich einzulassen; es lag uns nur daran, in einer kurzen Bemerkung hinzuweisen auf die Schrift, deren Hauptgebrechen wir meist nur der nicht gereiften Zeit zuschreiben können, deren schöne Seiten hingegen gerade ein Verdienst des nicht gewöhnlichen Talentes des Verfassers sind. Aber nicht blos das Talent, der Verstand und Phantasie erregen unsere Aufmerksamkeit, sondern auch seine hohe Bildung, der Ueberblick über die allgemeine Literatur und die bewundernswerthe Belesenheit. Der ganze Charakter der Schrift verräth, dass Tkadleček in der Literatur seiner Zeit ganz zu Hause war. Wunderbare Metaphern und Hyperbeln, die er besonders in den ersten Abschnitten der Schrift gebraucht, sind ganz eingerichtet nach der Manier, die damals an den sogenannten Minnehöfen herschte und durch sie in die schöne Literatur jener Zeit eingeführt wurde. Geradezu auffallend aber ist die Bekanntschaft Tkadlečeks mit der alten griechischen und lateinischen Literatur, des alten und neuen Testamentes und der Schriften der Kirchenväter. Es liesse sich ein geistreiches Anecdoton von Aussprüchen alter Weisen zusammenstellen, die in dem Buche des Tkadleček angeführt sind, und es wäre dies eine ganz anständige Sammlung. Wir gewinnen damit neue Beweise von der Cultur in Böhmen zur Zeit, als in Europa ein neuer Geist erwachte, und es ist für uns um so mehr zu beklagen, dass so wenig dichterische Denkmale in böhmischer Sprache aus jenen Zeiten uns erhalten sind, da doch aus dem Buche des Tkadleček ersichtlich ist, dass selbst von ihm noch eine zweite Schrift, die über die Liebe handelt, herausgegeben wurde, von der wir allerdings nichts anderes wissen, als was er selbst aus derselben hier anführt. Wenn aber auch der Tkadleček den Liebhabern der Literatur, den Cultur- und Sprachforschern ein sehr interessantes und wichtiges Buch ist, so ist es doch nichts weniger durch übermässige Weitschweifigkeit, durch Wiederholung ein und desselben Gedankens und weite Auseinandersetzung, so zu sagen, Verwässerung des Planes und die schon lange todten und begrabenen Ansichten für einen gewöhnlichen Leser, der zwar eine belehrende, zugleich aber auch frische Unterhaltung sucht, ein nicht eben verdauliches Buch.—Damit es ein solches werde, müsste man die Pedanterie beseitigen und einen kurzen Auszug aus dem allzulangen Ganzen machen, wie dies einige französische Schriftsteller z. B. J. Janin und andere mit den alten weitschweifigen englischen Romanen, indem sie interessante und pikante Novellen schufen. Allerdings müsste dieser Auszug geistreicher ausgeführt sein, als die deutsche Uebersetzung des Tkadleček und der Auszug aus demselben, der gleich unter den ersten deutschen Drucken erschien und erneuert von Hagen herausgegeben wurde. In Böhmen erschien der Tkadleček gar nicht im Drucke, bis erst im J. 1824 in der Ausgabe von Hanka‹.

Aus den Angaben Al. Adalbert Šemberas, die im Wesentlichen mit den schon angeführten Daten übereinstimmen, will ich nur zwei Stellen anführen. (›_Dějiny řeči a literatury české sepsal Alois Vojtěch Šembera. Vydání třetí ve Vídni 1869_; d. h. Geschichte der böhm. Spr. und Literatur von Al. Adalbert Šembera. 3. Ausgabe. Wien 1869‹.)

S. 124 sagt er: ›Tkadleček oder die Unterredung zwischen dem Kläger und dem Unglücke über den Verlust der Geliebten. Ein originelles Werk aus dem XIV. Jahrhunderte, verfasst in ungebundener Rede von Ludwig zubenannt Tkadleček, der in Königgrätz lebte zur Zeit der Königin Elisabeth, genannt der pommerischen‹; und an einer andern Stelle ebendaselbst: ›Dieses Gespräch, das gewiss poëtischen Werth hat, wurde schon im XV. Jahrhunderte in das Deutsche übersetzt und gedruckt mit der Aufschrift: »Ackerman (statt: Weber) von Behem«.

Ziemlich eingehend behandelte den Gegenstand auch Dr. Gebauer a. a. O. in der Abhandlung: ›Ludwig Tkadleček‹, aus der ich im Folgenden die wichtigsten Angaben hervorheben will. S. 114 heisst es: ›Den Inhalt dieses Werkes bilden die Klagen eines Verliebten über die Untreue der Geliebten, auf die das Unglück antwortet und sich entschuldigt. Es ist dies ein Gemisch von Gelehrsamkeit und Talent; Gelehrsamkeit zeigt sich in den Citaten, Anspielungen und der stylistischen Form, Talent in dem gewandten Gebrauche alles Möglichen. Der Gegenstand würde genug geeignet gewesen sein zu einer poetischen Bearbeitung; aber unser Verfasser wählte nach dem Geschmacke seiner Zeit lieber die dialektische Gesprächsweise, den gelehrten Streit, deren Formen bekannt waren aus den Schulen und man kämpft hier von beiden Seiten mit Verstandesbeweisen aus der heil. Schrift, mit der Beweiskraft weltlicher Schriften, mit angebornen Beweisgründen und mit verschiedenen Beispielen (II. 79.). Seiner Zeit gefiel eine solche Lecture, uns ermüdet sie jetzt. Daher hat auch das ganze Werk keinen dichterischen Werth und nur in sprachlicher, rhetorischer und literarhistorischer Hinsicht kann man es beurtheilen. Was die Sprache anbelangt, so hat sich darüber schon Dobrovský geäussert: Vor vielen andern albernen Faseleien hätte diese Schrift der guten originellen Ausdrücke wegen wol verdient, gedruckt zu werden (Geschichte der B. Spr. 1818, 157), und Jungmann (Gesch. d. Literat. 1849, 32) nennt sie gleichfalls ein Buch, ausgezeichnet durch die Frische und Gewandtheit der Sprache. Damit stimmen wir vollkommen überein, der Verfasser war gewiss ein sehr gewandter böhmischer Stylist und fast möchten wir ihn den Meister der altböhmischen Belletristik nennen; nicht einmal die nachlässige und mitunter selbst unsinnige Interpunktion Hankas verdarb den Text so, dass die Elasticität des Styles nicht ersichtlich wäre. Aber mit alle dem wird nicht der Hauptfehler unseres Werkes verdeckt, der geschmacklose Inhalt und die unschöne Anlage, und wenn es trotzdem frühzeitig ins Deutsche übersetzt wurde, so können wir uns dies nur daraus erklären, dass der damalige Geschmack des Lesers mit Dialektik sich zufrieden stellte, wo er Poësie hätte verlangen können‹.

Weiterhin heisst es:

›Nach diesen Angaben lebte Ludwig Tkadleček zur Zeit des guten Kaisers Karl (I. 24), der in dieser Zeit böhmischer König war. Er war mit dem Kopfe aus dem Böhmerlande und mit den Füssen von allerwärts (I. 10. d. h., wie das Unglück später auslegt, lebte er an verschiedenen Orten) und lebte im Hofdienste (nach Jungmanns Auslegung an dem Hofe der verwittweten Königin Elisabeth, Lit.-Gesch. 1849, S. 32) in Gräz an der Elbe (I. 13. 85.). Hier erfreute er sich seit einigen Jahren (I. 13.) an der Liebe seiner Adelheid, bis sie das Unglück trennte im Jahre seit Erschaffung der Welt 5167, in demselben Jahre, als Gräz abbrannte und zwar den dritten Monat nach diesem Feuer[90] (ebd.). Hanka verlegt darnach die Trennung der Liebenden in das Jahr 1339, in welchem Jahre nach Bienenberg Gräz abbrannte. Die Jahreszählung vom Anfange der Welt ist entweder schlecht angegeben oder gründet sich auf eine andere Zählung, als die war, an die man sich in Westeuropa gewöhnlich hielt. Der Geburt nach war Tkadleček von mittlerem Stande (I. 74.), also aus dem niederen Adel, da sich nach seiner Auslegung an einem andern Orte (I. 23.) die Leute in drei Stände theilen: In den hohen Stand vom Kaiser zum Grafen, in den niederen Stand, in den der Adeligen, der Edelleute, der Ritter, Herren und Vladiken, und in den niedersten Stand, in den der Bauer und der Bürger gezählt wird.

Tkadleček war sein Zuname. Wie er an einem andern Orte den Zunamen seiner Geliebten in witziger Weise erklärt (I. 14.), so thut er es auch mit seinem (I. 9.) und in dieser Interpretation gibt er sich aus als Gelehrten und Literaten. Er sagt nämlich von sich, dass er ein Weber gelehrten Standes sei, dass er ohne Holz, ohne Rahmen und ohne Eisen weben könne; und an einem andern Orte (I. 12.) sagt das Unglück, dass in diesem Schlage und diesem Weberhandwerke, zu dem sich Tkadleček zählt, der grösste Meister Aristoteles war.

In seiner Jugend lebte er in manchen königlichen und fürstlichen Ländern (1. 74). Liebesabenteuer erlebte er wol genug, denn das Unglück macht ihm diesen Vorwurf: Du sprichst von ihrer (der Geliebten) Treulosigkeit—und Tkadleček, wie viel guten und edlen Jungfrauen und Frauen hast du dich oft treulos erwiesen! (II. 83.). Du warst auch einer von denen, die Alles von ihrer Seite aus wie in einem Drechselstuhle haben, aber sich selbst nicht überantworten wollten (II. 83.). Mit Adelheid traf er unzweifelhaft erst am Hofe in Gräz zusammen. Als die Treulose ihn verliess, und er deshalb auf das Unglück klagte, war er eben in der besten Lage und den besten Jahren (I. 92.), im Jugendalter (ebd.). An einigen andern Stellen wird sein Alter noch bestimmter angegeben, besonders I. 90, I. 91. und ganz besonders I. 87, wo wir erfahren, dass er schon den Jünglingsjahren entwachsen, die bis zu 24 Jahren reichen, dass er vor sich noch das Mannesalter habe, das bis zu 50 Jahren reicht, ebenso das Greisenalter, und dass er sich in der Jugend oder den jungen Jahren des Mannesalters befinde, die im Lateinischen juventus heisse (I. 83.).

Dass die treulose Geliebte des Tkadleček Adelheid hiess, lässt sich auch aus einem Räthsel mit dem ABC errathen (I 13.). Ihr Zuname war nun Pernikářka[91] (I. 14.) und dieser Name wurde ihr gegeben von dem Unglücke (oder dem Geschicke) nicht deshalb, als wäre sie eine solche, sondern deshalb, weil sie das Wort..., wenn sie es einmal irgendwo jemandem sagen wollte, in ihrem Sinne hin und herwälzte (d. h. wie eine Lebzeltnerin den Teig knetet, I. 14.).

Der Geburt nach stammte sie aus mittlerem (I. 80.) oder niederem Stande; genauer wird in dieser Hinsicht gesagt, dass sie adelig war (I. 33.), und aus einer andern Stelle (I. 69.) erhellt, dass sie aus Vladikengeschlechte abstamme. Ihrer Beschäftigung nach aber war sie nur Heizerin am fürstlichen Hofe (I. 33.),—etwas Anderes kannte sie nicht, noch hatte sie etwas Anderes gelernt, noch war sie wo anders als dort, wo der Backofen, Ofen, Kalkofen oder Feuerherd auszubrennen oder zu heizen war (I. 74.),—war sie etwa Hofdame deshalb, weil sie Hofheizerin war? (I. 77.) Ausserdem gibt er ihr auch verächtliche Namen: Backofenschürerin (I. 96., II. 13.), Küchenkehrerin (II. 13. 57.), Stubenkehrerin (II. 15.) u. dgl.

Im Folgenden geht Gebauer ein auf die Beweisführung, dass der Kläger, der sich als Tkadleček einführt, wirklich auch der Verfasser des vorliegenden Werkes sei, und dass er, nach einer Stelle in demselben zu schliessen, noch ein zweites Werk von der Liebe verfasst habe.

Seite 119 fährt er dann fort: ›Von seiner reichen Schulbildung zeugt auch der Umstand, dass er sich fast auf alle Autoren beruft, die in den mittelalterlichen Schulen bekannt waren; so citiert er oft den _Isaias_, _Salomon_, _Job_, _David_, _Ezechiel_, _Jeremias_, _Augustin_, _Gregor_, _Bernhard_ u. a., aus den »Heiden« den _Cato_, _Seneca_, _Ovid_, _Boethius_, _Virgil_, _Valerius_, _Horaz_, _Tullius_ (_Cicero_), _Aristoteles_, _Socrates_, _Pythagoras_, _Plato_, _Diogenes_ und viele andere. Aus sehr zahlreichen Erwähnungen sieht man dann, dass er die altklassische Mythologie und Heroënsagen kannte (z. B. von _Jason und Medea_ I. 11. 54. 56., von _Pyramus und Thisbe_ I, 34.), ja aus der Anspielung auf _Veles_ und _Zmek_ zu schliessen (II. 2.), wusste er auch etwas aus der čecho-slavischen Mythologie. Aus der biblischen Geschichte erwähnt er _Judit_ (I. 25.), _Esther_ (I. 26.), _Samson_ (I. 28.), _Abraham_ (I. 70.), _Josias_ (II. 23.), _Josef und Pharao_ (II. 22.), _Susana_ (II. 76.), _Daniel_ (ebd.) u. a. und in der Weltgeschichte spielt er an auf _Caesar_ (I. 24.), _Alexander_ (I. 24. 30. 42., II. 11.) und _Polykrates_ (I. 45., II. 95.) und die ungarischen Ereignisse (I. 24.). Auch von andern Wissenschaften und mancherlei Künsten seiner Zeit hatte er eine ziemliche Kenntnis, wie dies aus der Darlegung erhellt, wo das Unglück behauptet, dass ein jeder sich ihm unterwerfen müsse (II. 91.-94.).