Das Schweigen im Walde: Roman

Part 12

Chapter 123,836 wordsPublic domain

Aber wie man über diese äußerliche Seltsamkeit auch denken mochte -- der gute, reine, tief empfindende Mensch, den man aus der wunderlichen Sprache dieser Linien und Farben reden hörte, war denn nicht der die Hauptsache? Die klare Schönheit seiner Gedanken, die Wärme seines Herzens, dieses Träumen und Lächeln, dieses Stille und Schlichte, dieses rührend Kindliche? Mußte das nicht jeden überzeugen, gewinnen und bezwingen? Oder gehörte die rechte, stille Stunde dazu, um solche Sprache zu hören, sie zu verstehen? --

Hätte Ettingen vor diesen Bildern das gleiche gedacht und empfunden, wenn er im Lärm und Trubel einer Ausstellung an ihnen vorübergegangen wäre, im Kopf den klappernden Alltag, beeinflußt vom Lachen und Achselzucken der Unverständigen? Wie mag da manch einem Künstler bitteres Unrecht geschehen, das bitterste gerade jenen, die das Beste zu sagen haben und deren Stimme immer anders klingt als die Stimme der großen Schreier auf dem Markt, die allen Ohren schnell geläufig ist!

Solch ein Unrecht hatte das Urteil der Welt an Emmerich Petri begangen. Sie hatte über den merkwürdigen Hut gelacht, den er trug, und dabei versäumt, ihm durch die Augen ins Herz zu sehen. --

War der Magd die schweigende Zeit, die Ettingen vor diesem letzten Bilde stand, zu lang geworden? Oder hatte sie es ihm vom Gesicht abgelesen, was er von den »Taferln« ihres Herrn dachte? »Gelten S'«, sagte sie plötzlich, »unser Herr hat's können! Ja! Und kommen S' -- da därf ich sonst kein' net einiführen -- aber Ihnen muß ich schon zeigen, wie er ausgschaut hat.« Sie öffnete die Tür der Nebenstube. »Da hängt er, schauen S', wie er sich selm verkonterfeit hat. Dös is der Fräuln Lolo ihr Stüberl. Vor zwei Jahr auf Weihnächten hat sie's kriegt von ihm, die Tafel da.«

Ettingen zögerte einzutreten, und lächelnd blickte er von der Schwelle in den Raum. Es war von allen Zimmern, die er gesehen hatte, das bescheidenste. Ein schmales Stübchen, mit einem einzigen Fenster nur. Weiße Wände, das eiserne Bett mit weißem Tuch überhangen, ein kleiner Tisch mit einfachem Holzstuhl vor dem Fenster, durch das die Blumen hereinleuchteten, der Tür gegenüber ein Pianino und ein Holzgestell mit Notenheften, neben der Tür ein bis zur Decke reichendes Bücherregal und an der Rückwand des Stübchens eine große schwere Kommode, über der, als einziger Schmuck des Raumes, das Selbstporträt des Künstlers hing, umgeben von einem Kranze frischer Edelrosen. Und dieses Bild war für Ettingen ein neues Rätsel. Er hatte ein schmales, feingeschnittenes Gesicht zu sehen erwartet, einen Kopf, der auf einen Musiker raten ließ, mit bleichen Wangen, tiefliegenden Augen und langem Haar. Und da sah er einen derben, grobknochigen Kopf mit dichtem, kurzgeschnittenem Braunhaar und starkem Bart, mit hoher, kräftig gewölbter Stirn und gesundem, sonnverbranntem Gesicht, dem das schöne Antlitz der Tochter in keinem Zuge glich. Nur die Augen, wenn sie auch von anderer Farbe waren, hatten den gleichen träumerischen und warmen Blick, und um die strenggeschnittenen Lippen spielte das gleiche sinnende und milde Lächeln.

Das Bild war nur wenige Jahre alt; aber nach Zeichnung und Farbe hätte man auf ein Werk aus der Zeit des jüngeren Holbein raten können. In einer Ecke des graugrünen Hintergrunds sah man ein verschnörkeltes weißes Schildchen, das eine rote Inschrift in lateinischer Sprache trug: »Emmericus Petri, in seinem fünfzigsten Lebensjahre. Eines Menschen Gesicht ist seine Seele nicht. Willst du das Wesen seines Geistes erkennen, so betrachte seine Taten und seine Kinder.« Wie stolz mußte dieser Mann auf seine Tochter gewesen sein, um auf diese Leinwand schreiben zu dürfen: »Betrachtest du, was ich schuf, so wirst du mich nur halb erkennen -- ganz wirst du nur an meinem Kinde sehen, wer ich war!«

Während Ettingen noch vor dem Bilde stand, kam der Förster zurück, und zwar in übelster Laune. Er hatte die Erlaubnis für die Steigbauten mit schwerem »Blutgeld« vom Bürgermeister erkaufen müssen, der allen Überredungskünsten des Försters nur immer die eine Weisheit entgegengehalten hatte: »Der Herr Fürst kann zahlen! Der hat's!« Bei dem Ärger, den Kluibenschädl von diesem »Scharfrichtergang« mitbrachte, hatte er weder Sinn für die »Taferln« des »Maler-Emmerle«, noch für die Stimmung seines Herrn, und schwatzte wortreich seinen Zorn heraus. Ettingen schwieg zu allem und warf, bevor er das Stübchen verließ, noch einen letzten Blick über die Wände und alles Gerät.

Draußen im Flur, als der Förster schon in den Garten getreten war, fragte Ettingen das Mädchen: »Haben Sie mir alles gezeigt? Ich habe ein Bild nicht gesehen, von dem mir erzählt wurde. Die Versuchung Christi?«

»Na, Herr, da weiß ich nix!« sagte die Magd. Aber sie wurde rot.

Also existierte das Bild noch!

Ettingen trat ins Freie, blickte wieder zu der Inschrift hinauf, die über der Haustür stand, und nickte vor sich hin, als wollte er sagen: »Ich sah, was du schufst, und kenne dein Kind. Nun weiß ich, wer du warst, und weiß: du hattest ein Recht zur Freude!«

Da bot ihm die Magd eine schöne dunkle Rose und sagte verlegen: »Da, Herr! Unser Fräuln, wenn s' daheim is und einer kommt, schenkt s' allweil a Blüml her!«

Lächelnd nahm er die Rose. »Ich danke Ihnen.«

Er wollte der Magd eine Banknote reichen. Aber sie schüttelte den Kopf, nahm den Rechen von der Wand und begann auf dem Kiesweg die Trittspuren zu ebnen, die der Förster mit seinen schweren Schuhen zurückgelassen hatte.

Ettingen, dem das Blut ins Gesicht gestiegen war, zerknüllte den Schein in der Hand. Und als sich draußen auf der Straße ein alter, weißbärtiger Bauer, der im Schatten der Holunderhecke saß, etwas schwerfällig erhob und den mürben Deckel zog, warf ihm der Fürst die Banknote zu. Der Alte riß die rotgeränderten Augen auf. Dann versuchte er mit seiner heiseren, zitterigen Stimme einen Jauchzer. Das machte den Förster aufmerksam. »Ui jögerl, Duhrlaucht! Haben S' dem Brenntlinger was geben? No, ich dank schön! Der kauft sich wieder an saubern Dampus dafür.« Nach wenigen Schritten kamen sie zu einer Stelle, an der sich von der Straße ein Fußweg gegen die Felder abzweigte. »Gehen wir lieber über d' Wiesen naus!« meinte der Förster. »'s Dorf haben S' ja gsehen. Und drüben im Weiherwald, bei der Fischzucht, kriegen wir den schönsten Schatten.« Sie wanderten über die vom frischen Heugeruch umdufteten Wiesen hin. Immer wieder blickte Ettingen nach den im Sonnenglanz verschwimmenden Baumkronen zurück, über deren leuchtendes Gezweig sich blinkend das grüne Schieferdach erhob. Dann plötzlich unterbrach er das Schweigen: »Sagen Sie mir, wie starb dieser Mann?«

»Der Herr Petri? Ja, Duhrlaucht, dös is a rechts Unglück gwesen! Der Mann is dagstanden wie a Baum im besten Saft. Und den hat d' Nächstenlieb am Gwissen. Im letzten Herbst war's -- da is in der Leutasch und im Geißtal a Wolkenbruch niedergangen, daß ich meiner Lebtag so was net mitgmacht hab. Wie S' da die Wiesen sehen, is alles an einziger Bach gwesen, mit Gröll und Baumstämm, die's dahertrieben hat. Und droben, wo sich 's Tal a bißl zuspitzt, da war's am ärgsten! Zwei Häuser hat's mitgnommen, gleich am ersten Abend. Und am andern Tag, wie 's Wasser von die Geißtaler Berg herkommen is, da hat ein' 's Grausen packt. Wie die Verruckten sind d' Leut umanander grennt und haben völlig ihr bißl Verstand verloren. Bloß an einziger hat 's Köpfl in der Höh bhalten.«

»Herr Petri!«

»Ja! Gschafft hat er wie a Holzknecht, und Ratschläg hat er gfunden, wie man's dem traumhappeten Mannderl gar net zutraut hätt! Sell droben, wo 's Geißtal anfangt und von links und rechts zwei Waldhügel einisteigen gegen 's Wasserbett -- da, hat er gsagt, da müssen wir an Riegel legen und 's Wasser brechen, damit's den Gwalt verliert. Mit die ersten Leut, die beinander waren, hat er d' Arbeit gleich angfangt, und derweil is d' Fräuln Lo im Galopp auf ihrem Muli von eim Haus zum andern gritten und hat aus'm ganzen Tal alle Mannsleut zammgrufen, daß in der ersten Nacht noch über zweihundert Menschen bei der Arbeit waren! Am linken Ufer vom Wildbach is der Herr Petri gstanden mit seine hundert Leut. Und mit eim Sprachrohr, dös er aus einer Baumrinden gmacht hat, hat er 's Kommando ummi gschrien über 's Wasser, wo die andern hundert gschafft haben. D' Weibsbilder haben 's Pech und 's Staudenwerk zammtragen müssen und 's Feuer unterhalten, daß man zur Arbeit gsehen hat in der Nacht. Und d' Manner und die Buben haben die Bäum gschlagen zum Wehr. In der Fruh um zehne, am zweiten Tag, da haben die ersten Bäum im Wasser schon ghalten, und wie's auf'n Abend gangen is, hat man schon hoffen können: 's Wehr verhebt den ärgsten Schub. Aber d' Leut sind fertig gwesen mit ihrer Kraft, und schier mit Gwalt hat der Herr Petri die letzten noch bei der Arbeit halten müssen. Wo's am schiechsten ausgschaut hat, da is er allweil vorndran gwesen. >Mut, Leut, nur Mut<, hat er allweil gschrien und hat schon kaum nimmer reden können, >nur diese letzte Nacht noch, dann ist geholfen!< Und recht hat er bhalten! Am dritten Tag in der Früh hat sich 's Wasser gegen 's Geißtal auffi zum Stauen angfangt und is mit aller Ruh über die Wehrbäum abglaufen, und die ganzen Häuser sind aus der Gfahr gwesen!«

Sie hatten den Wald erreicht und traten in den Schatten.

»Gwiß is's wahr: wär der Herr Petri net gwesen, so hätt unser Leutascher Dörfl heut um a Dutzend Häuser weniger. Aber teuer hat er's zahlen müssen, sein christliches Werk. Ausghalten hat er am gleichen Fleck zwei Nächt und anderthalb Tag, tropfnaß bis auf d' Haut. Nach der zweiten Nacht in der Fruh, wie er noch d' Schildwachen aufgstellt hat am Wehr, hat er sich gahlings verfärbt, und seine Knie haben auslassen. Es wird gleich wieder besser, hat er gmeint und hat sich an Trunk Wein von der Fräuln geben lassen, die so verschrocken war, daß ihr 's Gsichtl ganz weiß worden is. A halbs Stündl hat er noch ausghalten. Nacher hat ihn 's Fräuln heimgführt auf'm Muli. Und da hat's kein Helfen nimmer geben. Lungenentzündung, hat der Dokter gsagt. Die ganze Nacht sind d' Leut ums Haus rum gstanden und haben gmeint, es müßt und müßt ihm wieder besser gehn. Auf Mittag um elfe hat er sein letzten Schnaufer gmacht. Und der Dokter hat mir gsagt: so hätt er noch nie kein Menschen net sterben sehen! Im ärgsten Fieber hat er die Bsinnung net verloren, hat bloß allweil dös arme Frauerl tröstet, hat plauscht mit'm Büberl, als ob gar nix wär, und 's Fräuln hat er allweil bei der Hand ghalten und hat's anglacht ein ums andermal. Z'letzt hat er noch von seim Gartl draußen am Sebensee gredt. Und dös sind seine letzten Wörtln gwesen: >Meine Blumen!< Nacher hat er aufgschnauft und d' Augen zugmacht wie einer der weiß: jetzt fahr ich grad auf in Himmel, jetzt geht's mir gut!«

Ettingen sagte leise vor sich hin: »Wer so zu leben wüßte, um sterben zu können wie dieser Mann!«

»Ja, Duhrlaucht, recht haben S'! So sollt sich der Mensch sein Leben einrichten, daß er d' Augen zumachen könnt in jeder Stund und lachen dabei! Aber der Mensch is so viel dumm. Und leben heißt narrisch sein. Was den richtigen Wert hat, schlagt man um kein Kreuzer net an, und für jeden nixigen Pfifferling legt man seim Leben a Zentnergwicht auf'n Buckel. Bagaschi überanand! Und ich ghör selber dazu!«

Der Pfad hatte im Wald auf eine Höhe geführt. Man sah in ein schmales Tal hinunter, aus dem drei große Weiher mit sonnglänzendem Spiegel durch die Bäume heraufleuchteten. Ein sanftes Murmeln klang von den Teichen her wie das Geplätscher vieler Quellen.

Der Förster blieb stehen und spähte durch den Wald hinunter. »Da, Duhrlaucht! Da schauen S' abi: bei die Ursprüng drunten malt d' Fräuln Petri an ihrem Taferl!«

Ettingens Augen leuchteten auf, und ohne ein Wort zu sagen, stieg er rasch durch den Wald hinunter gegen die Weiher.

^Neuntes Kapitel^

Als der Wald ein wenig lichter wurde, konnte Ettingen zwischen den Weihern ein großes Blockhaus sehen, eine Schilfhütte, und am Ausgang des schmalen Tales ein villenartiges Gebäude.

Das wäre die Fischzuchtanstalt, erklärte der Förster und meinte: »Weil wir schon grad da sind, dös müssen S' Ihnen anschauen, Duhrlaucht! Wie die jungen Fischerln gfüttert und aufzogen werden, dös is lieb zum Betrachten. Wenn S' Lust haben, lauf ich und schau, daß ich an Fischknecht find, der Ihnen rumführt.« Er wartete eine Antwort nicht ab und eilte schräg durch den Wald davon.

Ettingen blieb unter den letzten Bäumen stehen. Doch er schien kein Auge für das liebliche Bild des kleinen Tals zu haben. Und das hätte doch einen Blick verdient. Von stillem Fichtenwald begrenzt und von blumigen Grasborten umzogen, lagen drei Weiher mit glitzernden Spiegeln stufenförmig übereinander, so daß sich aus dem einen das Wasser mit blitzendem Gefäll in den anderen ergoß. Weiße Seerosen und grüne Blätter schwammen mit sachter Bewegung im Wasser, und bald hier, bald dort sprang eine silberne Forelle auf. Vom obersten Weiher zog sich gegen den Wald eine schräge Felswand hin, die in allen Farben schimmerte und gleich einem Sieb von hundert Löchern durchbrochen war, aus deren jedem ein weißes Brünnlein sprudelte. Dieses sonnige Waldidyll mit allem Gefunkel und Lichtgezitter des rauschenden Wassers gab ein Bild, das einen Künstler zur Nachgestaltung reizen konnte. Und Lolo Petri saß auch vor der Staffelei so ganz in ihre Arbeit vertieft, daß sie die Schritte nicht hörte, die sich ihr näherten.

Sie trug jenes ländliche Gewand, das sie damals an jenem ersten Abend getragen hatte, im Tillfußer Wald.

Ettingen war dicht zu ihr herangetreten und sah ihr über die Schulter auf die kleine Leinwand, die einen Teil der Felsplatte mit den sprudelnden Quellen in fast vollendeter Arbeit zeigte; es war kein Bild, das hier entstehen sollte -- nur ein Versuch, das Lichtgefunkel des über die rauhen Felsformen rinnenden Wassers festzuhalten. Und dieser Versuch war ihr gelungen. Wie diese Farben leuchteten! Wie sie zu zittern und zu rinnen schienen! Ettingen staunte über die Kraft des Lichtes und über die Wahrheit in dieser verblüffenden Wiedergabe der Natur. Wie hatte dieses Mädchen ihm sagen dürfen, daß sie keine Künstlerin wäre? Hatte sie das aus übertriebener Bescheidenheit getan? Das sah ihr nicht ähnlich. Also legte sie einen überstrengen Maßstab an sich selbst, während sie von anderen Menschen so nachsichtig dachte? Oder kannte sie ihr eigenes Talent nicht? Sollte ihr Vater dafür kein Auge gehabt, ihr das nie mit einem Worte gesagt haben? Denn sie war doch seine Schülerin? Bei diesem Gedanken fiel ihm auf, daß ihre Art zu malen auch nicht die leiseste Ähnlichkeit mit der Art des Vaters hatte. Da war nichts Absonderliches und Befremdendes, keine erträumte Farbe, keine fabulierte Linie. Was die kleine Leinwand zeigte, war nichts anderes als eine treue Wiederholung der Natur.

Plötzlich, als hätte sie seinen Atem gehört oder seine Nähe empfunden, blickte sie auf. Leichte Röte huschte ihr über die Wangen, und sie erhob sich. »Herr Fürst --«

Er grüßte und sah ihr in die Augen, noch ganz unter dem Eindruck, den er aus ihrem Hause mit fortgetragen hatte und der ihm von der Erzählung des Försters zurückgeblieben war. »Sehen Sie, Fräulein, damals am Sebensee, das war nicht umsonst gesagt: auf Wiedersehn!«

Sie hatte nach der ersten leichten Verwirrung ihre ruhige Sicherheit wiedergefunden und reichte ihm die Hand. »Ja! Und heute weiß ich auch, wer Sie sind. Ich hab es noch an jenem Morgen erfahren, von einem Ihrer Jäger. Und dann war's mir leid, daß ich Ihren Namen überhörte. Hätt ich damals am Sebensee gewußt, wer Sie sind, dann hätt ich die gute Gelegenheit gleich benutzt und hätte eine Bitte ausgesprochen, mit der ich ohnehin zu Ihnen kommen mußte.«

»Zu mir? Mit einer Bitte? Die ist bewilligt, liebes Fräulein, bevor ich sie kenne.«

»Sie ist auch nicht unbescheiden. Es handelt sich um unser Häuschen draußen am See. Papa hätte, bevor er damals vor acht Jahren baute, den Grund gerne gekauft. Aber das ging nicht. Der Grund ist ärarischer Boden. Papa mußte zufrieden sein, daß er wenigstens die Erlaubnis bekam, zu bauen, auf Widerruf und unter der Bedingung, daß der Jagdpächter seine Erlaubnis gäbe.«

»Und diese Erlaubnis meines Vorgängers soll ich wiederholen?«

»Ja, ich bitte darum.«

Ettingen hielt noch immer ihre Hand in der seinen. »Schade, daß ich mein Plazet nicht mit irgendeiner besonderen Feierlichkeit erteilen kann! Solange ich Pächter der Jagd bin, und ich hoffe, das noch lange zu bleiben, sollen Sie ungestört bei Ihren Blumen wohnen.« Seine Stimme und seine Augen wurden ernst. »Und bei Ihren Erinnerungen!«

»Ich danke Ihnen.«

»Aber ^eine^ Bedingung muß ich stellen.«

Ihre Hand befreiend, blickte sie zu ihm auf.

»Die Bedingung, daß Sie gute Nachbarschaft mit mir halten wollen. Und daß es mir vergönnt ist, ab und zu ein Stündchen bei Ihnen zu rasten und mich wohl zu fühlen -- bei Ihren Blumen?«

»Daß ich Ihnen das verwehren könnte«, sagte sie lächelnd, »das haben Sie doch nicht im Ernst gemeint?«

»Nein! Aber Sie stehen, Fräulein, und ich bitte sehr, daß Sie sich durch mich nicht in Ihrer Arbeit stören lassen. Darf ich Ihnen ein wenig zusehen?«

»Gern. Ich fürchte nur, Sie werden dabei nicht viel zu sehen haben.« Sie nahm die Palette und ließ sich vor der Staffelei auf den kleinen Feldstuhl nieder.

Als er sie eine Weile schweigend beobachtet hatte, wie sie aufmerksam die Felswand mit den Quellen betrachtete und dann die kleinen weißen Lichter in den Goldglanz des fließenden Wassers setzte, sagte er: »Wissen Sie auch, Fräulein, daß Sie sich neulich vor mir verleugnet haben?«

»Ich? Verleugnet?«

»Doch! Denn Sie ^sind^ eine Künstlerin!«

Sie schien sich nicht gleich an jenes Wort zu erinnern. Dann schüttelte sie wieder den Kopf, ganz so entschieden wie damals. »Nein! Nur weil ich ein bißchen malen gelernt habe? Das macht mich noch lange nicht zur Künstlerin. Dazu fehlt mir alles, Talent, Gedanke und Phantasie. Ich, eine Künstlerin? Nein! Und eine Handwerkerin will ich nicht sein. Ich zeichne und male nicht aus Beruf. Ich tu es nur, um besser sehen zu lernen, um mir das Schöne, das ich liebhabe, recht tief einzuprägen, damit es Dauer hat in mir. Mit dem Betrachten allein kommt man der Natur gegenüber nicht aus. Da sieht man nur, was jeder sieht, das Oberflächliche, das zuerst in die Augen springt. Die stille Seele eines solchen Bildes und den innersten Reiz übersieht man immer, auch wenn man seine Wirkung fühlt, und deshalb will auch das Bild so schön, wie es war, nicht in unserem Erinnern haften. Man hat immer was Verschwommenes im Gedächtnis. Sie haben doch auch Verständnis für die Natur und Liebe zu ihr. Ist es ihnen noch nie aufgefallen, daß Sie sich an ein schönes Landschaftsbild schon wenige Stunden später nicht mehr genau erinnern konnten? Man sieht noch irgendeine große Linie, irgendeine auffällige Farbe. Aber das will in der Erinnerung nicht mehr wirken.«

»Ja, Fräulein, das ist wahr. Ich hielt das immer für einen Mangel an Gedächtnis. Aber Sie mögen recht haben: es war Mangel an richtiger Beobachtung.«

»Früher war das auch bei mir nicht anders. Aber wenn ich ein paar Stunden geduldig vor solch einem Bild saß, wenn ich jede kleinste Linie nachzuzeichnen, jeden Reiz des Lichtes und jeden Ton des Schattens nachzuahmen versuchte -- gleichviel, ob mir das gelingt oder nicht --, dann hab ich das Große und das Kleinste so genau gesehen, daß ich das Bild ^habe^, in mir, fest und für immer. Und das Schöne so zu besitzen, das ist eine große Freude, die das bißchen Mühe wert ist. Zeichnen Sie nicht auch?«

»Ich? Nein!«

»Warum versuchen Sie es nicht einmal?«

Ettingen lachte. »Da möchte was Hübsches herauskommen.«

»Gewiß nichts Schlimmeres als bei meinem ersten Versuch.«

»Zu dem hat wohl Ihr Vater Sie veranlaßt?«

»Ja! Und das werde ich nie vergessen. Ich war damals noch ein Kind, sieben Jahre, und Papa hatte eine Ulmer Dogge gekauft, die er zu einem Bilde brauchte. Das Tier war so entsetzlich groß, daß ich Angst vor ihm hatte. Ein paar Tage überwand ich's. Aber als der Hund einmal auf mich zukam, fing ich zu schreien an: >Papa, Papa, ich fürchte mich vor dem Hund!< Da lachte er, gab mir ein Blatt Papier und einen Rotstift und sagte: >Versuch es, Lo, und zeichne den Hund, aber recht, recht genau mußt du ihn ansehen!<«

»Und das haben Sie getan?«

»Ja!« Lächelnd blickte sie zu ihm auf. »Als das Kunstwerk fertig war, meinte Mama, das wäre ein Lehnstuhl. Aber Papa sagte ganz ernst: >Nein, Mutter, das ist ein guter, braver Hund, der keinem Kinde was zuleide tut!< Und Papa hatte recht. Ich habe den Hund nicht mehr gefürchtet. Jetzt wußte ich, daß er schöne braune Augen hatte, und daß er die Lippe verziehen konnte, als ob er lachen möchte. Wir haben den Hund viele Jahre gehabt, auch hier in Leutasch noch, und als er im Alter so leidend wurde, daß man ihn aus Erbarmen erschießen mußte, das ist für uns alle ein trauriger Tag gewesen. Besonders für Papa.«

Ettingen nickte. »Ihr Vater muß ein großer Tierfreund gewesen sein und muß für das Seelenleben der Tiere ein seltenes Verständnis besessen haben.« Er sah den fragenden Blick ihrer Augen und fügte bei: »Daß ich diese Beobachtung machen konnte, das ist nur der bescheidenste Teil des Gewinnes, den der heutige Tag mir brachte. Soll ich Ihnen sagen, woher ich komme? Wo ich zwei Stunden verbrachte, die ich nie vergessen werde? Im Haus Ihres Vaters!«

Sie atmete tief und sah mit schimmernden Augen über den Weiher hin. Und es zitterte ihr die Hand, mit der sie die Palette hielt.

»Sie schweigen? Und fragen nicht, welchen Eindruck ich von der Kunst Ihres Vaters empfing?«

»Nein!« erwiderte sie leis und beugte sich über die Leinwand, als wollte sie die Arbeit wieder beginnen.

»Nein?« Fast schien es, als hätte ihn dieses Wort verletzt. Doch er lächelte schon wieder. »Halten Sie mein Kunstverständnis für so zweifelhaft, daß es bei einem Urteil über die Bedeutung Ihres Vaters nicht in Frage kommt?«

Da blickte sie zu ihm auf, fast erschrocken. Dieser Blick gab ihr die Ruhe wieder, und es lag nur noch ein wenig Beklommenheit in ihrer Stimme, als sie sagte: »Daß Sie mich so sehr mißverstehen könnten, das glaub ich nicht. Wer die Natur liebt wie Sie, muß doch auch Verständnis und Liebe für die Kunst haben. Und daß ich ein hartes Wort über meinen Vater nicht hören würde, das wußte ich doch. Hätten Sie nicht Anteil an seinem Schicksal genommen, so hätten Sie unser Haus nicht besucht. Und würden Sie nicht anerkennend über seine Arbeit urteilen, so hätten Sie zu mir von diesem Besuche nicht gesprochen. Aber wie gut Sie auch von meinem Vater denken mögen, ich selbst denke doch wohl noch besser von ihm. Für Sie kann er immer nur der Künstler sein, von dem Sie das oder jenes halten. Für mich ist er auch der Vater, das Liebste, was ich auf der Welt besaß. Und hätten Sie über ihn -- nicht einen Tadel, nur ein Befremden geäußert --, nicht über sein Denken und Fühlen, denn da müssen Sie ihn verstanden haben -- vielleicht nur über seine Art zu sehen, über die Eigenart seines Schaffens --, ich hätt es doch wie einen Tadel empfunden, und mir, seinem Kinde, hätte das wehgetan, gerade von Ihnen! Weil ich das fürchtete, deshalb schwieg ich.« Sie legte die Palette fort und erhob sich. »Aber ich sehe ein, daß ich unrecht hatte. Verzeihen Sie mir!«