Das Schweigen im Walde: Roman

Part 23

Chapter 233,734 wordsPublic domain

»Sobald der Bub wieder wohl ist. Und morgen will ich hinausreiten zum See, nur über die Nacht, um da draußen alles in Ordnung zu bringen für den Winter. Auch dürfen wir die Blumen in den heißen Sommerwochen nicht ohne Pflege lassen. Ich will den Sebener Senn ersuchen, daß er die Arbeit übernimmt.«

»Ja, das mußt du tun! Seine Blumen -- das war sein letztes Wort -- die dürfen nicht leiden.«

Nun schwiegen sie, als wäre alles zu Ende gesprochen.

»Noch eines, Mutter!« Lolos Wangen färbten sich. »Der Fürst --« Ihre Stimme schwankte bei diesem Wort. »Die Freude, die er uns brachte mit dieser Nachricht -- das müssen wir ihm danken! Ich meine, wir sollten ihm eines von unseren Bildern schicken. Als Erinnerung an den Vater. Und an alles andere.« Ein mildes Lächeln verschönte ihren Mund. »Meinst du nicht auch?«

»Wenn du willst. Welches meinst du?«

Da rief die Magd in die Stube herein: »Ich bitt, der Gusterl gibt kei' Ruh nimmer: 's Fräuln soll kommen!«

Lo erhob sich, zog die alte Frau zu sich empor und umschlang sie. »Sei ruhig, Mutter! Sorg dich nimmer! Der Vater hat mich erzogen zu seinem starken Kind. Und was ich dir sein kann, das sollst du haben an mir!« Sie verließ die Stube. Erst ordnete sie noch in der Küche die Teeplatte und sagte zu dem Mädchen: »Trag nur alles gleich hinein! Muttl hat schon so lange warten müssen.«

Als sie durch die Schlafstube der Mutter ging, fiel aus dem anstoßenden Zimmer der Lampenschein und erleuchtete eine Bilderwand. Lolos Blick begegnete jener Leinwand mit dem Hermeskopf -- mit der weißen Marmorsäule des jugendlichen Gottes, dem eine Natter auf die Schulter kriecht. Ekel und Grauen sprechen aus seinem Gesicht, doch seine Brust ist angewachsen an den unbeweglichen Stein, und er hat keine Arme, um die giftige Häßlichkeit von sich abzuwehren. »Das soll er haben!« Zitternd, in einem Sturm von Empfinden, nahm Lo das Bild von der Wand und küßte die Stirn des schönen Gottes.

Da klang die Stimme des Bruders: »Lo? Was machst du da draußen? Komm doch zu mir!«

Sie gab das Bild wieder an die Wand und trat in die kleine Stube.

Das verpflasterte Gesichtchen vorgebeugt, saß Gustl in den Kissen. »Lo, jetzt eben hab ich probiert, ob ich marschieren kann. Es geht schon ganz famos. Morgen darfst du mich aufstehen lassen.«

Sie trat zum Bett. »Morgen? Nein, Bubi, morgen mußt du noch liegenbleiben.«

»Also übermorgen! Darf ich dann auch bald ins Jagdhaus? Er hat mich doch eingeladen. Übrigens, weißt du, ich hab so was wie eine Ahnung. Gib acht, Lo, morgen kommt er.«

Damit der Bruder ihre Erregung nicht sehen möchte, ging sie zum Fenster, das noch offenstand.

Verwundert sah Gustl zu ihr auf. »Aber Lo?«

»Ich will das Fenster schließen, die Nacht wird kühl --«

Ihre Stimme erlosch -- draußen über der Hecke sah sie einen Menschen stehen, regungslos in dem trüben Dunkel. Ruhig schloß sie das Fenster und zog die Gardinen vor.

Der auf der Straße draußen lachte leis. Dann schritt er durch das finstere Dorf, dem Geißtal entgegen.

Es ging auf elf Uhr, als Mazegger die Tillfußer Alm erreichte. Zitherklang, Gesang und Lachen tönten aus der Sennhütte. Das Jagdhaus stand noch mit hellerleuchteten Fenstern, nur das Speisezimmer war dunkel. Und im Försterhäuschen wurde just die Lampe ausgeblasen.

Während Mazegger an der Sennhütte vorüberging, warf er einen gleichgültigen Blick in die offene Tür, durch die es herausquoll wie roter Feuerdampf.

Zigarrenrauch und Staub, den die tanzlustigen Paare aufgewirbelt hatten, erfüllten den großen Raum. Ein festes Feuer flackerte auf dem Herd, und über dem dichtbesetzten Tisch, in einem Mauerring, brannte eine Kienfackel. Einer der jungen Touristen spielte mit wenig Kunst, aber mit vielem Eifer die Zither, die anderen sangen und tranken, schwatzten und lachten. Nur die Wirtin hielt sich abseits von dem fidelen Spektakel. Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen stand Burgi neben dem Herd und warf ein Scheit ums andere ins Feuer, als gält es eine Höllenlohe für eine dem Bratspieß verfallene Sünderseele anzuschüren. Sie trat nur zum Tisch, wenn sie ein leergewordenes Glas wieder zu füllen hatte. Und dann mußte sie in den Keller hinunter, wo das Fäßlein mit dem roten Spezial schon bedenklich hohl erklang. Was ihre gallige Laune am meisten zu reizen schien, das war, daß sie den Weg in den Keller besonders häufig für den Praxmaler-Pepperl machen mußte. Der schien den Schwur der Nüchternheit, den er beim Sebensee seinem Jagdherrn geleistet hatte, völlig vergessen zu haben. Zwei Liter hatte er schon hinuntergegossen in seine aufgeregte Seele, und jetzt eben schrie er zum neuntenmal: »He, Sennerin! ^Noch^ a Viertele!«

Abgewandten Gesichtes stellte ihm Burgi den frischgefüllten Schoppen hin. Während sie zum Herd ging, warf sie einen Wutblick über die Schulter. Nicht auf den Praxmaler-Pepperl. Die Zornglut dieses Blickes galt der kleinen Französin, deren lustiges Lachgezwitscher die Stimmen der anderen übertönte.

Zwischen Pepperl und Mam'zelle Fifi hatte sich die ungenierteste Freundschaft im Verlauf einer Stunde so heiß entwickelt wie Dampf aus kochendem Wasser. Als die kleine Französin am Arm des Leibjägers die Sennhütte betreten hatte, war Pepperl mit finster brütenden Augen in einem Winkel gesessen und hatte sich gegen Fifis ersten Annäherungsversuch so unzugänglich verhalten wie ein junges Fohlen, dem man zum erstenmal das Geschirr um den Hals legen will. Aber war es die Wirkung des Weines, den er als reichlichen Seelentrost in sich hineingoß, oder war's ein spöttisches Lächeln der Sennerin, ein bissiges Wort, das Burgi einem der Touristen über die Französin gerade so laut noch zuflüsterte, daß Pepperl es hören mußte -- irgend etwas hatte unter seinen Kreuzerschneckerln plötzlich einen psychologischen Wettersturz hervorgerufen. Aus einem griesgrämigen Leimsieder hatte er sich in einen krakeelenden Don Juan verwandelt, dessen Schmeicheleien die kleine Französin in um so größere Begeisterung versetzten, je derber sie ausfielen. Dieser _vrai tyrolien_, dieser type de la race gefiel ihr immer besser mit jeder Minute. Sie ließ es, um ihn in Feuer zu bringen, an Aufmunterung nicht fehlen. Und Pepperl war nicht dumm. Wenn sie ihm einen kleinen Finger reichte, nahm er gleich die ganze Hand, zum Gaudium der Französin und der ganzen lustigen Gesellschaft, die Sennerin ausgenommen. An diesem »Flirt« -- wie Jean der Verschnürte die koketten Manöver Fifis mit Weltbildung bezeichnete -- beteiligten sich alle Mitglieder der Tafelrunde und spielten mit wie die Zuschauer bei einer Hanswurstiade. Da Fifi kaum ein paar deutsche Worte und Pepperl kein Französisch verstand, mußte bald der Leibjäger, bald einer der jungen Touristen den Dolmetsch abgeben, wobei die drastischen Komplimente, die Pepperl der Französin machte, mit lautem Hallo bei der Übersetzung noch übertrieben wurden. Als Pepperl in seiner schwelenden Weinlaune beteuerte: »Die gfallt mir, die mag ich!« -- begnügte sich Fifi nicht mit der Übersetzung.

»_Moi, je veux, qu'il me dise cela en français!_«

»Was hat's gesagt?« fragte Pepperl.

Einer der Touristen übersetzte: »Sie will, du sollst ihr auf französisch sagen, daß sie dir gefällt!«

»So?« Pepperl studierte eine Weile. »Wie tät's denn heißen auf franzeesisch, wann ich ebba sagen möcht: Du bist sauber, dich hab ich gern?«

Unter Gelächter sagte man's dem Praxmaler-Pepperl ein paarmal vor: »_Vous êtes très belle! Je vous aime!_«

Und Pepperl plapperte: »_Wussed treppel, schö wussem!_«

Fifi klatschte vor Wonne in die Hände und zwitscherte ihr höchstes Lachen. Die Bewunderung, die sie für diesen superbe colosse empfand, fing an ins bedenkliche zu wachsen. Alles an ihm gefiel ihr, aber ihr ganz besonderes Entzücken erregten seine Kreuzerschneckerln. »_Regardez, Jean, quels jolis cheveux il a! Ils ont l'air de s'amuser beaucoup_[1]!« Als müßte sie dem Wohlgefallen, das sie an diesen »vergnügten« Haaren fand, noch deutlicher Ausdruck geben, sprang sie auf, faßte den Praxmaler-Pepperl über den Tisch hinüber am Kopf und wühlte mit ihren winzigen Spinnenhänden in diesem Wust von blonden Ringeln wie ein Geiziger in seinem Gold.

Alles lachte. Nur drüben am Herd empörte sich die Sennerin. »So an ausgschamts Frauenzimmer!« Ein Scheit flog ins Feuer, daß die Funken aufstoben.

»_Comme il me plait! Ah! Ah! Qu'il me plait bien!_« zwitscherte Fifi. »_Mais! Mais! Attention[2]!_« Gestikulierend suchte sie das Gelächter der anderen zu beschwichtigen. »_Je veux lui dire ça en allemand! Comment cela se dit-il en tyrolien: tu me plais, tu es un joli garçon, toi?_«

»Ruhe! Jetzt will sie deutsch mit ihm reden!« verkündete der Dolmetsch. »Sie will wissen, wie das auf tirolerisch heißt: du bist ein hübscher Junge, ganz nach meinem Geschmack! -- Das muß ihr echt gesagt werden, ganz echt!« Unter fideler Spannung der Tafelrunde sprach ihr einer der Touristen im breitesten Tirolerdialekt den Satz vor: »Du gfollscht ma, bischt a liaba Bua!« Fifi versuchte die bleischweren Laute nachzuschwatzen. Was auf ihrem leichten Zünglein daraus wurde, das hörte sich so drollig an, daß die ganze Gesellschaft in Gelächter ausbrach. Sogar die Sennerin lachte; aber das war ein Lachen, so grell wie der Klang einer springenden Saite.

Den Praxmaler-Pepperl schien diese Liebeserklärung der Französin -- oder etwas anderes -- um den letzten Rest seiner Zurückhaltung gebracht zu haben. Er stieß einen gellenden Jauchzer aus, griff mit beiden Armen zu, und wie man einen Knödel aus der Suppe sticht, hob er das kleine Persönchen über den Tisch herüber an seine Seite. »So, jetzt spielen S' ein' auf, an rassigen!« schrie er dem Zitherspieler zu. »Jetzt wird einer tanzt mit meiner Franzeesin! A gsunder!« Wieder jauchzte er und schwang sein Hütl dazu.

Mit schwirrenden Klängen fiel die Zither ein. Zwei der jungen Touristen faßten die beiden als Dirndln kostümierten Mädchen um die Hüfte, und Jean, der nicht leer ausgehen wollte, machte den Versuch, die Sennerin zum Tanz zu holen. Wortlos drehte ihm Burgi den Rücken, während Pepperl dem Verschnürten mit höhnischer Freude zurief: »Sie! Die lassen S' in Ruh! Die is der Rühr-mi-net-an! Die hat an Heimlichen. Wann s' an andern anschaut, wird er wild, der Heimliche, und sie därf ihm die schecketen Jagdküh nimmer melchen. Juhuuu!« Das war ein Jauchzer, dessen scharfer Klang wie ein Dolch in alle Ohren fuhr. Mit einem Luftsprung, wie ein Tollgewordener, trat Pepperl an der Hand seiner »Franzeesin« zum Schuhplattler an.

Burgi stand bleich am Herd und starrte ins Feuer.

Auch Fifis Gezwitscher war verstummt, und einen Augenblick schien es, als bekäme sie Angst vor diesem _superbe colosse_, der ihre Hand umklammert hielt wie mit eisernem Schraubstock und das kleine Persönchen im Kreise wirbelte, daß die Röcke flogen wie ein sausendes Rad. Dann lachte sie wieder, blitzte ihn mit ihren schwarzen Augen an, und flink hatte sie es den beiden anderen Mädchen abgeguckt, wie sie sich, mit den Händen die Röcke niederhaltend, vor ihrem Tänzer drehen, wiegen und wenden mußte, um den Sinn dieses urwüchsigen Naturtanzes zum Ausdruck zu bringen: das Entfliehen und Sichhaschenlassen, das Versagen und Gewähren einer Gunst, um die der Tänzer wirbt.

Mit einem Jauchzer, daß die Stubendecke dröhnte, umkreiste Pepperl die sich wirbelnde Tänzerin und begann ein Schlagen und Springen, ein Blasen und »Schnackeln« wie ein liebes-und frühlingstrunkener Spielhahn. Er »plattelte«, als wollte er seine Schenkel und Schuhe zu Scherben klopfen, schlug Räder und Purzelbäume, schnellte im Aufsprung die Fußspitze bis zur Stubendecke und schwang, als die Zither schwieg, mit gellendem Juhschrei seine Tänzerin durch die Luft wie eine Feder.

Die beiden anderen Paare, auch Jean und der Zitherspieler, schrien Bravo und applaudierten. Und Fifi, als sie mit den zappelnden Füßen wieder zu Boden kam, sah glühend und staunend an ihrem Tänzer hinauf und pisperte mit ihrem atemlosen Stimmchen: »_Bigre, tu as de la race, toi[3]!_« Mit beiden Händen haschte sie ihn am Schnurrbart, zog ihn zu sich nieder, hob sich auf die Fußspitzen und drückte ihm einen Kuß auf den Mund. Dann huschte sie kichernd zur Stube hinaus.

Die Touristen machten dazu einen fidelen Spektakel, während Jean der kleinen Französin mit der Bemerkung folgte: »_Elle est folle, vraiment[4]!_« Er fand sie draußen, wie sie vor Lachen kaum Atem und Wort hatte. Und als sie sich in seinen Arm einhängte, um sich zum Jagdhaus hinaufführen zu lassen, meinte sie: »_C'était la vraie bêtise de campagne, ça[5]!_«

Auch Pepperl lachte. Aber es schien, als wäre ihm dabei nicht besonders wohl zumute. Sein Gesicht brannte wie Feuer. Er mußte sich abkühlen und schrie der Wirtin zum »Verirrten Lampl« mit heiserer Stimme zu: »He, Sennerin, ^noch^ a Viertele!«

Wortlos nahm Burgi das Glas vom Tisch und ging in den Keller. Schwer seufzend öffnete sie den Hahn am Faß, und während das dünne rote Brünnlein niederplätscherte in das Glas, tröpfelten ihr die dicken Zähren über die Wangen -- und eine dieser Tränen fiel in den Rotwein. Wie in Wut über sich selbst, fuhr sie mit der Faust über die Augen und biß die Zähne übereinander.

Als sie hinaufkam in die Stube, packte der Zitherspieler sein Instrument in den Rucksack, und die jungen Leute, denen der Wein in den Köpfen wirbelte, schickten sich an, ihr Nachtlager auf dem Heu zu suchen. Unter Späßen, die der späten Stunde entsprachen, sagten sie der schweigsamen Sennerin gute Nacht, stiegen mit Schwatzen und Gekicher über eine Leiter zum Heuboden hinauf und ließen an der Stubendecke die Klappe hinter sich zufallen.

Burgi und Pepperl waren allein.

Über ihren Köpfen pumperte die Decke, und man hörte gedämpft die lachenden Stimmen der Heugäste, die es mit Schlaf und Ruhe nicht eilig hatten.

Unter schwülem Schweigen räumte Burgi den Tisch ab, so daß nur das letzte »Viertele« des Praxmaler-Pepperl noch stehenblieb. Der suchte mit zitternden Händen aus seinem schweinsledernen Ziehbeutel das Geld für die zehn Schoppen heraus und legte die Münzen schön geordnet in Reih und Glied auf den Tisch. »So! Da is mei' Schuldigkeit!« Er packte das Glas und stürzte den Wein hinunter -- das ganze »Viertele« mitsamt der bitteren Träne war nur ein einziger Schluck. Dann stülpte er den Hut über die Kreuzerschneckerln, blies die heißen Backen auf, und ohne die Sennerin eines Blickes zu würdigen, wollte er zur Tür.

Wie die strafende Gerechtigkeit den Verbrecher faßt, mit so jähem Sprung verlegte ihm Burgi den Weg.

Pepperl wurde bleich. Während die zwei so voreinander standen, sich messend mit finsterem Blick, schienen sie alle beide zu ahnen, daß es jetzt ein Unglück geben würde.

Vor Aufregung klang die Stimme des Mädels ganz verändert: »Wart a bißl, du Moralischer, du! Mit dir muß ich was reden!«

»Du? Mit mir?«

»Ja! Ich! Mit dir!«

»Haha!« Pepperl versuchte von oben herab einen Ton anzuschlagen, der ihm nicht gelang. »Wir zwei haben ausgredt mitanand! Und wann schon meinst, du mußt mir was sagen, so such dir an anders Stündl aus! Heut weiß ich mir was Bessers.« Stolz machte er einen Schritt zur Tür.

Burgi war flinker und stieß den Riegel vor. »So! Jetzt probier, ob d' aussi kommst!«

Das ging dem Praxmaler-Pepperl über die geduldige Leber. Er bekam ein zornrotes Gesicht. »Du! Solchene Sachen verbitt ich mir!« Auch fand er gleich für diesen Gewaltstreich das richtige Advokatenwort: »Die perseenliche Freiheit laß ich mir net beschränken!«

»Ghören tät's dir, daß man dich einsperrt!« fiel Burgi mit heißer Erregung ein. »So einer, wie du bist, sollt net freilings umanandlaufen därfen! Dir ghöret a Halsbandl, dir!«

»Natürlich, mit eim Schnürl dran! Daß du mich führen könntst! Aber gelt, mich laß in Ruh! Führ du dein Schwarzlackierten spazieren! Den mit die seidenen Höserln!«

»Du! Du!« Sie ballte die Fäuste und brachte nur mühsam die Worte heraus. »Über den sagst mir nix mehr! Du!«

»Dir sag ich noch viel!«

»Meinetwegen, ja! Aber gelt, mit deiner Tugendhäftigkeit kannst mich auslassen, du! Und mit die Gomorringer! Wann ^die^ ausrucken, bist du als Korporal dabei!«

»Leicht awanzier ich gar noch zum Leutnant!«

»Da hast recht! Du bringst es noch weit! Heut hab ich dich ausstudiert, du scheinheiligs Brüderl, du! Denn so, wie du heut, hat sich net bald einer aufgführt!«

»Ich hab halt was glernt von dir!« erklärte Pepperl höhnisch. »Schlechte Beispieler verderben gute Sitten!«

»Verderben? So? Verderben?« keuchte Burgi, als hätte ihr dieses Argument einen Stoß ins Leben versetzt. »An dir is viel zum Verderben? Meinst? Du bist ja in der besten Schul, bei ^der^! So eine, freilich, die wachst net bei uns. Die muß extra aus Frankreich kommen! Wie's ^die^ versteht! Ah! Pfui Teufi! Net amal Deutsch kann s', die!«

»Ihr Bussel hab ich ganz gut verstanden.«

»So? Hast es verstanden?« höhnte Burgi, während ihr die Tränen in die Augen sprangen. »^Gut^ verstanden? So?«

»Ja! Und sie haben was Extrigs, die franzeesischen Busserln. Da muß ich schauen heut, daß ich ^noch^ eins derwisch. Drum geh von der Tür weg, sag ich!«

»So? Tätst aussi mögen?« Sie machte die Ellbogen breit, um den Riegel zu decken. »Fensterln? Bei der? Dös tät dir halt taugen, dir? Gelt?«

»Und wie! Es taugt ja dir auch net schlecht, wann der ander kommt: Main scheenes Gindd!«

»Und du: Schö wussem, schö wussem!«

»Schö wussem, ja«, schrie Pepperl, »schö wussem! Noch tausendmal sag ich's ihr heut!« Er machte einen drohenden Schritt. »Von der Tür weg!«

»Ich mag net! Na!« Und während ihre Augen immer größer wurden, stemmte sie sich mit dem Rücken gegen die Bretter.

»Gehst weg oder net?«

Sie starrte ihn an, regungslos, mit einem Gesicht, das wie versteinert schien.

Je bleicher sie wurde, desto dunkler stieg dem Praxmaler-Pepperl das Blut unter die Kreuzerschneckerln. »Gehst weg oder net? Ich frag zum letztenmal.«

Sie rührte sich nicht.

Da riß ihm die Geduld. Er machte einen Sprung zur Tür und versuchte Burgi mit der Schulter beiseitezuschieben. Sie klammerte sich an den Riegel, als hinge ihre Seligkeit an diesem Stücklein Holz. Pepperl schob und drückte, bis er den Riegel zur Hälfte frei bekam. Nun riß er ihn auf, und schon klaffte die Tür um einen handbreiten Spalt. Als gält es jetzt einen Kampf auf Leben und Tod, so warf sich Burgi dem Feind entgegen, packte ihn mit der einen Hand an der Brust, mit der anderen an der Kehle und versuchte ihn mit verzweifelter Kraft von der Tür wegzureißen. Und wirklich, Pepperl war von diesem jähen Überfall so völlig überrascht, daß er schon bis in die Mitte der Stube gestoßen war, bevor er noch recht an Widerstand denken konnte. Jetzt erwachte die Wut in ihm. Mit Zucken und Zerren versuchte er sich freizumachen und wurde grob. Doch Burgi hielt ihn mit den Armen umklammert, ihre letzte Kraft erschöpfend, und ließ nicht los. Da begannen sie ein Ringen, wortlos und keuchend. Bei diesem Ringen krümmten und wanden sie sich, Leib an Leib gewachsen, als wären sie nur ein einziger Körper. Dann plötzlich, wie von einem Zauber gelähmt, standen sie regungslos, alle beide. Sie hielten einander mit den Armen noch umschlungen wie im Ringen. Aber sie sahen sich an, erschrocken und bleich, Aug in Auge. Was sie sagen wollten, wurde ein Lallen -- und eines schloß dem anderen die Lippen mit dürstendem Kuß.

Die Stubendecke pumperte über ihren Köpfen, und eine Lachsalve nach der anderen prasselte dort oben im Heu.

Die beiden hörten es nicht. Sie waren auf die Herdbank niedergesunken, hielten sich umklammert und wurden nicht satt von ihren Küssen.

Ein schwüles Aufatmen. »Pepperl --«

»Was, Schatzl?«

»Neulich hat er mich busseln wollen. Da hab ich ihm eine runterliniert.«

»Geh? Is wahr?« Dieses Bekenntnis rührte ihn; sie hätte ihm ihre Liebe nicht besser beweisen können als durch das »Zähntweh« des Kammerdieners. »So a guts Madl, wie ^du^ bist! So was gibt's nimmer auf der Welt! Und dös einschichtige Busserl von der andern? Gelt, dös tust mir net verübeln?«

»Aber gwiß net! Wir müssen froh sein, daß 's bloß an einzigs war! Und ^sie^ hat's ja ^dir^ geben. Da kannst ja ^du^ nix dafür!«

Dankbar zog er sie auf seinen Schoß, und nun waren sie wieder schweigsam.

Auf dem Heuboden schien der übermütigen Gesellschaft allmählich der Schlaf zu kommen. Nur ein paarmal hörte man noch ein leises Gekicher.

Die beiden auf der Herdbank rührten sich nicht -- sie seufzten nur manchmal, heiß und tief.

Kleiner und kleiner wurde das Feuer auf dem Herd. Bevor es in Glut versank, belebte sich knisternd noch eine letzte Flamme und leuchtete rot.

Die Kienfackel an der Wand war schon erloschen; es glostete nur der Stumpf noch ein bißchen, und stille Funken, gleich winzigen Sternchen, fielen von ihm zu Boden.

Fußnoten:

[1] Sehen Sie doch, Jean, was er für hübsche Haare hat! Die sehen aus, als wären sie riesig vergnügt.

[2] Der gefällt mir! Ach, der gefällt mir! Aber! Achtung jetzt!

[3] Teufel, Kerl, du hast Rasse, du!

[4] Die ist verrückt, weiß Gott!

[5] Das war so der richtige Rummel, wie er paßt für die Sommerfrische.

^Neunzehntes Kapitel^

Mitternacht war vorüber.

Dunkel und verschwiegen, mit flimmernden Himmelslichtern, um die sich dünne Nebelschleier zu ziehen begannen, lag die Nacht über dem Tillfußer Almfeld, über Haus und Hütten. Nur manchmal rasselte leis die Glocke eines Rindes. Und wie ein schwermütiges Lied in weiter Ferne, so sang der Wildbach im Tal.

Am Jagdhaus waren zwei Fenster noch erleuchtet, und eines von ihnen stand offen. Die Fenster am Wohnzimmer des Fürsten.

Zwei Augen spähten durch die Nacht zu diesen hellen Fenstern hinauf. Angedrückt an die schwarze Holzwand der Jägerhütte, saß Mazegger auf der Erde und hielt mit den Armen die Knie umschlungen.

Einmal hörte er Schritte dort oben, als ginge der Fürst im Zimmer auf und nieder. Dann war's wieder still.

Nun flackerte an einem dritten Fenster ein Schein auf, nur matt, als würde ein Licht vorübergetragen.

Mazegger stieß die Schuhe von den Füßen, huschte über den Weg hinauf und duckte sich hinter den Hofzaun, dicht, unter dem offenen Fenster.

Droben war eine Tür gegangen.

Und jetzt die ruhige Stimme des Fürsten. »Baronin? Wollen Sie wieder zur Bühne gehen? Studieren Sie die Rolle der Lady Macbeth?«

Ein heiteres Lachen. »Sie noch auf? Das ist eine Überraschung. Hätt ich das ahnen können, so hätt ich meine schlaflose Langweile geduldig ertragen, ohne Sie zu stören. Aber der Band Maupassant, den Martin für mich aussuchte, war zu Ende gelesen, ich wollte einen neuen haben, und da der Bücherschrank in diesem Zimmer steht -- was blieb mir übrig?«

»Bitte --«

»Nein!« Wieder jenes feine Lachen. »Jetzt kein Buch! Da Sie noch auf sind, sollen Sie mir Gesellschaft leisten, bis mir der Schlaf kommt. Sie sind ohnehin der Schuldige, dem ich diese schlaflose Nacht verdanke. Ja! Aber wollen Sie mir nicht eine Zigarette geben?«

Eine kleine Weile war Stille.

»Danke! -- Sie sind müde, Fürst?«

»Ich? Nein!«

»Ich meinte nur, weil Ihre Hand zitterte, als Sie mir Feuer gaben?«

»Sie irren sich, Baronin.«

»Wirklich? Und ich beobachte doch sonst so gut. Aber wie können Sie nur in dieser kühlen Nacht bei offenem Fenster sitzen! Wie unvorsichtig!«

Baronin Pranckha erschien am Fenster. Ihre Gestalt war dunkel im Schatten, doch die halb entblößten Schultern und die von durchsichtigen Spitzen kaum verhüllten Arme waren im Lampenschein von roten Lichtlinien umzogen.

Leis klirrten die Scheiben, als sie das Fenster schloß. Dann verschwand sie wieder. Jetzt hörte man wohl die beiden Stimmen noch, aber es war kein Wort mehr verständlich.