Das Schweigen im Walde: Roman

Part 21

Chapter 213,810 wordsPublic domain

Mazegger lächelte und spähte gegen das Fürstenhaus hinauf. Als er in seine Hütte trat, warf er die Büchse auf das Bett, verriegelte die Tür und riß mit zitternden Händen das kleine Fenster auf. In der dunklen Stubenecke setzte er sich rittlings auf einen Sessel und legte neben sich das Fernrohr auf den Herd. Durch das offene Fenster konnte er das Fürstenhaus und den ganzen Weg überblicken, der von droben herunterführte zum Fremdenhaus. Er sah den Praxmaler-Pepperl mit einem Kutscher drei rotlederne Koffer ins Fremdenhaus hinuntertragen. Martin erschien mit jenem Herrn, dem der »unsinnige Gamsbart« wie ein Generalsbusch auf dem Spitzhut schwankte. Um die Schultern hatte er einen leichten Staubmantel hängen, offen, so daß man den grün und rehbraun karierten Jagdanzug sehen konnte, dessen Kniehosen sich mit handbreiten Hirschlederborten um die moosgrünen Strümpfe schlossen. In der Hand trug er ein Lederetui, das sich ansah wie eine plattgedrückte Pfanne. Er war von mittelgroßer Gestalt, rund genährt und dennoch von unruhiger Beweglichkeit, mit eigentümlich wiegendem Gang.

Mazegger richtete das Fernrohr und sah durch das Glas ein nicht mehr junges, aber rosiges, vergnügt zufriedenes Gesicht mit großen wasserblauen Augen. Das aschblonde Haar war wellig in die Schläfen gekämmt, eine dicke Locke stahl sich an der Stirne unter dem Hutrand hervor, und auf den roten Lippen saß ein kunstvoll dressiertes Schnurrbärtchen, das sich kräuselte wie eine zierliche Arabeske.

Martin schien die Gegend zu erklären, und bei allem, was er sagte, ließ der Fremde ein wunderliches Lachen hören, hoch und kichernd, wie das Hämmern eines Spechtes.

Nun kamen die beiden über den Weg herunter.

»Ah ja, die Gegend ist wirklich großartig! So was von Beag! Was? Und schaugn S' den Wald an, Moatin, so was von Grrrünitätt!« sagte der Fremde zwischen Lachen und Getänzel in einer Sprache, die an den Jargon der Wiener Fiaker anklang und manchmal an den Ton der Börse erinnerte. »Aber Aufenthalt und Verpflegsqualitätt? Schlechte Zensur? Was? Ainigermaaasen prrrimitifff, scheint mir? Nuuuhr für Natuuuhr, fescher Walzer mit Variationen in Moll für Geißtaler Jagdhausgebrauch. Nna, die Jagd, hoff ich, rrreißt alles heraus! Prima? Was?«

»Ja, Herr von Sensburg, die Jagd soll vorzüglich sein. Durchlaucht haben zwar die Pirsche noch wenig frequentiert, aber es ist Durchlaucht doch gelungen, gleich auf dem ersten Pirschgang einen schönen Hirsch --«

»^Guten^ Hirsch!«

»-- einen guten Hirsch und bei der nächsten Pirsche zwei kapitale Gemsböcke zur Strecke zu bringen.«

»Aber! Moatin! Sie schröcklicher Keal! ^Gamsböck^ haaßt's! Schenieren Sie sich! Ainigermaaasen mangelhafte Weidmannsbüldung? Was? Hehehehe!«

»Verzeihen Herr von Sensburg -- und bitte, wollen Sie mir nicht das Racket zu tragen geben?«

»Sssss! Zucker! Nicht anrühren! So was will getragen sein! Hehehehe! Nna alsdann, zwaa Gamsböck? _A la bonheur_! Da sind ja die Aussichten großoatig! Sie, Moatin, da mach ich gleich muagen die easte Piasch! Aber einen feschen Jager bitt ich mir aus. Bei mir wird schoaf gestiegen! Schoarrfff! Und wann ich am Abend den Gams hambring, bitt ich mir aus, daß a bißl aufgmischt wird in diesem sterilen k. k. Landeswinkel! Hehehehe! Wissen S', was ich haben möcht? So eine zwanglose _fête champêtre_! Stilvoll mit Erdgeruch! Jager, Holzknecht, Sennerinnen, stramm gwaxene Diandln, Ziederngspüll und Natuajodler, kuaz, was man sagt: eine Hetz! Aber ächt, das bitt ich mir aus! Kan Salontiroler! Den Wein zahl ich! _Crédit en blanc_! Wenn's nur eine Hetz wiad! Die Baronin soll sich amusieren! Hehehehe! Und ich hab eine volkstümliche Ader, ich mische mich gean unter die haiteren Öllemente derer, die dort unten wohnen! Aber sagen S', Moatin, ich hab schon immer da beim Herauffahren diese bucklige Gegend beaugenwinkelt -- wo wird sich denn da für ein zivilisiertes Menschenkind ein nur ainigermaaasen brauchbarer Lawn fürs Tennis finden?«

»Ich glaube, dort unten auf der Lichtung, da ist eine ziemlich ebene Stelle.«

»Anschauen!«

Die beiden Stimmen verhallten hinter der Jägerhütte.

Mazegger legte das Fernrohr auf den Herd. Eine Weile saß er regungslos und starrte zum Jagdhaus hinauf. Dann lehnte er sich müd an die Wand zurück und preßte die Handballen in die Augenhöhlen, wie einer, der seit Nächten keinen Schlaf gefunden und den die Augen schmerzen.

Eine Stunde verging. Martin, der grünverschnürte Leibjäger und Praxmaler liefen immer hin und her zwischen der Fürstenvilla und dem Fremdenhaus. Droben in der Haustür erschien ein paarmal die kleine Französin, guckte neugierig nach den Jägerhütten oder schwatzte eine Minute mit den beiden Dienern.

Eben standen die drei wieder beisammen, als der Förster über das Almfeld heraufgestiegen kam. Er gewahrte die fremden Leute, schlug ein flinkeres Tempo an und trat an das offene Fenster der Jägerhütte.

»He! Toni!«

Mazegger stand am Tisch und reinigte mit einem Lappen den Lauf seiner Büchse.

»Was sind dös für Leut da droben? Is wer kommen? A Bsuch zum Herrn Fürsten?«

»Ja, mir scheint.«

»Wer denn?«

»Ein Herr Sensburg. Und eine Baronin.« Mazegger wandte das Gesicht über die Schulter. »Die Kutscher sagen: die wär so schön wie der selbig Engel, der grad noch rechtzeitig vom Himmel gefallen wär, um dem heiligen Antoni aus der Versuchung zu helfen.« Die Fäuste des Jägers umklammerten die Büchse. »Sonst wär vielleicht der Teufel Herr über ihn worden!«

»Geh, du Narr, was redst denn da für a Zeug daher!« brummte der Förster. Dann sah er zum Jagdhaus hinauf und kraute sich hinter den Ohren. »So, schön! Jetzt is d' Überraschung da, und der Herr Fürst is net daheim!« Er ging zu seiner Hütte und traf mit Pepperl zusammen, der in gereizter Stimmung war.

»Grüß Gott, Herr Förstner! Und gut, daß S' da sind!« Pepperl trat in die Hütte und griff nach der Büchse. »Ich muß auf d' Abendpirsch!«

»No, no, no! Was hast denn?«

»Schwarze Mucken im Schädel. Die muß ich ausfliegen lassen.«

»Du tust ja grad wie a verliebter Kaplan, der net heiraten därf.«

»So?« Brennende Röte flog über das Gesicht des Jägers. »Kunnt schon sein, daß ich weiß, wie dem z'mut is!«

Kopfschüttelnd sah ihm der Förster nach. Dann ging er zum Stall hinunter. Noch hatte er den Platz nicht erreicht, wo die Wagen standen, als er auf dem Weg, der von der Ache über die Lichtung heraufführte, zwei Reiter auf abgehetzten Pferden kommen sah. Den einen erkannte Kluibenschädl auf den ersten Blick -- das war Graf Goni Sternfeldt. Den Hut schwingend, in Freude, lief der Förster ihm entgegen. »Herr Graf! Ja, grüß Ihnen Gott, Herr Graf! Wie kommen denn Sie daher?«

Sternfeldt winkte mit der Reitpeitsche und versetzte dem Pferd einen Hieb. Das Tier war ausgepumpt und konnte nicht mehr; es machte nur ein paar kurze Galoppsprünge und fiel wieder in müden Schritt. Der Reiter saß ohne Spur von Ermüdung im Sattel, trotz des schweren vierstündigen Rittes und trotz seiner fünfzig Jahre. Er trug einen flachen Strohhut, einen lichtbraunen Sommeranzug von modischem Schnitt und Lackschuhe, alles grau verstaubt -- ein Anzug, der eher für einen behaglichen Bummel auf dem Bürgersteig der Großstadt passen mochte als für einen Ritt, der dem Pferde den weißen Schaum aus Hals und Flanken getrieben hatte.

Der lebhaften Gestalt nach hätte man den Grafen für einen Dreißiger nehmen können. Aber Haar und Bart -- ein glattgeschnittener Spitzbart, der das schmale Gesicht verlängerte -- waren schon völlig ergraut, beinahe weiß. Die klugen grauen Augen waren von wulstigen Brauen überschattet, das einzig Derbe in diesem vornehm gezeichneten Rassegesicht. Die Anstrengung des Rittes hatte das Gesicht gerötet, dessen ernste Erregung die sarkastischen Linien nicht verwischen konnte, die tief um den feingeschnittenen Spöttermund und um die Augenwinkel gezogen waren.

Ehe das Pferd noch anhielt, sprang er aus dem Sattel und warf die Zügel dem Reitknecht zu, der ihm folgte. »Grüß Sie Gott, lieber Förster!«

»Grüß Gott, Herr Graf!« Kluibenschädl quetschte die Hand, die ihm Sternfeldt gereicht hatte. »Weil S' nur wieder da sind, Herr Graf! Und die Freud, die der Herr Fürst haben wird! An Zwölfender hat er auch schon! Und zwei sakrische Gamsböck!«

Dieser weidmännische Erfolg schien den Grafen nicht sonderlich zu interessieren. Er fragte hastig und erregt: »Der Fürst hat heute Besuch bekommen? Natürlich, da stehen ja die Wagen. Aber sagen Sie mir --« Sternfeldt zog den Förster aus der Hörweite des Reitknechtes. »Wie hat der Fürst diesen Besuch empfangen?«

»Der Herr Fürst weiß noch gar nix von der Überraschung, die heut eintroffen is. Er is net daheim!«

»Nicht daheim? Und daß sie heute kommt? Das wußte er nicht?«

»Net a Wörtl! Na!«

»Gott sei Dank! Und wo ist er?«

»Draußen im Sebenwald. Aber jeden Augenblick muß er heimkommen.«

»Ich muß ihn sprechen, bevor er nach Hause kommt. Welchen Weg müssen wir nehmen?«

»Da über d' Lichtung aussi, durch'n Tillfußer Wald.«

»Und er hat keinen anderen Heimweg? Wir müssen ihn treffen? Sicher?«

»Vom Sebenwald eini, da gibt's kein andern Weg.«

Der Graf wandte sich an den Reitknecht. »Führen Sie die Pferde in den Stall!« Er reichte ihm eine Banknote. »Das gehört Ihnen für die halbe Stunde, die wir gewonnen haben. Aber jetzt sorgen Sie für die Tiere so gut wie möglich! Sie sollen frottiert werden, bis sie völlig trocken sind, und sollen kein Futter und keinen Trunk bekommen, bevor sie nicht ruhige Lungen haben! -- Kommen Sie, Herr Förster!«

Während Graf Sternfeldt über die Lichtung hinausschritt gegen den Wald, klopfte er mit der Reitpeitsche den Staub von den Beinkleidern. Und Förster Kluibenschädl murrte: »Sakra! Da muß was los sein! Mir scheint, die Gschicht mit der Überraschung stimmt net ganz!«

Fußnoten:

[1] Ach, Jean, sehen Sie doch, ein fürstlicher Jäger! Und solch ein prachtvoller Riese! Ein echter Tiroler, nicht wahr? Ein Typus der Rasse! Und so hübsch, daß sich die Weiber auf der Straße nach ihm umdrehen müssen.

[2] Ach, wie reizend! Wie drollig das alles ist, Jean, Jean, wir wollen lustige Streiche nach dem Dutzend machen, hier in der Sommerfrische!

^Siebzehntes Kapitel^

In lautloser Stille lag der Tillfußer Wald. Unter den Bäumen war tiefer Schatten, doch um die Wipfel glühte noch der Glanz der Sonne, die sinken wollte. Wie goldfunkelnde Riesenmauern, von purpurnen Schattenlinien durchzogen, standen die grellbeleuchteten Berge hinter den Lücken des Waldes.

Auf einem Baum, den der Sturm geworfen hatte, saßen Graf Sternfeldt und der Förster. Nicht weit von ihnen zweigte sich der Pfad -- der eine Weg führte zur Jagdhütte im Sebenwald, der andere zur Sebenalpe und zum See. Diesen letzteren Pfad konnte man auf eine weite Strecke übersehen.

Je länger die beiden warten mußten, desto ungeduldiger wurde Sternfeldt.

»Endlich! Da kommt er!« Der Graf erhob sich. »Bleiben Sie, Herr Förster, ich geh ihm entgegen!«

In Gedanken versunken, behaglich schlendernden Ganges, kam Ettingen über den Pfad heruntergeschritten. Sein Hut war rings um die Krempe mit Blüten besteckt, mit Edelrosen vom Sebensee.

»Heinz!«

Ettingen blickte auf, als könnte er dem Klang dieser Stimme nicht glauben. Da leuchtete ihm die Freude aus den Augen. »Goni! Du?« Er stieß den Bergstock in die Erde und streckte dem Freund die Hände entgegen. »Du? Wahrhaftig? Goni, die Freude, die ich habe! Sagen kann ich das nicht -- aber sieh mich an, und du mußt es fühlen!«

»Ja, Heinz!« Tiefe Bewegung klang aus der Stimme des Grafen. »So deutlich wie in diesem Augenblick hab ich es noch nie empfunden, daß du mir gut bist!«

»Goni? Hast du je daran gezweifelt?«

»Nein. Aber wer Geld besitzt, will auch wissen, wieviel es wert ist, und freut sich der Stunde, die ihn zählen läßt. Solch eine Zählstunde war jetzt der Blick in deine Augen! Aber dich so sehen zu dürfen, das hat noch eine andere Freude für mich. Heinz? Was ist aus dir geworden?«

»Ein gesunder, froher Mensch. Das hab ich dem Wald zu danken. Und dir! Du warst es, der diesen herrlichen Fleck Erde für mich aussuchte. Und du weißt nicht, was du da alles für mich gefunden hast! Ich danke dir, Goni! Aber was machst du denn für Augen?« Lachend beugte Ettingen das Gesicht bis dicht vor die Nase des Freundes. »Ich bin es schon! Wirklich! Ja, ja, ja!«

»Daß du so gesund vor mir stehst, so sonnverbrannt, so lachend? Das allein ist es nicht! An dir ist was Neues. Wär ich dir so in der Stadt begegnet, ohne zu ahnen, daß du das bist, ich glaube, ich hätte dich auf den ersten Blick gar nicht erkannt. Wie ein ganz anderer stehst du da! Und der neue Heinz gefällt mir! Aus deinen Augen redet Leben und Wille zur Freude -- nein, jetzt habe ich keine Sorge mehr um dich. Jetzt kann ich dir sagen, warum ich kam. Ich bringe dir eine Nachricht, Heinz! Denk dir -- sie ist da!«

»Wer?«

»Aber Heinz! Errätst du denn nicht?«

»Nein! Wer ist da?«

»Diese Frage begreif ich nicht. Aber du hättest mir kein Wort sagen können, das ich lieber gehört hätte, als dieses ahnungslose: >Wer?< -- Die Pranckha ist da. Draußen im Jagdhaus.«

Der Fürst erblaßte. So standen sie eine Weile schweigend voreinander. Dann stammelte Ettingen: »Das ist stark!«

Sternfeldt lachte. »Du weißt doch aus Erfahrung: in Dingen, die stark sind, ist sie groß!«

»Sie kam allein?«

»Gott bewahre! Sie muß den Schein wahren. Um so mehr, da sie >ehrbare< Absichten zu haben scheint.«

»Sie ist mit dir gekommen?«

»Heinz! Das ist eine Frage, die mich verdrießen könnte!«

»Sei mir nicht bös! Ich weiß in meiner Empörung nicht mehr, was ich rede.«

»Empörung? Wirklich? Was dich blaß machte und dir das Blut wieder ins Gesicht treibt? Ist das nur Empörung?«

»Was sonst? Aber ja, Goni, ich will ehrlich sein, es ist noch etwas anderes!« sagte Ettingen mit bebender Stimme. »Was ich jetzt empfinde, ist wie Schmerz. Dieses Vergangene, dieses Häßliche -- vor einer Stunde noch war es so ganz vergessen, als wär es nie gewesen. Nun steht es plötzlich da vor mir! Ich hatte das Gefühl wie nach einem Bad, als wär ich reingewaschen an Leib und Seele. Und jetzt? -- Mir ekelt! -- Aber wenn sie nicht allein kam? Mit wem kam sie?«

»Mit dem kleinen süßen Mucki.«

»Den soll ich auch noch ertragen?« Ettingen lachte in Zorn. »Die Geschichte fängt an, mich zu erheitern. Aber du? Daß ^du^ mit ihnen kamst?«

»^Mit^ ihnen? Nein! ^Nach^ ihnen! Gestern mittag brachte mir der biedere Mann, von dem ich in meiner ahnungsvollen Vorsicht ihre Villa überwachen ließ, die Nachricht: mit dem Frühzug sind sie abgereist, Salonwagen nach Innsbruck. Am Abend saß ich im Coupé, kam heute mittag in Innsbruck an. Drei Stunden früher waren sie vom Hotel Europe abgefahren. Ich erinnerte mich an Shakespeare: ein Königreich für ein Pferd. Und da bin ich! Und bin neugierig, was du tun wirst? -- Nun?«

»Ich bin ratlos, Goni!«

»Ich wüßte dir einen Rat. Aber du befolgst ihn nicht.«

»Ja, Goni! Jeden, den du mir gibst!«

»Dort steht der Förster. Laß dich von ihm nach Ehrwald führen, jetzt gleich! Drunten nimm dir einen Wagen, fahre nach Garmisch, nach München! Oder bleibe in Ehrwald, bis ich dich wieder rufe. Was du brauchst, schick ich dir noch heute hinunter, durch einen Jäger, nicht durch Martin!« Sternfeldt lachte. »So schmerzlich es für dich sein wird, aber von diesem Ehrenmann wirst du dich trennen müssen. Er ist ihr Helfer gewesen.«

»Martin?«

»Ja! Er hat dich neulich auf die Jagd geschickt, und während du fort warst, wurde meine Stube in ein Boudoir für die Pranckha verwandelt! Also? Soll ich den Förster rufen? Und willst du noch ein übriges tun, so schreib mir auf eine Visitenkarte: >Mache mein Haus rein, Goni, und ich werde dir dankbar sein!< -- Willst du?«

»Nein!«

»Siehst du, wie ich dich kenne?«

»Sie ist unter meinem Dach, sie ist mein Gast. Und ich habe diese Frau geliebt. Eine Roheit an ihr begehen, um sie abzuschütteln? Nein! Das kann ich nicht.«

»Roheit? Ich danke für das Kompliment. Aber ich bin nicht gekränkt. Ich vermute sogar, daß du schon morgen für meinen Rat empfänglicher sein wirst. Du hast sie geliebt, ja! Und daß du von dieser Liebe geheilt bist, das glaub ich auch. Nur die Blindheit ist dir geblieben. Aber ich, Heinz, ich habe diese Person gehaßt. Um deinetwillen! Und der Haß hat Augen. Ich kenne sie. Besser als du. Ohne Gewaltstreich wirst du mit der nicht fertig. Sei vornehm, wohlerzogen, höflich, und in drei Tagen hat sie dich wieder eingefangen.«

»Da irrst du dich.«

»Beweis es mir, und ich leiste dir Abbitte. Aber nun weißt du, daß die beiden unter deinem Dach sind, und deiner vornehmen Seele muß es als Unhöflichkeit erscheinen: liebe Gäste so lange warten zu lassen. Komm!« Lachend ging Sternfeldt auf Kluibenschädl zu. »Na also, lieber Förster, fertig zum Heimweg! Unsere gute Durchlaucht hat über ernste Dinge nachzudenken. Aber wir beide plaudern? Ja? Was macht die Jagd? Und wo ist der Zwölfender gefallen?«

»Droben beim Sebensee, Herr Graf! Und wann S' dös Gweih sehen --«

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie laute Stimmen im Wald vernahmen. Über den Weg, der zur bayerischen Grenze, zur Knorrhütte und zur Zugspitze führte, kam mit Lachen, Schwatzen und Singen eine lustige Touristengesellschaft herunter, vier junge Leute mit dick angepackten Rucksäcken, und zwei hübsche Mädchen, zu deren runden, vergnügten Grübchengesichtern die Maskerade des ländlichen Kostüms nicht übel paßte. Pfundweis trugen sie die Blumen auf Hüten und Bergstöcken.

Ob das der richtige Weg nach der Tillfuß-Alpe wäre? fragten sie den Förster.

Nur immer gradaus, und sie könnten nicht fehlen.

Und ob in der Sennhütte für sechs Leute Platz zum Übernachten wäre?

»Natürlich! Auf'm Heuboden halt! Da liegen S' gut!«

Das wirkte auf die heitere Gesellschaft, als hätte man ihr eine köstliche Sache in Aussicht gestellt. Lachend und singend wanderten die jungen Leute davon und begrüßten das Ziel ihres Marsches mit Jauchzern und Jodelrufen, von denen mancher etwas zweifelhaft ausfiel. Das gab Anlaß zu neuer Heiterkeit. Schwatzend musterten sie die Wagen, guckten in den Stall und grüßten einen Kutscher: »Guten Abend, Herr Vetter!« Als sie an Mazeggers Hütte vorüberkamen, blickte eines der Mädchen neugierig durch das offene Fenster in die Stube. Kichernd fuhr die Kleine zurück, winkte ihrer Freundin und flüsterte: »Du, da mußt hineinschauen, da sitzt einer drin, der macht ein Gesicht wie der Hamlet nach dem Monolog: Sein oder Nichtsein!« Als die andere mit lachenden Augen in die Stube spähte, fuhr Mazegger auf: »Was wollen Sie? Machen Sie, daß Sie weiterkommen!« Die Folge war, daß von den jungen Touristen einer nach dem anderen ans Fenster trat und sich höflich verbeugte: »Habe die Ehre!« Und dann ging's mit Gelächter hinunter zur Sennhütte.

Mazegger hatte im ersten Zorn das Fenster zugeschlagen. Als die lustigen Stimmen verklangen, öffnete er die Scheiben wieder und kehrte zu seinem Lauerposten neben dem Herd zurück.

Rittlings saß er auf dem Holzstuhl. Seine Augen schienen nichts anderes zu sehen als Tür und Fenster des Fürstenhauses.

Da schoß ihm das Blut ins Gesicht, und hastig griff er nach dem Fernrohr.

In der Tür des Jagdhauses war Baronin Pranckha erschienen. Während sie über die Stufen herunterstieg in den Hof, stützte sie sich auf die Goldkrücke ihres Spitzenschirmes. Sie trug eine Sportmütze aus schottischer Seide und ein weißes Lodenkleid mit breitem Ledergürtel von schillerndem Kupferglanz. Faltenlos, wie angegossen, umschmiegte der linde Stoff den schönen Frauenkörper, der bei aller Grazie leicht zur Fülle neigte. Der langsame Gang war von weichlicher Geschmeidigkeit; bei jedem Schritt, bei jeder leisen Bewegung der Arme, bei jedem Wenden und Neigen des Kopfes schien der ganze Körper mitbewegt. Und wie dieses Haar in der Sonne schimmerte! Es war nicht blond, nicht rot, es hatte den dunklen Farbenglanz, den sterbende Blätter an einem schönen Herbsttag haben. In seiner kapriziösen Modefrisur, in dem lockeren Gewell, das sich über die Schläfe hinauslegte, umschloß dieses Haar gleich einer leuchtenden Goldhaube ein rundes Gesichtchen, wie von Watteau gemalt, weiß und rot, mit zarten Grübchen und bläulichen Schatten, mit den klar gezeichneten Sicheln der dunklen Brauen und mit heißen Lippen. Diese Farben wirkten wie Natur. Waren sie Kunst, dann verstand sich diese Frau wie eine Meisterin auf das _corriger la beauté_. Bei der rosigen Frische dieser Farben hatte das Gesichtchen etwas jugendlich Unreifes, fast Kindliches. Dem widersprachen aber die feinen, wie mit der Nadelspitze gezogenen Linien an den Mundwinkeln. Und die Augen! Ihre Farbe war ein erloschenes Blau. Doch in der matten Iris brannten die großen Pupillen schwarz und feurig wie die Beeren der Tollkirsche.

Und wie diese Augen in nervöser Ungeduld flackerten, während sie beim Hoftor stand, mit der Schirmspitze im Sand wühlte und immer hinunterspähte über den Weg! Dann plötzlich lachte sie, mit perlender Stimme, vergnügt wie ein Kind, das in gereizter Laune mit einem Spielzeug überrascht wird.

Sensburg kam über den Weg herauf, »jagerisch« maskiert, mit Joppe, grüner Weste und kurzer Lederhose, mit genagelten Schuhen und mit Wadenstrümpfen, die mit dicker Wolle unternäht waren, um hinter den Knien den »echten« Buckel zu machen. An der Joppe trug er Hirschhornknöpfe, die ein spannenlanges Knopfloch brauchten, und an der Uhrkette baumelten silbergefaßte Adlerklauen, Hirschgranen und Murmeltierzähne. Die Knie mußte er mit irgendeiner Tinktur gefärbt haben; sie waren wie Kastanien so braun. Er ging nach der Art eines Holzknechtes, breitspurig und die Arme schlenkernd.

Mazegger konnte das heitere Lachen der schönen Frau und ihre Stimme hören, als sie in einer fremden Sprache -- es war Englisch -- dem anderen etwas sagte. Das mußte ein Kompliment gewesen sein, denn der »Jagerische« verbeugte sich geschmeichelt, und um seiner Rolle recht getreu zu werden, versuchte er das Wortkauen eines steirischen Kretins nachzuahmen. Dann fiel er, nach ein paar englischen Floskeln, wieder in den Wiener Fiakerton und lachte: »So ein Gstell? Was? Is ein Gstell! Eisssen! Und echter man kann nicht! Aber Sie, Baronin? Ausschauen tun S' heint wieder, ich sag Ihnen, Baroninderl, großoatig! Zucker!« Galant umtänzelte Sensburg die schöne Frau und begann mit gustiöser Ausführlichkeit ihre Reize zu preisen. »Und denken, daß diese heazige Schennheit für einen anderen blütt? Das ist schmeazhaft, Baronin, wiaklich schmeazhaft!« Er verdrehte die Augen und seufzte. Um die schöne Frau wieder lachen zu machen, spielte er eine drollige Pantomime als hoffnungslos schmachtender Seladon. Es schien in dieser Posse auch ein Funke von Ernst zu glimmen: die ohnmächtige Sehnsucht eines verliebten Narren, der begehrt, was unerreichbar ist.

Sah sie dieses Flämmchen brennen, und hatte sie Ursache, zu wünschen, daß es nicht erlosch? Lächelnd reichte sie ihm die Hand, an der in der Sonne die Ringe blitzten, und ließ sie küssen. Plaudernd und lachend wanderten sie im Hof des Jagdhauses auf und nieder, und sooft sie kehrtmachten, tänzelte Sensburg auf die linke Seite der Baronin.

Da sah Mazegger durch das Fernrohr, daß die schöne Frau verstummte. Ihre Züge veränderten und spannten sich, ihre Augen wurden größer. Diese Erregung löste sich in ein bezauberndes Lächeln, als sie mit Sensburg zum Hoftor ging. Im gleichen Augenblick hörte Mazegger die Stimme des Fürsten, der mit Sternfeldt an der Hütte vorüberkam.

Mazegger huschte zum Fenster, kniete auf den Boden nieder und stützte das Fernrohr, damit es in seinen unruhigen Händen nicht zittern konnte. Schwer atmend richtete er das Glas auf das Gesicht der schönen Frau und belauerte jeden Blick ihrer Augen.

Den Grafen schien sie nicht gern zu sehen; als er sich lächelnd vor ihr verbeugte, nagte sie mit den kleinen blinkenden Zähnen an der Lippe. Ganz verwandelt schien sie, als sie auf den Fürsten zutrat, dem Sensburg schwatzend entgegengegangen war. Wie sie da lächelte, wie alles lebte und sprühte in ihrem Gesicht! Und dieser Blick! Wie eine Bitte, welche schenkt, demütig und sieghaft -- ein Blick, der zu sagen schien: »Ich will dich, darum bist du mein!«