Das Schweigen im Walde: Roman

Part 13

Chapter 133,990 wordsPublic domain

Ettingen nahm ihre beiden Hände und sah ihr so herzlich in die Augen, daß sie vor diesem Blick in Verwirrung geriet. »Soll jetzt in Ihrem Herzen nicht ein leiser Zweifel zurückbleiben, dann muß ich sprechen!« Er hörte Stimmen, und als er aufblickte, sah er am Ufer des großen Weihers den Förster mit dem Fischer um die Waldecke biegen. »Schade! Da kommen Leute, die mich holen. Aber ich hoffe noch die Stunde zu finden, die mich ungestört mit Ihnen plaudern läßt. Ich habe Ihnen viel mehr zu sagen, als ich jetzt in ein paar Worte fassen kann. Und habe manche Frage zu stellen, die Sie mir beantworten müssen, über das Leben Ihres Vaters, über den Entwicklungsgang seines Schaffens, über die Zeit, in der diese Bilder entstanden. Ich denke nicht sonderlich gut von der Urteilsfähigkeit der Welt, die mit dem Tage lebt und schreit. Aber sie hat trotz allem Augen und hat doch auch ein Herz. Und wäre Ihr Vater vor seiner Flucht in die Berge als Künstler schon der gleiche gewesen, der er war, als er den Hermeskopf mit der Viper und den Jesusknaben mit den Faunkindern schuf -- die Welt hätte ihn anerkennen ^müssen^, mehr noch, ihn bewundern und lieben!« Fester umspannte er ihre zitternden Hände. »Ihr Vater war ein großer Künstler. Ich schränke dieses Wort durchaus nicht ein, wenn ich sage, daß in ihm der Mensch und Dichter vielleicht noch größer war als der Maler. Ich kann Ihnen gar nicht schildern, welch einen tiefen Eindruck ich heut aus Ihrem Hause mit forttrug. Es war ein Eindruck, der den Wunsch in mir weckte: hätt ich diesen seltenen Menschen doch gekannt, hätt ich doch mit ihm leben dürfen! Aber ich glaube doch, daß ich ihn kenne. Ich habe schon so viel von seinem Leben erfahren, durch Sie und durch andere. Seit heute weiß ich auch, wie er starb -- wie nur ein großer und guter und starker Mensch zu sterben vermag, der seinem Leben keinen Vorwurf zu machen hat. Und ich habe in seinem Haus die Luft des reinen Glückes geatmet, das er sich und den Seinen erkämpfte, habe gesehen, was er schuf -- und ich kenne sein Kind. Nun weiß ich, wer Ihr Vater war, und kann Ihnen nachfühlen, was Sie bei jedem Gedanken an ihn empfinden müssen. Sie sind ein glückliches Kind!« Er küßte ihre Hand, und rasch, als möchte er jede störende Begegnung von ihr fernhalten, ging er auf die beiden Männer zu, die schon über das Wehr des letzten Weihers kamen.

Unbeweglich, die großen schönen Augen feucht umschleiert, stand Lolo Petri am Ufer und blickte über das Wasser zum Wehr hinüber. Sie sah nur den einen, der von ihr gegangen war, sah nicht, daß der Förster ihr zuwinkte mit dem Hut, und hörte den Gruß nicht, den er laut, um das Wasser zu übertönen, zu ihr herüberschrie. So stand sie, bis die drei Männer im Tor eines Blockhauses verschwanden. Dann atmete sie auf, und wie in einem Sturm von Empfinden preßte sie die Hand, die er geküßt hatte, an ihre Lippen -- als möchte sie ihm danken für seine Worte und wüßte keinen anderen Dank als diesen. Dann kam es über sie wie treibende Ungeduld. Sie klappte den Feldstuhl zusammen, brachte den Malkasten in Ordnung und schabte hastig mit einem Messer das ganze fertige, noch nasse Bildchen von der Leinwand fort, daß auf dem Tuche nur noch ein trüber Schimmer der entfernten Farben zurückblieb. Während sie die zerlegte Staffelei mit dem Sessel zusammenschnallte, blickte sie nach dem Stand der Sonne. »In einer Stunde müssen sie kommen!«

Das Malgerät an einem Riemen tragend, eilte sie zwischen Wald und Wasser das kleine Tal hinunter und folgte einem Fußpfad, bis sie die von Leutasch nach Seefeld führende Landstraße erreichte. Einen Fuhrmann, der ihr mit leerem Wagen entgegenkam, bat sie, ihr Malgerät mit ins Dorf zu nehmen -- und sie brauchte den Mann nicht viel zu bitten, man sah es ihm an, daß es ihm Freude machte, ihr eine Gefälligkeit erweisen zu können.

In sachter Steigung klomm die Straße durch den Wald hinauf, und Lolo folgte ihr mit so erregter Hast, daß ihr die Wangen zu brennen begannen. Als sie die Höhe erreichte, öffnete sich vor ihr eine Waldwiese. An einem Quellbach, der sich an die Straße heranschlängelte, waren die Ufer reich mit Blumen bewachsen. Lolo begann zu pflücken, und während sie am Saum der Wiese hinging, sammelte sie zu ihrem Strauß noch immer neue Blumen. Sie erreichte wieder den Wald und ließ sich im Schatten der Bäume nieder, um die Blüten zu ordnen. Nur ihre Hände waren bei dieser Arbeit, nicht die Gedanken. Bald spielte ein träumendes Lächeln um ihren Mund, bald wieder blickte sie ernst in den blauen Schatten des Waldes. Nun ließ sie den Strauß, den sie gebunden hatte, in den Schoß fallen. »Vater! Vater!« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in Schluchzen aus. Das war kein Weinen in Schmerz -- es war ein Weinen in heißer Freude.

Jetzt fuhr sie lauschend auf, sprang zurück auf die Straße und jauchzte. Aus dem Tal, in das sich der Wald hinuntersenkte, antwortete eine Knabenstimme, hoch und schrill, wie der Ton einer Weidenpfeife.

»Ja! Ja! Sie sind es!« stammelte Lo und begann zu laufen. Eine kleine, mit einem Pferd bespannte Kutsche kam. Der Knecht ging neben dem Wagen her, um dem Rößlein die Last über den Berg hinauf zu erleichtern. In der Kutsche saßen eine Frau und ein Knabe, der mit beiden Armen winkte.

Mit klingender Stimme rief Lo den Namen des Bruders. Und da ließ sich der kleine Bursch nicht länger im Wagen halten, sprang auf die Straße, noch ehe der Knecht das Pferd zum Stehen brachte, warf das Hütl in die Kutsche zurück und begann den Berg hinauf zu rennen, daß ihm die Mutter in Sorge nachrief: »Gustl! Gustl! Nur langsam! Ich bitte dich! Sie wartet ja, bis du kommst!« Der Junge hörte nicht, rannte und rannte, und schon auf hundert Schritt vor der Schwester breitete er die Arme aus und jubelte: »Lo! Lo! Meine liebe, gute, gute Lo!« Mit so wilder Freude flog er an ihre Brust, daß sie wankte unter dem Ansturm dieses schmächtigen Knabenkörpers. Wortlos hielt sie ihn umschlungen. Als sie sich aufrichtete, hing er mit erloschenem Atem an ihrem Hals, hielt die Wange an ihre Brust gedrückt und brachte nur mühsam die Worte heraus: »Ach, Lo, ich kann dir's gar nicht sagen, wie ich mich freue! Weil ich dich wiederhabe! Dich, Lo! Dich! Weißt du, es ist so nett vom lieben Gott, daß er die Ferien erschaffen hat!«

Lächelnd kühlte sie ihm mit ihrem Tuch die Wangen und hielt ihn umschlungen, bis er ruhiger wurde. Dann gab sie ihm die Blumen.

»Lo? Für mich?«

»Für dich und für die Mutter.«

»Ich danke, danke dir, Lo!«

Da nahm sie sein Gesicht zwischen die Hände und sah ihm lang in die Augen. Wie zwei klare Sterne blickten die leuchtenden Knabenaugen zu ihr empor. Sie atmete auf und sagte leis: »Ja! Du bist es! Du kommst wieder heim, wie du gegangen bist!« Lächelnd schob sie ihn ein wenig von sich und betrachtete sein hager aufgeschossenes Figürchen in dem saubergehaltenen schwarzen Anzug und in den engen Höschen, die ihm zu kurz geworden. »Und wie du gewachsen bist!«

»Ja!« sagte er stolz und reckte sich. »Jetzt reich' ich dir schon fast an die Schulter.«

Die Kutsche kam, und jubelnd schwenkte der Junge seine Blumen. »Muttl! Sieh doch! Sieh! Die hat uns Lo gebracht!«

Das Mädchen eilte dem Wagen entgegen und faßte die Hand der Mutter.

Frau Petri hatte schon graue Haare, die glattgescheitelt unter dem schwarzen, altmodischen Kapotthut hervorsahen. In weißem Oval, wie aus Wachs gebildet, hob sich aus den schwarzen Bändern das schmale Faltengesicht, das von Kummer und Schmerzen erzählte, die nur zur Ruhe kamen, doch nicht überwunden sind. Aber so welk und müde dieses Gesicht auch war, es zeigte noch Spuren einstiger Schönheit und glich mit seinen feinen, vornehmen Zügen dem Antlitz der Tochter. Nur andere Augen hatte die Mutter, von mattem Blau -- Augen, die nicht anders blicken konnten als in Sorge. Und sie hatte ihrer Tochter kaum ins Gesicht gesehen, als sie schon beklommen fragte: »Kind? Was ist dir? Du bist anders als sonst! Ich bitte dich, sag mir, ist etwas geschehen? Was hast du?«

»Mutter!« Lo umklammerte die Hand der alten Frau, während sie neben der Kutsche herging; sie war so erregt, daß sie nicht zu sprechen vermochte.

»Aber Hans!« schmollte Frau Petri mit dem Kutscher. »So halten Sie doch den Wagen an. Lo kann doch nicht immer so nebenherlaufen!«

Der Knecht hielt das Pferd an und suchte auf der kahlen Straße nach einem Stein, den er unter das Rad legen könnte.

»Was hast du, Kind? Aber so sprich doch!«

»Mutter! Denke nur, wer heute bei uns war. In unserem Hause! Er, Mutter! Er!«

»Er? Wie soll ich denn das wissen, wer das ist?«

»Aber Mutter! Ich habe dir doch heute früh erzählt von ihm. Daß ich ihn draußen am Sebensee kennenlernte. Und daß ich soviel vom Vater mit ihm gesprochen habe.«

»Der Fürst?« fragte Frau Petri betroffen.

»Heute kam er zu uns, um Vaters Bilder zu sehen.«

»Und du warst bei ihm?«

»Nein! Aber ich traf ihn. Bei den Weihern. Ach, Mutter! Wärst du doch nur bei mir gewesen! Hättest du nur gehört, wie er vom Vater gesprochen hat! Das wäre für dich eine Freude gewesen. Eine Freude! Weißt du, was er sagte? Ein großer Künstler, den die Welt hätte bewundern und lieben müssen! Und vielleicht war der Mensch und Dichter in ihm noch größer als der Maler! Das sagte er. Wort für Wort. Wir, Mutter, wir wissen es ja! Aber daß es nun auch die anderen erkennen und sagen! Ach, Mutter, dieses Wort war ein Geschenk für mich, so schön, ich kann es dir gar nicht sagen!«

Frau Petri schwieg, und während sie zitternd die Hand ihres Kindes umklammert hielt, fielen ihre glitzernden Zähren auf das Hutband.

Da sagte der Kutscher: »Liebe Frau, jetzt muß ich aber weiterfahren, 's Rößl kann den Wagen auf der steilen Straßen nimmer derhalten!«

Frau Petri seufzte. »Ach, Lo! Warum kommt das so spät? Zu spät für ^ihn^!« Sie trocknete die Augen und sagte begütigend zum Kutscher: »Ja, Hans, fahren Sie nur weiter! Aber du, Lo?«

»Fahre nur voraus, Mutter! Ich gehe mit Gustl.«

»Wo ist er denn?«

»Dort, im Wald. Einem Schmetterling läuft er nach oder einem Eichhörnchen.«

»Ach, wie sich der Bub wieder erhitzen wird!« Frau Petri reichte dem Mädchen den Hut des Jungen und ein seidenes Tuch. »Er soll den Hut gleich aufsetzen, wenn er auf die Straße kommt. Hier zieht es. Und bind ihm das Tuch um! Tust du es aber auch wirklich?«

Lolo lächelte. »Ja, Mutter!«

Als der Wagen davonfuhr, kam Gustl aus dem Wald gerannt, rief der Mutter einen jauchzenden Gruß nach und warf sich wieder mit stürmischer Zärtlichkeit in die Arme der Schwester. Sie drückte ihm das Hütl aufs Haar und band ihm das Tuch lose um den Rockkragen, daß es den Hals nicht berührte. Dann wanderten sie Arm in Arm neben der Straße hin, und während Gustl mit sprudelndem Eifer die lange Geschichte seiner kurzen Reise erzählte, schmiegte er sich eng an die Schwester an, als gäbe es für ihn keine süßere Freude, als so mit ihr zu wandern, ihre Hand zu streicheln und mit leuchtenden Augen immer wieder zu ihr aufzublicken. Doch plötzlich, mitten in seiner plaudernden Freude, verstummte er.

Sie beugte sich zu ihm nieder, sah ihm ins Gesicht und sagte leis: »Ich weiß, an was du denkst!«

»Ach, Lo!« Seine Augen füllten sich mit Tränen. »Die ersten Sommerferien -- ohne Vater!« In Schluchzen ausbrechend, umklammerte er die Schwester.

Während auch ihr die Tränen über die Wangen rollten, hielt sie den Knaben an sich gepreßt. Dann wanderten sie langsam und schweigend durch den Wald. Sie kamen zur Höhe, und aus dem Tal herauf grüßte das Dorf mit seinen Wiesen und Gärten.

»Lo! Unser Haus! Ich seh' unser Haus!« Mit einem gellenden Jubelschrei, aus dem noch die Tränen zitterten, schwang der Junge sein Hütl.

Lolo legte den Arm um seine Schulter und sagte flüsternd: »Gelt, so schön wie daheim ist's nirgends in der Welt!«

»Daheim! Ach, Lo, wo sollt es denn schöner sein?«

»Aber eins mußt du mir versprechen! Wenn wir heimkommen, wollen wir klug und stark sein. Und lieb und gut mit der Mutter. Wir dürfen ihr nicht wehtun mit unserm Schmerz. Sie soll nichts anderes sehen als deine Freude, daß du wieder daheim bist und wieder bei ihr!«

»Ja, Lo! Ich verstehe, was du meinst! Und das versprech ich dir: lieber beiß ich mir die Zunge ab, eh ich weine, wenn Muttl es sehen kann!«

Sie nickte ihm zu. »Und eines sag mir noch! Wenn der Vater dich jetzt erwarten könnte? Dürfte er Freude an dir haben?«

Ruhig hielt er den Blick der Schwester aus. »Ja, Lo, ich glaube schon! Mein Zeugnis hab ich ganz zu oberst im Kofferchen liegen, und gleich wenn wir heimkommen, zeig ich es dir! In allen Fächern hab ich Eins mit Auszeichnung bekommen. Nur im Betragen -- ich bitte dich, sei nicht bös, aber im Betragen hab ich Zwei auf Drei. Neulich hat mir der Religionslehrer in die Liste geschrieben: >Der Knabe August hat sich während der Stunde umgesehen.< Weißt du, ich passe in der Schule immer soviel auf, aber ich kann nicht stillsitzen, ich will's immer, aber ich ^kann^ nicht!«

Lächelnd streichelte ihm die Schwester das Haar. »Deshalb brauchst du dir keinen Kummer zu machen. Das wirst du schon noch lernen! Und umsehen ^muß^ man sich in der Welt ein bißchen.« Sie nahm seinen Arm, und nun schritten sie rasch ins Tal hinunter. »Und weil du so gute Zeugnisse heimbrachtest, sollst du auch schöne Ferien haben. Muttl und ich, wir werden zusammen helfen, um dir recht viel Freude zu machen! Aber weißt du, Bubi, ganz darfst du in den Ferien das Lernen nicht aussetzen. Ich habe schon den Stundenplan eingeteilt. In der Früh wird Muttl eine Stunde mit dir lernen, und nachmittags oder am Abend, da setzen wir beide uns ein paar Stündchen zusammen. Willst du?«

»Ja, Lo, ja! Aber gelt, jetzt gleich, da hab ich doch ein paar Tage ^ganz^ frei? Weißt du, ein bißl ausrennen möcht ich mich schon.«

»Aber natürlich! Bist du zufrieden mit vierzehn Tagen?«

»Vierzehn --« Das Wort ging unter in einem seligen Jauchzer. »Und darf ich auch wieder fischen? Schon morgen?«

»Wenn du willst noch heut am Abend. Der Fischer hat die neue Angelgerte für dich schon fertig.«

»Ach, Lo, das wird herrlich, herrlich!«

»Vier Tage bleiben wir jetzt zu Hause bei Muttl, und dann darfst du drei Tage mit mir -- rate, wohin?«

»Lo? Zum Sebensee?«

»Erraten! Ja!«

Die erste Regung des Knaben war stürmischer Jubel. Dann wurde er still, und die Wange an den Arm der Schwester schmiegend, flüsterte er: »Ach, Lo! Da draußen sein, und an den Vater denken, wenn ich seine Blumen sehe und seinen Baum singen höre -- ich kann's nicht erwarten, gar nicht erwarten! Wie schön das sein wird!« Und hastig, als müßte er für solche Freude danken, sagte er: »Lo! Da nehm ich meine Bücher mit. Da draußen, weißt du, da ^muß^ ich lernen.«

Zärtlich drückte ihn die Schwester an sich, und wieder gingen sie schweigend am blumigen Saum der Straße hin. Als sie zu den ersten Häusern kamen, wurde ihr Gang immer rascher. Wenige Schritte noch, und sie hatten ihr Haus erreicht.

Das Gold des Nachmittages lag über dem Schieferdach, die weißen Tauben flogen, die Stare zwitscherten, und die sonnige Luft war erfüllt vom Wohlgeruch der Blumen.

^Zehntes Kapitel^

Über den schattenschwarzen Bergwald sank schon die Sonne hinunter, als Ettingen mit dem Förster wieder im Jagdhaus eintraf.

Pepperl, der auf der Schwelle des Försterhäuschens hockte, erhob sich, als er die beiden kommen sah, und schüttelte die Füße, als wären sie ihm eingeschlafen. Das Viertelstündchen ausgenommen, das er um die Mittagszeit in der fürstlichen Küche verbrachte, hatte er vom Morgen bis zum Abend auf seinem Lauerposten ausgehalten, mit dem Geheimnis von Woodcastle auf den Knien. In diesen sieben Stunden war er bei der Lektüre nur um ein einziges Kapitel vorwärtsgekommen. Aber der Miene, mit der er die roten Hefte jetzt in die Schublade warf, konnte man es ansehen, daß er mit dem Ergebnis des Tages nicht unzufrieden war. Nicht das geringste war geschehen, was die »Verantwortigung« seiner moralischen Seele belastet hätte. Wohl hatte Martin ein paar verdächtige Spaziergänge im Umkreis der Sennhütte unternommen, aber ein freundlicher Zuruf des Praxmaler-Pepperl hatte den Kammerdiener immer wieder zur Umkehr nach dem Fürstenhaus veranlaßt. Drum konnte Pepperl, als der Förster in die Hütte trat, seinen Vorgesetzten in bester Laune empfangen. »Grüß Gott, Herr Förstner! Schon wieder daheim? Dös is recht! Jetzt kann ich grad noch a bißl Dienst machen bis auf d' Nacht. Jetzt is ja der Fürst wieder da!«

Der Förster schien den Zusammenhang zwischen Pepperls Diensteifer und der Heimkehr des Fürsten nicht recht zu begreifen und guckte verwundert dem Jäger nach, der, einen Ländler pfeifend, seine Büchse nahm und flink hinauswanderte in den schattigen Wald. --

Zwei Tage vergingen. Ettingen hatte keine Lust, eine Pirsche zu unternehmen. Er wollte ruhen, wie er sagte. Das hinderte nicht, daß er an jedem Morgen zeitig munter war und einsam einen mehrstündigen Schlendergang durch den Bergwald machte. Am Nachmittag saß er mit einem Buch im Wald, und die Abendstunden verplauderte er mit den Jägern.

Auch der Almhütte stattete er mit dem Förster einen Besuch ab und saß eine Stunde lang bei der Sennerin, die ihm ihre Arbeit schildern mußte. Das gedrückte Wesen des Mädels fiel ihm auf. »Haben Sie eine Sorge, Burgi?«

»Ich? Und Sorgen? Gott bewahr! 's Vieh is gsund, was will ich denn mehr?«

»Sie sind nicht heiter. Wenn ich Ihnen helfen kann, tu ich es gern. Haben Sie etwas auf dem Herzen?«

Sie wurde rot bis unter die Haare, aber gleichmütig sagte sie: »Ich? Auf'm Herzen? Den Janker! Sonst nix! Aber der Mensch kann net allweil lustige Fasnacht halten. Diemal muß er auch sein sinnierlichen Tag haben. So ein' hab ich halt heut grad, weiß selber net, warum!« --

Am dritten Morgen unternahm Ettingen mit dem Förster einen Pirschgang auf Gemsen.

Pepperl, der zwei Tage strengen Dienst gemacht hatte, blieb an diesem Morgen zu Hause. »Man kann net wissen, ob net d' Jungfer Köchin oder der Herr Martin wen braucht.« Und auf der Hüttenschwelle hielt er in brennender Sonne mit dem Geheimnis von Woodcastle bis Mittag aus. Da kam der Postbote. Den fragte er: »He! Du! Was is denn mit'm Brenntlinger? Hast ihm die Botschaft ausgricht'?«

»Ja.«

»Warum kommt er denn net?«

»Der Schnaps laßt ihn net aus. Heut in der Fruh hab ich ihn wieder troffen im Wirtshaus. Da hockt er schon den dritten Tag.«

Pepperl fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn. Die Sonne hatte ihm eingeheizt. Und in schwüler Sorge brummte er vor sich hin: »Mar und Joseph! Is ^dös^ a Mensch! A Vater! Und hat a Madl, dös in der ärgsten Gfahr is!« Dann sagte er laut: »Geh, ich bitt dich, red ihm zu, daß er kommt. Sag ihm: es pressiert!«

Während die beiden noch miteinander sprachen, kam der Fürst von der Pirsche zurück. Der Förster trug einen Gemsbock auf dem Rücken. »Und a zweiter liegt noch droben«, sagte er, »tummel dich, Pepperl, daß d' ihn runter bringst vor Abend!« Aber ehe Pepperl sich »tummeln« konnte, gab's vor dem Försterhäuschen noch ein langes, fröhliches Schwatzen über den Verlauf des glücklichen Pirschganges.

War es die seltene Jägerfreude, zwei gute Böcke erlegt zu haben, war es die ungetrübte Stimmung der vergangenen Tage oder die reine Bergluft, die an dem ernsten Flüchtling der Großstadt diese freundliche Wandlung bewirkt hatte -- Ettingen war in so prächtiger, von Heiterkeit übersprudelnder Laune, daß die beiden Jäger ihre Freude an ihm hatten. Seine Augen blickten so froh, sein sonnverbranntes Gesicht hatte so gesunde Farbe, als hätte er nie die Luft der Krankenstube geatmet und als wäre auch die letzte Erinnerung an allen Sturm und Schmerz, vor dem er in die Einsamkeit der Berge geflohen, in ihm versunken und erloschen. Und wie kräftig sein Schritt war, wie frei seine Haltung! Als hätte ein neuer und heißer Trieb des Lebens jeden Tropfen seines Blutes befeuert. Er selbst schien der Wandlung, die sich in ihm vollzogen hatte, mit keiner Frage nachzuspüren. Er fühlte sie nur, wie man mit geschlossenen Augen die Sonne fühlt, war heiter und zufrieden, dachte mit keinem Gedanken an das Gewesene, hatte keinen Wunsch an die Zukunft und freute sich in dieser lächelnden Ruhe jeder Stunde, wie sie kam und ging.

Der folgende Tag aber brachte ihm den Lebensgewinn, den er im Frieden des Waldes gefunden hatte, doch zum Bewußtsein. Da kam mit der Post ein Brief. Als Ettingen an der Adresse die Schrift des Freundes erkannte, an den er in jener ersten Nacht die lange Epistel gerichtet hatte, zögerte er einen Augenblick, den Brief zu erbrechen. Dann schüttelte er lachend den Kopf. »Mein Wald hat mich gesund gemacht!« Was dieser Brief auch enthalten mochte -- es konnte seine Ruhe nicht mehr stören, keine Bitterkeit in seiner Seele wecken. Er hatte überwunden und vergessen, war geheilt und frei. Wie auch die häßliche Katastrophe jener Tollheit ausklingen mochte, er konnte das so ruhig und gleichgültig anhören wie das schale Ende einer Geschichte, die ein anderer erlebt hatte.

Er öffnete den Brief und las:

»Wien, den 30. Juli.

Mein lieber Heinz!

Du weißt, wie stark ich unter Umständen für andere sein kann. Meinen eigenen Wünschen gegenüber bin ich ein Schwächling. Und mein Wunsch wär' es, Dir für Deinen lieben langen Brief recht ausführlich zu danken, mit Dir zu plaudern, Dich zu warnen, Dir zu raten. Das muß ich mir für den Tag versparen, der mich zu Dir führt. Ich hoffe, das wird bald geschehen. Für heute geht's nicht, man tut mir Gewalt an. Vor kaum einer Minute hab ich mich zum Schreiben gesetzt, und da trommeln sie schon wieder an meine Tür und schreien: >Onkel Goni, was machst du? Onkel Goni, wo bleibst du? Onkel Goni, so komm doch!< Seit drei Tagen hab ich >Familie<. Meine Schwester, deren Mann zu den Jagden nach Steiermark absauste, hat ihre vier Jungen aus den weißen Pfoten der Jesuiten in Empfang genommen. Da ist mir nun die liebe Seele mit ihrem tollen Viergespann unvermutet ins Haus gefahren, und die Jungen stellen mir meine friedliche Hütte auf den Kopf. Aber ich lasse mich geduldig martern. Jugend zu sehen, das ist für mich immer wie eine neue, große Entdeckung. Das nimmt meiner Borstigkeit jeden scharfen Stachel. Aber es macht mich auch schwermütig. Nicht, weil ich die eigene Jugend zurücksehne. Kein Kluger will ein zweites Mal leben. Nur, weil ich fühle, wie wenig mir von der Jugend geblieben ist.

Graue Haare, die >einstens< braun gewesen -- sonst nichts. Warum ich nicht glücklich wurde? Das weiß ich. Aber warum ich nicht geheiratet habe? Das ist mir dunkel. Tu es, Heinz! Tu es! Und werde Vater! Mir scheint, als wäre in dieser Schmutztruhe, die man Leben nennt, die Freude am Kind der einzig wirkliche Wert, auch wenn seine Süßigkeit sich >menget mit Bitternis<! Oder glaub ich das nur, weil das am Leben das einzige ist, was mir fremd geblieben? Alles andere kenn' ich. Und weiß, daß es die Spesen der Erfahrung nicht aufwiegt. Aber nein! Dieser einzige Lebensglaube -- der Glaube an einen Gott, zu dem ich niemals beten durfte -- soll mir bleiben für den Rest meiner Tage. Ich habe Deiner Mutter Freude an Dir gesehen. Und ich begriff, daß sie um dieser einzigen Freude willen alles andere verschmerzen konnte. Im kleinen seh ich es auch an meiner Schwester. Wenn die vier Fohlen sie gepeinigt haben, daß sie vor Wut und Verzweiflung heult -- fünf Minuten später spielt sie >Mutter der Gracchen< und sagt mit Aplomb und strahlenden Augen: >Meine Söhne!< Da nasch' ich nun ein bißchen an ihrer Freude mit, bin >Onkel Goni< und lasse mich schinden, daß ein ehrgeiziger Märtyrer von mir lernen könnte. Ich tu es, weil ich Zeit habe. Denn meiner Freundschaft für Dich sind die Hände gebunden. Ich bin in der Schlichtung Deiner affaire zu einem far niente verurteilt, das mir durchaus nicht >süß< erscheint.