Das Schweigen im Walde: Roman

Part 27

Chapter 274,015 wordsPublic domain

»Lo!« glitt es mit ersticktem Klang über Ettingens Lippen. Sein erstes Gefühl war ein Sturm von Freude. Sie nur wiederzusehen! Lebend! Doch dieser Rausch der Freude ging ihm unter in einem Grauen, das ihn fast um die Sinne brachte. Jeder Schritt an dieser Wand war ein Schritt in den Tod. Ettingen streckte die Arme. Nur helfen, helfen, dieses stürzende Leben schützen! Kein anderer Gedanke war in ihm. Er wollte schreien: Ich komme, Lo! -- doch seine Stimme war nur ein Lallen. Und da preßte ihm der Jäger die Hand auf den Mund und riß ihn zurück und flüsterte: »A Laut, Herr Fürst, und Sie bringen dös Fräuln um! Da gibt's kein Helfen, wir stehen da mit leere Händ, ohne Seil und Eisen, ohne alles! Sie muß allein da runter. Da hilft ihr keiner, bloß die eigne Kraft. Und schauen S' auffi, wie's jeden Schritt probiert in aller Ruh! Sie derzwingt's! Passen S' auf, sie derzwingt's! Aber a Laut von Ihnen -- a Merk von ihr, daß wer da herunten steht, und Sie grad, Sie, Herr Fürst -- und sie hat ihr Ruh verloren und --« Der Jäger sprach das Wort nicht aus, das ihm schon auf der Zunge lag. »In Rauch und Nebel hat s' den Steig verfehlt und hat sich in der Wand verstiegen. Jesus, Jesus, was muß dös Fräuln für an Weg gmacht haben in der Nacht!«

Nun standen sie regungslos hinter dem Felsblock und spähten durch den ziehenden Rauch in die Wand hinauf. Sie sprachen kein Wort mehr, aber es hämmerte unter ihren Rippen, daß einer den Herzschlag des anderen hören konnte. Mit beiden Händen klammerte Ettingen sich an den Fels und biß die Zähne übereinander, um auch den Ton seines Atems noch zu ersticken. Immer wieder schloß er die Augen, als ginge die Marter dieses Anblicks über seine Kräfte, und immer wieder spähte er hinauf mit einem Blick, in dem seine Seele war, seine Angst und sein Hoffen. Fielen Steine aus der Wand, dann zuckte er zusammen, als träfe ihn jeder Steinschlag ins Leben. Sie schwirrten und sausten, diese stürzenden Steine, und wenn sie das Griesfeld erreichten, machten sie weite Sprünge. Der Staub, den sie aufwirbelten, dampfte an der Felswand empor und mischte sich mit den Schleiern des braunen Qualmes. Der umhüllte bald die Verirrte in der Wand, bald gab er sie wieder frei. Mit ausgebreiteten Armen, die Brust an die Felsen schmiegend, suchte sie Tritt um Tritt. Manchmal blickte sie über die Schulter in den Abgrund, wie um den Weg zu messen, den sie noch finden mußte. Tiefer und tiefer kam sie, und eine glattgeschwemmte Wasserfurche überspringend -- Ettingen zitterte, als sie sprang -- erreichte sie ein Steinband, das ihr sicheren Grund für die Tritte gab. Sie ging, bis das Band zu Ende war. Dann rastete sie, lange, lange, um ihre Kraft für dieses letzte und schwerste Stück des Weges zu sammeln. Schräg nach abwärts hatte sie eine Felsplatte zu überqueren, die nur von wenigen Rissen durchzogen war und so kahl erschien, daß der Blick, der aus der Tiefe hinaufspähte, kaum einen Vorsprung fand, auf dem ein Fuß hätte ruhen können.

»Unmöglich! Das ist unmöglich!« hauchte Ettingen. Sein Gesicht war weiß.

»Nur Ruh, Herr Fürst, nur Ruh ums Himmelswillen!« flüsterte der Jäger. »Von droben schaut's besser aus als wie von unt auf! Und sie derzwingt's, und alles is gut!«

War dieses Schwere überwunden, dann war's gewonnen. Unter der Felsplatte winkte ein Rasenfleck, auf dem sie sicher stehen konnte. Wohl war dann das letzte Stück des Weges bis auf den Sand hinunter noch immer gefährlich, aber die Felsen boten hier feste Kanten für den Fuß und Schrunden für die greifenden Hände.

Noch immer rastete Lo. Während sie die Arme um einen Felszacken geschlungen hielt, prüfte sie vorgebeugten Kopfes schon den Weg, den sie nehmen mußte. Nun wollte sie ihn beginnen. Man sah, wie ihre Gestalt sich streckte und ihr Arm sich zögernd von dem stützenden Schrofen löste.

Praxmaler umklammerte die Hand seines Herrn, als hätte er Sorge, daß die Seelenangst, die ihm aus Blick und Zügen redete, in diesen entscheidenden Minuten durch einen Ruf, durch eine unvorsichtige Bewegung sich verraten könnte. Doch Ettingen stand regungslos und stumm, wie zu Stein verwandelt. Auch sein Atem schien erloschen. Nur seine Augen lebten noch und griffen hinauf mit ihrem Blick, wie die Angst mit Armen und Händen greift.

Dicht angeschmiegt an den Fels, machte Lo mit ruhiger Vorsicht den ersten Schritt in die Platte, einen zweiten und dritten. Während sie mit der einen Hand immer angeklammert hing an einer Schrunde, fühlte sie mit der anderen gleitend am Gestein hin, um einen neuen Halt zu finden. Zwei Schritte noch. Dann hielt sie rastend inne, mit ausgebreiteten Armen, wie an den Fels gekreuzigt. Wieder begann ihr Fuß zu tasten, ihre Hand zu suchen, denn sehen konnte sie nicht, da sie mit Körper und Wange sich an die steile Mauer pressen mußte, um das Gleichgewicht zu halten. So erkämpfte sie Schritt um Schritt, immer rastend und wieder klimmend. Oft tastete sie mit Hand und Fuß eine lange Weile am Felsen hin, bis sie einen Tritt und einen Griff zu finden vermochte. Schon hatte sie die Hälfte der Platte überquert, und immer näher kam sie dem Rasenfleck, der sich mit festem Sockel aus der Wand herausbaute. Doch immer kürzer wurden ihre Schritte, immer langsamer und müder suchte ihr Fuß, und immer länger währte ihre Rast, als gingen ihre Kräfte zu Ende.

»Sie zittert!« hauchte Ettingen und krampfte die Hände um die Kante des Felsblockes.

Beängstigend lange hing Lo in der Felswand an eine aus der Tiefe kaum erkennbare Rinne geklammert. Dann machte sie ein paar hastige Schritte, und nun war sie nur noch durch einen schmalen Felspfeiler von dem Rasen getrennt.

»Nur Ruh, Herr Fürst! Sie gwinnt!« stammelte der Jäger. Die Hoffnung, die er seinem Herrn einredete, schien ihm selbst zu fehlen. Er betete flüsternd: »Lieber Herrgott, hilf ihr die paar Schritteln, nur die paar Schritteln noch!«

Unruhig tastete Lo mit dem Fuß. Immer schwerer schien ihr Körper an den Armen zu hängen. Nun fand ihr Fuß den gesuchten Tritt. Als sie sich vorschob und ausgriff mit der Hand, wich der Stein, auf den sie getreten war -- ein leiser Schrei -- und während sie schon taumelte, wagte sie den rettenden Sprung --

Mit stöhnendem Laut stürzte Ettingen der Felswand zu. Da klang hinter ihm ein Jubelschrei des Jägers.

Sausend flog der gelöste Stein aus der Wand herunter, doch Lo hatte im Sprung den Rasen gewonnen. Sie sank in die Knie und wollte sich an den Fels lehnen. Hatte sie den Schrei dort unten gehört und den Menschen erkannt, der mit erhobenen Armen über das Schuttfeld emporstürmte? Oder löste sich, da sie an die Rettung glauben durfte, die gewaltsame Spannung ihrer erschöpften Kräfte zu einem Anfall jäher Schwäche? Ihr Kopf glitt am Felsen hin. Lautlos sank sie auf den Rasen nieder und regte sich nimmer.

»Sie ist ohnmächtig! Hinauf!« schrie Ettingen wie von Sinnen. »Praxmaler! Hinauf! Hinauf!«

Ehe der Jäger den Fuß der Wand erreichen konnte, war Ettingen über das zerklüftete Gestein schon halb bis zum Rasen emporgeklettert. Er hörte die erschrockenen Worte nicht, die Praxmaler ihm zuschrie -- er stieg und stieg. Jetzt erreichte er die Bewußtlose. »Lo! Lo! Meine Lo!« Der Rausch von Freude, der ihn erfüllte, als er ihre Hand erfassen konnte, verwandelte sich in neue Sorge. Wie schmal dieser Rasen war! Eine Bewegung im Erwachen, und sie mußte stürzen. Aus Angst und Liebe wuchs ihm die Kraft, daß er das fast Unmögliche versuchte: die Ohnmächtige über die steilen Felsen hinunterzutragen. Den einen Arm um einen Schrofen klammernd, zog er mit dem anderen die Bewußtlose an sich. Sie fiel ihm schwer entgegen. Wie leblos lag ihm ihr Kopf auf der Schulter.

Da stand schon der Jäger dicht unter ihm und stemmte den Arm an eine Kante der Felsen. »Da können S' drauftreten, Duhrlaucht! Meine Knochen halten aus.«

So stiegen sie langsam hinunter. Für jeden Schritt des Fürsten suchte der Jäger eine feste Kante am Gestein, stützte ihn mit der Schulter oder hielt ihm bald den Arm, bald wieder die Fäuste oder das Knie als Staffel hin.

Als sie den sicheren Grund erreichten, taumelte Ettingen und ließ sich niederfallen auf den Sand. Aber er fühlte die eigene Schwäche nicht, nur den Jubel, die Geliebte gerettet zu wissen, sie so zu halten, in seinen Armen, an seiner Brust. »Meine Lo!« Ein anderes Wort fand er nicht, während er wie ein Irrsinniger ihre geschlossenen Augen küßte, ihr Haar und ihre Stirne.

Der Jäger stand vor den beiden, erschöpft, verlegen lächelnd. Dabei leckte er mit der Zunge von seiner Hand das Blut fort, das ihm über die Finger tropfte. Und dann sprang er zu den Felsblöcken hinunter, um mit dem Hut von dem Wasser zu schöpfen, das zwischen den Steinen rann. Vorsichtig brachte er den vollen Hut getragen. »Da haben S' Wasser, Herr Fürst! Sie müssen 's Fräulein a bißl derfrischen!«

Als Ettingen aufblickte, sah er das Blut an den Händen des Jägers.

»Praxmaler! Ihre Hände!«

»No ja, natürlich, Sie haben halt a bißl scharfe Nägel an die Schuh. Macht nix! Ich hab eh a wengerl z'viel Blut im Leib. So a kleiner Schröpfer is mir gsund. Aber jetzt denken S' net an mich --«

»Wie soll ich Ihnen diese Stunde danken!«

»Was? Danken? Dös wär mir 's richtige: auf die Fünfhundert und auf'n Oberjager auffi! Aber da hab ich 's Wasser! Brauchen S' a Tüchl! Na, um Gottswillen, wie 's Fräuln ausschaut!«

Erst bei diesem Wort des Jägers bekam Ettingen Augen, um zu sehen. »Ach!« Das war ein Laut, als würde ihm das Herz zerdrückt. Mit zitternden Armen preßte er die Ohnmächtige an sich, schmiegte ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr das Haar und die Wange. Wie müd und erschöpft ihr schönes Antlitz war, wie entstellt von Rußflecken und vom Staub der Asche! »Und ihre lieben Hände!« Sie waren grau vom Steinsand, wund von Rissen, fast alle Nägel gebrochen und mit Blut unterlaufen.

Wie ein Schwindel überkam es ihn, als er sein Tuch in das Wasser tauchte, das ihm der Jäger hinbot. In scheuer Zärtlichkeit blies er die Asche aus Lolos Haar, wusch ihr den Ruß vom Gesicht und streifte ihr immer wieder das nasse Tuch über Stirn und Augen. Sie erwachte nicht, doch ihr Atem begann sich zu beleben. Er wusch ihr die Hände, küßte jede Wunde. Und während der Jäger fortlief, um frisches Wasser zu holen, nahm er sie wieder in seine Arme.

Ein stockender Atemzug erschütterte ihre Brust. Sie schlug die Lider auf.

»Lo!«

Sie sah das Gesicht, das sich in Glück und Sorge über das ihre beugte, fühlte schauernd den Druck der Arme, die sie umschlungen hielten, und trank den Blick der Liebe, der auf ihr ruhte. Dann lächelte sie müd und schloß die Augen wieder, als wüßte sie: das ist ein Traum, der verschwinden muß, wenn ich wache und mit offenen Augen sehe!

»Lo! Kennst du mich nicht? So sieh mich doch an!«

Sie öffnete die Lider.

»Lo! Meine liebe, gute, kleine Lo!«

Da hörte sie es wieder: das Wort ihres Vaters! Mit dem gleichen Ton der Liebe! Nur süßer, zärtlicher noch, durchweht von einer Glut, die hinüberschlug in ihr Herz und ihr das Blut in die bleichen Wangen trieb. Als sähe sie ein Wunder, dessen Wahrheit sie fühlte und an das sie doch nicht glauben konnte, so hob sie zögernd die Arme und faßte scheu mit beiden Händen die Wangen des geliebten Mannes. Ein Zittern rann durch ihren Körper. »Du!« Und nun schlang sie die Arme um seinen Hals, stark und heiß, und hing an seinen Lippen, als tränke sie neues Leben aus seinem Kuß. Dann schloß sie mit leisem Lächeln die Augen und sank an seine Schulter hin, als wollte sie schlummern.

Er streichelte ihr Haar. »Du Starke, du Mutige du! Was hast du überkämpft in diesen grauenvollen Stunden! Was mußt du erlebt haben in dieser entsetzlichen Nacht!«

Ohne die Augen zu öffnen, flüsterte sie: »Ich weiß es nimmer -- ich weiß nur, was ^jetzt^ ist -- und das ist schön!«

»Und ich schlief in dieser Nacht und träumte von meinem Glück, während du --« Er konnte nicht weitersprechen. Der Gedanke an alle Gefahr, die in dieser Nacht auf jedem Schritt mit ihr gegangen, machte ihn zittern bis ins Herz. »Ich habe nur dieses Letzte gesehen. Und nicht einmal helfen hab ich dir können! Das sehen zu müssen, so hilflos! Jeder Blick war wie ein Tod für mich. Am Morgen, als ich mein Haus verließ, um dich zu suchen, da wußt ich, daß ich dich liebe. Aber erst in diesen Stunden der Angst und Verzweiflung hab ich's empfunden, wieviel du mir bist, und daß ich nicht leben könnte ohne dich!«

Sie lauschte seinen Worten wie der Dürstende dem Quell, den er rauschen hört.

Daß sie so stumm war, das weckte seine Sorge wieder. »Lo? Wie fühlst du dich? Ist dir wohl?«

Sie lächelte und atmete tief.

»Warum siehst du mich nicht an?«

Da schlug sie die leuchtenden Augen zu ihm auf.

»Sag es mir, Lo! Bist du mir gut?«

»Ach, du!« Sie hob die Arme.

»Ich weiß es. Aber ich möcht' es hören mit deinen Worten. Sag es mir, Lo!«

»Du!« Ein anderes Wort fand sie nicht; doch sie schmiegte sich an seine Brust, daß er das Beben ihres Körpers und ihren Herzschlag fühlte.

So hielten sie sich schweigend umschlungen, bis ein Schritt sie weckte.

Der Jäger brachte frisches Wasser.

Ettingen richtete die Geliebte in seinen Armen auf. »Willst du nicht trinken, Lo?«

»Ja, Heinz, mich dürstet. Gib du mir einen Trunk!«

Er schöpfte Wasser, und das schlürfte sie ihm aus der hohlen Hand.

»Wie das erquickt! Ich danke dir, Heinz!«

Lächelnd strich er das feuchte Haar von ihrer Stirn zurück. Dann nahm er den Hut des Jägers, tat einen gierigen Trunk und hob sich auf die Knie. »Komm, Lo! Ich muß dich heimbringen, damit du ruhen kannst. Und sieh nur, deine armen Hände! Wir müssen heim.«

»Heim!« Sie nickte ernst, und ein Schatten dämpfte den Glanz ihrer Augen. »Die Mutter! Kann es meine Mutter schon wissen?«

»Daß der Wald brennt? Nein, Lo!« Wohl mußte er fürchten, daß die Nachricht schon hinausgeflogen wäre bis ins Dorf; doch er wollte ihr diese Sorge von der Seele nehmen. »Sie kann es unmöglich wissen, sie wird es hören mit der Nachricht, daß dein Mut dich rettete.«

Lo atmete auf.

»Fühlst du dich stark genug, um gehen zu können?«

»Sage mir: Geh! Und ich kann es.«

»So komm!«

^Zweiundzwanzigstes Kapitel^

Sie begannen den Heimweg und wanderten langsam durch das von Rauch überschleierte Kar hinunter. Ettingen hielt die Hand der Geliebten in der seinen und schmiegte stützend den Arm um ihre Hüfte. Immer suchte er den besten Weg für sie. Lag ein Stein im Pfad, so schob er ihn mit dem Fuß beiseite. Sie sprachen nicht. Was ihre Herzen erfüllte, war zu übermächtig für Worte. Nur ihre Augen suchten sich immer wieder und redeten mit stillem Lächeln. Während sie so hinunterschritten ins Tal, war in ihren Seelen ein Aufwärtssteigen, empor zur Sonnenhöhe des Glückes.

Eine Stunde waren sie schon gewandert, als sie Stimmen hörten.

Lo verhielt den Schritt. »Menschen?« Das sagte sie, wie aus einem Traum erwachend, wie verwundert und erschrocken über die Wirklichkeit des Lebens, dessen Laute ihr entgegenschollen. Da tauchten auch wieder die Bilder der vergangenen Nacht vor ihren Augen auf. Und stammelnd fragte sie: »Mazegger? Ist er gerettet?«

Ettingen erschrak. »Mazegger?« Und betroffen sah Praxmaler den Fürsten an.

»Er wollte nach Ehrwald. Als das Feuer ausbrach, kam er, um mich zu warnen. Er nahm einen anderen Weg, durch den brennenden Wald --« Das Grauen der Erinnerung machte sie zittern. »Ist er gerettet?«

»Ja, Lo!« sagte Ettingen und tauschte einen Blick mit dem Jäger.

Da lächelte sie erleichtert, als wäre der letzte Schreck der überstandenen Nacht von ihrer Seele gelöst.

Schreiend kamen ihnen die Leute entgegen. Es waren Senner und Holzknechte, die den Paß übersteigen wollten, um droben in den Felsenkaren des Seetals nach dem Jungvieh zu suchen. Der Jäger flüsterte ihnen eine Frage zu. Sie schüttelten den Kopf, schrien durcheinander und eilten weiter.

Eine erregte Stimme rief durch das Tal herauf: »Heinz? Bist du's?« Dort unten im Latschenfeld erschien Graf Sternfeldt mit dem Förster.

»Ja, Goni!« gab Ettingen mit lautem Ruf zur Antwort. »Wir kommen!«

Sternfeldt eilte den beiden entgegen, während der Förster seinem Herrn ein »Gott sei Dank!« zuschrie und wieder talwärts rannte. Er war nicht weit gekommen, als Praxmaler ihn einholte, keuchend: »Herr Förstner! Der Toni geht ab.«

»Der Mazegger? War der im Sebenwald? Heut nacht?«

Der Jäger erzählte, was er von Lo gehört hatte.

»Der? Und 's Fräuln warnen?« Der Förster schüttelte den Kopf. »Komm, Bub! Ich fürcht, da hat einer d' Höll versucht, und der Himmel hat ihn gstraft! Sei's, wie's mag, jetzt müssen wir tun, was gschehen kann! D' Holzknecht schaffen schon bei der Brandstatt. Jetzt müssen wir helfen. Komm!«

Sie eilten talwärts, und Praxmaler begann zu rennen, daß der Förster hinter ihm zurückblieb. Als Kluibenschädl das Waldtal erreichte, begegneten ihm Sennleute, die zur Brandstätte liefen. Und hinter ihnen kam ein Mädel gerannt, atemlos und bleich, die Tillfußer Sennerin. Sie haschte den Förster an der Joppe.

»Mein Pepperl? Is meim Pepperl nix gschehen?«

»Dein Pepperl? Ah, da schau her!«

»Is ihm nix gschehen? Jesus Maria! Lebt er noch?«

»Ja, ja, ja! Der Schnurrbart is ihm net wegbrennt. Den hat er noch.«

Burgi drückte die Fäuste auf ihre Brust. »Du heilige Mutter im Himmel, ich sag dir Vergeltsgott! Und a Kerzl sollst kriegen, so lang wie meim Pepperl sein Bergstock!« Dann fing sie wieder zu rennen an, und die grundlose Angst, die sie ausgestanden hatte, löste sich in ein Schluchzen verrückter Freude.

Die Stimmen und Schritte verhallten. Schweigen lag wieder im Wald. Kein Windhauch regte sich, kein Wipfel schwankte. Grau und unbewegt hing die glatte Nebeldecke über den Bäumen, die Felswände verhüllend. Gegen Westen lag es wie schwarzes Sturmgewölk über den Ehrwalder Bergen. Gegen Osten schimmerte es zuweilen mit weißlichem Glanz durch die trüben Dünste, als wäre dort irgendwo die Sonne, die den grauen Schleier durchbrechen wollte.

Manchmal tönten im Schweigen des Tillfußer Waldes verworrene Menschenrufe aus weiter Ferne. Dann war's wieder still.

Sichernd zog ein Rudel Hochwild über den Weg, scheu hinauswindend gegen den Sebenwald. Und lautlos trat es wieder in den stummen Forst.

Hoch in den Wipfeln schlug eine Ringdrossel. Schnalzend kam sie auf den Weg geflogen und begann ihre Käferjagd im feuchten Gras. Nun hob sie das Köpfchen und flatterte davon.

Langsam kamen Heinz und Lo durch den Wald einhergegangen. Wo die Drossel aufgeflogen, blieben sie stehen, als hätte der gleiche Gedanke ihren Fuß gebannt: die Erinnerung an jenen Abend, an dem sie einander zum erstenmal im schweigenden Walde begegnet waren.

»Sieh, Lo! Dort oben war's!«

Sie nickte und schmiegte sich enger an ihn. So standen sie lang und blickten hinein in die Dämmerung, die trotz der Mittagsstunde zwischen den stillen Bäumen lag.

Die Drossel schlug.

Sie lauschten ihr, bis sie fern im Wald verstummte. Dann schritten sie weiter.

Als sie, schon nahe der Tillfußer Alm, die Lichtung erreichten, auf der die von Leutasch kommende Fahrstraße zum Jagdhaus hinaufbog, rasselten zwei Leiterwagen mit galoppierenden Pferden aus dem Wald heraus. Auf jedem Wagen saßen an die dreißig Männer, dichtgedrängt, mit Äxten, Feuerhaken und schweren Seilrollen.

»Heinz!« stammelte Lo. »Sie wissen es schon im Dorf. Ach, die Mutter! Und der Bub!« Tränen schossen ihr in die Augen.

Er drückte ihren Arm an seine Brust. »Sei ruhig, Lo! Die Sorge, die sie haben, wird sich in Freude lösen!«

Die Leute waren abgesprungen, weil die Wagen auf dem schmalen Waldweg nicht weiterfahren konnten. Die jungen Burschen schleppten die schweren Seile, die älteren Männer kamen mit Äxten und Pickeln. So eilig sie es hatten, jeder zog vor Lo sein Hütl und bot ihr einen Gruß. Und ein graubärtiger Alter rief ihr zu: »Heut, Fräuln, sollten wir Enkern Herrn Vater wieder haben! Da täten wir bald Herr sein übers Fuier da draußt!«

Lächelnd, mit nassen Augen, dankte sie dem Alten für dieses Wort.

»Siehst du, Lo, wie dein Vater noch lebt für diese Menschen, denen er Gutes tat!« sagte Ettingen bewegt. »Wie dieser Bauer an ihm die Kraft des Mannes schätzt, so wird ihn die Welt als Künstler ehren. Seine Blumen da draußen sind heute nacht in Asche gefallen. Was in seiner Seele Wurzel hatte, wird blühen für die Menschen, schön und dauernd.«

»Ja!«

Sie blieben seitwärts vom Wege stehen, um zu warten, bis die Leute vorüber wären. Als letzter kam der Bauer, dessen Anwesen in Leutasch draußen an den Garten des Malerhauses grenzte.

»Nachbar!« Ihren Arm lösend, eilte Lo auf den Bauer zu »Nachbar? Weiß die Mutter schon von dem Brand?«

»Ja, Fräuln! Und dös arme Weibl hat sich anders gsorgt! No, Gott sei Lob und Dank, weil S' nur da sind! D' Frau Mutter wird gleich kommen mit'm Wagerl, nimmer derlitten hat sie's daheim!« Eine schrillende Knabenstimme klang aus dem Wald. »Da! Hören S' Ihr Brüderl?«

Die kleine Kutsche erschien am Waldsaum und mußte halten, weil ihr die anderen Wagen den Weg verstellten.

»Lo! Lo!« gellte die Stimme Gustls. Und da kam er auch schon gerannt. Heute, mit seinem bandagierten Fuß, den er nur mit den Zehen aufsetzen konnte, ging's nicht so flink wie damals, als er von Innsbruck gekommen. Und Lo, als hätte sie sich in ihre Mutter verwandelt, rief in Sorge: »Bubi! Aber Bubi! Ich bitte dich, lauf nicht so!« Sie eilte auf ihn zu und fing ihn mit den Armen auf. Wortlos hielt sie ihn umschlungen; dann eilte sie der alten Frau entgegen. »Mutter! Mutter!«

Den kranken Fuß schonend, stand Gustl zwischen den niederen Fichten und zog mit einem Kompliment sein Hütl, als Ettingen auf ihn zutrat. »Guten Tag, Herr Fürst!«

»Grüß dich Gott, Bubi! Wie geht's mit dem Fuß?«

»Danke, Herr Fürst, ganz gut!«

Ettingen zog den Jungen an sich. »Hast du dich gesorgt um deine Lo?«

»Die Muttl, ach, Gott! Aber ich? Nein! Ich kenn doch unsere Lo und hab's auch der Muttl gleich gesagt: unsere Lo, die weiß sich schon zu helfen! Und dann war ich doch auch überzeugt, daß ^Sie^ bei ihr sind!«

»Wirklich?« Ettingen küßte ihn auf die glühende Wange. »Davon warst du überzeugt?«

»Natürlich! Wenn ein Wald brennt, und jemand ist drin, den man liebhat, so geht man doch gleich hin und hilft ihm.«

»Daß ich deine Schwester liebhabe? Das weißt du?«

»Freilich!« Mit strahlenden Augen sah Gustl an Ettingen hinauf. »Ich hab's doch neulich schon gemerkt, viel früher als Lo. Der hab's doch ich erst sagen müssen!« Da sah er die Schwester mit der Mutter kommen und rief: »Gelt, Muttl, ich hab recht gehabt! Siehst du, daß auch ein Waldbrand nichts Böses ist! Gelt, jetzt glaubst du mir's!«

Lo mußte der Mutter schon von ihrem Glück gesagt haben. In tiefer Bewegung, scheu und verlegen, mit Freude und doch auch mit Angst in den feuchten Augen kam Frau Petri dem Mann entgegen, dem sie ihr Kind fürs Leben anvertrauen sollte.

»Das ist meine Mutter, Heinz!«

»Herr Fürst --« Die alte Frau vermochte kaum zu sprechen und streckte die zitternden Hände. »Sie haben mir mein Kind gebracht --«

»Ja, Frau Petri.« Ettingen küßte ihr die Hände. »Aber ich will Ihnen die Lo wieder nehmen. Und ich weiß, ich nehme Ihnen viel.«

»Die Hälfte von allem, was ich noch habe.« Zwei Tränen fielen über die furchigen Wangen der alten Frau und dennoch lächelte sie und atmete auf. »Das ist das Los der Mütter: wenn ihre Schmerzen und Sorgen vorüber sind, werden sie einsam. Das kann für mich nicht anders sein, als es für alle ist. Wenn Lo das Glück findet, das ich ihr wünsche, bin ich mit allem zufrieden. Ach ja!« Sie hielt die Hände des Sohnes fest, den ihr diese Stunde gegeben, und während sie ihn ansah, sprachen aus ihrem forschenden Blick die stummen Fragen: Hast du sie lieb? Wirst du sie glücklich machen? -- Und als hätte sie aus diesen klaren, leuchtenden Mannesaugen allen Trost für ihre Sorge gelesen, mit so tiefer Freude faßte sie die Hand ihres Kindes. »Lo! Ach, Lo! Warum konnte dein Vater das nicht erleben! Das Glück seines Kindes hätte ihn entschädigt für alles andere.«

Wieder rasselten zwei Wagen mit dampfenden Gäulen aus dem Wald heraus. Die Männer sprangen ab unter wirrem Geschrei und eilten mit ihren Äxten und Seilen hinaus zum Sebensee. --