Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 6

Chapter 63,804 wordsPublic domain

Wenn ein junges, begabtes Wesen zuerst seine Leistungsfähigkeit entdeckt, empfindet es natürlich Freude darüber und das Verlangen, seine Thätigkeit fort und fort reicher zu entfalten und zu steigern.

Dieser Trieb ist gewiß an und für sich nicht zu tadeln, aber es geschieht dann leicht, daß man sich fest auf die eigenen Füße stellt, der Quelle vergißt, aus der man seine Kraft empfing und erst durch die Lahmheit seiner Flügel und die Unruhe des ganzen Getriebes vom lieben Gott die Erinnerung bekommen muß: „Ohne mich könnet ihr nichts thun!“ So war es Martha ergangen.

„Was liest du da, Martha, worin du so ganz versunken bist?“ fragte die Mutter.

Martha reichte ihr den Brief hinüber.

„Ach“, sagte Frau Feldwart, nachdem sie ihn gelesen, „das ist ganz und gar meine Großmutter! Rezepte schrieb sie gar zu gern. Als ich aus meiner Freiheit auf dem Gute in die Stadt in Pension kam, hatte ich ’mal einen großen Klagebrief nachhause geschrieben, weil ich nun alles zugleich lernen sollte und niemals fertig wurde; da hat sie mir auch ’mal so ein Rezept geschickt, es war kurz vor ihrem Tode. Warte, ich will es dir gleich holen.“

Sie nahm es aus ihrem Schreibtische und Martha las:

+Rezept für unser Mariechen in der Stadt.+

1) stehe die Jungfer früh auf; sie ist kerngesund und schläfet in der Nacht; da wird es ihr nichts schaden, wenn sie sich frühzeitig aus den Federn hebet. Frisch heraus, kalt gewaschen, rasch und ordentlich angezogen, ein Kapitel aus der Bibel gelesen, gebetet und an die Arbeit! Das lange Herumdrehen in den Federn mit wachen Augen ist schädlich; da gewöhnt man sich an das Träumen bei Tage, und es wird schwer sein, sich über diese verdämmerten Stunden zu entschuldigen, wenn man sich darüber einmal beim lieben Gott verantworten soll, wie man seine Zeit angewendet hat. Jeden Tag eine Stunde, giebt im Jahr 365 Stunden, also 15 Tage und 5 Stunden; sollte Dich der liebe Gott 70 Jahre leben lassen, werden 2 Jahre und 334 Tage daraus, ohne die Schalttage, also beinahe 3 Jahre; das bedenke man ordentlich, damit man die Minuten zurate hält!

2) fasse man seinen Verstand zusammen und frage sich, was zu jeder Stunde das Nötigste ist. Eine Viertelstunde dieses betrieben, die andere Viertelstunde jenes -- das schafft nicht. Was man treibt, treibe man ganz, lasse alle anderen Gedanken fahren und richte seinen ganzen Fleiß darauf, nicht, so schnell wie möglich fertig zu werden, sondern so gründlich und schön als möglich seine Arbeit zu vollenden; dabei wächst die Zufriedenheit und die Tüchtigkeit;

3) bedenke man all’ seine Sachen zur rechten Zeit und Stunde, und zwar, so viel es möglich ist, immer auf einige Tage voraus; man kann sich dann mit seinen Aufgaben viel besser einrichten. Wenn Du z. B. bei Deinen weiten Wegen in B. ausgehest und vergissest die Hälfte von dem, was Du nächstens gebrauchst, mitzubringen, und mußt dann noch einmal unnützlich rennen, so sind einige Stunden weg, die weder Dir noch anderen Vorteil bringen;

4) gewöhne man sich, das nur Erwünschte und Angenehme von dem Nützlichen und Nötigen zu unterscheiden und beides nach seinem Werte zu behandeln. Zum Beispiel, Du darfst Sorgfalt und guten Geschmack auf Deinen Anzug verwenden, darfst Dir ansehen, welche Haarfrisur und Kleidung für Dich passend ist; der liebe Gott will nicht, daß wir uns vernachlässigen oder verunstalten sollen; seine Werke sind alle schön und wohlgeordnet und lieget der Zauber der Anmut darüber. Aber Du sollst nicht stundenlang vor dem Spiegel stehen, die Locken nach rechts und links drehen, die Schleifchen hierhin und dorthin wenden, und die edlen Stunden, die Deinem inwendigen Menschen und dem Wohle des Nächsten zugute kommen sollen, verthun mit „Firlefanz.“ Ja, liebes Kind, so nannte unsere Mutter all’ die Modethorheiten, die man sich jeden Tag neu ausdenket, die viel Zeit und Geld kosten und keinen Menschen glücklich und zufrieden machen; Du glaubst nicht, wie viel man davon entbehren kann und wie glücklich man ist, wenn man so wenig als immer möglich davon gebraucht;

5) darf man sehr wohl ein gutes Buch zur Unterhaltung lesen; nur daß man sich in Deinem Alter von erwachsenen, verständigen Personen muß raten lassen, welches ein gut und nützlich Buch sei. Aber, mein Kind, lies vernünftig. Sich den Kopf heiß lesen, um nur schnell vorwärts zu kommen und zu erfahren, ob der Liebste die Liebste auch kriegt, -- blättern, bald hinten, bald vorne; überschlagen, was auf den ersten Augenblick nicht so ansprechend erscheinet; sich verlesen, wenn andere Pflichten rufen: das ist schlimmer, als hätte man nie ein Buch in der Hand gehabt, und macht den ganzen Charakter zucht- und haltlos. Langsam lesen, ordentlich in sich aufnehmen, bedenken, was der Verfasser von Dir will; zuweilen ein bißchen stille halten, wenn Dich was ins Herz trifft, das fördert und bringet unversehens weiter.

6) Du darfst auch mit einer Freundin umgehen, ja wohl, es ist sehr schön, wenn Du eine hast; ich gönne sie Dir von Herzen. Aber wenn Du sie willst auf eine Stunde oder mehr besuchen, dann nimm Dein Strickzeug oder Nähzeug mit, oder spielet, springet, leset und singet meinetwegen zusammen; willst Du ihr aber nur auf einige Minuten etwas bestellen, so laß dies wirklich nur Minuten sein; das Stehen und Schwätzen beim Gehen und Kommen, so zwischen Thür und Angel, daß keiner weiß, ob es jemals enden wird, das bringet die Töchter um ihre Zeit und die Mütter um ihre Geduld -- das merke Dir!

* * * * *

Martha war sehr hingenommen von den Lehren der Urgroßmutter. Sie waren natürlich nicht alle gerade für ihr eigentümliches Wesen zutreffend, aber vieles stimmte auffallend. Sie erinnerte sich sehr deutlich, daß Frau Direktor Werner gestern dreimal „Suschen!“ gerufen hatte, als sie an der Hinterthür voneinander Abschied nahmen, und wie oft, ach, wie oft! hatte sie weite Wege machen müssen, weil sie am Morgen vergaß, der Warburgerin das Nötige aufzutragen. Das Frühaufstehen war auch ein wunder Punkt, ein recht wunder! der sollte morgen früh zuerst geändert werden.

Als Martha der Dienerin um sechs Uhr die Thür geöffnet hatte, legte sie sich nicht nach ihrer Gewohnheit noch einmal nieder, sondern sie kleidete sich ganz nach dem Rezept der Urgroßmutter leise und rasch an, und die Wohnstube war kaum fertig, so erschien sie in derselben, setzte sich ans Fenster und schlug ihre Bibel auf. Es war sehr feierlich um sie her. Drüben im Grasgarten schlugen die Finken; sie hatte die Fenster geöffnet, um die köstliche Maienluft zu atmen, und auf ihren Flügeln strömte der Duft von Flieder und Jasmin zu ihr herein; die blütenbedeckten Apfelbäume waren von der Morgensonne rötlich angeleuchtet; im Grase glänzte der Tau in tausend Perlen.

„Wie schön solch ein Morgen ist!“ dachte Martha. Das Lied fiel ihr ein, das sie stets so gern gesungen: „Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, Schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte etc.“ Singen durfte sie es jetzt nicht, um die Mutter nicht zu wecken. Sie schlug ihre Bibel auf. Ach, die ganze Natur war heute nur ein Loblied; sie mußte sich auch hier in Gottes Wort eins suchen; sie las den 103. Psalm: „Lobe den Herrn, meine Seele! und was in mir ist seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat etc.“ Dieser köstlichste aller Lobgesänge trug ihr Herz hoch empor, und ob sie es auch in der letzten Zeit oftmals versäumt hatte, mit ihrem Vater im Himmel zu reden, die Stimme des Psalmisten weckte verwandte Stimmen in ihrer Seele; sie konnte danken, sie konnte bitten, sie konnte ihr Leben und Streben im Lichte des Wortes Gottes stille betrachten. Wie verschwindet so vieles in diesem Lichte, was uns wichtig erschien; wie verklärt erscheint manches, was wir für klein und unwichtig gehalten hatten; wie viel klarer wird die Richtschnur für unser Thun und Lassen, wenn Gottes helle Sonne darauf scheint.

Martha hatte bis jetzt ihr rastloses Arbeiten für nichts als Tugend und ihre Mutter für sehr ungerecht gehalten, wenn sie diese Thätigkeit hemmen und ihr Kind für sich in Anspruch nehmen wollte; jetzt auf einmal wurde es ihr klar, daß die Erfüllung des vierten Gebotes ihre nächste Aufgabe sei, und ihrer Mutter das Leben leicht zu machen das höchste Ziel, das sie sich stecken mußte.

So lange wir hier auf Erden leben, werden wir immer mehr oder weniger beunruhigt werden durch den scheinbaren Widerstreit unserer verschiedenen Pflichten, und das Bestreben, sie in Harmonie zu bringen, geht durch alle unsere Tage. Dies hat aber seinen Grund zumeist darin, daß wir unsere Lieblingsneigungen und Lieblingsbeschäftigungen selbstsüchtig festhalten und nicht unterordnen wollen; je mehr uns dies mit Gottes Hilfe gelingt, desto stiller und geordneter fließt unser Leben dahin.

Martha fing jetzt wirklich ernstlich an, zu kämpfen und zu ringen, um dieses Ziel zu erreichen, und die Morgenstunden, welche ihr dazu verhelfen sollten, waren ihr bald so lieb und unentbehrlich wie einst der Urgroßmutter. Sie war darin nicht immer in so gehobener Stimmung; ach nein! solche Stunden sind, so lange wir hier unten weilen, selten. Recht oft klagte sie, statt zu danken, wenn all’ die Sorgen ums tägliche Brot auf sie einstürmten, wenn die sehr wechselnde Stimmung der Mutter ihr Not machte, wenn die Sehnsucht nach Siegfried, von dem sie kein Wort wieder gehört hatte, allzu schmerzlich in ihr emporstieg. Martha hatte nicht versäumt, ihre neue Adresse in Berlin zu melden, damit ein Brief sie erreichen könne; sie hatte kein Lebenszeichen erhalten, wußte nicht, wo sie ihn mit ihren Gedanken aufsuchen sollte; auch in dieser Not war ihre einzige Beruhigung: „Er ist in Gottes Hand, wie ich es bin; wenn es zu unserem Frieden dient, bringt er uns wieder zusammen!“ Oft bat sie den Herrn mit Thränen darum, oft suchte sie nach Ergebung, wenn es anders beschlossen sei; aber so wenig sie jemals ganz mit ihrem alten Menschen fertig wurde, so kam doch nach und nach immer größere Ruhe und Sammlung in ihr Herz, und dies konnte man an ihrem Thun und Treiben gar wohl bemerken. Ohne daß sie eine der angefangenen Arbeiten vernachlässigte, gewann sie nun Zeit, sich mit der Mutter im Freien zu ergehen, ihr am Abend vorzulesen, sie in die erbaulichen Gottesdienste der nahen Pfarrkirche zu begleiten.

Als Pastor Wohlgemuth die beiden Frauengestalten so regelmäßig unter seinen Zuhörern erblickte, fing er an, ihnen mitunter einen Besuch zu machen, wie er es bei Direktor Werners schon seit langer Zeit that. Seine herzliche, ernste und doch getroste Weise, mit der er die trüben Dinge des Lebens ins heitere Himmelslicht zu setzen wußte, thaten der Mutter und Tochter wohl. Martha und Suschen verehrten ihn beide; seine Erscheinung im Hause war ein Fest für sie, ein beneidenswertes Ereignis, wenn er bei einer Begegnung freundliche Worte zu ihnen sprach, und alle Blumen, welche sie in Wald und Flur pflückten, mußte Luischen dem alten Herrn in die Konfirmandenstunde mitnehmen.

Zu Pfingsten entschloß sich Frau Feldwart zum erstenmale, einer Einladung der Frau Amtmann Rösner zu folgen und einige Tage in Weißfeld zuzubringen. Es ging dies nicht ohne große Herzensbewegung ab, aber dieselbe war überwiegend freudiger Art. Ihr eigenes früheres Stübchen war für sie und Martha zum Schlafzimmer, das der Urgroßmutter zur Wohnstube eingerichtet. Sie sah die alte Heimat im lieblichsten Lichte: alle Häuser, auch das Gutshaus, mit Maien geschmückt, Narzissen und Tulpen, Flieder und Goldregen in voller Blüte, die Linden im schönsten, lichtgrünen Schmuck. Trude war überglücklich, ihre alte Herrin zu empfangen; von Amtmanns wurde sie mit der zartesten Liebe aufgenommen und gepflegt, und gleich am Morgen nach der Ankunft hielten Mutter und Tochter zum erstenmal gemeinsam ihre Andacht am Plätzchen der Urgroßmutter. Die Mutter saß im Lehnstuhl; Martha, die Bilderbibel auf den Knieen, auf einem niedrigen Schemel davor; sie las auf Wunsch der Mutter den Lieblingspsalm der Frau, die hier so oft gebetet hatte, den 90. Psalm: „Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für etc.“, den Psalm, der Ewigkeit und Vergänglichkeit ergreifend nebeneinander stellt, mit seiner kindlichen Bitte am Schlusse: „Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden; zeige deinen Knechten deine Werke, und deine Ehre ihren Kindern; und der Herr unser Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns; ja, das Werk unsrer Hände wolle er fördern!“

Sie saßen noch lange mit gefalteten Händen, als Martha gelesen hatte, und der Pfingstgeist, der Geist des Friedens und des Trostes, zog in ihre Herzen ein. Sie wanderten dann mit den geschmückten Landbewohnern zusammen dem Kirchlein zu.

Frau Feldwart saß an derselben Stelle, wo sie mit ihren Eltern sonntäglich gesessen hatte. Ach, um sie her saß eine fremde Gemeinde! Trude und der gebückt einhergehende alte Kirchendiener waren die einzigen Gestalten, deren sie sich erinnerte. Pastor Frank predigte in einer schönen Sprache, gar nicht ungläubig, aber noch recht jugendlich. Martha meinte, ihr alter Pastor Wohlgemuth gäbe ihr mehr, und geriet darüber mit Suschen, die am Morgen erst gekommen war, beinahe in Streit.

„Ich weiß gar nicht, was du willst, Martha; noch schöner wie der Pastor Frank kann doch gar kein Mensch predigen!“

„Er predigt mir eben zu schön“, sagte diese.

„Aber wie kannst du nur solchen Unsinn sagen!“ rief Suschen ganz gereizt und ärgerlich.

Gegen Abend kam Pastor Frank und blieb zum Abendbrot da. Es wurde musiziert; die beiden Töchter des Amtmanns spielten vierhändig, Pastor Frank sang mit seiner schönen Tenorstimme: „Tröstet, tröstet mein Volk“ aus Händels „Messias“, er begleitete Martha das schöne Lied: „Du bist die Ruh, der Friede mild, die Sehnsucht du und was sie stillt etc.“, und das war wirklich recht erquicklich. Dann, nach Tisch, wanderten alle in der lieblichen Dämmerung des duftenden Gartens; Pastor Frank schloß sich an Martha und Suschen an; er erzählte, daß am dritten Festtage großes Kinderfest sein werde, auch eine Stiftung der Urgroßmutter. Er berichtete von mancherlei Einrichtungen zum Wohl der Arbeitsleute aus alter und aus neuer Zeit. Martha interessierte sich lebhaft dafür und forderte ihn durch Fragen zu weiteren Mitteilungen auf. Er freute sich der eifrigen Zuhörerin, sie kamen in ein sehr lebhaftes Gespräch; Martha war aus der reichen Geselligkeit der Residenz gewohnt, sich leicht und fließend auszudrücken; Suschen hatte Respektspersonen und Fremden gegenüber noch ganz ihre kindliche Schüchternheit; sie hing an Marthas Arme und sagte gar nichts.

Als sie sich am Abend trennten, fiel es Martha auf, daß ihre Freundin nicht so heiter war als sonst.

„Was hast du, Suschen? Du warst heute Abend so still!“

„Ich weiß nicht, ich war wohl müde von dem Morgenweg in der Sonne.“

„Das ist ja möglich“, dachte Martha, „auch der Duft von Flieder und Goldlack macht müde; ich bin es ja auch.“

Am zweiten Festtage kamen gegen Abend einige Familien aus der Nachbarschaft; Frau Feldwart zog sich auf ihr Zimmer zurück; Martha wurde von den jungen weiblichen Gliedern der Gesellschaft, die meistens schon ihre Schülerinnen waren, schnell umringt, und war, ohne daß sie es wollte, eigentlich der Mittelpunkt aller.

Pastor Frank erschien auf eine Stunde, um zu verabreden, wie es morgen beim Brezelfest werden sollte; die Brezeln wurden vor dem Schulhause aus zwei Körben verteilt, und er wünschte, daß die Urenkelin der Stifterin mit ihrer Freundin zusammen dies Amt übernehmen möge.

Sie sagte gern zu: „Wenn es sich paßt in meinem schwarzen Anzug?“

„Gewiß“, sagte Pastor Frank; „auf dem Lande ist Schwarz immer ein Festkleid, und wenn Fräulein Suschen vielleicht wie heute in Weiß erscheint, so stellen Sie daneben zusammen die preußischen Farben dar, und das paßt ganz gut zu den Vaterlandsliedern der Knaben.“

Am dritten Feiertag nachmittags zog alles nach dem Schulhause. Trude zupfte Martha am Kleide, als sie vom Hofe gehen wollte, und stellte einen etwa achtjährigen Jungen und ein sechsjähriges dralles Mädchen vor sie hin, die in Festfreude und Festschmuck strahlten.

„Das sind meiner Kathrine ihre, Fräulein: Hans und Mariechen! So, gebt auch hübsch ein Händchen, so ist’s recht!“

Martha sah mit Wohlgefallen auf die frischen, zutraulichen Kinder, die nun dem Versammlungsplatze zueilten, und ging selbst, um mit Suschen an den weißgedeckten Tischen Platz zu nehmen, die vor dem Schulhause aufgestellt waren zu beiden Seiten der Eingangsthür.

Schön geschmückt, jedes Kind einen großen Strauß vor der Brust und eine Maie in der Hand, kam die Schuljugend gezogen, erst die Knaben paarweis, dann die Mädchen; niedliche Fahnen in den deutschen Farben trugen die ältesten Knaben vor; ihnen folgten einige Musikanten mit Blasinstrumenten und einer Trommel. Sie zogen auf den lindenbeschatteten Platz vor dem Schulhause unter dem Gesang, den ebenfalls die Urgroßmutter bestimmt hatte: „O heiliger Geist, o heiliger Gott etc.“

Der Pastor sprach ein kurzes Gebet und sagte den Kindern in einfachen Worten, der Pfingstgeist sei ein Geist der Freude und der Liebe, deshalb habe ihnen die Liebe dieses Fest bereitet; sie möchten nun in Gottes Namen fröhlich sein und mit Dankbarkeit an die alte Frau gedenken, die dieses Fest gestiftet habe, als ihr ältestes Söhnlein, sechs Jahre alt, zur Schule gekommen sei. „Und seht, dort steht ihre Urenkelin, die will euch die Brezeln heute selbst geben!“

So waren denn natürlich aller Augen auf Martha gerichtet; weil es aber strahlende Kinderaugen waren, fühlte sie sich nicht dadurch belästigt.

Der kleine Hans zupfte sie am Kleide: „Du, was ist denn eine Urenkelin?“

„Weißt du denn, was eine Enkelin ist?“

„Ne!“

„Aber, was eine Großmutter ist, das weißt du!“

„Ja“, sagte der Junge lustig, „ich habe zweie!“

„Na, siehst du! wenn deiner Großmutter ihre Mutter noch lebte, das wäre deine Urgroßmutter, und du wärst ihr Urenkel.“

Der Junge sah noch nicht ganz befriedigt aus: „Da müßte sie mir doch noch erst eine Uhr schenken.“

Martha lachte: „Junge, ein Urenkel kann man auch ohne Uhr sein; ich habe auch keine.“

Aus dem Schulhause wurden nun gewaltig große Chokoladenkannen herausgebracht; jedes Kind nestelte den kleinen Becher los, den es am Gürtel trug, und nun ward gefüllt und getrunken nach Herzenslust. Dann ging es ans Spielen.

Für die Knaben waren Kletterstangen da; ein Sackhüpfen wurde angestellt, und es gab allerlei kleine Preise: Tücher, Messer, Kreisel etc. Die Mädchen liefen nach einem Ziele, mußten mit einem an einer Schnur schwebenden Ringe nach einem Haken werfen und wurden dann ebenfalls mit Scheren, Fingerhüten, Bändern und dergleichen belohnt. Suschen zeigte sich im Anordnen solcher Spiele sehr behilflich und gewandt; sie kannte dieselben von ihren Geschwistern. Dazwischen sangen die Knaben: „Die Wacht am Rhein“ und andere Vaterlandslieder; die Mädchen: „Alle Vögel sind schon da“, „Wer hat die Blumen nur erdacht“ u. s. w.

Martha merkte jetzt, daß verschiedene Kinder müde waren vom Laufen; sie setzte sich auf eine der Bänke unter der Linde, ein Kind nach dem anderen kam zu ihr heran, und sie fing an, sich mit ihnen zu unterhalten.

„Riech einmal“, sagte Hänschen und hielt ihr einen Strauß von Pfingstrosen (eine gelbe Wiesenblume, gestaltet wie eine recht volle Rose, in Farbe und Blatt der Butterblume gleich) und Sternblumen unter die Nase.

„Danke“, sagte Martha, „das riecht schön.“

„Ja, sie sind auch viel schöner als Butterblumen und Gänseblümchen.“

„Weißt du denn, Hänschen, wie sie so schön geworden sind?“

„Ne“, sagte Hänschen, legte beide Arme auf ihre Kniee und sah sie mit offenem Munde an.

„Soll ich’s dir erzählen?“

„Ja, woher weißt du es denn?“

„Ei, so etwas erzählt mir der Morgenwind, wenn er mich früh am offenen Fenster besucht.“

„Na, nu erzähle!“ sagte Hänschen.

Sie hatte nur wenige Kinder um sich gehabt; jetzt kamen immer mehr an sie heran, bis sich ein dichter Kreis gebildet hatte; über den Kinderköpfen schauten auch einige alte mit Wohlgefallen auf sie, als sie begann:

„Als es zum erstenmale Pfingsten wurde im deutschen Lande, da jubelte die ganze Erde. Im Walde bewegten die Birken ihre grünen Fähnchen, mit feinen, langen Kätzchen behangen; die Buche schmückte ihren weißen Stamm mit hellgrünen Kränzen, und die zierlichen Maiblumen läuteten, daß es eine helle Lust war!

„Aus den Büschen klang die Stimme des Buchfinken und der Nachtigall; der Pfingstvogel im gelb und schwarzen Röcklein ließ seinen Lockruf ertönen; der Kuckuck rief Tag aus und Tag ein, und die Lerche stieg aus der Furche gerade zum Himmel hinauf: ‚Tirrerillerie! Tirrerillera! Pfingsten, das schöne Pfingsten ist da!‘

„Im Garten zogen die Blumen ihre allerschönsten Kleider an; die Tulpen schmückten sich mit allen Farben; glänzend weiß standen die Narzissen; der Flieder hing seine großen, blauen Trauben aus, der Goldregen seine gelben; ja, sogar eine Rose öffnete schon ihre Knospe: es ist ja Pfingsten, da möchte ich dabei sein! Am Bache standen die Vergißmeinnicht und wuschen sich, um ganz schön himmelblau zu sein zu Pfingsten. Auf der Wiese standen ein Gänseblümchen und eine Butterblume nebeneinander, als am Pfingstsonnabend die Sonne unterging. ‚Weißt du es schon‘, sagte die Butterblume, ‚morgen ist Pfingsten.‘ ‚Ich weiß!‘ sagte das Gänseblümchen, ‚die Menschen sagen, es sei das schönste Fest, denn da sei der Geist des Trostes und des Friedens auf die Erde gekommen. Sieh nur, wie die Blumen im Garten sich putzen!‘ ‚Ich möchte mich auch schmücken‘, sagte die Butterblume, ‚aber ich weiß gar nicht, wie ich es anfangen soll.‘ ‚Ich habe mich schon im Abendtau gebadet, aber klein bin ich und klein bleibe ich‘, seufzte die Gänseblume.

„Die Sterne zogen auf; Butterblume und Gänseblümchen hatten sonst längst um diese Zeit ihre Blättchen oben zusammengeschlossen und schliefen; -- heute wollte ihnen der Schlaf nicht kommen. Sie sahen zu den leuchtenden Sternen auf und sprachen: ‚Ihr schönen, goldenen Sterne! wir wollten gern schön werden, dem Pfingstfest zu Ehren; könnt ihr uns nicht dazu helfen?‘

„Die Sterne sahen freundlich herunter und die Blümchen sahen sehnend hinauf, und erst als die Sterne blaß wurden und ein kleines Streifchen Morgenrot am Himmel erschien, da schliefen die Blümchen ein, und als am anderen Morgen die Sonne sie weckte, da sahen sie sich an und sahen sich wieder an, denn aus der Butterblume war eine runde, volle, süß duftende Pfingstrose geworden, und aus dem Gänseblümchen eine prächtige Sternblume. Da weinten und lachten sie vor Freude, daß die Sterne ihnen auch ein so schönes Pfingstkleid beschert hatten. Seitdem kommen und blühen sie immer zu Pfingsten. Gänseblümchen und Butterblumen kommen früher, sobald der Lenz auf die Erde tritt: aber wenn es zu Pfingsten läutet, erwachen die Sternblumen und Pfingstrosen auf den Wiesen, denn die beiden haben viele, viele Kinder bekommen, die feiern alle mit, und Hänschens Strauß gehört auch dazu!“

„Hänschens Strauß gehört auch dazu! Hänschens Strauß gehört auch dazu!“ riefen die Kinder. „Erzähle noch was, erzähle noch was!“

„Ach ich kann nicht immer erzählen; jetzt könnt ihr ein Rätsel raten:

Eine kleine, Weiße, reine Schäfchenherde Weidet hoch, hoch über der Erde, Nicht auf grünen Auen, Nein, auf blauen! Der Hirt ist nicht zu sehen, Wird hinter den Schäfchen stehen. Nun sag mir, liebes Kind, Wer und wo die Schäfchen sind.

„Da, da!“ riefen die Kinder und zeigten auf die durchsichtigen Lämmerwolken, die in der blauen Luft über ihren Häuptern schwammen. Die Mädchen stimmten an: „Wer hat die schönsten Schäfchen? Die hat der goldne Mond etc.“

Aber nun läutete die Feierabendglocke; alles stand mit gefalteten Händen, bis das Anschlagen verklungen war; dann sprach Pastor Frank noch ein kurzes Dankgebet, die Großen und Kleinen sangen zusammen: „Nun danket alle Gott!“ und dann eilten sie erfreut und ermüdet nachhause.