Das Totenschiff

Part 18

Chapter 183,767 wordsPublic domain

Die Fischersfrauen weinten alle herzzerbrechend über das traurige Schicksal des kleinen deutschen Jungen und nahmen ihn auf. Zeitungen lasen sie nicht, und in die dänischen Zeitungen kam es wohl auch nicht, daß ganz Deutschland nach dem Jungen abgesucht wurde und die gräßlichsten Geschichten in Umlauf waren, was wohl alles mit dem Jungen geschehen sein könne.

Bei den Fischersleuten auf Fünen mußte er schwer arbeiten, aber es gefiel ihm hundertmal besser als in den Straßen von Posen; und wenn er daran dachte, daß man ihn zu einem Schneider hatte in die Lehre geben wollen, so verging ihm alle Lust, seinen Eltern auch nur das kleinste Zeichen zu schicken, daß er am Leben sei. Die Furcht, Schneider werden zu müssen, war größer als die Liebe zu Vater und Mutter, die er ganz niedlich hassen konnte für ihre Absicht, ihn zu einem tüchtigen Schneider ausbilden zu lassen.

Mit siebzehn Jahren verließ er die Fischersleute mit deren Segenswünschen, um nach Hamburg zu gehen und für große Fahrt zu mustern. In Hamburg war kein Schiff zu haben, und er nahm für einige Monate Arbeit bei einem Segelmacher. Er meldete sich vorschriftsmäßig unter seinem richtigen Namen an, bekam seine Invalidenkarte und ließ sich endlich ein gutes deutsches Seemannsbuch ausstellen.

Dann fuhr er los auf große Fahrt auf ehrlichen deutschen Schiffen. Dann wechselte er und fuhr auf einem Holländer. Und dann kam der blutige Tanz ums goldene Kälbchen. Als das los ging, war er mit seinem Holländer im Schwarzen Meer. Auf der Heimfahrt passierte das Schiff den Bosporus, wurde von den Türken untersucht, und er mit noch einem Deutschen wurde herausgeholt und in die türkische Kriegsmarine gesteckt, unter anderm Namen, weil er seinen richtigen nicht angab.

Dann kamen zwei deutsche Kriegsschiffe nach Konstantinopel, die in einem italienischen Hafen gelegen hatten und dort den Engländern, die ihnen auflauerten, entwischt waren. Stanislaw kam nun auf eines dieser Schiffe und diente weiter unter türkischer Flagge, bis er eine passende Gelegenheit fand, den Türken den Abschied zu geben.

Er fand Heuer auf einem Dänen. Der Däne wurde von einem deutschen Unterseeboot durchsucht, und ein Schwede, der auf dem Schiff fuhr, und dem er erzählt hatte, daß er nicht Däne, sondern Deutscher sei, verriet ihn an die Offiziere des Unterseebootes. Stanislaw kam nach Kiel und wurde unter falschem Namen in die deutsche Kriegsmarine gesteckt. Artilleriedienst.

In Kiel traf ihn ein andrer Kuli, mit dem er früher auf einem deutschen Handelsschiff gefahren war. Durch den kam der richtige Name heraus, und Stanislaw wurde nun mit seinem richtigen Namen in der deutschen Kriegsmarine geführt.

Stanislaw war dabei, als in der Nähe von Skagen zwei sich bekämpfende Nationen, die Engländer und die Deutschen, zu gleicher Zeit Sieger wurden und die Engländer mehr Schiffe verloren als die Deutschen und die Deutschen mehr als die Engländer. Stanislaw wurde von dänischen Fischerbooten aufgepickt und ins Dorf gebracht. Da er mit dänischen Fischersleuten umzugehen verstand und hier ein Bruder jener Frau war, die ihn in Fünen aufgenommen hatte, so lieferten ihn die Fischer nicht ab an die dänische Regierung, sondern versteckten ihn und brachten ihn endlich als Dänen auf einem guten Schiff in Esbjerg unter, mit dem Stanislaw wieder auf große Fahrt kam. Diesmal hütete er sich, zu verraten, daß er Deutscher sei, und so konnte er allen Unterseebooten, englischen und deutschen, ins Gesicht lachen.

Die Regierungen vertrugen sich, die großen Räuber setzten sich alle zu einem fetten Versöhnungsbankett nieder, und die Arbeiter und kleinen Leute in allen Ländern hatten die Unfallkosten, die Hospitalrechnungen, die Beerdigungskosten und das Versöhnungsbankett zu bezahlen. Dafür durften sie den einziehenden Heeren, die „im Felde gesiegt“ hatten, mit kleinen Fähnchen und Taschentüchern zuwedeln und den übrigen Heeren, die „im Felde nicht besiegt“ waren, mit brausender Begeisterung zurufen: Macht nischt, das nächste Mal! Und als den Arbeitern und den Kleinen schwindlig wurde von der Höhe der Rechnungen, die sie bezahlen sollten, weil die großen Räuber nichts verdient und sogar das noch für die Wohltätigkeit geopfert hatten, da führte man die kleinen Leute an das Grab des „Unbekannten Kriegers“, wo sie so lange standen und man so lange auf sie einredete, bis sie dran glaubten, an die Pflicht des Bezahlens und an die Echtheit des Unbekannten Kriegers. Wo man sich keinen Unbekannten Krieger leisten konnte, weil man keinen hatte, da schläferte man das Denken der Arbeiter damit ein, daß man ihnen den Dolch im Rücken zeigte und sie raten und streiten ließ, wer ihn reingesteckt habe.

Dann kam die Zeit, wo in Deutschland ein Zündholz zweiundfünfzig Billionen Mark kostete, während die Herstellung jener zweiundfünfzig Billionen Mark in Nicht-Billionen-Scheinen mehr kostete als ein ganzer Eisenbahnwaggon voll Zündhölzer. Da fand es die dänische Kompanie an der Zeit, ihre Schiffe nach Hamburg ins Trockendock zu schicken zum Überholen. Die Mannschaften wurden entlassen und in ihre Heimat geschickt. Stanislaw war mit dem Schiff nach Hamburg gekommen und war nun gleich in seinem Heimatlande.

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Das dänische Heuerbuch war nicht viel wert. In Dänemark lagen so viele Schiffe auf, daß man kaum auf Musterung rechnen konnte. Und Stanislaw wollte endlich wieder einmal ein richtiges Seemannsbuch haben.

Er ging zum Seemannsamt, wo er dachte, das Buch zu bekommen.

„Müssen Sie erst eine Bescheinigung von der Polizei beibringen.“ – „Ich habe hier mein altes Seemannsbuch.“

„Das ist ein dänisches. Wir sind hier nicht in Dänemark.“

Das dänische Seemannsbuch trug einen andern Namen, nicht den richtigen Namen Stanislaws.

Er ging zur Polizei, sagte seinen richtigen Namen und wollte eine Bescheinigung haben, damit er ein Seemannsbuch bekommen könne.

„Hier gemeldet?“ wurde er gefragt.

„Nein. Bin gestern erst angekommen. Mit einem Dänen“, sagte Stanislaw.

„Dann lassen Sie sich erst Ihren Geburtsschein schicken, sonst können wir Ihnen keine Bescheinigung geben“, sagte die Polizei.

Stanislaw schrieb nach Posen, um seinen Geburtsschein zu bekommen. Er wartete eine Woche. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete zwei Wochen. Der Geburtsschein kam nicht.

Nun schrieb Stanislaw einen Einschreibebrief und packte fünfzig Billionen Mark bei für Unkosten.

Stanislaw wartete drei Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete vier Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Was kümmert man sich in Polen um den Geburtsschein eines Mannes, der in Deutschland wohnt. Man hat andre Sorgen. Da ist erst mal Oberschlesien. Und da ist erst mal Danzig. Und wer weiß, wo die Geburt registriert ist. In diesem Kram können wir uns nicht zurecht finden. Das ist alles nichts für uns. Das Geld, das Stanislaw mitgebracht hatte, ein hübsches Päckchen dänischer Kronen, war längst über alle Berge. Berge? Nein, war längst über ganz St. Pauli. In St. Pauli kennt man dänische Kronen und weiß sie zu schätzen, sind beinahe ebenso gut wie Dollar. „Was willst du machen, wenn da die Mädels sind? Kannst doch nicht gut abwinken. Sieht ja aus, als ob du nicht mehr –. Ja, da waren halt die Kronen im –.“

„Verhungern und Kohldampf schieben tun nur die Dussel und Idioten“, sagte Stanislaw. „Ein ehrliches Handwerk ernährt immer seinen Mann.“

Da fiel schon mal eine Kiste auf dem Güterbahnhof aus einem Güterwagen, wo die Tür zu leicht aufging. „Mußt bloß da sein, wenn sie fällt, und mußt sie nicht liegen lassen. Das ist der ganze Witz an der Geschichte“, sagte Stanislaw.

Dann gingen auch schon mal ein paar Zuckersäcke im Hafen auf. „Wenn du da mit einem leeren Rucksack gehst“, sagte Stanislaw, „und es geht ganz von allein so ein Zucker- oder Kaffeesack auf, und der ganze Brassel rutscht dir in den Rucksack, da machst du doch nicht den Rucksack los, schüttest den Kaffee wieder aus und gehst deiner Wege. Das wäre ja Gottversuchen. Wenn du den Kaffee wieder ausschüttest und es sieht einer, denkt er gar noch, du hättest ihn gestohlen, und er läßt dich hochgehen.“

Es gab auch Salvarsan und Koks. „Für die arme leidende Menschheit muß man ein Herz haben, da kannst du nicht drum rum. Weißt nicht, wie es dir tun kann, wenn du Salvarsan nötig hast und kannst es nicht kriegen. Mußt nicht nur immer an dich denken, mußt auch mal an andre denken, wenn es dir gut gehen soll.“

„Siehst du, Pippip,“ ergänzte Stanislaw seine Erzählung, „jedes Ding hat seine Zeit. Da kommt dann eine Zeit, wo du dir sagen mußt, nun trachte aber nach etwas anderm. Das ist der Fehler, daß die meisten nicht zur rechten Zeit sagen können: Nun aber runter von der Ella, sonst kommst du nicht mehr raus und die Olsche schnappt dich. Und da sagte ich mir, jetzt mußt du einen Kasten kriegen, und wenn du ihn stehlen sollst, sonst sitzt du fest.“

Als Stanislaw zu dieser Überzeugung gekommen war, ging er wieder zur Polizei und sagte, daß sein Geburtsschein nicht gekommen sei.

„Die verfluchten Pollacken,“ sagte der Inspektor, „das machen sie aus Niedertracht. Wir werden ihnen schon noch die Hölle heiß machen, lassen Sie nur erst mal die Franzosen in Afrika und die Engländer in Indien und China die Hände voll Dreck haben, dann werden wir schon was pfeifen.“

Stanislaw, den die politische Meinung des Inspektors nicht interessierte, der aber aus Höflichkeit zugehört, genickt und mit der Faust auf den Tisch geschlagen hatte, sagte nun: „Wo krieg ich denn nun mein Seemannsbuch her, Herr Inspektor?“

„Haben Sie denn nicht schon mal in Hamburg gewohnt?“

„Natürlich. Vor dem Kriege.“

„Lange?“

„Über ein halbes Jahr.“

„Gemeldet gewesen?“

„’türlich.“

„Welchen Bezirk?“

„Hier in diesem Bezirk. Auf diesem Revier.“

„Dann gehen Sie nur einmal rasch zur Hauptmeldestelle und lassen Sie sich einen Meldeauszug geben. Dann kommen Sie damit her und bringen Sie zwei oder drei Photographien mit, die ich Ihnen stempeln kann.“

Stanislaw bekam den Meldeauszug und eilte zurück zu dem Inspektor. Der Inspektor sagte: „Der Auszug ist richtig, wenn ich nur genau wüßte, daß Sie auch der sind, der hier im Auszug genannt ist?“

„Das kann ich beweisen. Ich kann ja den Segelmacher Andresen, bei dem ich gearbeitet habe, herbringen. Aber da steht ja ein Wachtmeister, der mich vielleicht noch kennt.“

„Ich? Sie kennen?“ fragte der Wachtmeister.

„Ja. Ihnen habe ich neun Mark Ordnungsstrafe zu verdanken, die Sie mir eingebracht haben, wegen einer Prügelei. Damals hatten Sie noch eine Fliege an der Unterlippe, die Sie jetzt abrasiert haben“, sagte Stanislaw.

„Ja–a–a–! Jetzt kann ich mich auf Sie besinnen. Richtig, Sie arbeiteten bei dem Andresen. Wir hatten ja noch die Geschichte mit Ihnen. Posen suchte Sie, weil Sie als Junge zu Hause durchgebrannt waren. Wir ließen Sie dann hier, weil Sie ja hier anständig in Arbeit waren.“

„Dann stimmt das alles“, sagte nun der Inspektor. „Jetzt kann ich Ihnen die Bescheinigung geben und die Photographien stempeln.“

Am nächsten Tage ging Stanislaw mit der Bescheinigung zum Amt.

„Die Bescheinigung stimmt. Der Inspektor bestätigt, daß er Sie persönlich kennt. Aber. Aber die Reichsangehörigkeit bezweifeln wir noch. Da steht Deutsche Reichsangehörigkeit. Das müssen Sie uns beweisen.“

Das sagte man ihm auf dem Amt.

„Ich habe doch in der K. M. gedient und bin am Skagerrak verwundet worden.“

Der Beamte zog die Augenbrauen hoch und machte eine Gebärde, als ob von dem, was er jetzt sagen wolle, der Weiterbestand der Erde abhängig sei. „Als Sie in der Kaiserlichen Marine dienten und am Skagerrak verwundet wurden, wo wir es den scheinheiligen Hunden aber gründlich gegeben haben, da waren Sie deutscher Reichsangehöriger. Das wird nicht in Zweifel gestellt. Aber ob Sie heute noch deutscher Staatsangehöriger sind, das ist von Ihnen zu beweisen. Solange Sie uns das nicht beweisen können, sind wir nicht in der Lage, Ihnen ein Seefahrtsbuch auszustellen.“

„Wo muß ich denn da hingehen?“

„Da müssen Sie zum Polizeipräsidium gehen. Abteilung Staatsangehörigkeit.“

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Stanislaw mußte doch wieder nach seinem ehrlichen Handwerk sehen, um nicht zu verhungern. Da half nichts. Seine Schuld war es nicht. Arbeit gab es nicht einen Brocken. Alles saugte an der Arbeitslosenunterstützung. Stanislaw machte keinen Versuch, sie mitzunehmen. Ehrliches Handwerk war ihm lieber.

„Es drückt einen so nieder, wenn man immer zwischen Arbeitslosen steht und dort der paar Pfennige wegen halbe Tage in Reih und Glied anstehen und jeden Tag hinlaufen muß. Dann schon lieber Schmalmachen nachts auf der Straße oder aufpassen, ob nicht jemandem die Brieftasche juckt“, sagte Stanislaw. „Meine Schuld ist es nicht. Hätten die mir ein Buch gegeben, als ich das erstemal da war, wäre ich längst fort. Ich kriege schon einen Kasten.“

Auf dem Polizeipräsidium fragte man ihn: „Sie sind in Posen geboren?“

„Ja.“

„Geburtsschein?“

„Hier ist die Quittung vom Einschreibebrief. Schicken keinen.“

„Die Bescheinigung von dem Inspektor in Ihrem Revier genügt mir. Es ist nur die Staatsangehörigkeit. Haben Sie für Deutschland optiert?“

„Ob ich was habe?“

„Ob Sie für Deutschland optiert haben? Ob Sie, als die polnischen Provinzen abgegeben werden mußten, vor einer deutschen zuständigen Behörde die Erklärung persönlich zu Protokoll gegeben haben, daß Sie deutscher Staatsangehöriger bleiben wollen?“

„Nein“, sagte Stanislaw. „Das habe ich nicht getan. Davon habe ich gar nichts gewußt, daß man das tun müsse. Ich habe geglaubt, wenn ich Deutscher einmal bin und nichts andres werde, daß ich dann auch Deutscher bleibe. Ich war doch in der K. M. und habe Skagerrak mitgekämpft.“

„Damals waren Sie Deutscher. Damals gehörte die Provinz Posen noch zu Deutschland. Wo waren Sie denn, als die Optionen gemacht werden mußten?“

„Auf großer Fahrt. Draußen.“

„Da hätten Sie zu einem deutschen Konsul gehen müssen und dort Ihre Option zu Protokoll geben müssen.“

„Aber ich habe doch gar nichts davon gewußt“, sagte Stanislaw. „Wenn man draußen fährt und hat seine verfluchte schwere Arbeit, dann hat man keine Zeit, an solche dummen Sachen zu denken.“

„Hat Ihnen denn Ihr Kapitän nichts gesagt?“

„Ich fuhr einen Dänen.“

Der Beamte dachte eine Weile nach und sagte dann: „Da ist nichts mehr zu wollen. Sind Sie vermögend? Haben Sie Landbesitz oder Hausbesitz?“

„Nein, ich bin Seemann.“

„Ja, wie gesagt, da ist nichts mehr zu wollen. Alle Fristen, sogar die Versäumungsfristen sind abgelaufen. Und Sie können sich nicht einmal berufen darauf, daß Sie irgendwo durch höhere Gewalt gehindert worden seien, zu optieren. Sie waren nicht schiffbrüchig in irgendeinem Lande, das außerhalb des üblichen Verkehrs liegt. Sie konnten zu jeder Zeit einen deutschen Konsul oder den Konsul einer andern Macht, der uns vertrat, aufsuchen. Die Aufforderung zur Option ist in der ganzen Welt bekanntgemacht worden, und das ist wiederholt geschehen.“

„Wir kommen nicht dazu, Zeitungen zu lesen. Deutsche sieht man nicht, und andre versteht man nicht. Und wenn man eine Zeitung wirklich mal kriegt, da steht es dann nicht drin, weil das nicht in jede Nummer eingesetzt wird.“

„Ich kann nichts machen, Koslowski. Es tut mir leid. Ich möchte Ihnen ja gerne helfen. Aber ich habe nicht die Vollmachten. Sie können sich noch an das Ministerium wenden. Aber das dauert lange, und ob Sie Erfolg haben, ist noch sehr fraglich. Die Polen kommen uns in keiner Weise entgegen. Warum sollen wir dann ihre Stuben rein fegen. Vielleicht kommt es noch so weit, daß sie in Polen alle, die für Deutschland optiert haben, ausweisen, und dann tun wir das natürlich auch.“

Überall erzählte man dem armen Stanislaw politische Ansichten, anstatt ihm ernsthaft zu helfen. Wenn ein Beamter jemand nicht helfen will, so sagt er, er möchte ja so gerne helfen, aber er habe keine Macht und keine Vollmachten. Wenn man aber laut mit einem Beamten spricht oder ihn nachdenklich ansieht, dann kommt man ins Gefängnis wegen Beleidigung eines Staatsbeamten und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dann ist er plötzlich der Staat selbst, ausgerüstet mit allen Vollmachten und allen Gewalten, sein Bruder spricht das Urteil, und sein andrer Bruder schließt einen in die Zelle oder schlägt einem den Knüppel über den Schädel. Was ist der Wert des Staates, wenn er dir nicht helfen kann in deinen Nöten?

„Ich kann Ihnen nur den einen Rat geben, Koslowski,“ sagte der Beamte, während er mit dem Stuhle rückte, „gehen Sie zum polnischen Konsul. Sie sind Pole. Der polnische Konsul muß ihnen einen polnischen Paß ausstellen. Dazu ist er verpflichtet. Sie sind in Posen geboren. Wenn Sie den polnischen Paß haben, dann können wir eine Ausnahme hier machen und Ihnen, weil Sie hier ortsansässig sind und auch schon früher hier gewohnt haben, ein deutsches Seemannsbuch ausstellen. Das ist alles, was ich Ihnen raten kann.“

Stanislaw ging am nächsten Tage zum polnischen Konsul.

„Sie sind in Posen geboren?“

„Ja. Meine Eltern wohnen noch da.“

„Haben Sie in Posen oder in einer der Provinzen, die von Deutschland, Rußland oder Österreich abgetreten werden mußten, zur Zeit der Abtretung gewohnt?“

„Nein.“

„Auch nicht zwischen neunzehnhundertzwölf und dem Tage der Abtretung?“

„Nein. Ich fuhr auf See.“

„Was Sie taten und wo Sie fuhren, will ich jetzt noch nicht wissen.“

„Stanislaw, da war der richtige Zeitpunkt, ihn über die Barriere zu ziehen.“

„Weiß ich, Pippip, aber ich wollte doch erst den Paß haben, dann hätte ich ihm eine auf die Nase gesetzt, eine Stunde ehe mein Schiff abging.“

„Haben Sie bei einer polnischen Behörde innerhalb Polens, die hierfür zuständig war, innerhalb der vorgeschriebenen Frist persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie Pole bleiben wollen?“

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich in den letzten Jahren nicht in Posen oder in Westpreußen war.“

„Das ist keine Antwort auf meine klare Frage. Ja oder nein?“

„Nein.“

„Haben Sie vor einem rechtmäßig bestallten polnischen Konsul im Auslande, der ausdrücklich bevollmächtigt war, Willenserklärungen solcherart anzunehmen, persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie polnischer Staatsangehöriger bleiben wollen?“

„Nein.“

„Was wollen Sie denn dann hier? Sie sind Deutscher. Scheren Sie sich zu den deutschen Behörden und belästigen Sie uns ja nicht mehr.“

Stanislaw erzählte das nicht kochend, sondern mehr traurig, weil er aus Gründen andrer Art dem Konsul nicht seine Meinung nach Seemannsart hatte sagen können.

„Sieh mal einer an,“ sagte ich, „was diese neuen Staaten sich leisten. Das ist schon allerhand. Die werden es noch weit bringen. Du solltest nur mal sehen, wie weit es Amerika auf diesem Gebiete schon gebracht hat, und wie es sich abrackert, es noch viel weiter zu bringen und das muffigste und verstaubteste preußisch-kaiserliche Beamtenhirnchen an Muffigkeit und Beschränktheit zu übertrumpfen. Gehe mal nach Deutschland oder nach Polen oder nach England oder nach Amerika und hilf mal deiner Ella mit Rotwein und Zimt und Nelken aus der Appelsoße, da hast du gleich ein Jahr weg, daß es nur so hagelt. Der Staat darf keinen Menschen verlieren. Wenn du aber ausgewachsen bist, dann will dich keiner haben. Du hast ja kein Vermögen, keinen Landbesitz, keinen Hausbesitz. Da geben die Staaten Millionen an Dollar aus, halten Tausende von Vorträgen, machen Filme und drucken Bücher, damit die Jungen nicht in die Fremdenlegion gehen sollen. Aber wenn ein Junge kommt und hat keinen Paß, geben sie ihm einen Tritt in den Hintern. Dann muß er in die Fremdenlegion oder, was viel schlimmer ist, aufs Totenschiff. Das Volk, das zuerst die Pässe aufheben und den Zustand wieder herbeiführen wird, der vor dem Freiheitskriege war, und der niemand schadete und allen das Leben erleichterte, das Volk, das zuerst diese Tat vollführt, wird den Toten der Totenschiffe das Leben zurückgeben und den Besitzern der Totenschiffe den Spaß verderben.“

„Möglich“, sagte Stanislaw. „Von der Yorikke kommt keiner mehr runter. Wie es heute ist, nicht. Er hat nur eine Aussicht, wenn sie abrutscht, und man rutscht nicht mit ab. Aber so sicher ist das auch nicht, man kann leicht auf einer andern Yorikke landen.“

Stanislaw ging nun wieder zum Polizeipräsidium, Abteilung Staatsangehörigkeit.

„Der polnische Konsul nimmt mich nicht auf.“

„Das war vorauszusehen. Was machen wir nun, Koslowski. Sie müssen doch Papiere haben, sonst kriegen Sie kein Schiff.“

„Sicher, Herr Kommissar.“

„Gut, ich gebe Ihnen eine Bescheinigung, und da gehen Sie morgen früh um zehn zum Paßamt. Ist hier gleich dabei, Zimmer dreihundertvierunddreißig. Da kriegen Sie dann einen Paß. Mit dem Paß holen Sie sich dann Ihr Seemannsbuch.“

Stanislaw war froh, und die Deutschen hatten bewiesen, daß sie Leute waren, die noch am wenigsten Bureaukraten genannt werden konnten. Er ging zum Paßamt, gab seine Bescheinigung ab und seine Photographien, unterschrieb seinen schönen Paß, bezahlte vierzig Trillionen Mark und bekam seinen Paß.

Alles stimmte in dem Paß. Es war ein gutes Papier. Stanislaw hatte nie in seinem ganzen Leben je ein so gutes Papier gehabt. Damit konnte er direkt nach New York fahren, so gut war das Papier. Er hätte nicht einmal nach Ellis Island gebraucht.

Alles stimmte, Name, Geburtsdatum, Beruf, Geburtsort. Was ist denn das? „Staatenlos.“ Macht nichts, brauche ich nicht. Kriege ein Seemannsbuch. Und das, was bedeutet das? „Nur für das Inland gültig.“ Wahrscheinlich denken die Beamten, daß man auch in der Lüneburger Heide mit Dampfern fahre, oder daß man auf Elbkähnen rudern wolle.

Wieder ein Tag mehr, und Stanislaw ist auf dem Seemannsamt.

„Seefahrtsbuch? Können wir nicht ausstellen. Sie haben ja keine Staatsangehörigkeit. Und die Staatsangehörigkeit, die Heimatsberechtigung ist für das Seefahrtsbuch die Hauptsache, der übrigen Sachen wegen kann man auch mit der Invalidenkarte auskommen.“

„Wie soll ich denn da ein Schiff kriegen? Sagen Sie mir das bloß.“ Stanislaw war zu Ende mit seiner Weisheit.

„Sie haben ja einen Paß, da kriegen Sie jedes Schiff. Es geht ja aus dem Paß hervor, wer Sie sind, was Sie sind, und daß Sie hier in Hamburg wohnen. Sie sind doch ein alter befahrener Mann, Sie kriegen spielend ein Schiff. Kriegen jeden Ausländer, verdienen Sie mehr als auf deutschen Schiffen bei diesem Tiefstand der Mark.“

Stanislaw bekam ein Schiff. Einen schönen Holländer. Gute Heuer. Als der Heuerbas den Paß sah, sagte er: „Feine Sache“, und als der Skipper den Paß sah, sagte er: „Gute Papiere, das habe ich gern; wir wollen jetzt zum Konsul gehen, anmustern und registrieren, Akten verlesen.“

Der Konsul registrierte und trug den Namen Stanislaw Koslowski ein. Dann sagte er: „Seemannsbuch?“

Und Stanislaw antwortete: „Paß.“

„Ebensogut“, erwiderte der Konsul.

„Paß ist ganz neu, hier vom Präsidium, zwei Tage alt. Alles in Ordnung. Der Mann ist gut.“ Das sagte der Skipper und zündete sich eine Zigarre an.

Der Konsul nahm den Paß, blätterte darin herum, nickte wohlgefällig, weil es ein Meisterwerk gutgeölter Bureaukratie war. Solche Dinge behagten dem Konsul.

Plötzlich hielt er inne und erstarrte zu einer Eiskruste.

„Können nicht mustern“, sagte er.

„Was?“ rief Stanislaw.

Und „Was?“ rief der Skipper und ließ vor Erstaunen die Zündholzschachtel auf den Boden fallen.

„Mustere ich nicht an“, sagte der Konsul.

„Warum denn nicht? Ich kenne ja den Beamten vom Präsidium, der die Unterschrift gegeben hat, persönlich.“ Der Kapitän wurde ungeduldig. „Der Paß ist durchaus einwandfrei. Aber ich kann nicht mustern. Er hat ja keine Staatsangehörigkeit“, ereiferte sich der Konsul.

„Das ist mir ganz Wurscht“, sagte darauf der Skipper. „Ich will den Mann haben, mein Erster kennt ihn, und die Schiffe, auf denen der Mann gefahren hat, sind Topp. Solche Leute, wie den hier, will ich um mich haben.“

Der Konsul hatte das Paßbüchlein zugeklappt und patschte sich damit auf die offne linke Hand.

Er sagte nun: „Sie wollen den Mann gern haben, Herr Kapitän? Wollen Sie ihn adoptieren?“

„Unsinn!“ bellte der Skipper.

„Übernehmen Sie persönlich die Verantwortung dafür, daß Sie den Mann wieder loswerden können?“