Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 2

Chapter 23,772 wordsPublic domain

Der Vater Feldwart war oft sehr versunken in seine Geschäfte, die Mutter eine stille, bequeme Dame; da war ihr der Wunsch nach jugendlicher Gesellschaft nicht zu verdenken und siehe, seit einigen Jahren war auch diese ins Haus gekommen und hatte ihr einen großen Zuwachs an Lebensfreude mitgebracht. Der Vater hatte einen einzigen Jugendfreund gehabt, einen Doktor Kraus; der war Arzt in einem Provinzialstädtchen und lebte dort, seit Gott ihm seine Frau genommen, ganz der Erziehung seines einzigen Sohnes Siegfried. So lange er rüstig war, hatte er sich jedes Jahr einige Wochen frei gemacht und sich an irgendeinem schönen Ort im Gebirge, bald im Harz, bald im Thüringer Wald, bald im Schwarzwald, mit der Feldwartschen Familie zur Sommerfrische vereinigt, und dies war für beide Freunde, sowie für ihre wilden fröhlichen Kinder stets eine ersehnte und genußreiche Zeit; der schlank aufgeschossene Siegfried war dann der Ritter der kleinen Martha, und da er um 6 Jahre älter war als sie, galt er als ihr Beschützer auf allen Wegen. Aber schon seit Jahren hatte Herr Kraus nicht mehr reisen können; ein schweres inneres Leiden fesselte ihn zuerst ans Haus, dann an sein Lager, und niemand wußte besser als er, daß es ihn seinem Ende entgegen führte. Sein Freund Feldwart hatte ihn auf seinem Schmerzenslager noch einmal besucht und ihm das Versprechen gegeben, sich nach seinem Tode des verwaisten Sohnes anzunehmen. Als nun das erwartete Ende eintrat, erhielt Herr Feldwart mit der Todesnachricht zugleich ein Schreiben des Entschlafenen, welches die Pläne und Wünsche desselben für die fernere Laufbahn seines Siegfried enthielt. Ein Bruder des Doktor war als junger Mann nach Amerika gegangen und hatte dort in Missouri verschiedene landwirtschaftliche Etablissements und Fabriken angelegt. Er war ein sehr begüterter Mann, und da er unverheiratet geblieben war, wünschte er dringend, daß Siegfried zu ihm kommen, ihm in seiner Thätigkeit beistehen und schließlich sein Erbe werden möge. Für den jugendlichen Siegfried, so ungern er sich von seinem Vater trennte, hatte die Aussicht auf dies fremde Land und die unbekannten Verhältnisse etwas Verlockendes; Herr Kraus fühlte, daß seine Lebenszeit bald verflossen sein würde, er konnte Siegfried nur ein kleines Erbe hinterlassen; so machte er nur die Bedingung, daß dieser erst seine Ausbildung in Deutschland vollenden, einen praktischen Kursus in der Landwirtschaft durchmachen, seiner Militärpflicht genügen und einige Jahre in der Hauptstadt Kollegien über Physik, Chemie und andere dahin einschlagende Wissenschaften hören sollte. Die praktische Landwirtschaft hatte er noch beim Leben seines Vaters erlernt; seit dem Tode desselben war er in B., und wenn er auch nicht bei Feldwarts wohnte, brachte er doch fast alle seine freie Zeit daselbst zu; und wie er sich mit Martha als Kind gejagt hatte und mit ihr über den Graben gesprungen war, so teilte er nun gern ihre ernsteren Beschäftigungen, las mit ihr gute englische und deutsche Bücher, begleitete ihre liebliche Singstimme auf dem Klavier, oder mit seinem kräftigen, gut geschulten Baß. Die Eltern wurden es kaum gewahr, daß aus den Kindern Leute geworden waren, und sie selbst hatten bis dahin einen so geschwisterlichen Ton, wenn sie zu einander sprachen, daß sowohl die Dienerschaft des Hauses, als auch die Freunde desselben den unbefangenen Verkehr durchaus natürlich fanden.

Seit dem Frühjahr hatte Siegfried seine Studien vollendet, machte sein Militärjahr durch und kam nach dem Manöver als braungebrannter, wohlbestallter Unteroffizier bei Feldwarts an. Martha empfing ihn höchst fröhlich. Wenn ihm auch das Dienstjahr weniger freie Zeit ließ, -- einige Mußestunden gab es immer, und sie hatte ihm soviel mitzuteilen -- soviel neue Bücher, soviel schöne Lieder, die sie nun mit ihm zusammen einstudieren wollte. Auch Frau Feldwart war ganz die Alte; aber nicht ohne Grund hingen ihre Augen zuweilen mit Besorgnis an den welken, eingefallenen Zügen und matten Augen ihres Mannes. Er klagte nicht viel; er mochte nicht einmal leiden, daß man über seinen Zustand sprach. Der Arzt sagte: „Er hat angegriffene Nerven, er muß ins Seebad!“

Der Kranke lächelte grämlich: „Ich werde alt, das ist alles!“

Martha hatte noch nichts Schweres erlebt; sie tröstete sich: Es wird schon wieder anders werden! Für jetzt kam die schöne Adventszeit, brachte Arbeit für ihre Hände und freundliche Beschäftigung für ihre Gedanken; wenn Siegfried Kraus kam, hatte sie ihm immer allerlei neue Pläne mitzuteilen oder kleine Aufträge zu geben.

„Sehen Sie nur, Siegfried!“ sagte sie eines Abends, „Mama hat mir nun wirklich die schöne Rokoko-Kommode von der Urgroßmutter geschenkt, die ich so lange schon gern haben wollte; ich habe all meine kleinen Überraschungen eingeräumt. Dabei habe ich noch eine Menge Briefe, Papiere und Stammbuchblätter gefunden; auch auf ganz gelbem Papier ein Weihnachtslied; das können wir gleich zusammen einüben!“

Wann hätte jemals Siegfried „Nein!“ gesagt, wenn sie um etwas bat? Das Lied wurde zweistimmig gesungen und klang gar rein, frisch und andächtig von den jungen Stimmen. Am heiligen Abend kam Siegfried zeitig; Frau Feldwart hatte noch in der Bescherstube zu thun, der Kommerzienrat im Geschäft.

„Wie werde ich übers Jahr Weihnachten feiern“, fragte Siegfried ernst.

Marthas Herz wurde ganz schwer, und in ihren Augen standen Thränen. Sie hatte die Trennung nur immer in weiter Ferne gesehn, hatte vielleicht auch heimlich gehofft, es sollte noch etwas dazwischen kommen; nun war sie so nah! Es kam ihr vor, als wären auf einmal alle Blumen in ihrem Garten verhagelt; sie konnte sich gar kein Leben mehr denken ohne Siegfried. Aber am heiligen Weihnachtsabend durfte man doch nicht weinen. „Kommen Sie, Siegfried!“ sagte sie, „ehe die Eltern fertig sind zur Christvesper, können wir noch einmal Urgroßmutterchens Lied singen!“

Sie sangen:

„Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht, Die uns das höchste Gut gebracht, Dich Gottessohn, dich Königskind, Das man im Stall und Kripplein find’t.

„Daß ich empfinge Kindesrecht, Wohnst du wie ein geringer Knecht, D’rum will ich gern gering und klein, Herr, dir zu Lieb’ und Ehren sein.

„Dein war des Himmels Herrlichkeit, Aller Welt Schätze weit und breit, Du wurdest arm, daß ich würd’ reich, Nun gilt mir arm und reich sein gleich!

„Du kamst aus lichtem Himmelssaal Und gingst für mich durchs dunkle Thal; Ich bin zum Leid nun auch bereit, Da du es durch dein Leid geweiht.

„Für mich, mein Lebensfürst und Gott, Gabst du dich hin in Todesnot, Daß ich dem Tod verfall’nes Kind, Durch dich das ew’ge Leben find’t.

„Ich kniee an dein Kripplein hin Und fasse nicht das Wunder d’rin, Und bitte dich, o Herr, verleih Daß dies mein Bitten ernstlich sei.

„Du giebst dich mir, Herr Christ! ich hab’ Nur mich als arme Gegengab’, So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held, Und mach aus mir, was dir gefällt.“

Die Eltern standen schon in der Thüre, als der letzte Ton verklang; die Mutter war zum Ausgehen angekleidet, Herr Feldwart hatte Thränen in den Augen: „Ich will lieber hier bleiben“, sagte er, „ich habe etwas Kopfweh!“

Martha war schnell in ihren hübschen Winteranzug gehüllt. Siegfried ging mit den Damen zur Kirche. Aus der nächsten Hausthüre trat Frau Geh.-Rat D., und schloß sich ihnen an. Man hatte erst eine Droschke nehmen wollen, aber die Sterne glänzten so freundlich, die Winterluft wehte frisch, und es war noch zeitig; da ließen sich die älteren Damen gern bereden, den Weg zu Fuße zurückzulegen. Sie gingen voraus, Siegfried und Martha hinter ihnen; der Weg führte eine ganze Strecke weit am Rande des Parkes hin; hier war es verhältnismäßig still und einsam.

„Martha“, sagte Siegfried, „wir haben’s nun so oft gesungen; ‚Nun will ich gern gering und klein, Herr, dir zu Lieb und Ehren sein‘, und: ‚Nun gilt mir arm und reich sein gleich‘; ich möchte wissen, ob das so ganz und gar Ihr Ernst ist!“

„Natürlich“, sagte sie, und schlug die Augen zuversichtlich zu ihm auf.

Das war ja gewiß; sie hatte in ehrlicher Begeisterung das Lied mit ihm gesungen, aber: was dachte sie sich wohl unter: arm sein? Was man gar nicht kennt, das fürchtet man nicht. Statt Sammet und Seide Wolle tragen, statt Kaviarsemmeln nur Butterbrot essen; in einer recht reizenden rosenumrankten Hütte wohnen -- warum denn nicht? Es fragte sich nur, mit wem?

„Sehen Sie, Martha“, fuhr er fort (sie begegneten jetzt einer Schar lärmender junger Leute, und er legte ihren Arm in den seinigen): „Sehen Sie, den ganzen Tag ist mir so weh gewesen bei dem Gedanken, daß ich so weit von Ihnen fort soll, als könnte ich das gar nicht ertragen. Wenn Sie wirklich möchten klein und arm sein, vielleicht brauchten wir uns nicht zu trennen; vielleicht könnte ich die liebe kleine Hand in meiner behalten ein ganzes Leben lang.“

Wie glückselig blitzten Marthas Augen auf; aber es war nur ein rascher Blitz, ein tiefer Schreck verscheuchte den leuchtenden Ausdruck: „Aber Siegfried! meine Eltern, und Amerika!“

„Darüber sein Sie ruhig, Martha, ich denke, es soll gehen ohne den Oheim in Missouri.“

Martha dachte nach: „Sie meinen, der Vater könnte uns hier ein Gut kaufen?“

„Nein, Martha, das nicht! Das wäre sehr unbescheiden gedacht und ganz gegen meine Ehre. Wissen Sie, ich denke es mir so: Ein kleines Vermögen besitze ich selbst; jetzt ist die Pacht vom Rosenhof frei; ich besah das Gut neulich, als unser Regiment in der Nähe rastete; die Verhältnisse sind sehr günstig; wenn mir Ihr Vater mit einem mäßigen Vorschuß und seinem Kredit helfen wollte, daß ich es übernehmen könnte, und wir fingen dann recht klein und fleißig an, und wenn wir leidlich gute Jahre hätten, zahlten wir es nach und nach ab; das sollte doch wohl gehen!“

„Rosenhof!“ herrlicher Name! „Gutsfrau sein, und +seine+ Gutsfrau!“ entzückender Gedanke! Sie sah sich schon im rosa Satinmorgenrock mit frisurenbesetzter Schleppe, feinem Morgenhäubchen, weißer gestickter Batistschürze, den blanken Fülllöffel in der Hand zwischen lauter weißen, rahmbedeckten Milchsatten stehen, und als er fragte: „Nun Marthchen, wie ist es, willst du es mit mir wagen?“ da sah sie ihn glückselig an und drückte leise seine Hand; sie konnte auch weiter nichts sagen, denn die Kirche war erreicht, und der volle Orgelton klang ihnen entgegen.

Ob die beiden heute Abend sehr, sehr andächtig waren? Glücklich und hoffnungsvoll waren sie und trugen auch dem lieben Gott immer wieder ihren Herzensdank und ihre stillen Wünsche vor; aber die echte rechte Weihnachtsfreude war heute nicht in ihren Herzen. Auf dem Heimwege gesellten sich Bekannte zu ihnen, da konnten sie wenig reden. Nur bat Martha: „Sage heute Abend dem Vater noch nichts; er kann niemals schlafen, wenn er sich abends aufregt; komme lieber morgen nach der Kirche“.

Sie kamen nachhause; der Weihnachtsbaum beleuchtete reiche, köstliche Gaben, vier strahlende Augen und zwei glückselige Herzen. Morgen, morgen sollte es offenbar werden, was heute geknüpft war! Kein Zweifel trübte ihre Freude; wußten sie sich doch beide gleich geliebt von dem Elternpaar. So schön, so schön war es bisher gewesen, nun sollte es noch viel, viel schöner sein. Kam denn in dieser Nacht kein dunkler Traum, um die beiden, die bisher im Maiensonnenschein gewandelt waren, vorzubereiten auf das erste schwere Gewitter?

3.

Sturm.

Der Kommerzienrat Feldwart saß in seinem Lehnstuhl, als Siegfried gegen Mittag bei ihm eintrat; zum erstenmal fiel diesem die bleiche, tonlose Farbe und die Schlaffheit der Züge seines väterlichen Freundes auf. Müde öffnete derselbe die halb geschlossenen Augen, aber als er Siegfried erkannte, flog ein freundliches Lächeln über das welke Gesicht: „Tritt näher, lieber Siegfried, du störst mich nicht!“

Siegfried trat näher, er nahm auch auf einen Augenblick den ihm gebotenen Stuhl; aber als er von seiner Liebe zu Martha anfing zu sprechen, da stand er vor dem Vater, eine schöne, kräftige jugendliche Gestalt, die wohl geeignet schien, ein zartes Mädchen zu stützen.

Herr Feldwart mochte Ähnliches denken; er sah ihn mit wehmütigem Wohlgefallen an, als sein warmes Herz die Worte rasch und fließend über die Lippen trieb, aber er unterbrach ihn bald mit demselben Schreckensruf, wie gestern die Tochter: „Aber Siegfried: Amerika!“

„Herr Feldwart“, sagte dieser, „ich denke, wenn Sie mir nur ein wenig mit Rat und That beistehen wollen, so wird es ohne den Oheim in Missouri gehen!“

„Kindskopf!“ rief der alte Herr ungeduldig, schob seinen Stuhl zurück, ging einigemal mit großen Schritten heftig durchs Zimmer und blieb dann vor Siegfried stehen, „Kindskopf! willst du deine ganze Zukunft einem Mädchen opfern, das noch ein Kind ist und noch gar nicht weiß, was es thun oder lassen soll? Da wird nichts daraus, mein Lieber!“

„Ich denke, Martha weiß, daß sie mich lieb hat, das ist mir genug. O bitte, hören Sie mich an, Herr Feldwart; der Oheim in Missouri schrieb seit meines Vaters Tode nicht wieder; er wollte mich damals bestimmen, sogleich zu ihm zu kommen; ich schlug ihm das ab, vielleicht mit etwas kurzen Worten. Er wird sich indessen andere Hilfe gesucht haben, und es widersteht mir, hinüber zu gehen und mich ihm anzubieten, gewissermaßen in der Absicht, ihn zu beerben; ich kann dies erwarten und möchte mir weit lieber hier durch meine eigene Thätigkeit eine Existenz gründen.“

„Sehr großartig“, sagte der Kommerzienrat ein wenig ironisch, „und wie, wenn ich fragen darf?“

Da kam denn wieder Rosenhof zutage.

„Verstehen Sie mich nicht falsch; ich möchte keinerlei Ansprüche an Ihre Hilfe machen; aber Martha und ich lieben uns sehr. Wenn Sie mir mit einem kleinen Vorschuß und Ihrem Kredit helfen wollten, könnte ich das Gut übernehmen. Martha und ich würden sehr fleißig und sparsam sein und es nach und nach abtragen; Sie wissen, ich bin kein schlechter, leichtsinniger Wirt, und ich habe das Meinige gelernt, und Martha will mir gerne dabei helfen.“

„Ist auch ganz dafür erzogen, versteht recht viel von der Wirtschaft“, fuhr der Vater auf.

Er hatte während Siegfrieds Worten das Zimmer ruhelos durchmessen; dennoch war dem Jüngling der Wechsel der Farbe auf seinem Gesichte, der Ausdruck von Kampf und Qual in seinen Zügen nicht entgangen. Jetzt standen sie sich gegenüber.

Herr Feldwart war totenbleich aber ernst und gefaßt: „Ich kann Ihnen nicht helfen, Siegfried! und ich werde es nicht thun, auch nicht mit einem einzigen Pfennig; das Beste ist, ihr seht euch gar nicht wieder!“

„Das ist nicht Ihr Ernst, das können Sie nicht wollen?“

„Siegfried, du weißt, was ich deinem Vater versprochen habe; du weißt, wie ich dich lieb gehabt habe diese ganze Zeit; Gott weiß, daß es mir schwer wird! ich kann es dir auch nicht erklären, später wirst du es einmal verstehen: Siegfried, dies ist mein letztes Wort! Ich werde niemals, niemals meine Erlaubnis zu deiner Verheiratung mit Martha geben; ich werde dir keinen Heller vorstrecken zur Übernahme von Rosenhof; wenn du mich nicht töten oder um meinen Verstand bringen willst (der Arme sah aus, als sei dies sehr leicht möglich), so verlasse jetzt das Haus, sieh Martha nicht wieder, lege das Weltmeer zwischen dich und sie, da wirst du ruhiger werden.“

„Und Martha?“ fragte Siegfried tonlos.

„Martha“, sprach der Kommerzienrat, und es klang wie Schluchzen in seiner Stimme, „Martha ist jung, es geht nicht anders, Siegfried!“

Siegfried liebte, aber Siegfried war auch stolz; er wandte sich und ging zur Thüre, und der Vater, hingesunken in den Lehnstuhl, bleich und zitternd, hörte ihn die Treppe hinunterstürmen und das Haus verlassen.

Martha saß indessen mit heißen Wangen neben der Mutter, der sie ihr süßes Geheimnis anvertraut hatte; sie lauschten beide auf des Vaters Ruf; auch die Mutter zweifelte nicht an der glücklichsten Lösung; jetzt kamen eilige Schritte über den Korridor; Martha flog auf, wie sie glaubte dem Geliebten entgegen. Er stürmte vorüber. Sie hörten die Hausthüre sich öffnen und schließen, sie sahen ihn fortstürmen, ohne sich umzusehn: „Ach Mutter, liebe Mutter, was ist das?“

Frau Feldwart war eben so bestürzt als Martha. Als eine halbe Stunde lang in des Vaters Zimmer kein Ton zu hören war, ging sie leise zu ihm hinein. Martha saß mit angehaltenem Atem; es schien ihr eine Ewigkeit vergangen zu sein, bevor die Mutter zurückkam. Sie sah blaß und verweint aus, setzte sich neben Martha, nahm ihre Hände und sagte: „Mein gutes, armes Kind, du mußt dich darein finden; dein Vater hat dem Siegfried nein gesagt. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es gar nicht; aber er muß sehr ernsthafte Gründe haben; er ist selbst so erschüttert, ich fürchte, es wird ihm schaden.“

Martha starrte die Mutter an und schüttelte ganz langsam den Kopf: „Es kann ja nicht sein, es kann ja gar nicht sein!“

Sie saßen eine Weile starr und stumm.

„Martha“, sagte die Mutter nach einiger Zeit, „versprich mir eins: sei jetzt ruhig und quäle den Vater nicht; ich fürchte, es steht nicht zum besten um seine Gesundheit; ihr seid beide noch jung, Siegfried hat dich sehr lieb. Wenn die Hindernisse, welche zwischen euch liegen, überwunden werden können, so überwindet er sie mit der Zeit; es ist irgendetwas dabei, was ich nicht begreife. -- Hörst du, Martha? füge dich und quäle den armen Vater in diesen Tagen nicht!“

Martha versprach es unter heißen Thränen. Der Gedanke, Siegfried werde alles versuchen, ihre Hand zu erlangen, war ihr tröstlich. Das Wiedersehn mit dem Vater erschütterte beide sehr; er drückte sie immer wieder ans Herz: „Mein armes Kind, es geht ja nicht anders! Martha, sei ruhig! mach mir das Herz nicht noch schwerer!“ Er sah so unsäglich elend aus, daß Martha wirklich den Versuch machte, sich äußerlich zu bezwingen. Langsam und trübe schlich die Festwoche dahin; die geplanten Vergnügungen wurden abgesagt mit dem Bemerken, daß Herr Feldwart unwohl sei. Die Freunde, welche ins Haus kamen, fanden Frau Feldwart nur etwas ernster als sonst, und Martha ließ sich nicht sehen.

Mit den Neujahrskarten kam ein Brief von Siegfried:

„Meine liebe Martha!

„Da mich Dein Vater abgewiesen hat, ohne mir auch nur die geringste Hoffnung zu lassen, so eile ich nun dahin, wo ich sicher glaube, mir so viel zu erwerben, daß ich, so Gott will, später mit größerem Rechte vor ihn hintreten und meinen Wünschen Geltung verschaffen kann. Bis dahin behüte Dich Gott: ich will kein Versprechen und gebe Dir keins, aber, daß ich Dich fort und fort lieben werde wie heute -- das weiß ich! Der Vater meines Freundes und Kameraden, General W., war mir behilflich, meine hiesigen Verpflichtungen schnell zu lösen, und wenn Du diese Zeilen liesest, bin ich bereits auf dem Wege nach Bremen, wo ich mich einschiffen will nach meiner neuen Heimat. Sei tapfer und hoffe, meine liebe Martha, wie Dein betrübter, treuer Siegfried Kraus.“

Einen Augenblick war sie glücklich; es war ja ein Lebenszeichen von ihm; im andern wurde es ihr klar: er war ja fort, weit fort! Wie lange würde sie ihn nun nicht sehen, vielleicht nicht einmal von ihm hören; es war ihr, als wäre ihr ganzes Jugendglück, aller Sonnenschein und jede Hoffnung ihres Lebens mit ihm eingeschifft und zöge von ihr fort in unabsehbare Ferne. Sie weinte -- weinte, als sollte ihr das Herz brechen. Dann bezwang sie sich, so lange sie bei den Eltern war; aber abends in ihrem sonst so trauten Stübchen, da brach der Schmerz aufs neue aus. Sie wollte sich Trost suchen, sie holte ihre Bibel, aber die Worte verschwammen vor ihren umflorten Augen; sie dachte des Weihnachtsliedes: „Ich bin zum Leid nun auch bereit, da du es durch dein Leid geweiht!“ Aber dies Leid war ja zu schwer, an solche Trübsal hatte sie dabei nicht gedacht. Sie suchte ihr Lager; vor acht Tagen war sie so glückselig eingeschlafen; konnte man denn in einer Woche so unglücklich werden? Das Kopfkissen war naß von ihren Thränen, und Mitternacht war lange, lange vorüber, da erst trat mit leichtem, leisen Schritte der Schlummerengel ins Zimmer und deckte sie und ihren heißen Schmerz mit seinem kühlen, weichen Flügel zu.

Als Martha am andern Morgen erwachte, drang schon das Morgenlicht durch die halbgeöffneten Jalousieen. Wie schwer ist das Erwachen, wenn über Nacht das ganze Leben eine andere Gestalt angenommen hat. Langsam und mechanisch kleidete sie sich an zu einem Leben ohne ihn und ohne Freude. Daß es unten im Hofe unruhiger war als sonst, hörte sie anfangs nicht, und als sie es wahrnahm, schob sie es auf die vorgerückte Tageszeit. Ihr Zimmerchen lag nach dem Hofe heraus; an der gegenüber liegenden Seite desselben zogen sich die Comptoirräume hin. Als sie die Fenster öffnete, fiel ihr eine hohe, kräftige Männergestalt in die Augen, welche mit eiligem Schritt ins Geschäftslokal trat: „Onkel Konsul, so früh am Morgen?“ Der erste Buchhalter lief mit Briefen hin und her; einige der jungen Kaufleute, die sonst um diese Zeit fest im Comptoir saßen, standen im eifrigsten Gespräche mitten im Hof; das Bild war ganz anders, als sie es sonst zu sehen gewohnt war, eine unbestimmte Sorge stieg in ihrem Herzen auf, und sie eilte ins Frühstückszimmer. Hier war keine Veränderung zu bemerken, als daß die Mutter sie mißmutiger als gewöhnlich begrüßte.

„Es ist heute ein ungemütliches Frühstücken“, sagte sie. „Der Vater ist schon seit einer Stunde fort; er hat nicht einmal seine Tasse Kaffee ausgetrunken, und nun kommst du so spät! Ich dachte schon, du kämest gar nicht mehr.“

„Ich schlief so spät ein“, sagte Martha betrübt, „und beim Papa ist schon Onkel Konsul zum Besuch.“

„Onkel Konsul? Was muß der wollen? Der kommt ja sonst doch nicht so früh!“

Konsul M. war ein Vetter der Frau Feldwart und der nächste Freund ihres Mannes. Sie sollten nicht lange auf die Erklärung warten, schon nach einer halben Stunde erschien der Erwähnte mit ganz ungewöhnlich ernstem, feierlichem Gesichte, schnitt die Begrüßung seiner Cousine kurz ab, setzte sich zu den Damen und sagte: „Ich habe euch leider eine sehr ernste Mitteilung zu machen, ihr Lieben.“

„Ist Papa krank?“ rief Martha und eilte zur Thür.

„Nein, Martha, bleib! Er ist sehr angegriffen, aber krank ist er bis jetzt nicht. Ihr versteht nichts von Geschäften, aber das wißt ihr, daß in London zwei große Handelshäuser gefallen sind. Es waren Häuser, mit denen Feldwart in fortwährender Verbindung stand, und es trafen ihn infolge davon Verluste auf Verluste. Doch hatte er bis gestern immer noch einige Hoffnung, daß er sie ausgleichen und seine Handlung retten könne. Ein Brief am heutigen Morgen zeigt ihm den Fall einer Firma in Hamburg an, mit welcher er noch viel enger verbunden war. Es ist nun keine Hoffnung mehr, daß er sich halten kann, und er schickte zu mir, daß ich ihm helfen soll, alle die schlimmen Schritte zu thun, welche nötig sind bei der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit.“

Frau Feldwart saß auf ihrem Stuhle und starrte den Sprecher an, als könnte sie nicht fassen, was er sagte.

Martha sprang auf: „Mein Vater! mein lieber Vater! ich muß zu ihm!“

In diesem Augenblick trat er herein, von seinem alten Kutscher geführt -- ein Bild des Jammers! Der alte Johann setzte ihn in seinen Lehnstuhl und einen Augenblick verließ ihn das Bewußtsein; eine tiefe Ohnmacht umschleierte seine Sinne; unter Marthas Bemühungen kam er wieder zu sich. Sie kniete neben ihm und stützte seinen Kopf, als er allmählich sich seiner Umgebung bewußt wurde. Er sah sie schmerzlich an: „Mein Kind, mein armes Kind! verstehst du es nun? ich durfte ihn ja nicht mit hineinziehen; ich versprach seinem Vater, für ihn zu sorgen.“