Part 6
»Ich würde doch einmal wieder nach Köln gehen.«
»Ja, ja, auf der Durchreise vielleicht. Aber vorher noch einen Atemzug.«
»Denk dir die Freude deiner Beiden. Und es gibt keine größere Freude als die eigene an der Freude geliebter Menschen.«
»Heinrich, du wärst ein vortrefflicher Hausvater geworden.«
»Das ist möglich. Ungleich verteilt sind des Geschickes Gaben.«
»Kannst du nicht —« Otten stockte.
»Nein,« sagte Koch. »Und käm’ ich auch los, ich kann meine Kirchengeschichte nicht im Stich lassen. Die vatikanischen Archive müssen mir offen bleiben. Nachher — ist es zu spät.«
»Da verpfuschest du dir nun mit den Schmökern dein Leben.«
»Und du?« Ein feiner Spott zuckte um Kochs Lippen. »Laß gut sein, Abenteurer sind wir alle.« Er nahm sein Glas und stieß es gegen das des Freundes. »Also, wer’s am längsten aushält. Den soll der andere beweinen. Prosit!«
»Oder beneiden. Prost!«
An der Tür der Osteria drängten sich Köpfe. Ein Flüstern war und unterdrücktes Gelächter. Dann schob sich ein Trüpplein Männer in den Eingang, und der vorderste, mit beiden Händen den Philosophierenden auf die Schultern schlagend, rezitierte mit schmerzlichem Pathos: »Wenn der Vater mit dem Sohne — auf dem Zündloch der Kanone — ohne Sekundanten paukt — glauben Sie mir, meine Herren, das wird ein verlorener Vormittag.«
»Peppe, Wein!«
»Peppe, eine Schachtel gerollter Sardinen. Und Wein für mich und meine Katze männlichen Geschlechts.«
»Kinder, das ist ja der reine Frühling! Wird das ein gesegneter Karneval!«
»Doktor, Ihr Wohlsein. Gestern beim Botschafter haben Sie Rom auf die Köpfe gestellt, soweit es weibliche waren.«
»Im Vatikan ist das Konzil zusammengetreten. Man will Sie heilig sprechen, um Ihr irdisches Teil vor dem Andrang zu schützen.«
»Und die Augen der Schönen nachdrücklich auf das Seelische in Ihnen zu richten.«
»Wohlsein, Herr Professor Koch! Wir haben Sie im Verdacht, daß Sie bereits ausgesandt sind, die Verhandlungen mit dem =corpus delicti= einzuleiten.«
Der Tisch der Freunde war bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei römisch-deutsche Journalisten ließen ihr Feuerwerk los. Sie apportierten die Stichworte, die sie sich zuwarfen, mit einer Geschicklichkeit, wie sie nur jahrelange Übung bei Vater Peppe oder Onkel Pasquale hervorzubringen vermocht hatte. Und eine Anzahl junger Maler und Bildhauer bildeten den lärmend respondierenden Chor. Der Wein zog in glitzernden Rinnsalen über den Tisch. Hin und wieder schwenkte einer sein Glas in die Stube aus. Der beizende Geruch italienischer Zigaretten legte sich über die Tafelrunde. Und draußen plätscherte die Fontana Trevi und lachte die römische Sonne.
»Was habt ihr vor?« rief Joseph Otten in das Stimmengewirr. »Wollt ihr Frühlingsanfang um sechs Wochen vordatieren? Wollt ihr den Lenz, den lieblichen Knaben, aus der Campagna hervorzulocken versuchen: ich bin dabei!«
»Meister,« staunte ein junger Maler, »Ihr seid ein Gedankenleser. Zwei stattliche Karossen werden in einer Viertelstunde vor dieser Tür halten, um uns zu entführen.«
»In die Campagna?«
»Was Rom zu heißen verdient, wird am Nachmittage draußen sein.«
»Wo speisen wir? Vor der Porta San Giovanni? In der Faccia fresca? Es ist Sonntag und ein Sonnentag dazu!«
Jubelnd wurde Ottens Vorschlag aufgegriffen. »In der Faccia fresca! Die Augen auf! Die Herzen auf! Die Magen nicht vergessen! Kommen Sie mit, Professor? Die Geschichte der Kirche wird aufatmen! Leben und leben lassen!«
Koch dankte. Er habe noch eine wichtige Prüfung vor.
»Wetten, daß wir ihn am Abend prüfend bei Pasquale finden?«
»Da kommen die Landauer! Den Bauch geschweift, ordentlich ausgebuchtet. Man sieht’s ihnen an, daß sie im Hinblick auf den Transport von Kirchenvätern gearbeitet wurden, die nicht nur auf Fülle der Gedanken hielten. Segen ihrer Korpulenz! Wir werden davon Nutzen ziehen.«
Die beiden Kutscher, Vollblutrömer, klatschten mit ihren Peitschen. Otten stieg in den Fond des ersten Wagens. Neben ihm nahm der junge Maler Platz, der mit ihm das Gespräch geführt hatte. Die übrigen verteilten sich nach Zufall und Laune. Heinrich Koch stand, das Glas in der Hand, auf der Straße und sah sie abfahren. »Leichtfertig Volk,« murmelte er und kehrte an seinen Platz zurück, »aber verdammt glücklich.« — —
Die mächtigen braunen Karossiers trabten stolz durch die Sonne. Die Stadt wurde durchquert, die imposante Komposition von San Giovanni in Laterano tauchte auf, und der junge Maler an Ottens Seite begrüßte sie mit dem alten Weihespruch: »Hochheilige Laterankirche, aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises Mutter und Haupt!«
»Verleiht das Heiligengewimmel auf dem Prachtbau dem ehrwürdigen Monument nicht das Aussehen einer Fregatte, in deren Rahen die Mannschaften aufgeentert sind?« rief der Journalisten einer. Und die Porta San Giovanni lag hinter ihnen.
Otten saß still. Vor ihm breitete sich, von der Via Appia Nuova majestätisch durchschnitten, das Panorama aller Panoramen, die römische Campagna. Die leise Wirkung des Weines war verflogen. Andächtig wurden seine Augen vor den Spuren eines vergangenen Weltreichs, das hier die Sommerpaläste seiner Großen und — ihre Gräber hatte. Wie ein Rahmen aus edelster Künstlerhand legte sich die geschwungene Linie der Albanerberge um das Bild.
»Schauen Sie,« sagte er leise und berührte des jungen Malers Knie, »vor solch einer Gottesschöpfung kann man gar nicht kleinlich werden. Man sollte die Sektierer in der Kunst hierher führen.«
»Und dort haben Sie das Volk, Herr Doktor, unverändert durch die Jahrhunderte!«
Die Wagen hielten vor einer Osteria, der Faccia fresca, deren Lauben von schmausenden und trinkenden Menschen besetzt waren, lustigen Kleinbürgern mit ihren Schönen, braunen Bewohnern der Campagna, abenteuerfrohen Jüngern der Kunst. Bänkelsänger schmetterten ihre Arien in das Stimmengewirr, Gitarre- und Mandolinespieler rissen an den Saiten, dunkeläugige, kecke Mädel in bunter Volkstracht, die wochentags auf der spanischen Treppe ihre Maler erwarteten, rasselten mit dem schellenbesetzten Tamburin. Dazwischen das Aufkreischen einer Schönen, der zu handgreiflich der Hof gemacht wurde, ein wilder Wortwechsel, ein Aufhorchen ringsum — und aufs neue Stimmengewoge, Gläser- und Tellerklirren, zerflatternde Arien, Mandolinengeseufze und rasselndes Tamburin.
Die Gesellschaft hatte sich einen Tisch erobert. Das Mahl wurde bestellt und nach wenigen Minuten serviert. Platten dampfender Spaghetti, gebratene Hühner, Salatschüsseln, Obst und Käse. Dazu der begnadete Weißwein der Castelli Romani. Man trank sich zu, von einem Tisch zum andern, man bestellte eine neue Romanze, die Musikanten wurden an den Tisch gerufen und die augenblitzenden Tamburinschlägerinnen um die Mitte genommen. Die Lebensfreude flammte auf. Einen wilden Juchzer sandte Otten in die sonnenzitternde Luft. »Jugend, du meine Jugend, ich halte dich!«
»Weiter, immer weiter, ins Glück hinein! Man lebt nicht umsonst auf römischem Boden!«
Die Landauer fuhren vor. Die Musikanten gaben den Herren das Geleit. Und weiter trabten die Karossiers, unwillig, sich nicht auch im Feuer der Jugend zeigen zu können. Aber die Passage wird enger. In langer Reihe rollen die Equipagen der römischen Gesellschaft einher. Mitten unter ihnen Droschken voll geputzter Stadtleute. Die Via Appia ist zur Korsostraße geworden, voll Leben und Eleganz. Fächer winken von hüben und drüben, beringte Händchen, offen, heimlich, zögernd und temperamentvoll. Näher schwingen sich die Albanerberge. Die helle Februarsonne funkelt in den Fenstern von Frascati, von Albano. Eine Stunde lang geht’s vorwärts. Verwundert starrt die erhabene Trümmerwelt zu beiden Seiten der Straße auf das sonderbare Menschenvolk, das jetzt nur noch Auge und Ohr für seinesgleichen hat. Da winkt das neue Ziel, ein weißes Gebäude, die Osteria Antica. Auf dem abgeplatteten Dache, auf der Diele, auf den Treppen sitzen römische Kleinbürger Kopf an Kopf. Ein Wagenpark umgibt die Schenke. Neu anfahrende biegen zur Seite und stellen sich am Straßenrande auf oder lenken in die Wiesen. Die Kellner in Hemdärmeln laufen mit Flaschen und Gläsern, in die sie die Finger stecken, Ungeduldige spielen selber den Kellner, erhandeln am Weinschank die gefüllten, strohumwundenen Flaschen, Laibe Brot, Stücke saftigen Schinkens oder riesenhafter Salami, deren Duft nach dem Orient weist. Männer trinken und Frauen, die Ammen geben den Säuglingen die Brust, die Kutscher kneipen und die Herrschaften. Und des Schreiens und Gestikulierens ist kein Ende. In der Ferne eine Staubwolke, die größer und größer wird. Räder tauchen auf, die sich in rasendem Tempo drehen. Vornweg vier Pferdebeine, die sich krampfhaft zusammenziehen und auseinanderschnellen. Jetzt saust es heran — ist vorüber! Der Applaus des Publikums hinterdrein.
»Das war die =eccellenza=,« sagte der junge Maler. »Sie kutschiert selbst.«
Otten war es, als hätte ihn ein heißer Blick gestreift. Er lachte. Dann sah er sich nach den Gefährten um, die sich unter die Menge mischten, blind für alles, was nicht Römerin war. »=Donna è mobile= ...« summte er vor sich hin, gewann den Ausgang und schlenderte die Straße entlang ...
Eine Viertelstunde war er gewandert, als er den Wagen zurückkommen sah. Der silbergeschirrte Grauschimmel streckte die Beine in ruhigem Trab. Nachlässig hielt die Lenkerin die Peitsche. Jetzt gewahrte sie den Spaziergänger. Sie setzte sich aufrecht, daß die Büste das graue Fahrkleid spannte, zog die Zügel heran und hielt. Eilig sprang der knabenhafte Groom vom Rücksitz und nahm das Pferd beim Kopf.
»Sieh da, der =maëstro= — —!«
Otten trat an den Kutschbock, zog den Hut und schüttelte die Hand, die sie ihm reichte. »Ich such’ den Frühling, =eccellenza=.«
»Und werden ihn finden?«
»Und werde ihn finden.«
»Es ist erst Februar — —«
»Weshalb? Wenn wir ihn Mai taufen, ist es der Mai.«
»Dazu gehören Zauberkünste.«
»Als wenn sich eine Frau jemals vor Zauberkünsten gescheut hätte.«
»Wie stellen Sie sich die vor?« Unter den schweren Augenlidern huschte ihr Blick über den Mann.
»Ich lasse mich gern überraschen, =eccellenza=.«
Sie schlug die Augen voll auf. Auf dem Grunde sah er ein Glimmern. Unbeweglich hielt er dem Blick stand.
»Ich habe noch einen Platz im Wagen für Sie frei.«
»Auch in Ihrem Herzen?«
»Ich bin keine Wahrsagerin.«
»Und ich suche den Frühling, =eccellenza=. Muß ich weiterziehen ...?«
»Steigen Sie auf.« Und sie machte ihm Platz. »Vielleicht, daß er sich von Ihnen anlocken läßt.«
Er legte den Finger auf den Mund. »Er ist um uns. Spüren Sie? — Nicht verscheuchen!«
Das Pferd machte einen Seitensprung vor der niederwippenden Peitsche. Dann zog es an. Der Groom sprang auf und kreuzte die Arme. Links und rechts flogen die Felder der Campagna. Bald, und die Osteria Antica lag im Rücken. Ruinen tauchten auf und verschwanden, Grabdenkmäler, in der Ferne die melancholischen Bogen der antiken Wasserleitung, ein einsames Kastell, und die meilenweite Steppe.
Das Pferd fiel in Schritt. Die Lenkerin lächelte vor sich hin. Sie spürte den Blick des Mannes an ihrer Seite. Und Otten tat einen tiefen Atemzug. Ein Rauschen war in seinem Blut, und er legte seine Hand auf ihr Gelenk. Dort blieb sie.
Als sie sich der Porta San Giovanni näherten, senkte sich die jähe Dunkelheit des Februarabends. Otten wandte sich um. »Die Heimat des Frühlings ...«
Hinter ihnen stand die Campagna in Brand, leuchtete noch einmal auf und sank ins Dunkel. »Das schafft Heimweh, wenn man wieder in Deutschland ist.«
»Gut, daß wir den Lärm hinter uns haben,« sagte sie schnell.
»Den Lärm vergißt man. Man sieht nur noch die Farben.«
»Was bleibt uns von dem schönsten Tag —?«
»Das Geheimnis der Sehnsucht. Die Farben bleiben.«
»Ich liebe die Farben,« erwiderte sie. »Und hier sind wir am Ziel. Nehmen Sie ein Glas Tee bei mir? Mich schauert, seit die Farben verschwunden sind.«
»Wir tun die Tore der Seele auf und lassen heraus, was wir für festliche Stunden ersparten, =eccellenza=.«
Das Gefährt bog in den Vorgarten einer Villa. Otten sprang vom Kutschsitz und hob die Dame herab. Der Groom öffnete das Portal, und sie schritten über die hallenden Marmorfliesen in ein kleines, zartgetöntes Gemach. Lachend blickte Otten sich um. »Wie kommt mein alter Flügelmann in solche Kompanie?«
»Sie müssen mich zwei Minuten entschuldigen, Herr Doktor.«
»Nicht umkleiden,« bat er. »Es darf kein Unterschied sein. Das wäre ein Grenzpfahl.«
»Ich werde selbst den Tee holen. Für solch einen werten Gast.«
Er saß im Sessel und erhorchte ihre Schritte, als sie zurückkam. Sie setzte das Silbertablett nieder, goß ein und sandte einen schnellen Blick auf ihn hinab.
»Gleich wird mein Gatte eintreten ...«
»Nicht schlecht,« erwiderte er nur.
»Nicht schlecht? Er behauptet, daß die Wiege seiner Ahnen in Trastevere gestanden hat. Sie wissen doch? Wo die Eifersucht zur Welt gekommen ist.«
»Das muß für Ihren Gatten sehr interessant sein.«
»Ein solches Tete-a-tete. Fürchten Sie denn nichts?«
»Ich fürchte nur eins. Daß Ihr Gatte eintritt, bevor ich Sie geküßt habe.«
Sie stellte das Teekännchen hin, beugte sich plötzlich über ihn und küßte ihn aufs Haar. Er schlang den Arm um ihre biegsame Taille. Er suchte in ihren dunklen, leuchtenden Augen.
»Wir kennen uns schon seit Tausenden von Jahren.«
»Seit gestern. Als Sie beim Botschafter sangen. Ungestümer Barbar.«
»Seit Tausenden von Jahren. Seit Erschaffung der Welt. Ich bin der erste Mann, und Sie sind das erste Weib. Nichts anderes gibt es. Nichts als das Paradies und diese Stunde.«
Sie bog sich zurück. »Gut, daß wir allein sind. Ich log.«
»Das tat auch das erste Weib, und es schadete ihrer Schönheit nicht.«
»Als ich Sie gestern sah, wollte ich Sie erobern. Es ist mir geglückt.«
»Euch erobern zu lassen, habt ihr verlernt. Aber ich lasse mir mein Recht nicht nehmen.«
»O — nicht so stolz. Unsere Zeit ist gekommen.«
»O — nicht so stolz. Sie wird an Fahnenflucht zu Grunde gehen. Mit Wonne. Lesen Sie Aristophanes.«
»Selbst Männer führen heute die Sache der Frauen.«
»Sie sind auch danach. Herostratennaturen, die anders nicht von sich reden machen können und im trüben fischen.«
»Ach,« machte sie, »ich dachte, man müßte euch großen Männern imponieren. Wie fang’ ich’s an?«
Er erhob sich und breitete die Arme. »So!« sagte er und lachte sie an.
Sie trat einen Schritt zurück, um sein Bild aufzunehmen. Er hörte ein Knistern, wie von angespannter Seide. Dann schloß er die ausgebreiteten Arme. Er fühlte seine Gefangene ...
»Jetzt räche ich Thusnelda, schöne Römerin.«
»Barbar — —,« gab sie zurück und schloß die Augen. — — — — —
Es ging auf Mitternacht, als Otten die Via San Giovanni entlang schritt. Ihn dürstete.
»Daß sie sich alle gleich sind, wenn die Sinne sprechen. Wieder eine Puppe, mit Häcksel gefüllt. Und jedesmal erwarte ich die große Offenbarung. Aufgespielt, Bajazzo!«
Aus der Weinstube des Zi Pasquale scholl feuchtfröhlicher Gesang. Deutsche Burschenlieder. Rheinlieder.
Otten stutzte. »Nur das jetzt nicht. Nur nichts Deutsches jetzt. Und nichts — vom Rhein. Da gibt es Leute, die an mich glauben.«
Er wandte sich und suchte die Weinstube Peppes an der Fontana Trevi auf. Von ferne schon hörte er das Rauschen der Trevifluten. Und plötzlich gab er den Gedanken an Wein und Gesellschaft auf.
»Wenn ich endlich wieder — nach Köln reiste —.«
»Ich glaub’ fast — mein Schiff — trägt unsichtbar schon — den Heimatswimpel. Es muß ins Dock.«
Er starrte in den Wasserstrudel. Es überlief ihn kühl.
»Aber nicht abtakeln. Jung bleiben. Wiederkommen.«
Er warf über die Schulter ein Geldstück in das flutende Wasser. »Es ist ein alter Aberglaube,« dachte er, »und wer von dem Wasser trinkt, den zieht die Trevinixe zurück. Es ist gewiß schön in der Heimat, und man kann in Frieden alt und grau dort werden — —. Aber ich will doch lieber trinken.«
Er beugte sich über den Beckenrand und trank ein paar Tropfen des niederströmenden Wassers.
»Ich komme wieder.«
=VI=
Joseph Otten hatte Rom ohne Abschied verlassen. Nur Heinrich Koch hatte er durch ein lakonisches Billett, das nichts als die Worte enthielt: »Ich werde doch wieder einmal nach Köln gehen,« lebewohl gesagt. Als er sich um neun Uhr Abends in seiner Schlafwagenkabine zur Ruhe ausstreckte, tat er es mit dem Gefühl eines Mannes, der nichts sehnlicher wünscht, als zehn Stunden lang einen solid bürgerlichen Schlaf zu tun. Der Wunsch ging ihm in Erfüllung. Traumlos schlief er wie in der Knabenzeit nach einer langen Fußwanderung. Beim Erwachen fand er sich nicht gleich zurecht. Er machte Toilette, trat auf den Gang hinaus und öffnete ein Fenster. Der Zug fuhr durch eine Station. Otten erhaschte den Namen. Es ging auf Mailand zu. Und auf einmal überkam es den Mann wie eine Schulbubenfreude, heimzureisen, während sich die Zurückgebliebenen den Kopf zerbrachen.
Die Freude währte noch an, als der Zug Mailand verlassen hatte und den Como- und Luganosee passierte. Die Vorfrühlingssonne lag in glänzenden Streifen auf dem Gewässer. Dann umfing den Eilzug die Alpenregion. Ohne Übergang fast war es wieder Winter geworden.
Unruhig sah Joseph Otten zum Fenster hinaus. Vor ihm baute sich die majestätische Scheidewand des Gotthard auf. Schneebedeckt lagen die Joche, unheimlich glitzernd die Eisfelder. Und unaufhaltsam, immer tiefer ging es hinein in die totenstille Winterwelt. Eisige Kälte drang dem unruhigen Beobachter ins Blut, und doch war es warm im Speisewagen, in dem er sich zum Mittagessen niedergelassen hatte, und der rote Neufchâteler, der vor ihm im Glase funkelte, feuriger Art. Aber ein unerklärliches Angstgefühl war nicht zu bannen. »Was, Teufel,« dachte der Mann, »treibt dich vom Frühling hinweg in den grauen deutschen Winter? War es bisher nicht immer umgekehrt der Fall? Wenn man achtundvierzig Jahre zählt, ändert man nicht ungestraft seine Gewohnheiten.«
Als der Zug in Airolo hielt, dachte er einen Moment daran, auszusteigen. Der Bergriese schien sich höhnisch vor ihm aufzurecken, der Eingang zum Tunnel schien ihm der Höllenschlund, und von der Steinwand flimmerte es ihm entgegen, ein Hexensabbat feuriger Buchstaben, die er mühselig in eine geordnete Reihe zu bringen trachtete, bis er den Schreckensspruch aus Dantes Göttlicher Komödie entzifferte: Laßt jede Hoffnung hinter euch, die ihr eintretet ...
»Ich hätte nicht reisen sollen,« murmelte er. »Man verläßt Rom nicht um einer Laune willen, wenn man nicht weiß, wann und wie man es wiederfindet.«
Der Zug fuhr langsam durch den Bauch des Berges, der zwei Welten trennt und verbindet. Und wieder wurde es Licht. Göschenen ruhte friedlich im Winterkleid.
»Sieh da,« sagte Otten zu sich und rieb sich die Augen, »hinter dem Berge wohnen auch Leute. Und es fährt sich genau so leicht von Göschenen nach Airolo wie von Airolo nach Göschenen. Diesen Beweis gedenke ich anzutreten. Freute sich nicht schon Till Eulenspiegel deshalb so unbändig, wenn er einen unangenehmen Berg heraufkraxelte, weil ihm nachher der liebliche Rückweg winkte? Till, heute fühle ich mich dir geistesverwandt. In diesem Sinne sei’s gewagt!«
Aber in Basel beredete er sich dennoch, eine Fahrtunterbrechung eintreten zu lassen. »Zwei Nächte im Schlafwagen sind nicht unbedingt notwendig, wenn man an keine Zeit gebunden ist. Morgen mit dem Frühzug reise ich frischer.«
Die Grenze hatte aufs neue ernüchternd auf ihn gewirkt.
»Ich komme als Gatte und Vater,« ironisierte er, als er im Hotelbett den Morgen erwartete. »Noch dazu als Vater einer Tochter, die mit ihren fast vierzehn Jahren Anforderungen an das erzieherisch wirkende väterliche Beispiel zu stellen berechtigt ist. Ist das wirklich schon der Zeitpunkt, an dem eine Etappe — und nicht die häßlichste des Lebens — wiederum als abgeschlossen zu betrachten ist? Während man sie noch bis ins Unendliche verlängern möchte? Während man Blut und Mark noch ganz anders spürt als in den grünen, unkundigen Jünglingstagen? Während man jetzt erst — jetzt erst so recht — verstehen gelernt hat, was es heißt: Und setzest du nicht dein Leben ein, nie wird dir das Leben gewonnen sein? — —! Joseph, du stehst am Scheidewege. Unvorbereitet wie immer, und wie du es früher liebtest. Ihr guten Götter, helft! ›Das Schlimmste und das Dümmste, das trag’ ich geheim in der Brust!‹« — —
Die Beklemmung, die ihn befallen hatte, war nicht gewichen, als er sich am Morgen erhob. »Wenn ich erst den Rhein sehe, wird’s besser werden,« tröstete er sich.
Wieder schaute er zum Wagenfenster hinaus, Stunde für Stunde, und wieder eilten seine Gedanken rückwärts statt vorwärts. Dann zwang er sich, an Maria zu denken, an ihre stillen, vor Freude glänzenden Augen, an den Jubel des Kindes. Heiß stieg es in ihm auf. Er hatte ihr eine andere Stimmung ins Haus zu tragen. Resignation war daheim zur Genüge aufgespeichert. Lachen sollte durchs Haus schallen, das Lachen von drei Menschen, jungen, jung gebliebenen. Selbst der Brummbaß des alten Klaus erhielt eine veredelnde Note. So mußte es sein, so sollte es werden. Eine fröhliche Stunde in Köln — und der Bann war gebrochen. Ja, das war’s. Noch einen freien, fröhlichen Abend der Vorbereitung, der Akklimatisierung. Und dann — ins alte Geschlechterhaus, in die Rheingasse.
Vom Mainzer Bahnhof gab er eine Depesche auf. »Medardus Terbroich, Köln, Ringstraße. Ankomme sieben Uhr mit Basler Schnellzug. Hole mich Bahnhof ab. Joseph Otten.«
Mit einem Schlage war die verlorene Stimmung zurückgekehrt. Nun zog er doch nicht als Lebensinvalide in die alte Vaterstadt. —
Der Zug lief auf der Deutzer Seite ein. Mit alter Elastizität sprang Otten aus dem Wagenabteil, beorderte einen Dienstmann, sein Gepäck in die Aufbewahrungshalle zu tragen, und wandte sich Terbroich zu, der diesen ersten Anordnungen des Heimkehrenden mit vielsagendem Lächeln folgte.
»Inkognito, Joseph?«
»Nur heute abend. Ich fühl’ mich noch nicht widerstandsfähig nach so langer Abwesenheit.«
»Verstehe. Ich und was folgt, wir sollen sozusagen die ersten Stationen zum Kalvarienberge bilden. Was befiehlt der große Maëstro, das zunächst geschehen soll?«
»Irgendwohin. Wo unverfälschte Kölner Luft weht. Damit hab’ ich’s eilig.«
»Das Hänneschen-Theater ist leider geschlossen.«
»Bring mich in eine Kölner Kneipe, Hanswurst. Ich trag’ noch den Wein aus der römischen Campagna auf der Zunge. Entwöhne mich. Gib mir den Kölner Biersäuerling. Das schafft kühlere Gedanken.«
»Hast du so heiße zurückgelassen?«
»Du wirst deine Neugier zügeln müssen. Aber gottlob, du wenigstens hast dich nicht geändert.«
»Ich hatte schon kommen wollen. Besonders, als ich gestern eine Depesche in der ›Kölnischen‹ las, daß du auf dem Feste beim Botschafter der Gegenstand großer Ovationen gewesen seiest. Das muß famos sein. Deine Ovationen sind Herzenssache. Und so ein römisches Herz — Hand drauf, Joseph, das nächste Mal!«
»Du bist ein Geck,« sagte Otten lachend. »Klär dir dein Terrain selber auf.«
»Ich habe so viele Rücksichten zu nehmen. Ich bekleide so viele Ehrenpöstchen. Da darf man sich nicht zu sehr exponieren. Aber auch im Schatten läßt sich’s tafeln. Es muß eben einer die Rolle der spanischen Wand übernehmen. Na, Joseph, das sollen jetzt schöne Tage werden, und der Karneval steht auch vor der Tür.«
»Da meldet er sich schon.«
Auf dem blauen Postbriefkasten, der an einem der Häuser hing, thronte ein kleiner Junge, klapperte mit seinen Holzpantinen gegen die Hauswand und sang aus vollem Halse. Ein paar andere, die kaum in den ersten Holzpantinen zu Hause waren, sprangen wie Stehaufmännchen um den Briefkasten herum und jauchzten das Lied mit.
»Fastelowend kütt eran ...!«
»In vierzehn Tagen,« sagte Medardus Terbroich und strich sich schmunzelnd Schnurr- und Spitzbart. »Komm, wir gehen über die Schiffsbrücke.«