Das Schweigen im Walde: Roman

Part 17

Chapter 173,982 wordsPublic domain

Den Hut zwischen den Fäusten zerknüllend, stieß er mühsam hervor: »Sie sind die Heilige fürs ganze Dorf und Tal. Jeder kommt zu Ihnen und nie umsonst. Ihre Herzensgüt ist ein Brunnen für jeden armen und durstigen Menschen. Und ich? Bin ich nicht ^auch^ ein Mensch? Dazu noch einer von den ^ganz^ elenden! Mir ist zumut wie einem, der sich in einer schiechen Wand verstiegen hat. Jeder Weg hat ein End. Und tief geht's hinunter. Da steht er und schreit. Und wenn er schon merkt: jetzt muß ich fallen -- da hofft er noch allweil auf die gute Hand, die ihm helfen könnt!« Er sprach nicht weiter.

»Kommen Sie, Mazegger«, sagte Lo mit tiefem Ernst. Sie rückte in die Bank und bot ihm den Platz an ihrer Seite an. »Sagen Sie, was Sie mir sagen müssen. Hier sind wir allein. Mein Bruder ist drunten am See, sonst ist niemand in der Nähe.«

Wie eine Flamme schlug es über das Gesicht des Jägers. Eine Hoffnung war erwacht in ihm, und er stammelte: »Fräulein? Sie sind mir also nicht mehr bös?«

»Böse? Weshalb?«

»Wegen neulich?«

»Nein.«

»Ich hab's auch bereut.« Mazegger hielt ihren Blick nicht aus und senkte die Augen. »Daß man von Ihnen ein gutes Wörtl nur in Güt erwartet, das hätt ich wissen müssen. Wie ein jähzorniger Bub hab ich mich benommen. Verzeihen Sie mir's, Fräulein?«

»Ja, Mazegger!« sagte sie freundlich, als hätte dieses Wort sie selbst von einem Alp erlöst.

Zögernd schob er den Hut auf den Tisch und setzte sich auf die Ecke der Bank.

»Sprechen Sie, Mazegger! Was macht Ihr Leben elend?«

»Daß Sie das verstehen, dazu müßt ich Ihnen viel erzählen. Darf ich?«

»Ja!«

Jedes Wort mußte er sich abringen, während er von seiner Heimat sprach, von aller Bitterkeit seiner Jugend. Als er sah, mit welcher Teilnahme Lo auf ihn hörte, schien es, als wäre eine Fessel in seiner Brust gesprungen, und in heißer Erregung floß ihm die Sprache von den Lippen.

Es war eine trübe Kinderzeit, von der Mazegger zu erzählen hatte. Und als er in das Alter kam, in dem die Knaben schon mit einer Zukunft zu rechnen beginnen, war vor seinen Füßen die Brücke niedergebrochen, die ihn hätte hinübertragen können zu einem freundlichen Leben. Seine Mutter, Carmè Luzzotti, war die Tochter eines italienischen Bahnarbeiters in einem Dorfe bei Trient. Als junges Mädel verlor sie die Eltern und wurde von einer Schwelle zur anderen gestoßen, bis sie ein Winkelchen im Haus des deutschen Lehrers fand. Der erbarmte sich der Verwaisten -- weil sie jung und hübsch war. Zuerst diente sie bei ihm als Magd; dann nahm er sie zur Frau. Es war kein Glück in dieser Ehe; die beiden Menschen waren so verschieden voneinander wie ihre Sprache -- und die Sprache, das war es auch, was immer zwischen ihnen lag wie eine Mauer. Damals begann, wie überall, auch in dem südtiroler Dorfe der nationale Hader. Von der Straße und aus der Gemeindestube schlich er sich in die Familien ein, auch in das Haus des Lehrers. Als Frau eines Deutschen blieb Carmè Mazegger die Italienerin mit ihrem »Wällisch«, das ihr eigener Sohn nicht reden sollte. Der sollte sprechen wie sein Vater, der ihm alles erlaubte, nur um ihn vom Herzen der Mutter wegzureißen. Dieser Hader ging immer über den Kopf des Knaben hin und her, und als er in die Jahre kam, um die häßlichen Worte zu verstehen, war es ihm selber lieb, daß man ihn fortschickte von daheim, nach Innsbruck auf die Gewerbeschule, mit vierzehn Jahren. In Innsbruck gefiel es ihm, da konnte er was sehen vom Leben und lernte Menschen kennen, die es gut haben in der Welt. Das weckte den Ehrgeiz in ihm. »Auch aus mir soll etwas werden, was Rechtes und Tüchtiges.« Aber vor lauter Wünschen kam er nicht recht zum Lernen. Am liebsten wäre er schon mit sechzehn Jahren gewesen, was andere, wenn sie Glück haben, mit dreißig werden. Und dann kam dieses Unglück zu Hause. Die italienische Schule wurde eröffnet und bald darauf die deutsche geschlossen. Das überlebte sein Vater nicht -- er ging ins Wasser. Und die Mutter? Die wartete knapp ein halbes Jahr, und dann nahm sie einen anderen, einen, der ihre Sprache redete und mit dem sie sich verstand.

»Mit dem ist sie fortgegangen. Ob sie noch lebt oder ob sie schon gestorben ist, das weiß ich nicht. Mich hat eine Schwester meines Vaters ins Haus genommen, deren Mann in Leutasch draußen ein kleines Gütl hat. Die Schul hab ich aufgeben müssen. Und alles dazu! Leben und Glück!« Mazegger fuhr sich mit zitternder Hand über die Stirn. »Das Brot der Verwandten essen? Schlechteres kann über einen nicht kommen in der Welt. Da hab ich zuletzt noch froh sein müssen, daß ich den Posten als Jäger gefunden hab. Jetzt hab ich mein Auskommen, aber keine Ruh in mir! Allweil muß ich denken, was aus mir hätt werden können. Aber ich mein', es wär noch allweil nicht zu spät für mich. Das hab ich nie so fest geglaubt, wie jetzt.« Seine Augen brannten und seine Stimme wurde heiser. »Nur müßt ich wen haben, für den ich's tu. Das tät mich treiben, allweil höher hinauf, bis ich droben steh, wo ich sagen könnt: jetzt verdien ich mein Glück und kann's vergelten! Daß ich das fertig brächt? Ich glaub's von mir! Ich glaub's! Und Sie? Sagen Sie mir, daß Sie es ^auch^ glauben! Sagen Sie mir das, und alles bring ich fertig!«

Sie vermochte nicht gleich zu sprechen. Es schien ihr weh zu tun, daß sie ein Ja nicht sagen konnte, nicht sagen durfte. Sie sah in ihm nicht den Menschen mit dem leeren Wort von der eigenen Kraft, die nur eines winkenden Lohnes bedarf, um ein Wunder zu vollbringen. Was sie sah in ihm, war sein in die Irre geratenes Leben und war das Kind, das nie an der Brust einer Mutter sein Haupt geborgen hatte. Das Erbarmen redete aus ihrem Blick, als sie endlich Worte fand. Doch während sie ihm Mut einredete, ihn mahnte, sein Leben ruhiger zu betrachten und dankbar auch den bescheidenen Gewinn zu genießen, statt sich die Freude an ihm durch den Vergleich mit dem glücklicheren Los der anderen zu vergällen -- während dieser Worte schien Mazegger nur zu ^sehen^, nicht zu hören. Seine Augen erweiterten sich mit fieberhaftem Glanz, aus dem der Durst seiner Leidenschaft und zugleich ein Staunen sprach, als hätte er das Mädchen, nach dem seine Sinne zitterten, noch nie so schön gesehen wie in dieser Stunde. Solch einem Blick begegneten ihre Augen. Sie erhob sich erschrocken, so bleich, als hätte sie einen Schimpf erlitten, gegen den sie wehrlos war -- als Weib.

Verstört sah Mazegger zu ihr auf. »Viel haben Sie geredet, Fräulein! Schier weiß ich selber nimmer, was es war. Aber ich hab genug verstanden.« Sein Mund verzerrte sich. »Was einer nicht hat, das kann er nicht geben.« Mit heiserem Lachen erhob er sich. »Wenn der Brunnen Ihrer Güt auch laufen tät wie ein Wetterbach -- aber Lieb hergeben, wo man Lieb nicht hat?« Langsam trat er auf sie zu. »Kann man das? Oder kann's so kommen, daß man ^muß^?«

Sie wich nicht zurück vor ihm. Aber als sie seine Augen sah, die wie mit Fäusten nach ihr griffen, rann es ihr doch mit kalter Angst durch die Glieder. Sie schrie den Namen des Bruders.

Mazegger lachte.

Mit dem Laut, den die Furcht ihr ausgepreßt, hatte sie die verlorene Ruhe wieder gefunden. »Zu sagen hab ich Ihnen nichts mehr. Aber ich hab noch eine Bitte an Sie, eine letzte.« Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie zur Hütte, brachte einen Sessel und ein graues Buch.

Er sah ihr mit verblüfften Augen zu, wie sie sich auf den Sessel niederließ, das Buch öffnete -- ein Skizzenbuch -- und den Bleistift nahm.

»Was heißt das?«

»Ich will Sie zeichnen«, sagte sie ernst, »dabei lernt man sehen. Und das hilft. Ich habe das schon als Kind erfahren.«

Ratlos an seinem Bart zausend, ließ er sich auf die Bank nieder -- und dann hielt er sich ruhig. Seine Augen brannten.

»So, ja, sehen Sie mich nur immer an!«

Er ließ keinen Blick von ihr. Aber wenn sie ihn ansah, so ruhig prüfend, ging aus ihren Augen etwas über auf ihn, daß er aufatmete, wenn sie das Gesicht wieder senkte, um ein paar rasche, kräftige Striche in das Buch zu zeichnen. Ein paarmal zuckte es durch seine Glieder, als wollte er aufspringen. Doch er blieb ruhig. Ein andermal bewegte er die Lippen, wie um zu sprechen. Doch er schwieg.

Die Sonne war hinuntergegangen, das ganze Seetal lag vom Abendschatten überwoben, und die Dämmerung begann.

Mit der langen schwankenden Angelgerte über der Schulter kam Gustl vom See herauf.

»Hast du was gefangen, Bubi?«

»Nein, Lo, heut bin ich Schneider geworden. Morgen scheint es wieder das wunderbarste Wetter zu geben, denn heute beißen sie gar nicht an.« Freundlich nickte Gustl dem Jäger, den er nicht kannte, einen guten Abend zu, stellte die Gerte an die Hüttenwand, kam zum Tisch und wollte neugierig über die Schulter der Schwester in das Buch blicken.

Sie schob ihn fort, als wäre das ein Bild, das er nicht sehen sollte. »Räum deine Bücher zusammen und trag sie in die Hütte. Wir bekommen Tau. Dann kannst du auch in der Stube gleich die Lampe anzünden und Feuer machen zum Tee.«

Sie sah dem Knaben nach, bis er in der Hütte verschwunden war. Dann verglich sie mit einem letzten prüfenden Blick ihre Zeichnung und das Modell, nickte ruhig vor sich hin und erhob sich. »So, ich danke Ihnen!« Sie löste das Blatt aus dem Buch.

Mazegger fragte unsicher: »Darf ich das Bildl sehen?«

»Gewiß!« Sie legte das Blatt auf den Tisch. »Ich schenk es Ihnen.«

Zögernd, als wäre ihm die Sache nicht ganz geheuer, griff Mazegger nach dem Blatt. Kaum hatte er einen Blick auf das Bild geworfen, da schoß ihm das Blut ins Gesicht. »^Das^ bin ich? Und solche Augen hab ich?«

»Ja, Mazegger! Jetzt kenn ich Sie und fürchte mich nicht mehr!« Sie ging zur Hütte.

Er zerknüllte das Blatt in seiner Faust und schleuderte den Knäuel mit einem Fluch unter die Büsche des Gartenzaunes. Wie sie nach ihrer hilflosen Angst diese stolze, sichere Ruhe gefunden hatte, das verstand er nicht. Aber er fühlte, daß alles für ihn verloren war und daß sie ihn fortschickte wie einen geprügelten Hund. Mit dem unsicheren Schritt eines Betrunkenen nahm er seine Büchse. Als er den Garten verlassen hatte und über das Latschenfeld hinunterstieg, erkannte er auf der feuchten Erde die Trittspuren zweier Männer. Die plumpe breite Sohle mit dem schweren Eisenbeschläg und dem Nagelkreuz in der Mitte -- das war die Fährte Praxmalers. Aber die andere Spur? Dieser schlanke, schmale Fuß?

»Ach so?« Mit galligem Lachen nickte Mazegger vor sich hin. Und während der Zorn in seinen Augen funkelte, zerstörte er mit einem Fußtritt die Fährte.

Hastig schritt er über das Latschenfeld und trat in den Wald. Im Dunkel der Bäume blieb er stehen. Und als er das Mädchen aus der Hütte treten sah, lachte er, hob die Büchse, spannte den Hahn und legte das Gewehr an die Wange.

Man konnte hören, wie Lo mit dem Bruder plauderte, während sie an einem Fenster die Läden schloß.

Zielend, den Finger am Drücker, folgte Mazegger mit dem Lauf der Büchse jedem Schritt des Mädchens, in seiner Eifersucht mit grausamer Freude den Gedanken genießend: Ein leiser Druck nur, und auch der andere wird sie nicht haben! Keiner!

Gustl war in der Tür erschienen, hemdärmelig, mit den Händen in den Taschen des Lederhöschens. »Und wann, Lo, wann gehen wir morgen?«

»Um sechs Uhr früh.«

»Ach Gott!«

»Ja, Bubi, wir müssen bis Mittag zu Hause sein.«

»Freilich, ja, und ich freu mich doch selber heim! Aber weißt du, in der Früh, da beißen sie so gern. Vielleicht hätt ich noch eine bekommen, eine recht schöne, oder zwei. Die hätten wir dem Muttl bringen können.«

»Dann steh nur um vier Uhr auf! Da hast du zwei Stunden Zeit, bis ich gepackt und die Hütte geräumt habe.« Lo war zur Tür zurückgekommen. Den Arm um die Schulter des Bruders legend, wollte sie in die Hütte treten.

In dem bleichen Gesicht des Jägers spannte sich jeder Zug. Die Pein, die in ihm wühlte, redete aus seinem brennenden Blick: »Tu ich es? Nein? Oder ja?« Fester, als wäre der Entschluß zur Tat in ihm aufgestiegen, preßte er das Gewehr an die Wange.

Da hörte er hinter sich das Brechen eines dürren Reises und ein Geräusch wie von einem leichten Schritt. Erschrocken ließ er die Büchse sinken und spähte scheu um sich her. Der Wald war öde -- aber da fiel ein Tannenzapfen aus einem Wipfel herunter, und schnalzend, mit weitem Sprung, schwang sich ein Eichhörnchen von dem Baum hinüber zum nächsten.

Einen Fluch murmelnd, hob Mazegger die Büchse wieder.

An der Hütte droben hatte sich schon die Tür geschlossen. Der Garten war leer. Im Abendwinde tönten leis die Glocken des Harfenbaumes.

Gallig lachte Mazegger vor sich hin, warf die Büchse hinter die Schulter und schritt durch den Wald hinunter.

Es wurde finstere Nacht, bis er zu den ersten Häusern von Ehrwald kam. Lange mußte er am Haus des Jägers an die Tür trommeln, bis ihm geöffnet wurde. »Was is denn?« fragte Beinößl aus dem schwarzen Hausflur.

»Ich bin's!«

»Der Toni! Was willst?«

»Treibjagd ist morgen. Um drei müssen wir droben sein beim Sebener Almzaun.«

»So? Da können wir allweil noch schlafen a paar Stündln. Aber Bett hab ich keins für dich, mußt dich halt aufs Ofenbankl legen, wir schlafen eh schon z'viert in zwei Trücherln.« Er mit dem Buben in einem Bett, die Frau mit dem Mädel im anderen.

Als sie in die finstere, von schwülem Dunst erfüllte Stube traten, fragte das Weib, was es gäbe. »Nix! Drah dich nur wieder um, Alte! Der Mazegger is da.« Die Bettstelle krachte. Beinößl schob seinen Gast im Dunkel zur Ofenbank und nahm ihm die Büchse ab, um sie an den Rechen zu hängen. »Na hörst, Toni, du hast ja den Hahn gspannt! So was, du mit deim Leichtsinn, du richtest heilig noch amal an Unglück an!«

Mazegger schwieg.

Drei Stunden vergingen. Der Hausherr schnarchte wie ein Bär, sein Weib sang die Oberstimme dazu, und ein paarmal seufzten die beiden Kinder, wenn sie die harte Bettkante spürten und sich umdrehten.

Um ein Uhr rasselte der Wecker. Mazegger hatte noch kein Auge geschlossen. Eine Viertelstunde später traten die beiden Jäger in die Nacht hinaus. »Gut wird's heut«, sagte Beinößl,»droben liegt der Seenebel.« Sie stiegen bergwärts in der Nacht, und Beinößl kürzte den mühsamen Weg mit heiterem Geschwatz -- er war einer von jenen »Gscheiten«, die den Zwirnsfaden des Lebens lustig um die Finger wickeln, so kurz und dünn er auch geraten ist.

Als sie die Ehrwalder Alm überstiegen hatten und die Höhe des Sebenwaldes erreichten, sahen sie im dünnen Morgennebel den Schein des Feuers, das die beim Almzaun wartenden Treiber auf der Lichtung angezündet hatten, um »Glut für die Pfeifen« zu haben. In dem Augenblick, als die beiden Jäger zum Feuer kamen, gab's einen Schreck. Einer der Treiber hatte an einem brennenden Reis seinen Stummel angepafft, das Flämmchen ausgeblasen und das glühende Holz über die Schulter geworfen. In der Luft flammte das Reis wieder auf und fiel in einen Haufen dürren Zeuges. Das brannte wie Zunder. Nach allen Seiten lief und züngelte die Flamme und erreichte den Almzaun, aus dem eine knisternde Lohe aufschlug. Zu Tod erschrocken arbeiteten die Leute aus Leibeskräften, um das Feuer zu ersticken. Ein Glück war es, daß die unteren Reisigschichten des Walles noch feucht waren vom Gewitterregen. Sonst hätte keine Arbeit mehr geholfen, auch nicht die flinkste, und der ganze Almzaun wäre in Flammen aufgegangen.

Als das Feuer gelöscht war, halfen sie alle zusammen, um den Zaun wiederherzustellen und das ausgebrannte Loch mit zusammengeschlepptem Reisig zu füllen. In jener wohligen Erregung, die jedem schadlos überstandenen Schreck zu folgen pflegt, wurde breit erörtert, welch ein »schönes« Unglück da hätte entstehen können. Brennt der Zaun einmal, von einer Felswand über das schmale Tal hinüber bis zur anderen, dann brennt auch der ganze Sebenwald bis über den See hinauf, und alles Jungvieh, das droben im Seetal auf der Weide steht, ist verloren. Wenn auch der Brand nicht höher gehen kann als bis zu den letzten Latschenfeldern, und wenn auch das Vieh hinaufflüchtet in die Felsenkare -- droben erstickt es im Rauch. »Kreuzsakra!« meinte Beinößl. »Da möcht ich net droben sein im Seetal! Oder ich müßt den letzten Juchezer machen und 's Leben so billig verkaufen wie an alten Strumpf!«

Draußen im Karwendelgebirg, erzählte ein anderer, wäre vor Jahren ein großer Waldbrand durch einen Almzaun entstanden, in den der Blitz geschlagen hätte. Ähnliche Fälle erzählten zwei andere, und man kam zu dem Schluß, daß es auch im Geißtal an der Zeit wäre, diese »Zunderhecken« durch Legmauern aus Steinen zu ersetzen, wie es längst schon überall geschehen wäre, wo die Leute Verstand und kein Sägmehl im »Hirnkastl« hätten. »Daß man an die alten Bräuch hängt, dös is ja gut und schön, aber a bißl Furtschritt is net ohne!«

Plötzlich verstummte diese Weisheit -- der Förster kam mit den zwei Leutascher Jägern. Wohl begann es schon Tag zu werden, aber der Nebel verschleierte den Aschenhaufen, und so merkte der Förster nicht, was geschehen war. Er ließ die Jäger und Treiber im Halbkreis Aufstellung nehmen: »Also, Leut! Daß wir unserer lieben Duhrlaucht heut a saubers Jagderl machen! Am Almzaun auffi wird die Treiberketten angstellt. Den Losschuß mach ich Punkt halb sechse. Da is die Duhrlaucht auf'm Stand, und da wird sich auch der Nebel schon verzogen haben. Und wie der Losschuß fallt, fangen wir 's Drucken an. Und langsam, Leut, langsam, nur langsam, daß die Hirsch net aussifahren zum Loch wie die narrischen Mäus. Verstanden? Also, in Gottsnamen, packen wir's an!«

Neben dem Almzaun stiegen sie bergan, während das Frühlicht zu wachsen und der Nebel sich schon zu verziehen begann. Hinter den halblaut Schwatzenden blieb Mazegger unschlüssig zurück. Sein Gesicht war übernächtig, seine Augen lagen tief, von dunklen Ringen umzogen. Sein Flackerblick hing an dem kalt gewordenen Aschenhaufen, glitt hinüber zum Almzaun und folgte dem braunen Reisigwall bergauf und wieder bergab, über das ganze schmale Tal, von einer Felswand bis zur anderen.

Dann nickte er vor sich hin, und langsam stieg er hinter den anderen her.

^Vierzehntes Kapitel^

Zögernd schwammen die Schleier des Morgennebels durch das Geißtal hinans und wurden immer dünner. Eine Waldzunge nach der anderen gaben sie frei, enthüllten hier eine sonnbeglänzte Bergzinne, dort ein Almfeld in blauem Schatten, und selbst schon angestrahlt und durchwärmt von der steigenden Sonne, verwandelte sich ihr trübes Grau in zarten Schimmerduft, der spurlos in den Lüften zerfloß.

Fast war das ganze Tal schon nebelfrei, und mit leuchtender Klarheit spannte sich der Morgenhimmel über Tal und Berge, als Ettingen und Praxmaler gegen sechs Uhr morgens in der Talsohle das breite Kiesbett der Ache überschritten, um durch einen steilen Waldstreif emporzusteigen zum Fürstenstand. Der lag am Waldsaum auf einem Latschenrücken und gewährte freien Ausblick über eine von Erlengestrüpp erfüllte Mulde und eine spärlich bewachsene Lawinengasse, die sich vom Fuß der steilen Felswand hinunterzog bis ins Tal. Drunten sah man das weiße Kiesfeld und eine lange Strecke des Pfades, der zum Sebensee führte. Über dunkle Fichtenhügel konnte man hinausblicken zum Sebenwald und zu der vom Seeufer aufsteigenden Sonnenspitze, die ihren goldumstrahlten Felskegel schlank in den blauen Himmel hob.

Den Stand, auf dem zwischen den Wurzeln einer Fichte ein bequemer Sitz gerichtet war, umzog eine kleine Legmauer als Deckung für die Jäger.

Während Pepperl den Wettermantel über den Sitz breitete und den Feldstecher aus dem Futteral nahm, blickte Ettingen immer dort hinaus, wo jener schlanke, sonnige Fels in die Lüfte stieg.

»So, Duhrlaucht, jetzt haben S' a nobels Platzl!«

Ettingen ließ sich nieder, und Pepperl, der sich seinem Herrn zu Füßen setzte, zeigte ihm die beiden Wildwechsel, von denen der eine unter der Felswand hinlief, während der andere schräg über die Lawinengasse hinunterging ins Tal und gegen das Kiesbett des Baches. »Auf dem, mein' ich, auf dem sollt was anlaufen!«

Ettingen nickte. Und Pepperl schwieg. Während aus den Augen seines Herrn ein frohes Träumen redete, ein freudiges Ausgenießen der schönen Morgenstunde, sprach grämliche Verdrossenheit aus dem Gesicht des Jägers. Für ihn lag der Fürstenstand auf einem unbequemen Platz. Wenn er den Hals streckte, konnte er draußen im Geißtal den Tillfußer Almwald sehen und zwischen den Wipfeln den Flaggenmast, dessen drei Fahnen sich wie eine Reihe winziger Farbenkleckse vom Grün des Hintergrundes abhoben. Immer wieder beugte Pepperl sich vor, von der unbequemen Stellung begann ihn das Genick zu schmerzen, und immer schwerer seufzte er. Scheu hatte er schon ein paarmal zu seinem Herrn aufgeguckt, als läge ihm was auf der Seele, was nicht heraus wollte. Und plötzlich sagte er mit einem Ton, als ging' es um Wohl und Weh eines Menschen: »Ja, Duhrlaucht, passen S' auf, heut schießen S' an ^guten^ Hirsch!«

Ettingen hörte nicht.

Pepperl drückte die Hand in den Nacken. »Ja, ja! Heut kommt was! Unser Jagdl is gut. Aber kosten tut's! Dös is a sauberer Haufen Geld, der da verwaltet werden muß! ^Verwaltet^!« Immer weiter öffneten sich Pepperls Augen, während er in heißer Spannung zu seinem Herrn hinaufguckte. »So an Jagdbezirk verwalten! Teufi Teufi, Teufi! Dös macht Arbeit! Und verstehn muß man's. Dös is d' Hauptsach. Aber der Förstner, gelten S', der versteht's! Der macht alles allein. Der braucht kein andern. Der versteht's halt, gelt?«

»Ein tüchtiger Jäger«, sagte Ettingen, »auf den man sich verlassen kann, in allen Dingen!«

Aus Pepperls Augen blitzte die Freude, und in allen Tonarten begann er das Lob des Försters zu singen, um mit der diplomatischen Wendung zu schließen: »Aber no, freilich, vom Land einer is er halt doch, und da kennt er sich halt net so aus mit die fürnehmen Sacherln, wissen S'! Und da hab ich mir schon diemal denkt: kunnt sein, daß der Herr Fürst amal ein' anstellt, so an Herrischen, an Jagdverwalter, oder wie man's heißt -- wie sag ich denn gleich -- no ja, wie der Herr Martin einer is?«

»Martin? Und Jagdverwalter?« Das war eine Vorstellung, die den Fürsten lachen machte. »Nein! Wenn ein Jagdverwalter nötig wäre, wüßt ich mir einen anderen zu finden. Aber der Förster macht seine Sache so gut, daß ich mir das besser gar nicht wünschen kann.«

Pepperl grinste im Triumph seiner Schadenfreude wie ein Indianer, der den Skalp des Todfeindes eroberte. »Wart, Frau Verwalterin, heut auf'n Abend kriegst was z'hören!« dachte er und streckte den Hals, daß ihm die Schultern fast aus der Joppe sprangen. »Aber jetzt, Duhrlaucht, jetzt müssen S' Ihnen stad halten! Die Zeit wird kritisch. Allbot kann was daherspringen.«

Lautlos saßen sie eine halbe Stunde.

Da ließ sich aus dem Waldstreif hinter der Lawinengasse das leise Rollen von Steinen hören. Pepperl, jetzt ganz bei der Sache, spitzte die Ohren. Im gleichen Augenblick faßte Ettingen mit hastigem Griff den Feldstecher. Doch während der Jäger hinüberspähte zum Wald, hielt Ettingen das Glas nach dem Tal gerichtet.

Dort unten auf dem Pfad war Lolo Petri erschienen, den Basthut mit einem Kranz von Blumen geschmückt. Ihr folgte der Bruder, dessen Hütl unter Almrosen ganz verschwand; er führte an losem Zügel den Esel, der mit dem Gepäck und mit einem riesigen Busch von Rosen und anderen Blumen beladen war.

»Obacht!« flüsterte Pepperl, der drüben aus dem Waldsaum ein Alttier sichernd auf die Lichtung treten sah. Als aber Ettingen die Büchse nicht faßte, blickte der Jäger verwundert auf. Da sah er, wie seinem Herrn das Glas in den Händen zitterte. Mar und Joseph, dachte Pepperl, der kriegt 's Hirschfieber! Er zischelte: »Net aufregen, Duhrlaucht! Bloß d' Ruh net verlieren bei so was! Heut haben S' Glück, passen S' auf! Lassen S' dös Frauenzimmer nur schön vorbei!« Er meinte das Alttier. »Und Obacht geben! Da kommt schon was nach!« Es wurde lebendig drüben im Wald, und dem Alttier folgte ein Rudel, bei dem ein paar schwache Hirsche waren. »Es is nix Gscheits dabei! Nur warten!« flüsterte Pepperl so leis wie ein Hauch.

Ettingen sah und hörte nicht, was um ihn vorging, sondern folgte mit dem Glas jedem Schritt des Mädchens dort unten.