Das Schweigen im Walde: Roman

Part 18

Chapter 183,899 wordsPublic domain

Ruhig und sorglos trat das Rudel auf die Lichtung. Plötzlich wandten alle Tiere die Köpfe gegen den Wald zurück, wurden flüchtig, und zwischen den hohen Erlenbüschen der Mulde verschwindend, nahmen sie den Wechsel gegen das Tal. »Der Hirsch kommt! Richten S' Ihnen!« zischelte Pepperl. »Der Hirsch, Mar und Joseph, und ^was^ für einer!«

Deutlich konnte Ettingen durch das Glas das Gesicht des Mädchens sehen, ihr Lächeln, die Bewegung ihrer Lippen, wenn sie mit dem Bruder plauderte. Nun hatten die Geschwister den steilen Rain erreicht, über den sie niedersteigen mußten, um das Kiesbett zu überschreiten. Da plötzlich sah Ettingen im Glas ein flüchtendes Rudel Hochwild auftauchen. Links und rechts von den beiden Geschwistern jagten die Tiere vorüber, erschrocken wollte Lo nach dem Zügel des Esels greifen, aber da scheute der Graue schon und rannte mit bockenden Sprüngen über den Rain in das Kiesbett hinunter, den Knaben am Riemen mit sich schleifend. Erblassend sprang Ettingen auf, und den Feldstecher wegschleudernd, stammelte er: »Um Gottes willen! Das gibt ein Unglück! Praxmaler! Kommen Sie! Schnell! Ich fürchte --« Er hatte den Bergstock gefaßt, schwang sich über die Mauer -- und während er hinuntereilte über den steilen Hang, stand drüben auf der Lichtung ein Hirsch mit herrlichem Geweih, äugte dem springenden Menschen dort unten nach, trollte ein paar Schritte, äugte wieder und verschwand in den Latschen. Jetzt ermunterte Pepperl sich aus seiner sprachlosen Verblüffung und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Mar und Joseph! O du heilige Fasnacht! Rennt mir der Fürst davon und fürcht sich vor eim Hirschen! Teufi, Teufi, Teufi --«

Da klang aus dem Wald herauf die schreiende Stimme seines Herrn: »Praxmaler! Kommen Sie! Schnell!« Es war in dieser Stimme ein Ton, der den Jäger ahnen ließ, daß hier doch wohl etwas anderes geschehen wäre als nur ein drolliges Jägerstücklein. In Sorge begann er zu rennen und erreichte das Kiesbett in dem Augenblick, als Ettingen und Lolo Petri den Knaben fanden. Lo war blaß vor Schreck, als sie den Kopf des Knaben aufhob an ihre Brust. Die Sache schien übler auszusehen als sie war. Gustl zitterte wohl, doch er lächelte, um die Schwester zu trösten, und sagte: »Sorg dich nicht! Mir ist nichts geschehen. Gewiß nicht! Und Schmerzen hab ich ^gar^ keine.« Im Gesicht und an den Händen hatte er ein paar leichte Schürfwunden, sonst schien er unverletzt. Doch als sie ihn aufrichteten, konnte er nicht stehen und wäre wieder zu Boden gesunken, hätte ihn Ettingen nicht aufgefangen. »Kind! Kind!« stammelte Lo.

»Beruhigen Sie sich, Fräulein«, sagte Ettingen, obwohl ihm selbst vor Erregung die Stimme kaum gehorchte, »es kann nicht so schlimm sein! Der Fuß ist nicht gebrochen. Hier eine Untersuchung vorzunehmen und den armen Jungen zu quälen, das ist nutzlos. Kommen Sie, wir tragen ihn zum Jagdhaus, da kann alles leichter und besser für ihn geschehen! Kommen Sie!« Bei diesen Worten hatte er Gustl schon auf seine Arme gehoben und eilte mit ihm über das Kiesbett hinüber gegen den Weg.

Pepperl erbot sich, den Knaben zu tragen. Auch bei raschem Gang war's eine halbe Stunde bis zum Jagdhaus, und »so a Bub hat sein Gwicht«. Aber Ettingen schüttelte den Kopf. »Der Junge trägt sich wie eine Feder so leicht!« Auch Lo mahnte mit scheuer Bitte, daß Ettingen den Dienst des Jägers annehmen und seine Kräfte schonen möchte. Er sah ihr in die Augen, schüttelte wieder den Kopf und flüsterte dem Knaben zu: »Leg nur die Arme um meinen Hals, Bubi! So! Nicht wahr, so ist's bequemer?«

»Ja.«

Während sie auf ebenem Pfad durch den Wald hinauseilten, klang hinter ihnen auf dem Latschengehäng das Klopfen und halblaute Rufen der anmarschierenden Treiber: »Hup hup hup! Brrrr! Hup hup!« Pepperl guckte sich einmal um, und da wollte es ein böser Zufall, daß er zwei gute Hirsche gemütlich über die Lawinengasse spazieren sah. »Teufi, Teufi, Teufi, drei Hirschen hätten wir haben können!« träumte seine Jägerseele mit Kummer.

Ettingen plauderte während des ganzen Weges mit dem Knaben. Gustl hielt sich wie ein kleiner Held, verbiß den Schmerz und schwatzte unverdrossen, um der Schwester alle Sorge auszureden. Viel mehr als sein verletzter Fuß beschäftigte ihn die Frage, was wohl aus Hansi, dem Grauen, geworden wäre.

»Der kommt schon wieder!« tröstete Lo.

»Ja, schon, aber die Forellen, Lo! Die Forellen! Wenn er mit dem Netz einen halben Tag in der Sonne herumläuft, hab ich sie umsonst für Muttl gefangen!« In Schmerz verzog sich der Mund des Knaben, und das Wasser schoß ihm in die Augen; doch er seufzte nur: »Ach Gott, ach Gott, die schönen Forellen!«

Sie hatten das Jagdhaus fast erreicht, als Hansi nachgetrottet kam, in höchst nervöser Stimmung. An den locker gewordenen Gurten war ihm die Packtasche mit dem Almrosenbusch unter den Bauch gerutscht, und weil ihn die Zweige kitzelten, schlug er fortwährend mit den Hinterfüßen aus, schüttelte die Ohren und machte drollige Sprünge.

Als Pepperl den Esel in den Stall führte, rief Ettingen dem Jäger nach: »Tragen Sie das Fischnetz gleich in die Küche hinauf! Man soll die Forellen auf Eis legen, damit sie nicht verderben.« Seine Stimme klang gepreßt, so daß Lo ihm besorgt in das erhitzte Gesicht blickte. Er hatte doch wohl seiner Kraft zuviel zugemutet. Als er den Knaben über den letzten Hang zum Jagdhaus hinauftrug, ging sein Atem müd, und seine Arme zitterten.

Martin kam aus der Sennhütte gelaufen, mit dunkelrotem Gesicht, als hätt' es dort unten mit dem »unbehüteten Madl« eine Szene gegeben, die nicht ganz nach seinen Wünschen ausgefallen war. Verwundert musterte er seinen Herrn und das schöne Mädchen.

»Schnell, Martin! Hinauf! Und richte das Bett im Grafenzimmer!«

Erschrocken verfärbte sich der Lakai; doch wortlos eilte er ins Haus.

Im Flur kam Martin seinem Herrn über die halbe Treppe entgegen und stotterte: »Ich bitte um Vergebung, Durchlaucht, das Zimmer ist abgesperrt, und im Augenblick weiß ich nicht, wo die Leute den Schlüssel haben.«

»Aber Mensch! So mache doch ^mein^ Zimmer auf! Siehst du denn nicht --«

Martin rannte, und als sein Herr mit dem Knaben in das sonnige, weiße Zimmer trat, war das Bett schon abgedeckt. Während Lo dem Bruder half, sich zu entkleiden, brachte Ettingen das ganze Haus in Aufruhr. Der Lakai, die Köchin und die Küchenmagd, alles mußte laufen und bringen: Wasser, Eis, Verbandzeug, Kognak, den ganzen Inhalt der Hausapotheke.

Als Lo den verletzten Fuß des Knaben untersucht hatte, atmete sie auf. Der Knöchel war geschwollen und glühte, aber die Sache war unbedenklich: eine Bänderzerrung, die, obwohl sie schmerzhaft war, in wenigen Tagen wieder gut sein konnte. Ein paar Stunden Ruhe, meinte Lo, und Hansi könnte den Knaben heimbringen, ohne daß sich das Übel verschlimmern würde.

»Jetzt muß ich dir ein wenig wehtun, Bubi! Aber du wirst sehen, das hilft!«

»Ja, Lo, mach nur, was du meinst!«

Sie begann die Geschwulst zu massieren. So schmerzhaft das auch war, der Junge überwand es ohne einen Laut und ärgerte sich, weil ihm wider Willen die Tränen in die Augen kamen. Dann wurde der Knöchel bandagiert, und drüber kam der Eisumschlag. Die Schürfwunden im Gesicht und an den Händen wurden mit Karbollösung gereinigt und mit Pflästerchen verklebt.

Lächelnd sah Ettingen dem Mädchen zu. »Sie machen das alles wie ein gelernter Arzt!«

»Hier in den Bergen, wo man eine Tagreise bis zum Doktor hat, lernt sich das von selbst. Und ich hatte einen guten Lehrer. Der verstand sich auf alles, was Hilfe heißt.«

»Ihr Vater?«

»Ja.« Sie küßte den Knaben auf die Stirn. »Brav hast du dich gehalten!« Die seidene Steppdecke glättend, richtete sie sich auf. Als wäre erst jetzt alle Sorge von ihr gewichen, streifte sie mit ihren schlanken schönen Händen die Zaushärchen von den Schläfen zurück. Sie blickte im Zimmer umher, und eine leise Verwirrung schien sie zu überkommen. In jäher Bewegung streckte sie Ettingen die Hände hin, blickte mit glänzenden Augen zu ihm auf und sagte leis: »Wie gut Sie mit ihm waren! Ich danke Ihnen.«

Er nahm ihre Hände. »Dank? Nein! Der Schuldige bin doch ich, mit dieser dummen Jagd. Aber weil nur alles noch leidlich gut vorüberging! Wirklich, jetzt atme ich auf. Und freue mich, daß ich Sie hier habe unter meinem Dach. So hübsch ist es freilich nicht bei mir, wie ich es bei Ihnen fand, da draußen, in der schönen Sturmnacht!« Noch immer hielt er ihre Hände fest, und lächelnd sahen sie sich in die Augen.

Gustl, der mit der Wange auf den Händen lag, lind in die Kissen geschmiegt, guckte staunend an den beiden hinauf, und das verpflasterte Gesichtchen des Knaben färbte sich dunkelrot.

Lautlos trat Martin in das Zimmer, um Ordnung zu machen. Er schien keine Augen zu haben, nur Hände, die geräuschlos hantierten. Als er mit dem Wasserbecken und mit den Tüchern über dem Arm das Zimmer verlassen hatte, sah er die geschlossene Tür an und wiegte den Kopf. Studierend stieg er über die Treppe hinunter. In der Küche legte die Jungfer Köchin gerade die drei Forellen, die Pepperl gebracht hatte, in den Eiskasten, als Martin eintrat. Beim Anblick des Kammerdieners gab es dem Jäger einen »Riß«, halb vor Wut und halb vor Schadenfreude; aber er mußte der Köchin Antwort geben, als sie fragte: »Hat denn unsere Durchlaucht das Fräuln schon gekannt?«

»Gut auch noch! Z'erst hat er's droben am Sebensee troffen, neulich is er draußen gwesen bei ihr in der Luitasch, und gestern nacht, wie dös Wetter gwesen is, haben wir unterstehn müssen bei ihr, vom Abend bis auf d' Fruh. Ja, unser Duhrlaucht und d' Fräuln Petri, die zwei verstehn anander! Was die für austipfelte Sachen reden! Da reißt unsereiner d'Luser auf, sperrangelweit.«

Martin schien diesem Gespräch keine Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum aber hatte er die Küche verlassen, als er in seine Stube eilte und hinter sich die Tür verschloß. Nachdem er an den Fenstern die Vorhänge zugezogen hatte, schrieb er eine Depesche in englischer Sprache, nur die Adresse deutsch: »Baronin Pranckha, Hietzing, Wien. -- Soeben flog der edle Falk mit weißer Taube in den Waldhorst. Erkenne Gefahr und warne.«

»_The faithful!_« unterschrieb er -- »der Getreue!« -- und schob die Depesche in die Tasche, um sie bei der Hand zu haben, wenn der Postbote käme. --

Draußen vor dem Fenster ging Pepperl vorüber. Er machte langsame Schritte, und immer wieder schielte er zur Sennhütte hinunter, aus deren Schindeldach der Herdrauch quoll. Am liebsten wäre Pepperl in seiner Schadenfreude schnurstracks hinuntergelaufen, um dem »verloffenen Lampl« mit allem Hochgenusse menschlicher Bosheit ins Gesicht zu schreien: »Jagdverwalterin? Ja! Schmarrn!« Aber da lagen ihm zwei verwünschte Worte wie eiserne Riegel im Weg: »Wir sind fertig mitanander!« und »Mich siehst nimmer!« Daß er nach solchen Worten noch einmal die Schwelle dort unten überschreiten sollte -- das war eine heikle Sache für einen, der in sich die Überzeugung trägt: »A bißl was muß der Mensch halten auf dös, was er sagt!« Und was ging ihn die ganze Geschichte weiter noch an? »Nix! Rein ^gar^ nix!« Für ihn hatte die Sache nur noch ein theoretisches Interesse, zu dem sich das angenehm prickelnde Bewußtsein gesellte: »Ich hab ^recht^ gehabt!« Jetzt konnte die Sache da unten ausfallen, wie sie wollte -- er stand groß da! Mit dem Gefühl der Befriedigung, das den Praxmaler-Pepperl bei diesem Gedanken überkommen hatte, wollte er schon ins Försterhäuschen treten. Da hörte er über das Almfeld herauf das Klirren eines Bergstockes. Und am Waldsaum drunten erschien ein alter, weißbärtiger Bauer, gebeugt und etwas unsicheren Ganges. »Jesses! Da kommt er!« stotterte Pepperl, als er Burgis Vater erkannte. Mit langen Sprüngen rannte er über das Almfeld hinunter und schrie: »Brenntlinger! He! Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!«

Der Alte blieb stehen und guckte mit den stumpfen, rotgeränderten Augen. Sein gebrochener, von einem sechzigjährigen Leben in Armut mürbgeklopfter Körper steckte in einer übel zugerichteten Hülle. Es schien, als hätte der »gute alte Brenntlinger« eine der letzten Nächte im Straßengraben zugebracht und die Zeit noch nicht gefunden, die grauen Federn dieses harten Bettes von sich abzubürsten.

Im Heuschuppen auf der Alm geboren, hatte er den Anstieg seines Lebens als Hüterbub begonnen, war Galtviehsenn geworden, und mit vierzig Jahren, als Milchviehsenn bei einem Jahreslohn von 137 Gulden 45 Kreuzern, hatte er geheiratet. Das kleine Burgerl in der Wiege konnte die Hochzeit der Eltern mitfeiern. Fünfzehn Jährlein später, als Burgi aus der Feiertagsschule kam, starb die Brenntlingerin an einem Leiden, das kein Doktor kurieren konnte, weil man keinen holte. Und während sich das junge Mädel hineinwuchs in die Almenarbeit, wurden dem Brenntlinger von Jahr zu Jahr die Knochen immer müder. Nun hatte er seinen Strohsack im Gemeindehaus liegen, und seinem Leben blühte nur noch jene einzige Blume, die nicht nach Honig, sondern nach Trebern duftet. Am liebsten hätte Burgi den Vater jeden Sommer zu sich in die Sennhütte genommen. Dagegen wehrten sich die Almbauern, die den unnützen Kostgänger nicht auf ihrer Milchschüssel haben wollten. Also gab sie ihn, für fünf Gulden im Monat, beim Flurjäger in die Kost. Auf die Hand durfte sie dem Alten kein Geld geben, keinen Kreuzer. Sonst hätte er nie an seinen Hunger, nur immer an seinen Durst gedacht. Kein Wunder also, daß Brenntlinger mit einem Juchezer das große Los begrüßte, das er neulich beim Haus des Maler-Emmerle gezogen hatte. Zehn Gulden! Das hatte einen achttägigen Rausch gegeben. Keinen zehntägigen, nein, da hatte Pepperl sich verrechnet. Denn der gute alte Brenntlinger liebte nicht nur seinen Namensvetter, den Gebrannten, er liebte als braver Vater auch sein Kind. Bevor er vom Haus des Maler-Emmerle den Weg zum Buschenwirt genommen hatte, war er beim Kramer eingetreten und hatte um zwei Gulden für sein Mädel ein seidenes »Tüchl« gekauft. Das brachte er nun mit, an seiner Vaterbrust verwahrt und sorgfältig in das »Sonntagsblatt für das katholische Volk« gewickelt. Aber auch noch etwas anderes brachte er mit auf die Alm: einen halb ausgeschlafenen Katzenjammer, einen dürmeligen Kopf und einen so unsicheren Schritt, daß man Zweifel hegen konnte, ob der »gute alte Vater« sich für das Wohl und Wehe seines Kindes so energisch auf die Füße stellen würde, wie es der Praxmaler-Pepperl von ihm erwartete.

»Brenntlinger! He! Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!«

Die aufgeregte Stimme drang nicht nur in die halbtauben Ohren des Alten, sie drang auch durch die Mauern der Sennhütte. Mit einem Sprung war Burgi bei der Tür. »Vater! Jesus Maria! Vater! Ja grüß dich Gott! Wo kommst denn her?« Da sah sie den Jäger wie einen Narren über das Almfeld herunterspringen. Sie erschrak. Nicht weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, nein! Wenn ihr der Herr Jagdverwalter _in spe_ beim Herd und am Kammerfenster auch schon ein Dutzend Küsse und drüber abgeschwatzt und gestohlen hatte -- ein Kuß in Ehren ist keine Sünd, am allerwenigsten ein Kuß von einem, der Jagdverwalter wird und »positivi« heiraten will. Und wenn auch dem »süßen Schmalger« nicht über den Schritt zu trauen war -- einen, der »solchene Aussichten« hat, den mußte man doch wohl ein bisserl warm halten. Das riet nicht nur die Klugheit, dazu reizte auch ganz besonders der Gedanke, daß sich ein anderer grasgrün ärgern würde, wenn schließlich aus der »Sach« doch etwas werden sollte. Ein schlechtes Gewissen also hatte die Burgi nicht. Ganz im Gegenteil. Dennoch erschrak sie. Und als sie den Pepperl so rennen sah, hatte sie nur den einen Gedanken: die erste beim Vater zu sein! Sie machte einen Sprung wie ein Heuschreck, der die Sense blitzen sieht, und rannte, was sie rennen konnte. Auch Pepperl machte hurtige Beine. So liefen die beiden miteinander um die Wette, wie zwei Jagdhunde um einen Hirsch. Gleichzeitig erreichten sie den Alten. Keuchend packte ihn Burgi am linken, Pepperl am rechten Arm.

»Vater! Zu mir kommst.«

»Na! Zu mir! Ich hab dich bstellt.«

»Zu mir kommst, Vater! Zu mir in d'Hütten!«

»Z'erst zu mir! Ich muß dir ebbes sagen, was pressant is!«

Der Alte stotterte immer: »Tuts mich net derreißen, Kinder! Net derreißen! Tuts mich net derreißen!«

Mit Zerren und Streiten hatten sie den Alten bis zur Sennhütte gebracht. Burgi blieb Siegerin. Sie schob den Vater über die Schwelle, schlug die Tür zu und stieß den hölzernen Riegel vor. Für diesen Riegel hatte Pepperl nur ein Lachen. Wie da zu helfen war, das wußte er. Erst verschnaufte er ein bißchen, dann zog er das Messer aus der Tasche, schob die Klinge in den Türspalt und begann zu schieben. Aber merkwürdig! Der Riegel wollte nicht weichen wie sonst. Verwundert guckte Pepperl näher zu und sah statt des alten, morschen Holzstückes, mit dem die Tür seit einem halben Jahrhundert zufrieden gewesen war, eine blinkende Latte durch die Spalte schimmern. Wann war dieser neue Riegel an die Tür gekommen? Und warum? Diese beiden Fragen gaben dem Praxmaler-Pepperl heiß zu denken.

In der Sennstube hatte Burgi den Vater zum Herd geführt. Da sah sie den Zustand seiner Kleider. »Vater! Um Gottswillen! Wie schaust denn aus!«

»Ich? Warum?«

»Vater!« Wie ernst das klang! »Hast mir im Frühjahr net versprochen, daß dich halten willst? Und heut kommst mir daher, daß ich mich schamen muß, wenn dich an ordentlicher Mensch anschaut!« Burgi fuhr sich mit der Faust über die Augen. »Da mußt wieder an saubern ghabt haben!«

»Na na na na, net wahr is! Ich hab kein ghabt. Gwiß net! Heut net. Na!« stotterte Vater Brenntlinger, während er an seinem Hut die ausgefranste Krempe untersuchte.

Sie glaubte ihm nicht. »Wann ich nur schon wieder draußen wär bei dir! Es taugt mir eh nimmer da heroben.« Sie holte die Holzbürste, die zum Scheuern der Milchgeschirre diente. »Geh her, laß dich a bißl abputzen!« Seufzend zog sie den Vater in die Fensterhelle, kniete vor ihm nieder und begann von unten herauf die Arbeit. »Und so, wie heut, so kommst mir nimmer!«

»Na na na na.«

»Tust mir's versprechen? Auf der Mutter ihr Andenken!«

»Ja, Burgele, ja! Und weil dein Vater so viel gern hast, ja --« er wühlte an der Brust herum und brachte das Päcklein zum Vorschein, »ja, drum hab ich dir was mitbracht, schau!« Langsam löste er mit seinen zitterigen Händen den Papierumschlag und entfaltete das seidene Tüchl.

»Jesses! Vater!« Das Mädel wurde rot vor Freude. Aber erschrocken fragte sie gleich: »Um Gottswillen, Vater, was hast denn für dös Tüchl zahlen müssen?«

»Zwei, ja, zwei Gugulden, ja!«

»Zwei Gulden! Vater! Mar und Joseph! Wo hast denn so viel Geld herghabt? Du wirst doch um Gottswillen net bettelt haben?«

»Na na na na! Für'n Müllertoni, ja, für'n Toni bin ich auf Seefeld, weißt, a Botengangl auf Seefeld ummi!«

»Und da hat dir der Toni zwei Gulden geben?« forschte sie mißtrauisch. »Zwei Gulden?«

»Ein', der Toni, weißt! Und der Posthalter den andern, ja, der Posthalter!«

Sie war nur halb beschwichtigt. Aber möglich schien ihr die Sache doch, und sie ^wollte^ glauben, um an dem schönen Tüchl ihre Freude haben zu können. »Geh? Is wahr? Und da hast die zwei sauer verdienten Gulden für mich verspart! Da muß ich dir schon a Vergeltsgott sagen!«

»Ja ja ja, und 's Tüchl, gelt, dös gfallt dir?« kicherte Vater Brenntlinger, froh, dem Verhör so glücklich entronnen zu sein.

Sie prüfte die Seide, hielt das Tuch ans Licht und versuchte, wie es sich falten ließe. »Aber geh, jetzt setz dich her, jetzt koch ich dir gleich was auf! Magst saure Nocken? Tut dich hungern? Gelt?«

»Ja, hungern, ja, und saure Nocken, ja, die kunnt ich brauchen. Und weißt, a bißl dürsten, ja, a bißl dürsten tut mich.«

»Da hol ich dir gleich a Schüsserl Milli.«

»Milli?« Der Alte bewegte den Mund, als hätte er eine bittere Zunge. »So so? Milli krieg ich? Milli?«

Burgi war in die Kammer getreten. Ehe sie die Milchschüssel holte, legte sie vor dem Spiegelscherben, der neben dem Fenster an die Wand gepickt war, das seidene Tuch zur Probe um den Hals.

»Milli krieg ich? So so? Milli?« Als hätte dieser Gedanke einen Zusammenhang mit dem Praxmaler-Pepperl, so guckte sich der Alte plötzlich um, wo denn der Jäger geblieben wäre. Und als er sah, daß an der Tür gewackelt wurde, ging er hin und schob den Riegel zurück. Ehe die Tür noch richtig offen war, drängte Pepperl sich schon mit beiden Ellbogen herein.

»Du, Jager, du, zu dir bin ich kommen, weißt, du hast mir was versprechen lassen, ja!«

»Was ich versprochen hab, dös kriegst! Z'erst aber muß ich reden mit dir. Da setz dich her an' Tisch!«

Als die beiden sich auf die Holzbank niederließen, trat Burgi mit der Milchschüssel in die Stube. Den ersten Schreck über die Stimme, die sich in der Sennhütte hören ließ, schien sie in der Kammer übertaucht zu haben. Wohl brannte ihr das Gesicht wie Feuer, doch mit spöttischer Ruhe sagte sie: »Ah, da schau her! Der Pepperl!«

Sie stellte dem Vater die Schüssel hin und legte den Brotlaib mit Messer und Löffel daneben. Dann stemmte sie die Fäuste in die Hüften und lachte dem Jäger höhnisch ins Gesicht. »Hat mir net einer gsagt: du gingst mir nimmer eini in d' Hütten?«

Pepperl verfärbte sich und brüllte: »Bis ich zu ^dir^ komm, da kannst ^lang^ warten! Bloß zu deim Vater bin ich kommen. Weil ich z'reden hab mit ihm. Verstehst mich?«

»No also! Leg dir kein Maulkorb an! Kannst alles sagen! Ob's wahr is oder verlogen! Net amal auflusen tu ich! Na!« Mit spöttischem Lachen ging sie zum Herd und nahm eine Holzschüssel von der Wand, um den Nockenteig anzurühren.

Die Neugier schien keine von den schlechten Eigenschaften des Brenntlinger zu sein. Während die zwei jungen Leute so heiß miteinander hachelten, gähnte er ein um das andere Mal und schnitt das Schwarzbrot mit großen Brocken in die Milch. Eben wollte er den ersten Schub verladen, als ihn Pepperl so energisch am Arm packte, daß der Brocken vom Löffel wieder in die Schüssel fiel.

»Jetzt, Brenntlinger, jetzt paß auf.«

»Ja, ja! Red nur zu!« Der Alte holte mit dem Löffel aus. »Aber essen mußt mich lassen! Essen, weißt!«

»Der Appetit wird dir vergehn! Dir! Wann d' solchene Sachen hörst! Du bist der Vater. Dich geht's am ärgsten an! Und dir z'lieb hab ich mich dreingmischt! Daß ich dir an Kummer verspar, du guter alter Teufi, du!«

»A Teufi, was, a Teufi bin ich?« kicherte Vater Brenntlinger und wischte sich die verschüttete Milch von der Joppe. »Ich hab doch keine Hörndln!«

»Jetzt lach net! Mir is blutig ernst! Und dir geht's an d' Ehr! Da, schau dir's an, dein Töchterl! Die führt sich nobel auf!« Vom Herd herüber ließ sich ein höhnisches Lachen hören. »Lachen kann s' auch noch! Die! Und der arme Vater kann sich d' Augen ausweinen! Drum laß dich verwarnigen, du guter Mann, du braver! Und red a Wörtl, solang's noch Zeit is! Denn daß ich dir's ehrlich sag: in deiner Burgl ihrer Hütten geht's zu, als ob die Gomorringer ausgruckt wären!«

»Was? Wer?« Der gute brave Mann schluckte einen Brocken. »Wer is ausgruckt?«

»Die Gomorringer! Die von der selbigen Stadt, wo's Pech und Schwefel hat regnen müssen. Und warum? Dös wirst schon wissen!«

Der Kochlöffel in der Hand der Sennerin machte einen verdächtigen Zuck, tauchte aber wieder in den Nockenteig.

Studierend schüttelte der Alte den weißen Kopf. »Na, du, dös mußt mir schon besser verexplizieren, ja!«

Pepperl schnaufte in schwüler Hitze. »Teufi, Teufi, Teufi, hat man mit dir a Gefrett!« Mit beiden Händen fuchtelte er dem Alten vor der Nase herum. »Dös weißt doch, daß unser Herr Fürst jetzt da is?«

»Ja freilich, ja, der Herr Fürst! So so? Was für a Fürst is denn der?«

»Der unser Jagd in Pacht hat!«

»A Jager? So so? A Jagerfürst! Und, ja --« Der Alte legte den Löffel nieder, und seine Augen erweiterten sich. »Du, Pepperl, sag, is enker Fürst net mitn, mitn Förstner in der Luitasch gwesen? Vor acht Täg?«

»Freilich is er draußen gwesen. Aber dös ghört net daher. Dös geht dich nix an.«