Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 3

Chapter 33,639 wordsPublic domain

Ja, sie verstand alles; aber ihr ganzes Herz bebte jetzt nur im Mitgefühl mit dem Vater, der in wenigen Stunden ein Greis geworden war. Er fing jetzt an zu weinen, zu weinen wie ein Kind. Martha hatte ihn noch nie weinen sehen. Sie netzte seine Schläfen mit wohlriechendem Wasser, sie holte Wein vom Frühstückstische und nötigte ihn zu trinken. Arme Martha! Ein wenig Beruhigung für sein Herz wäre die beste Medizin gewesen. Die Mutter konnte ihm diese nicht geben, sie saß noch immer stumm und rang die Hände; aber sein Freund trat zu ihm und sagte: „Feldwart, willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du mir Vollmacht geben, mit deinen Gläubigern zu unterhandeln und Verträge abzuschließen?“

„Ja, M., ich danke dir tausendmal!“

Die gerichtliche Vollmacht wurde noch an demselben Morgen ausgestellt, und es zeigte sich bald, daß dies gut war, denn es stellte sich beim Kommerzienrat ein schlummerartiger, fieberhafter Zustand ein; er mußte zu Bett gebracht werden und fing an zu phantasieren. Martha verlebte acht schwere und sorgenvolle Tage und Nächte an seinem Lager, nur unterstützt von dem treuen, alten Johann. Frau Feldwart ging ab und zu, ordnete auch wohl dieses und jenes an; aber es schien, als sei in dem furchtbaren Augenblicke, da die Stütze des Reichtums in ihrer Hand zerbrach, alle Ruhe und Haltung von ihr gewichen. +Sie+ ging von Zimmer zu Zimmer, stand hier einmal am Fenster und dort einmal und starrte ins Leere; sie sah keinen Zielpunkt für ihre Augen, keinen Stab, an dem sie sich halten und aufrichten konnte. „Arm, arm, ganz arm!“ hörte man sie immer wieder sagen.

Es war der Vermittelung und Fürsorge des Konsuls zu danken, daß für jetzt noch die Wirtschaft im alten Gange blieb.

Am neunten Tage saß Martha des Morgens an ihres Vaters Bett, als er die Augen matt aufschlug: „Wo ist die Mutter?“

Sie trat im selben Augenblick herein.

Einen Augenblick sah der Kranke beide freundlich an, dann ging eine Erschütterung über sein Gesicht: noch ein leiser Seufzer, ein Zittern, und er war aller Angst und Not entrückt. Aber für die Seinen begann sie in doppelter Weise. Bis zum Begräbnis gelang es dem Konsul, die Ruhe um die beiden Trauernden zu erhalten; sie waren sehr verschieden, diese beiden! Bei der Mutter mischte sich die Angst vor der drückenden Lage, welcher sie entgegenging, so sehr mit der Trauer über den Verlust ihres Gatten, daß all’ ihre Klagen mit Bitterkeit gemischt waren und sie zu einer reinen, wohlthuenden Empfindung ihres Schmerzes gar nicht kommen konnte, noch viel weniger zu dem Entschluß, irgendeinen Plan für ihre Zukunft zu entwerfen. Martha fühlte, wenn sie an ihren zärtlich geliebten Vater dachte, eine solche Beruhigung, ihn aller Not entrückt zu wissen, daß ihre Thränen oft recht sanft und lind flossen; sie fühlte auch Mut für die Zukunft, sie hatte den ernstlichen Willen, ihrer verzagten Mutter das Leben nicht schwer, sondern leicht zu machen, zu tragen, zu arbeiten, so viel sie konnte, aber freilich: über das Wie? war sie ganz im unklaren; hier hoffte sie ganz auf den Beistand des Onkel Konsul, und dieser wurde ihnen ja auch nach Möglichkeit zuteil. Kaum war das Begräbnis seines Freundes vorüber, als er bei den betrübten Frauen eintrat, um ihnen ihre Verhältnisse klar darzulegen und über ihre nächste Zukunft zu beraten. Das Vermögen der Frau Feldwart war ganz mit im Geschäft gewesen und nicht zu retten. Aber der Verstorbene hatte in sehr hoher Achtung bei seinen Berufsgenossen gestanden; so kam den Bemühungen seines Freundes von allen Seiten viel guter Wille entgegen, und es wurde dadurch möglich, nach dem Vergleich mit den Gläubigern eine kleine Summe zu erübrigen, von welcher die Witwe, mit einer Leibrente, welche sie besaß, notdürftig leben konnte; auch wurde ihr auf demselben Wege so viel an Hausrat und Wäsche zugestanden, als sie zur ersten Einrichtung notwendig brauchte.

Das war ja klar, daß die Verwaisten sich einen kleineren und billigeren Wohnort suchen mußten. Frau Feldwart war auf einem großen Gute erzogen in der Nähe der nicht ganz unbedeutenden Kreisstadt H., die freundlich zwischen Feldern, Wiesen und baumreichen Gärten lag. Konsul M. kannte dort einen älteren Beamten, dem er den Auftrag gab, eine bescheidene Wohnung zu mieten, auch dort am Orte ein Mädchen zu besorgen, da bei der ganzen bisherigen Lebensweise der Frauen nicht zu hoffen war, daß sie sich ohne ein solches behelfen könnten. Es kam denn auch bald die Nachricht, daß beides geschehen sei. So wurde mit des alten, betrübten Johanns Hilfe und unter Leitung des Onkels Konsul der Möbelwagen gepackt, und die Frauen durften abreisen, bevor das schöne Haus mit seiner trauten, prächtigen Einrichtung unter den Hammer kam.

Konsul M. brachte seine Verwandten zur Bahn; Frau Feldwart sah starr, bleich und unglücklich aus, sie hatte in den letzten Tagen kaum ein Wort gesprochen; Martha hing weinend an des Vetters Halse. Nun saßen sie im Coupé, langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Die Mutter schloß die Augen, während Marthas umflorte Blicke jeden lieben, bekannten Gegenstand gleichsam noch einmal mit Liebe umfaßten, bevor sie sich von ihm losrissen. Dort entschwanden die Straßen, in denen sie so fröhlich gewandelt war; da in der Ferne die Linden, unter deren Schatten der Vater schlummerte; hier die Bäume, unter denen Er, ach, vor so kurzen Wochen, ihr gesagt, daß er sie liebe; er wußte nicht, daß sie ins Elend zog; ihn trugen jetzt die Meereswellen hinaus, weit hinaus, einer glänzenden Zukunft entgegen! Wenn er es gewußt hätte, wie es um ihren Vater stand -- er wäre nicht gegangen! Er durfte es niemals, niemals erfahren; er mußte dort im fernen Westen glücklich werden. Und sie? ach, sie kam sich vor wie ein losgerissenes Blatt, ratlos, kraftlos, willenlos vom Sturm der Zukunft entgegengetrieben. Hilfesuchend falteten sich ihre Hände und unwillkürlich kamen ihr die Worte auf die Lippen, die sie zuletzt mit ihm gesungen:

„So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held, Und mach’ aus mir, was dir gefällt.“

4.

Not und Sorgen.

Johann war abgereist, nachdem unter Marthas Leitung und mit seiner treuen Hilfe die kleine Wohnung in möglichst behaglichen Stand gebracht war. Er hatte noch Holz und Kohlen herbeigeschafft, hatte dem Mädchen sämtliche Wirtschaftsgeräte, Eimer, Besen und Bürsten mit den eindringlichsten Ermahnungen übergeben, und dann mit tausend Segenswünschen und heißen Thränen von seiner Herrschaft Abschied genommen. Mutter und Tochter saßen in der freundlichen, behaglich durchwärmten Wohnstube und überblickten ihr neues Reich; Martha nicht ohne das befriedigende Gefühl, durch ihren Geschmack ein so nettes Ganze geschaffen zu haben; die Mutter immer noch traurig und still. Die Wohnung lag in einem Hinterhause; aber nur die Fenster von Küche und Speisekammer öffneten sich nach dem nicht ganz kleinen und völlig sauberen Hof; die beiden Wohnstuben boten die freundlichste Aussicht auf einen reich mit Bäumen bepflanzten, jetzt freilich unter weißer Schneedecke ruhenden Grasgarten, und dicht hinter demselben floß ein klarer Bach durch Ellerngebüsch, welches das dahinter liegende Feld zum Teil verdeckte.

„Ist es nicht ganz nett, liebe Mama?“ fragte Martha sanft.

„Es ist ja gut so“, sagte diese in einem so gleichgültigen, traurigen Tone, daß es Martha schwer wurde, die Thränen niederzukämpfen.

Freilich: Vergleiche durfte man ja nicht anstellen mit den Räumen, die noch vor so kurzer Zeit sie umfangen hatten. Die Zimmer waren niedrig, die Fensterscheiben klein; es fehlte die Fülle herrlicher Blumen und Blattpflanzen, es fehlten die weichen, dicken Teppiche am Fußboden, die schweren, sammetnen Übergardinen, die reichen Tischdecken, reizenden Statuetten und Kronleuchter; außer einigen Familienphotographieen war die Wand nur von einem einzigen Bilde geschmückt, einem guten Kupferstich der Sixtinischen Madonna, welchen Herr Feldwart seiner Frau zu ihrem letzten Geburtstage geschenkt und Onkel Konsul für sie aus dem Zusammensturz gerettet hatte; aber es war durch Johanns Aufmerksamkeit doch auch noch einiges Freundliche mit hergekommen, das wohl imstande war, die Umgebung heimisch zu machen. In seinem gewöhnlichen Messingbauer hing über Marthas Nähtisch ihr kleiner, lieber Kanarienvogel; um die Bilder ihrer Eltern schlang sich, neu aufgebunden, der selbstgezogene Epheu, und unter dem Tische lag auf seinem alten Polster Ajax, das weiße Seidenhündchen. Er schlug jetzt an, man hörte die Küchenthür gehen.

„Mama“, sagte Martha, „Thekla wird jetzt hereinkommen; möchtest du ihr nicht Bescheid sagen?“

„Ich kann nicht, thue du das, Martha!“

Thekla erschien. Es war ein hübsches, gutgewachsenes Mädchen mit lebhaften Augen und gewandten Bewegungen, und jedenfalls älter als Martha. Diese stand ihr schüchtern gegenüber. Ach, sie war sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit nur zu sehr bewußt; ihre Fragen nach den Leistungen der Gemieteten kamen nur zögernd über ihre Lippen; die Antwort desto frischer und dreister aus Theklas Munde: „Ja, ich kann alles, reinmachen, kochen und waschen.“

Dies klang tröstlich; zuerst sollte sie einholen, was nötig war.

„Bringen Sie Brot, Butter, Suppenfleisch und irgendeinen hübschen Braten; bekommen Sie kein Geflügel, so nehmen Sie Filet!“

„Wie viel denn, Fräulein?“

„Ach, Sie werden ja sehen, ein Stück, das für uns paßt.“

Thekla erinnerte noch an einige dringende Bedürfnisse; es wurde eine lange, lange Liste, und als das Mädchen fort war, fühlte Martha erschrocken, wie leer ihr Beutelchen geworden war.

„Mama“, begann sie nach einer Weile schüchtern, „müßten wir nicht doch einmal berechnen, wie viel wir eigentlich jede Woche ausgeben dürfen?“

Frau Feldwart hielt sich den Kopf: „Ich kann gar nichts; rechne du!“

Sie hatte ihrem großen Haushalte in ihrer Weise pünktlich und ordentlich vorgestanden, aber sie hatte stets über sehr große Summen zu verfügen gehabt; sie konnte es sich gar nicht denken, wie es möglich zu machen sei, mit so wenigem auszukommen; dazu war das Unglück so unerwartet über sie hereingebrochen; ihre Leibes- und Seelenkräfte waren wie gelähmt.

„Hier im Buche steht alles“, sagte sie.

Martha nahm das Buch und rechnete, rechnete, bis ihr der Kopf heiß war, aber ach, sie kam zu keinem Resultat. Wenn sie nur hätte teilen dürfen in 12 Monate oder 52 Wochen; aber da war so vieles, das kam nur einmal im Jahre.

Die Miete, ja, das stand hier: 300 Mark; Kohlen hatte Johann gekauft: 20 Ctr. Kohlen 17 Mark, 1 Meter Holz 7 Mk. 50 Pf.; aber was konnte ihr das helfen? Hatte sie denn eine Ahnung, wie lange diese Portion reichen würde? Dies arme Kind fühlte tief ihre Unzulänglichkeit. Ach, es war gewiß noch vieles auszugeben, an das sie jetzt gar nicht dachte; also mit dem Einteilen ging es heute noch nicht! Sie versuchte es auf eine andere Weise; sie überlegte: „Wie kann ich sparen? Natürlich, Gesellschaften geben wir jetzt nicht; Schmuck, Bilder, Noten, Bücher dürfen wir nicht anschaffen; aber sonst haben wir zuhause doch einfach gelebt: es gab nach der Suppe nur zwei Gerichte und ein Dessert. Ein Gericht werden wir wohl streichen müssen, vielleicht auch das Dessert; aber ihren Tischwein muß Mama natürlich behalten; wenn ich nur eine Ahnung hätte, was die einzelnen Sachen kosten! Wenn mir doch nur Mama etwas helfen wollte; ach, es ist so schwer, so schwer! Mein Siegfried, mein armer, lieber Papa, ich habe nicht einmal so viel Ruhe, an euch zu denken!“

Sie hatte ja den besten und treuesten Willen, ihre Schuldigkeit zu thun und trotz ihrer doppelten Trauer einen reichen Springquell jugendlicher Frische und Thatkraft in ihrem Herzen. Aber wie sehr wurde derselbe auch in Anspruch genommen! Thekla zeigte wohl am ersten Morgen, daß ihr die Hausarbeit nicht völlig fremd war, auch brannte nach langen, vergeblichen Bemühungen endlich das Feuer in Stube und Küche. Aber nun sollte gekocht werden! Ach, da wurde es klar, daß weder Fräulein noch Mädchen auch nur den entferntesten Begriff von dieser Kunst hatten.

„Aber Thekla, Sie sagten doch, Sie könnten kochen, sieden und braten!“

„Nun ja, Fräulein, für uns zuhause; da kommt alles zusammen in einen Topf, der wird morgens in die heiße Asche gesetzt, da kocht sich’s ganz alleine. Aber hier, da ist noch nicht einmal ein Aschenloch, nur ein Ofen, da verstehe ich nichts von!“

Da war guter Rat teuer. Wenn nur Martha irgendjemanden hätte fragen können! Halt! eine Freundin ihrer Mutter hatte ihr einmal das Kochbuch von Henriette Davidis geschenkt; das fand sie endlich nach langem Suchen und studierte darin Bouillonsuppe und Lendenbraten. Aber es ist mit der Kochkunst eine eigene Sache; wo alle Erfahrung und Anschauung fehlt, gerät es auch nach dem besten Buche nur mangelhaft, und wer all’ die kleinen, nötigen Handgriffe nicht übte, dem geht die Arbeit sehr langsam von statten. Das Feuer meldete sich verdrießlich, weil eine Hand darüber kam, die es noch niemals geschürt hatte; der Ofen rauchte, weil eine Klappe geschlossen war, die geöffnet sein wollte; und als nach langen, schweren Mühen nichts weniger als pünktlich das Mittagsbrot auf den Tisch kam, schmeckte es jedenfalls ganz anders als in B., und Frau Feldwart, die ohnehin wenig Appetit hatte, legte verdrießlich ihren Löffel hin und schaute mit entsetzten Blicken auf die große Menge Suppe und den noch größeren Braten, welche eine sehr unliebsame Wiederholung auf morgen versprachen.

„Wir haben heute wirklich zu viel gekocht“, dachte Martha. Sie wollte ja gern den Kopf oben behalten und sah es als ihre Aufgabe an, der Mutter eine Stütze zu sein; hätte ihr ein erfahrenes und treues Mädchen zur Seite gestanden, so würde sie vielleicht die Schwierigkeiten überwunden haben. Aber ach! von ihrer Hauswirtin aufmerksam gemacht, mußte sie bald entdecken, daß Thekla kein redliches Mädchen war, und als einmal in der Nacht Frau Feldwart nach Kaffee verlangte und Thekla geweckt werden sollte, um Feuer zu machen, zeigte es sich, daß sie zum Tanze gegangen war und das Haus offen gelassen hatte. Hiervon mußte Frau Feldwart erfahren.

„Sie darf nicht bei uns bleiben“, sagte sie, „schon um des Hauswirts willen dürfen wir sie nicht behalten.“

Martha sah dies ein; sie fühlte, daß sie nicht die Erfahrung besaß, welche dazu gehört hätte, das Mädchen auf besseren Weg zu bringen, und so ging am anderen Morgen Thekla, und Martha sah ihr halb mitleidig, halb schmerzlich bewegt nach mit dem demütigenden Gedanken: „Ich konnte ihr gar nichts sein; ach, ich taste ja auch noch im Dunkeln umher, und Gott mag geben, daß ich meinen Weg finde. Es ist eigentlich gut, wir können ohne sie sparsamer sein!“

Es zeigte sich bald, wie nötig das war; Martha hatte gar nicht gedacht, daß zum Leben so viel Bedürfnisse gehörten; das Geld verschwand unter ihren Händen. Sie wollte sich bei der Mutter Rat und Anweisung holen, aber die war innerlich wie gebrochen und schüttelte nur den Kopf: „Thu, was du willst!“ Ach, da kamen für die Tochter auch recht mutlose, dunkle Stunden. Nein, arm und reich sein galt ihr gar nicht gleich! In der Phantasie war das recht schön, in der Wirklichkeit um so bitterer.

5.

Suschen von drüben.

Sie mußte sich nun ermannen und die Arbeit allein angreifen. Herr Reinhold, ihr Wirt, hatte ihr versprochen, Erkundigungen nach einem Mädchen oder einer Aufwärterin einzuziehen, aber sie auch darauf vorbereitet, daß es einige Tage dauern könne, bevor sich Hilfe fände.

„Es schadet auch nichts, Fräulein! Der Laufbursche holt Ihnen Kohlen und Wasser und kann auch in der Stadt was mit besorgen.“

Das war nun recht dankenswert, aber dennoch blieb eine große Sorgenlast auf Marthas Herzen, und sie stand recht traurig in der Küche und musterte die Reste vom vergangenen Tage, ob sich vielleicht ein Mittagsbrot daraus zusammensetzen ließe; da klopfte es an die Küchenthür, und als Martha dieselbe öffnete, erschien in ihrem Rahmen ein Frauenkopf, braun gebrannt von der Sonne, mit hundert kleinen Fältchen gezeichnet; das weiße Haar schimmerte nur wenig hervor unter einem neuen, karrierten Kopftuche, das, am Hinterkopfe regelrecht gebunden, in zwei gleichen, glatten Zipfeln nach beiden Seiten abstand, und mitten aus den freundlichen Zügen leuchtete ein ungemein helles, strahlendes Augenpaar die verwunderte Martha an: „Ach, ist’s denn möglich? nein, gar nicht verändert, noch ganz und gar wie sonst, mein liebes, liebes Fräulein!“

Marthas Verwunderung stieg: „Wen suchen Sie denn eigentlich, liebe Frau?“

„Aber, mein Fräulein Riekchen, oder meine liebe Frau Feldwart, kennen Sie mich denn nicht? Es sind ja nun wohl schon ein- oder zweiundzwanzig Jahre, daß wir nicht zusammengekommen sind; aber Ihre alte Trude, die sollten Sie denn doch wohl nicht vergessen haben.“ Martha fing an zu begreifen. Trude! den Namen hatte sie von ihrer Mutter oft nennen hören; sie lächelte: „Ja, was vor zweiundzwanzig Jahren war, kann ich freilich nicht wissen; ich werde im Sommer erst achtzehn. Sehe ich vielleicht aus wie meine Mutter damals aussah?“

Nun war das Lachen an der Alten.

„Ach freilich, freilich, Kind, accurat so! Wo dachte ich auch hin? Und die Sprache, wie Sie sich ’rumdrehen und alles! Sehen Sie, gleich wie ich aus der Schule kam, wurde ich bei ihr Kindermädchen; ich habe sie auf meinen Armen groß getragen, dann nachher war ich Zimmermädchen auf dem Gute. Als sie zum erstenmal zu Gottes Tische ging, da habe ich ihr das schwarze Kleid angezogen und an ihrem Hochzeitstage Kranz und Schleier gesteckt; ach, was war sie eine schöne Braut! All’ die Jahre daher habe ich mich gesehnt, sie einmal wiederzusehen. Nun sagte mir neulich der alte Herr, der die Wohnung hier gemietet hat, daß der Herr Vater tot ist und daß sie hierhergezogen ist, weil es ihr schlecht geht. Na, dachte ich, da mußt du hin, Trude, da mußt du hin! Ach, nicht wahr, Fräulein, ich darf mit meiner alten Herrschaft sprechen?“

Es wurde der Martha feucht in den Augen und weich um das Herz; sie war sich eben noch so grenzenlos verlassen vorgekommen, setzt sah sie wieder ein wenig Licht und Hilfe. Sie ging hinein zur Mutter: „Mama, deine alte Trude ist da; nicht wahr, du läßt sie hereinkommen? sie würde sonst zu traurig sein.“

Frau Feldwart sah erst sehr erschrocken aus; aber all’ ihre Jugenderinnerungen wurden lebendig; Trudens Güte und Treue spielte darin eine große Rolle. Nein, die konnte sie nicht abweisen -- sie nickte still und traurig mit dem Kopfe.

Trude setzte ihre Kiepe in der Küche nieder, breitete sorgsam ihren dunkelblauen Mantel darüber und trat ins Zimmer. Frau Feldwart wollte ihr entgegengehen.

„Ne, bleiben Se sitzen, bleiben Se ruhig sitzen, mein liebes Fräulein Riekchen, und nehmen Sie es nicht für ungut, daß ich komme. Ich hörte, daß der liebe Gott Sie so geprüft hat, und da mußte ich doch ’mal nach Ihnen sehen. Wenn Sie als kleine Krabbe zu mir geweint kamen, da konnte ich Sie wohl leichte trösten, und jetzt mag das ja schwer sein; aber unsereiner kann doch sagen, daß man Anteil nimmt, und solche alte Bekannte, wie wir sind, die sprechen sich doch gern ’mal aus.“

Frau Feldwart reichte der Alten die Hand und winkte ihr, sich zu setzen: „Ja, Trude, wir sind sehr unglücklich geworden.“

„Nu, meine liebe Frau Feldwarten: welche der Herr lieb hat, die züchtiget er; ich habe es auch erfahren. Ich habe einen Mann und zwei Söhne begraben, und habe mich durchschlagen müssen mit drei schwachen, kleinen Mädchen; da weiß ich wohl, wie Ihnen das zu Sinne ist.“

„Ach, Trude, es ist zu schwer: mein Mann tot und alles mit ihm zusammengebrochen; nun in Armut sitzen und nicht wissen, wovon man am andern Tage leben soll, und das arme Kind, die Martha, ach Gott, ach Gott!“

Es waren die ersten Worte der Klage, die über Frau Feldwarts Lippen kamen, so lange sie hier war; es waren die ersten Thränen, die jetzt über ihre Wangen stürzten seit ihres Mannes Tode; sie kamen nun wie ein unaufhaltsamer, nicht endenwollender Strom. Trude stand leise auf, nahm den Kopf ihrer ehemaligen Herrin in ihren Arm, wie sie es gethan hatte, als dieselbe noch ein Kind war, und strich mit ihrer welken Hand sanft über das ergrauende Haar.

„Ja, weinen Se nur, weinen Se nur, Frau Feldwarten -- immer zu! Die Thränen hat uns der liebe Gott gegeben; die fließen ab aus dem Herzen, wenn es zu voll wird, daß es nicht bricht, und glauben Sie nur, der liebe Gott hilft schon durch. Der Reichtum hat seine Freuden und seine Lasten, und die Armut hat ihre Freuden und ihre Lasten; die Hauptsache ist, daß der liebe Gott mit seiner barmherzigen Hand immer dazwischen ist; hat doch der Heiland auch nicht im Schlosse gewohnt, sondern im Stalle; ich meine, da ist’s noch lange nicht so fein gewesen wie hier in der Stube.“

Martha war hereingekommen, das Wort traf sie tief! Die Alte sah, daß die Thränen ihres Pflegekindes sanfter flossen -- sie stand auf.

„Darf ich denn ’mal wieder kommen, Frau Feldwart?“

„Ach, Trude, komme ja, so oft du kannst; aber wo wohnst du denn eigentlich und was treibst du?“

„Ach, mir geht’s jetzt ganz gut; zwei von meinen Töchtern sind verheiratet, die älteste ist in recht guten Verhältnissen, die jüngste dient auf dem Amte, und mir hat der Herr Amtmann das Häuschen beim Thore gegeben, wo sonst der alte Boten-Ferdinand wohnte; ich thue die Botengänge nach L. und nach hier; ich bin glücklich auf meine alten Tage.“

Frau Feldwart sah hinaus; der Februarsturm peitschte den Regen gegen die Scheiben.

„Aber bei solchem Wetter gehst du auch? Wirst du da nicht krank?“

Die Alte lachte: „Ach, das wird man alles gewohnt. Sehen Sie, beim Schmied wird die Hand hart, daß er keine Hitze mehr fühlt, und beim Tischler wird die Hand hart, daß ihm der Hobel nicht mehr weh thut, und bei mir da ist nachgerade das ganze alte Fell hart geworden, daß mir Wind und Wetter nichts mehr anhaben kann; man glaubt nicht, was sich alles lernt im Leben.“

Sie ging; Martha begleitete sie, um ihr den Korb mit aufheben zu helfen; sie erzählte ihr das Unglück mit dem Mädchen, und die Alte versprach ebenfalls, ihre Augen und Ohren danach aufzuthun.

„Jetzt aber, Fräulein, jetzt müssen Sie mir noch die Liebe thun und die zwei Paar jungen Tauben annehmen; bei meiner Kathrine sitzen sie über dem Kuhstall, da brüten sie bald.“

Martha dankte herzlich, aber sie faßte die Thierchen mit einem ängstlichen Blick auf Trude.

Diese lachte: „Ach so! das Fräulein hat gewiß noch keine geschlachtet; da will ich die Köpfe nur gleich noch abreißen -- so! Nun behüte Sie der liebe Gott, und halten Sie Ihren jungen, hübschen Kopf oben, daß die Mutter keine betrübten Gesichter sieht, es geht alles in der Welt mit der Gotteshilfe.“