Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 5

Chapter 53,765 wordsPublic domain

Am 26. Februar Da haben uns zwei Taubenpaar’ Verbunden. Der Tag stets unvergessen sei, Da wir uns bei der Rupferei Gefunden.

Das ganze Bildchen war mit Vergißmeinnicht durchschlungen und sah allerliebst aus. Suschen war entzückt darüber. Ihr Vater betrachtete es lange; dann sagte er: „Suschen, die Karte mußt du mir ein wenig borgen, Du sollst sie richtig wieder haben; ich habe eine Absicht damit.“

Frau Feldwart fand den Umgang mit Werners so entschieden erfrischend und erheiternd für Martha, daß sie bald nichts mehr dagegen hatte, wenn diese auch einmal zu einer anderen Zeit eine Viertelstunde zu Suschen ging, und sie fing auch an, sich an dem fröhlichen Geplauder der Mädchen zu erfreuen, wenn diese herüber kam. Eines Sonnabends erschien sie mit der Bitte, Martha möge doch am Nachmittag einige Stunden mit ihnen spazieren gehen, die Eltern gingen auch mit; es sollten im Stadthölzchen Schneeglöckchen, Leberblumen und Anemonen gesucht werden. Es war einer jener wunderlieblichen Märztage, da die Sonne mit ihren warmen Strahlen die letzten Schneestreifen wegküßt und durch die Milde der Luft die Täuschung hervorgebracht wird, als sei man schon viel weiter in der Jahreszeit vorgerückt.

Man zog sehr fröhlich hinaus; die Mädchen trugen im Strickkörbchen, die Knaben in der Botanisiertrommel ihr Vesperbrot. Mariechen wurde vom Kindermädchen im Wagen vorausgeschoben, Gottfried ging meistens an der Hand der Mutter, die wie eine richtige Gluckhenne ihre Augen überall hatte, damit keines der Kleinen zu Schaden kommen sollte; die anderen schwärmten umher, lachend, singend und springend. Der Vater examinierte scherzhaft bald dieses, bald jenes Kind, bald deutsch, bald lateinisch.

Suschen ging an Marthas Arme, in höchst vertrauliche Mitteilungen vertieft, als plötzlich der Direktor rief: „Fräulein Martha, sehen Sie wohl dort den Turm?“

Sie sah ihn.

„Dort ist das Dorf und Gut, wo Ihre liebe Mutter geboren und erzogen ist und die alte Trude jetzt noch ihre Heimat hat; auch Ihre Urgroßeltern liegen dort begraben.“

„Ach, da möchte ich hin“, sagte Martha. „Aber freilich, es würde der Mutter zu schwer sein“, fügte sie traurig hinzu.

Martha stand jetzt neben Direktor Werner, und er fing sogleich ein Gespräch mit ihr an, das sie neben ihm festhielt. Er fragte nach ihrer Ausbildung, ihren Lehrern, nach dem Gange ihres Unterrichtes, und fuhr dann fort: „Ich stelle dies Examen absichtlich mit Ihnen an, Fräulein Martha. Meine Frau und ich möchten so gern ein Mittel finden, um Ihre Lage zu erleichtern. Ich weiß wohl, daß Sie bei dem jetzigen Zustande Ihrer lieben Mutter nicht daran denken können, Ihr Examen zu machen und eine Stelle als Lehrerin anzunehmen; aber es ist eine ganze Anzahl junger Mädchen hier, die eine englische Konversationsstunde dringend wünschen; mein Suschen und die Töchter dort vom Amt sind auch dazwischen; ebenso suchen wir für Luise und ihren Bekanntenkreis Unterweisung im Zeichnen und Malen; würden Sie bereit sein, beides zu übernehmen? Ein Honorar wollte ich Ihnen schon ausmachen; es würde immerhin eine Hilfe für Ihre Kasse werden.“

Martha sah ihn fröhlich an: „Wenn es meine Mutter erlaubt, thue ich das sehr gern; besonders wenn Sie mir behilflich sind, passende Lektüre zu finden.“

Er versprach es, und Martha war glücklich. Sie hatte noch nie daran gedacht, daß sie imstande sein könne, etwas zu verdienen; der Gedanke war zu schön; sie schwärmte sich mit Suschen beinahe wie die berühmte Milchfrau in sehr schöne Zukunftsträume hinein, so daß beide, im Wäldchen angelangt, erst aus ihrem Phantasiehimmel heruntergeholt werden mußten, bevor sie die lieblichen Frühlingskinder erblickten, die wie eine reiche Stickerei aus dem dunklen Moosteppich hervorglänzten.

Frau Feldwart war am Abend nicht so leicht für die neuen Pläne zu begeistern; sie war zuerst entsetzt über die Idee, daß Martha etwas verdienen sollte, und klagte hart ihr Schicksal an; aber sie kannte den Ernst ihrer Lage, und die große Freudigkeit ihres Kindes besiegte sie zuletzt.

Nach einigen Tagen kam Suschen strahlend; der Direktor hatte die Taubenkarte nach M. geschickt; sie hatte dort Beifall gefunden, und Martha erhielt den Auftrag, mehr solcher Karten zu malen, unter Bedingungen, die immerhin einigen Vorteil versprachen -- lauter tröstliche Aussichten!

6.

Die Urgroßmutter.

In den ersten Wochen ihres Aufenthaltes in H. hatte das Befinden der Mutter Marthas Sorge so in Anspruch genommen, daß der Gedanke, sie auch nur auf Stunden zu verlassen, gar nicht aufkam.

Suschen hatte schon öfter von den schönen Gottesdiensten in der nahen Pfarrkirche und ihrem lieben Pastor erzählt. Jetzt klangen die Glocken so feierlich herüber und luden zur Fastenkirche.

„Mama, möchten wir nicht auch einmal hingehen?“

„Gehe du, Martha, ich kann noch nicht unter Menschen!“

Martha rief Werners und Suschen ab und ging mit ihnen. Der Kirchgang am heiligen Weihnachtsabend war ihr letzter gewesen. Damals hatte sie vor Glückseligkeit nicht ordentlich gehört, was gesungen und gesagt wurde; heute verlangte ihre gebeugte Seele Trost und Kraft von oben und öffnete wie eine durstige Blüte den Kelch, um den Himmelstau aufzunehmen. Die schönen, wohlbekannten Fastenlieder bewegten ihr Herz und hoben es empor. Der Prediger war ein Greis mit weißen Haaren, sein Angesicht bestrahlt vom Morgenrot einer besseren Welt. Sein Thema war heute: „Wie man dem Herrn sein Kreuz nachtragen soll.“

„Das paßt sehr für mich“, dachte Martha, „ich muß ja auch mein Kreuz tragen.“ Sie erfuhr aber bald, daß noch etwas Besonderes dabei war, woran sie noch nicht gedacht hatte.

„Denkt nicht“, sagte der alte Pfarrer, „wenn euch Gott Leiden schickt und ihr müßt sie ertragen, weil ihr sie nicht los werden könnt, daß dies schon heißt: dem Herrn sein Kreuz nachtragen; o nein! das müssen auch die Heiden und die Ungläubigen thun. Dem Herrn sein Kreuz nachtragen, d. h. die Last, die er uns darreicht, willig auf unsere Schultern nehmen mit dem Gebete: ‚Herr, du hast dein Kreuz getragen für mich und meine Sünden, und hast die Nägel, die in meinem Kreuze waren, dadurch herausgezogen; nun hilf, daß ich mein Kreuz dir nachtrage ohne Murren, in dankbarer Liebe, in stillem, geduldigem Gehorsam, so wie du es von mir willst und mir es vorgetragen hast, als dein Kind und zu deiner Ehre! Dann glaubt mir, grünt das Kreuzholz auf euerer Schulter, blüht und trägt Früchte, davon ihr noch genießen könnt in der seligen Ewigkeit.“

Martha fühlte sich tief ins Herz getroffen. Nein, in dieser Weise hatte sie ihr Kreuz noch nicht getragen, davon war sie noch weit entfernt; aber sie folgte mit zagendem Herzen dem Schlußgebet, daß Gott die Seelen bereiten möge zu solchem Kreuzestrost und solcher Kraft zum Tragen, und sie konnte nicht anders, als nach der Heimkehr der Mutter von dem Eindruck sprechen.

„Mutter, ich möchte dich um etwas bitten. Darf ich nun manchmal wieder ein Lied singen?“

Die Mutter erlaubte es; zuerst flossen ihre Thränen heftiger dabei, dann verlangte sie danach, sie erinnerte auch Martha am nächsten Sonntage selbst daran, in die Kirche zu gehen; die ging so gerne, und als wieder die Glocken zur Abendkirche riefen, holte Frau Feldwart selbst ihren Mantel und begleitete ihr Kind.

Trude war fast jede Woche gekommen; gegen Ende März brachte sie Grüße vom Herrn Amtsrat Rösner, und ob er nicht einmal dürfe seinen Wagen schicken, Frau Feldwart und das Fräulein darin holen zu lassen, damit sie die alte Heimat wieder begrüßten.

Frau Feldwart konnte sich nicht entschließen: „Ja, wenn ich früher einmal hätte dort sein können! Aber in diesem Zustande? nein!“

Am andern Tage fuhren des Amtsrats Töchter, frische, blühende Mädchen, vor, und baten kindlich, doch zu erlauben, daß Martha sie für die Nachmittags- und Abendstunden mit Suschen nach dem Gute begleite; es wären all’ die jungen Mädchen dort versammelt, die an den englischen Stunden teilnehmen wollten; sie wünschten Martha kennen zu lernen.

Dagegen ließ sich nichts sagen. Martha fuhr hinaus in den freundlichen Frühlingstag in Gesellschaft der munteren Mädchen; sie freute sich, all’ die Stätten zu sehen, wo Urgroßeltern und Großeltern gelebt hatten, und ihre Mutter aufgewachsen war. Der joviale Gutsherr und seine freundliche Frau empfingen sie sehr freundlich; der Kreis von jungen Mädchen, die zum Teil noch bedeutend jünger waren als Martha, versetzte sie in ihr früheres, glückliches Leben zurück; sie bewegte sich ungezwungen und anmutig zwischen ihnen und gewann schnell das allgemeine Zutrauen. Es ward Zeit und Ort der englischen Stunde verabredet, Direktors wollten ihr großes Hinterzimmer dazu hergeben, und nur an besonders schönen Nachmittagen wollte der Amtsrat die Gesellschaft herausholen lassen.

Nach dem Kaffee eilte alles in den großen Garten, dessen feiner Rasen im ersten Grün schimmerte, um am Rain und im Gebüsch nach Veilchen zu suchen.

Hier wartete Trude: „Nun, Fräulein Martha, nun kommen Sie ’mal mit, nun will ich Ihnen zeigen, wo die Mutter groß geworden ist; die Frau Amtsrätin wollte es selbst thun, aber ich habe so lange gebeten, bis sie es mir erlaubte; ich weiß das ja doch natürlich noch viel besser! So? Fräulein Werner will auch mit? Na, meinetwegen.“

Das Haus, wo Amtsrat Rösner wohnte, war ein Anbau, den er sich selbst erst eingerichtet, da ihm das alte Wohnhaus zu kühl und düster erschienen war; in dieses führte jetzt Trude die beiden Mädchen.

„Sehen Sie, hier, was jetzt die große Wirtschaftsstube ist, das war der Saal; da ist die Hochzeitstafel gewesen, als der Herr Vater mit der Frau Mutter getraut worden waren, und hier, wo jetzt die Stube vom Inspektor ist, da war die beste Wohnstube; Sie können hineinsehen, er ist draußen beim Bestellen. Da über dem Flur drüben das war dem Großvater seine Arbeitsstube, die hat jetzt Mamsell Hannchen. Und nun kommen Sie ’mal mit die Treppe hinauf.“

Im oberen Stockwerk waren zwei Stübchen, die Marthas Interesse vorzugsweise in Anspruch nahmen: das ehemalige Zimmerchen ihrer Mutter, was jetzt sehr niedlich als Logierstube eingerichtet war, und das Gastzimmer daneben.

„Sehen Sie, hier hat nun die Frau Urgroßmutter gewohnt. Da hier in der Ecke stand ihre große, bunte Kommode und da am Fenster steht noch ihr Lehnstuhl und ihr eiserner, kleiner Tisch. Das war ’mal eine gewaltige Frau! Die Leute im Dorfe wissen noch viel Geschichten von ihr, und ich kann mich noch ganz gut auf sie besinnen. Sie ist die Mutter gewesen von allen Kranken und Armen, und in den Kriegsjahren hat sie immer den Kopf oben gehabt und mehr als einmal durch ihre Ruhe und ihr Auftreten den Hof vor Plünderung und Schaden bewahrt. Der Urgroßvater war kränklich und litt viel am Magen und an der Leber, da hat sie jung schon die Zügel mit halten müssen. Hier oben aber da hat sie gesessen eine halbe Stunde vor Tag und eine halbe Stunde des Abends, und hat gelesen und so gewaltig gebetet, daß sie es manchmal draußen verstanden haben, und in ihrem Testamente hat sie es bestimmt: der Stuhl, der Tisch und darauf die Bibel und das Starkenbuch das soll hier am Fenster bleiben und nicht verrückt werden, zum Zeugnis, daß der Segen von oben kommt.“

Martha war zumute, als hörte sie die Stimme, die aus dem feurigen Busche zu Mose sprach: „Ziehe deine Schuhe aus; der Ort, da deine Füße stehen, das ist ein heilig Land.“ Mit scheuer Ehrfurcht schlug sie die alte Bilderbibel auf, deren vergilbte Blätter mit Randbemerkungen bedeckt waren; sie hatte aufgeschlagen und las: „Ebr. 12, 1: Darum auch wir, dieweil wir solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht, und lasset uns laufen durch Geduld in dem Kampfe, der uns verordnet ist.“ Es war, als hörte sie die Urgroßmutter selbst diese Worte sagen, als empfinge sie von ihr in dieser Minute gewissermaßen innerlich den Ritterschlag; jetzt hätte sie lieber selbst Truden und Suschen nicht neben sich gehabt; sie konnte sich lange, lange nicht trennen. Draußen vor dem Fenster spielte der Wind in den eben erst knospenden Zweigen der alten Linden, die hatten auch schon herübergerauscht in der Jugend der Urgroßmutter, und dahinter erglänzte der kleine, klare Landsee, in dem die Mittagssonne sich spiegelte; das war alles ebenso wie sonst.

„Jetzt möchte ich ihr Grab sehen“, sagte sie endlich. Sie wanderte mit Suschen Arm in Arm durchs Dorf, Trude voran. Auf einem grünen Hügel, von Kastanien umgeben, lag die freundliche, saubere Kirche, rings um sie her unter ihren weißen Steinen und Kreuzen die schlafenden Gemeindeglieder. Ganz nahe dem Eingange ins Gotteshaus schliefen Urgroßvater und Urgroßmutter dicht nebeneinander. Die Leichensteine stellten, wie es damals Sitte war, abgebrochene Säulen dar; auf der des Urgroßvaters stand: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen; ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten“; auf dem seiner Gattin: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!“

„Das hat sie selbst so bestimmt“, sagte Trude, „sonst hätte doch wohl was von allen ihren Gutthaten drauf stehen müssen.“

Die Gräber waren sehr gut gehalten, die dürren Blätter sauber abgeharkt; ein Kranz von Schneeglöckchen faßte die obere Fläche ein, sie läuteten mit all ihren feinen Glocken; schon zeigten sich auch die blauen Blüten der Amaryllis und die dunklen Köpfchen kleiner Tulpen fingen an, sich zu färben. Vom Turme klang jetzt feierlich das Feierabendgeläute, die Sonne wollte soeben zur Ruhe gehen, ihre roten Strahlen gossen flüssiges Gold auf die Grabsteine und das Gras, und eine sanfte Abendluft spielte geheimnisvoll in den welken Blättern, die an der Kirchhofsmauer noch aufgeschichtet lagen.

Die beiden jungen Mädchen hatten sich fest an der Hand gefaßt, Trude stand mit gefalteten Händen. Vom Abendläuten war der letzte Ton verklungen, da hörte man Schritte im Kieswege; die Mädchen wandten sich und standen einem jungen Manne in geistlicher Kleidung gegenüber, der offenbar den schmalen Pfad benutzen wollte, um zum nahen Pfarrhause zu gelangen. Martha und Suschen traten einen Schritt zurück; er grüßte Suschen, wie man eine alte Bekannte grüßt, und wollte dann schnell vorüber; aber Trude gab sich so noch nicht zufrieden.

„Herr Pastor! sehen Sie doch nur, das ist ja die Urenkelin hier von der seligen Frau.“

Der Pastor blieb stehen und Suschen übernahm die Vorstellung: „Herr Pastor Frank, Fräulein Feldwart!“

„Und Sie waren noch niemals hier?“ fragte der Pastor.

„Niemals!“ erwiderte Martha.

„Dann müssen Sie aber auch all’ unsere schönen Altargedecke und heiligen Geräte sehen; die rühren meistens von der Frau Urgroßmutter her.“

O ja, das wollte Martha gern. Der Pastor sprang nach seinem Hause, um die Schlüssel zu holen, und nahm dann die Erfreuten mit sich in die Kirche und in die Sakristei.

Dort schloß er eine schwere, eichene Truhe auf: „Die stammt auch von der Urgroßmutter!“ Dann enthüllte er die schönen, schweren Altargedecke: „Sehen Sie, bei jedem Stücke liegt in dem kleinen Kästchen an der Seite das Dokument der Schenkung.“

Martha beugte sich über die alten Papiere: sie waren offenbar von derselben Hand geschrieben wie ihr Weihnachtslied. Zuerst kam die Schenkung der Truhe: „Anno 1801 bei der Geburt ihres ältesten Sohnes schenkte Frau Anna Martha Waldheim aus Dankbarkeit für Gottes unverdiente Gnade und zum Gedächtnis seiner Wunder diese Truhe zur Aufbewahrung der Kanzel- und Altarbekleidungen.“ Dann kam 1806 bei der Geburt eines zweiten Sohnes das erste Gedeck. „Das blaue Laken mit dem Lamme stickte ich mit meiner eigenen Hand.“ Dieser Hans Waldheim, der hier erwähnt war, war Marthas Großvater. „1812 bei der Geburt einer Tochter Margarete schenkte ich eine Bekleidung für den Taufstein aus schwarzem Sammet und Golde: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott! zu unsern Zeiten!“

„Nun sollen Sie auch die Geräte sehen“, sagte der Pastor und öffnete ein Doppelschloß in der Mauer. 1824 war ein schöner, goldener Kelch geschenkt: „Zum Angedenken an die sel. Heimfahrt meines ältesten Sohnes, der sich im Sterben hat mit dem Sakrament erquicket“; 1828 „eine güldene Weinkanne, da mir mein Herr den bitteren Trank des Witwenleides hat eingeschenket. Dein teures Blut, dein Lebenssaft giebt mir stets neue Lebenskraft!“ „Anno 1830 bei der Taufe meiner lieben Enkelin Anna Marie ein neu Taufbecken: Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig!“

Anna Marie! das war ja ihre liebe Mutter! Martha war es sonderbar ums Herz; so wohl, als sei sie in dem kleinen Gotteshause zuhause; so weh, daß von der Familie, die hier so feste Wurzeln geschlagen hatte, jetzt hier kein einziges Reislein mehr grünte. Im Amtsstuhl war noch der kleine, geschnitzte Gesangbuchsschrank der Urgroßeltern mit ihrem Namen und dem Datum ihres Einzuges. Martha fand es sehr schwer, sich von all diesen Erinnerungen loszureißen, aber die Tageszeit nötigte dazu.

Als sie ins Freie traten, war die Sonne hinunter und ein feiner, weißer Nebel zog durchs Thal. Sie dankten dem Pastor freundlich, er erkundigte sich noch nach Suschens Eltern, und dann stiegen die drei verschiedenen weiblichen Gestalten still den Hügel hinab. Pastor Frank stand an der Kirchhofsmauer und sah ihnen nach, bis das braune Kopftuch, das schwarze und das helle Kleid im Schatten der Häuser verschwanden.

„Kanntest du den Pastor Frank schon länger?“ fragte Martha.

„Ja wohl“, erwiderte Suschen; „er gab als Kandidat den deutschen Unterricht an unserer Schule; wir schwärmten damals alle für ihn.“

Daß Martha dann bei Tische und auf der Rückfahrt stiller war, wunderte Suschen eben nicht. Frau Feldwart hatte schon sehr ungeduldig nach ihrem Kinde ausgesehen.

„Mama“, sagte die Tochter, nachdem sie nur eben ihre Sachen abgelegt hatte, „kannst du dich noch ganz ordentlich auf die Urgroßmutter besinnen?“

„Freilich“, sagte Frau Feldwart; „ich war ja schon ganz erwachsen, als sie starb! An meinem Einsegnungsmorgen da hat sie an ihrem eisernen Tischchen noch mit mir gelesen und gebetet und hat mir die Bilderbibel mit dem silbernen Schloß geschenkt, die ich jetzt noch habe.“

„Mama, das Tischchen steht noch und der Lehnstuhl, und Urgroßmutters Bibel und das Starkenbuch sind auch noch da.“

„Wie mich das freut!“ rief Frau Feldwart; „sie hatte es ja im Testamente so bestimmt, und so lange meine Eltern dort waren, blieb natürlich alles so. Als wir Schwestern dann aber heirateten und die Eltern das Gut verkauften, um uns nachzuziehen nach B., da mußten wir es dem neuen Besitzer überlassen, ob er diesen Wunsch noch ferner erfüllen wollte.“

„Mama, all’ die Altardecken und heiligen Geräte sind auch noch da, auch das Taufbecken, woraus du zuerst getauft bist; du mußt mir noch viel von der Urgroßmutter erzählen.“

„Das thue ich schon gern; du kannst auch vielleicht in ihren alten Papieren manches finden.“

Der Martha war zumute, als habe sie die Urgroßmutter heute erst geschenkt bekommen; ein Pastellbildchen aus der Jugendzeit derselben hing über dem Nähtisch ihrer Mutter; das mußte sie immer ansehen; die klaren Augen und festen, bestimmten Züge waren ihr nun erst verständlich, und ihr eigener Name: Anna Martha, den sie bis dahin ganz alltäglich gefunden hatte, wurde ihr jetzt lieb als Erbstück von der Urgroßmutter.

Von Ostern ab begann nun für sie eine sehr fleißige Zeit. Unter Suschens Leitung nahm sie mit eigener Hand die Änderungen an ihrer Garderobe und der ihrer Mutter vor, welche die wärmere Jahreszeit nötig machte; die Besorgung der kleinen Wirtschaft fing an ihr Freude zu machen, auch das Einteilen und Sparen, als sie es nach Frau Werners Anleitung mit Erfolg that, gewann seinen Reiz für sie. Daneben begannen die englischen Übungsstunden, auf die sie sich ordentlich vorbereiten mußte; die Zeichenstunden mit den jüngeren Mädchen nahmen ihren Anfang; jede Mußestunde wurde zur Vollendung niedlicher Karten und Lesezeichen verwendet; da hieß es die Minuten benutzen und die Zeit aufs äußerste auskaufen. Frau Feldwart sah anfangs mit Befriedigung Marthas erhöhte Thätigkeit und wiederkehrende Energie, aber mit der Zeit ward es ihr lästig, die Tochter, welche bisher nur für sie allein gelebt, so in Anspruch genommen zu sehen. Seitdem sie sich in die ungewöhnlich milde Frühlingsluft einmal hinausgewagt hatte, regte sich das Bedürfnis zum Spazierengehen öfter bei ihr; wenn dann Martha sagte: „Nein, Mama, heute kann ich nicht ausgehen, heute muß das Kleid fertig werden“, oder: „Ach, ich bin eben mitten im Malen mit meinem Lesezeichen, jetzt kann ich’s unmöglich liegen lassen!“ da wurde die Mutter verdrießlich und es gab zwischen beiden darüber so manchen kleinen Zwist. Es wurden allmählich auch die Abendstunden zur Arbeit mit herangezogen, in denen Martha der Mutter früher vorgelesen hatte; Frau Feldwart, deren Augen schwach waren, nickte dann ein beim Stricken und machte bittere Bemerkungen. Dann legte Martha wohl Bücher und Zeichengeräte fort und las vor, bis die Mutter zu Bette ging, um dann bis 1 Uhr nachts zu arbeiten und müde und überwacht am anderen Morgen aufzustehen.

„Ich weiß nicht, Martha“, sagte Suschen, „Du bist jetzt viel unruhiger wie zu Anfang.“

„Ich finde es selbst“, erwiderte diese nachdenklich, „ich war noch nie so aufgeregt und zerstreut wie jetzt; ich weiß nicht, woran es eigentlich liegt.“

Es fiel ihr ein, daß Trude gesagt hatte, die Urgroßmutter hätte zweimal so viel als andere fertig gebracht. Sie nahm sich vor, am nächsten Sonntag ’mal in ihren Briefen zu studieren. Sie fand verschiedene Briefe, die von Krankheiten, Arbeiten, Kriegsunruhen handelten; endlich öffnete sie einen Brief, den Frau Anna Martha ihrer Schwiegertochter, Marthas Großmutter, geschrieben:

„Meine herzliebe Frau Tochter! Dein Brief hat mir recht viel Nachdenken und auch Sorgen gemacht, weil er klingt, als wüßtest Du vor Not und Arbeit von früh bis spät nicht aus noch ein! Ich kann mir wohl denken, wie die Obst- und Kartoffelernte, die Krankheit der beiden Kinder, das Schlachten und der viele Besuch zu der Hasenjagd alle deine Kräfte verbraucht haben, und ich will auch, so schnell ich kann, heimkommen, um Dir zu helfen; aber ich habe oft ebenso viel und noch mehr, sogar mit Feinden durchgemacht, und bin doch ruhig verblieben. Versäumt denn meine liebe Frau Schwiegertochter auch die Hauptsachen nicht? Ich las neulich in einem Buche, daß ein gelehrter Mann, ein Sterngucker, gesagt hat: ‚Gebt mir einen Standpunkt außerhalb der Welt, und ich will sie aus den Angeln heben.‘ Das hat mir ganz gewaltig gefallen. All’ unsere Arbeiten, alle Mühen, Sorgen und Erdenlasten, die unsere Herzen drücken, die können wir nur regieren und bewegen von einem Standpunkt außerhalb der Welt, und gottlob! geht es darin uns Christenleuten besser als dem armen Kerl in meinem Buche; wir haben den Standpunkt wahrhaftig; wir brauchen nur zu unserem Vater in dem Himmel zu gehen. Er hat’s erlaubt; wenn wir es nicht thun, ist es unsere Schuld. Frau Schwiegertochter! Wenn ich in meinem Leben etwas erreicht und fertig gebracht habe, so ist es nur dadurch geschehen, daß ich jeden Tag zweimal eine halbe Stunde vor Gottes Thron gegangen bin. Wenn doch alle Menschen wüßten, wie viel das Mühe, Not und Zeit erspart! Mit schwerem Herzen, matten Gliedern, unruhigem Gemüte geht man hin; mit freier Seele, gestärkten Füßen, wackeren Händen, geordnetem Willen und verständigen Gedanken kommt man wieder. Frau Schwiegertochter! Des Sonntags im Gottesdienst und des Alltags in der Betkammer da kriegt man das meiste fertig, denn da wird man selbst fertig gemacht, daß man nicht umherfährt wie eine Brummfliege, sondern fein gerade auf sein Ziel lossteuert wie ein Schiff mit reinen, vollen Segeln, in welche der richtige Wind bläst. Frau Schwiegertochter! Unter das Rezept kann man gewißlich setzen, was meistens unter denen Kuchen- und Seifen-Rezepten in den Kochbüchern stehet: ~probatum est~! Und damit Gott befohlen!“

Martha hielt lange den Brief in der Hand. Das war es!