Das Schweigen im Walde: Roman

Part 28

Chapter 282,658 wordsPublic domain

Da draußen beim Waldbrand standen schon am Nachmittag über zweihundert Leute bei der Arbeit. Nicht nur von Leutasch waren sie gekommen, auch von Ehrwald herauf, von Biberwier und Lermoos von allen Almen her. Die Sennleute und Holzknechte, die den Weg über den Paß genommen, waren zurückgekehrt: der dichte Rauch, der die hohen Felsen umwogte, hatte ihnen den Zutritt in das brennende Sebenkar verwehrt. Da war auch nichts mehr zu helfen, dort oben -- alles Jungvieh mußte schon längst erstickt sein.

Auch im Tal war andere Hilfe nicht möglich, als nur der Versuch, das rückwärtsfressende Feuer einzudämmen. Graf Sternfeldt, der Förster und Praxmaler hatten die Führung der Arbeit übernommen. Man schlug eine breite Gasse durch den Wald, um die Flammen zu hindern, gegen die tieferen Wälder hinunterzugreifen. Was schon brannte, mußte seinem Schicksal überlassen bleiben.

Bevor es noch dämmerte, begannen schwere Tropfen zu fallen, und dann rauschte es aus den Wolken nieder mit grauen Strömen.

Die Leute suchten Schutz unter den Bäumen. Jetzt wußten sie, daß sie die Arbeit sparen konnten, die der Himmel übernommen hatte.

Weiße Dampfwolken fluteten über den brennenden Wald. Es währte keine Stunde, und die Bäche des Regens hatten den Brand gelöscht. Während bei sinkender Nacht der weiße Dunst noch die weite Brandstatt überwirbelte, wagte sich schon ein Erster hinein in diesen Wald von schwarzen Kohlensäulen, unter deren nasser Kruste der Kern der halb verbrannten Stämme noch glühte. Es war der alte Hüter von der Sebenalm. Als ihn die anderen hindern wollten, die Brandstatt zu betreten, sagte er mit seinem hohen Kichern: »So was is gut, so gleich nach'm Fuierl!« Er watete durch die Asche. »So schön warm hab ich schon lang net ghabt in die Füß! Hihihihi!«

Als jede weitere Arbeit nutzlos war und die Dunkelheit anbrach, trat Graf Sternfeldt mit Praxmaler den Heimweg an.

Es war gegen Mitternacht, und sie hatten das Jagdhaus noch nicht erreicht, als der Förster sie einholte und die Nachricht brachte: »Mazegger ist gefunden.«

»Lebend?«

Der Förster schüttelte den Kopf.

»Herr, gib ihm die ewig Ruh!« Praxmaler bekreuzte das Gesicht.

Eine Weile standen sie schweigend im Regen, und dann erzählte der Förster: es wäre der alte Hüter von der Sebenalm gewesen, der den Erstickten fand, im Seebach, bis an den Hals im Wasser sitzend und umringt von den Leichen halbverkohlter Rinder.

Sie durchschritten in der Finsternis den letzten Waldstreif und erreichten das Almfeld.

»Hören Sie, Herr Förster, und Sie, Praxmaler!« sagte Sternfeldt. »Der Fürst und Fräulein Petri sollen das nicht erfahren. Wir wollen die erste Freude ihres Glückes nicht stören durch die Nachricht, daß Mazegger die Warnung, die das Fräulein rettete, mit dem Leben bezahlen mußte. Der arme Bursch!«

Der Förster nickte. »So? Gwarnt hat er dös Fräuln? No ja, was man glaubt, is wahr!«

Sie stiegen zum Jagdhaus hinauf, an dem alle Fenster mit hellem Schein hinausleuchteten in die Nacht und in den strömenden Regen.

Die Tropfen, die durch die Helle fielen, blitzten mit farbigem Licht.

Die ganze Nacht und zwei Tage noch währte das Rauschen und Gießen, als hätte der Himmel seine Berge reinspülen wollen vom Ruß und von der Asche des Brandes. Dann fegte ein Sturmtag alles Gewölk von den Höhen und schüttelte die in der Sonne glitzernden Wasserperlen von allem Gezweig. Wie mit neuer Keimkraft erwachte es bei dieser linden Wärme im getränkten Erdreich. Das Heidekraut hatte eine üppige Herbstblüte; alle Waldlichtungen und Gehänge waren von rotem Schimmer überhaucht.

Ein stiller Sonnenmonat. Und ein Glück, das lächelnd im Schweigen des Waldes blühte, menschenfern und weltvergessen.

* * * * *

Ende September fiel der erste Schnee, und es wurde einsam auf der Tillfußer Alm. Am Jagdhaus waren schon seit drei Wochen die Läden geschlossen. Nun stand auch die Sennhütte verödet.

Nur das Försterhäuschen war bewohnt. Hier braute Pepperl täglich seinen Sehnsuchtsschmarren, und wenn die Pfanne leer war, ging er in die Sennhütte hinunter, zündete auf dem Herd ein Feuer an, ließ sich das Herz und den Buckel wärmen und schmauchte sein Pfeiflein dazu. Am Morgen und Abend der Pirschgang über die verschneiten Almen. Er hatte den Schutzdienst im Geißtal ganz allein zu versehen, denn der neue Jäger sollte erst mit dem 15. Oktober in Dienst treten. Aber dann -- ja, dann bekam der Praxmaler-Pepperl acht Tage »Hochzeits-Urlab«. Und wenn er beim Feuer in der Sennhütte an diese kommende Zeit dachte, blies er in langem Faden den Rauch vor sich hin und schmunzelte: »Teufi, Teufi, Teufi! Die acht Täg will ich mir aber schmecken lassen!«

Trotz seiner sehnsüchtigen Ungeduld verging ihm die Zeit sehr flink. Im Bergwald und auf den Almen röhrten an jedem Morgen und Abend die Hirsche, daß der Orgelton ihrer Stimmen von den Wänden widerhallte. Wenn Pepperl am Waldsaum einer Alpe saß und einen Kronenhirsch auf hundert Schritte vorüberziehen sah, machte er seiner Aufregung mit einem heißen Seufzer Luft: »Teufi, Teufi, Teufi! Wann nur der Herr Fürst jetzt da wär! Söllene Prügelhirschen haben! Und net jagen! Da hört sich doch alles auf!« Nach solchem Ärger kam ihm aber gleich die Einsicht wieder: »Freilich, der weiß sich was Bessers jetzt!« Und schmunzelnd dachte er an seinen fernen Herrn und an das »Maler-Fräuln«, das jetzt Frau Fürstin wurde. ----

Schon in den ersten Septembertagen war Ettingen mit Frau Petri und ihren Kindern nach dem Allgäu abgereist. Über München, wo sie eine Woche blieben, ging die Reise an die Donau und dann zu Schiff stromabwärts nach Bernegg, wo Graf Sternfeldt den Freund und seine Gäste erwartete.

Das waren wundersame Tage für Lo, dieses erste Einleben in die neue Heimat, das Wandern durch alle Räume des Schlosses, der Besuch der Felder und Arbeiterhäuser, die Begegnung mit den hundert neuen Menschen, deren Herrin sie wurde, die Fahrten durch die stundenweiten Buchenwälder, und die Plauderstunden im Park, dessen welkendes Laub in der Herbstsonne leuchtete wie Gold. Jede schöne Stunde empfing sie dankbar als köstliches Geschenk aus der Hand des geliebten Mannes -- und er bot ihr, glücklich und stolz, jede neue Freude wie eine Ehre, die ihr gebührte.

Zu Anfang Oktober mußte Gustl mit seinen Büchern nach Innsbruck einrücken. Schon einen Monat später bekam er wieder eine Woche »Extraferien«, um der Hochzeit seiner Schwester beizuwohnen.

In der Schloßkirche zu Bernegg wurde das Paar getraut. Außer Frau Petri und Gustl waren nur Graf Sternfeldt und die Beamten des Fürsten bei der stillen Feier zugegen.

Als die Nachricht von dieser Vermählung in alle Winde hinausflatterte und die Gesellschaft in Verblüffung und Aufruhr versetzte, waren die beiden Glücklichen schon auf dem Weg nach dem Süden.

Bis Gustls Ferienwoche vorüber war, blieb Frau Petri auf Bernegg. Dann brachte sie den Buben nach Innsbruck und kehrte zurück in ihr stillgewordenes Haus. Sie hatte es nicht anders gewollt.

»Lo, ach ja, die lebt sich ein in das Neue und wird getragen von ihrem Glück. Aber ich alte Frau? Nein! Ich will bleiben, wo ich mich festgewachsen habe durch soviel Jahre, und wo noch alles mit mir lebt, was mein Glück gewesen ist! Und wenn ich einmal die Augen schließe, soll es dort sein, wo ich das letzte Lächeln meines Mannes sah.«

Allen Bitten ihrer Kinder gegenüber blieb sie fest in diesem Entschluß. Und sie wäre doch nur im Winter allein! Die paar Monate!

»Im Mai, da kommt ihr! Und dann sind wir beisammen, bis der Schnee fällt.«

Trotz allem Troste, den sie mit heimbrachte, war ihr während der ersten Tage in dem leeren Haus das Herz zum Springen weh. Sie weinte so viel, daß ihr die Magd einmal sagte: »Frauerl, Frauerl, a bißl was sollten S' noch übriglassen von Ihrene Äugerln!« Diese Mahnung fruchtete nicht. Etwas anderes half. Eines Mittags wurde die Tür aufgerissen, Gustl flog herein und der Mutter jubelnd an den Hals. Ihm folgte ein junger Mann, der eine goldene Brille trug, aber sonst ein ganz vergnügtes Gesicht machte. Er stellte sich vor als Kandidat der Philologie und »Hofmeister des fidelen Jungen da«. Zu seiner Beglaubigung überreichte er einen Brief:

»Capri, Hotel Quisisana, den 15. November.

Liebes Muttl! Damit Dir der erste Winter so allein nicht gar zu hart wird, haben wir beschlossen, daß Gustl ein Jahr lang zu Hause lernen soll. Haben wir's recht gemacht? Ja?

Deine glücklichen Kinder Heinz und Lo.«

Jetzt war geholfen gegen Tränen und Schwermut. Denn Frau Petri hatte wieder eine Sorge, jeden Tag eine neue. »Ach Gott, der Bub im Schnee! -- Ach Gott, der Bub auf dem Baum! -- Gustl! Dein Halstuch!«

Aber dieses Sorgenkind war ihr zugleich auch ein Tröster für die Sorge, die in die Ferne wanderte.

Wenn der Wintersturm die Mauern umbrauste und alle Fensterläden rasseln machte, dann hieß es: »Ach Gott! Bubi? Glaubst du, daß es in Capri auch so stürmt?«

»Gott bewahre, Muttl! In Capri ist doch ewige Sonne und immerblaues Meer. Und weißt du, wenn das Meer auch ein bißchen aufgeregt wird, dann liegt doch Capri so hoch, daß die Wellen gar nicht hinauf können. Weißt du, Capri, das ist eine riesig hohe Felseninsel! Ja, du, das war die Lieblingsinsel des römischen Kaisers Tiberius. Du, denk nur, den hat man bisher für den grausamsten unter den römischen Cäsaren gehalten. Aber nach den neuesten Forschungen ist das gar nicht wahr. Er soll sogar ein sehr guter Fürst gewesen sein. Aber weißt du, so gut wie Heinz war er doch nicht! Davon bin ich überzeugt.«

»Ja! Gut ist er! Von Herzen gut! Lo hat ein rechtes Glück gemacht!«

Und die Sorge war still -- für einen Tag.

Als es März wurde, gab's eine Aufregung, die durch Wochen dauerte. Die Bilder mußten verpackt werden, um nach München zu wandern. Ehe sie mit Beginn des Mai zur Ausstellung kamen, sollten sie reproduziert werden für die »Kollektion Emmerich Petri«, deren Verlag eine Münchener Kunsthandlung erworben hatte.

Pepperl zimmerte die Kisten, der Förster half beim Packen, aber an jedem Bild, das in die Bretter gelegt wurde, mußte Frau Petri ihre beiden Hände haben. Und war das Tuch darüber gebreitet und der Kistendeckel zugenagelt, dann fielen zwei schwere Tränen dazu. Mit jedem dieser Bilder schickte sie ein Stück Leben, unruhvolle Tage und schlummerlose Nächte ihres Mannes in die Welt hinaus.

»Ach ja! -- Und die Menschen! -- Die Menschen! -- Sehen Sie, lieber Herr Förster, ich ^muß^ es ja tun, dem Namen meines Mannes zulieb. Aber mir wär's lieber, die Bilder blieben hier! Gefallen sie nicht, dann kränk ich mich wieder und weiß, daß ihm unrecht geschieht. Und haben sie Erfolg, dann tut's mir weh, weil die Ehre zu spät kommt. Nein, nein, ich geh gar nicht hin zur Ausstellung! Nein, ich kann's nicht! -- Ruhm? -- Könnt er noch eine Stunde leben und sich an seinen Kindern freuen, das wär ihm lieber als aller Ruhm! Nein! Ich müßte nur weinen. Ich geh nicht hin.« ----

Sie hielt dieses Wort, ließ den Knaben mit seinem Hofmeister nach München reisen und blieb zu Hause, obwohl ihr Lo am ersten Tage der Ausstellung depeschierte: »Komm, Mutter, wir bitten Dich, komm, und freue Dich an Papas Erfolg. Das ist wie ein seliger Rausch für mich, vor seinen Bildern diese Menschen zu sehen, in ihrem Staunen und ihrer Andacht. Den stärksten Eindruck unter allen Bildern macht die >Versuchung<. Wie sich die Menschen vor diesem Bilde drängen, das mußt Du sehen. Komm doch, Mutter, komm! Wir alle bitten Dich, Heinz und Gustl und Deine Lo.«

Als sie gelesen hatte, saß sie lange, lange, immer die Depesche vor sich, und ihre Zähren tropften nieder auf das Blatt.

»Nein, Kinder, nein! Ich kann nicht. Freut euch nur, ach ja, und laßt mich daheim! Ich ^kann^ jetzt diese Menschen nicht jubeln sehen. Ich hab's doch mit erlebt, wie sie gelacht haben über ihn. Und wie er die Nächte lang in meinen Armen lag und weinte, als ob es ihm das Herz zerreißen möchte! Ach, ihr Menschen! Ihr Menschen! Euer Jubel macht ihn mir nicht mehr lebendig! ... Nein! Ich geh nicht hin.«

Die Depesche in der zitternden Hand, stieg sie ins Dachgeschoß hinauf, setzte sich im öden Atelier in einen Winkel und schluchzte.

»Emmi, Emmi! Mein guter, guter Mann!«

Ganz erschöpft vom Weinen lehnte sie den müden Kopf an die Mauer und blickte auf eine leere Wand, die ein großes Bild getragen hatte -- das Viereck, über dem die Leinwand gehangen, war weiß, wie frisch getüncht, während ringsumher der Kalk vom Lichte schon vergilbt war. Ein großer Haken ragte aus der Mauer.

Zu soviel hundertmalen hatte sie dieses Bild betrachtet, daß sie es auch jetzt noch sah, mit jeder Linie und jeder Farbe, als ob es wirklich vor ihren Augen hinge:

Nicht die biblische Wüste. Sondern ein ödes, unwirtbares Seetal zwischen hohen Bergen. Dunkle, starrende Felswände mit kärglichem Wuchs in ihren Schrunden. Das Steinland um den See her wirr mit krüppelhaften Föhren überwuchert, aus deren kriechendem Gezweig verdorrte Stämme sich erheben. Ein einziger Baum nur grünt. Der ist seltsam gewachsen, wie in Form einer Harfe. Über allem ein grauer Abendhimmel, doch die Luft durchsichtig rein, wie nach einem Gewitterregen. Und da scheint alles Ferne nah, jede Farbe leuchtet, auch noch der Schatten und das Grau.

Inmitten der Wildnis eine blühende Insel, wilde Blumen in Beete gesammelt. Hier hat die Hand eines Gärtners gerodet, gepflanzt und gepflegt: der Heiland, der begonnen, die Wüste urbar zu machen. Von der Arbeit des Tages müd geworden, ruht er auf einem Stein. Das blaue Zwilchgewand umhüllt mit harten Falten einen von Entbehrung hager gewordenen Körper. Alles ist menschlich an diesem Leib, menschlich jeder Zug an diesem schmalen Gramgesicht, dessen bleiche Wangen vom vorfallenden Braunhaar halb bedeckt sind. Göttlich sind nur die stillen Augen mit ihrem reinen Licht und das milde Lächeln der Liebe.

Ein Knabe, gekleidet wie ein armer Hirtenbub der Berge, mit kurzem Lederhöschen und nackten Füßen, mit grauzertragenem Hemd, durch dessen Risse die Brust und die mageren Ärmchen lugen, hat dem milden Gärtner eine ausgerissene Pflanze gebracht, das Stämmlein einer Bergrose, die Blätter schon halb verwelkt, die schwachen Wurzeln schon fast verdorrt.

Der Heiland schlingt seinen Arm um den Knaben und nimmt aus seiner Hand die dürstende Pflanze. Da tritt der Versucher zu ihm -- eine herrliche, kraftvolle Mannsgestalt, die nackten Glieder gebräunt, schwarzes Lockengewirr um den stolzen Kopf, die Stirn umschlungen von einer Krone, deren Zacken goldene Fäuste sind.

»Du stiller Gärtner! Wirf die Liebe von dir! Sei stark wie ich, und alle Herrlichkeit der Welt ist dein!«

Die Augen des Versuchers brennen in düsterem Feuer, und ein mitleidig spottendes Lächeln irrt um den üppigen Mund, während sein Arm hinunterdeutet zum See. Dort steigen leuchtende Nebel aus der grünen Flut, sie verwandeln sich in weiße Glieder, in den Leib eines zauberschönen Weibes, das lachend die Arme öffnet und das Goldhaar löst zu flatternden Strähnen. Wie die Wünsche der Sünde, wie die bildgewordenen Gedanken dieses begehrenden Weibes, so quillt es hervor aus dem fliegenden Gold dieser Haare: die taumelnde Lust mit gefülltem Becher, das Gewimmel eines Mänadenzuges, der lorbeergeschmückte Held im Blut des erschlagenen Feindes, der Reiche in gleißendem Prunk, der Mächtige, dem sich die Sklaven beugen, der Starke, der Felsen schleppt zum Bau einer Pyramide, ein stürmender Reitertrupp in blitzenden Panzern, ein Adler, der sich mit breiten Schwingen von einem zerrissenen Lamm erhebt, ein jagendes Gewimmel von Gestalten bis in weite Ferne, in der man Paläste und Türme sieht, eherne Tore und steinerne Mauern.

Mit stillen Augen blickt der milde Gärtner in das Glanzgewirr dieser Bilder. Sie locken ihn nicht. Schützend umschlingt sein Arm den erschrockenen Knaben, und man sieht: er will sich bücken, um den schmachtenden Zweig in nährende Erde zu legen, wie er das dürstende Herz des Kindes erquickt aus dem Born seiner Güte. Dieses Werk der Liebe gilt ihm höher als alle Herrlichkeit der Welt. ----

Das war die »Versuchung«, vor der sich in der Stadt die Menschen drängten, während im öden Atelier die einsame Frau vor der kahlen Mauer saß.

Ihre Tränen waren versiegt, ein glückliches Lächeln verschönte ihre welken Züge, und wie in Andacht betend hielt sie die Hände im Schoß, während ihre Augen mit bewunderndem Schauen an der leeren Mauer hingen.

Breit fiel die Maisonne durch das schräge Mansardenfenster, und manchmal huschte etwas wie ein dunkler Falter durch die Helle -- der Schatten einer heimgekehrten Schwalbe, die draußen in der Sonne das stille Dach umflog.

* * * * * *

Notizen des Bearbeiters:

Inhaltsverzeichnis eingefügt.

Druckfehler wurden stillschweigend geändert.