Part 16
Wild stob es durch sein Hirn, machte ihm das Herz rebellisch, tanzte einen Hexensabbat in Brust und Kopf. Was war gewesen? Was hatte er getan? Untreu war er sich gewesen, gegen seine Natur hatte er gefrevelt, ein Schäferspiel in blutigen Ernst verkehrt, weil — ja weil er sich zum Amboß hergegeben hatte, für eine kleine, lüsterne, feige Frau, er, der sonst nur den eigenen fröhlichen Hammerschlag kannte — weil er den Freund hatte fallen lassen um eines bißchen verlogenen Evatums willen. Untreu sich selbst. Daran mußte er scheitern. Er konnte nur in der Sonne leben.
Er horchte. Auf die Atemzüge Marias .... Sie schlief selig an seiner Seite, und er hatte ihr doch nur so kurz gute Nacht gewünscht. Wie kam ein Mensch wie er zu einer solchen Frau? Wie durfte er zu einer solchen Frau kommen, da er gezwungen war, mit der schlechtesten Arm in Arm in die Schranken zu treten? Und plötzlich stand der Moment wieder vor ihm, da die andere, die sich ihrer Umwelt so weit voran, so überlegen dünkte, angstverzerrt in sich zusammengekrochen war, leugnend wie ein Spießgeselle, alle Würde von sich werfend, sklavisch wimmernd vor der Bedrohung ihrer Existenz, die sie von der bisher so verachteten Umwelt bezog — ah, nicht weiter denken, nicht weiter. Ihm schnürte sich die Kehle zu.
Wie sollte ein Mann mit der Scham im Nacken mit einer Maria weiterleben — —? Ihre Frauenliebe hatte ihn stark gemacht — ihre Frauenliebe hatte ihm die Jugend bewahrt über die Jahre hinaus — an einem Weibchen war er gescheitert.
Das war so erbärmlich, daß selbst Maria ihm nicht helfen konnte, nicht helfen durfte. Oder — er hatte ins Altenteil zu kriechen. »Meine reine Maria,« murmelte er. Und dann lag er mit weitgeöffneten Augen, zusammengepreßten Lippen, und wartete den Morgen ab.
Auch dieser Morgen kam. Früh ging Otten aus. Er hatte eine Anzahl Papiere zu sich gesteckt und begab sich zu seinem alten Notar.
»Ich habe einen schlechten Traum gehabt, lieber Freund,« scherzte er, »und Sie wissen, wir Künstler sind ein abergläubisch Volk. Wenn wir das erste graue Haar entdecken, reißen wir es aus und glauben, nun wären wir wieder jung und die Welt nähme uns dafür. Aber dann kommt ein Tag, an dem wir entdecken, daß wir uns sämtliche Haare ausraufen müßten, um wieder jung zu werden. Irgendwo sagt uns jemand adieu. Und wir machen noch einmal unsere schönste Verbeugung.«
»Ach du lieber Gott, Herr Doktor, die machen wir alle, wenn Ihnen das ein Trost ist. ›Nur das Alter ist jung, und die Jugend ist alt,‹ hat uns schon Schiller zum Trost gesagt. Und alter Wein — Sie werden es merken — hält die Konkurrenz des Mostes dreimal aus.«
»Auf alle Fälle, Herr Notar.«
»Auf alle Fälle ist immer das beste. Ein Testament?«
»Eine Schenkung. Hier ist mein Vermögensnachweis. Ich möchte, daß diese Summe zur freien Verfügung Frau Maria Ottens von heute an bei Ihnen deponiert bleibt, bis Sie mit Frau Maria Otten über Anlage und Zinsenauszahlungen und was sich sonst ergeben wird, konferiert haben. Stellen Sie mir zuliebe die Dokumente sofort aus, damit ich meine Unterschrift geben kann. Ich muß am Nachmittag verreisen.«
Später stattete Otten dem alten Klaus einen Besuch ab. Der Alte ging verlegen um seinen Freund und Gönner herum. »Geweß, et is en Schand, dat ich Reißaus nehm. Äwwer et is nit zu vermiete, et is bald esu en ahl Barack, als wie ich bin. Un et is doch nu mal Familieneigentum. Et Alter macht eigensinnig, un sing eigne Scholl möcht mer doch zu gern beim Sterwen unger de Föß hann.«
»Ich besuch’ dich, Klaus.«
»Jupp, ding Hand drop!«
»Hast du Ersatz? Jemand, auf den man sich verlassen kann, auch wenn der Herr nicht daheim ist?«
»Ich gonn nit us dem Hus, als bis ich ene tüchtige Ersatzmann gestellt hann. Verloß dich drop, Jupp.«
»Na — denn adschüß, Klaus. Und viel Glück für Zons.« — —
Gegen Abend nahm er Abschied von Maria und Carmen. Sie brachten ihn zum Bahnhof, und er täuschte sie durch sein fröhliches Geplauder über nichtige Dinge. Er hatte Carmen abgeküßt und wandte sich Maria zu. »Einsteigen!« riefen die Schaffner und schlugen die Türen zu. Da riß er sie leidenschaftlich an sich. »Leb wohl!« stieß er hervor.
Sie sah ihm mit erschreckten Augen nach, bis der Zug in der Ferne verschwand. Und diese erschreckten Augen verfolgten ihn bis Godesberg. »Die Frau in ihr — ~meine~ Frau in ihr — hat mich — verstanden. Helf ihr Gott.«
In Godesberg trat der Stationsvorsteher auf ihn zu und grüßte ihn freundlich.
»Frau Lüttgen ist gestern abend nach Italien gereist. Aber Herr Lüttgen ist in seiner Villa.«
Auf und davon hatte sie sich gemacht. Ohne Besorgnis um das Schicksal der Männer, die sich in ihrem Rücken rauften. Nur in Besorgnis um ihr eigenes, kleines Existenzchen. Bravo! Bravo!
Er suchte einen Gasthof auf und legte sich gleich zur Ruhe. Um fünf Uhr in der Frühe stand er vor dem Hotel. Sein Zeuge erwartete ihn. Sie gingen langsam und schweigend die Straße entlang, ließen bald die letzten Häuser hinter sich und betraten gegen halb sechs Uhr den Park.
Zwei Stunden später schaffte man Joseph Otten nach Bonn in die Klinik. — —
=XIV=
Das Lebensbuch Joseph Ottens wies eine Lücke. Und diese Lücke war eine Kluft, über die keine Hand hinüberreichte. Zwei Jahre waren vergangen, und da sie inhaltlos gewesen waren, hatten sie sich wie ein Keil zwischen das Gestern und das Heut geschoben. Es mußte mit der Gegenwart neu paktiert werden.
Der Tag war da, an dem er die Festung Ehrenbreitstein verließ, die er ein Jahr vorher bezogen hatte. Ein Hindämmern war es gewesen, ein Abstreichen auf dem Kalender von Tag zu Tag. Vom Stadturlaub hatte er keinen Gebrauch gemacht, die Spaziergänge zwischen den Wällen hatten ihm genügt. Dann lehnte er an der Mauer und schaute hinunter ins Rheintal und ins Tal der Lahn und wandte wieder den Kopf und folgte dem Stromlauf nach Norden und suchte den Horizont ab nach den Schwurfingern des Kölner Doms, die ihm seine Phantasie vorspiegelte. Ein Gleichmaß von Stunden und ein Gleichmaß von Gedanken, und keine Stunde und keine Gedanken, die weiter wiesen. Das Jahr, das diesem voraufgegangen war, hatte ihn gleichgültig gemacht gegen das kommende.
Er hatte in der Klinik gelegen, und die Kugel war ihm aus der Brust gezogen worden. Die Lunge war nur gestreift, aber die größte Ruhe wurde ihm auferlegt, damit die Wunde glatt vernarbte und keine Folgen eintreten konnten, die ihn an der weiteren Ausübung seines Berufes gehindert hätten.
Otten hatte zu den Anordnungen des Professors kein Wort der Entgegnung gefunden. Er ließ den Arzt an sich herumhantieren, folgte jedem Wink und lag, wenn er allein war, reglos in den Kissen und starrte zur Zimmerdecke. Ein einziges Wort war in seinem Kopfe haften geblieben, und das Wort wälzte er hin und her und beleuchtete es von allen Seiten. Seine Kunst war in Gefahr. — —
In einer Nacht — die Wärterin schlief auf dem Sofa in seinem Zimmer — wuchs die Frage riesengroß und schreckhaft vor ihm auf. Seine Kunst in Gefahr! Alles andere hatte er vorher in Gefahr gebracht, sein Weib, sein Kind, seinen Ruf und den Ruf anderer. Aber in der Ausübung seiner Kunst hatte er immer aufs neue die fröhliche Spannkraft gefunden, die ihm das Geheimnis verlieh, wieder gutzumachen, auszugleichen, die Menschen für sich zu gewinnen. Und das Geheimnis seiner angestaunten, elastischen Jugend. Kunstinvalide werden, bedeutete für ihn mehr, es bedeutete für ihn — Lebensinvalide werden. Was blieb, war das Alter.
Der Schweiß bedeckte seine Stirn und seinen Körper. Aus dem Deckbett, aus der Tapete, aus allen Ecken des Zimmers krochen kleine, krumme, graue Männchen, humpelten an Stöcken heran, wackelten mit den Köpfen, grinsten ihm vertraulich ins Gesicht und kletterten ihm mühsam auf die Brust. Da stieß er den ersten Verzweiflungsschrei aus, den ersten und einzigen. Und die Wärterin fuhr auf, eilte an sein Bett und machte in der Nacht den Arzt mobil.
Allerlei Gestalten waren in der Folgezeit wie Schemen an seinem Bett vorbeigezogen, und einige Male, wenn er die Augen geöffnet hatte, waren über ihm Augen gewesen, die nur Maria gehören konnten. Dann hatte sich die flatternde Unruhe in ihm verstärkt, und dem Arzt war der Grund nicht entgangen.
»Alles, was ein seelisches Leiden hervorrufen könnte, müssen wir von ihm fernhalten, gnädige Frau. Sie sind viel zu tapfer, um die Wirkung Ihres Hierseins nicht einzusehen. Ich werde Sie rufen lassen, sobald die Genesung da ist und unser Patient nach Ihnen verlangt.«
Und Frau Maria war still, wie sie gekommen war, nach Köln zurückgekehrt.
Langsam war Otten gesundet. Und eines Tages verlangte er selber nach einem Menschen. Er wünschte den Studiosus Lachner an seinem Bette zu sehen. Auf dem Universitätssekretariat erfuhr man seine Adresse, und am Nachmittag saß Moritz Lachner am Bett seines Kindheits- und Jünglingsideals, blaß und mit verschlagenem Atem.
»Na, na, na, — sehe ich so graulich aus?«
»Nur noch etwas — hager, Herr Doktor.«
Otten strich sich mit der Hand über die eingefallenen Wangen. Nase und Backenknochen sprangen scharf hervor. »Laß mich nur erst wieder auf den Beinen sein. Wandervögel kannst du nicht in Käfigen halten. Aber wirf sie nur zum offenen Fenster hinaus, und sie werden sich schon auf ihre Flugkraft besinnen. Hast du ein wenig Zeit für mich übrig, Moritz?«
»Meine Zeit gehört Ihnen, Herr Doktor.«
Otten nickte schweigend. Seine Hände spielten auf der Decke. »Warst du kürzlich in Köln?« fragte er unvermittelt.
»Sie meinen die Rheingasse, Herr Doktor. Ja, ich war dort.«
»Ich meine die Rheingasse — — Was für ein feines Ohr du für Zwischenfragen hast. Wir werden uns gut verständigen, Moritz.«
»Frau Doktor und Carmen sind gesund. Sie leben zurückgezogen.«
»Ich glaub’s — —«
»Darf ich auch von — von Ihrem Gegner sprechen?«
»Von — wem? Er ist nicht mehr mein Gegner, mein Junge. Aber ich wüßte nicht, was es von ihm zu hören gäbe.«
»Er wird einen steifen Arm zurückbehalten, Herr Doktor,« und des Studenten Augen funkelten vor Genugtuung.
»Du bist nicht gescheit. Ich war’s, der die Zeche bezahlen mußte.«
»Nein,« sagte Lachner, »er war bereits verwundet, bevor Sie getroffen wurden. Er ließ es sich nur nicht merken, um noch zum Schuß zu kommen. Es ist der linke Arm.«
»Herr Gott im Himmel,« sprach Otten vor sich hin, »welch ein Haß muß den Mann beseelt haben —«
Als Moritz Lachner keine Anrede mehr hörte, stand er leise auf. Otten lag mit geschlossenen Augen. »Auf morgen, Herr Doktor, wenn ich darf.« Und als keine Antwort kam, verließ er auf den Zehenspitzen verstört das Zimmer. Es war ganz still. Hin und wieder streifte eine Rosenranke vom Spalier das Fenster. Und Otten öffnete weit die Augen und murmelte: »Wie muß er mich gehaßt haben ... Das macht mich noch kleiner ...«
Am nächsten Tage begrüßte er Lachner mit freundlichem Gesicht. »Setz dich näher heran, Moritz. Ich hatte gestern einen kleinen Schwächeanfall, aber er kommt nicht wieder. Mein Wort darauf. Und nun laß die ängstliche Miene beiseite. Zeig, daß man Vertrauen zu dir haben kann und ein ernstes Wort mit dir sprechen, das in normalen Zeiten der Altersunterschied zwischen uns nicht gut zulassen würde. Kann ich das?«
»Ja, Herr Doktor.«
»Ich bin nämlich all mein Leben so reich an Freunden gewesen, daß ich dem zusammengewürfelten Haufen keinen rechten Wert beimaß und mich heute kaum auf ein ehrliches Gesicht besinnen kann, das mir oder dem ich außerhalb des =dulci jubilo= etwas zu sagen hätte. Nur Heinrich Koch, Hochwürden. Du kennst den Professor. Aber er weilt in Rom, leidet selber am Leben, und ich möchte ihn nicht behelligen. Tu mir also den Gefallen und sei einmal zwanzig Jahre älter. Ich brauch’ dich.«
»Herr Doktor — —« Und Moritz Lachner schob ruckweise seine Hand auf der Bettdecke vor. Otten nahm sie, klopfte sie und ließ sie fallen. Eine lange Pause trat ein.
»Nun höre gut zu. Ich werde in ein paar Tagen wieder aufstehen können und in acht oder vierzehn Tagen die Klinik mit einem Badeort vertauschen. Dann wird wohl — die Verhandlung stattfinden, und was dann folgt, brauche ich dir kaum zu sagen. Du bist Student. Ein Jahr Ehrenbreitstein ist das mindeste. Hörst du auch zu?«
»Ja — —«
»Wenn von einem Menschen, der bisher nie ein Opfer für mich gescheut hat, gewünscht wird, daß ich mich in mir selber wiederfinde,« — Otten atmete tief — »dann lasse ich diesen Menschen bitten, mich mir selber zu überlassen. Du sollst hingehen und es ausrichten. Du bist eine weiche Seele und wirst die Worte finden. Auf dem Papiere wirkt so etwas kalt und verzerrt. Und du sollst hinzufügen: Geliebt, so wie dies Wort in Wahrheit empfunden sein will, hätte ich auf der Welt nur einen Menschen, und sie wäre es. Und diese Liebe wäre mein Bestes und würde mein Bestes bleiben. Deshalb könnte ich sie nicht wiedersehen — jetzt noch nicht. Denn um leben zu können, müßte ich fliegen können und nicht schleichen. Sie wird mich verstehen. Sie hat mich immer verstanden.«
Moritz Lachner saß, die Hände im Schoß, und reckte im Schoß an den Fingern, um seine Bewegung niederzuhalten.
»Willst du diesen Auftrag übernehmen, Moritz?«
»Ja, Herr Doktor.«
Otten reichte ihm die Hand. Sein Auge blickte fester, sein Wesen war ruhiger. »Und für Carmen einen besonderen Gruß. Sie hat eine schlimme Erbschaft von mir im Blut, wenn sie sie nicht zu veredeln weiß. Moritz, du wirst von Zeit zu Zeit nach ihr sehen. Finde nicht alles schön an ihr und halte nicht den Mund. Es stecken Werte in ihr.«
»Ich weiß es, Herr Doktor.«
»Komm morgen wieder.« —
Bei seinem nächsten Besuch fand Lachner Doktor Otten außer Bett. Straff stand er und streckte ihm die Hände hin. »Jetzt geht’s bald hinaus. Ich kann’s kaum erwarten. Die Brust ist so intakt, daß sie sich am liebsten auch eine — neue Seele anschaffen möchte. Na — wird schon werden. Zunächst: Luft, Clavigo!« Er plauderte den ganzen Nachmittag, erzählte von den Fahrten seiner Jugend und seines Mannesalters, aber auf das Gespräch vom Tage vorher kam er nicht zurück. Er hatte abgeschlossen.
Ein halbes Jahr später hatte er seine Festungshaft angetreten. Und die Tage waren dahingeschlichen wie mit Ketten belastet. Die Herren, die das Schicksal gleich ihm für kürzere oder längere Zeit auf den Ehrenbreitstein verschlagen hatte, verstanden sein reserviertes Wesen nicht. Sie verkürzten sich den Tag, so gut es ging, tranken zuweilen ein Böwlchen miteinander, machten fleißig vom Stadturlaub Gebrauch und nahmen ihre Inhaftierung als Formsache, nicht als Strafe.
Nur Otten empfand die Schmach. Die Schmach, auf einen Flecken Erde festgelegt zu sein, in seiner Bewegungsfreiheit, in Willen und Selbstbestimmung beschränkt zu sein. Seine freizügige Natur gewöhnte sich nicht an das Schablonenleben. Und wie ein Schuljunge oder ein Rekrut »Erlaubnisse« nachsuchen — er lachte schon über den Gedanken. So wurde das Jahr für ihn zur seelischen und körperlichen Qual, und sie steigerte sich, wenn sich einmal ein Erinnern zum Ausgangspunkt verirrte. Um dieses Weibes wegen! Die statt des Mutes der großen Sünde nur Heuchelei der kleinen gekannt hatte. Und die ihn eitlen, verblendeten Mann durch ihre Feigheit mitbeschmutzt hatte. Darüber kam er nicht hinweg.
Und aus dieser Stimmung heraus schrieb er an Frau Maria und bot ihr die Scheidung an. Um ihres Reinlichkeitsbedürfnisses wegen, das er weiterhin respektieren möchte.
Sie schrieb ihm zurück, ohne weichliche Empfindelei, klar und stark. Sie lehnte die Scheidung der Ehe ab. »Es ist noch nicht lange genug her, als daß ich vergessen haben könnte, wie mein Herz auch ohne staatliche Sanktion zu Dir stand. Was würde die Scheidung daran ändern, da doch auch die ›Bindung‹ nichts daran zu ändern vermochte? Du bist frei, wie Du immer warst. Willst Du länger draußen bleiben, willst Du noch länger als sonst nicht zu mir zurückkehren, so weißt Du, Joseph, daß wir uns zur Liebe, aber nicht zur Klage erzogen haben. Deshalb kann ich zum erstenmale Deinen Wunsch nicht erfüllen. Du sollst Deinen Hafen behalten, und wäre es nur der Gedanke, daß Du ihn hast.«
Wenige Tage vor seiner Entlassung hatte ihn ein unerwarteter Besuch aufgeschreckt. Der Fabrikant Karl Lüttgen aus Köln ließ um eine kurze Unterredung bitten. Sollte er ihn abweisen? Nicht doch. Es war in seiner Art ein Tapferer. Er nahm ein Billett und ersuchte ihn darauf, sich zwei Tage zu gedulden, da er nur gewöhnt sei, als freier Mann Besuche zu empfangen. Er würde übermorgen mittag in Koblenz im Hotel zum Riesen sein.
Nun war er frei. Der mächtige Felsklotz, die letzte Bastion, die ihn bewehrte, lag in seinem Rücken. Schritt für Schritt wanderte er dahin, die Hände im Jakett, über die Schiffsbrücke, die nach Koblenz führt, jede Planke zählend, jedes Brückenjoch. Jeden Spaziergänger betrachtete er, jeden Arbeiter, und alle erschienen ihm interessant. Im Hotel zum Riesen war ein Zimmer für ihn reserviert. Er stand am offenen Fenster und blickte auf den Rhein, der ihm dicht zu Füßen floß, als der Kellner Lüttgen meldete. Langsam wandte sich Otten um. Und die beiden Männer sahen sich ruhig ins Auge.
»Du bist alt geworden, Joseph.«
Einen Augenblick zuckte es wie ein leiser Humor um Ottens Lippen. »Und du — wenig liebenswürdig.«
»Verzeih. Ich bin ein Bär. Aber es war so auffallend, daß ich erschrak. Du fühlst dich doch nicht krank?«
»Nur krank nach anderer Umgebung. Die der letzten Jahre war Gift für mich. Ich denke, die Sonne Italiens wird mir die Fremdkörper wieder aus dem Blut bannen und meiner Haut ein besseres Aussehen geben als diese Leichenfarbe.«
»Du willst nach Italien? Sie ist auch dort.«
Otten trat auf ihn zu. »Lüttgen,« sagte er, »unterlaß, bitte, selbst die Nennung des Namens. Nicht einmal der Name existiert mehr für mich.«
»Ich habe das auch nicht befürchtet. Es wird über diesen Gegenstand in unserer Denkweise kaum noch ein Unterschied obwalten. Deshalb laß mich ruhig davon sprechen. Es geschieht nicht ihretwegen, sondern meinetwegen.«
»Deinetwegen? Nimm, bitte, Platz.«
Sie saßen sich gegenüber, und die Pause, die zuerst entstand, fiel ihnen nicht auf. Sie hatten beide warten gelernt.
»Joseph,« sagte Lüttgen endlich, »ich wollte nicht, daß du abreisest und mich auch ferner noch für ein blutgieriges Scheusal hältst. Es galt damals nicht dir. Ich kannte doch ihre Evakünste und ihre Verleumdungskünste, und ich wußte, wer sie im Grunde ihrer Seele war. Es gibt Frauen, die kommen als Freundin irgend eines Ludwig des Vierzehnten oder Fünfzehnten auf die Welt. Sie arbeiten sich von Geburt an zu ihrer Bestimmung durch, und wenn sie auf diesem Wege zufällig an einen anständigen Kerl geraten, müssen sie ihn erst demoralisieren, bevor sie weitergehen. Mich hatte es gründlich gepackt. An dir wollte ich mich erholen. Und da mußte es auch dich packen. Siehst du, Joseph, ein einfacher Bruch mit ihr hätte mir mein Gleichgewicht nicht wiedergegeben. Diese verdammten spöttischen Augen hätten mich Tag und Nacht verfolgt. Ich mußte etwas finden, das mir das Übergewicht verlieh, das sie bis in den Kern demütigte. Und da faßte ich den unglückseligen Gedanken, dich herauszufordern, aus Haß gegen sie. Aus Haß gegen sie, und weil ich dich zu gern hatte, Joseph.«
Otten nickte vor sich hin.
»~Den~ Erfolg meiner Tischrede,« fuhr Lüttgen fort, »hatte ich ja nicht erwartet, daß sie dich verleugnen würde, daß ich nun sie nicht mehr in dir tödlich treffen könnte. Damit fielen ja eigentlich alle Weiterungen fort. Von dieser Jämmerlichkeit, die sie zeigte, hätte sie sich mir gegenüber nie im Leben wieder befreien können, und es war selbstverständlich, daß sie auf schnellstem Wege mein Haus verließ. Aber auch deine überlegene Ritterlichkeit kam mir überraschend. Nun konnte ich nicht mehr zurück, nun war ich aufs neue gereizt und wurde vorwärts gestoßen. Du schienst mir in meiner blindgewordenen Wut eine Neuauflage von ihr, und deine kühle Ritterlichkeit gegen die Dame, die dich soeben erst verleugnet hatte, hielt ich für einen verächtlichen Affront, verächtlich gegen mich. So kam’s. Und als du umsankst, merkte ich erst, wie lieb ich dich hatte. Joseph, ich möchte dich um Verzeihung bitten. Ich hab’ dich hineingerissen. Das Verwundern durfte nicht auf meiner Seite sein.«
»Fertig, Lüttgen?«
»Ich bin fertig.«
»Ich nehme an, wir sitzen uns hier nicht gegenüber, um uns schöne Geständnisse zu machen. Hast du das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, ich« — und seine Augen blitzten auf — »habe das Gefühl in erhöhtem Maße, ~an mir~ diesen Fehler begangen zu haben. An mir — —. Dadurch habe ich — wer weiß es — den Übergang versäumt, ohne den ein Leben Stückwerk ist.«
Er stand auf, und auch Lüttgen erhob sich.
»Gestern jung — heute alt. Das ist die Quittung, Lüttgen. Vielleicht erwischen wir noch mal einen Zipfel vom Gewand der Fortuna, wenn wir uns anstrengen. Anstrengen! Früher geschah das mühelos. Jedenfalls — will ich mich noch einmal auf die Reise machen. Du möchtest meine Hand, Lüttgen, und ich möchte deine. So —! Und nun ist alles abgeschlossen. =Vogue la galère.=«
»Leb wohl, Joseph.«
»Hab Dank, und leb wohl.«
Am nächsten Tage fuhr Otten über den Gotthard nach Rom. »Ich hatte doch recht,« dachte er, »damals, als ich unterwegs Angst bekam, aus dem italienischen Frühling in den deutschen Winter hineinzufahren, und an der Grenze, in Basel, Station machte. Wie werde ich Rom wiederfinden? Was werde ich von mir dort wiederfinden? Und das ist meine Hauptsorge, denn ich bringe so wenig mit ...«
Als er in Rom einfuhr, straffte sich seine Gestalt. Es war um die Osterzeit, und um nicht in eines der überfüllten Hotels gepfercht zu werden, rief er einen Kutscher an und ließ sich in ein Privatlogis fahren, Via Frattina, nahe der Spanischen Treppe. Mit heißen Blicken nahm er die Bilder in sich auf. Rom blieb immer Rom. Auf ihn kam’s an.
Am Abend feierte er das Wiedersehen mit Heinrich Koch. Er fand ihn bei Peppe an der Fontana Trevi. Der feine Gelehrtenkopf hob sich überrascht bei seinem Eintritt, die Augen leuchteten hinter den Brillengläsern auf. »Alle vierzehn Nothelfer: der Joseph — —!«
»Guten Abend, Heinrich. Ich bin wieder im Land.«
»Den ganzen Tag über hatte ich so ein sonderbares Gefühl. Die Katze meiner Hausfrau putzte und striegelte sich, und die Signora sagte: ›Es kommt Besuch‹. Katzen und Weiber haben die feinste Witterung. Joseph — Joseph — wie ich mich freue.«
Er zog ein Glas von der Mitte der Tischplatte heran, schwenkte es mit ein paar Tropfen Wein um und goß es bis zum Rande voll. »Es gilt dein Wohl. Trink und sei willkommen.«
»Und dein Wohl, Heinrich .... Wie das schmeckt.«
»Laß dich ansehen. Ein verwunderlicher Mensch, der nicht mehr weiß, wie der Genzano mundet. Bist du mit Odysseus im Reich der Schatten gewesen? Wo nur blutgefüllte Schalen die armen Teufel laben? Probier noch einmal.«
»Du hast es, ohne zu wollen, getroffen, Heinrich. Ich komme aus dem Reich der Schatten und strebe in die Sonne zurück.«
»Du hast dir einen ernsten Stimmklang zugelegt. Und du warst zwei Jahre verschollen.«
»Glaubst du, daß man zwei Jahre nicht wiedergewinnen kann?«
»Ob man sie wiedergewinnen mag, ist die Frage.«
»Du bist — orientiert?«
»Warte einmal,« sagte Koch nachdenklich und rückte an der Brille. »Es muß lange her sein, oder es scheint mir nur so, weil sich mir die Minuten oft zu Ewigkeiten dehnen, da drang eine vage Kunde herüber. Von irgend einem hitzigen Abenteuer, in dem Joseph Ottens Sturmpanier flatterte. Aber ich habe dein Sturmpanier so oft flattern sehen, daß es mich weiter nicht überraschte. Es ist — schlimm geworden für dich?«
»Dank deinem Schöpfer täglich für dein Zölibat. Und halte die Flasche nicht fest.«
»Für mein Zölibat?« wiederholte Koch und schenkte ein. »Zwischen Serail und Zölibat gibt es noch eine Zwischenstufe. Wir wollen das nicht weiter erörtern, es steht unseren grauen Köpfen nicht mehr zu Gesicht. Denn jetzt sehe ich erst, auch deine Locken mußten den Tribut zahlen, du bist grau geworden, aber es kleidet dich.«
Otten blickte von seinem Glas auf. »Spricht man hier noch zuweilen von mir?«