Part 14
Wohl hab ich das möglichste versucht, um eine Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber sie macht sich unsichtbar. Ihre Villa in Hietzing hat scheinbar im Sommerschlaf die Augen geschlossen, und der Portier schwört falsche Eide, daß die gnädige Baronin >unbekannten Aufenthaltes< wäre. Ihr Anwalt erklärte, daß er >keinerlei Auftrag< hätte, und >vermutete<, daß sie in Ostende wäre. Aber sie ist hier, in ihrer Villa. Gestern früh brachte mir mein Agent die Mitteilung, daß am 28. abends neun Uhr ein Kupee vor der Villa angefahren wäre und eine Stunde gewartet hätte. Und weißt Du, wem das Kupee gehörte -- am 28. Juli ein geschlossenes Kupee? -- dem >süßen kleinen Mucki<! Dem Sensburg! Er brachte ihr wohl die Neuigkeit, daß er Dich in Innsbruck traf. Hoffentlich hast Du ihm nicht klipp und klar gesagt, wohin Du fährst? Na also, gestern mittag fuhr ich zu ihm, mit den vier Jungen im Wagen. Ausrede: ob er nicht einen jungen Engländer wüßte, der meine Neveus im Tennis perfektionieren könnte. Den wußte er natürlich. Und dann fragte ich so nebenbei: ob er nicht bei der Pranckha gewesen wäre. Er wurde rot und leugnete. Das wunderte mich. Nicht, daß er log. Aber daß diese abgelaufene Gesellschaftswanze noch erröten kann. Und das ist alles, was ich Dir zu berichten habe. Aber ich warne Dich, lieber Heinz! Was sie mit diesem monatelangen Blindekuhspiel bezweckt, versteh' ich nicht. Irgend etwas plant sie. Daß sie Dich >friedlich ziehen< läßt, das bilde Dir ja nicht ein!
Fürst Ettingen zu Bernegg ist ein liebes Hühnchen, das allzu schöne Federn besitzt. Sie wartet nur den günstigen Augenblick ab, um Dich wieder einzufangen. Daß sie dabei mit Deinem Herzen rechnen kann, das brauch' ich wohl nicht mehr zu befürchten. Aber sie wird ihren Kalkul auf Dein Blut setzen. Ich warne Dich, Heinz! Wenn Dir die schöne Katze mit süßem Schnurren an den Hals springt -- schüttle sie ab! Gleich! Nur in der ersten Sekunde wirst Du die Kraft dazu haben. Nicht mehr in der zweiten Minute. Da hat sie Dich.
Hörst Du: sie trommeln schon wieder! >Onkel Goni, du bist unausstehlich!< Diesen Vorwurf muß ich entkräften. Also Schluß!
Dein >Schweigen< sollst Du in wenigen Tagen bekommen. Ich habe eine herrliche Radierung aufgetrieben und einen tüchtigen Künstler beauftragt, dem Blatt einen Hauch Farbe nach dem Original zu geben. Morgen oder übermorgen wird das Bild an Dich abgehen. Am liebsten wär's mir, ich könnt es Dir selber bringen. Aber sobald ich die vier Jungen wieder los bin und sehe, daß ich Deinem >Frieden< hier in Wien nicht weiter nützen kann, dann komm ich. Und dann wollen wir selbander schöne Klapphornverse erleben:
Zwei Knaben gingen durch den Wald, Der eine jung, der andre alt --
Die heitere Pointe wird sich finden. Bis dahin mit Gruß, mit herzlicher Treu, aber auch in Sorge
Dein alter
Goni Sternfeldt.«
Als Ettingen gelesen hatte, trat er, den Brief noch in der Hand, zum offenen Fenster und blickte lächelnd über den Bergwald hinaus.
»Sorge? Nein!«
Eine Stelle des Briefes las er ein zweites Mal: »Dein >Schweigen< sollst Du in wenigen Tagen bekommen --«
Nun bemerkte er erst, daß die letzte Seite des Briefes noch eine Nachschrift hatte:
»Soeben kommt Deine Depesche. Emmerich Petri? Wo hast Du nur diesen Namen so plötzlich aufgefischt? Auf der Gemspirsche? Ist das einer, von dem die Steine reden, da die Menschen von ihm schweigen? Ich habe in einem Lexikon der >Kunstentwicklung des 19. Jahrhunderts< nachgeschlagen. Der Name fehlt. Doch glaub ich mich dunkel zu erinnern, daß ich diesen Namen während des letzten Winters mehrmals in Künstlerkreisen nennen hörte. Aber dieser Winter! Da hatte ich doch meine liebe Sorge mit Dir und Deinem Wahnsinn! Wie war' ich da kapabel für Kunstgespräche gewesen! Emmerich Petri? Der Name klingt mir im Ohr, doch meine Erinnerung ist leer. Aber ich fahre noch heut ins Künstlerhaus, um einen Augur in moderner Kunstgeschichte zu erfragen, und dann will ich sehen, was sich erfahren läßt.« --
Mit der gleichen Post, die diesen Brief gebracht hatte, war auch ein anderer gekommen -- an Martin. Und sein Inhalt versetzte den sonst so gemessenen Herrn in solche Erregung, daß er in der gleichen Stunde noch den Förster aus seinem Mittagsschläfchen aufrüttelte.
»Herr Förster! Ich komme mit einer Bitte. Sie müssen mir helfen!«
»No also! Schießen S' los! Was is denn?«
Es handle sich um eine »freudige Überraschung« für Seine Durchlaucht, erklärte Martin. Eine hohe Dame, natürlich eine nahe Anverwandte des Herrn Fürsten, käme nächster Tage zu Besuch ins Jagdhaus -- wann, das wäre noch nicht genau bestimmt --, aber um Seiner Durchlaucht die »ungeahnte Freude« nicht zu verderben, müsse die Sache so geheim wie möglich gehalten werden. Vor allem müsse für den hohen Besuch das Grafenstüberl entsprechend eingerichtet werden, und da hätte er nun soeben von Innsbruck die Mitteilung erhalten, daß der Wagen mit dem Mobiliar und der Dekorateur mit seinen Gehilfen schon am nächsten Abend eintreffen würden. Und da müsse nun um jeden Preis ein Mittel gefunden werden, um die Durchlaucht für zwei Tage vom Jagdhaus zu entfernen -- zwei Tage wären zur »Adaptierung« des Zimmers unumgänglich notwendig.
Der Förster, der sich ehrlich freute, bei einer angenehmen Überraschung für seinen Herrn mithelfen zu dürfen, brauchte nicht lang zu überlegen. Die Sache wäre leicht zu machen: man müsse dem Herrn Fürsten zureden, einen längeren Jagdausflug zu unternehmen, vielleicht zum Sebensee. »Denn wissen S', der Sebensee, der gfallt ihm. Dös hab ich schon gmerkt. Morgen um Mittag kann er mit'm Pepperl abmarschieren, in der Sebenwaldhütten bleibt er über Nacht -- dös Hütterl is gut im Stand --, am ersten Tag macht er an Pirschgang über'n Sebensee nauf, und für den zweiten Tag verarranschier ich a netts Treibjagderl. Dös macht ihm Freud. Da geht er.«
Mit Eifer nahm der Förster auch gleich die »Verarranschierung« in Angriff und schickte durch den Postboten die Nachricht an die Leutascher Jäger, binnen zwei Tagen mit sechs Treibern im Jagdhaus einzutreffen. Als er dabei hörte, daß Mazegger, den er die Tage her nicht gesehen hatte, am Abend zuvor in Leutasch gewesen wäre, gab's ein Gewitter mit Blitz und Hagelschlag. Und damit ihm Mazegger, wenn er spät am Abend in die Hütte zurückkehren würde, nicht wieder auskäme, legte er ihm einen Zettel auf den Tisch: »Morgen bleibst Du daheim. Ich muß was reden mit Dir! Förster Kluibenschädl.«
Beim Diner trug er dem Fürsten sein »Planerl« vor und schilderte ihm die Weidmannsfreuden einer Gemspirsche beim Sebensee und einer Treibjagd auf Hirsche im Geißtal mit so verlockenden Farben, daß Ettingen sofort einverstanden war. Martin, der dieses Gespräch beim Servieren hören konnte, atmete erleichtert auf.
Pepperl aber, als er von diesem »Planerl« hörte, schien nicht erbaut zu sein. Er machte ein langes, höchst bedenkliches Gesicht.
»Was hast denn?« fragte der Förster. »Zwei Tag mit'm Herrn Fürsten jagen? Dös muß dir doch Freud machen?«
»No ja, schon! Aber --« In beklommener Sorge scheuerte Pepperl über dem Scheitel die Kreuzerschneckerln durcheinander.
»Was, aber?«
»Die ganze Zeit her wart ich schon allweil auf den Brenntlinger. Morgen oder übermorgen, hätt ich gmeint, müßt er kommen.«
»Was willst denn von dem Schnapsbruder?«
»Was z'reden hätt ich halt mit ihm -- wegen meiner Mutter, ja, und -- a bißl arbeiten sollt er halt!«
»Der? Und arbeiten? Laß dich net auslachen! Auf den kannst lang warten! Neulich, in Leutasch, is er an der Straß im Graben gsessen, und da hat ihm der Herr Fürst an Zehner gschenkt.«
»So is schön!« stotterte Pepperl erschrocken. Und im stillen kalkulierte er gleich: einen Gulden bringt der Brenntlinger durch im Tag, da braucht er sich nicht zu plagen; fünf Tage sitzt er bereits; also hat er noch einen Fünfer, und bevor er mit dem nicht fertig ist, kommt er nicht. »Da kann ich freilich noch lang warten! Derweil bin ich wieder daheim!« --
Am anderen Vormittag gab's in der Jägerhütte zwischen Mazegger und Kluibenschädl einen erregten Auftritt. Das heißt, erregt war nur der Förster, Mazegger lächelte und schwieg. Und je länger der Jäger mit diesem stummen Lächeln dastand, in desto heißeren Zorn geriet der Förster. »Jetzt sag ich dir im guten 's letzte Wörtl! Wenn du von morgen an den Dienst net in der Ordnung machst, so wachsen wir zamm. Weil in drei Wochen den Kufer packen mußt, deswegen därfst net glauben, daß d' mit deiner Zeit jetzt machen kannst, was dir einfallt! Übrigens -- was hast denn vorgestern in Leutasch draußen zum Suchen ghabt?«
»Nichts.« Das war das erste Wort, das Mazegger sprach.
»So? Nix? Warum bist denn nacher naus?«
Der Jäger hob schweigend die Schultern und grub die Hände in die Taschen.
»Gelt, du, kegel dir nur dein Züngl net aus! Aber ich kann mir schon denken, was dich naustrieben hat. Ich weiß ja, wer draußen is. Du bist ja rein wie der hungrige Fuchs im Winter, wo er die Hasenfährt gleich gar nimmer auslaßt. Ja, schau mich nur an mit deine wällischen Guckerln!«
Mazeggers Gesicht wurde fahl wie Kalk; doch er schwieg.
»Morgen gehst nunter nach Ehrwald und bleibst beim Jager über Nacht. Und übermorgen in der Fruh um drei, da seids alle zwei beim Sebener Almzaun. Da haben wir 's Randewuh zum Treibjagen. Und dös sag ich dir, Toni: wenn ich erfahren sollt, daß d' an andern Schritt machst, als den ich dir vorschreib, da brauchst deine drei Wochen nimmer warten. Da kannst marschieren auf der Stell und kannst --«
Erschrocken verstummte der Förster.
Unter der Tür der Jagdhütte stand der Fürst. Bei einem Spaziergang über das Almfeld hatte er die laute Stimme gehört, und nun sagte er lächelnd: »Nicht ärgern, lieber Förster!«
»Ich bitt um Entschuldigung, Duhrlaucht«, stotterte Kluibenschädl, während Mazegger den Fürsten mit funkelnden Augen maß, »aber wenn ich mein Gallenbinkerl gleich zubinden möcht' mit sieben ausglühte Dräht, es hilft ja nix. D' Leut reißen's wieder auf.«
»Sie haben Verdruß gehabt?«
»Ja! Wieder amal! Und weil Duhrlaucht grad dazukommen -- sagen hätt ich's doch amal müssen --, der Mazegger-Toni hat die vorig Wochen den Dienst aufgsagt.«
»Weshalb?« Ettingen wandte sich an den Jäger und sagte freundlich: »Fühlen Sie, daß Ihnen der harte Gebirgsdienst zu beschwerlich ist? Sie sind nicht in den Bergen geboren, und da kann ich begreifen, daß Ihnen der Dienst nicht so leicht fällt wie den anderen Jägern. Aber deshalb brauchen Sie die Stelle nicht aufzugeben. Der Herr Förster wird Ihnen jede Rücksicht gewähren und nicht mehr von Ihnen verlangen, als Sie ohne Überanstrengung leisten können. Oder haben Sie eine andere Klage? Was macht Sie unzufrieden? Sie können sich offen aussprechen. Wenn Ihre Wünsche nicht unbillig sind, wird sich über alles reden lassen. Deshalb brauchen Sie nicht gleich zu gehen! Nun? -- Aber so sprechen Sie doch! -- Kommen Sie vielleicht mit Ihrem Gehalt nicht aus?«
Ein paarmal hatte Mazegger die Lippen geöffnet, ohne daß ihm ein Laut von der Zunge kam. Es schien, als könnte er den freundlichen Blick des Fürsten nicht ertragen. Die brennenden Augen senkend, preßte er mühsam die Worte heraus: »Ich habe keine Klage, Herr Fürst! Gehalt bekomm ich mehr, als ich verdien. Aber der Förster hat nicht die Wahrheit gesagt. Den Dienst hab nicht ich gekündigt. Der Herr Förster hat mir aufgesagt.«
Ettingen sah verwundert auf den Förster.
Dem schoß das Blut ins Gesicht. »Ja, Duhrlaucht, stimmt! Aber wenn ich d' Wahrheit a bißl übers Knie bogen hab -- es is bloß gschehen, daß ich's dem Burschen leichter mach und daß ich ihm net schad.«
»Was hat er verschuldet?«
»Er hat sich -- er hat --« Nein! Daß Mazegger ungebührlich über den Fürsten gesprochen hatte, das konnte Kluibenschädl seinem Herrn nicht ins Gesicht sagen. »Er hat sich unanständig geäußert. Über mich. Ja, über mich.«
Aber der Förster verstand sich so schlecht aufs Lügen, daß Ettingen die Wahrheit leicht erriet. Er betrachtete den Jäger, und da begegnete ihm ein so glühender Blick des Hasses, daß Ettingen befremdet zurücktrat. Was hatte er diesem Menschen getan, um solchen Haß in ihm zu erwecken? War das der törichte Zorn des widerwillig Dienenden gegen seinen Herrn? Die Eifersucht des Unbemittelten gegen den Besitzenden? Oder war es etwas anderes?
Ettingen hatte sich aufgerichtet. Auch ihm war das Blut in die Stirne gestiegen. Doch ruhig sagte er: »Wenn der Jäger sich unziemlich gegen Sie benommen hat, so bitt ich Sie, Herr Förster, ihm das nachzusehen. Ich hätt es auch getan, wenn er sich ungebührlich über mich geäußert hätte. Und würde mir gedacht haben, er weiß nicht, was er redet. Will er bleiben, so erweisen Sie ^mir^ den Gefallen, Herr Förster, und seien Sie gut zu ihm. Machen Sie ihm den Dienst so leicht wie möglich! Es sollte mich freuen, wenn er sein Unrecht einsähe und seine Stellung bei mir noch liebgewänne.« Ettingen nickte einen stummen Gruß und verließ die Hütte.
Der Förster vermochte vor Erregung kaum zu sprechen. »Da schau her, du!« sagte er, dicht vor Mazegger hintretend. »So is der Herr Fürst! Und wie bist du? Jetzt tu, was d' magst! Geh oder bleib! Ich will's halten, wie's der Herr Fürst von mir verlangt hat. Der gachzornige Katzensprung von neulich soll dir vergessen sein! Aber wenn ich dir noch a letztes Mal im guten raten därf -- sei gscheit, Toni, und schlag dir um Gottes willen die unsinnige Narretei aus'm Kopf! Nimm Vernunft an, Bub, und verscherz dir wegen nix und wieder nix net an Posten, wo dir an ehrenhafte Stellung fürs ganze Leben machen kannst! Mehr hab ich nimmer z'sagen. Bhüt dich Gott!« Er ging.
Als er draußen am Fenster vorüber schritt, sah er, daß der Jäger noch immer mitten in der Stube stand, wie er ihn verlassen hatte.
Mazegger lächelte. Er durfte bleiben, wo es ihn festhielt mit allen Klammern seiner Leidenschaft. Alles andere war ihm gleichgültig.
Als er den Schritt des Försters verklingen hörte, hob er das Gesicht. »Nach Ehrwald?« Wieder lächelte er. Nach Ehrwald gab es zwei Wege, von denen der eine nicht weit am Sebensee vorüberführte. Und am verwichenen Abend, als Mazegger neben der Geißtaler Almstraße im Walde gelegen, war Lolo Petri an ihm vorübergewandert, das Grautier führend, auf dem ihr Bruder ritt. --
Nachmittags, gegen vier Uhr, wanderte Ettingen mit Pepperl, der im schwer angepackten Rucksack den Proviant für zwei Tage trug, zur Jagdhütte im Sebenwald.
Ettingen war schweigsam. Der Auftritt mit dem Jäger ging ihm nach, und immer wieder mußte er sich fragen: Was hab ich diesem Menschen getan, warum haßt er mich?
Und Pepperl trug auf seinem Herzen einen Binkel Sorgen, nicht minder schwer als der Pack auf seinem Rücken. Ein Zufall hatte ihm wohl seine »Verantwortigung« ein bißchen erleichtert; von Innsbruck war am Nachmittag eine Touristengesellschaft, die zur Zugspitze wollte, auf der Tillfußer Alm eingetroffen und hatte sich für die Nacht in der Sennhütte einquartiert. Bis zum nächsten Morgen also war das »dumme Gansl« außer Gefahr! Aber dann? Zwei unbehütete Tage! Bei dem Gedanken, was in einer solchen »Ewigkeit« alles geschehen konnte, lief es dem Praxmaler-Pepperl kalt durchs Herz, obwohl ihm von der Stirn die heißen Perlen über den Schnurrbart kollerten. Seufzend nahm er das Hütl ab, trocknete sich mit dem Taschentuch das Gesicht und erklärte innerlich dem alten Brenntlinger: »Mein lieber Mensch! Wenn jetzt was gschieht -- ^ich^ kann ^nix^ dafür! ^Ich^ bin außer Verantwortigung!« --
Während des stillen Marsches dieser beiden ging es im Jagdhaus laut und lebendig zu. Schon um fünf Uhr war ein mit vier Pferden bespannter Planwagen eingetroffen, der hoch mit großen Ballen und Kisten beladen war. Und während der Dekorateur und seine Gehilfen im Grafenstüberl schon zu hämmern und zu kleistern begannen, überwachte der Förster im Hof das Auspacken der Kisten und Ballen, aus denen so zierliche und kostbare Geräte, so zarte Seidenstoffe und so merkwürdige »Sacherln« zum Vorschein kamen, daß Kluibenschädl und die Küchenmagd sich vor Staunen und Wundern kaum zu ^fassen^ wußten. Bis zum Einbruch der Dunkelheit ging es im Jagdhaus zu wie in einem Bienenkorb. An diesem Hasten, Schleppen und Rennen beteiligte sich nur eine einzige nicht: die Jungfer Köchin.
Sie erschien nur manchmal unter der Küchentür, sah mit zornrotem Gesicht dem Lärm und Treiben eine Weile zu und nickte verdrossen vor sich hin. Als ihr Martin zumutete, ein wenig mitzuhelfen, murrte sie mit bösem Blick: »Ich dank schön! Mit ^der^ Arbeit hab ich nichts zu schaffen!« Sprach's und warf hinter sich die Küchentür zu.
»Was hat denn die Jungfer?« fragte der Förster. »Vergunnt s' leicht unserem guten Herrn Fürsten die freudig Überraschung net?«
Martin zuckte die Schultern und schmunzelte.
^Elftes Kapitel^
Ein Morgen, sonnig und mit wolkenlosem Himmel. Aber der Wind zog unruhig durch das Bergtal empor. Die höchsten Spitzen der Wände waren von milchigem Dunst umwoben, und der Sebensee leuchtete nicht wie sonst. Sein mattgekräuselter Spiegel hatte ein dunkles, schwermütiges Grün. Trotz aller Sonne redete etwas aus dem Bilde der Natur wie leise Angst.
Von der Unruhe des Windes merkte man nicht viel beim kleinen Seehaus, dessen Blumengarten im Schutze des nahen Waldes lag. Nur selten tönten in den Wipfeln des Harfenbaumes die Glocken.
Lolo kniete am Saum eines Beetes, um die verwelkten Almrauschdolden von den Stöcken abzulösen. Ihr Bruder, den die Joppe und das Lederhöschen besser kleidete als das schwarze Studentenröckl, saß im Schatten des Harfenbaumes am Tisch. Trotz der vierzehn »ganz freien« Tage hatte er seine Schulbücher mit zum Sebensee genommen, und da saß er jetzt über einer schriftlichen Aufgabe aus der römischen Geschichte. An der Feder war ihm die Tinte trocken geworden. Mit der Hand den Kopf stützend, blickte er sinnend zum dunstigen Blau des Himmels auf.
»Bubi?« fragte die Schwester. »Wo bist du mit deinen Gedanken?«
Aufatmend schob er die Feder hinters Ohr und nahm die Wangen zwischen die beiden Fäuste. »Weißt du, die Geschichte dieser Gracchen gibt mir furchtbar zu denken! Die haben es doch wirklich gut mit dem armen römischen Volk gemeint. Und doch haben sie Unrecht bekommen und sind zugrunde gegangen. Eine solche Ungerechtigkeit sollte der liebe Gott nicht zulassen. Freilich, die alten Römer haben noch an ihre heidnischen Götter geglaubt, die doch in Wirklichkeit gar nicht existierten. Wir Christen glauben doch jetzt an den rechten, wahren Gott. Aber es ist doch eigentlich heutzutage auch nicht viel anders als im Altertum.«
Die Schwester lächelte. »Hast du das in der Schule gelernt?«
»Gott bewahre! Von so was reden sie doch in der Klasse nicht. Aber man hört und sieht doch soviel Unglück und soviel Trauriges. Weißt du, da muß ich immer drüber nachdenken, und da fallen mir oft Dinge ein, die ich mir gar nicht erklären kann.«
»Sag mir so ein Ding!«
»Alles Gute und Schöne in der Welt? Das kommt doch von Gott, nicht wahr?«
»Ja, Bubi.«
»Und dann, ich weiß schon, es gibt ja auch Unglücksfälle -- zum Beispiel, wenn ein Haus einstürzt, wie neulich in Innsbruck, und sieben arme Menschen erschlägt --, da kann natürlich der liebe Gott nichts dafür. Die Menschen hätten das Haus eben besser bauen sollen.«
»Da hast du recht!«
»Aber es gibt doch auch ^viel^ Unglück, an dem die Menschen ^nicht^ schuld sind. Ein Bergsturz oder eine große Überschwemmung. Oder der Blitz, der in ein Haus schlägt. Denk nur, er schlägt sogar am liebsten in die Kirchen! Wie darf denn der liebe Gott so was zulassen? Oder eine Lawine, die einen ganzen Wald verschüttet? Das kann ich mir nicht vorstellen, daß Gott eigens den Wald hat wachsen lassen, nur damit er zugrunde geht. Und dann die Raubtiere zum Beispiel! Wo kommen denn die her? Und das Ungeziefer? Und die giftigen Pflanzen? Und alle die anderen bösen Dinge? Sag mir, Lo, wer hat denn ^das^ alles gemacht?«
»Gott! Wer sonst?«
»Aber Lo! Wie kann Gott dann lieb und gut sein?«
»Doch! Er ist es.«
»Das versteh ich nicht. Ich bitte dich, Lo, das mußt du mir erklären!«
»Sieh dir einmal die Sonne an! Ist Gott, der sie erschaffen hat, nicht groß und gut? Und die Berge dort? Wie schön sie sind! Und hier, sieh nur, die Blumen!«
»Freilich, ja, das alles ist gut und schön, das kann nur Gott erschaffen haben. Aber das Böse, Lo?«
»Das Böse? Ich kenne nichts Böses.«
»Aber! Lo!« Mit großen, erschrockenen Augen sah Gustl die Schwester an.
»Sag mir, Bubi, was nennst du denn eigentlich böse?«
Zu seiner Verwunderung wußte der kleine Bursch nicht gleich eine Antwort zu finden. »Ich -- weißt du, ich meine, was den Menschen nicht gefällt -- und was ihnen schadet, das alles ist doch böse.«
»Meinst du?« Lo erhob sich und schüttelte die welken Blüten von ihrem Schoß in ein Körbchen, das auf dem Kiesweg stand. »Also, die Henne ist gut, weil sie Eier legt, sagt der Bauer. Und der Fuchs, sagt er, ist böse, weil er die Henne frißt. Und gut ist das Pulver, und gut ist die Bleikugel, mit der man den bösen Fuchs erschießen kann. Aber ist denn der Fuchs nicht auch ein Geschöpf, das leben will? Wird der Fuchs nicht sagen: >Ich bin gut, und bös und grausam ist der Jäger, der mich erschießt?< Wer hat nun recht von den beiden?«
Gustl begann diesen Widerspruch von der heiteren Seite zu nehmen und lachte.
»Nein, Bubi, da sollst du nicht lachen. Ich mein' es ernst. Wer von den beiden hat recht?«
»Freilich, wenn ich ein Fuchs wäre, würd ich auch sagen: >Bös sind die Menschen, die mich erschießen.< Aber ich ^bin^ doch kein Fuchs. Ich bin ein Mensch.«
»Und deshalb willst du recht haben? Aber jetzt denk einmal: neulich bin ich unserem Nachbar begegnet. Der war vor Zorn ganz rot im Gesicht. Und weißt du, warum?«
»Weil der Fuchs ihm eine Henne gestohlen hat?«
»Nein! Weil der böse Jäger den guten, nützlichen Fuchs erschoß, der auf dem Feld des Nachbars alle Maulwürfe und Engerlinge verspeiste.«
Gustl schwieg, und während er die Brauen furchte, blickte er sinnend zur Schwester auf, die zur Bank kam und sich au seine Seite setzte. Dann sagte er langsam: »Du, Lo! Ich glaube, jetzt versteh ich, wie du es meinst. Da hat doch eigentlich jeder recht. Und keiner. Und der Fuchs ist nicht gut und nicht bös. Er ist halt ein Fuchs. Und wie er ist, so muß man ihn nehmen -- weil er einmal da ist.«
»Ja, Bubi! Siehst du, wenn du ruhig nachdenkst, dann kommst du schon selbst auf das Richtige. Wie mit dem Fuchs, so ist es mit allen anderen Dingen. Alles in der Welt ist so, wie es sein muß, wie es immer war und immer bleiben wird. Gut und bös? Das hat mit den Dingen der Welt nichts zu schaffen. Das sind nur Worte, die der Mensch in seinem Eigennutz erfunden hat. Und den Bau der großen unendlichen Welt, das ganze herrliche Wunderwerk der Schöpfung nur nach den kleinen Dingen zu beurteilen, die uns Nutzen oder Schaden bringen? Ist das nicht töricht? Und unschön?«
»Ja, Lo, da hast du wirklich recht!«