Part 19
»Geht mich, ja, gegeht mich schon was an!« versicherte Brenntlinger mit solchem Eifer, daß er zu stottern begann. »Wenn dös der Füfürst gwesen is -- zu dem geh ich auffi. Dem muß ich, ja, muß ich was verexpipilixieren.«
Pepperl verlor die Geduld. »Kreuz Teufi, jetzt hör amal auf und lus mir zu! Wann d' auffi gehst zum Fürsten, wirst aussi gschmissen vom Herrn Kammerdiener. Verstehst mich!«
»Kammerdiener? So so? Und is der auch so, ja, so nobel, der?«
»Der wird wohl nobel sein!« Pepperl lachte mit zornrotem Gesicht. »Hat seidene Hösln an! Und Schnallenschuh! Wie der Mesner bei der Leich.«
»Schnallenschuh? Und seidene Hösln?« staunte der Alte. »Ah, der muß aber nobel sein!«
»Und gestriegelte Haar hat er! Und deiner Burgi steigt er nach? Verstehst mich? Deiner Burgi steigt er nach!«
Langsam drehte Brenntlinger sich auf der Bank herum und fragte mit aufgeregtem Stottern: »Bu -- Buburgi? Is dös wahr?«
»Ja, dös is wahr!« erklärte Burgi und warf eine Handvoll Salz in den Nockenteig.
»Hörst es jetzt?« schrie Pepperl wie ein Verrückter. »Wahr is, was ich gsagt hab! Und anschmalgen tut er's! Anschmalgen, daß er's heiraten tät!«
Die Aufregung des Alten wuchs. »Bu -- Buburgi? Is dös wahr?«
»Wahr is's! Ja!« fuhr die Sennerin mit gereizter Stimme auf. »Den ganzen Tag hockt er da in der Hütten und pumpert die halben Nächt am Kammerfenster. So verliebt is er! Wahr is, wahr is, wahr is!«
Über den Tisch hinüber packte Pepperl den Arm des Alten. »Hast es ghört, Brenntlinger? Jetzt denk, daß du der Vater bist, und daß dich rühren mußt in deiner Verantwortigung. Verstehst mich? So! Jetzt red!«
Stolpernd schob Brenntlinger sich hinter dem Tisch hervor, und warnend hob er den Finger. »Bu -- Buburgi! Dös muß ich dir sagen, hörst! Da sei fein gscheit. Den laß nur nimmer aus! Da kannst dein Glück machen, ja, dein Glück! Dös is a Nobliger! Wann gscheit bist, machst dein Glück!«
In sprachloser Verblüffung starrte Pepperl den Alten an und fuhr sich mit beiden Händen durch die Kreuzerschneckerln. Dann sprang er auf und rüttelte den Brenntlinger, als müßte er mit Gewalt in ihm das schlummernde Gefühl der väterlichen Verantwortung aufwecken. »Mensch? Was redst denn da? Er lügt ja dein Madl an! Jagdverwalterin tät's werden! Ja, Schmarrn mit Lakrizensoß! Alles is verlogen! Und dös dumme Gansl glaubt's ihm. Du? Verstehst mich bald? Und du bist der Vater! Du!« Pepperl rüttelte, daß dem Alten die Zähne klapperten. »Rühr dich, Vater! Rühr dich a bißl!«
»Da rühr ich mich, ja! Wann er mein Madl anlügt, rühr ich mich! Da nimm ich an Avakatn! Da muß er zahlen, der! Dös is a Nobliger! Der hat Geld! Und wann er net zahlt, so muß der Herr Fürst, jaaa, der Herr Fürst muß zahlen. Der hat Geld!«
Pepperl sah aus, als hätte man ihm Asche ins Gesicht geworfen. Mit zitternden Händen knöpfte er die Joppe zu. »Jetzt kenn ich mich aus!« Das Wasser schoß ihm vor Zorn in die Augen. »Ös seids mir zwei ^saubere^ Leut! Pfui ^Teufi^ mitanand!« Er spuckte aus. »Da wär ich in a ^schöne^ Verwandtschaft einikommen!« Er wußte wohl nicht, was er redete. Der Zusammenhang dieses empörten Wortes mit der selbstlosen »Verantwortigung«, die der Praxmaler-Pepperl auf seine moralischem Schultern genommen hatte, war dunkel, war völlig unbegreiflich.
Wütend packte er seinen Hut und verließ die Sennstube.
Mit großen Glotzaugen sah Vater Brenntlinger ihm nach. »Wawas, was hat er denn?«
Burgi wurde kreidebleich. Sie ging auf den Alten zu und faßte ihn am Arm. »Vater! Marschier ins Kammerl eini! Und tu dich schlafen legen! Auf der Stell! Denn daß d' mir nüchtern solchene Sachen sagen könntst, dös glaub ich net. Und hast dein Dampus ausgschlafen, so reden wir weiter! Vorher kein Wörtl nimmer! Tu dich schlafen legen!«
»Schlafen? Warum denn schlafen? Ganz munter bin ich, ja, und tu ich mich soviel freuen mit, ja, mit dein Glück!« Er guckte an ihr hinauf. Als er ihr Gesicht und ihre Augen sah, erschrak er und mummelte begütigend: »Ja ja ja, sei nur zfrieden, Burgerl! Muß ich halt schlafen, ja! A Stünderl schlafen!« Seufzend stolperte er über die Kammerschwelle.
Burgi ging zum Herd. Auf die Steine niedersinkend, brach sie in Schluchzen aus.
Und droben im Försterhäuschen saß der Praxmaler-Pepperl hinter dem Ofen, bürstete mit den Fäusten die Augen und würgte nach Luft. Die Selbsterkenntnis war erschreckend in ihm aufgegangen. »So an Esel, wie ich einer bin! Auf so a Weibsleut reinfallen! Mar und Joseph!« Lärm und Stimmen weckten ihn aus diesem Jammer seiner Liebe -- aus einem Katzenjammer, der das Merkwürdige hatte, daß ihm kein Rausch vorausgegangen war.
Mit den Jägern und Treibern war der Förster gekommen, aufgeregt, fassungslos über den sonderbaren Ausfall der Jagd, die doch »wie am Schnürl« gegangen war. Drei Hirsche waren angesprungen, kein Schuß war gefallen, und auf dem Fürstenstand hatte man keinen Jäger gefunden, nur einen Wettermantel, den Feldstecher und die Büchse. »Mensch, um Christiwillen, was is denn da passiert?«
Als Pepperl mit zerknirschter Miene berichtete, was sich ereignet hatte, und daß die Geschwister droben im Jagdhaus beim Herrn Fürsten wären, klang in der Stille, mit der die Leute lauschten, ein schallendes Gelächter.
Der Förster drehte das Gesicht. »Aber Toni? Bist denn übergschnappt?«
Mazegger gab keine Antwort. Während er hinunterschritt zu seiner Hütte, sahen ihm die anderen verwundert nach.
^Fünfzehntes Kapitel^
Warm leuchtete die Mittagssonne in das weiße Zimmer. Mit glühendem Gesichtl lag der kleine Patient in den Kissen, nachdenklich und verträumt. Soviel auch die beiden plauderten, die an seinem Bette saßen -- Gustl sprach kein Wort. Und wenn ihn die Schwester fragte: »Warum bist du so still, Bubi? Hast du Schmerzen?« -- dann schüttelte er den Kopf und sah sie mit glänzenden Augen an.
Nebenan, im Wohnzimmer des Fürsten, deckte Martin den Tisch. Das hatte Ettingen so angeordnet, damit Lo in der Nähe des Bruders bleiben könnte. Lautlos verrichtete der Lakai seine Arbeit und lauschte dabei mit seinen Fuchsohren auf jedes Wort, das im anstoßenden Zimmer gesprochen wurde. Doch er hörte nichts, was er für seine getreuen Zwecke in Vormerkung hätte nehmen können. Da wurde, bald mit ruhigem Ernst, bald wieder mit heiterem Geplauder, von Natur und Kunst gesprochen, von Leben und Menschen, von Dorf und Stadt, vom Sebensee und vom Leutascher Tal, von einem sonnigen Morgen und einer stürmischen Nacht. Aber so unverfänglich auch für Martins Ohren diese Gespräche waren, er zog doch immer wieder die Brauen hoch. Nicht der Text, sondern der Ton machte für ihn die Musik. Diese beiden Stimmen hatten immer einen so seltsam innerlichen Klang, als läge in jedem gesprochenen Wort noch etwas heimlich Verborgenes.
Der Tisch war bereit. Martin wartete mit der Uhr in der Hand. Punkt ein Uhr trat er mit Würde über die Schwelle des anstoßenden Zimmers. »_Monsieur le prince est servi!_«
Ohne das Geplauder zu unterbrechen, erhob sich Ettingen und reichte Lo den Arm. Bei der Tür nickte er dem Patienten lächelnd zu: »Ich sorge schon für dich!« Als sie in das Wohnzimmer traten, sah Ettingen den Tisch an und fragte erstaunt: »Aber Martin? Da sind ja nur zwei Gedecke? Wo ist der Förster?«
Keine Miene zuckte in dem ernsten Gesicht des Lakaien. »Ich dachte -- wenn aber Durchlaucht befehlen --«
»Natürlich!« Ettingen ging mit Lo zum Tisch. Da sah er auf dem Gesims des Waffenschrankes ein Bild stehen, in olivgrünem, von matten Goldfäden durchzogenem Rahmen: die mit zarten Farben überhauchte Radierung nach dem Böcklinschen Gemälde. »Mein >Schweigen<! Wahrhaftig! Da hab ich es!« rief er in Freude. »Martin? Wann ist das Bild gekommen?«
»Gestern, Durchlaucht. Ich hab es ausgepackt. Da ich nicht wußte, welchen Platz Durchlaucht für das Bild befehlen, hab ich es einstweilen hierhergestellt.«
»Gut! Ich danke, Martin!«
Der Lakai verließ das Zimmer.
Ettingen rückte das Bild gegen das Fenster, damit es in besserem Lichte stünde. Dabei sah er nicht, daß über Lolos Züge ein Schatten von Wehmut ging, als hätte der Anblick des Bildes eine schmerzliche Erinnerung in ihr geweckt.
»Sehen Sie, Fräulein: ein Bild, das ich liebe! Das Schweigen im Walde, von Meister Böcklin.«
Lo nickte.
»Nicht wahr, ein herrliches Bild? Wie das redet in seiner Ruhe, in der Fülle seiner stummen Gedanken!«
»Ja! Das Kunstwerk eines Meisters, der nicht nur zeigen will, der auch viel zu sagen hat.«
»Und wie wenig er braucht, um viel zu sagen! Ein paar Baumstämme, fast ohne Äste. Und dennoch glaubt man den ganzen, tiefen, vielhundertjährigen Wald zu sehen. Und dieser Gegensatz der Beleuchtung: hier im Wald das Dunkel des Abends, fast schon die Nacht, und draußen in der Ferne noch der leuchtende Himmel. Und die kleinen und scheuen Lichter, die von draußen hereinschleichen durch die dichten Zweige. Sind sie nicht wie sehnsüchtige Träume? Wie die Wünsche eines Menschen, der das grelle Licht und den wirren, schmerzenden Lärm des Tages satt bekam und nach Frieden verlangt, nach Ruhe, nach stiller Schönheit? Und wie reichlich der Wald das alles gibt! Ich hab es erlebt an mir selbst! Dieses Schweigen im Walde, wenn draußen der Tag versinkt -- wie das heilt! Wie das beruhigt! Wie schön das ist! Man hört keinen Laut. Dennoch fühlt man, als hätte dieses Schweigen hundert Stimmen. Jede redet zu uns und sagt uns ein neues Wort. Wie muß der Künstler allen Zauber der Waldstille empfunden haben, um ihn so überzeugend zu verkörpern: in der ernsten Schönheit dieser Waldfee, die auf dem Einhorn reitet! Hat dieses Tier nicht etwas Urweltliches an sich? Gerade so wie der Wald, wie alles Werden und Wandern in der Natur? Und sehen Sie nur: wie dieses Horchen auf das Ewige, dieses träumende Märchenlauschen aus den schönen Augen der Waldfrau redet!«
»Das? Eine Waldfrau? Eine Verkörperung aller Schönheit des von Ruhe erfüllten Waldes? Meinen Sie?« fragte Lo beklommen. »Ich habe das Gefühl, daß Sie in dieses Bild etwas hineinlegen, was aus ^Ihnen^ kommt. Das ist milder und freundlicher als der Gedanke dieser Gestalt. Der ist viel strenger. Ich meine, daß sich der Künstler dachte: das ist die Natur, die Natur selbst! Jetzt ruht sie, hat die Hände im Schoß und betrachtet, was sie in hundert Jahren, die bei ihr eine Minute heißen, geschaffen hat. In solcher Ruhe ist ihr Auge schön, träumerisch und sinnend. Aber --«
»Ein Aber?« fiel ihr Ettingen mit lächelndem Schreck ins Wort. »Fräulein Lo, ich warne Sie! Über diese Augen dürfen Sie mir nichts Böses sagen. Ich habe dieses Bild immer bewundert. Um dieser Augen willen hab ich es liebgewonnen. Den Blick solcher Augen hab ich gesehen, in Wirklichkeit! Den hab ich erlebt. Ich selbst! An diese Augen glaub ich. Aber sprechen Sie, ich bitte, was wollten Sie sagen?«
Sie war befangen und vermochte nicht gleich zu sprechen. »Diese Augen sind schön, jetzt in der Ruhe, in dem Wohlgefallen, das die Natur an ihrer eigenen Schöpfung empfinden muß! Aber sehen Sie den Körper dieses Weibes an! Dieses Übermenschliche an ihm! Die ruhende Kraft! Um den herrischen Mund liegt etwas Gewalttätiges und unerbittlich Grausames. Und das ^mußte^ der Künstler so zeigen, denn die Natur ist grausam, wenigstens im Sinne von uns Menschen, die wir den Schmerz so schwer ertragen. An der Natur ist die Unerbittlichkeit eine Eigenschaft wie die Schönheit, wie die Kraft, wie jede andere. Die Natur ^muß^ grausam sein, wenn sie das Verbrauchte beseitigen und das Neue schaffen, wenn sie bestehen und nicht altern will. So schön die Natur in der Ruhe sein kann, es redet doch immer etwas aus ihrem Gesicht wie eine unheimliche Drohung. So wirkt auch dieses Bild auf mich. Es weckt ein Gefühl in mir wie Angst, wie das Bangen vor einer Gefahr, die mir nah ist, und an die ich doch nicht glauben kann, weil ich soviel Schönheit sehe.«
Sinnend betrachtete Ettingen das Bild. »Sie haben recht. Jetzt, da Sie es gesagt haben, fühl ich es auch. Dieser harte, herb geschlossene Mund scheint sagen zu wollen: sieh, wieviel Schönheit dich umgibt in der Ruhe des Waldes, aber dieses stille Träumen wird nicht mehr lange dauern, der Wald hat seinen Zweck erfüllt und ließ den Samen fallen, aus dem das Neue wächst -- komme morgen wieder, und was du heute noch siehst, wird alles verschwunden sein, gefallen im Sturm, versunken in Asche! Sehen Sie nur, dieser Baum! Der hat schon eine Wunde wie von einem schweren Steinschlag. Wie er blutet! Der Baum muß sterben. Und das Eichhörnchen, das über den Stamm hinaufklettert, wie in Schreck und Angst? Ich habe nie recht begriffen, was der Künstler mit diesem Tierchen wollte. Jetzt versteh ich es. Das kleine Ding empfindet die Gefahr, die aus dem schweigenden Gesicht der Natur zu ihm redet, und weiß in seiner dunklen Sorge nicht, wohin es sein winziges Leben flüchten soll. Armes Geschöpf!« Er schwieg eine Weile. Dann sagte er plötzlich: »Da Sie den Gedanken dieses Bildes so tief erfassen -- wie müßte erst das Original auf Sie wirken, mit der Kraft seiner Farbe!«
»Das hab ich gesehen.«
»Wo? Und wann?«
»Vor vier Jahren, im Sommer, als Papa mich mit nach München nahm, um die Ausstellung im Glaspalast zu besuchen. Da war auch dieses Bild. Und noch drei andere Werke Böcklins, das >Schloß am Meer<, die >Toteninsel< und das >Spiel der Wellen<.«
»Welchen Eindruck müssen diese Bilder auf Sie gemacht haben!«
»Ich habe das noch heute so in Erinnerung, als hätt ich es gestern erlebt.« Lolos Stimme wurde leiser. »Ich denke nicht gern an jenen Tag. Es knüpft sich an ihn eine Erinnerung, die mir weh tut.«
»Fräulein?«
»Als Papa diese Bilder sah, wurde er seltsam still. Dann nahm er meine Hand, drückte sie, daß es mich schmerzte, und sagte: >Sieh, Lo, was ich immer will, ^der^ da, der kann es! ^Das^ ist ein Großer! Das ist Kunst!< Dabei war sein Gesicht so vergrämt, so trostlos -- er hat lang gebraucht, um das zu überwinden.« Mit feuchtem Blick sah Lo zu Ettingen auf. »Daß er so gering von seiner eigenen Kraft und so groß von dem Können des anderen denken konnte? Das spricht doch für ihn selbst? Hochmütig ist nur der Stümper, nur der Unfähige kann Neid empfinden. Wer in sich selbst das rechte, heilige Feuer brennen fühlt, kann mit neidloser Bewunderung zu der reicheren Kraft eines Größeren aufblicken.«
Ettingen fühlte ihre beklommene Erregung. Das schmerzte ihn, und er suchte nach einem Wort, das sie beruhigen könnte. »Ihr Vater hatte unrecht, sich so klein zu fühlen! Ein Bild wie das da hätte auch Ihr Vater schaffen können, der die Natur so sehr verstand -- gerade Ihr Vater -- wenn auch in anderer Form, doch mit dem gleichen, künstlerischen Wert, mit der gleichen Fülle der Gedanken!«
»Mit dem gleichen Gedanken?« Sie schüttelte den Kopf. »Mein Vater? Nein! Er war in seinem Wesen ein völlig anderer. In allen Bildern Böcklins liegt etwas Herbes und Unerbittliches, bei aller Schönheit, die er schuf. In ihm ist ein Stück Natur, die das Schöne nur erschafft mit dem Gedanken an die Zerstörung, der es verfallen muß. Sie kennen doch gewiß das Selbstporträt Böcklins?«
»Auf dem er sich malte, wie ihm der Tod sein Geheimnis ins Ohr flüstert?«
»Ja! Dieser Todesgedanke redet bei ihm aus allen Bildern, verläßt ihn nie und macht, daß er gering vom Wert des Lebens und von der Schwäche alles Menschlichen denkt. Deshalb wählt er auch mit Vorliebe seine Stoffe aus einer Zeit, in der die Kraft noch alles war und das Leben sich abspielte wie ein wilder leidenschaftlicher Kampf. Sehen Sie nur dieses Bild an! Scheint dieses Weib nicht sagen zu wollen: >Sieh her, kleiner Mensch, wie groß und stark ich bin! Ich zwinge das wilde Tier, das mich tragen soll, wohin es mir beliebt. Willst du herrschen und ein König deines Lebens werden, dann mußt du sein, wie die Natur ist, stark und rücksichtslos!< -- Das ist ein Gedanke, den mein Vater als Künstler nicht aussprechen konnte.«
»Auch nicht als Mensch!« fiel Ettingen ein, mit einer Wärme, die nicht nur aus seiner Stimme, auch aus seinen Augen redete. »Was ich vorhin sagte, war ein törichtes Wort. Vielleicht war es auch ein wenig unehrlich. Ich wollte Ihnen über eine schmerzliche Stimmung weghelfen und sehe, daß Sie so überflüssiger Hilfe nicht bedürfen. Ihr Vater, ja, war anders als der Große, der dieses Bild da schuf. Deshalb nicht der Kleinere und Schwächere. Es ist etwas Schönes um die Kraft, die den Sieg erzwingt. Aber Sieg ist auch Glück. Und Glück hat nicht jeder, der es verdient. Und solche Mißgunst der launischen Göttin mit einem stolzen Lächeln zu verwinden, wie das Ihr Vater konnte -- alle Enttäuschung des Lebens zu erfahren und doch dem Leben so gut zu sein, als Künstler die Anerkennung der Welt entbehren zu müssen und doch sich selbst getreu zu bleiben -- wer ^das^ vermochte, in dem war Kraft, die höher wiegt als der Ruhm eines Sieges!«
Wie dankbar sie zu ihm aufblickte! »Ja, getreu, sich und denen, die er liebte -- das ist er geblieben. Aber der Eindruck, den Böcklin auf ihn übte, hat etwas in ihn hineingedrückt, das er mit Gewalt wieder von sich abstoßen mußte: die Versuchung, diesen schönen Lebensfrieden, den er gefunden hatte, zu opfern, um den Kampf wieder aufzunehmen und auch zu siegen. Wie der da gesiegt hat! Mama und ich, wir wollten ihn bestärken und haben ihm zugeredet: Versuch es noch einmal! Aber da nahm er uns um den Hals und sagte: >Nein!< Und alles, was in ihm wühlte, hat er sich mit einem Bild von der Seele gemalt. Das haben Sie nicht gesehen, als Sie bei uns waren. Es ist das Beste, was er schuf. Und er hatte nur Kummer davon, sogar hier im Dorf. Wenn Sie wieder nach Leutasch kommen -- darf ich es Ihnen zeigen?«
»Ja, Fräulein, ich bitte!« Er nahm ihre Hände. »Und das >Schweigen< dort wollen wir gegen die Wand drehen.«
»Weshalb?«
»Es hat in Ihnen die Erinnerung an einen Kummer Ihres Vaters geweckt. Ich weiß nicht, was ich dafür gäbe, wenn Sie das Bild nicht bei mir gesehen hätten! Aber wissen Sie, weshalb ich es kommen ließ? Weil meine erste Begegnung mit Ihnen mich an dieses Bild erinnerte. Da draußen, im Tillfußer Forst! Wissen Sie noch? Jener stille, wundervolle Abend im Schweigen des Waldes? Wie Sie damals geritten kamen und Ihre Augen so tief und ruhig blickten -- das war schön! Und weil ich das wieder sehen wollte, hab ich mir das Bild da kommen lassen, an das ich bei unserer Begegnung denken mußte. Aber das Bild? Nein! Das ist etwas anderes. Sie haben recht: ich trug in die Auffassung dieses Bildes etwas hinein, was freundlicher und milder ist. Das ist so, wie ^Sie^ sind. Und diese Erinnerung, die ich in mir bewahre, vertausch ich nicht gegen alle künstlerische Größe dieses Bildes da!«
Wortlos stand sie vor ihm, von dunkler Glut übergossen.
Da tappte der Förster ins Zimmer, und als er sah, daß Ettingen die Hände des Mädchens in den seinen hielt, sagte er lachend: »No also, da kann ich ja gleich mitgratalieren, daß die Gschicht im Griesfeld so glimpflich abgangen is!« Er pries den guten Schutzengel, den der »kleine Herr Petri« haben müsse, und rief dem Patienten von der Schwelle des Schlafzimmers ein paar lustige Worte zu. Aber bei aller Freude, die er über den glücklichen Ausfall der »Gschicht« zum besten gab, fuhr ihm doch immer wieder der Gedanke an die »ausgrutschte« Treibjagd durch den Kopf. Auch während der Mahlzeit sang er noch immer dieses Lied seines Jägerschmerzes: »Drei Hirsch! Sakra, sakra! Drei Hirsch hätten wir haben können! Drunt in der Hütten hockt der Pepperl und macht an Kopf -- so hab ich ihn meiner Lebtag noch net gsehen! Wie der sich kränken muß um die drei Hirschen! Dös muß schon schauderhaft sein! Aber Ihnen, Duhrlaucht, merkt man gar nix an. Sie müssen die drei Hirschen leicht verschmerzt haben.« Er fuhr sich mit der Serviette über den Schnauzbart und lachte. »Gwiß wahr, Duhrlaucht, ausschauen tun S' wie 's Leben, und die gsunde Freud lacht Ihnen aus die Augen raus! Gelt, dös müssen S' eingstehn: unser Lüftl daheraußen, dös schlagt Ihnen an!«
»Ja, lieber Förster! Hier im Bergwald bin ich gesund geworden an Leib und Seele! Glücklich und froh!«
»Hab ich's net gsagt! Unser Wald! Ui jögerl, unser Wald! Was ^der^ alles kann! Duhrlaucht, den müssen wir leben lassen! Unser Wald soll leben!« Lachend hob Kluibenschädl das Glas und stieß mit dem Fürsten an. »Was is denn, Fräulein Lo? Haben S' net ghört? Der Wald soll leben! Wär net ohne, wann ^Sie^ da net mittäten! Was is denn? Warum sind S' denn so mäuserlstad? Und heiß muß Ihnen sein! Sie brennen ja, wie 's Kerzl vor der Mutter Gottes! Soooo! Schön 's Glaserl nehmen! Schön anstößen! Derrrr Wald soll leben!« Die Gläser klangen zusammen, und das heitere Lachen wandelte sich zu einem frohbelebten Geplauder, das die ganze Mahlzeit begleitete. Der Förster in seiner vergnügten Laune schmauste dazu mit so gesundem Hunger, daß die Platten leer wurden, obwohl ihn seine Tafelgenossen bei diesem »Schönwettermachen« mangelhaft unterstützten. Sie tranken auch kaum einen Tropfen, diese beiden, und dennoch waren sie in einer Stimmung, als wäre ihnen das Feuer eines köstlichen Trankes ins Blut gedrungen.
Immer wieder erhob sich Ettingen, um nach dem kleinen Patienten zu sehen und jeden Teller zu begleiten, den Martin ins weiße Zimmer trug. Nach einem solchen Besuche gab er lachend das Bulletin aus: »Fortschreitende Besserung, der hohe Kranke erfreut sich eines gesegneten Appetits.«
Als das Dessert genommen war, verabschiedete sich der Förster mit einem großen Kompliment und einem kleinen Schwips. Martin brachte die Post, aber Ettingen sagte: »Das hat Zeit, lege nur alles auf den Schreibtisch hinüber!«
»Es ist eine Depesche dabei, Durchlaucht!«
»So gib sie her!« Beim Anblick der sechs engbeschriebenen Blätter sagte Ettingen lachend: »Eine Depesche? Das ist ja ein Brief!« Kaum hatte er zu lesen begonnen, als er in freudiger Erregung aufblickte: »Und das muß heute kommen! Gerade heut!«
»Sie haben eine gute Nachricht erhalten?«
»Eine gute nur? Mehr als das! Eine Nachricht, die mir doppelte Freude macht, weil sie gerade heute kam, jetzt, während Sie bei mir sind! Denn diese Nachricht, Fräulein, ist auch eine Freude für Sie! Eine große Freude! Hören Sie!« In heißem Eifer schob er alles beiseite, was vor ihm auf dem Tische war, und faßte Lolos Hand. »Aber bevor ich lese, muß ich Ihnen sagen, wie ich zu dieser Nachricht komme. Damals, als ich Sie kennenlernte, draußen beim Sebensee, unter dem klingenden Baum, sprachen wir doch soviel von Ihrem Vater. Das weckte meine Teilnahme für sein Schicksal und seine Kunst. Und als ich heimkam, depeschierte ich an einen Freund in Wien, mir alles mitzuteilen, was er über Emmerich Petri erfahren könnte. Und das ist die Antwort!«
Zitternd saß sie vor ihm, mit den Augen in banger Spannung an seinen Lippen hängend.
Ohne ihre Hand zu lassen, begann er zu lesen: »Mein lieber Heinz --«
»Das ist ^Ihr^ Name?«