Das Schweigen im Walde: Roman

Part 11

Chapter 113,678 wordsPublic domain

»Dös is verschwunden. Was er angstellt hat damit, dös weiß ich net. Gsehen hab ich's nimmer derzeit. Und a Glück war's für'n Herrn Petri, daß er selbigsmal in der Feuerkapellen den schönen heiligen Laurenzi am Bratspieß gmalen hat, dem aus'm Göscherl raus a Bandl geht, wo draufgschrieben is, was der Heilige im Martyri gsagt hat zu die Schindersknecht: >Schüret das Feuer noch heißer, es brennet mich nicht, denn mir ist kühl!< Ja, der schöne Laurenzi, der hat den Pfarr wieder ausgsöhnt. Aber wissen S', Duhrlaucht -- der Pfarr hat mir's selber gsagt -- dös unschenierte Frauenzimmer hätt ihn noch gar net amal so arg verdrossen. Was den Pfarr am schiechsten g'ärgert hat, dös war der Teufel. Der is viel schöner gmalen gwesen als wie der Heiland. Und dös geht ja doch net, daß eim der höllische Versucher besser gfallt als wie der Herrgott. Na na! Der Herr Petri wär gscheiter bei seine Heiligen blieben. Auf die hat er sich verstanden. Schauen S', Duhrlaucht, da kommt grad so a Haus, dös er gmalen hat!«

Ein großer Bauernhof trat mit der fensterreichen Giebelfront an die Straße vor. Bis unter das Dach war die Wand mit Darstellungen aus dem Leben der heiligen Maria geschmückt.

Ettingen mußte etwas anderes erwartet haben, als es hier zu sehen gab; der erste Blick auf die bunte Bilderei enttäuschte ihn so sehr, daß er schweigend den Kopf schüttelte. Diese Heiligen mit ihren blauen und grünen Mänteln, mit ihren roten Gesichtern und schwefelgelben Strahlenkronen, mit ihren eckigen Bewegungen und grellen Farben unterschieden sich wenig von den handwerksmäßigen Malereien, die in den Gebirgsdörfern zahlreich auf den Wänden der Häuser zu finden sind. Hatte der Künstler seine Sache nicht besser verstanden? War er von jenen Unglücklichen einer, die zum Schaffen allen Willen haben, und denen nur eines fehlt: die Kraft? Hatte er sich, ein schwärmerischer Stümper, in die Rolle des verkannten Genies hineingeredet, für dessen Geisteshöhe und Seelentiefe der »Unverstand des Pöbels« zu kurze Augen hat -- in eine Rolle, in der ihn alle verlachten, zwei Menschen ausgenommen: die Frau, die in ihm den Gatten liebte, und das Kind, das in ihm den Vater vergötterte?

Während Ettingen in Gedanken diese Fragen stellte, fiel seinem Blick ein nebensächliches Detail auf, das ihn fesselte: ein kleines, stilisiert geflecktes, drolliges Hündchen, das die flüchtende Maria am Mantel zurückhalten will -- ein Hündchen von einer Rasse, die der Natur nicht eingefallen war, nur der spielenden Laune einer krausen Künstlerphantasie. Und wie dieses unmögliche Tierchen lebte! Wie es die Füße zornig in den Sand stemmte! Wie es an dem Mantel zerrte, als ob es sagen wollte: »Du heilige Frau, wenn auch die Menschen dich verkannten, ich, das Tier, ich fühle, wer du bist, und möchte dich bitten, dich zwingen: bleib!«

Und dort das kosende Taubenpaar! Oder waren es weiße Raben? Wie natürlich ihre Schwingen sich bewegten! Mit wie zärtlichem Leben sie sich aneinanderschmiegten! Und jener Star? Oder war's ein Spatz, der in die Tinte gefallen? Wie er wütend eine Blumenknospe der Girlande zerzauste, die sich in sonderbaren Schlangenwindungen um alle figuralen Szenen ringelte! Das waren Blätter von seltsamer Form, Blumen von merkwürdiger Farbe und wunderlicher Gestalt -- Blumen, die sich ansahen wie werdende Vögel und Schmetterlinge -- und dennoch waren es Blumen, die auf gesunder Erde gewachsen und nicht nur zu blühen, auch zu duften schienen.

Wer dieses naiv gedankenvolle, so unwirkliche und doch so lebendig berührende Beiwerk schaffen konnte, mußte auch die künstlerische Kraft besessen haben, um die Gestalten dieser Heiligen leben und sprechen zu machen. Und wenn er sich selbst verleugnet und diesen schreienden Unwert gepinselt hatte, weshalb tat er es? Weil er sich nach dem Geschmack der Besteller richten mußte, um zu verdienen? Oder weil er in Selbstironie sich sagte: »Jene anderen, die mich verstießen, mußten nehmen, was ich zu geben hatte -- euch aber, ihr Einfältigen des Geistes, will ich geben, was ihr verlangt von mir!« Ob nun das eine oder das andere der Fall war -- die Arbeit, die der weltflüchtige Künstler auf der Wand dieses Bauernhauses geleistet hatte, mußte ein Martyrium gewesen sein.

Je länger Ettingen die grellen Schildereien und ihr schönes Beiwerk betrachtete, desto deutlicher erwachte in seiner Erinnerung jedes Wort, das er draußen am Sebensee gehört hatte. Und aus dem Anblick dieser Farben floß eine Stimmung auf ihn über, die er empfand wie einen Schmerz. Er wandte sich ab und folgte schweigend der Straße.

Der Förster musterte das nachdenkliche Gesicht seines Herrn. »Mir scheint, Duhrlaucht, die Heiligen haben Ihnen net gfallen?«

Da lächelte Ettingen wieder. »Sie gefallen doch dem Pfarrer und gewiß auch dem Bauer, der sie bezahlte. Da sind sie wohl so, wie sie sein müssen. Aber sagen Sie mir, lieber Förster -- der Teufel auf jenem Bilde war so schön, daß er den Pfarrer ärgerte?«

»Ja! A bißl a verruckts Frauenzimmer hätte sich in so an Satanas über Hals und Kopf verlieben können!«

»Sie sind doch ein guter Christ?«

»Ich?« Der Förster war über diese Frage ganz verblüfft. »No ja, es tut's! Der Mensch is a schwachs Röhrl. Aber gar so leicht laß ich mich net biegen von der Sünd, und mit Wissen tu ich nix Unrechts.«

»Wenn nun der Teufel erschiene, um Sie zu versuchen?«

»Mar und Joseph! Duhrlaucht! Malen S' ihn net an d' Wand!«

»Und er käme, wie ihn der Pfarrer von der Kanzel herab den Bauern schildert: mit schwarzer Kaminfegerfratze und langer Zunge, mit Ziegenhörnern, Kuhschweif und Pferdefüßen? Würden Sie sich von dem verführen lassen?«

»Na, Duhrlaucht! Da möcht ich gschwind sagen: >Pfui Teufel, fahr ab, du!<«

»Nun also? Muß denn die Versuchung nicht schön sein, wenn sie uns gewinnen will? Zu unterlassen, was wir selbst für abscheulich halten, das ist doch kein Verdienst. Wenn wir uns einer Sünde in die Arme werfen? Welche Entschuldigung hätten wir denn, wenn nicht die eine: daß die Sünde schön war?« Ettingens Stimme bebte, als hätten seine Worte noch einen anderen Sinn als nur jenen, den der Förster hören konnte.

Der runzelte die Stirn, ein Zeichen, daß ihm ein Gedanke zu schaffen machte. Dann rückte er verlegen den Hut. »Duhrlaucht! Jetzt haben S' mich auf ebbes bracht. Aber so is der Mensch! Zu meine Jagdghilfen kann ich allweil sagen: ^z'erst^ denken und ^nachher^ reden! Und ich selber hab jetzt grad so blind in Tag einigredt. Jetzt schaut sich die Sach mit dem Herrn Petri seiner Versuchungstafel anders an. Dös is ja grad, als ob er sagen hätt wollen: >Schauts amal her, so wunderschön is die Verführung zu unserm Heiland kommen, und dengerst hat er sich zruckghalten -- da nehmts enk a Beispiel dran!< Ja, meiner Seel, da is eigentlich der Herr Petri viel christlicher gwesen als wie der Pfarr!«

Ettingen schien auf die Worte des Försters nicht mehr gehört zu haben; plötzlich verhielt er den Schritt und sagte erregt: »^Das^ hier? Das muß das Haus sein! Nicht wahr?«

Sie hatten einen grünen Staketenzaun erreicht; gleichlaufend mit einer gestutzten Holunderhecke umschloß er einen kleinen Besitz, der sich zwischen den anderen Häusern und Gehöften ausnahm wie ein schöngefaßter Schmuckstein neben den grauen Kieseln der Straße. Das Haus, das im Garten stand, war früher wohl ein bescheidener Bauernhof gewesen. Das verriet noch die an den Wohntrakt angebaute Tenne. Aber es hatte größere Fenster und ein grünliches Schieferdach bekommen, dessen Kanten und Firste geschmückt waren mit wunderlichen Tierzieraten. Das Unterdach und die vorspringenden Balken, das Tennentor, die Kreuzstöcke und Fensterläden waren blaugrün bemalt und mit weißen und blaßroten Linienornamenten ausgezeichnet. Vor allen Fenstern, durch deren spiegelnde Scheiben die schneeweißen Vorhänge herausleuchteten, waren zierlich gegitterte Blumenbretter mit blühenden Stöcken angebracht, und daneben verschwanden die weißen Mauern unter dem Grün der sorgsam gezogenen Obstspaliere, deren Zweige von der Erde bis zum Schatten des Daches mit reifenden Früchten behangen waren.

Heiter und farbig, schmuck und freundlich, erhob sich das kleine Haus wie auf einem breiten Sockel blühender Blumen. Geranienbüsche zogen sich am Fuß der Mauern hin, und der Vorgarten war in vier große Beete geteilt, mit Rosen und Nelken in allen Farben. Zwei lange Blumenbeete liefen zu beiden Seiten des Hauses gegen den weiten Hintergarten, zwischen dessen Obstbäumen und Gemüsebeeten eine große schattige Laube und ein luftiges Sommerhäuschen stand, das ganz aus wunderlich gewachsenen Ästen geschränkt und geflochten war. Silberweiße Kieswege schieden die Beete voneinander und umzogen in der Mitte des Vorgartens ein mit Tropfsteinen ausgelegtes Wasserbassin, in dem zwei murmelnde Brünnlein über eine moosige Felsgruppe niederrannen. Aus diesen Felsen erhob sich ein hoher, buntbemalter Balken und trug das Taubenhaus, das mit seinen Türmchen und Erkern sich ansah wie das Modell einer gotischen Burg. Überall in den Kronen der Bäume und auf schlanken Stangen waren Starenhäuschen und Meisenkästen angebracht, und mit dem Gezwitscher der hundert Vögel, die hier nisteten, mischte sich das Geflatter und Gurren der weißen Tauben.

Wie einen Gedanken schließend, der ihn auf dem Wege begleitet hatte, schüttelte Ettingen den Kopf und murmelte: »Nein! So wohnt kein Verzweifelter! So wohnen nur zufriedene Menschen, die ihr Glück gefunden und über die stille Schönheit ihres Lebens hinaus keinen Wunsch mehr haben.«

Der Förster wollte in den Garten treten, blieb stehen und sagte: »Ich bitt schön, Duhrlaucht, wenn d' Frau Petri daheim is -- tun S' das Frauerl net viel um ihren Seligen fragen! Da wird ihr 's Reden a bißl hart.« Er ging auf das Haus zu und sprach eine Magd an, die mit eisernem Rechen die Wege ebnete. Dann kam er wieder. »Es is kein Mensch net daheim, außer der Hausmagd.« Er öffnete vor seinem Herrn das grüne Gitter. »'s Fräuln is in der Fruh vom Sebensee heimkommen, aber sie is schon wieder fort, in d' Fischzucht ummi. Und d' Frau is heut auf Innsbrucki abi, ihr Studenterl heimholen in d' Vakanz.«

»Fräulein Petri hat einen Bruder?«

»Ja! A vierzehnjährigs Bürscherl. Gustl heißt er. Der is den dritten Winter auf'm Gymnasi drunt. A liebs Manderl! Und gsund. 's richtige Gebirgsblut, ja! Is a Leutascher! Gleich nach'm ersten Jahr is er kommen, wie s' heraußen waren. Und ganz seim Vatern schlagt er nach. Wie das Büberl den Wald schon gern hat! Allweil draußen mit der Schwester! Und kaum sieht er ein von uns Jager, da hängt er eim schon am Kittel: >Ich bitt schön, Herr Förster, darf ich mit?< Und anschauen tut er ein' mit seine Guckerln -- da kannst net Na sagen!« Sie hatten das Haus erreicht, und der Förster sprach die Magd an: »So, Nanni, jetzt tust mir den Herrn schön rumführen im ganzen Haus und zeigst ihm jedes Taferl!«

»Wohl!« sagte das Mädel und lehnte den Rechen an das Spalier. Es war eine derbe Bauerndirn mit unschönem, grobknochigem Gesicht, aber mit hellblauen Augen, die gutmütig und zufrieden blickten; sie war einfach und doch mit auffallender Sauberkeit gekleidet und trug die Haare so fest geflochten, als wären die Zöpfe aus Eichenholz geschnitten.

Der Förster verabschiedete sich mit dem Versprechen, seinen Herrn in einer Stunde wieder abzuholen.

Neben der Schwelle streifte die Magd ihre Schuhe ab, klopfte den Sand von den blauen Strümpfen, schlüpfte in ein Paar Strohpantoffel, und die Haustür öffnend, sagte sie: »So, Herr, kommen S'!«

Als ihr Ettingen in den Hausflur folgen wollte, gewahrte er über der Tür, schon halb von den Zweigen des Spaliers überwachsen, eine lateinische Inschrift -- drei Worte: _Hic rideo ego_! -- »Hier lache ^ich^!«

Welch eine Stunde reiner und tröstender Freude mußte es für jenen Weltflüchtigen gewesen sein, als er auf der Schwelle dieser schönen Heimstatt sich sagen konnte: »Das Lachen der anderen, das mich marterte, ist fern und ich hör es nicht mehr. Hier lacht nur einer. Ein Glücklicher, der die Ruhe fand! Und der bin ich!«

Ettingen nahm den Hut ab und trat ins Haus.

Schon im Flur hing bis an die Decke hinauf eine Leinwand neben der anderen, jede von einer schmalen, braungebeizten Holzleiste umzogen: Skizzen, unvollendete Studien und leicht untermalte Entwürfe, die oft kaum das Motiv des Bildes erkennen ließen, das hier hätte entstehen sollen. Blumenstudien wechselten mit Luftstimmungen, Felspartien mit Waldszenen, naturtreue Tierskizzen mit mythologischen Träumereien. Manche Leinwand zeigte deutlich, wie geduldig und liebevoll sich der Künstler in das kleinste Detail eines Modells vertieft hatte. Oft war die gleiche Blume ein dutzendmal nebeneinander gemalt, in verschiedenem Licht, frisch erblühend mit Knospen, mit entblättertem Kelch, im Beginn des Welkens, mit gebrochenem Stengel. Man sah, wie aufmerksam der Künstler die Natur beobachtet hatte, um sie seinen Phantasiegebilden dienstbar zu machen. So war auf einer Leinwand ein schwarz-und rotgefleckter Bergsalamander abgebildet, wie er mühsam aus dem Gras auf eine Steinscholle klettert -- und daneben, größer, doch ganz mit der gleichen Körperbewegung, suchte ein fetter Triton, der triefend dem Meer entstieg, ein Riff zu erklimmen. Eine andere Skizze zeigte eine graue Hauskatze, die mit gekreuzten Pfoten liegt und funkelnden Blickes eine grüne Mücke verfolgt, die ihr um die Nase summst; daneben der Entwurf einer Sphinx, die aus der Waldschlucht einen Wanderer kommen sieht, den es nach Rätseln gelüstet. Dieser tragische Vorwurf war in einer Ecke der Leinwand lustig parodiert: die Sphinx, und vor ihr, klein wie die Mücke, ein grüner Polizist mit der Pickelhaube, der auf eine Tanne kletterte, um dem lächelnden Ungeheuer einen Polizeibefehl vor die ^Nase^ zu halten.

Langsam ging Ettingen von einer Leinwand zur anderen, und inzwischen stand die Magd geduldig und still in einer Ecke und zog immer wieder den Saum der Schürze durch die Finger. Als Ettingen das letzte Bild betrachtet hatte, öffnete sie vor ihm die Tür eines Zimmers.

»Der Frau Petri ihr Stüberl.«

Ein bescheidener Raum mit schlichtem Gerät. Durch eine offene Tür sah man in das Nachbarstübchen, das den jungen Feriengast, das »Studenterl«, zu erwarten schien, denn auf weißgedecktem Tische prangten ein herrlicher Rosenstrauß und ein mandelgespickter Kuchen, von einem Kränzlein frischer Bergblumen umschlungen.

Auch hier, in beiden Räumen, waren alle Wände mit Bildern bedeckt: tanzende Nymphen, spielende Najaden; ein Faun, der die Zotten seiner Bocksfüße kämmt und dazu ein Liedchen pfeift; ein Tritonweibchen, das in eine Fischreuse geraten ist und den Ausweg nicht mehr findet; auf weißer Marmorsäule ein Hermeskopf, dem eine Natter auf die Schulter kriecht; der von Ekel geschüttelte Gott ist festgewachsen auf dem Stein und kann nicht fliehen, er hat keine Arme, um die giftige Häßlichkeit von sich abzuwehren.

Fast eine ganze Wand war von einem großen Gemälde bedeckt: von einem Triptychon, dessen drei Bildflächen die Hauptszenen einer phantastischen Geschichte zeigten, während die Zwischenszenen mit blassen Farben auf die breiten Leisten der Holzumrahmung gemalt waren. Eine städtische Gesellschaft junger Mädchen und modisch gekleideter Jünglinge hat sich auf einer Bergpartie im Walde verirrt; sie nehmen das Unglück von der heiteren Seite und trösten sich mit einem tollen Ringelreihen um die Bäume; eine übermütige Schöne mit koketten Augen ist ihrem Galan, der sie haschen wollte, davongeflattert -- wollte sie ihm wirklich entfliehen? oder wollte sie ihn nur in das einsame Dunkel des Waldes locken? Plötzlich sieht sie sich allein, verirrt sich noch weiter und gerät vor eine tief in den Berg gesenkte Höhle, deren blaugrüne Dämmerung wie ein Geheimnis ihre Neugier weckt; scheu und dennoch lächelnd tritt sie ein und findet im Zwielicht der Höhle einen schlafenden Zentaur, halb bedeckt vom Geröll der Felsen, halb überwachsen von Moos und Geschling; noch redet aus ihren Zügen der erste Schreck, den sie empfunden, aber schon regt sich in ihr die Spottlust der klugen Städterin und der prickelnde Reiz, dieses Niegesehene, dieses unglaublich und unmöglich Scheinende auf seine Wirklichkeit zu prüfen; sie zupfte den Schlummernden am Bart; der Schläfer regt sich nicht; sie besteigt seinen Rücken und schlägt ihn mit dem Fächer auf den Scheitel; da erwacht der Zentaur und bäumt sich; in tollen Sprüngen trägt er die entsetzte Reiterin durch den Wald und über steile Felsen, bis sie den Halt verliert und stürzt; Groll in den gefurchten Brauen und doch einen Blick des Erbarmens unter den Wimperschleiern seiner Augen betrachtet er die Zerschmetterte, während ihre schreckensbleichen Gefährten schon heraufklimmen durch den Bergwald; langsam, mit dem buschigen Schweif die Flanken peitschend, steigt der Zentaur zum Grat des Berges empor und schaut von einem schroffen Fels ins Tal hinunter, in dessen Tiefe man die blutige Leiche hinausträgt durch den stillen Wald.

Lange stand Ettingen vor diesem Bild, erfüllt von fragenden Gedanken. Erzählen zu wollen, und gleich eine ganze Tragödie, ob das nicht außerhalb der Grenzen lag, die der darstellenden Kunst gezogen sind? Aber er fühlte doch den Eindruck dieses Werkes, das klar und deutlich zu ihm redete. Und ist denn in aller Kunst die reine, tiefe Wirkung nicht ein Beweis? Hat sie denn einen anderen für ihren Wert? -- Und wie dieses Bild wohl entstanden sein mochte? War es nur die Ausgeburt einer träumenden Künstlerphantasie? Oder eine Tat des Zornes gegen jenen irrenden »Unverstand«, der nur das Greifbare glauben will und mit Spott und Gelächter beleidigt, was seinem banalen Urteil sich nicht erschließen will auf den ersten Blick?

»Ja, Herr«, sagte die Magd, und das kam fast wie eine Antwort auf Ettingens stumme Frage, »dö Gschicht da, dö is fein passiert! Dös hat mir der Herr Petri selm verzählt. Und solchene Roßmanner gibt's fein, ja -- im Griechenland drunt! Aber gelten S', da sind S' noch nie net hinkommen?«

»Doch.«

Die blauen Augen der Magd erweiterten sich. »Und haben S' solchene Roßmanner gsehen?«

»Nein. Aber dein Herr hat sie gesehen. Und ihm glaub ich auch, daß sie leben.«

»Gelten S', ja? Der hat net lügen können!«

»Der? Und lügen? Nein! Hätte er lügen können, er wäre in der Stadt geblieben und hätte gute Geschäfte gemacht.«

»So? Meinen S'?« Die Magd studierte. Aber sie gab die Mühe, das Rätsel dieses Wortes zu lösen, gleich wieder auf. »Jetzt geben S' acht, jetzt kommt erst 's Allerschönste, ja!« Sie ging in den Flur und öffnete die Tür des Wohnzimmers. »Da herin, da haben wir die ^heiligen^ Sachen, wissen S', weil der Herr Pfarr diemal zuspricht in der Stuben.«

Ettingen trat in einen hellen, freundlichen Wohnraum, dessen behagliches Gerät dem Gaste zu sagen schien: »Hier fühle dich wohl!« In der Herrgottsecke hing statt des Kreuzes ein Bild: auf weißem Grunde der Kopf des Erlösers, ohne Dornenkrone und Heiligenschein, ein schmales, bleiches, kummervolles Gesicht, die Wangen halb bedeckt von den schlicht fallenden Haarsträhnen, mit großen und tiefen Augen, die schmerzvoll in weite Ferne zu blicken schienen. -- Ob dieser Kopf nicht eine Studie zur »Versuchung« war?

Sonst hingen im Zimmer nur drei Bilder. Zwei kleinere, die nicht vollendet schienen: eine »Flucht nach Ägypten«, von stiller und rührender Stimmung -- Maria sitzt erschöpft an einen Baum gelehnt, und während Joseph mit Anstrengung das harte Brot zerbricht, zieht das mit Schaum bedeckte Maultier grasend in den Wald; und eine »Heilige Nacht« -- Maria mit dem Kindlein im Stall bei Kuh und Esel, denen ein alter Hirte das Futter vorschüttet, während die Tiere nicht an Fraß denken, sondern die Köpfe vom Barren abkehren und ihre staunenden Glotzaugen auf das von Schimmer umflossene Kindlein richten.

Ein drittes, größeres Gemälde füllte die ganze Wand zwischen dem Ofen und der Tür einer Nebenstube. Beim Anblick dieses Bildes glitt ein leiser Ausruf der Bewunderung über Ettingens Lippen. So tief ergriff ihn der Gedanke, der aus dieser Leinwand redete und mit naiver Allegorie zu ihm sagte: »Wahrhafte Liebe fühlt Erbarmen auch für die häßliche Mißform des Lebens, mildes Denken und reine Güte versöhnen sich auch mit aller Roheit der ungezügelten Natur.«

Das Bild stellte eine von wüstem Dorngestrüpp umzogene Wiese dar, in der Blüte des Frühlings. Mitten in leuchtenden Blumen sitzt ein Knabe, das nackte, zarte Körperchen wie Silber schimmernd; aus einer Wolkenlücke des Himmels fällt ein breiter Strahl der Sonne auf ihn nieder; zwei verflochtene Dornzweige des nächsten Busches ragen in diesen Glanz und schweben wie ein schimmerndes Kränzlein über dem Scheitel des Knaben; kein anderes Zeichen sonst -- nur diese krönenden Dornen sagen: das ist Jesus, welcher leiden wird um seiner Liebe willen. Und diese Liebe redet schon aus dem Blick und Lächeln dieses Kindes, das seltsame Gesellschaft fand. Aus den Dornbüschen, aus Erdlöchern und Sumpftümpeln ist eine Schar von Faunkindern hervorgekrochen, kleine häßliche Bürschlein mit plumpen, unentwickelten Bocksfüßen und schmutzig wie Ferkel, die sich im Schlamm gewälzt. In Schreck oder Neugier starren die einen auf das holde Wunder des göttlichen Knaben, andere greifen nach Steinen und heben sie zum Wurf -- nur einer sitzt von den erregten Brüdern entfernt, sucht eine Dornranke von sich abzulösen, die ihm ihre Stacheln in die Hüfte bohrte, und der Schmerz, der aus seinem verzerrten Gesichte redet, macht ihn gleichgültig gegen alles andere. Diesem Leidenden gilt der gute Blick des Knaben, während er allen anderen, die ihn fürchten oder bedrohen, herzlich die Arme öffnet: »Kommet zu mir, ich will euch lieben!«

Keines von den anderen Bildern, die Ettingen gesehen, hatte so klar wie dieses in ihm die Frage geweckt: »Wie war es möglich, diesen Künstler zu verkennen, über ihn zu lachen?«

Mußte der Wert, der hier aus jeder Leinwand redete, nicht jeden überzeugen? Oder hatte sich der Genius dieses Künstlers erst nach seiner Weltflucht so reich entwickelt, aus der Bitterkeit seines Schicksals heraus, in der stillen Ruhe, die er in diesem Winkel der Berge gefunden, im Schweigen des Waldes? Hatte er in früheren Jahren denen, die ihn verlachten, nichts anderes zu bieten vermocht als die Form ohne den Kern, ohne die Gedankenfülle, die alle Wunderlichkeiten seiner Technik übersehen ließ? Denn bei aller Wirkung, die Ettingen fühlte, mußte er zugestehen, daß diese Bilder für den ersten Blick etwas Befremdendes hatten, etwas kindlich Unbeholfenes, das mit dem dargestellten großen Gedanken sich oft in einem Widerspruch befand, über den man wohl den Kopf schütteln konnte. Es war an allen Bildern etwas Flaches und Unkörperliches, es fehlte die Tiefe in der Luft, jedes Detail war gleichwertig neben das andere gesetzt, als hätt' es der Künstler nicht übers Herz gebracht, das Nebensächliche zum Vorteil des Wichtigeren zu verkleinern und abzutönen. Auch lag ein bläulich grüner Hauch wie zarter Schleier über allen Farben, auch über dem hellsten Licht -- wie über einem Spiegelbild in grünem Wasser -- und das gab den Bildern etwas Naives, Vergilbtes und Altertümliches. ^Wollte^ das der Künstler so? Oder konnte er nicht anders? Hatte er Augen, die anders organisiert waren, als es sonst die Augen der Menschen sind? Oder ^sah^ er richtig -- er verstand und kannte doch die Natur wie keiner -- und ging mit dem Geschauten, bevor es durch seine Seele den Weg auf die Leinwand fand, diene seltsame Wandlung vor sich, bei der alles Häßliche sich verschönte und alles Wirkliche die Form des Niegewesenen und des Erträumten gewann?