Part 22
Da verfinsterte sich das Glas, Mazegger sah nichts mehr, und als er aufblickte, stand der Förster vor dem Fenster.
Kluibenschädl machte verblüffte Augen. »Was treibst du denn da? Unsere Herrenleut ausspionieren? So was laß bleiben, gelt! Und Uhr hast wohl keine? Sechse is's! Schau, daß in Dienst kommst!«
Wortlos erhob sich Mazegger, schob das Glas zusammen, richtete sich für den Pirschgang und schritt über das Almfeld hinunter. Als er den Wald erreichte, blieb er stehen und blickte nach dem Jagdhaus hinauf. Der Hof war leer, der Fürst und seine Gäste waren ins Haus getreten.
Mazegger nahm den Hut ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Es schien, als wäre er ein anderer geworden. Sein Gesicht brannte, und er atmete wie einer, dem eine Kette von den Gliedern fiel. »Die erlöst mich von ihm! Wenn ^die^ ihm ihre Augen hinmacht, ^muß^ er vergessen! Alles!« Hastig schritt er hinein in den Schatten des Waldes.
Der Förster war zu seiner Hütte gegangen und schürte im Herd ein Feuer an. Er schien zu denken, daß man ihn heute nicht zur Tafel rufen würde. »Schad um den gsparten Hunger!« Aber als er die Pfanne von der Wand herunternahm, erschien Martin in seiner schwarzen Gala: »Durchlaucht lassen zur Tafel bitten!« Während die beiden hinaufgingen zum Jagdhaus, sagte der Förster: »Sie, Herr Kammerdiener! Ihnen hab ich an ernstlichen Vorhalt z' machen. Einige Andeutigungen des Herrn Grafen Sternfeldt lassen mich vermuten, daß Sie mich, wie man zu sagen pflegt, über den Löffel balbiert haben -- mit derselbigen >Überraschung<! Ich muß mir so was für die Zukunft entschieden verbitten! Solchene Sachen mag ich net.«
Martin erwiderte kein Wort. Er warf nur einen scheuen Blick zu den offenen Fenstern des Speisezimmers hinauf, wie in Sorge, daß irgend jemand die geharnischte Erklärung des Försters gehört haben könnte. Es war überhaupt in seinem Wesen etwas Ängstliches, als hätte er die Ahnung, daß ihm heute noch eine Unbehaglichkeit bevorstünde.
Sie traten ins Haus.
Von den Stimmen bei der Tafel drang nur ein undeutlicher Hall in den Hof herunter. Am besten unterschied man die Stimme des Edlen von Sensburg, der das große Wort zu führen schien. Häufig hörte man auch ein helles, perlendes Lachen. Die Fiakerspäße des »kleinen süßen Mucki« schienen die schöne Frau in heitere Laune zu versetzen. --
Je ruhiger der schöne Abend um die Mauern des Jagdhauses dämmerte, desto lauter ging es drunten in der Sennhütte zu, in der sich die junge Touristengesellschaft gemütlich eingerichtet hatte. Vergnügtes Schwatzen wechselte mit Gesang, lustiges Kreischen mit lautem Gelächter, und dazu klimperte und klang eine Zither.
Als es dunkel wurde, kehrte Pepperl von der Pirsche zurück. Lange stand er vor der Tür des Försterhäuschens und lauschte zur Sennhütte hinunter, bis er wütend vor sich hin brummte: »So a Madl! Daß die doch allweil ihr Gaudi haben muß! Mit ander Leut!« Seufzend trat er in die Hütte, legte sein Jagdzeug ab und setzte sich vor die Tür.
Wenn in der Sennhütte die jungen Stimmen recht übermütig durcheinanderschrien, drückte Pepperl die Hände über die Ohren.
Es war finstere Nacht geworden, als Martin mit einer Laterne über den Weg herunterkam, um Herrn von Sensburg zum Fremdenhaus zu führen.
Ein paar Minuten später erschien der Förster und hörte von der Sennhütte her das Singen und Jodeln. Fast wäre er in der Finsternis über Pepperls Beine gestolpert. »Geh, du Leimsieder! Was hockst denn da in der Nacht? Wo's so lustig zugeht bei der Burgi drunt? Mach weiter, geh a wengerl abi und tu dich unterhalten. Brauchen kannst es, du mit deiner maulhenkolischen Traurigkeit allweil!«
Pepperl war ein allzu gehorsamer Jäger, als daß er einem so klaren Befehl seines Vorgesetzten hätte widersprechen können. »No ja, wenn S' meinen, es muß sein, in Gottsnamen, geh ich halt abi!«
»Aber bleib net z'lang! Morgen in der Fruh um fünfe mußt mit'm Herrn von Sensburg zur Gamspirsch auffi!«
»Mit dem? Da dank ich schön! Vor dem laufen die Gamsböck auf tausend Schritt davon! Wo soll ich denn hin mit ihm? Zum Sebensee?«
»Na, na! Grad hat's der Herr Fürst gsagt: überall kann er hingehn, bloß net zum Sebensee. Gehst halt hin, wo d' meinst, er verdirbt nix. Und schießen kannst ihn lassen, auf was er mag. Treffen tut er eh nix, der! Aber jetzt geh, Pepperl, und sei vergnügt!«
»No ja! Meintwegen!« Pepperl seufzte, als wäre für ihn der Weg zur lustigen Sennhütte eine »viel härtere Sach« als die Gemspirsche, die ihm für den kommenden Morgen drohte. Stolpernd verschwand er in der Nacht.
Der Förster zündete in der Hütte die Lampe an. Da hörte er einen Wagen kommen. Es war ein Einspänner aus Innsbruck, der das Gepäck des Grafen brachte. Kluibenschädl lief zum Jagdhaus hinauf. Am Wohnzimmer des Fürsten mußte er ein paarmal pochen, bis man ihn hörte -- so erregt, wenn auch mit gedämpften Stimmen, wurde da drin gesprochen.
Als der Förster den von einer großen Lampe erleuchteten Raum betrat, saß Graf Sternfeldt in einem Fauteuil, und Ettingen stand mitten im Zimmer. So hatte Kluibenschädl seinen Herrn noch nie gesehen: mit dieser Zornader auf der Stirn, mit diesen blitzenden Augen. »Ich bitt um Vergebung, Duhrlaucht, aber ich hab nur dem Herrn Grafen melden wollen, daß seine Sachen eintroffen sind.«
Ettingen nickte, als hätte er nicht recht gehört. Und zum Fenster tretend, preßte er die Hand an seine glühende Stirn.
»Ja, lieber Förster, ich danke Ihnen«, sagte Sternfeldt und erhob sich, »lassen Sie drunten im Fremdenhaus die Sachen einstweilen in mein Zimmer schaffen, ich komme gleich. Es ist Zeit für mich, daß ich mich aufs Ohr lege. Ich bin müd und merke, daß ich meinen alten Knochen mit diesem Ritt mehr zugemutet habe, als ihnen lieb ist. Na, hoffentlich schlafe ich heut in meinem delogierten Bett so gut, als ob es noch an seinem alten Platz stünde.« Lachend trat er zum Schreibtisch und brannte eine Zigarre an. »Also, lieber Förster, ich komme gleich.«
Kluibenschädl streifte zum Abschied seinen Herrn mit einem scheu besorgten Blick.
Eine Weile war's still im Zimmer. Ettingen blickte durch das Fenster in die sternhelle Nacht hinaus. Obwohl die Scheiben geschlossen waren, konnte er den heiteren Spektakel hören, den die junge Gesellschaft drunten in der Sennhütte trieb.
Sternfeldt blies den Rauch seiner Zigarre vor sich hin und betrachtete das erlöschende Zündholz, als wäre er neugierig, wie lang der kleine Funke, der von der Flamme zurückgeblieben, noch glimmen würde.
Ettingen, an die Auseinandersetzung anknüpfend, in der sie durch den Eintritt des Försters unterbrochen wurden, sagte: »Von allem, was du mir vorgehalten, kann ich kein Wort widerlegen. Aber versetze dich in meine Lage, Goni! Sie sind meine Gäste. Das bindet mir die Hände. Auch wenn ich mir hundertmal sage: ich habe sie nicht gerufen. Das Zusammenleben mit diesen beiden empfinde ich selbst wie etwas Unerträgliches. Und du hast recht, am leichtesten wäre da mit einem rücksichtslosen Wort ein Ende gemacht. Aber das bring ich nicht fertig. Ich kann meine Natur nicht auf den Kopf stellen. Damit mußt du rechnen.«
»Ja, ich habe in meiner Rechnung einen Fehler gemacht. Während ich da heraufritt, daß mir und dem Pferd der Atem ausging, hab ich mit jeder Eigenschaft in dir gerechnet, nur nicht mit deiner Höflichkeit. Die ist zu klassischer Vollendung ausgebildet. Wäre ich ein Dieb, ich würde bei ^dir^ einbrechen. Da wär ich eines liebenswürdigen Empfanges sicher. Sollte dir der unhöfliche Gedanke kommen, mich aus dem Haus werfen zu lassen, dann dürfte ich nur sagen: Mein Herr, ich bin unter Ihrem Dach und fühle mich als Gast! Tableau! Und ich würde an deiner Tafel sitzen und bekäme von dir die Schüssel gereicht wie heut die Pranckha.«
»Du marterst mich! Laß diese Scherze!«
»Ich? Scherzen? Mir ist so ernst, wie einem Menschen nur sein kann, der einen Freund in Gefahr weiß.«
»Gefahr? Ach, geh doch!« erwiderte Ettingen fast unwillig. »Ich fühle mich an Leib und Seele so frei, als hätte mich nie ein Wunsch meiner Sinne an diese Frau gefesselt. Sie ist mir so völlig fremd geworden, daß ich sie ansehen und mich erschrocken fragen kann: Wie war's nur möglich, daß ich sie geliebt habe? -- Was fürchtest du also?«
»Ihre Schönheit! Denn schön ist sie. Das muß ich ihr lassen. Und noch etwas anderes macht mich unruhig: deine Erregung. Wenn du deiner so sicher bist, weshalb diese Erregung? Das versteh ich nicht.«
Ettingen antwortete nicht gleich. »Ja, du hast recht! Ich könnte doch wirklich die Posse, die mir diese beiden Menschen ins Haus brachten, mit kalter Ruhe an mir vorüberspielen lassen! Und doch ist ein Aufruhr in mir --«
»Ja, Heinz, in dir ist etwas, das sich meinem Blick verschließt. Und das beunruhigt mich. Es ist da noch etwas anderes als nur dein Widerwille, den du übrigens bei Tisch zur Genüge hast merken lassen, trotz deiner Höflichkeit als Wirt. Der süße Mucki war blind dafür. Dem geht nicht so leicht was durch die dicke Haut. Aber ^sie^ hat gemerkt, wie sie dran ist. Der erste, lächelnde Empfang, den sie dir bereitete, ließ mich vermuten, daß sie dich in aller Liebenswürdigkeit ein paar Wochen blockieren will, um dich im Anblick ihrer Reize knusperig zu rösten. Nun wird sie ihre Taktik ändern. Sie weiß, daß deine Höflichkeit mit dem Ekel kämpft, und da ist sie klug genug, um diese Stimmung in dir nicht wachsen zu lassen. Sie wird die gründliche Aussprache, die du bei deiner vornehmen Gastlichkeit gerne vermeiden möchtest, so rasch wie möglich herbeiführen.« Ein sarkastisches Lächeln. »Vielleicht schneller, als du denkst! Mit einem Gewaltstreich, den ich ihr zutraue.«
»Was meinst du damit?«
»Das soll ich dir noch erzählen?« Sternfeldt lachte. »Nein, lieber Heinz!« Er zerdrückte die Zigarre in der Aschenschale und trat vor Ettingen hin. Jeder spottende Zug war ausgelöscht in seinem Gesicht. »Du ^bist^ erregt! Mach draußen in der kühlen Nacht noch einen Bummel! Oder -- auf deinem Schreibtisch liegt der Quartalbericht deines Verwalters -- setz dich heute noch drüber, Heinz! Da hast du drei, vier Stunden nüchterne Arbeit. Das wird dich beruhigen.« Wieder lächelte er. »Dann geht's ja auch auf den Morgen zu. Ja, Heinz? Willst du das?«
Ettingen reichte dem Freunde die Hand, ohne ein Wort zu sagen.
»Na also, ruhige Nacht!«
Dunkle Röte war dem Fürsten ins Gesicht gestiegen, als hätte er jetzt verstanden, wie der Rat des Freundes gemeint war.
»Goni? Du denkst nicht gut von mir!«
»Von dir? Doch, Heinz!« Sternfeldt lächelte. »Aber von ^ihr^ nicht.« Er wollte schon die Tür öffnen. Der Ausdruck seiner Züge verriet, daß er mit einem Entschluß kämpfte, der ihm nicht leicht wurde. Und dann erwachte in seinen ernsten Augen ein Blick von so mildem Feuer, daß Ettingen betroffen zu ihm aufsah.
Sternfeldt hob den linken Arm und streifte die Manschette zurück. »Sieh her, Heinz, was ich habe!« Er trug am Handgelenk eine Goldkette mit kleinem Medaillon. »Ein Talisman, den ich seit fünfzehn Jahren trage! Es hat eine Zeit gegeben, in der ich ein Spielzeug jeder Stunde war, die mir das Blut heiß machte. Dann kam eine Wandlung über mich, es ist rein in mir geworden, klar und still. Seit damals trag ich diese Kette. Der Talisman, den die Kapsel enthält, hat mich seit fünfzehn Jahren vor aller Häßlichkeit des Lebens bewahrt. Und dieser Talisman hätte auch Macht über ^dich^. Ich möchte ihn dir geben. Aber ich kann die Kette nicht abnehmen, sie ist angeschmiedet an meinem Arm -- weißt du, ich will sie mitnehmen auf meinen letzten Weg. Aber willst du nicht sehen, was die Kapsel enthält?« Er trat zum Schreibtisch und hielt den Arm in das Licht der Lampe. »Komm her, Heinz!«
Schweigend öffnete Ettingen die goldene Kapsel und sah in ihr das Miniaturbild einer Frau, noch schön, obwohl sich schon graue Fäden in das Braun der welligen Haare mischten, mit ernsten, ruhigen Augen und einem Leidenszug um den lächelnden Mund. »Das Bild meiner Mutter?«
»Das sagst du wie in Schreck? Daß ich deine Mutter liebte? Hast du das nie geahnt?«
»Und meine Mutter?« stammelte Heinz.
»Sie war mir gut. Ich glaube, sie wäre glücklich geworden an meiner Seite. Aber sie ^war^ glücklich, auch ohne mich. In ihrer Liebe zu dir. Und sie wies mich ab, weil sie ganz ihrem Sohne gehören wollte. Aus dir einen Mann zu machen, frei, glücklich und stolz -- mehr wollte sie nicht von ihrem Leben. Dafür konnte sie jedes Opfer bringen, auch das Opfer ihres Frauenherzens. -- Heinz? Verpflichtet solche Liebe nicht? Und begreifst du nun meine Sorge um dich? Soll deine Mutter umsonst gelebt haben?«
»Goni --«
»Nein! Jetzt wollen wir nicht weiterreden. Nachdem ich dir das gesagt habe, gibt es kein Wort mehr!« Sternfeldt legte die Hände auf Ettingens Schultern und sah ihm in die Augen. »Gute Nacht, Heinz!« Dann ging er.
Ettingen blieb in einer Erregung zurück, die ihn erschütterte bis ins innerste. Da weckte ihn ein Geräusch im anstoßenden Raum. Eine Furche grub sich in seine brennende Stirn. Als er die Tür des Schlafzimmers aufstieß, gewahrte er den Lakai, der das Bett für die Nachtruhe seines Herrn bereitgemacht hatte und mit einem Sprühflakon durch das Zimmer ging, um ein schwül duftendes Parfüm in die Luft zu stäuben. »Was machen Sie da?« fragte Ettingen mit erzwungener Ruhe. »Ich habe Sie nicht gerufen.«
»Bitte, Durchlaucht«, stotterte Martin, »mein Dienst --«
»Dienst? Bei mir? Ich habe Grund zu vermuten, daß Sie im Dienst der Baronin Pranckha stehen. Fremde Dienerschaft will ich für meine Person nicht belästigen. Sie können gehen. Morgen wird Praxmaler den Dienst bei mir übernehmen.«
Mit aschfahlem Gesicht verbeugte sich Martin, und während er aus dem Zimmer ging, riß Ettingen das Fenster auf. Die frische Nachtluft hauchte in den schwülen Raum und trieb, als die Tür geöffnet wurde, den süßen Wohlgeruch in den Flur hinaus und hinter dem Lakaien her, dessen Frackschöße in der Zugluft wehten. Eine Weile stand Martin ratlos, mit geballten Fäusten. Da sah er die kleine Französin aus dem Zimmer der Baronin treten und hörte sie noch sagen: »_Je vous souhaite la bonne nuit, madame[1]!_«
Lautlos huschte er auf das Mädchen zu: »_Mam'zell Fifi?_«
»_Hein?_«
Ob die Baronin noch zu sprechen wäre?
Für den guten treuen Martin? Gewiß.
Er pochte an die Tür.
»_Entrez!_«
Martin trat ein. Als er einige Minuten später das Zimmer wieder verließ, schien seine Sorge beschwichtigt. Er trug die Nase hoch und lächelte. Während er über die Treppe hinunterstieg, hörte er das kichernde Gezwitscher der Französin.
Sie stand mit Sensburgs Leibjäger im Hof. Der heitere Lärm, der von der Sennhütte heraufklang, reizte ihre Neugier. »_Je veux voir ça, moi[2]!_«
Zu diesem Wunsche zuckte Martin hoheitsvoll die Schultern. Der »Stall« dort unten wäre kein Aufenthalt für »feine Leute« -- in »solche« Gesellschaft könnte man unmöglich gehen, ganz unmöglich.
Fifi verzog das hübsche Mäulchen und lachte. »_Moi, ça m'est bien égal, qu'on puisse y aller ou pas y aller. Vous m'y conduiserez, n'est-ce pas, Jean[3]?_«
»_A votre service, mam'zelle!_« erwiderte der Leibjäger galant und bot ihr den Arm.
Während Martin seine Stube aufsuchte, wanderten die beiden kichernd über das Almfeld hinunter.
Droben am Himmel schneuzte sich ein Stern, und gleich einer dünnen Feuerrute fuhr's über die Berge hin.
Fußnoten:
[1] Ich wünsche der gnädigen Frau gute Nacht.
[2] Das will ich sehen.
[3] Mir ist das ganz egal, ob man da hingehen kann oder nicht. Sie werden mich hinführen, Jean, nicht wahr?
^Achtzehntes Kapitel^
Einige Stunden früher.
Es dämmerte über dem Tal der Leutasch, und vom Kirchturm tönte der Abendsegen über die stillen Häuser hin und hinaus über die von zartem Nebel behauchten Wiesen. Auf der Straße lag schon die Ruhe des schläfrig gewordenen Tages. Nur ein paar junge Burschen stapften mit ihren qualmenden Pfeifen an den Zäunen entlang, manchmal nach einem Fenster spähend, hinter dem ein Licht brannte.
Da kam ein Jäger hastigen Ganges durch das Dorf herunter. Mazegger. Keuchend ging sein Atem, und in Unruh blickte er über die Straße aus. Sein Schritt verzögerte sich, je näher er dem Hause der Frau Petri kam. Um das Klappen seiner Schuhe verstummen zu machen, trat er in den mit Gras bewachsenen Straßengraben hinunter. Als er den Zaun des Hauses erreichte, das vom Duft seiner Blumen umflossen war, duckte er sich und schlich an der Holunderhecke hin, um eine Lücke zu finden, durch die er in den Garten blicken könnte.
Am Hause waren die Fenster der Wohnstube schon erleuchtet. Man sah durch die hellen Scheiben in den friedlichen Raum mit seinen Bildern und Geräten und sah, wie Frau Petri den Tisch deckte und die Tassen stellte.
Dunkler und dunkler sank die Dämmerung über Haus und Garten. Zwischen den Beeten klang die Stimme Los: »Zwei Kannen noch, dann wird's genug sein.«
Am Brunnen klapperte der Schwengel, das Wasser plätscherte, im Kiese knirschten die Schritte der Magd, und nun ließ sich das leise Brausen des über die Blumen fallenden Sprühregens vernehmen.
Dann war's still im Garten.
Während die Magd das Gerät und die Kannen in der Tenne verwahrte, machte Lo einen Rundgang um die Beete und durch den Obstgarten. In einem Sommerhäuschen, das dicht am Zaun auf einem kleinen Hügel stand, ließ sie sich nieder. Hier konnte sie über die dunklen Wiesen weit hinausblicken bis zur Waldscharte des Geißtals, über dem der Himmel mit seinem letzten Licht noch zwischen den schattenblauen Bergen leuchtete.
Da klang eine gepreßte Stimme über den Zaun: »Guten Abend, Fräulein!«
Lo sah über der gestutzten Holunderhecke das bleiche Gesicht mit den funkelnden Augen. Sie verließ das Sommerhäuschen. »Guten Abend!« sagte sie, wie man einen Fremden grüßt, und ging auf das Haus zu.
Der Pfad führte am Zaun entlang, und so konnte Mazegger über der Hecke draußen gleichen Schritt mit ihr halten.
»Aber eilig haben Sie's heut!« Der Jäger lachte. »Ich bin halt nicht der ander mit'm Krönl im Schnupftuch! Da tät sich's freilich rentieren, daß man stehenbleibt. Da hätt man Zeit eine ganze Nacht lang. Wie draußen beim Sebensee. Gelt, ja?«
Schweigend folgte Lo ihrem Weg.
»Ich komm von Tillfuß. Da sollten Sie doch ein bißl neugierig sein, was los ist bei Ihrem hochgeborenen Courschneider! Könnt sein, daß ich was zu erzählen hätt. Wirklich? Gar nicht neugierig?«
Er wartete auf Antwort. Vergebens.
Nun lachte er wieder, gallig und rauh. »Jetzt kommt er so bald wohl nimmer zum Sebensee! Jetzt hat er keine Zeit mehr -- für Sie! Heut hat er Besuch bekommen. Und was für einen! Eine Baronin. Billiger tut er's nicht, wenn's ernst wird. Ich hab mir allweil gedacht, es gäb nichts Schöneres auf der Welt, als Sie sind. Aber ^die^! Aaah! Was die für ein Lachen hat! Und wie sie ihn frißt mit ihren sündschönen Augen! Da müßt der ägyptische Joseph drüber stolpern. Und Joseph ist ^der^ doch keiner! Gelt? Die vornehmen Herren, die halten's gern mit der Abwechslung. Heut Butterbrot und Sebenseeblümln, morgen wieder Salami mit Pfeffer.«
Lo hatte den Pfad verlassen. Quer durch die Wiese schritt sie auf das Haus zu. Was der Jäger ihr nachrief, verstand sie nicht mehr. Nur sein Lachen hörte sie noch. Als sie zur Haustür kam, mußte sie sich an die Mauer stützen. Diese Schwäche währte nicht lang. Ruhigen Schrittes trat sie ins Haus. Lichtschein fiel aus der Küche in den Flur und über die Bilder hin, welche die Mauer bedeckten.
Während Lo zur Stube ging, berührte sie eines der Bilder mit der Hand, als wäre das Trost und Kraft für sie: die Leinwand zu fühlen, auf der ein reiner und schöner Gedanke ihres Vaters Form und Farbe gewonnen.
Nun trat sie in das helle Zimmer, in dem Frau Petri noch mit dem Tisch beschäftigt war.
»Heut kommst du früher als sonst. Bist du draußen schon fertig?«
»Ja, Mutter. Mit allem.«
Beim Klang dieser Stimme blickte Frau Petri betroffen auf. Sie sah das weiße, vom Schmerz berührte Gesicht, die verstörten Augen, und fragte erschrocken: »Kind? Was hast du?«
»Nichts!«
»Das sagst du mir und kannst mich doch nicht ansehen dabei!« Vor Sorge zitterte die Stimme der alten Frau. »Kind?«
»Ich bin erschrocken. Draußen im Garten, dicht vor meinen Füßen, kroch eine Natter über den Weg.«
»Nein! Das hätte ^mich^ erschrecken können. Nicht dich! Vor einem Tier zu erschrecken, das nur unschön ist, nicht gefährlich, das ist nicht deine Art. Sag mir, was du hast! Und sieh mich an!«
Ein Lächeln erzwingend, hob Lo die Augen.
»Kind! Ich fühle doch, daß es nur ein Gleichnis war, was du vorhin von der Natter sagtest. Draußen im Garten ist etwas geschehen, was dich kränkte. Das war so abscheulich, daß du es deiner Mutter nicht sagen magst. Ich kann mir's denken! Ein dummer oder böser Mensch wird ein Wort gesprochen haben, das etwas in dir verletzte, was dir lieb und heilig ist.«
»Ja, Mutter! Etwas, an das ich glaube, wie ich an den Vater glaube und an dich!«
»Gelt, ich hab's erraten?« Frau Petri atmete, als läge ihr ein Stein auf der Brust. »Schon die ganze Zeit her -- und was mir gestern der Bub erzählte, vom Jagdhaus -- Kind, ich bitte dich, diese Sorge mußt du mir ausreden! Gelt, nein? Es ist nicht so, wie ich fürchte? Wenn ich recht hätte mit meiner Sorge, das wäre ein Unglück für dich und für uns alle! -- Kind?«
Lo wollte sprechen und brachte kein Wort über die Lippen. Auf die Holzbank niedersinkend, brach sie in Schluchzen aus.
Schweigend setzte Frau Petri sich an die Seite ihres Kindes, nahm die Weinende in den Arm und streichelte ihr das Haar.
Noch ehe Frau Petri sprechen konnte, hatte Lo ihre Fassung wiedergefunden. Sie trocknete die Augen, und nur noch ein schmerzliches Lächeln irrte um ihren Mund, als sie ruhig sagte: »Mutter! Wir müssen fort von hier.«
»Fort?«
»Ja. Weil ich ihn liebe.«
»Ach, Gott!« stammelte die alte Frau. »Was ist über mich schon alles gekommen! Und jetzt auch das noch! Mein Kind muß ich leiden sehen und kann ihm nicht helfen. So ein Unglück!«
»Nein, Mutter!« Lolos Augen leuchteten in stillem Glanz. »Was ich fühle, ist das Herrlichste eines Menschenherzens. Es wird mein Leben erfüllen wie die Sonne einen klaren Tag. Ist Liebe weniger schön und reich, weil sie nicht hoffen darf? Kein Unglück, nein! Was ich fühle, ist Glück. Nur Zeit mußt du mir vergönnen, um mich wiederzufinden, um so stark und mutig zu werden, daß ich ihm ruhig begegnen und verbergen kann, was in mir brennt. Nur deshalb will ich fort. Ein paar Wochen. Ich bitte dich, Mutter, tu mir das zuliebe!«
»Ja, Kind! Alles, was du willst. Und wohin möchtest du?«
»Das war immer eine Sehnsucht in mir: Vaters Heimat kennenzulernen, das Haus sehen, in dem er geboren wurde.«
»Ja! Da reisen wir hin.«
»Und dann, Mutter, gehen wir nach München.«
»München?« Vor den Augen der alten Frau erwachte bei diesem Wort das Bild ihrer bittersten Lebensjahre. Wie scheue Abwehr klang es aus ihrer Stimme: »Kind?«
»Das müssen wir, Mutter! Was wir über Vater erfuhren, hat eine Pflicht auf uns gelegt. Die Welt soll die Schätze sehen, die unser Haus umschließt, und soll lieben lernen, was Vater unter diesem Dach geschaffen hat. Deshalb müssen wir nach München.«
»Ich seh es ein. Das sind wir seinem Namen schuldig. Aber -- Ach, Lo! Wieder hinein in den alten Kampf und in die neue Sorge! Und es war so friedlich hier! Bei unserem Erinnern und bei seinen Blumen!«
Lo legte den Arm um den Hals der Mutter. »So wird es auch bleiben, immer! Wenn wir heimkehren, werden wir nur reicher sein um eine Freude.«
»Gott soll's geben!« Frau Petri seufzte; ihr Herz wurde nicht leichter. Sie hatte es verlernt, an die Hoffnung zu glauben. Als nach allem Kampf der früheren Jahre die Ruhe gekommen war, hatte sie diesen Frieden nicht recht genießen können, weil sie immer fürchten mußte: er wird nicht dauern. Hatte sie nicht recht gehabt mit dieser Furcht? Noch war die Trauer um ihren Mann nicht still geworden. Und da kam nun das wieder! Der hoffnungslose Schmerz ihres Kindes! Und was würde ^dann^ kommen? Was stand ihr noch alles bevor an Leid und Weh? »Ach, ja!« Die Hände fielen ihr schwer in den Schoß. »Wann willst du reisen?«