Part 10
»Sie war es«, sagt Tkadleček, »mit der ich seit einigen Jahren lebte, doch deucht es mir, als wäre ich mit ihr eine Stunde gewesen! Sie ist es, die immer mit mir gewesen ist und ich mit ihr ... doch sie hat sich von mir schon entfernt! Sie war mein Schild gegen alle weltlichen Feinde!... Hinweg ist meines ganzen Wohles zuversichtliche Wahrsagerin; du Unglück, du hast mich mit ihr verfeindet. Hinweg gewendet von mir hat sie sich, sie denkt vielleicht nicht daran, zurückzukehren, vielleicht kann sie nicht, hat sie nicht die Absicht—will sie nicht! Allein bin ich geblieben in verwaistem Zustande durch ein so grosses Unglück! Hinweg ist die, die zu lieben meine Freude, mein Trost war; wenn ich mit dieser mich unterreden konnte, verlangte ich keine andere Speise.... Hinweg ist die, bei der ein Mensch, wenn man mit ihr hätte leben können, in Ewigkeit sich nicht bekümmert hätte!... Hinweg ist die, die meine Jugendjahre in aller Ehrbarkeit zur Mannbarkeit gebracht hatte, Verstand gab, den Muth erhöhte, Kurzweil vermehrte ... Verborgen hat sich mein tägliches Licht und hinweg begeben hat sich mein lichter Stern, nach dem ich mich mit meinem ganzen Sinn gerichtet habe, wie der Fährmann auf dem Meere nach dem himmlischen, umwölkten Sterne!—Hinweg ist der lichte Schein meiner Sonne!... Schon ist sie unter den Berg gesunken, in meinen Zeiten kehrt sie nicht wieder zu mir zurück!... Finstere Nacht hat mich in ihre Macht genommen; wo ich gehe, da irre ich und Nebel hat mich umfangen, schauend sehe ich nicht, ausblickend kann ich mich nicht bemerken, mich kennend habe ich mich selbst vergessen.... Ach Unglück, du hast mir schon meine Fahne herabgerissen, unter der ich meinen Verstand gerichtet habe.... Verloren habe ich den Kampf, an Ehre bin ich verringert! Wehe über den unglücklichen Tag, über die unglückliche Stunde, über die leidvolle Weile, in der mein Diamant zerbrochen ist!... Schon habe ich mein erstes und letztes Kleinod verloren, das ich als Schatz in meinem ungetheilten Herzen bewahrt habe, woran ich mich in Noth, und wann es nothwendig war, erfreute.... Hinweg ist sie, allein bin ich geblieben, ja weniger als allein, denn ich bin ohne sie wie ein halber Mensch—nicht mein, nicht ihr.«
Wer möchte nun—nach diesen Worten—dem Tkadleček lebendige Einbildungskraft und entflammtes Gefühl absprechen? Klingt das nicht so, wie wenn Abelard nach Heloise oder der modernere Werther klagen würde?—Aber das Unglück lässt nicht lange auf Antwort warten. Man kann sagen, dass, wie dieser ganze Roman von Allegorien überfliesst, auch das Unglück mannigfache Aufgaben auf sich nimmt, manchmal die des schlimmen Geschickes, manchmal des blossen Zufalles, manchmal des mahnenden und strafenden Pflegers, manchmal endlich vertritt es die Stelle des gesunden Verstandes. Es ist manchmal, wenn es spricht, als wenn der überlegende Verstand der zügellosen Einbildungskraft Antwort gäbe. Es sagt jenes selbst von sich, dass es das, was immer es gethan hat, gut und mit Recht gethan hat, seinem Stande gemäss, und dass, was immer auf Erden geboren wird, nicht ohne Unglück sein kann; es setzt auseinander, dass, wenn alle Leute, die schon von Anfang der Welt auf Erden waren, bis zu dieser Zeit ohne Unglück gewesen wären, dass alle herrschaftlich und ohne Standesunterschied nur sich zu Willen und Belieben wohnen und leben wollten, und dass bei solchem Laufe und Unordnung die Welt schon zu enge wäre für den menschlichen Stolz, Hochmuth und kühnen Sinn, und dass aus wahrem Stolze und Gewalt Einer den Andern verzehren würde!—Dem entgegen aber soll sich der Mensch auszeichnen durch Mässigung und weise Handlungen und thun, wie die Sonne, die der ganzen Welt leuchtet und in sich selbst Licht ist.
Der Kläger aber auf diese Vernunftgründe nicht achtend sagt, dass es nicht einmal möglich wäre, das Leid um die Braut fern zu halten von sich, weil er eine so liebe, holde und edle Braut verloren hätte!—Und er erzählt dazu von ihrer Gestalt und ihren Gewohnheiten. Sie ist »reich an ihrer Ehre«—sagt er—»schön und fröhlich über alle ihre Gespielinnen und Genossinnen; von ordentlichem Wuchse, anmuthiger Sprache, von liebem Anblicke, guten Gewohnheiten, schnellem Schritte, schönem Gange, fröhlichem und freundlichem Zureden, zarter Sprache.« »Ich bin nicht im Stande«, sagt Tkadleček weiter, »von ihr viel zu sprechen, ich bin nicht werth, sie zu loben, noch kann ich ihren Adel ganz beschreiben.... Ueberglückliche Welt, auf der je ein solches überaus edles Geschöpf ist. Wer sie kennt, trennt sich ihretwegen nicht gern von der Welt.«—Und weiter lobt dann Tkadleček auch den, der sie als sein Weib hat, und dass der mit einem Geschenke über alle Geschenke beschenkt ist, und dass kein anderes Geschenk auf der Welt wäre als ein gutes und vollendetes Weib!... »Ach, du allmächtiger, gewaltiger Gott!«—ruft Tkadleček—»was hast du mir für eine Freude gegeben und was für eine Freude habe ich gehabt in meinem jugendlichen Herzen, als ich sie muthig vor mir stehen sah, und ehrbar einherschreiten mit ihrem überaus vorzüglichen Gange, ihrem schönen Wenden, ihrem sachten und ruhigen Umblicken, ihrem lustigen Springen beim Umkehren ... gewiss ich kann sagen, dass ich dieser guten Gewohnheiten nie satt wurde.... Freue dich, du Mann, der du eine solche Gattin hast, ... Weisheit und ein gutes Weib kommt nur von Gott allein!... Ach könnte ich noch vor meinem Tode ihr liebes, anmuthiges, freundliches Wort hören, könnte ich nach Belieben mich mit ihr ausreden, könnte ich ihr öffnen mein geheimnisvolles trauriges und leidvolles Herz!« ...
Aber das Unglück lacht nur zu Alle dem und hält eine lange Rede von der Ehre und Unehrbarkeit u. s. w. und endlich räth es dem Tkadleček, weise zu sein, und wenn nicht Adelheid für ihn sei, dass er sich eine andere, vielleicht wieder eine solche Geliebte, wie diese achtenswerthe gewesen ist, suche. »Du hast uns früher,«—sagt das Unglück,—»gesagt, dass du Tkadlec[89] seist, das verstehen wir; dass du mit dem Kopfe aus dem Böhmerlande stammest, das verstehen wir auch; mit den Füssen von Allerwärts, das verstehen wir auch, ... wohin du dich wendest, auf welche Seite und welches Land immer, dass du dort wie zu Hause seiest.... Auch wissen wir, dass du in manchen Königreichen und manchen königlichen Städten gewesen bist;—aber sage uns ohne Redeschmuck und ohne Schrift, ob du schon einen solchen Menschen gesehen, oder von ihm gehört hast, wie du bist, Tkadleček, dessen Gutes ganz an einem einzigen Menschen und dazu an einem so leichten Menschen gelegen sei, wie diese deine Freude ist? Thu’ wie Thales und danke dem Glücke für die drei grössten Geschenke, womit es dich beschenkt hat: dass du ein Mensch bist und nicht ein Thier, so dass du weisst, was dem menschlichen Verstande gemäss sein soll und was nicht; dann dass du ein Mann bist und nicht ein Weib, und endlich, dass du ein literarisch Gebildeter und nicht ein Laie und dummer Mensch bist.—Gebrauche also deinen gelehrten Verstand. Du sagst, dass sie Hofheizerin war, du lobst ihre Ehrbarkeit und Vollkommenheit u. s. w.« Dann gibt sich das Unglück an die Auseinandersetzung weiblicher Tugenden und worauf sie beruhen. Es fragt, aus welchem Grunde ein Weib ehrbar sei und ob für sich oder für einen Anderen, und sagt, dass die Ehrbarkeit eines Weibes vierfach sei: aus Scham, aus Ueberlegung und Anhänglichkeit, aus Gewohnheit wie bei Hofleuten und endlich aus blosser List bei schmeichlerischen Leuten, die sich nur so zum Lobe oder des Nutzens halber zeigen u. s. w. »Aus welchen von diesen Ursachen war wol diese deine Heizerin vollkommen?« ruft das Unglück weiter; »ei Literat, erinnere dich! Schüler, sei bei Verstande! Höfling, sei nicht so dumm ... und halte das Ross deines Verstandes am Zaume. Wir sagen dies, auf dass du die Rede lassest von dieser Heizerin; ... du bist in den besten Jahren, ... und sie ist ja wol nichts anderes als jeder andere gewöhnliche Mensch.... Es gibt auf der Welt viel überaus guter und ehrenhafter, ... weit ist die Welt weiblicher Ehre, ... deine Füsse sind überall; sei nur nicht faul zu suchen. Solcher, wie sie, findest du, wohin du dich wendest, ... noch vollendetere!... Vielleicht hast du selbst sie so vollkommen gemacht durch deine Rede und deinen Verstand; ... sei fröhlich und freue dich, dass du mit diesem Geschenke versehen, dass du der lebendige Meister davon bist.... Mit diesem deinem Verstande und deinem Wissen wirst du leicht eine andere gewinnen und vielleicht eine bessere, als diese deine Heizerin gewesen ist; ... glaube nicht, dass wenn du diese deine Heizerin, diese Backofenschürerin verloren hast, auch alle Zeit verloren hast. Es gibt noch viele Zeiten, bevor die Welt endet; ... lass fliessen im Wasser Eis und Schnee ... wisse, dass ein lebender Kopf einen Hutmacher erhält.«
Aber Tkadleček hört nicht auf zu seufzen und auf das Unglück zu schmähen; und sehr naiv sagt er von sich: »Ich bin wahrlich wie ein kleines Kind von der Mutter getrennt ... wie ein unerwachsenes Kätzchen von der Milch zurückgestossen! Wie ein Eselchen, das unausgebildet in seiner Kraft vor der Zeit zur Arbeit getrieben wird, so bin ich dir, Unglück, untergeben und in meinen jungen Jahren schon dir überantwortet.... Leichter ist es einem Wittwer; wenn der seine Freude verliert, so beweint er sie und weiss, dass das nicht anders sein kann, und vergisst sie mit der Zeit. Aber wie ist es mir möglich, meine überaus theure Heizerin zu beweinen, da sie noch lebt, noch gesund ist, in der besten Kraft und grössten Kurzweil, zwar nicht für mich, sondern für einen Andern!... Leute in meinen Jahren gehen von einer Freude in die andere: aber ich stehe schon wie ein dienstbarer und dummer Esel unter meiner Last in einem sumpfigen tiefen Thale, kann mir nicht herauf helfen. Ich bin überall fremd, wohin ich mich wende.... Freiheit habe ich keine, überall ist es mir eng, ich seufze und weine, ich habe nur Gelächter von schlimmen Leuten.... Ich schweife umher, keiner zieht mich zu sich, bald wird aus mir ein Greis.... Hohe Berge muss ich aufsuchen, tiefe Thäler durchkriechen, in finstere Wälder, in öde, ungewohnte Länder, zu unbekannten Leuten muss ich gehen.... Womit könntest du mir das ersetzen, Unglück? Mit nichts Gutem bist du versehen! Nichts thust du zur Zeit, Musse hast du nicht, nichts Gutes hast du bei dir, weder Erbarmen noch Mitleid. Du bist wie der Falke, wie der Sperber, wie Vögel, die vom Fange leben. Du bist wie ein Wolf, wie ein Luchs, Löwe und Bär ... was du thust, thust du zum Schaden der Leute; ... du bist schlimmer als der Henker, heuchlerischer als der Teufel...«. Darauf antwortet dann das Unglück sehr witzig dem Tkadleček und erzählt ihm von den Leiden der Menschen und legt ihm zum Schlusse die Liebe und deren verschiedene Arten auseinander, und wie einer sich von der Liebe befreien soll, der von ihr bemeistert ist.... »Erwäge deine Worte«, sagt es, »die du mit deiner Zunge gar unverständig schmiedest, indem du thust wie ein schlechter Müller, der die Mühlräder loslässt, damit sie mahlen, er selbst aber geht fort, und achtet nicht, wie sie gehen, und wie die Mühle mahlt.... Was klagst du, du guter, ehrbarer Tkadlec, du weiser Schüler, du pfiffiger! Ist es nicht besser, dass wir dich von dieser deiner Küchenkehrerin und Backofenheizerin, die durch ihre List den Ofen mancher guter, weiser, schöner Jünglinge mit heimlicher Liebe entzündet hat; ist es nicht besser, dass wir dich von dieser Lebzeltnerin, dieser Stubenfegerin befreit haben, als dass du in jener Welt ihretwegen verdammt werden sollst? Du solltest dich lieber dafür bedanken.... Hast du etwas Widerwärtiges auf dem Herzen,—verschweige es und bedecke dein Leid.«